Theorien kann man nicht küssen

Skizze einer Anwendung von Theorie auf sich selbst am Beispiel von Konstruktivismus, Luhmannscher Systemtheorie und kritischem Rationalismus

von Carsten Albrecht und Ronny Lindner (Dezember 2004)

1 Hinführung

"Jede wissenschaftliche Theorie muss an der Wirklichkeit nachprüfbar sein. ... Das alleinige Kriterium bildet die Erfahrungswirklichkeit." Demnach sind Theorien unabhängig von demjenigen, der sie aufstellt oder anwendet und verfügen über ein gewisses Maß an Verlässlichkeit und Statik. In der wissenschaftlichen Alltagswelt bedeutet dies, dass ein "Theorie-Wissbegieriger" sich an so genannte "Theorie-Experten" wenden kann, denen ein unverschleierter, direkter und auf Erfahrung basierender Zugang zu einer spezifischen Theorie zugestanden wird. Eine Möglichkeit besteht darin, auf Medien wie zum Beispiel Bücher zurückzugreifen, die wiederum von "Theorie-Experten" erstellt wurden. Die Frage, welche diesem Artikel zu Grunde liegt, ist, inwiefern solch ein Theoriebegriff aufrechterhalten werden kann, wenn Theorien auf sie selbst angewendet werden, also selbstreflexiv sind. Voraussetzung für die Reflexion ist, dass sie dies ermöglichen oder sogar erzwingen.

Nach unserer Beobachtung fehlt der Aspekt der Selbstreflexion häufig selbst den Überlegungen, denen selbstreflexive Theorien zu Grunde liegen. Während unseres Studiums und unserer Praktika stellten wir fest, dass zum Beispiel systemisch-konstruktivistisch inspirierte (Unternehmens-)Berater, Dozenten und Therapeuten den Aspekt der Kontingenz jener Konzepte, die ihrer praktischen Arbeit zugrunde lagen, oftmals vernachlässigten. Je mehr die Konzepte an der "professionellen" Praxis orientiert waren, desto weniger schienen sie diese Perspektive mit einzubeziehen. Obwohl aus unserer Sicht die beiden Theoriekonzepte Konstruktivismus und Systemtheorie die Kontingenz der eigenen Aussagen bzw. Sätze geradezu anmahnen, konnten wir die für uns selbstverständliche Selbstreflexivität selten beobachten. Während der Suche nach Gründen für unsere Beobachtung bekamen wir unter anderem zwei Antworten. Ein Unternehmensberater äußerte, bei manchen Aufträgen sei es angebracht, den Abstraktionsgrad des Beratungskonzeptes an die Bedürfnisse des Kunden anzupassen und deshalb die Theorie auf einige wenige nachvollziehbare Aussagen zu reduzieren. Eine Therapeutin sprach davon, dass eine Beibehaltung der Komplexität, die in der Theorie anzufinden ist, zu aufwendig und damit ineffizient wäre.

Im Folgenden wird untersucht, welche Konsequenzen die Anwendung von Theorien, die dies fordern, und solchen, die dies ermöglichen, auf sie selbst hat. Dazu wurden mit der Systemtheorie und dem Konstruktivismus zwei Konzepte ausgewählt, die derartige Reflektionen geradezu erzwingen, und mit dem kritischen Rationalismus ein Konzept, welches dies ermöglicht, aber selbst nicht vorschreibt. Im Zuge dieses Prozesses stellten wir fest, dass die theoretische Selbstanwendung grundsätzlich mit Einschränkungen für die Theorie verbunden ist, aber auch Raum für neue Möglichkeiten eröffnet. Trotz der Begrenzung scheint sich die Idee der umfassenden Reflexion von Theorien mit Hilfe anderer Theorien oder ihr selbst nicht nur im wissenschaftstheoretischen Sektor, sondern im gesamten wissenschaftlichen Diskurs allmählich durchzusetzen. In dieser Hinsicht scheint es derzeit keine "heilige Kuh" (Theorie) zu geben, die nicht geschlachtet werden darf. Dies gilt auch und insbesondere für die "Kühe", mit deren Hilfe andere geschlachtet werden. Die folgenden Überlegungen verstehen sich insofern als beispielhaft skizziertes Gedankenspiel, welches zum (vielleicht auch gründlicheren) Weiterspielen anregen soll.

2 Konstruktivismus

Der Konstruktivismus ist grundsätzlich eine Erkenntnistheorie, die versucht zu beschreiben, wie Beobachtungen möglich werden und dabei auch deren Grenzen aufzeigt. Demnach ist es dem Beobachter unmöglich, zu objektiv richtiger Erkenntnis zu gelangen, da das Nervensystem operationell geschlossen ist. Kognition ist demnach nur im Rahmen des Anschlusses von selbstreferentiellen Operationen an selbstreferentielle Operationen denkbar. Die Umwelt wird somit zu einer Konstruktion und dem Beobachter der direkte Zugang zur ihr verwehrt. Entsprechend kann der Konstruktivismus selbst nur eine Konstruktion des Beobachters sein. Wie jeder Beobachter seine exklusive Realität konstruiert, so konstruiert er ebenfalls seinen eigenen Konstruktivismus. Damit sind so viele Versionen von dem Konstruktivismus, also "Konstruktivismen", vorstellbar, wie Beobachter vorstellbar sind. Keine dieser Konstruktionen kann den Anspruch erheben, einen besseren, richtigeren oder wahrheitsgemäßeren Konstruktivismus zu präsentieren als die anderen.

Die grundlegende Leistung des Konstruktivismus besteht im "Brückenschlag" zwischen den Beobachtungen erster und zweiter Ordnung. Mit dem Hinweis der Unmöglichkeit objektiver Erkenntnis auf der Ebene erster Ordnung lässt er auf der zweiten Ebene erahnen, dass sie selbst wiederum eine Ebene erster Ordnung darstellt, auf der die gleiche Unmöglichkeit vorherrscht. Der Konstruktivismus entfaltet in der Selbstreflexion die Paradoxie, sich einerseits als realistisch voraussetzen zu müssen, dies aber andererseits nicht zu können. Wohin führt die Entschleierung, die gleichzeitig zu verschleiern scheint? Eine Möglichkeit ist die Schlussfolgerung der Kontingenz der Kontingenz. Dies bedeutet, dass der Konstruktivismus zu einer Erkenntnistheorie unter vielen wird, dessen Wahrheitsanspruch nicht höher sein kann als der anderer. Der in der professionellen Praxis oft erhobene Anspruch, mit dem Konstruktivismus die Realität angemessener beschreiben zu können und dadurch zu besseren Beratungs- oder Therapiekonzepten zu gelangen, ist auf dieser Ebene nicht haltbar. Im nächsten "Brückenschlag" (welcher sich wieder aufdrängt) wird gegenwärtig, dass auch diese Schlussfolgerung kontingent ist usw. Einziger fester Bezugspunkt in diesem chaotischen Sammelsurium der Möglichkeiten scheint der alleingelassene Beobachter zu sein.

Die sich hier möglicherweise anbietende Konsequenz dieser Spirale, die bis in das Unendliche gedacht werden kann, muss keine ohnmächtige Haltlosigkeit bedeuten. Im Umgang mit dieser Situation kann zum Beispiel auf Heinz von Foersters Vorschlag zurückgegriffen werden, die sich auftuende Unsicherheit als Möglichkeit zu selbstbestimmtem und eigenverantwortlichem Handeln des Beobachters zu begreifen. Für den Umgang mit dem Konstruktivismus bedeutet dies, dass die Verantwortung für wissenschaftliche Aussagen nicht in der Theorie verankert werden kann, sondern dem Beobachter obliegt. Er konstruiert Theorie und die daraus resultierenden Konsequenzen. Der Konstruktivismus selbst wird hingegen zum Artefakt der Beobachtung, das einerseits vorausgesetzt werden muss, andererseits aber dem Beobachter nicht direkt zugänglich ist. Die Passgenauigkeit (Viabilität) der theoretischen Konstruktionen eines Beobachters bleibt als einzige Möglichkeit der Bezugnahme auf die Realität. Im Falle der Viabilität der Konstruktionen werden sie bestätigt. Im Falle der "Nicht-Viabilität" scheitern die Konstruktionen an der Realität, es können jedoch Aussagen über sie getroffen und Veränderungen vorgenommen werden. So können zum Beispiel auch konstruktivistische Beratungs-/Therapiekonzepte scheitern und sollten gegebenenfalls abgewandelt werden. Der Konstruktivismus bietet keine Garantie für richtiges Beraten, die Möglichkeit des Scheiterns ist von Beginn an enthalten und muss einkalkuliert werden.

Ein Gruppenmitglied erzählte eine Fallgeschichte, alle anderen richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Erzählung, achteten auf die bei ihnen aufsteigenden Assoziationen, Emotionen und Identifikationen. Meist handelte es sich um Fälle, in denen die FallreferentIn auf Grund einer affektgeladenen Beziehungsdynamik nicht zu klaren Hypothesen für ihre berufliche Arbeit gelangen konnte. Häufig hatte sich ihre eigene Lebenssituation, ihr Lebensstil oder ihre Biographie mit dem Fall und den Personen in diesem Fall verwickelt. Nach der Erzählung, die manchmal vom Balintgruppenleiter unterbrochen wurde, äußerten alle Gruppenmitglieder (außer dem Balintgruppenleiter) reihum, so weit sie es wollten, ihre Assoziationen (Bilder, Stimmungen, Anmutungen, inneren Dialoge und Gefühle) und Identifikationen, während die FallreferentIn sich die Äußerungen schweigend anhörte.

Um mit der daraus resultierenden Unsicherheit umzugehen, kann den konstruktivistisch orientierten Praktikern und Theoretikern Heinz von Foersters ethischer Imperativ empfohlen werden: "Heinz, handle stets so, dass die Anzahl deiner Möglichkeiten wächst." Dieser Vorschlag verdeutlicht, dass bei dem Umgang mit konstruktivistischen Konzepten der Beobachter mit in die Betrachtung einbezogen werden muss und dabei den einzigen Bezugspunkt darstellt. Weiterhin verweist das Zitat auf einen möglichen Umgang mit der Unsicherheit, in dem deren Nützlichkeit herausgestellt wird, denn sie bietet weitere Perspektiven der Betrachtung und möglicherweise Erfolg versprechende Handlungsoptionen.

3 Systemtheorie Luhmanns

Im Gegensatz zum Konstruktivismus ist die Systemtheorie in erster Linie eine Gesellschaftstheorie. Ihre Fähigkeit und auch ihr Zwang zur Selbstanwendung ergibt sich aus dem Universalitätsanspruch, den Niklas Luhmann mit ihr erhebt: "Theorien mit Universalitätsanspruch sind [...] selbstreferentielle Theorien. Sie lernen an ihren Gegenständen immer auch etwas über sich selbst. Sie nötigen sich daher wie von selbst, sich selbst einen eingeschränkten Sinn zu geben – etwa Theorie [...] als eine Art von System [...] zu begreifen." Der Anspruch der Systemtheorie, die soziale Welt und als Teil dieser auch sich selbst zu beschreiben, macht es möglich, sie u. a. als System, als Programm, soziale Praxis oder auch als Beobachtung zu verstehen.

Im Sinne der konsequenten Selbstanwendung besteht demnach die Möglichkeit, die Systemtheorie als eines ihrer zentralen Elemente, zum Beispiel als Unterscheidung, Beobachtung oder System zu begreifen und sie als ein solches Element deskriptiv in der Welt zu verankern. Um eine dieser Möglichkeiten kurz aber konsequent durchzuspielen, entscheiden wir uns an dieser Stelle, die Systemtheorie durch die Differenz System/Unwelt zu betrachten und nach viel versprechenden Anschlussmöglichkeiten Ausschau zu halten. Unter System wollen wir einen durch einen Beobachter beobachteten Zusammenhang verstehen, der sich durch operationale Spezifik von seiner Umwelt unterscheidet. Durch die Unterscheidung zwischen System und Umwelt gelingt es dem Beobachter, der selbst für andere Beobachter (inklusive sich selbst) nicht anderes als ein System sein kann, seine Beobachtungen zu ordnen. Ein derart angelegter Systembegriff ermöglicht es, die europäische Subjektphilosophie Hegels nicht nur auf psychische, kommunikative und biologische Systeme zu erweitern, sondern darüber hinaus werden weitere Systemarten, zum Beispiel Ereignisse und Theorien, denkbar.

Für eine als System aufgefasste Theorie müssen demnach die entsprechenden systemtypischen Eigenschaften angenommen werden. Sie ist dann operativ geschlossen, ihr Eigenverhalten ist nicht vorhersehbar und sie ist in einem gewissen Sinne unzuverlässig. Dirk Baecker hat bereits erwähnt, dass sich daraus eine Form der Selbstbeschreibung einer Theorie ergibt, der in der gängigen wissenschaftlichen Praxis nicht ohne weiteres zu entsprechen ist, weil sie im Widerspruch zu Attributen steht, die Theorien sonst zugeschrieben werden (müssen?): Zuverlässigkeit, Zugänglichkeit und Trivialität. Dieser Widerspruch sollte Wissenschaftler allerdings nicht abhalten und auf die paradoxie-erfahrenen Systemtheoretiker eher noch ermutigend wirken.

Wenn Systeme Systeme beobachten, die Systeme beobachten ..., dann kann das System Systemtheorie nur von einem Beobachter erschaffen werden und kann auf dieselbe Weise Systeme erschaffen. Dies lässt bereits auf Kontingenz in zweierlei Hinsicht schließen: Zum ersten ist das System Systemtheorie das kontingente Ergebnis einer Beobachtung eines Beobachters. Zum zweiten erschafft es durch kontingente Beobachtung andere Systeme. Als autopoietisch organisiertes System ist die Systemtheorie operationell geschlossen. Die diese Geschlossenheit spezifizierenden Elemente erzeugen sich auf Grundlage dieser Selbsterzeugung fortlaufend selbst. Die Spezifik dieser Elemente ist ähnlich tautologisch zu fassen wie die kommunikations- und bewusstseinssystemischer Elemente: Nur Kommunikation kommuniziert, nur Bewusstsein denkt und nur Theorie "theoretisiert". Geschlossenheit der Systemtheorie bedeutet die Unzugänglichkeit für Beobachtung durch andere Systeme. Insofern kann sie, im Sinne von Heinz von Foerster als nichttriviale Maschine bezeichnet werden. Die Theorie liefert auf einen konstanten Input keinen verlässlichen, vorhersagbaren Output. Der Grund liegt in einem zwischen In- und Output geschalteten Eigenzustand, der von außen nicht beobachtet und somit nur als kontingente Variable mit einbezogen werden kann. Da nun sowohl für die Systemtheorie als auch für ihren Beobachter von Selbstreferenz und demzufolge von wechselseitiger Unzugänglichkeit ausgegangen werden muss, lässt sich in ihrem Verhältnis von doppelter Kontingenz sprechen. Die Systemtheorie kann somit nur erfasst werden, wenn Selbstreferenz akzeptiert und mobilisiert wird. Alles, was ein Beobachter über sie in Erfahrung bringen kann, ist das Ergebnis wechselseitiger Verstörung und deren selbstreferentielle Deutungen.

Das Problem der Unzugänglichkeit wird dadurch verschärft, dass sich sowohl Systemtheorie als auch Beobachter (weil beide Systeme darstellen) mit jeder Operation als Differentes reproduzieren. Der Grund liegt zunächst darin, dass jede neue Operation an eine vorhandene, die das Ergebnis aller ihr vorangegangenen Operationen ist, anschließt und somit Teil des autopoietischen Operierens (und damit zu dem, was das System definiert) wird. Selbst wenn eine vermeintliche Wiederholung stattfindet, sind die vorangegangen Operationen niemals dieselben. Eine Beobachtung führt dazu, dass der Beobachter sich selbst verändert und so nie zwei Beobachtungen unter gleichen Bedingungen ausführen kann. Und sie führt auch dazu, dass die beobachtete Systemtheorie sich ebenfalls verändert und so nie mehr vom Beobachter als dieselbe beobachtet werden kann.

Eine entscheidende Frage, die sich aus der Anwendung der Systemtheorie auf sie selbst ergibt, ist die ihrer Zugänglichkeit und des daraus resultierenden Umganges mit ihr. Dadurch, dass Beobachter und Systemtheorie nur im Verhältnis struktureller Kopplung denkbar sind, ergibt sich eine Beziehung zweier selbstreferentieller Einheiten, in die alle wechselseitigen Verstörungen eingehen. Diese Beziehung wird zur Grundvoraussetzung für den Umgang des Beobachters mit der Systemtheorie. Das Bild, welches der Beobachter von ihr haben kann, ist von drei Variablen abhängig: Erstens haben die Operationen des Systems Systemtheorie dadurch Einfluss auf dieses Bild, dass sie den Beobachter verstören können. Zum Zweiten ist die historische Beziehung, in welche alle wechselseitigen Verstörungen eingehen, ein mit einzubeziehender Faktor. Schließlich obliegt dem System Beobachter die Verantwortung für den Umgang mit den Verstörungen des Systems Systemtheorie sowie für den Umgang mit der Beziehung der beiden. Die Systemtheorie ist somit für Theoretiker und Praktiker in gewisser Weise erreichbar. Die skizzierten Folgen, die sich aus der Bedingung der wechselseitigen Unzugänglichkeit ergeben, müssen dabei berücksichtigt und in Betrachtung miteinbezogen werden.

4 Kritischer Rationalismus

Im Gegensatz zu dem konstruktivistischen und dem systemtheoretischen Konzept schreibt der kritische Rationalismus Karl Poppers die Selbstanwendung nicht dezidiert vor. Wie wir im Folgenden zeigen, bietet er aber diese Reflexionsmöglichkeit. Als eine Form der Wissenschaftslehre ist der kritische Rationalismus "in einem ganz präzisen Sinn des Wortes eine Metawissenschaft, d.h. ihr Gegenstand ist nicht der Objektbereich der Einzelwissenschaften, auf die sie sich bezieht; sie macht sich vielmehr diesen Wissenschaften selbst zum Gegenstand [...]." Er ist also eine Theorie über wissenschaftliche Theorien und damit in einem tautologischen Sinne selbst eine Theorie. Daraus können wir die Möglichkeit ableiten, dass der kritische Rationalismus sich zu seinem eigenen Gegenstand macht. Grundmethode der Theorie ist die deduktive Ableitung.

Der kritische Rationalismus setzt als Anfangspunkt eine Theorie voraus, deren Entstehen nicht in die Betrachtung einbezogen wird. Aus dieser leitet ein Wissenschaftler auf deduktivem Wege Hypothesen ab. Die Basissätze sind aus den Hypothesen abgeleitete "Es-Gibt-Sätze". "Basissätze sind also [...] Sätze, die behaupten, dass sich in einem individuellen Raum-Zeit-Gebiet ein beobachtbarer Vorgang abspielt." Sie sind singuläre Sätze, die als Ausgangspunkt für den Vergleich mit Erfahrungswirklichkeit dienen. Dieser entscheidende Schritt wird im Modell des kritischen Rationalismus Falsifikation genannt. Seine Relevanz liegt in der Ermöglichung eines veränderbaren Theoriebegriffes. Die Methoden der Falsifikation sind nach Auffassung Karl Poppers Beobachtung und Experiment. Mit deren Hilfe wird über die Erfahrungswirklichkeit auf die jeweilige Theorie rückgeschlossen.

Die Selbstanwendung des kritischen Rationalismus ist nur denkbar, indem er als Theorie vorausgesetzt wird und sich im deduktiven Schluss der Falsifikationsmöglichkeit stellt. Die Grundannahmen der Theorie werden deduktiv zu Hypothesen umgewandelt. Der folgende Schritt ist die Erarbeitung von daraus resultierenden Basissätzen, welche der Falsifikation zugeführt werden können. Als Basissätze können zum Beispiel formuliert werden:

Um diese Basissätze zu falsifizieren, müssen sie mit der Erfahrungswirklichkeit abgeglichen werden. Dadurch, dass sich die Selbstanwendung des kritischen Rationalismus auf einer theoretischen Meta-Ebene vollziehen muss (um die Theorie reflektieren zu können), muss auch die Erfahrungswirklichkeit auf eine entsprechende Ebene befördert werden. Da Wissenschaft Erfahrungswirklichkeit reflektiert, bietet sie selbst sich als "Meta-Erfahrungswirklichkeit" an, insofern müssen wir den kritischen Rationalismus an der Erfahrungswirklichkeit der Wissenschaft falsifizieren. Zu diesem Zweck soll hier exemplarisch einer der oben angeführten Basissätze der Falsifikation unterworfen werden.

Im Abgleich mit den anderen Konzepten aus der wissenschaftlichen Erfahrungswelt können wir feststellen, dass durchaus weitere Methoden zur Falsifikation zu finden sind. Exemplarisch sei hier die Hermeneutik erwähnt, die sich ursprünglich mit dem Verstehen von Zeichen beschäftigte. Dabei versucht sie unter anderem, Widersprüchen zu erkennen und zu lösen. Weiterhin wäre an heuristische Konzepte zu denken, welche den methodischen Schluss von einem Phänomen auf einen Satz zulassen oder auch an dialektische, die Falsifikation durch Bildung der Synthese aus These und Antithese erlauben. Poppers Methoden des Experimentes und der Beobachtung stellen sehr wohl Möglichkeiten der Falsifikation dar, die wissenschaftliche Erfahrungswelt bietet hierzu jedoch weitere Methoden an. Der vom kritischen Rationalismus geforderte Rückschluss auf die Theorie selbst führt in diesem Falle zu einer Veränderung dieser. Die Selbstanwendung bewirkt eine Ausweitung der methodischen Möglichkeiten zur Falsifikation.

Auch denkbar, aber hier nicht ausführlich darstellbar, wäre eine Überprüfung der übrigen, von uns aufgestellten Basissätze nach wissenschaftstheoretischen Prämissen, die dazu führen konnte, dass auch diese Basissätze verworfen werden und die Theorie gegebenenfalls variiert werden muss. Der kritische Rationalismus beschreibt den Erkenntnisfortschritt durch Theorien über die prinzipielle Möglichkeit der Falsifikation. Der Erkenntnisfortschritt durch den kritischen Rationalismus muss sich demnach ebenfalls an der Möglichkeit der Falsifikation seiner selbst messen lassen. Auch in dieser positivistischen Wissenschaftstheorie lässt sich Veränderbarkeit ausmachen. Darüber hinaus erzwingt sie selbst eine aktive Rolle des an Erkenntnisfortschritt interessierten Wissenschaftlers.

5 Ergebnisse

Die skizzierte Selbstanwendung in den drei vorliegenden Fällen lässt uns einen dynamischen Theoriebegriff resümieren. Theorien sind somit veränderbar, sowohl im Hinblick auf Zeit als auch beobachterabhängige Betrachtungs- und Anwendungsmöglichkeiten. Es wird unsicher, dass sie zu verschiedenen Zeitpunkten ihrer Betrachtung dieselben sind. Diese Eigenschaft macht sie adaptionsfähig hinsichtlich der Veränderungen der gesellschaftlichen und gegenstandsbezogenen Umwelt. Das bedeutet zum Beispiel, dass sie die Möglichkeit bieten, auf dem aktuellen juristischen, politischen, naturwissenschaftlichen und ökonomischen Stand der Dinge zu bleiben oder diesen zu repräsentieren. Die Ermöglichung der Selbstanwendung einer Theorie ist für uns daher eine im höchsten Maße funktionelle Eigenschaft. Sie löst das Problem der theoretischen Statik, welche Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen, Sichtweisen und Einflüssen ausschließen würde. Dies verdeutlicht, dass Theorien mit der genannten Eigenschaft aus unserer Sicht evolutionär begünstigt sind, weil sie der Selektion der Umwelt aufgrund ihrer Variabilität weniger stark ausgeliefert sind. Anwender haben die Möglichkeit, die Theorie zu verändern anstatt sie zu verwerfen.

Für den Anwender einer Theorie birgt die Eigenschaft der Selbstanwendung das Problem fehlender Verlässlichkeit. Eine dynamische Auffassung von Theorie geht möglicherweise mit einem Gefühl von Unkontrollierbarkeit und Unfassbarkeit einher. Theorie erscheint nichttrivial und sie kann nicht mehr als alleinige Referenz verwendet werden. Im Falle der bereits vorgenommenen oder aktuell betriebenen theoretischen Selbstanwendung muss der Anwender auch auf sich selbst Bezug nehmen. Er ist nicht mehr getrennt von der Theorie zu denken, was bedeutet, dass er zumindest einen Teil der Verantwortung für die im Hinblick auf seine Profession (z.B. Beratung, Therapie, Erziehung) gezogenen Konsequenzen übernehmen muss.

Für die professionelle und disziplinäre Praxis bedeutet die Nutzung selbstanwendungsfähiger Theorien eine Expansion der Möglichkeiten. Eigene, auf solchen Theorien beruhende praxisorientierte Beratungs- oder Therapiekonzepte sind der Kontingenz unterworfen. Wird die Möglichkeit der Selbstanwendung ergriffen, führt dies jedoch nicht nur zu Kontingenz sondern eröffnet auch Möglichkeiten des Umganges mit ihr. Mit dieser Theorie steht dem Anwender ein Werkzeug zur Verfügung, welches flexibel und anpassungsfähig ist und daher ein breiteres Anwendungsspektrum beinhaltet als andere Theorien. Er hat sowohl die Möglichkeit, das Scheitern seiner Konzepte mit einzukalkulieren, als auch, im Falle eines drohenden Scheiterns, Modifizierungen vorzunehmen.

Die hier betriebene Selbstanwendung von Theorien auf sie selbst hat gezeigt, dass durch sie Erkenntnisgewinne produziert werden können, die durchaus beides, Theorie- und Praxisrelevanz, besitzen. Es ist abschließend zu vermuten, dass dieses Vorgehen auch bei anderen (möglicherweise längst verworfenen) Theorien möglich wäre und wertvolle Erkenntnisse produzieren könnte.


Veröffentlichungsdatum: 12. Dezember 2004


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