Zillis

René Bachofen (Dezember 2002)

In dem kleinen Dorf Zillis (Kanton Graubünden, Schweiz) befindet sich seit mehr als 800 Jahren eine ganz besondere Kostbarkeit: Die bemalte Holzdecke im Schiff der Kirche.

die Kirche in ZillisSie besteht aus 153 quadratischen Holztafeln von ca. 90 cm Seitenlänge. Diese Tafeln sind in ein Gerüst von Längs- und Querbalken gelegt. Die Balken sind mit Ornamenten verziert; die Tafeln bemalt. Diese so vollständig bemalte Holzdecke stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts und ist heute ein einmaliges Kunstwerk.

Zillis liegt an der Autobahnroute, die von Chur durch den San Bernardino nach Bellinzona führt. Dieser Übergang über die Alpen sowie der bei Splügen abzweigende Pass nach Chiavenna gehörten mindestens schon in römischer Zeit zu den bedeutendsten Verbindungen zwischen Norden und Süden, auch wenn der Weg ausserordentlich beschwerlich und gefährlich war. Er führte durch zwei tiefe Schluchten: die Via Mala und die Rofla. Zwischen diesen beiden Schluchten befindet sich das Schams mit Zillis. Diese Lage erklärt, weshalb Zillis als Rastplatz von grosser Bedeutung war.

Innenansicht der Kirche von ZillisDie heutige Kirche mit der bemalten Holzdecke wurde im 12. Jahrhundert errichtet. Vorgängerbauten, die sich archäologisch nachweisen lassen - eine Dreiapsidenkirche aus dem 8. Jahrhundert, eine Anlage aus dem 5. Jahrhundert mit Innenapsis und Baptisterium, die wiederum auf einer römischen Grundschicht stand -, zeugen davon, dass der Ort seit römischer Zeit christianisiert war.

940 war die Kirche in den Besitz des Bischofs von Chur gekommen. So ist anzunehmen, dass das Bildprogramm der Decke massgeblich vom Bischof und seinen theologischen Anschauungen geprägt wurde. Die Churer Bischöfe des 12. Jahrhunderts - Konrad von Biberegg (1122 - 1146) und Adalgott (1150 - 1160) - gehörten zu der damaligen kirchlichen Reformbewegung, und es hat sich gezeigt (H. Blanke, Zillis, Evangelium in Bildern, 1994), dass die Theologie Bernhards von Clairveaux (1090 - 1153) die Aussage der Bilderdecke bestimmt.

Gesamtansicht der DeckeTrotz der Umbauten der Kirche (Neubau des Chors, Vergrösserung der Fenster) blieb die Decke an ihrem ursprünglichen Ort erhalten. Auch in der Reformation wurde sie nicht entfernt. Allerdings wurde sie auch kaum beachtet: Vermutlich bei verschiedenen Ausbesserungen des Daches gerieten die Tafeln durcheinander, beschädigte Tafeln wurden durch neue mit Blumenmotiven ersetzt. Erst 1940 wurde die Decke durch den Kunsthistoriker E. Poeschel umfassend restauriert. Die Tafeln wurden neu geordnet und in einer Monographie beschrieben. Seither ist das Interesse an diesem Kunstwerk und den Fragen, die es aufwirft, stetig gestiegen.

Viele Geschichten - ein Gesamtbild

Die Decke besteht aus 153 einzelnen Bildtafeln, die sich in zwei Hauptgruppen einteilen lassen: Die Bilder am Rand der Decke sind jeweils so gedreht, dass ihre Unterseite gegen die Wand weist. Wellenlinien zeigen Meer an. Die ganze Decke ist also von einem Meer umgeben. Wie die Randtafeln zeigen, ist dies ein unheimlicher, lebensbedrohender, gefährlicher Ort: Es finden sich dort Ungeheuer abgebildet, halb Fisch, halb Landtier, lockende Sirenen, schliesslich Menschen auf Schiffen, die sich mutig auf dieses Meer hinauswagen.

Anders dagegen die inneren Bilder: Sie stellen der Leserichtung folgend den Lebensweg Jesu in chronologischer Reihenfolge dar. Meist eine Tafel, manchmal zwei, drei oder gar vier gemeinsam erzählen eine Episode aus der biblischen Überlieferung.

Die Erzählung der inneren Bilder beginnt mit der Darstellung von drei alttestamentlichen Königen, den Vorfahren Jesu, und führt über die Vorgeschichten der Geburt (Verkündigung an Maria, Traum Josefs, Verkündigung an die Hirten) zur Geburt Jesu. Darauf folgen zunächst ausführlich die Geschichte der drei Könige, dann die Flucht nach Ägypten, der Kindermord in Bethlehem und weitere Kindheitsgeschichten Jesu. In der Mitte der Decke steht dann nach der Taufe die Darstellung der Versuchungsgeschichte. Die folgenden Bilder zeigen Episoden aus dem Wirken Jesu. Schliesslich fügt sich die Passionsgeschichte mit der Dornenkrönung als Höhepunkt an.

Die letzte Reihe der Tafeln erzählt einige Legenden aus dem Leben des heiligen Martin, eines Nachfolgers Jesu. Ihm war diese Kirche geweiht.

Ein Bild der Welt

Die Decke als ganzes ist deshalb auch als Gesamtbild zu verstehen. Die inneren Tafeln – sozusagen der Bereich des alltäglichen Lebens in der Welt, repräsentiert durch die Geschichte Jesu -, sind von einem bedrohlichen Meer umgeben. Die Decke gestaltet in ihrer Weise ein Bild der Welt. Dabei hat sie durchaus Ähnlichkeiten mit zeitgenössischen Weltkarten (Ein innerer Bereich stellt die bewohnte Erde dar. Sie ist von einem mit Ungeheuern bevölkerten Meer umgeben: So zeigt es zum Beispiel die 'Ebstorfer Weltkarte'). Allerdings ist in Zillis keinerlei geographisches Interesse erkennbar. Es geht anders als bei der Ebstorfer Weltkarte nicht um eine Darstellung verschiedener Orte, Städte, Landschaften in ihrem Verhältnis zueinander. Die Zilliser Kirchendecke geht vielmehr der Frage nach: Wie kann man das Leben in dieser Welt sehen, an dem man selber teilhat? Sie entwirft ein Bild der Welt, ein Bild des Lebens, in das sie den Betrachter selber einbezieht.

Auf der Tafel, die exakt das Zentrum der Decke ausmacht, zeigt sich diese Absicht. In der Länge besteht die Decke aus 17, in der Breite aus 9 Tafelreihen. Aus der Konstruktion mit diesen ungeraden Zahlen ergibt sich eine Tafel, die genau in der Mitte steht. Auf dieser mittleren Tafel ist noch einmal ein Bild der Welt gemalt, sozusagen ein Gegenbild zu jenem, das die Decke als ganze darstellt.

Die Tafel zeigt die biblische Erzählung von der dritten Versuchung Jesu (Mt 4,1-11). Zwischen die beiden Personen der Erzählung (Jesus und der Versucher) ist wie in einem Comic eine Art Sprechblase eingefügt, die abbildet, was der Versucher Jesus anbietet: "Wiederum nimmt ihn der Teufel mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sagt zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du dich niederwirfst und mich anbetest." (V. 8-9)

Auch das ist ein Bild der Welt und des Lebens in ihr. Die Welt besteht aus "allen Reichen und ihrer Herrlichkeit", und das Leben erfüllt sich in der Absicht, sie um jeden Preis in Besitz zu nehmen. Auf dem Bild steht dafür eine runde, schwarze Scheibe, auf die in weissen Strichen Türme, Gebäude, Münzen, Kelche eingezeichnet sind.

In der abwehrenden Gebärde Jesu auf dem Bild spiegelt sich seine Ablehnung dieses Angebots. Er weist die Versuchung, die Welt und das Leben so zu sehen von sich. Ganz so möchte es auch der Maler der Decke tun, und deshalb entwirft er ein anderes Bild der Welt und des Lebens.

Er stellt sich mit seiner Darstellung in die Nachfolge Jesu. Darauf weist – einmal abgesehen vom Inhalt der Bilder – die Gestaltung der Decke als ganze hin. Es scheint zwar zunächst so, als ob sich das Bild der Welt, das die Decke bietet, in viele einzelne Episoden, Geschichten auflöste, die nur dadurch zusammengehalten würden, dass sie in dem Raum stattfinden, der aus dem gefahrvollen Meer, das alles umgibt, ausgespart ist. Blickt man allerdings genau hin, sieht man, dass die beiden mittleren Reihen von Bildtafeln längs und quer mit doppelten Ornamentsleisten hervorgehoben sind: Über die ganze Decke legt sich kaum sichtbar das Kreuz. Auch wenn man es nicht unmittelbar wahrnimmt, auch wenn es kaum ins Auge fällt, ist die Welt, ist das Leben in dem Bild, das die Decke entwirft, von diesem Zeichen des Kreuzes geprägt.

Einige Grundzüge dieses Weltbildes

Zeit
An den vier Ecken der Decke befindet sich je ein Bild mit einem Engel. Die Decke ist von allen Seiten wie unter ihrem Blick. Es sind die vier Windengel, von denen in Off 7,1 die Rede ist. Leider sind nur noch zwei dieser Ecktafeln original erhalten.

Es sind mächtige Engel. Sie nehmen jeweils die ganze Tafel ein. Die Flügel sind ausgebreitet. Wind bauscht den Mantel und das Gewand. In den Händen halten sie zwei Posaunen. Sieht man genau hin, erkennt man, dass die Engel zwar die eine der beiden Posaunen zum Blasen ansetzen, sie aber dennoch nicht ganz an den Mund halten. Jetzt ertönt noch kein Ton. In der einen Ecke der Tafel ist jeweils der Name des Engels angegeben: "Aquilo", das heisst "Nordwind", und "Auster", das heisst "Südwind".

In jeder Ecke der Decke steht also ein solcher Engel, der die Posaunen bereit hält, aber gerade noch nicht bläst. Von diesen Engeln wird in der Offenbarung erzählt, dass ihnen Macht gegeben sei, mit ihrem Posaunenschall jene gewaltigen Winde loszulassen, die Erde und Meer zum Untergehen bringen würden. Ein weiterer Engel aber sei gekommen und habe ihnen befohlen einzuhalten. Eine letzte Frist sollte bleiben, in der die "Knechte Gottes" gesammelt würden. So sieht die Decke die Welt in dieser letzten Frist bestehen. Sie ist vorläufig.

Leben in dieser Welt – so sagt die Decke – geht auf ein Ende hin. Es verwirklicht sich in der Zeit, die unwiederbringlich vorwärts geht und damit jeden Schritt einmalig macht.

Entscheidung
Gerade deshalb fordert das Leben von den Menschen immer wieder neu zu unterscheiden, zu entscheiden. Ganz ausdrücklich wird das auf der zentralen Tafel sichtbar, von der schon die Rede war, bei der Darstellung der Erzählung von der dritten Versuchung Jesu.

Man sieht auf der Tafel den Teufel im Gespräch mit Jesus. Jesus ist wie auf den andern Tafeln der Zilliser Decke dargestellt: Er trägt einen Mantel über einem Untergewand und Sandalen an den Füssen. Um seinen Kopf ist ein Heiligenschein gelegt, in den ein Kreuz eingezeichnet ist. In der linken Hand hält er eine Buchrolle, die Thora, als Ausdruck des Willens Gottes. Er hat lange Haare und einen Bart. Links ihm gegenüber ist der Teufel zu sehen. Ein Schwanz und Behaarung wie bei einem Fell, Hörner und Klauen machen ihn zu einem halb tierischen Wesen. Die Flügel und die schwarze Farbe erinnern daran, dass er ein gefallener Engel ist. Das Gesicht des Teufels ist ganz im Profil gezeichnet. Den Mund hat er geöffnet. Offenbar ist er dabei, auf Jesus einzureden. Mit der rechten Hand weist er auf die runde Scheibe, die sein Angebot im Sinne einer Sprechblase bildlich umsetzt. Davon war oben die Rede. Mit der linken Hand weist er auf Jesus - oder weist er auf den Berg? Jesus hält den Mund geschlossen, die rechte Hand abwehrend erhoben. Hinter den beiden ist ein Berg zu sehen, in den ein tiefer Einschnitt eingezeichnet ist.


Es gelingt dem Maler, den Ernst und die Spannung dieser Situation auszudrücken. Jesus hält die Buchrolle in seiner Hand so fest, dass sich die Finger unter dem Stoff des Mantels abzeichnen.

Nach der Erzählung hatte sich Jesus zu entscheiden, wie er sein Leben verstehen, worauf er es setzen wollte: auf Macht und Besitz mit allen Folgen, die das mit sich bringen würde, oder auf die Hoffnung darauf, dass das Leben von einer Liebe getragen ist, die alles Vorläufige weit übersteigt und deshalb Lebendigkeit und liebende Zuwendung möglich macht. In den Worten der biblischen Geschichte: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen." (V. 10)

Aber diese Frage, diese Herausforderung zur Unterscheidung und zur Entscheidung stellt sich immer wieder neu. Sie ist nicht einmal –  zum Beispiel mit der Entscheidung Jesu – abgetan. Wäre es anders, wäre die Zeit ja schon abgeschlossen.

Die Decke erzählt davon, indem die Gestalt des Versuchers noch einmal auftaucht, nämlich auf dem letzten Bild des Deckeninnern, in jener Zeile, in der vom heiligen Martin erzählt wird. Mit Martin führt das Deckenbild über die Erzählung der Evangelien hinaus. Sie präsentiert mit dieser letzten Zeile exemplarisch einen Menschen, der sein Leben in gleicher Weise wie Jesus verstehen wollte, einen Menschen, der sich in seine Nachfolge stellte.

Die drei letzten Tafeln dieser Zeile gehören zusammen und stellen eine Legende dar, die von Martin erzählt wurde: Einmal, als sich Martin in seiner Zelle aufgehalten habe, sei ein König vor ihm erschienen. "Ich bin Christus, dem du dienst", habe er sich vorgestellt und ihn aufgefordert, ihm zu huldigen. Martin aber habe dies nach einer Weile des Überlegens abgelehnt, worauf sich der Besucher in seine wahre Form verwandelt habe und als Teufel verschwunden sei.

So steht Martin auf der ersten Tafel, die zu der Szene gehört, aufrecht in seiner Zelle. Mit der Hand weist er hinüber zu jenem König, der ihm erscheint.

Die zweite Tafel zeigt diesen König. Er hat einen roten Mantel umgelegt und trägt ein Diadem auf dem Kopf. "Martin, erkenne den du anbetest: Ich bin Christus." Und noch einmal: "Warum zweifelst du und glaubst mir nicht, da du mich siehst? Ich bin Christus."

Auf der dritten Tafel erscheint er nun in seiner wahren Gestalt. Es ist der Teufel. Er ist in der selben Weise gezeichnet wie im Bild von der Versuchung Jesu. So musste er erscheinen, als Martin ihn, wie die Legende erzählt, von sich wies: "Mein Herr, Jesus Christus, hat nicht gesagt, dass er in Purpur kommen wolle und mit gleissender Krone; darum glaube ich nicht, dass er es sei, so ich ihn nicht in der Gestalt sehe, in der er litt, und die Wundmale der Kreuzigung an ihm erkenne."

Lebendigkeit
Die Decke beschreibt den eigentlichen Raum des Lebens, indem sie den inneren Teil mit Darstellungen biblischer Geschichten über Jesus und daran anschliessend eben mit Darstellungen von Legenden über einen seiner Nachfolger, Martin von Tour, füllt. Im eigentlichen Sinn ist so Jesus als ein Bild des Lebens dargestellt. Folgt man den Darstellungen, dann wird sichtbar, dass dieses menschliche Leben, gerade wenn es sich entfalten will, immer wieder in Gefahr steht, von Macht und Gewalt erdrückt, ja vernichtet zu werden. Immer wieder droht es, auch von innen her zu erstarren. Die Geschichten, die aus dem Leben Jesu erzählt werden, sind als Geschichten des Widerstandes dagegen und als Geschichten der Befreiung zu sehen. Leben soll aus der Erstarrung gelöst werden, Lebendigkeit soll sich trotz der Gefahr der Zerstörung durchsetzen.

Ein Beispiel dafür ist die apokryphe Erzählung aus dem Thomasevangelium, die die Decke unter den Kindheitsgeschichten einordnet.

Auf dem Bild sehen wir drei Menschen am Boden sitzen. Die etwas gedrungenen Körper weisen darauf hin, dass es Kinder sind. Die vorderen beiden tragen Schuhe und ein Untergewand. Das Gewand des linken Knaben ist rot, das des rechten Knaben ist weiss mit roten Borden. Der hintere Knabe hat einen Heiligenschein mit einem Kreuz, der ihn als Jesus kennzeichnet. Er hält die Hände offen gegen rechts. Ein Vogel scheint daraus hervor zu fliegen. Auch die beiden anderen halten auf der einen Hand einen Vogel. Diese Vögel aber liegen leblos da. Die Knaben weisen mit der anderen Hand auf sie. Ihre Gesichter wenden sie jedoch fragend Jesus und dem davonfliegenden Vogel zu. Hinter dem linken Knaben ist ein Gebäude zu sehen. Es gleicht einem runden Turm, der mit einem Kuppeldach abgeschlossen ist. Dieses Gebäude stellt auf andern Zilliser Bildern den Tempel dar.

In der Erzhlung im Thomasevangelium heisst es, dass Jesus als Kind mit seinen Freunden am Ufer eines Baches gespielt und dabei aus Lehm Vögel geformt habe. Da Sabbat war, wollte Josef, der Vater Jesu, das den Knaben streng verbieten. Wie er aber hinzukam, klatschte Jesus in die Hände und die tönernen Vögel flogen als Spatzen davon. Anders als im Text ist der Vogel auf dem Bild als Taube – Symbol des heiligen Geistes – dargestellt.

Besonders eindrücklich wird dieser Gedanke, dass Leben sich auch über die Zerstörung hinaus als tiefer gegründet erweist, am Ende der Erzählungen über Jesus sichtbar. Der Chronologie nach kommen gegen Ende der Tafeln die Darstellungen der Passionsgeschichte: der Einzug in Jerusalem, das Abendmahl, der Verrat des Judas, das Gebet in Gethsemane und die Verhaftung. Schliesslich folgen die drei letzten Tafeln: die Verurteilung, Verspottung und Dornenkrönung.

Auf der ersten Tafel, erkennt man, wie Jesus vor Pilatus geführt wird: "Bist du der König der Juden?" fragt ihn Pilatus. Jesus weist zwar die Anklage in jenem Sinn, in dem sie gestellt worden ist, zurück: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Gleichwohl bezeichnet er sich als König: "Ja, du sagst es, dass ich ein König bin. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeuge." (Joh 18,33ff)

Pilatus übergibt Jesus den Soldaten, damit sie ihn geisseln. Das Bild zeigt, wie sie ihn schlagen und verspotten. Der Soldat links hält Jesus an den Haaren, während sich jener rechts spottend vor ihm in die Knie wirft: "Heil dir, König der Juden." Jesus selber steht nun in der Mitte und ist ganz von vorne dargestellt. Sein Kopf ist zwar niedriger als der des Soldaten links, mit seinem Heiligenschein aber überragt er alle. Er steht in königlicher Haltung da.

Diese Haltung wird auf dem letzten Bild der Passionsgeschichte in Zillis noch gesteigert. Die Soldaten haben Jesus ein Schilfrohr als Szepter in die Hand gegeben und legen ihm eine Dornenkrone auf den Kopf. Jesus ist grösser als beide. Er hält die linke Hand in segnender Gebärde hoch. Unfreiwillig geraten die erhobenen Hände der Soldaten, die die Dornenkrone halten, ihm zur Huldigung. So präsentiert Pilatus Jesus dem Volk: "Da seht den Menschen!" "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!" schreit das Volk. (Joh 19,5ff)

In diesen Szenen offenbart sich die königliche Hoheit Jesu gerade in seiner Erniedrigung und Ohnmacht. Gerade so erweist er sich als der wahre König der Welt. Das Thema des Königs, das heisst jenes, der die Welt bestimmt, taucht auf den Darstellungen der Decke immer wieder auf, etwa am Anfang bei den Vorfahren Jesu, dann ausführlich bei der Geschichte von den drei Königen. Hier bei der Dornenkrönung findet es seinen Abschluss. Nicht Macht und zerstörerische Gewalt bestimmen letztlich das Leben. Die Kraft der Lebendigkeit erweist sich als grösser.

Der Einbezug des Betrachters

Mit den biblischen Erzählungen, die die Decke darstellt, will sie nicht bloss von einer abgeschlossene Vergangenheit reden. Sie führt die Geschichte weiter, hin zu jenen, die später lebten. So fügt sie jene Reihe von Tafeln an, die Legenden vom heiligen Martin zum Inhalt haben. Aber damit nicht genug. Die Erzählung führt noch weiter.

Wieder kann bei der mittleren Tafel, jener Darstellung der dritten Versuchung Jesu, eine Besonderheit auffallen. Hinter den beiden Personen sieht man nämlich einen Berg mit einer tiefen Schlucht. Die biblische Geschichte erzählt, dass der Teufel Jesus auf einen hohen Berg geführt habe. Insofern wundert die Darstellung nicht. Und doch – vielleicht ist das die älteste Landschaftsdarstellung der Region, in der sich die Kirche befindet: Eine Berglandschaft, die nur durch die tiefe und gefährliche Schlucht – die Via mala – erreichbar ist. Was hier dargestellt ist – das Angebot des Versuchers – fand nicht irgendwann vor grauer Zeit an einem fernen Ort statt, so würde die Darstellung dann sagen. Es trägt sich jetzt und hier zu – und wer das Bild betrachtet, sieht sich genauso wie Jesus vor jene Frage gestellt, von der die Geschichte berichtet.

In nochmals anderer Weise wird an einer Tafel aus dem Randbereich sichtbar, wie der Betrachter in die Darstellung der Decke einbezogen ist: Das Bild zeigt zwei Fischer mit ihrem Netz im Boot. Es ist keine biblische Szene. Wäre sie es, müsste sie sich zum einen im Inneren der Decke befinden, zum andern müssten die beiden Männer einen Heiligenschein tragen, sollten sie als Jünger Jesu gekennzeichnet sein. Die Jünger der biblischen Geschichten sind nämlich sonst jeweils mit einem Heiligenschein dargestellt. Hier handelt es sich offenbar um eine andere Zeit. Man könnte sagen, die beiden Männer spiegelten die Situation jener, die die Decke betrachten.

Das Bild wirkt harmonisch und ruhig. Zwei Männer stehen in einem Boot, das fast halbkreisförmig auf dem Wasser liegt. Aussen an der Seitenwand hängen zwei Ruder ins Wasser. Die Männer halten aber in den Händen nicht die Ruder, sondern die Enden eines Fischernetzes, das schwer und voll in einem runden Bogen über den Bootsrand hängt. Im Netz sind drei Fische. Rechts und links neben dem Netz schwimmen zwei Fische davon.

Der untere Teil des Bildes hat einen blauen Hintergrund, auf den mit weissen Linien Wellen aufgesetzt sind. Ein mittlerer Streifen Hintergrund ist blau, der obere hat die Farbe verloren. Man sieht die Maserierung der Bretter. Ursprünglich war er vermutlich weiss. Die Körper der Männer, die Fische und die Ruder sind mit schwarzen Strichen nachgezogen und gegliedert. Der Bootskörper ist zudem mit einer weissen Linie und weissen Tupfen verziert. Das Netz ist mit weisser Farbe gemalt.

Als Hintergrund und biblischer Bezug für das Bild bietet sich das Gleichnis vom Fischnetz an (Mt 13,47-50). Das Gleichnis hat eine eschatologische Ausrichtung und entspricht damit den vier Windengeln in den Ecken der Decke. Jetzt ist noch nicht das Ende der Welt. Jetzt gilt es mit dem Netz zu sammeln. Der Bezug auf dieses Gleichnis legt sich auch deshalb nahe, weil Bernhard v. Clairveaux, der geistige Vater des Werkes, es mehrmals brauchte, um die Aufgabe der Kirche und der Nachfolger Jesu zu kennzeichnen: Es geht darum, das Netz der Liebe auszuwerfen.

Gleichzeitig legt die Darstellung auch Beziehungen zu andern Bibelstellen nahe: etwa zum Wort von den Menschenfischern (Mk 1,16-20/Mt 4,18-21), zu denen die Jünger werden sollen – Menschen, die andern in der gefährlichen Flut des Meeres beistehen – oder zur Erzählung vom wunderbaren Fischzug des Petrus (Lk 5,4-11 und Joh 21,1-14) - es ist den Jüngern verheissen, das Netz bis an den Rand gefüllt einzuziehen. Allerdings bezieht dieses Bild - dem Gleichnis entsprechend - die Aussage nicht auf die biblischen Jünger Jesu, sondern es fordert die Betrachter auf, sich selber in diesen Zusammenhang zu stellen.

Der "unmarkierte Raum"

Wahrnehmend unterscheidet man und dunkelt zwangsläufig den Hintergrund ab. Wenn man sich ein Bild der Welt, des menschlichen Lebens in ihr zu machen versucht – mehr oder weniger bewusst tut man dies unablässig -, kann damit das Nicht-Unterschiedene nicht sichtbar werden, auch wenn es dennoch dazugehört und wirkt. Es scheint, als ob sich die Darstellung der Welt, die Zillis bietet, dieses Vorgangs bewusst sei.

Man hat sich immer wieder darüber gewundert, warum die Decke mit der Dornenkrönung endet und keine Darstellung der Auferstehung folgt. Bernhard von Clairveaux, auf dessen Theologie sich die Konzeption der Decke wohl bezieht, hat die Ostererfahrung, die Erfahrung der Auferstehung, als eine mystische Erfahrung beschrieben, die sich deshalb nicht in gleicher Weise einbeziehen und darstellen lässt, wie die übrigen Ereignisse aus dem Leben Jesu. Sie steht hinter der Darstellung, sozusagen im "unmarkierten Raum".

Auch wenn es sich nicht darstellen lässt, wenn man ein Bild der Welt bieten will, so lässt sich doch darauf hinweisen. Das geschieht in Zillis in ganz unauffälliger Weise. So kann man das Kreuz verstehen, das durch die doppelten Ornamentsleisten der mittleren Tafelreihen längs und quer entsteht und sich über die ganze Decke – auch den Bereich des Meeres - erstreckt.

Auch im Bild von den beiden Fischern, das ja die Erzählung über die biblische Zeit und über die vergangene Zeit des heiligen Martin hinaus bis heute weiterführt, findet sich ein Hinweis.

Wenn man das Bild genau betrachtet und seinen Aufbau analysiert, ergeben sich erstaunliche Einsichten: Es lassen sich auf dem Bild zunächst einige Hauptlinien nachzeichnen: eine Linie, die jeweils bei der vorderen Schulter der beiden Fischer beginnt und durch ihre vordere Hand führt, eine zweite, die von den Spitzen des Schiffs durch die Mitte des Schiffskörpers führt und den oberen Rand des Netzes berührt, schliesslich eine dritte, die vom unteren Rand des Netzes durch die beiden Fische auf der Seite führt.

Zieht man diese Linien aus, ergeben sich drei konzentrische Kreise.

Aber nicht genug damit: Auf jeden dieser Kreise lässt sich ein weiterer einzeichnen, der den grossen Kreis auf der Mittellinie berührt: Der äusserste wird durch die äussere Begrenzung des Netzes gebildet, der mittlere durch die obere Begrenzung des Netzes und der dritte durch die Linie, die durch die hinteren Arme der Fischer und ihre Hände führt. Wenn man diese Linien auszieht, ergeben sich wieder Kreise, die so angeordnet sind, dass sich auf beide Seiten der Kreise eine Tangente legen lässt, die alle drei Kreise berührt und schliesslich zusammen mit einer waagrechten Tangente zum mittleren Kreis ein Dreieck bildet, dessen Ecken jeweils gleich weit vom äussersten Kreis entfernt sind. Nun ist der Kreis Symbol der Vollkommenheit, der Ganzheit. Das Dreieck ist Symbol der Trinität, auf die auch die Dreiheit der Kreise hinweist.

Nicht genug damit kann auch auffallen, dass die beiden Fischer nicht auf ihre Arbeit achten. Sie blicken weder auf ihre Hände noch auf das Netz. Zieht man die Linien, die durch ihre Augen gebildet werden, aus, treffen sie sich auf dem Mittelpunkt der drei konzentrischen Kreise. Dort blicken sie hin. Das Bild setzt die Aussage des Johannestextes bildlich um: Die Jünger hatten die ganze Nacht erfolglos gefischt. Erst als sie Jesus am Ufer sahen und seiner Aufforderung gehorchten, gelang ihnen ihr grosser Fang. Das Bild weist unsichtbar sichtbar auf jene abgedunkelte Seite hin, die nicht selber Welt ist, die aber das Leben trägt und ihm Fülle verheisst.

In der Erzählung des Johannesevangeliums (Joh 21) ist auch eine Zahl genannt. Petrus fing –  so heisst es dort - 153 Fische im Netz. Diese Zahl meinte wohl vollkommene Fülle.

Wohl kaum zufällig umfasst die Kirchendecke von Zillis mit ihren 9 mal 17 Reihen genau 153 Tafeln.


Der Autor

René Bachofen


Veröffenlichungsdatum: 27. Dezember 2002

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