Jesús Hernández Aristu

Special (September 2003)


zum 60. Geburtstag


Jesús zum Sechzigsten

von Heinrich-K. Bahnen

Das war schon merkwürdig, als ich 1970 zum ersten Mal mit einem leibhaftigen Spanier zusammentraf. Es war in Alsdorf, und bei der ersten Kontaktaufnahme war nicht absehbar, dass sich daraus eine über 30 Jahre andauernde enge Freundschaft ergeben würde.

Kennzeichnend für unser Miteinander blieb die professionelle Zusammenarbeit, in der wir uns stets aufs Beste ergänzen.

Es begann mit der Organisation der Erwachsenenbildung in den katholischen Pfarrgemeinden des Dekanates Alsdorf. Bald beschritten wir völlig neue Wege, als wir ein zweimal sechs Abende umfassendes "Elterntraining" nach Thomas Gordon konzipierten, das über mehrere Jahre im Aachener Raum mit vielen Elterngruppen und erstaunlicher Breitenwirkung durchgeführt wurde. Kennzeichnend war (und blieb auch bei weiteren Projekten) ein auf gelingende Kommunikation ausgerichteter Ansatz, der die Menschen wahr- und ernstnimmt, auf ihre eigenen Fähigkeiten vertraut und sie durch praxisbezogene Übungen fördert. Supervision war damals noch ein Fremdwort, aber wir praktizierten sie schon in Grundzügen mit den KursleiterInnen mittels kontinuierlicher Beratung. Hinzu kamen Wochenenden der gemeinsamen Erprobung und Einübung, und wir setzten mit Erfolg auf die Weiterentwicklung des Elterntrainings in permanenter Rückbindung an die Praxiserfahrung der KursleiterInnen.

Einen entscheidenden Impuls erhielt unsere Freundschaft durch die Idee, mit jungen deutschen Erwachsenen eine Bildungsfreizeit in Navarra, der spanischen Heimatprovinz von Jesús, zu wagen. Am Fronleichnamstag 1979 war ich mit Jesús zwecks Vorbereitung der Freizeit im August zum ersten Mal in seiner Heimat. Nicht als Tourist wie so viele Deutsche auch schon zu dieser Zeit, sondern als Freund meines Freundes bei seinen Freunden und Verwandten. Diese ganz persönliche Art der Begegnung mit Spanien, dem so eindrucksvollen Land und seinen so freundlichen Menschen, blieb für mich bis heute prägend und maßgeblich. Und welch erstaunliche Folgen sollten sich aus diesem ersten Kontakt noch ergeben, dem Bildungsfreizeiten mit Familien Anfang der 80er Jahre im früheren Pfarrhaus von Eguiarte folgten, zwischen Puente la Reina und Estella am spanischen Jakobsweg gelegen.

Ja, der Jakobsweg, der Camino de Santiago hat mich seither gefesselt und nicht mehr losgelassen. Mehr beiläufig hatte ich erfahren, dass unweit unseres idyllischen Begegnungszentrums der mittelalterliche Weg der Jakobspilger vorbeiführt, dass womöglich unsere Vorfahren ganz in der Nähe entlanggepilgert waren und dass der schon im Liber Sancti Iacobi des 12. Jahrhunderts erwähnte Rio Salado in unmittelbarer Nachbarschaft fließt.

Mein Interesse war geweckt und führte 1985 zu einer Busreise von Pamplona, wo Jesús zuvor ein Meditationsseminar mit meiner Gruppe durchgeführt hatte, nach Santiago de Compostela. Ich war Feuer und Flamme, ergriff die Initiative zur Gründung der Deutschen St. Jakobus-Gesellschaft e.V. im Februar 1987 (heute knapp 3.000 Mitglieder) und machte mich im August desselben Jahres zu einer Fußpilgerfahrt mit einer Gruppe des Katholischen Bildungswerks Aachen-Stadt, das ich leite, auf, um in sieben jährlichen Etappen von jeweils ca. drei Wochen 1993 das Grab des Apostels Jakobus zu erreichen. Diese Erfahrung war so tiefgreifend, dass ich sie von 1994 bis 1999 mit einer zweiten Gruppe wiederholte. Und natürlich war die Fürsorge des Freundes bei unserem Weg durch Navarra ein festes Fundament des Vertrauens, das mir das Unterwegssein mit beiden Gruppen erleichterte. Klar doch, dass Jesús für die Fiesta San Fermín, die am Beginn unserer 6. Etappe mit der ersten und am Ende der 4. Etappe mit der zweiten Gruppe stand, allen Interessierten Karten für den Stierkampf besorgte und den Aufenthalt zu einem Fest werden ließ.

À propos Stierkampf: Die Leidenschaft für dieses traditionsreiche, weit in die Ursprünge der Menschheit zurückreichende spanische Fest der rituellen Begegnung zwischen menschlichem Erfindungsreichtum und animalischer Gewalt hat mich über viele Jahre in den Bann gezogen. So sehr, dass es selbst dem Freund manchmal zuviel wurde, er mir aber trotzdem Karten oder gar begehrte Abonnements für die gesamte Fiesta besorgte.

Von anderen weitreichenden Folgen der Bildungsfreizeiten in Eguiarte kann ich nur mittelbar berichten. Da gibt es Aachener, die dank unserer Initiative ihre Liebe zu Navarra entdeckten und dort ein Haus als bevorzugtes Feriendomizil erwarben; die ihre Spanischkenntnisse perfektionierten, Jugendaustausch zwischen Navarresern und Aachenern organisierten, berufliche und institutionelle Kontakte nach Spanien bis heute hin pflegen.

Ein Einschnitt in unsere Freundschaft war Jesús’ Rückkehr in seine Heimat im Herbst 1983. Aus der Distanz von rund 1.200 Kilometern fiel es uns nicht leicht, eine lebendige Beziehung aufrecht zu erhalten. Dennoch ist es uns gelungen. Sei es, dass ich Jesús zu Veranstaltungen im Katholischen Bildungswerk nach Aachen einlud, sei es, dass wir uns in Urlauben in Navarra oder in Deutschland regelmäßig trafen, oder dass Jesús mich zu Kongressen einlud oder mehrfach dazu, das einleitende Kommunikationswochenende mitzugestalten in einem Ausbildungsgang für werdende Supervisoren, den die von ihm gegründete "Asociación Mitxelena" veranstaltet. Unvergesslich sind auch die Konzertreisen, die die Aachener Schola Cantorum St. Foillan mit unserer tatkräftigen Unterstützung entlang des Camino de Santiago führten oder dem renommierten Chor Coral de Cámara de Pamplona in Aachen einen Höhepunkt seiner Auftritte in der Euregio bescherten.

Dass ich in seinem Heimatdorf Castillonuevo, hinter der Sierra de Leyre am Südhang der Pyrenäen gelegen, die Wurzeln seiner Herkunft entdecken konnte; dass ich an den Freuden und Schmerzen seines tiefgreifenden Wandlungsprozesses ebenso teilhaben durfte wie am Wachsen seiner Familie mit seiner Frau Tine, seinen Kindern Matias und Oihana; dass auch meine Frau Anneli, unsere Kinder Achim und Katrin in seinem Haus und in seiner Familie herzliche Gastfreundschaft genießen konnten; dass ich vielfach Rat und Ermutigung durch die Begegnung mit dem Freund erfuhr; dass er mir die Tür zu Kontakten und Freundschaften in Navarra öffnete; dass ich ihm bei seinem nicht einfachen, aber letztlich mit Promotion und Professur (und hoffentlich bald mit dem ersten spanischen Lehrstuhl!) für Sozialarbeit so erfolgreichen beruflichen Wiedereinstieg in der Heimat eng verbunden blieb; dass unsere Gespräche manchen Niederschlag in seinen zahlreichen Veröffentlichungen fanden: Dies alles und noch viel mehr zähle ich zu den unverhofften und beglückenden Früchten einer Freundschaft, die wir bis auf den heutigen Tag durch Austausch und Begegnung pflegen. Als wir uns im Juni dieses Jahres für ein paar Tage der Einkehr im Benediktinerkloster Silos trafen, war uns beiden klar: Dies werden nicht unsere letzten gemeinsamen Wüsten-(und Oasen-)tage gewesen sein.

In diesem Sinne:
AD MULTOS ANNOS, AMICE!


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