Systemtheorie in der Sozialen Arbeit

Ein Essay zum Buch:
"Systemtheorie Sozialer Arbeit.
Neue Ansätze und veränderte Perspektiven"
(Roland Merten)
Leske + Budrich, Opladen, 2000
270 S., 24,90 €

von Jenö Bango (Mai 2002)

Roland Merten gelang es, den Einzug der Systemtheorie in der Sozialen Arbeit in einem "non-book", eine Art Reader durch dreizehn Beiträge von Soziologen, Sozialarbeitern und Sozialpädagogen, alle engagiert in der theoretischen Fundierung der Sozialarbeitswissenschaft, zu demonstrieren. In der Einleitung des Buches – was immer ein schwieriges Unterfangen ist, wenn die Beiträge nicht die Einförmigkeit, sondern die "streitbare Pluralität" (S. 8) reflektieren – unterstreicht der Herausgeber, dass die hier dargestellten Grundlagenfragen und Orientierungen im Bereich der Systemtheorie Sozialer Arbeit einerseits eher Fragestellungen als gefestigte Antworten sind, andererseits als Startsignale neuer, nicht einheitlicher Theorie-Debatten aufgefasst werden sollten. Seit 1990 beobachtet man in der sozialarbeiterisch-theoretischen Fachliteratur neue Impulse, nachdem die bahnbrechende Veröffentlichung von Niklas Luhmann über "Formen des Helfens im Wandel gesellschaftlicher Bedingungen", (Luhmann 1973) zuerst nur zögernd von einigen Autoren beachtet wurde. Die vom Herausgeber hervorragend geschriebene kurze Zusammenfassung (vier Seiten) der Beitragsinhalte konzentriert sich auf die grundlegende Frage, die eine Systemtheorie Sozialer Arbeit überhaupt stellen muss: Ist die Soziale Arbeit (Soziale Hilfe) ein autonomes, funktionales Teilsystem der modernen Gesellschaft?

Im Sinne von Derrida handelt es sich hier um unterschiedliche "jeties", also Theorieentwürfe, die aufgrund dieser Fragestellung in diesem Buch Konturen annehmen. Dabei ist noch nicht Endgültiges und noch nicht einmal Hypothetisches vorzufinden – ein Wurf nach vorne ins Ungewisse. Eine Verpflichtung für die funktionale Analyse aber verbindet die Autoren und die Luhmannsche Analyse wird, auch von seinen Anhängern, nicht ohne Kritik angenommen.

Der erste Teil heißt "Systemtheorie in der Sozialen Arbeit – Historische Entwicklungslinien" (Seiten 17-29) und ist geschrieben von Professor Hans Gängler von der Philosophischen Fakultät an der Technischen Universität Chemnitz. Es scheint symptomatisch zu sein, dass gerade der historische Rückblick des Einzuges der Systemtheorie in die Sozialarbeit von der Sozialpädagogik her beobachtet wurde. Dies lässt zwei Bemerkungen zu. Einerseits ist dies ein Zeichen dafür, dass zwischen Sozialarbeit und Sozialpädagogik die theoretische Kluft immer geringer wird, andererseits bezeugt dieser Beitrag das Interesse Luhmanns für die Pädagogik/Sozialpädagogik. Durch seine pädagogischen Schriften, durch seine "Fragen an die Pädagogik" (Luhmann/Schorr 1979, 1982, 1986, 1990) bahnte Luhmann sich einen Weg zur Sozialarbeit.

Gänglers Beschreibung lässt sich in sieben Etappen resümieren: 1) Die ersten, vagen, systemtheoretischen Impulse wurden durch die berühmte Habermas/Luhmann-Kontroverse animiert (Habermas/Luhmann 1971). In den sozialpädagogischen Fachkreisen war zuerst eine eindeutige Orientierung an die Frankfurter Schule maßgebend. 2) Drei Jahre später Luhmanns "Formen des Helfens" wurde nur von Eingeweihten beachtet. Sozialpädagogen fanden den Artikel "erratisch und provokant" weil er das Hilfeproblem ohne Pathos angeblich auf ein Verteilungsproblem reduziert. 3) Umso mehr wurde 1981 das Theorieangebot von Jürgen Habermas (kommunikatives Handeln und der Lebenswelt-Ansatz) mit offenen Armen empfangen. 4) Die oben erwähnten erziehungswissenschaftlichen Schriften von Luhmann hatten zwar ihren ironisch-provokativen Unterton, führten jedoch zu einer intensiveren Beschäftigung mit der soziologischen Systemtheorie. 5) Nach Gängler hat Olk aus der Theorieofferte Luhmanns die Selbstreferenz und Selbstreflexivität für das professionelle Handeln in der Sozialpädagogik entdeckt. (Olk 1986) 6) In den Neunzigern wurde dann die Luhmannsche Systemtheorie in der Sozialen Arbeit auch "hineingeholt" und die ersten Kritiken aus der Schweiz (Lüssi 1992, Obrecht 1996, Staub-Bernasconi 1995) meldeten sich. 7) Die volle Anerkennung der Luhmannschen Systemtheorie als kontroversfähige Theoriegrundlage der Sozialen Arbeit bzw. der Sozialarbeitswissenschaft brachte der Artikel von Dirk Baecker (1994), in dem Soziale Hilfe als Funktionssystem der modernen Gesellschaft expliziert wurde. Die Thematik wurde von Merten (1997) und Hillebrandt (1999) und vielen anderen danach weitergeführt. Entsprechend vermehren sich auch die kritischen Stimmen – wie in der Soziologie besonders von Richard Münch (s. dazu István Balogh 2001, 99-111) als auch in der Sozialarbeitswissenschaft (besonders Staub-Bernasconi und Obrecht) – die eine "Wiederverzauberung des Systembegriffs durch Metaphysik und Moral" (S. 23) erzielen wollen. Es etabliert sich eine neue Sprache in der Systemdebatte der Sozialen Arbeit, die der alten Fürsorgerhetorik widerspricht. Die Systemtheorie allgemein scheint geeignet zu sein, das Theoriefundament zu zementieren, weil die moderne Soziale Arbeit durch Organisationen bestimmt ist (s. dazu weiter Bommes/Scherr 2000).

Der zweite Teil des Buches behandelt die Fragen nach Grenzen funktionaler und professioneller Autonomie Sozialer Arbeit. Die fünf Beiträge in diesem Teil bestätigen schon die Vermutung von Gängler, nachdem das "Irritationspotential der Theorieofferte für die Soziale Arbeit noch nicht ausgeschöpft zu sein scheint" (S. 23).

Rudolf Stichweh (Seiten 29-39) öffnet diesen Teil mit einem Beitrag zu Grenzen funktionaler und professioneller Autonomie Sozialer Arbeit. Die Profession ist ein Mechanismus der Überleitung von der alteuropäischen ständischen Gesellschaft zur funktional differenzierten Gesellschaft der Moderne. Die Korporationen wurden durch die Berufstände seit dem 18. Jahrhundert abgelöst. Es scheint, dass in der Moderne ein Funktionssystem seine eigene Berufsgruppe im institutionellen Rahmen hat. Béla Pokol (1990) hatte diesbezüglich eine Theorie der professionellen Institutionensysteme erarbeitet. Die professionalisierten Teilsysteme besitzen nach Stichweh drei Charakteristika: a) Die Unterscheidung zwischen Leistungsrollen und Publikumsrollen. b) Die wissenschaftlich begründete Handlung. Gerade diese szientistische Legitimation bei der Sozialarbeit wird von Stichweh bezweifelt. c) Die zunehmende Individualisierung der Leistungsrollen in Interaktionen. Stichweh hat – ohne Zweifel von Luhmann inspiriert – Bedenken, in der Profession (?) Sozialer Arbeit, ein Funktionssystem sozialer Hilfe (als institutionell organisierter Altruismus) zu sehen und hierbei stützt er sich auf die Thesen von Exklusionsvermeidung, Inklusionsvermittlung und/oder Exklusionsverwaltung von Bommes und Scherr, die der Sozialen Arbeit einen subordinierten, nachgeordneten Charakter nachweisen.

Stichweh legt sich aber nicht fest, er schreibt nur, dass es "wenig wahrscheinlich" ist, dass die Soziale Arbeit heute schon ein neues professionalisiertes Funktionssystem sei. Ihre Eigenschaftslosigkeit (Kleve 2000) und ihre allgemeine Zuständigkeit (Merten/Sommerfeld/Koditek 1996) lassen zwar diese Zweifel zu, aber wenn soziale Hilfe – wie schon Luhmann dies erahnen lässt – in der modernen Gesellschaft professionelle Konturen gewinnt, sollte dazu eine Institution oder Organisation entstehen, die das Funktionssystem der sozialen Hilfe zumindest autologisch repräsentieren könnte. In seinem Beitrag mit den Forderungen von Vertrauen, Mitarbeit und Wissen signalisiert Stichweh schon eine neue Beziehung zwischen Klient und Sozialarbeiter. Wenn man noch bedenkt, dass die Bedeutung des Ehrenamtes in der Sozialen Arbeit kontinuierlich zunimmt, dann haben wir praktisch alle Qualitäten einer postmodernen Professionalität, die sich weder "monopolistisch" noch "dominant" verhält.

Dirk Baecker (Seiten 39-47) stellt in seinem Beitrag eine Serie von Fragen, die seine Unsicherheit bezeugen. In seinem vielzitierten Artikel über die Hilfe als ausdifferenziertes Funktionssystem der Gesellschaft (Baecker 1994) war die Aussage deutlich, in diesem Beitrag aber scheint die Hilfe als stellvertretend inkludierendes, sekundäres Funktionssystem definiert zu sein. Die neue Differenzen stellvertretend/wirklich bzw. primär/sekundär wirken problemverschiebend. Baecker macht sich Gedanken über die Tatsache, dass erst nach der Hilfeleistung das "Soziale" überhaupt entsteht. Hier hätte man gerne mehr über den Begriff des Sozialen erfahren (vgl. Bango 2001,103-117) um zu klären, ob die Hilfe wirklich die Bedingung des Sozialen ist? Die Beantwortung einer Serie der Fragen (S. 40), gestellt von Baecker, wird sicherlich hilfreich sein, um hierbei Klarheit zu schaffen.

Heiko Kleve (Seiten 47-67) sieht einen Paradigmenwechsel in der Systemtheorie und postuliert eine postmoderne Sozialarbeit. Gleich zum Anfang seines Beitrages stellt er seine These auf: "Eine Sozialarbeit, die sich in der reflexiven bzw. postmodernen Moderne als Profession und Disziplin profilieren will, mit der Rezeption der neueren sozialwissenschaftlichen Systemtheorie ein für diese Profilierung brauchbares Instrument nutzen kann." (S. 48). Diese Rezeption war aber nicht unproblematisch, denn die Hürden von kritisch-rationalistischen, emanzipatorischen und marxistischen (z. B. Khella 1980 und Hollstein/Meinhold 1977) Sichtweisen sollten genommen werden, die kritiklose Bewunderung für Habermas Lebensweltkonzept überwunden und selbst das richtige Buchstabieren des Wortes "System" in der Sozialarbeit (siehe dazu Wiesehöfer 1989) sollte noch gelernt werden. Im Kern waren aber sowohl in der Theorie, als auch in der Praxis der Sozialen Arbeit – trotz zögernder Aufnahme der Systemtheorie – die Gedanken der Ganzheitlichkeit, Vernetztheit und Kontextualität schon präsent.

Kleve resümiert gekonnt die drei Paradigmen von Luhmann, die die Entwicklung von Teil/Ganzes (strukturfunktional) über System/Umwelt (funktional-strukturell) zur Identität/Differenz (autopoietisch-konstruktivistisch) als Leitunterscheidungen markieren. Die zweite Unterscheidung wird von Kleve nicht wie üblich auf der Grundlage der Komplexität (d. h. Umwelten sind immer komplexer als Systeme) in Bezug auf Gesellschaft/Mensch erklärt, sondern vor allem im Hinblick auf Konstitutionsbedingungen des Menschen für soziale Systeme. Durkheim paraphrasiert, behauptet Kleve: Soziales wird durch Kommunikation entstehen. Die Durkheimsche These (Soziales erklärt sich durch Soziales) wird bei Luhmann und seinen Interpreten eben anders ausgelegt (Soziales erklärt sich durch Kommunikation).

Die letzte Unterscheidung Identität/Differenz ist besonders wichtig: Nach den Kritikern von Luhmann, wäre seine Systemtheorie, reformuliert in diesem differenztheoretischem Sinne, nichts anderes als eine Neuauflage der Dialektik Hegels. Hegel schreibt von Identität und Nichtidentität – Luhmann kehrt dies um und stellt die Differenz von Identität und Differenz fest (siehe Merz-Benz/Wagner, 2000). Die Autoren im Buch von Merz-Benz und Wagner positionieren Luhmann in der gefährlichen Nähe von Hegel, von deutschem Idealismus also und sind der Meinung, dass Luhmann den deutschen Idealismus in modernistischem Begriffsgewand fortschreibt. Alteuropäisch (Hegel) ist die Einheit der Identität von Identität und Differenz (dies ist Dialektik) – neueuropäisch (Luhmann), dagegen ist die Einheit der Differenz von Identität und Differenz (dies ist postmoderne Systemtheorie). Oder ist dies nicht eher wie Hegel sagt, Einheit der Identität und Verschiedenheit? (Merz-Benz/Wagner, 2000, 49-54).

Differenz und Paradoxie sind für Kleve die Grundsteine der modernen Systemtheorie. In der Sozialarbeitswissenschaft als postmoderne Wissenschaft sind diese zwei Begrifflichkeiten besonders betont (Kleve 2000). Auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert, riskiert Kleve die Aussage: "Einheit ist Differenz". (S. 51) Dieser Satz soll als Provokation klingen in den Ohren der Luhmann-Kritiker, die seiner Systemtheorie Logikfehler nachzuweisen versuchen. Sie erkennen zwar, dass die mehrwertige Logik von Hegel bis Günther ihre Gültigkeit in der Luhmannschen Systemtheorie hat, prangern ihm aber transzendentalen Subjektivismus in neuem Gewand an. Paradoxien in der Wissenschaft sind inkonsistente Theorien – behaupten sie.

Kleve muss sich mit dem logischen Einwand der Luhmann-Kritiker auseinandersetzen und sich die Frage stellen, ob Differenz und Paradox gleich sind? Wenn Einheit Differenz ist – generiert auch Paradox die Einheit? Ein längeres Zitat möchte der Rezensent zu dieser gewünschten Auseinandersetzung als Denkanstoß – und keinesfalls als Belehrung – reproduzieren: "Es bleibt ein klärendes Wort zu Hegels umstrittenen dialektischen Satz von der "Identität der Identität und der Nichtidentität" zu sagen, der sich auch auf das besprochene Lehrstück anwenden lässt und dort zu dem Satz berechtigt: Das Einzelne und das Allgemeine sind identisch. Den formalen Logikern muss derartiges ein Ärgernis sein. Aber Hegels Satz verliert viel von seinem schockierenden und provozierenden Charakter, wenn man Hegel streng beim Wort nimmt und das zeitliche Moment, das in jedem dialektischen Prozess beschlossen ist voll in Rechnung stellt.

Zwei sich ausschließende bzw. zwei kontradiktorische Aussagen können, und darin ist der formalen Logik recht zu geben, nicht gleichzeitig wahr sein. Der Akzent ist hier auf "gleichzeitig" zu legen. Aber zu verschiedenen Zeitpunkten (und Orte und Räumen, von mir J. B) können sie sehr wohl gleichermaßen wahr sein.

Das zeitliche Nacheinander bringt Negation hervor. In jeder Bewegung in der Zeit aber ist Veränderung impliziert, so dass mit Recht gesagt werden kann, dass kein Seiendes, da es in der Zeit steht, mit sich selbst identisch bleiben kann. Da es der Zeitlichkeit ausgeliefert ist, ist es auch steter Veränderungen unterworfen" (Gipper in Merz-Benz/Wagner, 54-55).

Um seine These zu präzisieren führt Kleve geschickt den Ambivalenzbegriff ein. Dies ist tägliches Brot für die praktizierenden Sozialarbeiter, die dauernd mit Uneindeutigkeiten, unversöhnlichen Wirklichkeiten, kurz Ambivalenzen konfrontiert sind. Dies soll eine Systemtheorie Sozialer Arbeit reflektieren indem sie - wieder provokatorisch – konstatiert: Das Soziale ist die Differenz. Dies theoretisch als Dekonstruktion (S. 54) zu deklarieren, als Jagd auf den blinden Fleck, als Verkomplizierung durch den "zweiten Blick" zu konstatieren, gehört zum postmodernen Wissenschaftskonzept von Kleve.

Für die ambivalenten Praxis der Sozialarbeit führt Kleve drei Argumente vor:

  1. Ganzheitlichkeit. Es geht hier nicht um das von Staub-Bernasconi kritisierte sterile Holismuskonzept in der Sozialarbeit (vgl. Staub-Bernasconi 1995), sondern um die postmoderne Ganzheitlichkeit, wofür Kleve drei wichtige Bemerkungen anbringt:

  2. Die Differenz Integration/Desintegration als Argument für die ambivalente Praxis der Sozialarbeit bleibt in den Augen des Rezensenten problematisch. Ein "Zwang zur Desintegration" mag postmodern gegeben sein (S. 59), um die multiplen Integrationsangebote wahrnehmen zu können, aber trotzdem bleibt die Frage: Wie integriert man sich in einer individualistischen und pluralistischen Gesellschaft? Die optimistischen Integrationstheorien (siehe z. B. die Gastarbeiterfrage bei Hoffmann-Nowotny 1973) sollten revidiert und soziologisch gründlich untersucht werden.

  3. Die Differenz Inklusion/Exklusion wäre eine Alternative zur – nach Meinung des Rezensenten - lehrgelaufenen Diskussion um Integration/Desintegration. Die Sozialarbeit ist Inklusionshilfe mit der Funktion von Exklusionsvermeidung. Für Kleve ist sie eindeutig ein sekundäres Funktionssystem. Er teilt nicht die Meinung von Baecker, indem der Motiv- und Effizienzverdacht durch die stellvertretende Sekundärsystem entkräftet wird (Fußnote 12. S. 61).

Der letzte Teil seines Beitrages ist eine Apologie für die von ihm in mehreren Veröffentlichungen postulierte Postmodernität Sozialer Arbeit. Die Fundierung dazu findet er bei Luhmann – obwohl Luhmanns Postmodernität selbst "ambivalent" ist - (vgl. Karácsony, 2000, 28 und Merz-Benz/Wagner 2000, 157) bei Lyotard, Baumann und Welsch. Es wäre angebracht, die These des Postmodernismus in der Sozialarbeitswissenschaft auf breiterer Basis zu diskutieren. Der Rezensent denkt an zwei andere Begrifflichkeiten, die die postmoderne Wissenschaftlichkeit markieren könnten.

  1. Enrique Dussel beschreibt die Transmoderne in der sich die Moderne sowie ihr negiertes Anderes (die Opfer) im Prozess eines wechselseitigen, kreativen Austauschs gemeinsam realisieren. Transmoderne (als Projekt einer politischen, ökonomischen, ökologischen, erotischen, pädagogischen und religiösen Befreiung) ist die gemeinsame Verwirklichung dessen, was die Moderne alleine nicht leisten kann: gemeint ist die integrative Solidarität. In den Zeiten der transnationalen Sozialarbeit hätte dieser von Dependenztheorie und Befreiungstheologie inspirierte Modernismusbegriff für die Sozialarbeitswissenschaft relevant sein. (Dussel, 1993, 65-77)

  2. Die Neomoderne von Jeffrey Alexander unterstreicht die politische Bedeutung des Modernismus, die besonders in der heutigen Kontroverse (gedacht ist an Globalisierungsbefürworter und Globalisierungsgegner) im sozialen Bereich zur reflexiven, postmodernen Moderne als kritisches Gegengewicht fungiert. (Alexander, 1994, 165-197)

Hinter dem vielversprechenden Titel: "Soziale Arbeit, sekundäres Ordnungsbildung und die Kommunikation unspezifischer Hilfebedürftig", führen die Autoren Bommes und Scherr ihre Investigationen über die soziologischen Theorien Sozialer Arbeit fort. (Seiten 67-85) Sie positionieren Soziale Arbeit in den Ungleichheits- und Machtstrukturen der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft. Sie stabilisiert die Ungleichheitsstrukturen und dabei bleibt sie ihrem wohl widersprüchlichen und ambivalenten Prinzip des "doppelten Mandats" treu. Die nüchterne Feststellung kommt folgerichtig: die moderne Gesellschaft (ebenso wie frühere Gesellschaften) hat für die Frage der Ungleichheiten, sowie für die gerechte Verteilung keine Lösung parat (S. 73). Die Frage bleibt: Welche Arten von Ungleichheiten sind erträglich, sogar wünschenswert und wie sollte eine akzeptable Redistribution von "social goods" realisiert werden? Die Autoren geben eine gute theoretische Beschreibung des Aufgabenbereichs der Sozialen Arbeit (S. 75), während sie die Organisation von Hilfe als Teil sekundärer Ordnungsbildung im Wohlfahrtsstaat analysieren. Beruhigend ist ihre Feststellung, dass die Soziale Arbeit sich nicht in einem Verwaltungshandel von Organisationen erschöpft.

Die unspezifische, generalisierte Hilfe der Sozialen Arbeit unterstreicht den Vermittlungsaspekt und eröffnet Zugänge zu Leistungen der Primärsysteme. Die diffuse Allzuständigkeit und die unspezifischen Hilfeprogramme die sich von anderen Hilfearten der Primärsysteme abgrenzen, ist von Vorteil. Die Autoren skizzieren in sieben Punkten (S. 80-81) einige Aspekte dieser Vorteilhaftigkeit: einerseits Abhängigkeit von rechtlichen und politischen Entscheidungen (Sozialpolitik, Sozialhilfegesetz), andererseits hat sie eine Verpflichtung der Hilfe in allem möglichen Lebenslagen. Sie stellt souverain Hilfebedürftigkeit fest und beruft sich transdisziplinär auf alle Sozialwissenschaften. Sie ist Kommunikation zwischen Professionalität und Alltäglichkeit. Die systemtheoretische Beobachtung Sozialer Arbeit ist ein Theorieangebot – frei von normativer Begründungszwang und eröffnet neue Perspektiven für die Forschung.

Theodor Bardmann und Thomas Hermsen nehmen die Luhmannschen Systemtheorie in der Reflexion der Sozialen Arbeit unter der Lupe. (Seiten 87-112) Sie überfliegen kurz die "vor-Luhmannschen", alten Reflexionen, um dann im weiteren wesentlich sich mit Luhmann zu beschäftigen. Sie erwähnen die marxistische Tradition, die in der Sozialen Arbeit ein raffiniertes Instrument des Kapitalismus sah, das nur die Ausbeutung verdecken sollte. Die klassische soziologische Tradition von Durkheim bis Parsons betrachtete die Sozialarbeit als Kontrolle und Emanzipation und war auf Normen und Abweichung abgestellt. Schließlich gab es die christlich-humanistische Tradition die die Aufgabe der Sozialarbeit in der Linderung der Not sah. Alle Traditionen sind darüber einig, dass die Sozialarbeit die Menschen in die Gesellschaft reintegrieren soll – und diese war solange auch richtig, wie wir dachten, dass die Gesellschaft aus Menschen besteht.

Luhmann sieht dies anders: asoziale Menschlichkeit und unmenschliche Sozialität produziert Möglichkeitsüberschüsse. "Mehr gesellschaftliche Strukturierung kann ein Mehr an individuellen Freiheiten bedeuten und freie Individuen steigern die Möglichkeiten gesellschaftlicher Strukturierung" (S.89). Dies bedeutet ein Umdenken in der Sozialen Arbeit in dreierlei Hinsichten: a) Statt Klassenstruktur, Schichtenhierarchie und Vorrang für Wirtschaft in ausdifferenzierten Funktionssysteme zu denken. b) Statt Devianz auf Kontingenz zu setzen d.h. das Erkennen der komplexen Vernetztheit gesellschaftlicher Verhältnisse. c) Der Mensch ist nicht Zentrum, sondern Umwelt der Gesellschaft. Bardmann und Hermsen wollen damit nicht eine Peripherisierung des Menschen behaupten, da der Gegensatz Zentrum die Peripherie wäre (vgl. Bango 1998)), sondern nur betonen, dass der Mensch, als ein Komposit von psychischen und biologischen Systemen, keine zentrale, gesellschaftliche Einheit mehr bildet.

Von Luhmann entstehen neue Angebote besonders in epistemologischer Hinsicht. Er gibt zu, dass es soziale Ausgrenzungen gibt und um diese zu verstehen, bietet er neue Unterscheidungen an. Solche sind z.B. die Differenz Inklusion/Exklusion, was eine Erfindung der konstruktivistischen Systemtheorie ist; oder Einschluss und Ausschluss von Personen aus Kommunikationen. Eine gleichzeitige Inklusion in alle gesellschaftlichen Funktionssysteme ist eine Illusion, die Exklusionseffekte bilden sich an den Rändern der Systeme, eine Art "negative Integration" wird von Luhmann konstatiert (S. 92).

Die Inklusion erfolgt auf unterschiedlicher Ebene und daraus resultieren neue Dimensionen sozialer Ungleichheiten. Es gibt die Ungleichheit im Inklusionsbereich, es gibt eine "qualitative Dynamik" des Inklusionsprozesses und schließlich existiert auch die Totalexklusion, was dem Komplettverlust von sozialer Adresse gleichkommt.

Die Neudimensionierung der Unterscheidung Exklusion/Inklusion auf weltgesellschaftlicher Ebene ist die kommende Aufgabe der Sozialarbeitswissenschaft. Die baeckersche Hilfe/Nichthilfe-Differenz als Code ist sofern brauchbar als sie die soziale Hilfe als operativ geschlossenes, radikal autonomes, autopoietisches System definiert. Aber die soziale Arbeit selbst ist noch kein primäres Funktionssystem. Sie beschäftigt sich mit den Folgeproblemen der Differenzierung bzw. der Exklusion aus Primärsystemen. Die unterschiedlichen Etiketten wie "sekundäres Primärsystem", "System aus zweiter Hand" oder "Funktionssystem zweiter Ordnung" unterstreichen den Hauptcharakter der Sozialen Arbeit: unspezifische Hilfe zur Selbsthilfe und Inklusionshilfe – eine organisierte Dienstleistung für Primärsysteme.

Eine andere Perspektive wird von Peter Sommerfeld vertreten – und damit eröffnet sein Beitrag (Seiten 115-136) den dritten Teil des Buches: Soziale Arbeit als (autonomes) Teilsystem der modernen Gesellschaft. Ihm geht es um die Suche der Systemgrenzen Sozialer Arbeit. Die Diskussion, ob die Soziale Arbeit ein Funktionssystem der modernen Gesellschaft ist, steht noch im Anfangsstadium. Nach Baecker wäre die Soziale Arbeit als Profession das Funktionssystem der sozialen Hilfe. Gerechtigkeit und Fürsorglichkeit sind ihre Kommunikationsmedien. Wenn man Soziale Arbeit nur in Organisationen sieht – und Sommerfeld debattiert hier darüber mit Bommes und Scherr –, dann ist sie noch kein Funktionssystem, denn die Organisation garantiert nur eine Zweitsicherung. Auch das von Fuchs und Schneider propagierte "sekundäres Primärsystem" scheint einen Schritt in die Richtung Ausdifferenzierung zu sein.

Um hier eine deutlichere Einsicht zu ermöglichen, bringt Sommerfeld das Fallbeispiel Psychiatrie. Mit diesem Beispiel demonstriert er, wie sich ein Funktionssystem auf die Ebene der Organisation und des Handelns transformiert. Aufgrund einer Datenerhebung beschreibt er die Schwierigkeiten, denen die Soziale Arbeit in der Psychiatrie begegnet: Marginalisierung, Zuständigkeitsunsicherheiten, Gleichberechtigungsmängel, Unzufriedenheit u.v.a. (Der Rezensent hatte ähnliche Feststellungen in einem Forschungsprojekt bezüglich der Krankenhaussozialarbeit gemacht (siehe Bango/Lammel 1996). Konfrontiert mit fest etablierten Professionen (Psychiater, Arzt) kämpft der Sozialarbeiter um die Re-Inklusion der Patienten. Aus dieser Warte her betrachtet, ist Soziale Arbeit kein ausdifferenziertes primäres Funktionssystem. In den Heilanstalten soll die Soziale Arbeit nur die Folgen von Hyperinklusion und der Totalexklusion bearbeiten. Es scheint, dass in unserer Gesellschaft das Heilen einen höheren Stellenwert hat als Helfen. Die historisch auf das "case work" beruhende psychoanalytische Sozialarbeit sucht neue Wege, wobei das Prinzip "Helfen statt Heilen" voll zur Geltung kommt. (Becker 1990 und Becker/Hermann/Stanek 1999). Sie begegnet die Chaostheorie und erkennt, dass Kräfte des Helfens bzw. des Selbsthelfens durch das "Neu-Kombinieren" von Ordnung und Chaos freigesetzt werden können. Die durch die Definitionsmacht der therapierend medizinischen Psychiatrie als psychisch krank deklarierte Patienten werden hier Klienten der Sozialarbeit, wodurch die These von Freud und Ferenczy bestätigt wird, nach der die Psychoanalyse eine soziale Angelegenheit ist.

Der Sozialpädagoge Georg Cleppien (Seiten 137-156) vertritt die Meinung, dass gerade die Sozialpädagogik ein primäres Funktionssystem ist, die sich in der allgemeinen Pädagogik reibungslos eingliedert. Seine Beweisführung benutzt einige begriffliche Vorklärungen (Beobachten, Kommunikation und Wissenschaft). Unter der Überschrift Inklusion und Individuum stellt Cleppien fest, das die Soziale Arbeit als Zweitsicherung stellvertretend inkludiert und "ein System im System der sozialen Hilfe" (S. 146) ist – dagegen die Sozialpädagogik ein autonomes System und integrierter Teil der Pädagogik ist. Die von Cleppien unterschwellig hypostasierte "Vorrangigkeit" der Sozialpädagogik gegenüber Sozialarbeit (Die eine ist "schon" ein autonomes Funktionssystem, die andere ist noch ein sekundäres Funktionssystem) könnte vielleicht mit der Unterscheidung Sozialisation/Erziehung abgemildert werden (vgl. Luhmann, 1994, 172-183). Die Sozialarbeit hätte die Aufgabe der sekundären Sozialisierung (Re-Sozialisierung) zu erfüllen, die Sozialpädagogik die Erziehungsdefizite zu beheben.

Peter Fuchs (Seiten 157-175) greift in der Diskussion ein, ob Soziale Arbeit ein Funktionssystem der modernen Gesellschaft sei oder nicht, mit der Etablierung der Prüfkriterien eines Systems. Ein System darf nur eine Funktion, einen Code und eine Operation haben. Fuchs meint, dass die Soziale Arbeit ein Funktionssystem im Werden ist (S.159). Die Funktion der Soziale Arbeit ist Wiedererzeugung der Bedingungen der Möglichkeiten der Chancen von Inklusion und in diesem Sinnen können wir von doppelter Modalisierung, von der Möglichkeit der Möglichkeiten und von der Restitution der Chance zur Chance der Generalinklusion sprechen. Es geht um Inklusion von sozialen Adressen, also von Personen und nicht von Individuen, denn Soziale Arbeit ist Arbeit an sozialen Adressen. Der binäre Code ist nach Fuchs Fall/Nichtfall und die spezifische Operation ist die Falldeklaration. Er warnt uns: Das "Soziale" ist als Kommunikation ernst zunehmen, und im Kontext der ökologischen Sichtweise zu platzieren. Wenn Soziale Arbeit im Grunde als "Adressabilitätsmanagement" funktioniert (S. 167) und die Reparatur defekter Adressen wahrnimmt, dann fragt der Rezensent, ob es hier nicht um die Revitalisierung der "alten" Devianzthese geht? Bei der Sozialen Arbeit handelt es sich um die Bearbeitung der Hilfebedürftigkeit, die an Körpern wahrnehmbar ist, sozusagen als sichtbare Ungleichheitslage. Am Ende seines Beitrages analysiert Fuchs die strukturelle Kopplung des noch "sekundären Primärsystem" Soziale Arbeit, wobei es sogenannte Kopplungsfavoriten (S. 172) geben kann. Dazu zählen mit Sicherheit Politik, Religion und Wirtschaft. Fuchs befürchtet die Gefahr der Wirtschaftlichkeit und Warenförmigkeit der Sozialen Arbeit – und stellt sich die Frage (mit Kleve), ob darin ein Fluch oder ein Segen zu sehen ist. Das Thema Ökonomisierung der Sozialen Arbeit ist mittlerweile in allen Fachzeitschriften breit diskutiert (s. Blätter der Wohlfahrtspflege, Neue Caritas usw.).

Der Herausgeber Roland Merten meldet sich selbst mit einem Beitrag über Soziale Arbeit als autonomes Funktionssystem der modernen Gesellschaft zu Wort. Er liefert dazu Argumente für eine konstruktive Perspektive (Seiten 177-204). Sein in fünfzehn Punkten gegliedertes und sehr fundiertes Exposé reflektiert den Luhmannschen Satz: "Vielleicht können wir hier ein Funktionssystem im Entstehen beobachten" (Luhmann 1997, 632). Er ist vorsichtig bei der Autonomiebehauptung. Der Rezensent meint, dass dazu vielleicht angebracht wäre, den Prozess der Entstehung neuer Systeme bei Helmut Willke nachzulesen. (Willke 1991) Die funktional-strukturelle Analyse der Sozialen Arbeit als System muss als heuristisches Vorgehen auf erkenntnistheoretischem Fundamente (Beobachtung) basieren. Die moderne Differenzierung der Gesellschaft ist nicht mehr in Spitze oder Mitte gedacht, sondern in unterschiedlichen Funktionssystemen, die zwar ungleichartig, aber doch gleichrangig sind. Die binäre Codierung führt zu Kontingenz und letztlich zur Autopoiesis. Die durch Autopoiesis gesicherte selbstreferenzielle Geschlossenheit wird sozusagen durch die spezifischen Programme "geknackt", indem diese Programme die Offenheit der Systeme ermöglichen. Der konstante Code ermöglicht die Geschlossenheit - die variablen Programme dagegen die Offenheit. Nach Luhmann ist der Code Inklusion/Exklusion ein Metacode. Merten kritisiert treffend die logische Ungereimtheit diese Aussage. Die Binarität muss formallogisch kontradiktorisch und nicht nur konträr sein. Richtig wäre also, von Inklusion und Nichtinklusion zu sprechen. Diese "terminologische Nachlässigkeit" (S.184) deuten auch die Luhmann-Kritiker an. "Unterscheidungen gehorchen dem Gesetz der doppelten Negation, es sind kontradiktorische Gegensätze" (Boris Henning in Merz-Benz/Wagner 2000, 159). Am Anfang jeder sozialen Hilfe steht die von der Sozialen Arbeit durchgeführte Beobachtung, was der Konstruktion einer sozialen Umwelt gleichkommt. Aber diese Umwelt ist sehr heterogen. Deswegen gibt es mehrere Code-Versuche von den baeckerschen helfen/nichthelfen (was Merten auch akzeptiert) bis zum Fuchsschen Fall/Nichtfall oder wie dies bei Weber und Hillebrandt heißt Bedürftigkeit/Nichtbedürftigkeit. Zum Hilfebegriff vermerkt Merten, dass die Erwartbarkeit von individuellen Motiven unabhängig ist. Er sieht die strukturelle Kopplung des Funktionssystems Soziale Arbeit vor allem mit der Sozialpolitik. Die professionalisierte Hilfe wird weder von Moral, Herz oder Gegenseitigkeit bestimmt, sondern von Programmrealisierungen geleitet, was eine methodische Schulung verlangt. Das oft erwähnte "Technologiedefizit" der Sozialen Arbeit ist leicht erklärbar, indem man bedenkt, dass der Klient keine Trivialmaschine ist mit einem Input-Output-Mechanismus. Merten übt Kritik an der von Stichweh postulierten, "subordinierten" Situation der Sozialen Arbeit. Sie übernimmt nicht die Funktion anderer Professionen, sondern erarbeitet eine teilsystemische Autonomie. "Nur ihre strukturelle Exklusion kann die Autonomie des gesellschaftlichen Teilsystem Sozialarbeit widerlegen." (S. 196). Merten beschäftigt sich mit der Frage der "Daseinsnachsorge", von Luhmann und Baecker geprägt, die der Kompensationsgedanke innehat. Dieser Gedanke, ebenso wie die "Exklusionsverwaltung" scheint ihm irreführend zu sein. Statt Kompensation der Nichtteilhabe geht es in der Sozialen Arbeit vielmehr um die Ermöglichung der Teilhabe in sämtlichen ausdifferenzierten Funktionssysteme. In einem Resümee skizziert Merten den Verlauf der Dimensionen der Sozialen Arbeit. Die rasante Entwicklung der Sozialen Arbeit, die neue Diskussion um soziale Inklusion, die institutionelle Organisierung, die professionelle Betreuung und schließlich die akademische Etablierung sind die Etappen dieser Dimensionierung.

Der letzte, vierte Teil präsentiert uns ein Systemtheorie in der Kontroverse und zeigt Grenzen und Alternativen. Mit zwei Beiträgen melden sich hier die energischen Vertreter der "Zürcher Schule", und ein Beitrag behandelt den Systembegriff von Jürgen Habermas.

Werner Obrecht formuliert seinen Beitrag unter dem Titel: "Soziale Systeme, Individuen, soziale Probleme und Soziale Arbeit. Zu den metatheoretischen, sozialwissenschaftlichen und handlungstheoretischen Grundlagen der 'systemischen Paradigmas der sozialen Arbeit'" (Seiten 207-224). Zuerst lesen wir eine Apologie des emergentistischen Systemismus von Mario Bunge – einem kanadischen Sozialphilosoph, der außerhalb der Züricher Kreise im deutschen Sprachraum den meisten Theoretikern der Sozialen Arbeit unbekannt zu sein scheint. (Der Rezensent hatte in der schon boomenden Literatur in Bezug auf Systemtheorie und Sozialer Arbeit kein einziges Zitat von Bunge gefunden). Obrecht hat es sich zur Pflicht gemacht, die Bungesche Theorie zu interpretieren. Ein Paradebeispiel seiner apologetischen, oft schon die Polemik berührenden Bemühung sind die "zehn elementaren Hypothesen" (S. 210). Es ist natürlich sein gutes Recht, die für ihn plausibel erscheinende Theorie zu vertreten und diese als eine der Systemtheorien für die Soziale Arbeit zu akzeptieren. Niklas Luhmann hat auch in vielen seiner Büchern darauf hingewiesen, seine Systemtheorie sei eine mögliche Erklärung der sozialen Realität und seine Interpreten finden dabei auch Schwachpunkte (z.B. Merten der Inklusion/Exklusionscode oder Stichweh die Vernachlässigung der Ort und Raumbegriff, siehe dazu Stichweh 1998, 341-358). Die härteste Kritik gegen Luhmann erscheint in einer Fußnote (S. 214), in der die sozialen Systeme als konkrete, aus Individuen (nicht aus Rollen, Handlungen oder Kommunikationen) bestehende Entitäten dargestellt werden. Die Kommunikation – so Obrecht – ist eine Beziehung, ein Vorgang. Luhmanns Kommunikationsbegriff etikettiert er als idealistisch, holistisch und eventistisch (?). Der ontologische Systemismus von Bunge steht also unversöhnlich gegenüber der autopoietisch-konstruktivistischen Systemtheorie von Luhmann. Der Rezensent fand in der Auslegungen von Obrecht über soziale Probleme (S. 218) auch für "Luhmannisten" sehr brauchbare Gedanken – trotz der prinzipiellen Unversöhnlichkeit beider Theorien. Ist dies ein Beweis dafür, dass die postmoderne Sozialarbeitswissenschaft sich nicht aus nur einer Theorie nährt, sondern die Theorievielfalt ernst nimmt?

Im vorletzten Beitrag des Buches hat Silvia Staub-Bernasconi eine sehr direkte, punktuelle Kritik an Luhmann Machtheorie vorgenommen (Machtblindheit und Machtvollkommenheit Luhmannscher Theorie) (Seiten 225-242). Sie beschreibt korrekterweise die Luhmannsche Machtkonzeption, allerdings ohne auf die von Luhmanns gestellte, gar nicht rhetorisch gestellte Frage genügend hinzuweisen: Gibt es zu wenig oder zu viele Macht in der modernen Gesellschaft? Gerade der Anschlag des globalen Terrorismus auf das WTC in New York bestätigt die Befürchtung von Luhmann, dass die demokratische (Staats)Macht ihre eigenen Möglichkeiten nicht realisieren kann. Die Machtblindheit bei Luhmann besteht – so Staub-Bernasconi – in der Annahme der Unkenntnis der Machtcode der Unterworfene und in der nichtbenutzten Machtcode der Machthaber (S. 228). Ihre eigene Unterscheidung in Behinderungsmacht und Beschränkungsmacht holt den Machtbegriff von der politischen-theoretischen Ebene herunter auf die sozialarbeiterisch-konkrete Ebene. Damit will sie ein brauchbares Instrument in die Hände der Praktiker geben (Staub-Bernasconi, 1986). Sie wirft Luhmann fehlende empirische Beweise seiner Machttheorie vor. "Diese von der Sozialarbeitern oft gehörte Kritik an Luhmanns Machtkonzept ist nur teilweise berechtigt. In seinem Buch über die Macht, besonders in letzten Kapitel (organisierte Macht) werden in vier Punkten die Machtverhältnisse in Organisationen erörtert. Organisationen (auch sozialarbeiterische) sind Entscheidungsträger, aber auch Entscheidungsvorbereiter" (Bango 2001, 164-180). Es gibt Möglichkeiten, Macht zu reformulieren oder zu eliminieren durch Konvertieren, durch die Unterscheidung Organisationsmacht/Personalmacht und durch Kontrollmöglichkeiten. Der alltägliche Aufbau und Einsatz von Macht in Organisationen gehört zur Mikropolitik (s. dazu Boschetzky 1972 und Neuberger 1995). Durch das Beispiel des Abkommens der Welthandelsorganisation (Seiten 232-237) versucht Staub-Bernasconi in einem scharfen, polemisierenden Ton zu beweisen, dass die Luhmannsche Machttheorie auf die Sozialarbeit projiziert, unbrauchbar ist. Sie kritisiert schließlich die Parasit-Metapher (Luhmann, Baecker, Serres, Bardmann) und mahnt einen "verantwortlichen Gebrauch von Metaphern" besonders in der Sozialen Arbeit an (S.239).

Der letzte Beitrag von Joachim Nocke und Leonie Breunung trägt den Titel: "Die Systeme und die Lebenswelt der Sozialarbeiter" (243-266). Die erfolgreichste Ideenlieferantin zur lebensweltlichen, praktischen Soziale Arbeit war die Frankfurter Schule. Es ist fraglich ob sie für die Sozialarbeitswissenschaft diese Position noch weiterhin behält, zumal konkurrierende Theorien erfolgsversprechender die Szene betreten haben. Die Debatte System/Lebenswelt ist inzwischen zu einer Scheindebatte geworden. Dies sehen die Autoren des Beitrages ebenfalls so, indem sie feststellen, dass der System/Lebenswelt-Unterschied falsch ist (S. 250). Die Lebenswelt als normativ konsensorientierte, kommunikative Verständigung bleibt in der Sozialen Arbeit für die Praxis ein Leitprinzip, weil eben die Praxis konstatiert, dass die sozialen Ungleichheiten trotz funktionaler Differenzierung der Gesellschaft geblieben sind. Beide, Lebenswelt und System existieren gleichrangig sozusagen in der sozialen Realität. Die Konklusion der Beitragsautoren ist entsprechend logisch, und besonders aus der Sicht der Kommunikationstheorie treffend: "Die Lebenswelt ist die Summe nicht funktionsspezifisch beschränkter Kommunikationen" (S.254).

Das Buch "Systemtheorie Sozialer Arbeit" erweist sich als wertvoller Beitrag zu der neuen Sozialarbeitswissenschaft. Thomas Kuhn (1993) unterscheidet zwischen "normalen" und "außergewöhnlichen" Wissenschaften. Die normale Wissenschaft beschreibt die langsame Akkumulation von Wissen, die kleine Veränderungen und scheut die neuen, überraschenden Theorien. Aus dieser wissenschaftstheoretischen Perspektive gesehen gehört die Sozialarbeitswissenschaft zur Kategorie der "außergewöhnlichen" Wissenschaften, weil sie Durchbrüche produziert, die die Beobachtung und Reflexion der Sozialen Arbeit fundamental verändern. Die alten, von anderen etablierten Sozialwissenschaften "ausgeliehen" Paradigmen (z.B. Devianzthese, Subkultur- und Schichtungstheorie) sind nicht mehr brauchbar, und gerade die Systemtheorie schlägt neue Modalitäten der Beobachtung und der Reflexion vor. Die in diesem Buch geschilderten Debatten um die Frage, ob Soziale Arbeit ein (und welches?) ausdifferenziertes Funktionssystem der Gesellschaft ist, sind die ersten Gehversuche der "außerordentlichen", postmodernen (sogar postglobalen) sozialarbeiterischen Wissenschaftskonstruktion.


Literatur:

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Der Autor:

Prof. Prof. h. c. Dr. Jenö Bango

  • Geb. am 3.1.1934 in Szombathely (Ungarn) (seit 1967 belgischer Staatsbürger). Aufgewachsen in Budapest. Studium der Theologie bis 1952 in Esztergom, bis 1956 in Wien. Danach Soziologiestudium an der Katholischen Universität Löwen (Belgien), 1963. Lizenziat der Politischen und Sozialen Wissenschaften im Fach Soziologie. 1973 Pomotion zum Dr. rer. soc in Löwen. Berufstätigkeiten in Belgien, Zaire und der Schweiz, 1979 – 1982 Professor an der Fachhochschule Düsseldorf. Seit 1986 – 1999 (bis zu seiner Pensionierung) Professor für Soziologie und Methoden der empirischen Sozialforschung an der Katholischen NRW, Abteilung Aachen.
  • Er widmete einen Teil seiner Lehrtätigkeit der Analyse der luhmannschen Systemtheorie bzw. deren Anwendung in der Sozialarbeitswissenschaft. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel.
  • Seit 1990 ist er aktiv bei der Gestaltung der Ausbildung von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen in Ungarn. 1996 wurde er Honorarprofessor an der "Vitéz János", der Römisch Katholischen Pädagogischen Hochschule in Esztergom (Ungarn). Seit 1999 ist er "senior professor” für Soziologie an der Universität "Eötvös Loránd” in Budapest. Er organisierte 2000 die erste Gedächtnistagung Niklas Luhmann in Budapest.


Veröffentlichungsdatum: 20. Mai 2002


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