Irritation als Plan

Konstruktivistische Einredungen

Theodor M. Bardmann, Heinz J. Kersting, Hans-Christoph Vogel, Bernd Woltmann (Februar 1991)


Inhalt

Vorwort

Der zweite Doppelpunkt (Theodor M. Bardmann)

Organisationen (Hans-Christoph Vogel)

Planen, Autopoiese und Sozialpädagogik (Bernd Woltmann)

Intervention (Heinz J. Kersting)


Vorwort

Auf der Suche nach einem geeigneten Titel für die in diesem Band zusammengestellten Aufsätze einigten wir uns darauf, eine Formulierung zu wählen, die nach konventionellem Verständnis einen Widerspruch zum Ausdruck bringt. "Irritation als Plan" vereinigt zwei Prinzipien, die wir gewöhnlich als gegenläufig begreifen: Pläne werden gemacht, um Unsicherheiten zu absorbieren, um eine Wirklichkeit, die von einem Überschuss an Möglichkeiten gekennzeichnet ist, auf ein erwartbares und handhabbares Maß zurechtzustutzen. Pläne sollen orientieren helfen, sollen sagen, was wann von wem wie zu machen ist. Pläne sollen Irritationen verhindern.

Irritation meint demgegenüber Störung, meint Abweichung von Erwartungen, von solchen, die sich im Laufe der Zeit entweder recht zufällig ergeben haben oder von solchen, die in der Form von expliziten Plänen entwickelt wurden. Die Irritation planmäßiger Erwartungen kann Planern gewöhnlich nur als Negativum erscheinen. Irritationen verärgern sie, weil sie die gewünschte und anvisierte Ordnung in Unordnung zu bringen drohen. Sie werden gemieden (oder gar verboten), weil sie das Chaos, das man durch Pläne zu beherrschen bemüht ist, heraufbeschwören. Nach konventionellem Verständnis ist deshalb jeder Plan eine Kampfansage an die Irritation und jede Irritation eine Provokation für die Planer.

In den hier vorgelegten Aufsätzen wird von diesen Vorstellungen abgewichen. Jeder Aufsatz dokumentiert auf seine Weise ein "gestörtes Verhältnis" zu den konventionellen Denkmustern. Es wird, in der Hoffnung, klassische Planer damit zu irritieren, davon ausgegangen, dass es Sinn macht, Irritationen nicht länger nur als negative Störgrößen zu verhindern und zu bekämpfen, sondern sie als konstitutive Momente menschlichen Lebens und sozialen Zusammenlebens ernst zu nehmen. D.h. es wird dafür plädiert, die Mehrdeutigkeit von Irritationen anzuerkennen, sie mithin als durchaus positive Größen im Sinne von Lern- und Veränderungschancen zuzulassen, mehr noch, einzusehen, dass Irritationen eine Art 'Lebenselixier' sind, eigentlich Reizmittel, die verhindern, dass Menschen in einmal erzeugten Wirklichkeitskonstrukten erstarren, die anregen, weiter zu machen, umzudenken, hinzuzulernen, auszuprobieren und zu erkunden.

"Irritation als Plan" ist in diesem Sinne nicht länger widersprüchlich. Die Widersprüchlichkeit, die ein konventionelles Irritations- und Planungsverständnis zu erkennen glaubt, lässt sich, wie dieser Band zeigen wird, auflösen. "Irritation als Plan" ist auch nicht länger als irritierend zu begreifen. Wie sich der Widerspruch als scheinbarer auflösen lässt, so lässt sich auch die Irritation, die ein gängiges Denken beschleichen mag, auflösen und mithin in Inspiration verwandeln, indem man den konventionellen theoretischen Bezugsrahmen des Redens über Planung und Irritation wechselt. Dieser Wechsel ist in allen hier vorgestellten Aufsätzen vollzogen. Die Autoren sind aus der traditionell ontologischen Denktradition alteuropäischer Prägung ausgeschert und berufen sich, aus sehr unterschiedlichen Quellen schöpfend, auf konstruktivistische Denk- und Interpretationsmuster. Der Konstruktivismus ist ein in seiner Bedeutung für Theorie und Praxis bei weitem noch nicht ausgereiztes Paradigma. So sind auch die hier vorgestellten Beiträge als Versuche zu sehen, die konstruktivistische Erkenntnistheorie auf ihre Anwendbarkeit zu prüfen. Die Autoren dieses Bandes treffen sich in der Prämisse, dass Wirklichkeit schlechthin, wie Planungswirklichkeit im Besonderen, ein Produkt individueller wie sozialer Konstruktionsleistungen ist, dass Wirklichkeit, radikal formuliert, nichts weiter ist als eine Fiktion, eine Fiktion allerdings, die sehr harte, um nicht zu sagen 'reale' Konsequenzen hat. Welche 'reale Realität' auch immer hinter unseren konstruierten Wirklichkeiten liegen mag, sie bleibt uns als erkennende Wesen kognitiv unzugänglich. Unser Erkennen vollzieht sich in der Art einer 'blinden Operation', denn alles was wir zu erkennen meinen,, sind letztlich Selbst-Erkenntnisse, Einsichten aufgrund eigener Sichtweisen, Beobachtungen aufgrund eigener Beobachtungsergebnisse. Deshalb ist es entscheidend wichtig, will man etwas über die Welt erfahren, die eigene Weltsicht auf die Probe zu stellen, zu sehen, ob sie "passt", und wo nicht, neue Entwürfe anzufertigen.

Von diesen konstruktivistischen Kerngedanken ausgehend wurde am Fachbereich Sozialwesen der FH Niederrhein in Mönchengladbach ein interdisziplinärer Arbeitskreis eingerichtet, der sich zur Aufgabe machte, die theoretischen wie praktischen Konsequenzen konstruktivistischen Denkens in unterschiedlichen, für die Sozialarbeit und Sozialpädagogik relevanten Feldern zu erforschen. An den laufenden Diskussionen und Kolloquien beteiligen sich Vertreter der Disziplinen Organisations- und Verwaltungswissenschaften, Methodik und Didaktik, Pädagogik und der Soziologie sowie interessierte Praktiker aus dem Bereich der sozialen Arbeit. Das Forschungsprojekt "Konstruktivismus in der sozialen Arbeit" wird von der Fachhochschule Niederrhein finanziell gefördert. Die ersten Ergebnisse werden in diesem Band einer breiteren Öffentlichkeit zur Diskussion angeboten.

Der erste Beitrag dieses Bandes problematisiert die herrschenden Vorstellungen über politische Steuerung aus soziologischer Sicht. Theodor M. Bardmann greift in seinem Beitrag "Der zweite Doppelpunkt – Systemtheoretische und gesellschaftstheoretische Anmerkungen zur politischen Steuerung" auf Überlegungen, zurück, wie sie von Niklas Luhmann ausgearbeitet wurden, um die gängigen Steuerungsvorstellungen als "grandiose Irrtümer" zu entlarven. Grundsätzliche Probleme der politischen Steuerung, wie sie unschwer auch für den Sonderfall der Sozialpolitik ableitbar sind, werden vorgestellt und vorrangig als Folge von Theoriedefiziten diskutiert. Vor dem Hintergrund der modernen Systemtheorie wird den Steuermännern und (noch deutlich unterrepräsentierten) –frauen auf dem Feld politischer Entscheidung angeraten, sich gründlicher als bisher über die Möglichkeiten und Grenzen politischer Einflussnahme aufzuklären, einerseits einen überzogenen Steuerungsoptimismus zu zügeln, andererseits einen schärferen Blick für die Komplexität und Vernetztheit von Steuerungszusammenhängen zu entwickeln.

Hans-Christoph Vogel konzentriert sich in seinem Beitrag "Organisationen – Rationalistisches und Konstruktivistisches zum Planungsprozess" auf Planungsprobleme auf organisatorischer Ebene. Nachdem der Rationalitätsmythos organisatorischer Sozialsysteme als eine eigenwillige, mithin auch unbrauchbare und riskante Einredung klassischer Organisationsgestalter aufgedeckt ist, entwickelt der Autor ein Planungsverständnis, das Planung als eine selbstreferentielle Operation in autopoietischen Systemen begreift. Ein solches Verständnis weist selbst noch ein systemisches, auf Komplexitätssteigerung abzielendes Planungsverständnis als mögliche 'Lösung' der Planungsprobleme zurück, denn das eigentliche Problem lauert in der prinzipiellen Nichterkennbarkeit der Wirklichkeit, darin, dass auch die Planung nur rekursiv auf ihre selbsterzeugten Daten reagieren kann. Planung als organisatorische Funktion kann diese Daten aufnehmen und in irritierender Weise zurückspiegeln.

Der Beitrag "Planen, Autopoiese und Sozialpädagogik" ist ein erster Teil einer noch zu konstruierenden, umfassenderen Theorie didaktischer Wirklichkeitskonstruktion. Er liefert theoretische Erklärungen zur Problematik der Planbarkeit sozialpädagogischer Prozesse aus der Sicht des radikalen Konstruktivismus, wie er im biologischen Autopoiesekonzept, vertreten vor allem von Humberto Maturana und Francesco Varela, begründet wird. Die Arbeit skizziert einige aus dieser Interpretation resultierende Konsequenzen für die Praxis (sozial)pädagogischen Planens. Zu diesem Zwecke gibt Bernd Woltmann auf der Grundlage von Primärliteratur eine ausführliche und zusammenhängende Einführung in diesen Ansatz. Im Rahmen seiner kritischen Würdigung gängiger didaktischer Arbeiten befasst er sich mit der sogenannten normativen Didaktik, um in seinen Konsequenzen schließlich Ausblicke auf eine 'konstruktivistische Ethik' für die Sozialpädagogik zu liefern.

Heinz Jürgen Kersting befasst sich im letzten Teil dieses Bandes in seinem Beitrag "Intervention – die Störung unbrauchbarer Wirklichkeiten", mit Vorgehensweisen, deren sich Planer und Berater bedienen können, um psychische oder soziale Systeme in ihrer Autopoiese unbrauchbarer Wirklichkeiten zu stören. Selbstreferentiell arbeitende Systeme lassen sich durch Interventionen nicht instruktiv verändern, sondern allenfalls in ihrer Wirklichkeitskonstruktion irritieren. Der konstruktivistische Interventionist greift dazu gerne die Geschichten seiner Ratsuchenden auf, hört sie auf seine Art (selbstbezüglich) an und konfrontiert diese mit seiner veränderten Version der "alten" Geschichte. Er beobachtet und beschreibt, was sein Gegenüber mit dieser Geschichte macht: das ist die Geschichte, die sich der Berater selbst schreiben muss und die er dann "Intervention" nennt.

Möchengladbach/Bagdad
Februar 1991


Vorwort

Der zweite Doppelpunkt (Theodor M. Bardmann)

Organisationen (Hans-Christoph Vogel)

Planen, Autopoiese und Sozialpädagogik (Bernd Woltmann)

Intervention (Heinz J. Kersting)


Der zweite Doppelpunkt

Systemtheoretische und gesellschaftstheoretische Anmerkungen zur politischen Steuerung

von Theodor M. Bardmann
(erstes Kapitel des Buches Irritation als Plan - Konstruktivistische Einredungen, Kersting Verlag, Februar 1991)

Der alte Spruch "Der Mensch denkt, Gott lenkt" hat seine eindeutige Bedeutung, nämlich die, dass es hier um einen Fall von ‘Arbeitsteilung' geht, verloren, seit jemand auf die Idee kam, das Komma durch einen Doppelpunkt zu ersetzen. "Der Mensch denkt: ‘Gott lenkt,'" hieß es danach und damit zerbrach die alte Verbindung zwischen dem Menschen und seinem Gott. Der Mensch konnte sich in seinem Tun nun nicht mehr darauf verlassen, dass der allmächtige Gott schon alles zum Rechten führen würde und er, der Mensch, sich nur dem göttlichen Plan anzuvertrauen habe. Er musste nunmehr in all seinem Handeln in Rechnung stellen, dass Gott, Schöpfer und Steuermann des Universums, vielleicht nicht mehr ist als ein Produkt seines menschlichen Bewusstseins, ein Phantasiegebilde, eine Einbildung, eine Erfindung oder auch: ein Postulat der Vernunft. Das Komma in dem Satz "Der Mensch denkt, Gott lenkt" ließ noch einen - wenn auch immer unvollständig bleibenden - Blick auf die himmlisch-universelle Lenkungsinstanz zu. Man bekam Gott zwar nie richtig zu sehen, weil dieser in seiner Vollkommenheit unergründlich ist, aber man schaute in seine Richtung. Der Doppelpunkt dagegen musste wie ein Spiegel wirken, in dem der denkende Mensch statt Gottes nur noch den denkenden Menschen zu sehen bekam, sich selbst also, der sich mit einer (oder auch keiner) Idee von Gott im Kopf durch die Welt schlägt.

Unser Doppelpunkt, wann immer er gesetzt wurde, gewann seine Plausibilität frühestens im Zuge gesellschaftlicher Rationalisierungsprozesse, in deren Folge die Welt ‘entzaubert' wurde und alte mythisch-religiöse und kosmologische Weltbilder zerbrachen, um von wissenschaftlichen Erklärungssystemen abgelöst zu werden. Die großen Hoffnungen des 19. Jahrhunderts drückte vor allen anderen Laplace aus, der noch glaubte, die Bewegungsgesetze des Universums aufdecken zu können und Sicherheit in der Welt durch die systematische Erkenntnis der herrschenden Kausalzusammenhänge gewinnen zu können. Die Frage nach Gott und seinem Schöpfungsplan trat im Laufe der Zeit in dem Maße in den Hintergrund, in dem die Erfolge der wissenschaftlich-technischen Revolution dem ‘aufgeklärten' Menschen die Planbarkeit, Gestaltbarkeit und Steuerbarkeit des Weltgeschehens suggerierten. Die Moderne versprach das Zeitalter der wissenschaftlichen Erkenntnis und technischen Machbarkeit zu werden, ein Zeitalter mit hochgesteckten Rationalitätsansprüchen. Die Fäden, die einst in den Händen des allwissenden, lenkenden Gottes zusammenliefen, glauben die Menschen seither weitestgehend selbst in den Händen zu halten. Ihre Steuerungsbemühungen reichen von der Gestaltung des eigenen kleinen Lebensraums bis hin zu Steuerungsmaßnahmen im weltpolitischen Maßstab, von der Planung des Tagesablaufs bis hin zu gesamtgesellschaftlichen Zukunftsplänen, die noch Generationen nach uns beschäftigen werden.

Was spricht dagegen, angesichts der Übernahme der ehemalig göttlichen Lenkungsfunktion in den Dispositionsraum menschlichen Handelns, unseren alten Spruch zu aktualisieren? Müsste es in der heutigen Zeit, da der Mensch sein Schicksal nicht mehr der überirdischen Macht Gottes anvertraut, sondern das eigene ‘mächtige Wissen' heranzieht, um seine Welt zu beherrschen, nicht heißen: "Der Mensch denkt, der Mensch lenkt"? Also Schluss mit der Arbeitsteilung! Und gleich weiter: Müssen wir nicht auch in dem aktualisierten Spruch das Komma durch einen Doppelpunkt ersetzen und damit die Zweifel, die der erste Doppelpunkt gegen eine göttliche Lenkung richtete, nun auch gegen die menschlichen Planungs-, Gestaltungs- und Steuerungsbemühungen richten? Müssten wir nicht auch sagen: "Der Mensch denkt: ‘Der Mensch lenkt.'"?

Wir gehen im folgenden davon aus, dass konkret-historische Erfahrungen in der modernen Gesellschaft die Plausibilität des zweiten Doppelpunkts begründen: Der zweite Doppelpunkt trägt den aktuell geäußerten Zweifeln an dem Rationalitätsanspruch der Moderne Rechnung. Er drückt das prekär gewordene Verhältnis der modernen Gesellschaft zu ihrer selbstproduzierten Wirklichkeit aus: Immer deutlicher wird, dass wir mit unseren rationalistischen Methoden der Weltbeherrschung unsere (Um-)Welt derart verändern, dass wir womöglich in ihr nicht mehr leben können. Der zweite Doppelpunkt steht für die nicht zuletzt durch gesellschaftliche Steuerungsversuche entstandenen, kaum noch zu bewältigenden Steuerungsfolgen. Trotz aller Erfolge und positiven Aspekte des Projekts der Moderne kann der (von Gott und allen guten Geistern verlassene und) durch die Wirkungen seines eigenen Handelns rückbetroffene moderne Mensch die vielen ungelösten, wenn nicht unlösbaren Probleme seiner selbstverschuldeten Wirklichkeit (nicht: ‘selbstverschuldeten Unmündigkeit', denn für die kann er wirklich nichts) nicht mehr übersehen. Dies trifft vor allem auf politische Steuerungsversuche zu, um die es im folgenden gehen soll.

Wir wollen zunächst den Begriff der politischen Steuerung und die an ihn gebundenen Hoffnungen und Problemerfahrungen anreißen (Kapitel 1). Dabei soll deutlich werden, dass die politische Steuerung ein treffendes Beispiel für die Plausibilität unseres zweiten Doppelpunktes liefert, d.h. wir wollen behaupten, dass die uns bekannten Steuerungsvorstellungen "grandiose Irrtümer" (Luhmann 1988a:348) sind, was nicht heißen soll, dass Steuerung unnötig oder unmöglich ist. Sie ist jedenfalls nicht das, was viele denken, oder anders formuliert: Das Denken der Steuerung, die Steuerungstheorie, erfasst nicht, was sie erfassen möchte.

Um die hier lauernden Grundprobleme verständlicher zu machen. werden wir (Kapitel 2) einen sehr allgemeinen Steuerungsbegriff vorstellen. Es sollen dabei in der neueren Systemtheorie entwickelte grundlagentheoretische Überlegungen einfließen, mit denen wir die allgemeinen Voraussetzungen schaffen, um die besondere Problematik politischer Steuerung besser verstehen zu können.

Wir folgen, wie oben bereits angedeutet, der Vorstellung, dass alle Begriffe und Interpretationen, so auch die Begriffe von Politik und Gesellschaft und vor allem auch die uns hier interessierenden Vorstellungen über politische Steuerung, geschichtlich bedingt sind. Das heißt für uns vor allem, daß wir nach einer gesellschaftstheoretischen Begründung politischer Steuerungsprobleme zu suchen haben. Es soll deshalb darum gehen, die soziologische Theorie der funktionalen Gesellschaftsdifferenzierung vorzustellen und herauszuarbeiten, wie sich durch die Aufklärung der Besonderheiten dieses modernen Differenzierungstyps die Ansprüche an politische Steuerungsmöglichkeiten abklären lassen (Kapitel 3).

Schließlich (Kapitel 4) beziehen wir ausführlich Stellung zu unserem zweiten Doppelpunkt, indem wir die Grenzen der Steuerung am Beispiel der Politik vorstellen, Politiker, so unsere Behauptung, denken nur, dass sie steuern. Aber das sagen sie nicht selbst, sondern ihr soziologischer Beobachter. Sie selbst scheinen allzu fest noch im "fundamentalistischen Reservat der richtigen Position" (Redder 1990: 8) zu verharren und sich und ihre Wähler mit der Illusion zu nähren, die ‘wirklichen' Probleme benennen und in den Griff bekommen zu können.

1. Zur politischen Steuerung

Politische Steuerung hat eine doppelte Intention. Sie ist einerseits der Versuch, die positiven Möglichkeiten in der modernen Gesellschaft bewusst und planmäßig auszureizen. Sie steht andererseits für das Bemühen, die mit der Steuerung einhergehenden negativen Effekte zu vermeiden bzw. in Grenzen zu halten. So wird in der modernen Gesellschaft zweierlei zugleich versucht: man will durch Steuerung für den Fortschritt sorgen und dabei zugleich den anfallenden "Fortschrott" (Tinguely) vermeiden oder so gut als möglich ‘entsorgen'.

Die Politik hat mit ihren Steuerungsaufgaben eine ausgesprochen undankbare Rolle übernommen. Von ihrer Steuerungsleistung erwartet man die Lösung der meisten anderswo nicht lösbaren Probleme, so, wenn man ihr die Funktionsweise zu kompensieren. Der Staat hat nach diesen Vorstellungen die durch eine ‘wilde' Wirtschaft angerichteten Schäden zu reparieren, um damit nicht nur die Wirtschaft am Laufen zu halten, sondern letztendlich auch die ‘gesamtgesellschaftliche Ordnung' zu garantieren. Steuerungszumutungen werden nicht nur in bezug auf die Wirtschaft, sondern auch in bezug auf andere gesellschaftliche Bereiche an die Politik gerichtet. So soll die Politik durch ihre Entscheidungen etwa dafür sorgen, dass wissenschaftliche Erkenntnis in freier Forschungstätigkeit garantiert wird, sie soll mit ihren Planungen eine schöpferische Kunst- und Kulturwelt ermöglichen und unterstützen, sie soll chancengleiche Erziehungs- und Ausbildungsverhältnisse ermöglichen, sie soll soziale Ungleichheiten abbauen helfen, sie soll medizinische Vorsorge und Versorgung im Alter und in Krankheitsfällen sicherstellen, sie soll außenpolitische Beziehungen so gestalten, dass ein Leben in Frieden und Freiheit möglich ist etc. Nach verbreiteter Meinung der Bürger und politischer Interessensgruppen soll die Politik dies alles erreichen, und sie selbst verspricht, diesen Appellen des Sollens praktisch nachkommen zu können. Es ist eine Situation entstanden, die die Politik durch massive arbeitsmarkt-, bildungs-, konjunktur-, kultur-, sozial- oder strukturpolitische Steuerungsversprechen und -maßnahmen (um nur einige zu nennen) selbst mitproduziert hat. Die Politik hat sich zum Hauptadressaten gesellschaftlicher Steuerungswünsche gemacht. Sie hat, gewollt oder ungewollt, die Führungsrolle und Zentralverantwortung für gesellschaftliche Entwicklungen auf sich gezogen, und da sie faktisch nicht kann, was sie können müsste, jongliert sie zwischen Versprechen und Enttäuschung und hält sich durch das Auswechseln von Garnituren (Personen, Programmen, Parteien) über Wasser.

Der überschwängliche Steuerungsoptimismus der späten 60er und frühen 70er Jahre ist in den 80ern, zumindest was großangelegte Globalsteuerungsmaßnahmen betrifft, einem deutlichen Steuerungspessimismus gewichen. Die Angleichung der Bildungschancen, sozialverantwortliche, keynesianisch-orientierte Marktwirtschaft, Wohlfahrtsstaat, allgemeine Demokratisierung, Infrastrukturpolitik mit ihren Sorgenkindern Energiepolitik und Wohnungsbau sind Beispiele von Großsteuerungsprojekten, die hoffnungsvoll begannen und sich mit der Zeit im Dickicht ihrer eigenen Implementierung festgefahren haben. Wenn es in dieser Situation noch Steuerungshoffnungen zu finden gibt, dann in der Vielzahl von Kleinsteuerungsprojekten, die auf Dezentralität und Überschaubarkeit setzen.

Vor allem an der ‘ökologischen Krise' schwindet das Vertrauen in staatliche Steuerungskompetenzen. In seinem Buch "Gegengifte" (Beck 1988) zeigt Ulrich Beck [vgl. auch Beck (1986)] die Risiken der herrschenden Gefahrenverwaltung durch die Staatsinstanzen auf. Er spricht von der ‘organisierten Unverantwortlichkeit' und den hochriskanten Trends politischer Institutionen, Gefahren zu normalisieren, sie in bürokratischer Manier mehr zu verdecken als aufzuhellen. Niklas Luhmann richtet sich in seinem Buch "Ökologische Kommunikation" (1986) nicht nur gegen die "hin und wieder überbordende Steuerungsmanie", d.h. gegen die Schaumspitzen der Steuerungswellen. Er bleibt auch nicht dabei stehen, die zahlreichen ‘Unfälle' politischer Steuerung aufzulisten und zu beklagen. Seine Kritik richtet sich weit grundsätzlicher gegen die fast jeder derzeitigen Steuerungspraxis zugrundeliegende Vorstellung, im Besitz einer Steuerungstheorie zu sein. Für Luhmann hat sich weder ein auf Herrschaft und Gewalt rekurrierender, technokratischer, noch ein auf Partizipation und Mitbestimmung setzender, demokratischer Steuerungswille hinreichend über die Bedingungen der eigenen Möglichkeit aufgeklärt, so daß beide die Grenzen des Möglichen nicht deutlich genug erfassen. Mit einer solchen Äußerung trifft Luhmann nicht nur die Steuerungspraxis des politischen Alltags, sondern zugleich auch das Selbstbewusstsein der politikwissenschaftlichen Theorie, denn deren angestammte Aufgabe wäre es, das ‘Politik-machen' zu reflektieren, das hieße: über die Grenzen des Machbaren aufzuklären.

Die politische Steuerungspraxis hat, wie jeder weiß, ihre beklagenswerten Defizite, ihre Fehlplanungen und Fehlentscheidungen, ihre negativen und nichtintendierten Effekte, ihre Nebenfolgen und Vollzugsdefizite. Wir können uns tagtäglich, falls uns die in den Nachrichten verbreiteten Absichtserklärungen und Versprechungen der Politiker nicht reichen, über kritische Kanäle darüber informieren, was alles trotz drängenden Bedarfs nicht geregelt und entschieden wird, was zwar geregelt wird, aber unvollständig bleibt, was in die ‘falsche' Richtung geht, was bei der Implementierung scheitert oder sich gar ins Gegenteil wendet. Im politischen Diskurs stehen hierfür Themen wie "Staatsversagen", "Unregierbarkeit", "Krise der Staatsfinanzen", und die Entstehung "Neuer sozialer Bewegungen", die gegen politische Steuerungsentscheidungen des parlamentarischen Systems protestieren.

Statt sich im Dschungel praktischer Misssteuerungsfälle zu verlieren, wollen wir uns im folgenden auf die Kritik der Steuerungstheorie konzentrieren, die die politische Praxis derzeit recht hilflos begleitet. Wir lehnen uns in unserer Argumentation sehr eng an Luhmanns Beiträge zur Steuerungsdiskussion an (vgl. Luhmann 1983b, 1987, 1988a, 1989). Die Kritik soll die in der Praxis oft scheiternde Theorie irritieren, in ihr ‘Perturbationen' auslösen, die hoffentlich zu einer für die Praxis brauchbareren Theorie führen. Dazu ist bei den grundlegenden Prämissen des Steuerungsverständnisses anzusetzen.

2. Zum allgemeinen Steuerungsbegriff

Nach gängigem Verständnis wird Steuerung als Steuerungshandeln begriffen, d.h. der vorherrschenden Steuerungstheorie sind handlungstheoretische Prämissen unterlegt.

Die Handlungstheorie ist ein akteurbezogener Ansatz, der gesellschaftliche Phänomene aus der Perspektive eines Handlungssubjekts zu erfassen versucht, sei es der individuelle oder der kollektive, organisierte oder korporative Akteur. Das führt zu der Vorstellung, dass das soziale Handeln durch eine irgendwie geartete einheitliche Identität und Situationsdeutung, oder aus einem irgendwie gearteten einheitlichen Interesse heraus geordnet, ausgewählt, sortiert und verbunden wird. Handlungszusammenhänge gehen nach dem Verständnis eines akteuerbezogenen Ansatzes letztendlich immer auf handelnde Subjekte zurück. Übersimplifizierend könnte man sagen, soziale Zusammenhänge entstehen dadurch, dass Personen sich an die Hand(lung) nehmen, um Paare, Gruppen, Verbände, Organisationen und schließlich Gesellschaften zu bilden.

Die Systemtheorie dagegen gibt den Bezug auf den Akteur auf und ersetzt ihn durch den abstrakteren Bezug auf das System. Die Vorstellung ist die, daß nicht ein Akteur, sondern das System bzw. die Handlung selbst für die Bildung von Handlungszusammenhängen sorgt. Handlungsverknüpfungen entstehen hier nicht über persönliche, psychische Leistungen, sondern aufgrund von sozialen Selbstorganisationsprozessen, die jenseits und quer zu personalen Verknüpfungslogiken und Anschließungsstilen - früher hätte man gesagt: "hinter dem Rücken der Produzenten" - im System immer schon ablaufen. Darin liegt die grundlegende Differenz zwischen Handlungs- und Systemtheorie, dass letztere davon ausgeht, daß Personen zwar durch ihr Verhalten die Bausteine für soziale Systeme liefern, dass es aber nicht das sich verhaltende, personale System ist, das darüber entscheidet, was im System wie identifiziert wird. Die "Bausteinlieferanten" mögen sich freuen oder auch daran verrückt werden, wenn sie beobachten, wie die mit ihren Emotionen befrachteten, mit ihren Gedanken und Ideen angereicherten, mit ihrem Schweiß getränkten, kurz: mit subjektivem Sinn geladenen Handlungen im System ihren intendierten Sinn, ihre von den Personen zugedachte Identität verlieren und ganz anders als gedacht (!) weiterverarbeitet werden.

Menschliches Verhalten gewinnt Zugang zu sozialen Systemen nur als Kommunikation. Kommunikation ist für das Sozialsystem ein unverzichtbarer Baustein, ein notwendiges Ereignis, das aber als solches zunächst nichtssagend, informationsleer und bedeutungslos ist, ein differenzloses Datum, das seine Identität bzw. Qualität erst durch ein bestimmtes System zugerechnet bekommt. Zur Erklärung der ‘sozialen' Bedeutung eines Ereignisses reicht nie der Rekurs auf den ‘subjektiv gemeinten' Sinn aus, denn ohne das soziale System, in dem ein Subjekt operiert, wäre es nicht zur Konstitution des Subjekts als Subjekt gekommen. Ob wir über Ereignisse oder über Subjekte reden, keines von beiden lässt sich ohne den Bezug auf das soziale System hinreichend begreifen.

Für Handlungstheoretiker muss es als Versagen oder Enttäuschung gebucht werden, wenn zielorientiertes Handeln entgleist. Das muss sie selbst aber nicht entgleisen lassen, denn handlungstheoretisch ist man auf konfligierende Interessen und Intentionen als Störfaktoren durchaus vorbereitet. Problematisch wird es für Handlungstheoretiker erst dann, wenn alle Akteure ihr Tun auf das gleiche Ziel ausrichten und trotzdem nicht das herauskommt, was alle wollten. An dieser Stelle muss die handlungstheoretische Politologie spätestens kapitulieren. Exakt hier aber entwickelt die Systemtheorie ihre Leistungsstärke und erklärt das soziale Geschehen durch die Organisation des sozialen Systems, die sich unabhängig von den subjektiven Motiven eines Akteurs geltend macht.

Steuerung ist nach handlungstheoretischen Prämissen als eine Handlung zu begreifen, mit der ein Subjekt entsprechend vorgefaßter Intentionen ein Objekt manipuliert, das ihm irgendwie problematisch erscheint.

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Das Steuerungssubjekt erfährt die Grenzen der Steuerung vor allem

Diese "Effekte des Steuerungshandelns (...) treten ungesteuert auf; sie treten ferner, wenn man einmal die Möglichkeit, Fehler zu machen, beiseite lässt, unsteuerbar auf." (Luhmann 1988a:330) Das zwingt die Handlungstheorie dazu, sie als Nicht-Steuerung auszugrenzen. Nicht-intendierte Effekte sowie sich selbst zerstörende Prophezeiungen sind nicht ins Steuerungshandeln einbeziehbare Momente. (Wären sie einbeziehbar, also steuerbar, gäbe es sie nicht!) Mit der Steuerung als Steuerungshandeln wird m.a.W. nur ein Teil der Gesamtproblematik erfaßt. Es werden relevante Probleme per definitionem ausgegrenzt.

Die Systemtheorie setzt anders an und faßt Steuerung zunächst rein formal als Differenzminimierung. Steuern soll heißen: "Verringerung einer Differenz" (Luhmann 1988a:326) oder auch: Konstruktion neuer Differenzen, die es zu verringern gilt. Störungen oder Ziele werden ausgemacht, auf die hin Systemzustände angenähert werden sollen.

Anders als im handlungstheoretischen Steuerungsbegriff, der immer schon auf einen Steuerungsakteur und ein Steuerungsobjekt hin inhaltlich fixiert ist, neutralisiert der hier vorgestellte, rein formale Begriff von Steuerung als Differenzminimierung in seiner Abstraktheit alle inhaltlichen Orientierungen. Jede menschliche Bewegung auf ein bestimmtes Ziel hin ist in diesem Sinne Steuerung, nämlich der Versuch, Kursabweichungen in der Annäherung zu minimieren. Jeder menschliche Versuch, ein bestimmtes Ziel, z.B. einen Schulabschluss zu erreichen, ist Steuerung, hier: die Minimierung fehlender Leistungsnachweise. Ferner liegt Steuerung vor, wenn Menschen Menschen in ihrem Sinne ‘lenken' wollen, was heißt, dass sie versuchen, ihre Interaktionspartner hart oder sanft auf ihren Kurs zu bringen, indem sie Kursabweichungen korrigieren. Der Zwang, die Nötigung, die Erpressung, der Befehl sind nur die rigiden Formen zwischenmenschlicher Steuerungsversuche. Die Liebe minimiert Differenzen auf ihre Weise. Nicht alle Differenzen werden ‘Opfer der Steuerung'. Es gibt Differenzen, die nicht verringert, sondern ganz im Gegenteil verstärkt werden. Nur bestimmte Unterschiede eignen sich als Steuerungsgegenstand, andere würden, bezöge man sie in die Steuerung mit ein, die Steuerung selbst ad absurdum führen. Man denke etwa an die Differenz von System und Umwelt, die Voraussetzung dafür ist, dass ein System sich überhaupt anschickt, zu steuern. Mit der Minimierung dieser Differenz ginge das ‘Objekt' der Steuerung verloren (mithin auch das ‘Subjekt'). Man denke weiter an die Differenz von wahr und unwahr. Was wäre, wenn sie aufgehoben würde? Mit welchem Anspruch könnten Steuerungsversuche dann noch vertreten werden? Kurz: Jede Steuerung ist bei ihrem Differenzminimierungsversuch auf konstant (und vielleicht auch latent) bleibende Differenzen angewiesen (vgl. Luhmann 1989:5).

Der Mensch will mithin nicht nur sein Auto, seine Karriere oder einen anderen Menschen lenken, sondern auch soziale Zusammenhänge steuern, z.B. versuchen Lehrer Schulklassen und Therapeuten Familien zu steuern, Manager wollen Organisationen steuern und Politiker mithin die Gesellschaft (oder wenigstens Ausschnitte der Gesellschaft). Der hier vorgeschlagene Steuerungsbegriff bezieht sich auf die ganze Breite dieser inhaltlich sehr unterschiedlichen Manipulationsversuche.

Wir erweitern unser Steuerungsverständnis, indem wir Steuerung nicht nur als eine Differenzminimierungsstrategie fassen, sondern darüber hinaus als eine rein systeminterne Operation begreifen. Es wird so mit der handlungstheoretischen Prämisse gebrochen, dass stets ein Mensch, ein Subjekt, ein Akteur als Steuerungsinstanz anzunehmen ist. Demgegenüber ist in einem systemtheoretischen Steuerungsverständnis stets ein System als Referenz für Steuerungsoperationen anzugeben. Steuerung im Sinne der Verringerung einer Differenz findet zwar auch in Subjekten, sprich: Menschen, statt, aber auch in technisch-maschinellen, physikalisch-biologischen oder sozialen Systemen. Der ‘Steuerungsakteur' wird aus dieser Sicht zu einem Teil des Systems, in dem gesteuert wird, in dem er selbst wo möglich zu steuern versucht. Das steuernde ‘Subjekt' wird nicht mehr vom zu steuernden ‘Objekt' getrennt, beide werden gedacht als integrale Bestandteile eines sie einbeziehenden Systems. Aus der Sicht eines systemtheoretischen Beobachters steht der Lehrer nicht mehr vor seiner Schulklasse, der Therapeut nicht mehr neben oder hinter seiner Familie, der Manager steht nicht mehr über der Organisation und der Politiker nicht mehr außerhalb der Gesellschaft, sie alle sind in den Systemen, die sie lenken möchten, ihre Steuerungshandlungen sind systeminterne Operationen.

Der Thermostat als klassisches Beispiel technischer Steuerung ist Teil des Wärmesystems, das mit Hilfe seiner Operationen funktioniert (bzw. nicht funktioniert). Das vegetative Nervensystem als Glanzstück biologischer Steuerung ist Teil des menschlichen (oder tierischen) Organismus, der mit Hilfe seiner Operationen überlebt (oder stirbt). Die Steuerungsakteure und -instanzen sozialer Steuerung sind Teile der sozialen Systeme, die sich mit Hilfe ihrer Operationen in eine Richtung entwickeln, die nicht mit den von den Subjekten gewünschten Richtungen übereinstimmen muss.

Erst mit dem Wechsel der Referenzebene, dem Austausch von Akteurs- und Systemperspektive, geraten die für die Steuerung wesentlichen Kausalschleifen und Wechselwirkungen in den Blick. Das sei hier nur in Form von Fragen angedeutet: Kontrolliert der Thermostat die Temperatur des Raumes oder bringt die Raumtemperatur den Thermostaten zum Anstellen bzw. Abstellen der Heizung? Konditioniert der Experimentator mit seinem Füttern das Verhalten der Laborratten oder steuern die Ratten durch ihr Verhalten seine Fütterungen? Drängen die polizeilichen Maßnahmen die RAF in den Hinter- bzw. Untergrund oder provoziert die RAF die polizeilichen Maßnahmen? Hat in der Golfkrise der Irak die Alliierten zum Eingriff gezwungen, oder hat die Politik der Alliierten den Irak zu seinem Verhalten bewegt? Fragen dieser Art lassen erahnen, dass erst durch eine erweiterte Systemperspektive Rückbetroffenheiten in den Blick geraten, die in subjekt/objekt-isolierende, linear-kausale Betrachtungsweisen unterbelichtet bleiben, obwohl sie für die Steuerungspraxis mithin fatale Folgen zeitigen.

Wendet man den Blick vom Steuerungsakteur auf das System, in dem gesteuert wird, hat man im Falle von sozialer Steuerung zunächst festzustellen, dass sie in Sinnsystemen stattfinden. Soziale Steuerung meint die Verringerung von Sinndifferenzen, z.B. die Verringerung der Ungleichheit zwischen Mann und Frau, des Wohlstandsgefälles zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, der Unterschiedlichkeit von Stadt und Land, der Differenzen von arm und reich, gesund und krank, gebildet und ungebildet, etc. Sinndifferenzen dieser Art sind soziale Konstrukte. Es sind Selektionsleistungen, die ihre Relevanz nur bezugsgruppen- und situationsspezifisch gewinnen. Die Semantik der politischen Praxis verdeckt in der Regel die Kontingenz der Unterschiede, die sie verringern möchte, indem sie die Bearbeitung ihrer Differenzen als absolut geboten darstellt. Unser Verweis darauf, daß soziale Steuerung in Sinnzusammenhängen stattfindet, soll hervorheben, dass die Steuerung sich nicht nur mit Fragen des Wieviel und Wiewenig der Annäherung zu befassen hat, sondern auch mit Fragen des Auswählens und Auswechselns von zu steuernden Unterschieden.

Weiterhin ist festzustellen, dass neben den Auswahlen, Auswechslungen und Differenzminimierungsversuchen noch ganz andere Operationen im System ablaufen. Wesentlich für die Steuerung ist z.B. die Beobachtung. Beobachten heißt, eine Unterscheidung zum Zwecke der Informationsgewinnung verwenden. In mindestens dreifacher Weise ist die Beobachtung für Steuerung in sozialen Systemen relevant:

Jede Steuerung setzt die Beobachtung voraus. Beobachtung ist nicht schon Steuerung, obwohl mit der Beobachtung für die Steuerung vieles vorentschieden ist. Beides sind Formen der Unterscheidungsverwendung, doch Steuerung unterscheidet sich von der Beobachtung dadurch, dass sie Differenzen verändern, minimieren und im Idealfall gegen Null führen will, während die Beobachtung eine Differenz ansetzt, um ganz einfach zu bezeichnen. Die Bezeichnungen geben aber vor, was überhaupt gesteuert werden kann. Was unbezeichnet bleibt, was durch differentielle Beobachtung nicht identifiziert wird, kann auch nicht verändert werden. Mit dem, was beobachtet wird, wird auch der Bereich der Steuerung abgesteckt, und mit den je spezifischen Differenzen, die man bei der Beobachtung und Beschreibung ansetzt, ist auch über das ‘Wie', die Qualität der Steuerung, entschieden.

Die Steuerung kann selbst beobachtet werden. Schon eine Beobachtung der Steuerung kann die Steuerung irritieren, mithin entgleisen lassen. Sie kann sie aber auch bestärken, gegen Irritationen absichern. Sie kann zur Steuerung der Steuerung eingesetzt werden, dies jedoch stets nur im Nachhinein (wie etwa bei der Supervision), bzw. wenn der Steuerer innehält (und eine Reflexionsphase einschiebt).

Schließlich kann die Beobachtung gesteuert werden. Dies geschieht z.B. immer dort, wo Beschreibungen auf eine Beschreibungsvorgabe (eine vorgefertigte Theorie, ein Parteiprogramm, eine Organisations- und Entwicklungsplan u.ä.) abgestimmt werden. Vielleicht könnte man sogar allgemein formulieren: die Beschreibungen, die ein System anfertigt, werden von den Erfahrungen des Systems gesteuert. Soweit die Steuerung der Beobachtung im System noch beobachtbar ist, kann über die Steuerung der Beobachtung die Steuerung gesteuert werden. Wir haben es in sozialen Systemen m.a.W. mit reflexiven Mechanismen zu tun (mit der Beobachtung der Beobachtung und der Steuerung der Steuerung), die zusätzlich wechselseitig aufeinander einwirken.

Fassen wir zusammen: Wir wollen von sozialer Steuerung im Sinne einer (beobachtbaren und steuerbaren) systeminternen Operation sprechen, bei der es um die Minimierung sinnhaft (nicht unbedingt sinnvoll!) bezeichneter Differenzen geht. Bei der Steuerung handelt es sich aus dieser Sicht weniger um intentionale, ziel- und zweckorientierte Handlungen oder um psychische Vorgänge des Auswählens, Abwägens und (Um-) Orientierens, als vielmehr um Systemereignisse, im Falle sozialer Steuerung um soziale Ereignisse, um Kommunikation, die eine Veränderung eines gegebenen Systemzustands anvisieren. Es geht also um ein Systemverhalten, nicht um das Handeln einer Person. Unsere Frage ist nicht: "Wer steuert Systeme?", sondern: "Wie steuern sich Systeme?", "Wie bringen sich Systeme auf Kurs?", "Wie kommt es in Systemen zu Kursänderungen?"

Der Rekurs auf das Handeln individueller oder kollektiver Akteure hilft bei der Beantwortung dieser Fragen nicht weiter, weil er glauben macht, es gäbe so etwas wie eine externe Steuerungsposition, von der aus das Systemgeschehen dirigiert werden könnte. Dagegen wäre es wichtig zu verstehen, dass Systeme, Menschen wie soziale Systeme, selbstreferentielle Systeme sind, die ihren Zustand nur nach Maßgabe eigener Differenzen verändern können. Soziale Steuerung stellt somit stets einen Eingriff in den autonomen Operationsmodus eines Sinnsystems dar, und jeder, der steuern möchte, hat sich zunächst und vor allem darum zu bemühen, zu verstehen, was das System ‘versteht', wenn er in diesem System zu steuern, also zu kommunizieren beginnt.

Soziale Systeme, so die hier zugrunde gelegte Prämisse, lassen sich als autopoietische Systeme beschreiben. "Autopoietische Systeme erzeugen die elementaren Einheiten, aus denen sie bestehen, durch das Netzwerk eben dieser elementaren Einheiten. Sie sind also in dem, was für sie Einheit ist, auf Eigenproduktion eingestellt, obwohl dies natürlich nur in einer Umwelt und auf der Grundlage von Materialien, Reizen und Störungen von seiten der Umwelt möglich ist." (Luhmann 1988b: 165) Soziale Systeme differenzieren sich aus als rekursiv-geschlossene, mit eigenen Operationen auf eigene Operationen bezugnehmende Systeme, d.h. äußere Steuerung ist nur als interne Operation möglich, nur dann, wenn das Netzwerk der elementaren Einheiten den äußeren Anstoß als eine intern ‘brauchbare', ‘verstehbare', ‘anschlussfähige' Einheit auffaßt.

Die elementaren Operationen sozialer Systeme sind stets als Differenzen bzw. als Differenzierungen zu fassen. Das beginnt bereits bei der alles übergreifenden Differenz von System und Umwelt, über die ein System sich aus der Welt heraus (bzw. in sie hinein) zu differenzieren und damit zu identifizieren versucht. Danach besteht die Welt für das System aus einem Innen und Außen, dem Eigenen und dem Fremden. Systeme beobachten sich und ihre Umwelt mit Hilfe von Unterscheidungen, d.h. sie unterscheiden die eigenen Unterscheidungen, die sie zur Bezeichnung ihrer selbst und ihrer Umwelt verwenden, von fremden Unterscheidungen, die Umweltsysteme zur Bezeichnung ihrer selbst und ihrer Umwelt verwenden. Sie beobachten m.a.W. ihr eigenes und fremdes Beobachten. Sie können auch beobachten, wie ihre Beobachtung beobachtet wird, dass es Differenzen zwischen den eigenen und den fremden Beobachtungen gibt, dass auch andere Systeme diese Differenzen beobachten usw. Sie können zwar fremde Beobachtungen beobachten, d.h. Umwelt im System ‘repräsentieren', doch sie können die Umwelt nicht ins System einschleusen oder sich selbst in die Umwelt entlassen. Sie können lediglich ihre eigenen Bilder von der Umwelt entwerfen und versuchen, diese Bilder in die Umwelt hinein zu signalisieren, in der Hoffnung, dass andere mit ihren Bildern ‘etwas anfangen' können, dass deren Differenzen zu ihren eigenen Differenzen ‘passen'. Sie können sich nicht aus dem Netzwerk der eigenen Beobachtungen herausstehlen und in die Umwelt flüchten. Sie sind mit ihren Beobachtungen in einem rekursiv geschlossenen Netzwerk ‘gefangen'. Die allgemein zugrunde gelegte Behauptung ist, "dass kein System Operationen außerhalb der Systemgrenzen, also Operationen in seiner Umwelt vollziehen kann; und das heißt ganz konsequent, dass kein System durch eigene Operationen sich selbst mit der Umwelt verknüpfen kann." (Luhmann 1987a:313)

Neben der Beobachtung ist auch alle Steuerung aus systemtheoretischer Sicht als eine Operation im System anzusehen, unabhängig davon, ob sich die Steuerung mit dem System selbst oder mit seiner Umwelt befasst. Auch Steuerung expandiert so wenig wie die Beobachtung in die Außenwelt hinein, und sie nimmt auch keine Inputs aus der Außenwelt ins System auf. "Was im Steuerungsprozess als Input wahrgenommen wird, ist nur eine im System selbst konstruierte Information, und diese Konstruktion ist nichts anderes als eine Komponente der Unterscheidung, deren Differenz das System zu minimieren sucht." (Luhmann 1988a:334) Steuerung bleibt der Minimierungsversuch einer im System selbst konstruierten Unterscheidung. Im strengen Sinne ist alles, was in Systemen für Fremdsteuerung gehalten wird, Selbststeuerung. Der Rest ist Rauschen. Der Beobachter der Konstruktion der System/Umwelt-Differenz beobachtet, dass jedes System sich seine eigene Umwelt entwirft und sich bemüht, mit Hilfe dieser selbstkonstruierten System/Umwelt-Differenz die Einheit (letztlich: Welt) abzubilden, in die es eingelassen ist (ein Funktionssystem z.B. die Gesellschaft, ein Betrieb z.B. die Wirtschaft, eine Partei die Politik, eine Universität die Wissenschaft, ein Ehepartner - hoffentlich - die Ehe). Hier wird deutlich, dass alte Vorstellungen vom Ganzen und von Teilen nicht mehr greifen: Das Ganze teilt sich nicht auf in Elemente, die sich wieder zum Ganzen summieren lassen, sondern das Ganze steckt in jeweils unterschiedlichen Formen in den Teilen. Die Einheit ist vielfältig ‘repräsentiert', die Einheit ist die vielfältige Repräsentation, nicht mehr und nicht weniger.

Mit dem Autopoiesiskonzept muss der Einheitsgedanke sowie die Vorstellung einer Steuerungszentrale, an die Problembehandlungen exklusiv delegiert werden könnten, aufgegeben werden. Es gibt fortan keine einheitliche Abbildung der Einheit in der Vielfalt mehr. Gott hat die Welt (und die Menschen in der Welt) verlassen, heißt es in der Sprache der Religion; die Systeme sind auf sich selbst gestellt, heißt es in der Systemtheorie. Ohne Kontakt zu Gott oder einer sonstigen Zentralinstanz, selbst ohne Kontakt zu einer ‘objektiven' Wirklichkeit, sondern nur im Selbstkontakt erschließen Sinnsysteme sich ihre Welt. Im übertragenen Sinne gilt für Menschen wie für soziale Systeme die Aussage Piagets: "L'intelligence (...) organise le monde en s'organisant elle-meme" (Piaget 1937: 311), was Maturana und Varela (1987: 31) nur unterstreichen, wenn sie behaupten, dass der Akt des Erkennens die Welt hervorbringt.

Wichtig ist es zu bemerken, dass von nun an keine Beschreibung mehr den Anspruch erheben kann, eine einzig wirkliche Außenwelt "richtig" oder "objektiv" abzubilden. Das Autopoiesekonzept bricht ein für allemal mit dem ‘metaphysischen Realismus' (vgl. v. Glasersfeld 1981: 23) und legt es nahe, dass wir es immer nur mit systemrelativ brauchbaren Bildern zu tun haben, die ihre Haltbarkeit nicht an einer äußeren, beobachterunabhängigen Dingwelt, sondern an der Erfahrungswelt eines jeweiligen Beobachters zu erweisen haben. Auch Steuerungsbemühungen haben kein anderes "Material" als die Bilder und die Unterscheidungen, die im jeweiligen System selbst entworfen werden, um die Welt sinnhaft zu erfassen. Letztlich ist damit gesagt: "Steuerung ist immer Selbststeuerung von Systemen," (Luhmann 1988a: 338) ist immer ein letztlich ‘blindes' Tun, bei dem der ‘Steuerer' sich auf nichts weiter als auf die Berechnungen seiner eigenen Berechnungen zu verlassen hat.

Für eine allgemeine Steuerungstheorie heißt dies: Kein System kann ein anderes System wirklich steuern. Es kann lediglich durch eigene Operationen die Operationen des fremden Systems irritieren, im fremden System ‘Perturbationen' erzeugen und damit Veränderungen auslösen, die es selbst nicht mehr kontrollieren kann. Das fremde System bleibt dem vermeintlich steuernden System eine black box, die entsprechend ihrer internen Strukturdeterminiertheit reagieren wird (oder eben nicht reagiert, weil es die ‘Störung' nicht einmal als Störung registriert). Auch der Versuch, diese black box zu öffnen und Licht in ihr Dunkel zu bringen, muss, wie Serres (1984) eindrucksvoll beschreibt, scheitern, denn kein System wird je sehen, was ‘wirklich' in einer black box vor sich geht, es wird allenfalls sehen, was es sieht. Das Wesentliche der black box ist der ‘with-input' (v. Foerster), das, was das durch Informationen ‘gefütterte' System hinzutut, um einen output zu erzeugen. Dieser ‘with-input' macht den output des Systems für den Beobachter grundsätzlich unkalkulierbar. Zumindest verlangt er vom ‘Steuernden' Geduld, denn dieser muss - weil es hier nicht um einfache Zurechnungsautomaten geht - warten, nachdem er seine Informationen in die black box gegeben hat, um zu sehen, was sie hergibt: Man sieht erst wieder etwas, wenn man etwas sieht.

Bevor wir unsere Schlussfolgerungen aus den grundlagentheoretischen Überlegungen auf die politische Steuerung als Sonderfall des Steuerns ausbreiten, sollen gesellschaftstheoretische Überlegungen eingefügt werden. Politische Steuerung findet in der Gesellschaft statt. Eine politische Steuerungstheorie hat dies in Rechnung zu stellen und sich zu fragen, wie sie die Gesellschaft beschreiben und welche Rolle sie sich und der politischen Steuerung in der Gesellschaft zugestehen will.

3. Zur Gesellschaftsanalyse

Die alte Interpretation, die sich mit dem Zusammenbruch der ständischen Einheit des Gesellschaftssystems, also seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, immer mehr durchgesetzt hat, fand im 19. Jahrhundert ihre Blütezeit. Hier wurde versucht, in der ‘politischen Ökonomie' das ‘Wesen' der modernen Gesellschaft auszumachen. Damit wurde die Vorstellung verbunden, dass ein ausdifferenziertes, privat-kapitalistisches Wirtschaftssystem die Gesellschaft dominiere, und dass es letztendlich ökonomische Belange sind, die über die aktuellen gesellschaftlichen Lagen (z.B. die soziale Un-Gleichheit, Un-Gerechtigkeit, Un-Freiheit) wie über die Entwicklungsmöglichkeiten der Gesellschaft (den sozialen Fortschritt) entscheiden. Es war vor allem Karl Marx, der in seiner ‘Kritik der politischen Ökonomie' nicht nur auf die Dominanz der kapitalistischen Wirtschaft hinwies, sondern auch den politischen Impetus dieser Wirtschaftsform hervorhob. Marx machte deutlich, daß der Staat zum Exekutionsinstrument kapitalistischer Interessen zu verkommen droht, wenn er sein Wirken darauf beschränkt, lediglich die politischen Rahmenbedingungen für den anarchisch ausufernden Kapitalismus zu stellen. Hinter dieser Kritik stand aber auch die Hoffnung, die politische Macht (des Proletariats!) soweit formieren und stärken zu können, dass sie irgendwann einmal den maßlosen Hunger der kapitalistischen Produktionsweise bändige. Dann sollte das ‘freie Spiel der Kräfte' einer partikularistischen Marktwirtschaft durch die politische Steuerung einer sozialistischen Planwirtschaft ersetzt werden. Auch nach neueren Theorien des Wohlfahrtsstaats soll Politik zur Regulierung der Wirtschaft und schließlich sogar der Gesellschaft eingesetzt werden, um Ziele wie die Vermehrung der Sicherheiten und die Steigerung von Versorgungsleistungen zu garantieren.

Was also ortho-marxistische und sozial-liberale Ansätze bei aller Unterschiedlichkeit verbindet, ist die Vorstellung, man könne die moderne Gesellschaft nach einem ‘pars-pro-toto-Prinzip' begreifen: die gesellschaftliche Gesamtheit lasse sich über die Dominanz eines Teilbereichs erfassen, bzw. die Einheit der Gesellschaft sei durch eines ihrer Teile (z.B. die Politik) repräsentierbar. Für die politische Steuerung kann das dann nur heißen, sie habe nur die Anstrengungen zu verstärken, auftauchende Hindernisse, Schwierigkeiten, Unzulänglichkeiten und Reibungen zu beheben, dann wäre sie auch in der Lage, sich die Spitzenposition zur Steuerung der gesellschaftlichen Entwicklung zu sichern. Aus dieser Sicht ist Steuerung ein Durchsetzungsproblem, eine Frage der Kraft und der Macht, ein Problem der Herrschaft und Kontrolle.

Vor dem Hintergrund unserer grundlagentheoretischen Überlegungen im vorhergehenden Kapitel müssen wir an derartigen Denkmustern Zweifel anmelden, da mit ihnen die Politik als ‘Steuerungssubjekt' behandelt wird, das auf das ‘Steuerungsobjekt' (sei es nun die Gesellschaft selbst oder seien es Teile der Gesellschaft) einwirken können soll, und dies von einer wie auch immer begründeten Sonderposition aus. Mit einer Dominanzunterstellung wie auch mit einer Dominanzhoffnung wird so getan, als könne die Politik sich aus der Gesellschaft herauslösen und sich über gewisse Bereiche der Gesellschaft erheben. Das aber widerspricht unserer Unterstellung, daß Steuerung stets Systemverhalten ist, also immer nur in Systemen stattfindet: die Politik vermag mit ihren Steuerungsversuchen allenfalls einen neuen Systemzusammenhang zu konstituieren, in dem sie dann aber als Teil neben dem zu steuernden Zusammenhang wieder auftaucht.

Wir wollen das ‘Wesen' der modernen Gesellschaft nicht mehr über Teilbereichsdominanzen, also über die Sonderstellung einzelner, ausdifferenzierter Funktionsbereiche zu erfassen versuchen, sondern stellen eine Gesellschaftstheorie vor, die die Ausdifferenzierungstypik selbst als Grundcharakteristikum der modernen Gesellschaft begreift. Die moderne Gesellschaft ist danach nicht primär politisch, ökonomisch oder polit-ökonomisch geprägt, sondern sie findet ihre besondere Charakteristik in der funktionalen Systemdifferenzierung selbst: "Im Unterschied zu allen älteren Gesellschaftsformationen ist die moderne Gesellschaft dadurch gekennzeichnet, dass sie in Funktionssysteme differenziert ist. Es gibt natürlich nach wie vor Schichtung, und es gibt nach wie vor Segmentierung in gleichen Einheiten (zum Beispiel Familien, Staaten, Krankenhäuser). Die primäre Systembildung erfolgt aber im Anschluß an Funktionen wie kollektiv bindendes Entscheiden (Politik), Zugewinn von Erkenntnissen (Wissenschaft), Sicherstellung künftiger Bedürfnisbefriedigung (Wirtschaft) oder eben Heilung von Krankheiten (Krankheitssystem)." (Luhmann 1983: 30)

Die Strukturbesonderheiten der funktionalen Differenzierungstypik verbieten es, die Politik (oder sonst ein gesellschaftliches Teilsystem) als irgendwie privilegierte Steuerungsinstanz in der Gesamtgesellschaft zu begreifen. Funktionale Systemdifferenzierung boykottiert zum einen Vorstellungen von einer ‘Spitze', von der man im Hinblick auf stratifikatorische Differenzierung nach Ständen, Klassen oder Schichten noch sprechen konnte, wie auch Vorstellungen eines ‘Zentrum', die sich aus nebenherlaufenden Differenzierungen wie Stadt und Land oder Europa und seine Kolonien plausibilisieren ließen. "Die moderne Gesellschaft hat weder ein Zentrum noch eine Spitze. Kein Funktionssystem, auch nicht die Politik, auch nicht die Wirtschaft und nicht einmal die Religion, kann einen über die eigene Funktion hinausgehenden Platz beanspruchen. An die Stelle solcher aufs Ganze zielender Prätentionen tritt die Hypostasierung der eigenen Funktion." (Luhmann 1983:31) In jedem Funktionssystem wird quasi ‘nur so getan', als sei die Gesellschaft gerade von der Funktionserfüllung dieses Systems in besonderem Maße abhängig und als sei deshalb die je eigene Funktion vorrangig zu behandeln.

Die Hypostasierung der eigenen Funktion ist die gängige Form der Selbstthematisierung der Funktionssysteme. Im Gesamtgefüge der Gesellschaft dagegen wird deutlich, dass keine Funktion den Primat mehr beanspruchen kann und bevorzugt zu behandeln ist. Alle Funktionen finden in sich ihre je eigene Berechtigung und Wichtigkeit. Die moderne Gesellschaft muß auf eine feste Rangordnung der Funktionen verzichten, "weil man nicht ein für allemal festlegen kann, daß Politik immer wichtiger ist als Wirtschaft, Wirtschaft immer wichtiger als Recht, Recht immer wichtiger als Wissenschaft, Wissenschaft immer wichtiger als Erziehung, Erziehung immer wichtiger als Gesundheit (und dann vielleicht zirkulär: Gesundheit immer wichtiger als Politik?). An die Stelle einer solchen Rangordnung (...) tritt die Regel, dass jedes Funktionssystem der eigenen Funktion den Primat gibt und von diesem Standpunkt aus andere Funktionssysteme, also die Gesellschaft im übrigen, als Umwelt behandelt." (Luhmann 1987:34f.) Die moderne Gesellschaft ist ein ‘Pudel im Kern', dem auch noch der Kopf fehlt. Ohne Spitze, Kopf, Kern oder Zentrum, ohne festgelegte Rangordnung unter ihren Funktionseinheiten, kann es auf der Ebene der Gesamtgesellschaft keine Selbststeuerung der Gesellschaft geben. Die Selbststeuerung der Gesellschaft besteht aus den Selbststeuerungen ihrer Funktionsbereiche (wie die Selbststeuerung der Funktionsbereiche wiederum aus den Selbststeuerungen ihrer Untereinheiten, z.B. der Parteien, Verbände, Betriebe, Banken, Schulen, Ämter etc. besteht.).

Mit der funktionalen Gesellschaftsdiffernzierung wird die Bearbeitung von Sonderproblemen der Eigenregie jeweiliger Funktionssysteme unterstellt, ohne dass ein Funktionssystem die Arbeitsweise anderer Funktionssysteme steuern oder ihre Arbeitsleistungen selbst erbringen könnte. Die moderne Gesellschaft verzichtet nicht nur auf die Festlegung einer Rangordnung unter den Funktionssystemen, sie verzichtet auch auf Redundanzen, auf Mehrfachabsicherungen spezifischer Leistungen: In der Religion können keine kollektiv bindenden Entscheidungen, die womöglich mit Macht durchgesetzt werden, gefällt werden, die Wissenschaft kann nicht einspringen, wo der Kunst nichts mehr einfällt, Rechtsprechung kann keine wirtschaftlichen Transaktionen ersetzen und mit medizinischen Mitteln sind keine Kinder zu erziehen.

Mit dem Verzicht auf Redundanzen ermöglicht die moderne Gesellschaft, dass auf der Ebene der Funktionssysteme Autonomie und wechselseitige Abhängigkeit gleichzeitig zunehmen. "Jedes System ist in dem Maße, als es für seine eigene Funktion freigestellt wird, darauf angewiesen, dass die übrigen Funktionen woanders erfüllt werden. Die Gesellschaft selbst ist, gesehen unter diesem Blickwinkel, der Steigerungszusammenhang von Unabhängigkeit und Abhängigkeit." (Luhmann 1983: 32) Die funktionale Gesellschaftsdifferenzierung schafft m.a.W. ‘Hochleistungsghettos', die die Gesellschaft auf ein evolutionär unwahrscheinliches Leistungsniveau anheben, doch geschieht dies nur um den Preis einer prekären Störempfindlichkeit: Zusammenbrüche in einem Teilbereich können zu Unter- wie zu Überreaktionen in anderen Teilbereichen führen. Irritationen, die sich aus Problemen ergeben, die keinem Funktionssystem exklusiv zur Bearbeitung anheimgestellt werden können, wie z.B. ökologische Probleme, führen leicht zu zuviel und zuwenig Resonanz zugleich (vgl. Luhmann 1986). Das Ganze erscheint als äußerst ‘unruhig', ‘nervös' und ‘gereizt', begründet durch die engen Interdependenzen einerseits und die fehlenden Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten andererseits.

An der funktionalen Gesellschaftsdiffenzierung werden von allem drei Charakteristika herausgestellt: (1) die relativ autonome Bearbeitung eines gesellschaftlichen Sonderproblems, (2) die funktionale Spezifikation und (3) die thematische Reinigung. (vgl. Tyrell 1976: 396) Nach der Einführung des Autopoiesis-Konzepts in die Systemtheorie werden diese Aspekte auf gesellschaftstheoretischem Niveau gebündelt und radikalisiert: Jedes gesellschaftliche Funktionssystem bestimmt nicht nur seinen Platz (Rang) in der Gesellschaft selbst, es erzeugt auch die je spezifischen Leitdifferenzen (Codes), an denen es sich orientiert. Das zu bearbeitende gesellschaftliche Sonderproblem wird über systemeigene Unterscheidungen erfaßt und abgebildet. Alle Operationen im System sind letztlich auf die jeweilige Leitdifferenz bezogen, so dass ein und dasselbe Ereignis in je unterschiedlichen Funktionssystemen unterschiedlich behandelt wird: der Rosenkauf steht in der Wirtschaft für eine Geldzahlung und in Intimbeziehungen für einen Liebesbeweis; die Rede des Kanzlers bedeutet in der Politik Wählerstimmenverlust (oder -gewinn) und im Bereich der Massenmedien vielleicht ein unterhaltsames Kuriosum; eine Aussage kann in der Religion als Gotteslästerung und in der Wissenschaft als nachprüfbare Wahrheit behandelt werden. Die Funktionssysteme entscheiden mit Hilfe ihrer Unterscheidungen selbst, ob etwas als Systemereignis wahrgenommen wird oder nicht. Vieles geht spurlos an der Wirtschaft vorbei, was in der Politik für Aufregung sorgt. Vieles nimmt die Wissenschaft gelassen hin, was in der Religion Rage erzeugt usw.

Die funktionale Ausdifferenzierung erreicht ihren Höhepunkt, indem ein Funktionssystem sich zirkulär schließt. Von einer operativen Schließung eines sozialen Systems zu einem autopoietischen ist dann zu sprechen, "wenn die ablaufenden Kommunikationen sich an den vorausgegangenen Kommunikationen dieses Systems ereignet haben." (Willke 1987: 336) Funktionssysteme selegieren ihre Kommunikationen (und motivieren Personen) typischerweise über eigens ausgebildete Kommunikationsmedien. So verfügt die Wirtschaft über das Kommunikationsmedium Geld, die Politik über das Kommunikationsmedium Macht, die Intimbeziehung über das Kommunikationsmedium Liebe und die Wissenschaft über das Kommunikationsmedium Wahrheit, um hier nur die prominentesten Medien zu nennen. Die Medien unterstreichen die Ausschließlichkeit der Problembehandlungstypik durch ihre spezifische Engführung von Sinn. "Funktionale Differenzierung löst Kommunikationen aus ihren Ursprungskontexten im täglichen Leben, in der Familie, in Tradition und Sitte heraus und macht deshalb die Annahme der Kommunikation unwahrscheinlich. Medien dienen dazu, diese Unwahrscheinlichkeit (...) zu neutralisieren und sie in Wahrscheinlichkeit, zumindest in Erwartbarkeit zu transformieren. (...) der Effekt ist dann, dass alle Operationen eines bestimmten Funktionssystems sich am systemeigenen Medium orientieren und dadurch die Autopoiesis des Systems bewirken. Erst durch die Entwicklung des Kommunikationsmediums Geld wird Wirtschaft als System ausdifferenziert, und ohne dieses Medium gibt es nur Subsistenzproduktion mit gelegentlichem Abtausch überschüssiger Erträge und vor allem: mit politischer Nutzung überschüssiger Erträge." (Luhmann 1987: 40f)

Die Medien sind nicht nur verantwortlich für die operative Schließung der Systeme, sie sind auch verantwortlich für die Komplexität der modernen Gesellschaft. Die Medien kennen keine Grenzen der Bezeichnung, so gut wie alles und jedes ist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten mit Preisen zu versehen, unter politischen Gesichtspunkten zu entscheiden, unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu analysieren und unter religiösen Gesichtspunkten als Heils- oder Unheilszeichen zu verstehen. Jedes Ereignis mag so vielfältige und letztlich unvereinbare Bedeutungen zugeschrieben bekommen. Jeder Versuch, aus der jeweiligen Sicht eines Funktionszusammenhangs heraus mit Hilfe der je besonderen Mediencodes die Gesellschaft zu ‘durchschauen' (Komplexitätsreduktion), erhöht schließlich die Unübersichtlichkeit (Komplexitätssteigerung) der Verhältnisse.

Wie immer die Menschen ihre Welt erleben und mit den "Ereignissen" in ihrer Welt umgehen, welche Relevanz sie ihnen beimessen, in welche Sinnzusammenhänge und Zeithorizonte sie sie einrücken, welches Handeln sie mit ihnen verbinden usw., in den Funktionssystemen sorgen die Medien dafür, daß sich in dem eigencodierten Feld Ereignisse eigensinnig und relativ voraussetzungslos, nur lose gekoppelt aneinanderreihen, ohne Rücksicht darauf, was dieses Geschehen den Menschen oder anderen Medienkontexten bedeutet. Je besser ihre losen Kopplungen funktionieren, desto höher wird einerseits die Zahl der möglichen Ereignisse und andererseits die Wahrscheinlichkeit, dass andernorts nicht Verarbeitbares (Abfall) anfällt.

Diese knappen Hinweise auf die Ausdifferenzierungstypik der modernen Gesellschaft sollen an dieser Stelle ausreichen, um nunmehr der Frage nachzugehen, was sich aus den grundlagen- und gesellschaftstheoretischen Vorgaben für eine Theorie der politischen Steuerung ergibt.

4. Zum zweiten Doppelpunkt - Denken Politiker nur, daß sie lenken?

Sowohl unsere grundlagentheoretischen als auch unsere gesellschaftstheoretischen Überlegungen legen den Schluss nahe, dass weder Gesellschafts- noch Funktionssysteme, noch komplexe Systeme schlechthin (etwa Organisationen, Gruppen oder Menschen) von externen Instanzen aus direkt steuerbar sind. Komplexe Systeme steuern sich vielmehr selbst und widersetzen sich dem direkten fremden Eingriff. Wer steuert, steuert, was sich selbst steuert, und wenn Politiker denken (oder denken machen), sie steuerten durch ihre Entscheidungen irgendeinen gesellschaftlichen Funktionsbereich oder gar die Gesamtgesellschaft, so denken sie dies nur. Unser zweiter Doppelpunkt mußte gesetzt werden.

Auch die Politik kann "nur sich selber steuern, und wenn ihre Steuerung sich auf ihre Umwelt bezieht, dann eben auf ihre Umwelt." (Luhmann 1988a: 334) Materialistisch-ontologisch gesprochen, kann die Politik (wie die Menschen auch) nicht ‘aus ihrer Haut heraus', informationstheoretisch formuliert, kann sie aus ihren eigenen Konstruktionen, aus dem Netzwerk selbstkonstituierter Unterscheidungen nicht heraus. Politische Steuerung endet an den Sinngrenzen des politischen Systems.

Wenn und soweit es richtig ist, daß die moderne Gesellschaft auf Selbststeuerung verzichtet und ihre Entwicklung den Selbststeuerungsprozessen in selbstreferentiell geschlossenen Funktionssystemen überlässt, kann politische Steuerung gar nicht in der Lage sein, die Gesellschaft als Ganze oder auch nur andere gesellschaftliche Teilsysteme zu steuern. Gesellschaftssteuerung wie Fremdsteuerung anderer Funktionssysteme ist eine Illusion, eben weil in den jeweils anderen Systemen an die politischen Unterscheidungen politisch nicht weiter kontrollierbare eigene Unterscheidungen angeschlossen werden (falls sich überhaupt was tut).

Nimmt man den Gedanken der Selbstreferentialität gesellschaftlicher Funktionssysteme ernst, wird verständlich, wie eine genuin politische Operation durch die Applikation z.B. einer ökonomischen Unterscheidung ihr politisches ‘Wesen' einbüssen kann (vgl. den Beitrag von Vogel in diesem Band). Politische Entscheidungen, die in der Politik an die Frage gebunden bleiben, ob sie politisch (was oft heißt: moralisch) vertretbar sind, aber letztlich, ob sie Wählerstimmen einbringen oder kosten, eine Partei oder Person an der Regierung (in der Machtposition) halten oder in die Opposition verweisen, erscheinen in der Wirtschaft als Gewinn- oder Verlustchancen. Im Recht wird eine politische Äußerung zu einem Regelungsfall, in der Wissenschaft möglicherweise zu einer Limitation oder Neuorientierung der Forschung. Was politisch angezeigt ist und ausgedrückt wird, muss deshalb nicht schon andernorts verkraftbar sein.

Man denke nur an die möglichen Folgen eines moralisch wie politisch unbedingt vertretbaren Boykotts südafrikanischer Früchte. Wir konstruieren die möglichen Effekte am Beispiel eines Privathaushalts: Ein Boykott kann hier zum Verzicht auf den Verzehr von Obst schlechthin führen, was womöglich gesundheitliche Schäden wegen Vitaminmangels nach sich zieht (Hoffentlich krankenversichert!). Er kann zum Ausweichen auf andere Obstlieferanten führen, die aufgrund ihrer Sonderstellung die Preise erhöhen und damit den privaten Haushaltsetat belasten (hoffentlich reicht das Einkommen!). Er kann zu Meinungsdifferenzen unter den Haushaltsmitgliedern führen und womöglich den ‘Hausfrieden' zum Kippen bringen. (Hoffentlich reichen die Konflikttoleranzen und -bearbeitungskompetenzen!) Er kann dazu führen, dass Händler ihre Kunden über das Herkunftsland belügen, einfach falsche Etiketten anbringen, um ihre Waren abzusetzen, was das Vertrauen unserer Haushaltsmitglieder in ihren Obsthändler und womöglich in die kapitalistische Wirtschaft generell stören könnte. (Hoffentlich ist ein guter Therapeut zur Stelle! Sonst werden unsere Leute doch noch politisch aktiv!) Über die Grenzen des Privathaushalts hinaus kann dies nun wieder dazu führen, dass das Recht einspringt, entsprechende Gesetze für den korrekten Nachweis der Herkunftsländer ihrer Waren erlässt, deren Einhaltung von der Exekutive entsprechend zu kontrollieren, ist, die ihrerseits wieder auf Erhöhung der Personalausstattung pocht und damit letztlich wieder das Portemonnaie unserer Steuern zahlenden Haushaltsmitglieder strapaziert. (Hoffentlich liegen unsere Haushaltsmitglieder in einer günstigen Steuerklasse!) Bereits an diesem kleinen Beispiel wird deutlich, wie sich die Effekte eines politischen Datums - von der Politik nicht mehr kontrollierbar - in andere Bereiche fortsetzen.

Mit dem politischen Ziel der Gesellschafts- oder Teilsystemsteuerung sind die Grenzen des politisch Machbaren überzogen. Das bedeutet aber nicht, dass politische Steuerungsbemühungen keine Effekte haben. Natürlich haben sie Effekte, doch oft sind es andere als die gewünschten, oft sind es weniger als erhofft, und oft sind es mehr als beabsichtigt. Politische Steuerung bewirkt, was sie bewirkt. Ihre Wirkungen als das darzustellen, was intendiert war, also als Erfolg, oder als das, was nicht gewollt wurde, also als Misserfolg, das ist die eigentliche ‘Steuerungsleistung' der Politik. Politiktreiben heißt attribuieren. Politik steuert sich selbst in der Form eines politischen Diskurses, in dem mehrere (Diskurs-)Parteien vorausgesetzt sind, die vordringlich ihre eigenen Steuerungserfolge herausstreichen, während den jeweils anderen Versagen vorgehalten wird. In diesem Diskurs entscheidet sich in erster Linie, was in der Politik geschieht, wie die politischen Rollen verteilt werden, welche Partei die Regierungsgewalt ausüben darf, welche die Rolle der Opposition zu übernehmen hat, und - überspitzt formuliert - produziert dieser Diskurs ganz nebenbei Irritationen in der Außenwelt, die ihre Folgen haben (oder auch nicht), was wiederum zu Irritationen in der Politik führt (oder auch nicht), ... Die Politik kann nach autopoietischen Vorstellungen nur Entscheidungen fällen, Ereignisse produzieren, deren Weiterverarbeitung sie anderen Systemen überlassen muß.

Die Politik kann die Selbststeuerung anderer Teilsysteme irritieren, was ihnen als Erleichterung oder auch als Erschwernis erscheinen mag. Sie kann die Selbststeuerung anderer Funktionssysteme aber nicht ersetzen. Überall dort, wo sie ‘einspringt', wird sie immer wieder nur sich selbst vorfinden oder eben das, was sie nicht ist, nämlich Wirtschaft, Wissenschaft, Religion etc. Politische Steuerung kann nach all dem nur das Ziel verfolgen, Politik zu machen: Entwicklungen zu erleichtern oder zu hemmen, zu drohen oder zu belobigen, Anreize zu schaffen oder Strafen anzukündigen, Kosten zu schaffen oder Nutzungen unter Bedingungen zu stellen, d.h. sie dann die politischen Daten, die in den jeweiligen Umweltsystemen mehr oder weniger sensibel registriert und zu Systeminformationen decodiert werden, verändern, doch nichts garantiert ihr, dass ihre Ziele in der Umwelt verstanden, geschweige denn ‘plangetreu' umgesetzt werden, dass selbst die getreueste Umsetzung nicht neue Probleme anderswo entstehen lässt und schließlich auf die ‘erfolgreiche' Politik als ‘Misserfolg' zurückfällt. Mit dem Politikmachen erzeugt die Politik in der Gesellschaft Differenzen, "an denen sich andere Funktionssysteme dann ihrerseits orientieren müssen. Aber dieser Effekt ist schon nicht mehr Steuerung und auch nicht steuerbar, weil er davon abhängt, was im Kontext anderer Systeme als Differenz konstruiert wird und unter die dort praktizierten Steuerungsprogramme fällt." (Luhmann 1988a: 337)

Die Gesellschaft erscheint auf dem Monitor der Systemtheorie als ein kompliziertes, verschachteltes Geflecht selbstreferentiell-autonomer, sich wechselseitig ‘irritierender' Systemzusammenhänge. Jedes Funktionssystem verändert durch seine Autopoiese die Umweltdaten seiner Umweltsysteme, jedes System ‘irritiert' durch seine Selbststeuerung die Selbststeuerung der jeweils anderen, jedes System findet sich schließlich durch die Steuerungs- und Gegensteuerungsmaßnahmen der anderen ‘irritiert', also letztlich durch die selbstausgelösten ‘Irritationen' und ‘Störungen' rückbetroffen. Das Ganze erscheint dem systemtheoretischen Beobachter als ein Knäuel von Steuerungs- und Gegensteuerungsversuchen, als unentwirrbare und undurchschaubare und deshalb auch nicht steuerbare Verwicklung.

Für komplizierte Verstrickungen, Verschachtelungen, Interdependenzen und Interferenzen steht in der Systemtheorie der Komplexitätsbegriff bereit. Vor allem die Gesellschaft, aber auch deren Teilsysteme werden von der Systemtheorie als komplexe Systeme vorgestellt, die sich im Gegensatz zu trivialen Systemen der Steuerung durch eine externe oder zentrale interne Instanz verschließen.

Auch emphatische Steuerungspraktiker übersehen nicht das Problem der Komplexität. Ihnen steht sogar sehr klar vor Augen, dass mit der Zahl der Elemente und der Anzahl der möglichen Relationen die Schwierigkeiten der Systemsteuerung anwachsen. Systeme, die nur aus wenigen Elementen bestehen und deren Relationierung determiniert ist, so dass ihr Verhalten vorhersagbar ist, sind recht problemlos zu steuern. Es ist nun aber die Vorstellung dieser Steuerungsemphatiker, daß nichttrivialen Systeme sich nur durch die Anzahl ihrer Parameter und mehr oder weniger kompliziertere Kausalverhältnisse, d.h. nur aufgrund ihres Komplexitätsgrades von trivialen Systemen unterscheiden. Es wird kein substantieller, sondern ein gradueller Unterschied zwischen diesen Systemtypen konstatiert.

Komplexe Systeme sind nach ihrer Meinung zwar schwierig zu verstehen, sie sind aber im Prinzip verstehbar, sie sind zwar schwierig zu prognostizieren, doch im Prinzip prognostizierbar. Das Problem der Steuerung wird in der Qualität der Beobachtungsmethoden, der Analyseverfahren und Steuerungstechniken gesehen. Mit Hilfe von mehr Information, besserer Information, besseren Modellen, besseren Simulationsverfahren, technisch ausgefeilteren Informationssystemen, aber auch durch mehr Bereitschaft, Einsicht, Rücksicht, Gewöhnung auf Seiten des "Gegenstandes" hofft man, das Komplexitätsproblem grundsätzlich in den Griff bekommen, Komplexität beherrschen zu können.

Wir teilen nicht die Hoffnung, dass durch approximativ bessere Verfahren die komplexitätsbedingten Grenzen der politischen Steuerung aus der Welt zu schaffen sind, denn der Kern des Komplexitätsproblems ist kein quantitativer, kein Problem der großen Zahlen, sondern ein qualitativer: er liegt in der selbstreferentiellen Operationsweise, in der Autonomie und Eigendynamik der zu steuernden Systeme begründet.

Es ist nicht nur die Menge der Elemente und die Vielfalt der Relationen in einem System dafür verantwortlich, dass ein System einem Beobachter als komplex erscheint, sondern vor allem das Prinzip der Selbstorganisation. Die durch die Selbstorganisation eines Systems begründeten Informationsdefizite eines Beobachters oder Steuerers sind durch keine noch so hochgezüchteten Informationsbearbeitungstechniken kompensierbar. Unsere Überlegungen machen somit deutlich, dass Steuerung in komplexen Systemen weniger ein Technisierungs-, als vielmehr ein Verstehen- und damit Theoretisierungsproblem ist. Damit sind wir bei der Frage angelangt: Was kann ein systemtheoretischer Ansatz einer politischen Steuerungspraxis anraten?

Zunächst lautet natürlich der Rat: Nehmt den zweiten Doppelpunkt ernst, d.h. lasst euch irritieren und versucht zu verstehen, dass man nicht wirklich weiß, was man tut, wenn man in komplexen Systemen zu steuern beginnt. Die Systemtheorie diszipliniert m.a.W. Allmachts- und Allwissenheitsphantasien, Herrschafts- und Unterwerfungswünsche, Kontroll- und Machbarkeitsaspirationen, wie sie in den politischen Einredungen unserer Politiker allenthalben zu erkennen sind.

Unser zweiter Doppelpunkt weist die ‘Alles-im-Griff'-, die ‘Alles-unter-Kontrolle'- Haltung zurück. Er legt einen für die heutige Welt entscheidend wichtigen Gedanken nahe: daß nämlich unser größtes Sicherheitsrisiko unsere Gewissheit ist. Gerade weil es in der Welt Steuerer gibt, die sich ihrer Position und ihrer Perspektive so sicher sind, gerade weil es die Macher gibt, die überzeugt sind, dass sie die Entwicklungen lenken können, ist unsere Welt so unsicher und unsere Existenz so riskant geworden. So kann die Systemtheorie als ein Angriff auf jede Form von Rigorosität - welcher politischen Richtung auch immer - verstanden werden. Sie setzt klassischen Haltungen einen politischen Habitus entgegen, der sich durch den Respekt vor der Autonomie des zu steuernden Systems, durch die Anerkennung der Freiheit des Gegenstandes, durch die Akzeptanz der prinzipiellen Nichtdurchschaubarkeit, Nichtsteuerbarkeit fremder Systemzusammenhänge auszeichnet. Praktisch bedeutet dies nicht Lähmung des Steuerungswillens, nicht laissez-faire, sondern Bescheidenheit in Steuerungsanspruch, Offenheit für Überraschungen im Steuerungsprozess, Flexibilität im Umgang mit eigenen und fremden Positionen und Perspektiven, Sensibilität für die unkontrollierbaren Empfindlichkeiten der Umweltsysteme.

Die Systemtheorie weiß eine solche Haltung mit dem Argument der Selbstorganisation zu begründen. Dabei ist zu beachten, dass die Selbstorganisation verschiedene Gesichter hat: einerseits muss sie in den zu steuernden Systemen immer schon - mehr oder weniger gut - klappen, sonst gäbe es nicht einmal einen minimalen Ansatzpunkt für Steuerungshoffnungen; andererseits ist sie es, die alle Kontroll- und Fremdsteuerungsversuche zum Scheitern verurteilt. Der systemischen Steuerung liegt demnach ein Paradox zugrunde, das Paradox, dass sie zwar möglich ist, dass sie aber aufgrund der Bedingungen ihrer Möglichkeit zugleich unmöglich ist. Ohne Akzeptanz dieser Paradoxie wird es auch im Bereich der politischen Steuerung kein Weiterkommen geben. Ein Weiterkommen der von Unsicherheiten und Überraschungen gebeutelten politischen Steuerung hängt vor allem davon ab, inwieweit sie sich ihre Grenzen eingesteht, die eben darin gründen, dass sie nur etwas bewirken kann, weil sie es nicht bewirken kann.

Der Schlüssel zum Verschlossenen ist die Autopoiese; sie lehrt, dass erst die selbstreferentielle Geschlossenheit Offenheit ermöglicht. Die paradoxe Fundierung jedweder Systembildung paradoxiert jedwede Steuerungsbemühung. Paradoxes Denken wird unvermeidbar und unerlässlich. Jede Paradoxie birgt die Gefahr, den, der sie ansieht, zu lähmen. Die sich ausschließenden und zugleich doch voraussetzenden Seiten der Paradoxie zwingen dazu, will man die Gefahr der Erstarrung vermeiden, das Risiko der Bewegung (Handlung) auf sich zu nehmen: man muss einfach anfangen zu steuern, obwohl man es eigentlich nicht kann. Und auch hier kann die Paradoxie, die in dem Satz: ‘Man kann nicht nicht handeln!' steckt, helfen, trotzdem Politik zu machen, (weil man es tut, auch wenn man nichts tut).

In bezug auf politische Steuerung plädiert die Systemtheorie dafür, den Blick nicht zu eng auf ihre Ziele, Pläne und Programme, die Strukturmaßnahmen und Implementationsprozesse zu richten, sondern vielmehr als bisher die Ereignishaftigkeit, d.h. die geschwinde Dynamik selbstreferentieller Systeme zu beachten. Es sollte jeder Steuerungsoperator wissen, daß jedes Verhalten einen Signalwert hat und mithin Effekte, die kaum noch einzuholen sind. Steuerungskompetenz zeigt sich deshalb nicht in Prinzipientreue, nicht im Festhaltenkönnen an einmal erarbeiteten Positionen, sondern in der Fähigkeit, Situationsparameter schnell und sensibel zu entziffern, sinnvoll auf sie zu reagieren, abzuwarten, bis die Antwort kommt, und wieder zu antworten und wieder abzuwarten ... und bei diesem schnellen Spiel stets die Frage im Auge zu behalten, ob man mit den eigenen und fremden Antworten auch morgen noch leben kann, sprich: lernbereit zu bleiben.

Die Systemtheorie kann keine ‘how-to-do-Regeln' für die politische Steuerung angeben. Sie widerspräche ihren eigenen Ansprüchen, wollte sie Vorgaben für ein ‘richtiges Steuerungshandeln' machen. Sie kann aber davor warnen, das Feld der Theorie mit den Phrasen der Politiker zu besetzen, statt es zu nutzen, um über die Phrasierungen der Politik nachzudenken. Dazu muß sie sich mit ihren Unterscheidungen von den Unterscheidungen des politischen Diskurses unterscheiden. Sie muß Differenzen erzeugen, um nicht differenzlos im Gegenstand, im politischen Diskurs, unterzugehen und zu verschwinden. Sie kann nicht sicher sein, wie ihre Aussagen auf eine politische Steuerungspraxis wirken, doch sie weiß, dass sie irritieren muss, und sie kann irritieren, wenn sie den zweiten Doppelpunkt setzt und damit auf die unsichtbar gewordene Unwahrscheinlichkeit von Steuerung und die prekären Bedingungen ihrer Möglichkeit aufmerksam macht.

Literatur:

Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in die andere Moderne. Frankfurt/Main

Beck, U. (1988): Gegengifte. Die organisierte Unverantwortlichkeit. Frankfurt/Main

Glasersfeld, E. von (1981): Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: P. Watzlawick (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. München, Zürich, S. 16-38

Luhmann, N. (1983): Anspruchsinflation im Krankensystem. Eine Stellungnahme aus gesellschaftstheoretischer Sicht. In: Ph. Herder-Dornreich, A. Schuller (Hrsg.): Die Anspruchsspirale. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, S. 29-49

Luhmann, N. (1983): Der Wohlfahrtsstaat zwischen Evolution und Rationalität. In: P. Koslowski u.a. (Hrsg.): Chancen und Grenzen des Sozialstaats. Tübingen, S. 26-40

Luhmann, N. (1986): Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen

Luhmann, N. (1987): Die Differenzierung von Politik und Wirtschaft und ihre gesellschaftlichen Grundlagen. In: ders.: Soziologische Aufklärung, Bd. 4, Opladen, S. 32-48

Luhmann, N. (1988a): Grenzen der Steuerung. In: ders.: Die Wirtschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main, S. 324-349

Luhmann, N. (1988b): Organisation. In: W. Küpper, G. Ortmann (Hrsg.): Mikropolitik. Rationalität, Macht und Spiele in Organisationen. Opladen, S. 165-185

Luhmann, N. (1989): Politische Planung: Ein Diskussionsbeitrag. In: Politische Vierteljahresschrift (30), S. 4-9

Maturana, H.R., Varela, F.J. (1987): Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Bern, München, Wien

Piaget, J. (1937): La construction du réel chez l'enfant. Neuchatel

Redder, V. (1990): Ich sehe was, was du nicht siehst. In: N. Luhmann, H. Maturana, M. Namiki, V. Redder, F. Varela: Beobachter. Konvergenz der Erkenntnistheorie? München, S. 7-13

Serres, M. (1984): Der Parasit. Frankfurt/Main

Tyrell, H. (1976): Probleme einer Theorie der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung der privatisierten modernen Kleinfamilie. In: Zeitschrift für Soziologie (5), S. 393-417

Willke, H. (1987): Strategien der Intervention in autonome Systeme. In: D. Baecker, u.a. (Hrsg.): Theorie als Passion. Luhmann zum 60. Geburtstag. Frankfurt/Main, S. 333-361


Vorwort

Der zweite Doppelpunkt (Theodor M. Bardmann)

Organisationen (Hans-Christoph Vogel)

Planen, Autopoiese und Sozialpädagogik (Bernd Woltmann)

Intervention (Heinz J. Kersting)


Organisationen

Rationalistisches und Konstruktivistisches zum Planungsprozeß

von Hans-Christoph Vogel
(zweites Kapitel des Buches Irritation als Plan - Konstruktivistische Einredungen, Kersting Verlag, Februar 1991)

Rekursive Planung

oder:
Die aufrechten Planer geraten ins Stolpern

Unsere Planungsvorfahren gingen noch erhobenen Hauptes durch das Land. Sie kannten die Richtung, wußten, was zu planen war, und wenn sie es einmal nicht wussten und sich selbst nicht zum Maß aller Dinge erheben konnten oder wollten, stellten sie sich in den Dienst eines Höheren - und waren dann wieder gewiss, dass sich die Dinge in gewusster Weise entwickelten.

Militärs, die Lehrmeister der Planung, stiegen dabei immer schon gerne auf Hügel, um das Land besser zu überblicken und den Feind eher ausmachen zu können. Aber schon bald schlossen sich einige von ihnen, die "Stäbe", in ihre Stuben ein und planten von dort, auf welche Hügel die anderen, die das Geschäft des Krieges zu besorgen hatten, steigen sollten. Mit dem Sandkasten stand ihnen ein Medium zu Hilfe, das vielfältige Variationen der Ausgangslagen sowie Simulationen des Kriegsgeschehens zuließ. Manchmal half es den Kriegführenden, auf solcherlei Weise erstellte Pläne im Kopf zu haben, durchkreuzte nicht der Gegner mit seinem Plan den Plan des ersteren, indem er den strategisch wichtigen Hügel zuvor besetzte.

Auch industrielle Unternehmen taten gut daran, im Lande umherzuschauen, um sich frühzeitig auf Geschäfte vorzubereiten (nicht zuletzt die, die man mit dem Krieg machen konnte). Auch in Nicht-Kriegszeiten hatten sie es mit vielen "Gegnern" zu tun, wenigstens im Modell der freien Konkurrenz. Wer hier zunächst den "Marktplatz" besetzte, erhielt als Preis den Unternehmergewinn, für geraume Zeit, bis ihm die anderen diesen wieder abgejagt hatten. Aus diesem Mehrwert konnten große und kleine Gewinnler große und kleine Abzweigungen für ihre "Stäbe" reservieren, die das Feld für den nächsten Zug vorplanen halfen.

Die Vertreter der neuen, wissenschaftlichen Betriebsführung (Taylor, Gilbreth, Urwick, Fayol u.a.) analysierten genauer, systematischer und umfangreicher als ihre eher intuitiv vorgehenden Planungsväter. Sie hatten dabei weniger Krieg oder Frieden im Sinn als die innere Welt ihres Betriebes, vor allem die Vorgänge der Produktion. Sie zergliederten Arbeitsprozesse, stoppten Zeiten, sie maßen und stückelten das Sezierte, sie fügten es zu einer neuen Ordnung zusammen, berechneten danach den Lohn der Werktätigen, später auch das Gehalt der Arbeitsvorbereiter und Planer selbst.

Arbeit war Gegenstand der Reflexion geworden, und zu ihr zählte die Planung der Arbeit. Geplante Arbeit war, gemessen an den Kriterien des Wirtschaftens, der "ungeplanten" überlegen. Sie verlief auch in den geplanten Bahnen, solange die Verplanten nichts anderes im Kopfe hatten als die Planerfüllung. Aber nicht alle entsprechen den Taylor'schen Versuchspersonen, die ihre Vorgaben ohne Widerrede akzeptierten und sich ganz im Sinne von Lohnmaximierern verhielten: Sie handelten häufig anders als geplant, vor allem, wenn sie im Verbund einer Gruppe arbeiteten. Doch auch dieser zunächst unplanbar erscheinende, Rest des "Human-Faktors" wurde der Planung unterworfen; denn augenscheinlich verhielten sich Gruppen i. S. der Pläne, und ihr Widerstand gegen Neuerungen legte sich, gewährte man ihnen das Setzen eigener Gruppenstandards bzw. beteiligte man sie am Prozess der Neuerung (s. die "Hawthorne-Experimente": Roethlisberger/Dickson 1939 bzw. die Studien von Coch/French 1948). Beteiligte man sie darüber hinaus an der Kommunikation über die Kommunikation, dann "lernten Gruppen auch zu lernen", wie sie zukünftig mit ähnlich gelagerten Fällen umzugehen hatten (s. Bateson 1983: 380). Die Entwicklung der "human side of enterprise" wurde in systematischer Form in die Planung sachbezogener Prozesse eingebaut, ein Programm, das wir seither als "Organisationsentwicklung" bezeichnen (s. French/Bell jr. 1973: 41ff).

In dem Maße, in dem sich Märkte ausweiteten, in dem Technologien verfügbar wurden, die eine zunächst ungeahnte Umsetzung der Pläne in Fertigungsabläufe ermöglichten, in dem aber auch Organisationen zu Großorganisationen heranwuchsen, sei es als Folge der eingesetzten Technologien oder auch des Bestrebens, den Markt unter Kontrolle einiger weniger zu halten, geriet Planung unter neue Vorzeichen: Man mußte "sichergehen" angesichts gewachsener Investitionsvolumina, angesichts einer Größe, die nach Erhalt rief und einer engen Verquickung mit Staat, Gewerkschaft, Partei, Kirche und Kapitalgebern. Die Verknüpfung mit diesen Gruppen war denn auch geeignet den Erhalt zu sichern, wurde sie nur geplant und gepflegt. Die Kleinen "durften" eher fehlplanen und mußten, ob dieser Fehlplanung, vom Markt verschwinden. Aber noch ein weiteres Vor-Zeichen, die Ziel-Vorgabe des "Herren", hatte sich verflüchtigt bzw. anonymisiert. Familienunternehmungen wandelten sich zu Kapitalgesellschaften. "Zwecke" mussten nun selbst erstellt oder gefunden werden, und solche Zwecke konnten nur im Zusammenhang mit dem jeweiligen Kontext gefunden werden, in dem man operierte. Planen hieß fortan, die Umwelt zu analysieren, in ihr nach Nischen und Wegen zu suchen. Gleichzeitig suchte man die Art der Umwelt, beispielsweise ihre "Dynamik" und "Variabilität" in verlässliche Beschreibungskategorien zu kleiden, um Kriterien für die angemessene Art der Strukturbildung zu finden (siehe zu diesen "Kontingenz-Ansätzen" der Organisationslehre: Hill u.a. 1974).

Verwaltungen konnten in früheren Zeiten weitgehend auf Planung bzw. Stäbe verzichten, hatten sie es doch mit dem Vollzug festgeschriebener gesetzlicher Vorschriften zu tun. Für beide Seiten, für den "Herrn" wie die "Gefolgschaft", war die Welt als "ihre" Welt berechenbar, nachprüfbar, überschaubar, konfrontierte man sie nicht mit Angelegenheiten, für die sie sich aufgrund von Gesetz oder Satzung nicht zuständig sahen. Darum kommt auch im Weber'schen Bürokratiemodell (Weber 1964) eine "Umwelt" als Variable, die in die Planung einzubeziehen wäre, nicht vor.

Umwelt wurde als Einflussgröße in dem Maße bewusst, in dem sich eine verläßliche "Gefolgschaft" zu einer kalkulierenden "Mitgliedschaft" wandelte, die ihre "Dienste" (nicht mehr ihren Leib und ihr Leben) zur Verfügung stellte und "Objekte" organisatorischen Handelns sich zu wählerischen, die Mitgliedschaft möglicherweise kündigenden, "Klienten" entwickelten.

Was lag für "bürokratische" Organisationen, also für staatliche und kommunale Verwaltungen, Schulen oder soziale Einrichtungen, näher, als sich für diese neuartige Problemlage ebenfalls spezieller Planungs-Verfahren zu bedienen, vor allem in einer Zeit, wie zu Ende der 60'er Jahre, als sich eine Gesellschaft reif für eine Reform an Haupt und Gliedern erachtete und sich dabei im Besitz der Steuerungskompetenzen und -instrumente glaubte, um ihre "Institutionen" erfolgreich zu reformieren.

Planung hat sich zwischenzeitlich, nicht zuletzt getragen durch diesen Planungsoptimismus, sowohl als "klassische", aufgabenbezogene Planung, wie auch als "soziale" Planung in den meisten, auch den nicht-industriellen, Organisationen institutionell etabliert. Aus den Stäben entwickelten sich Stabsabteilungen, später "Hauptabteilungen", deren Aufgabe nicht nur, wie zunächst, in der Beratung, sondern ebenso in der Beteiligung an Entscheidungen wie der vorausschauenden Gestaltung liegt. (Wir sprechen darum im Folgenden auch von Planern als Spezialisten in dieser arbeitsteiligen Funktion, werden allerdings auch gelegentlich Vorgesetzte dazu zählen, deren Funktion, sofern sie sie denn wahrnehmen, in dieser gesonderten Aufgabe der Planung der Arbeitsinhalte und ihrer Verbindungen liegt.)

In jüngerer Zeit ist diese Planung ins Gerede gekommen, ist die Euphorie einer Ernüchterung gewichen. Der "Marsch durch die Institutionen" erwies sich als dornenreich und sisyphushaft.

In Sozialverwaltungen verstauben zwischenzeitlich dickleibige Pläne zur "Neuorganisation der Sozialen Dienste", erstellt zu Beginn der 70' er. Sie haben nur in wenigen Kommunen, und dort auch nur halbherzig, Umsetzung erfahren. Nicht einmal die Hälfte der Ämter hat die seit langem geforderten Sozial- und Jugendhilfepläne aufgestellt (s. 5. Jugendhilfebericht 1989: 274). Zudem handelte es sich, so dieser Bericht, wo solche Pläne aufgestellt wurden, allenfalls um Bestandsaufnahmen des existierenden Angebots, selten um vorausschauende Planung. Ämter setzen Realisierung einer Aufgabe gerne mit der Errichtung zusätzlicher Stellen gleich. Darum sehen sie auch den Grund für das Planungsdefizit in der unzureichenden Bestückung der Ämter mit Plan(ungs)stellen.

Die Planungsenkel unserer aufrechten Väter gehen zuweilen gebückt durch ihre Organisation, stolpern über die ungeplanten und unerwarteten Widrigkeiten ihres Objekts (s. Enzensberger 1990).

Pläne, auch solche, die mit hohem Sachverstand und Sorgfalt aufgestellt wurden, entpuppten sich häufig als fehlerhaft und unvollkommen. Vor allem aber zeigten sich die erhofften Segnungen der "Verwissenschaftlichung" als fragwürdig: Auch ein methodisch hochentwickeltes Planen ist mit ungeplanten und unerwünschten Nebenfolgen verbunden. Eine florierende Wirtschaft, die über eine ganze Palette von Steuerungsinstrumenten verfügt, lebt mit einer erschreckend hohen Zahl an Armen, Arbeits- und Obdachlosen. Arbeitnehmer fühlen sich durch reduzierte Stundenzahlen erleichtert und zugleich bedrängt, durch verfeinerte Rechnungs- und Führungssysteme "objektiver" beurteilt und zugleich unerbittlich gemessen, durch eine Technologie in ihrer Arbeit von mühevoller und stereotyper Kleinarbeit entlastet und zugleich beengt. Organisationsmitglieder erfahren "konvexe" Erweiterungen und erleben zugleich ein "gekrümmtes Land" (Handke 1984).

Auch die Planung des "Human-Kapitals": der Führungssysteme wie die "Führung durch Zielvorgabe", der Anreizsysteme, der Laufbahnplanung oder der Förderung der Teamarbeit im Rahmen einer Organisationsentwicklung, erweist sich bei näherem Hinsehen - immer auch - als ein verwissenschaftlicher "Imperialismus" (Deutschmann 1989), als Zwangsjacke, die häufig genug zu Unlust, Aggression, Beschwerden, zum "burn-out", zur "Inneren Kündigung" und zum Aussteigen, also zu unerwünschten Auswirkungen führt.

Die Verwissenschaftlichung, so sagt Beck (1986), wird sich selbst zum Problem, leidet unter den Folgen, die sie selbst eingefädelt hat. Der auf das Vorne gerichtete Modernisierungsprozeß wird zum reflexiven bzw. "rekursiven" Prozess, der das Risiko des Nichtgelingens bzw. die "Logik des Mißlingens" (Dörner 1989) mit einkalkulieren muss. Die Machthabenden in Organisationen reagieren mit allerlei Strategien auf derartige Erfahrungen: Sie besänftigen, vertuschen, bessern nach oder versuchen, die aufgeworfenen Probleme "lokal", d.h. auf das manifest gewordene Problem begrenzt zu halten, wittern sie doch, bei Generalisierung störender Tendenzen, fundamentale Legitimations-Gefährdungen. Doch: Im Falle größerer Störungen trifft es sie alle, die Planer und die Verplanten (wobei die Folgen für letztere andere sind als die für die ersteren).

Störungen, Zusammenbrüche oder Irritationen, Erfahrungen ungewollter Konsequenzen und Machtlosigkeit bezüglich der Steuerbarkeit sozialer Systeme nehmen einen anderen Platz in einem konstruktivistischen (Maturana/Varela 1987) Denken ein: Sie sind nicht länger Defizite, die mit verfeinerten Methoden zu eliminieren sind, sondern sie gehören dazu, sind untrennbarer Teil jeder Planung, weil Planung Konstruktion von Wirklichkeit bedeutet, die, will sie Veränderungen einleiten: Neu-Konstruktion der Wirklichkeit impliziert.

Ein solches konstruktivistisches Denken sieht darum auch in der Rekursion kein Hilfsmittel zur Aufbesserung einer unvollkommenen Planung, sondern eine notwendige Grundbedingung allen Handelns: Soziale Systeme (Organisationen) können die Welt, die Zukunft oder ihren Markt, nur sehen durch Rekursion auf Strukturen, die sich in ihrer Entwicklung herausgeschält haben. Sie können nur "selbstbezüglich" arbeiten, das sehen, was sie sehen können, und zwar durch die Brille ihrer Strukturen, ihrer Sehweisen, ihrer Kriterien, ihrer Gewohnheiten zu denken und ihrer Sprache. Sie haben anders gewendet, keinen direkten Zugang zur Welt, können diese darum nicht abbilden oder in Modellen "wirklichkeitsgetreu" repräsentieren.

Sehen wir uns unsere eingangs zitierten Planer, die auf die Hügel steigen, um besser sehen zu können, noch einmal an, und zwar unter konstruktivistischer Perspektive: Planer können auch aus erhobener Warte (der 4. Etage oder der Satellitenperspektive) nicht alles sehen, und sie sehen nicht "besser". Sie können nicht die Einzelheiten des Landes, vielmehr nur die große Linie, sehen, vor allem aber: können sie sich selbst nicht auf ihrem Hügel sehen, ebensowenig sehen sie das, was ihre Abwesenheit im flachen Land auslöst. Sie sehen auch nicht, was (mit ihnen) passiert, wenn sie, erleuchtet von der Fernsicht, vom Berg herab zu den Ihren steigen. Es könnte sie auch blenden und verwirren, was sie dort unten, Auge in Auge, sehen (im Falle der militärischen Planer: die Opfer ihres Planens). Verlieren sie sich andererseits wieder im Getümmel des flachen Landes, entgehen ihnen wieder die generellen Perspektiven, die "großen" Linien.

Auch als arbeitsteilig gesonderte Gruppe können Planer immer nur selbstbezüglich sehen, eben als "Planer" und nicht als "Ausführende". Und immer haben sie dabei eigene Kategorien (Vorgeplantes) im Kopf, die sie überhaupt sehend machen, Umrisse wahrnehmen, Zusammenhänge ent-decken und Unterschiede bewusst werden lassen.

Beteiligen die Planer Organisationsmitglieder am Planungsprozess bzw. um im Bild fortzufahren: nehmen sie die, für die sie planen, mit auf den Hügel, werden sie diese vielleicht durch die andere Perspektive irritieren, aber nicht in geplanter oder planbarer Weise: Flachländer reagieren auch auf Hügeln immer noch als Flachländer. Lassen sie sich ein auf den Austausch unterschiedlicher Sichten an unterschiedlichen Orten, werden sie selbst ebenso irritiert wie die, die sie planend beraten sollen. Sie geraten unweigerlich ins Stolpern. Und mit diesem Vom-Weg-Abkommen müssen konstruktivistische Planer rechnen, auch wenn es unbequem ist. Sie müssen es sogar einkalkulieren, weil es von unschätzbarem Wert für jedes Weiterkommen ist: Das Stolpern bzw. die Zusammenbrüche offenbaren erst das, was stillschweigend akzeptiert, also bislang nicht gesehen werden konnte (Winograd/Flores 1989: 69).

Wir wollen diese konstruktivistische (rekursive) Sicht nachfolgend weiter ausführen, vorweg aber die "klassische Sicht" der Planung sowie die auf "Heilung unvollkommener Rationalität bedachten Strategien" stellen.

Die klassische Sicht:

Planung als Steuerungsinstrument oder:
Planung als Sicherung gegen Irritation

Eine Einzelperson mag sich im privaten Kontext ihren Launen und jeweiligen Einfällen hingeben, mag in den Tag hineinleben. Sie mag das Morgen verdrängen, vor allem, wenn es mit Einengungen und Opfern im Hier und Heute verbunden ist. Allerdings ist ihr (darum auch) die Zukunftssorge in existentiell wichtigen Bereichen durch ein Versicherungs- und Versorgungssystem, wenigstens in Teilen, aus der Hand genommen. Sie hat sich für Krankheit, Unfall oder Gebrechlichkeit zu versichern, muss einer Renten- und Arbeitslosenversicherung Teile ihres laufenden Einkommens abtreten.

Organisationsmitglieder haben vor Eintritt in eine Organisation des Arbeitslebens in aller Regel bereits eine mehr oder minder starke Planungs-(und Opfer-)Sozialisation durchlaufen: Sie werden schon früh in ihrem Leben an das Morgen gemahnt, müssen allerlei Zeit-, Stunden- oder Semesterpläne erstellen. Sie werden früh schon "erzogen", nur ja nicht den "roten Faden zu verlieren", "das Thema nicht zu verfehlen" und die Konsequenzen für die Zukunft zu bedenken.

Insoweit können Organisationen des Berufslebens auf eine beträchtliche Vorprägung zurückgreifen bzw. an ihr anknüpfen. Das Organisationsmitglied ist immer schon mit Planung grundsätzlich vertraut, ist rational-planend "voreingestellt", sieht Planung als notwendiges und legitimes Recht der Organisation, als den Normalfall, an.

Sofern und solange Organisationen nicht um ihren Bestand fürchten müssen, kann das Ausmaß ihrer Planung auf ein Mindestmass und eine kurzfristige Zeitspanne begrenzt bleiben. Öffentliche Verwaltungen sind in der Regel mit solchem Bestandsschutz versehen. Organisationen aber, die abhängig sind vom Wohlwollen, von der Wertschätzung oder von der Nachfrage ihrer Umwelt, wenden Zeit und Mühe auf, diese Umwelt nach ihrem Fortgang zu befragen, sie zu beeinflussen oder auch unter Kontrolle zu halten, um den Bestand zu sichern bzw. zu expandieren. Solche Organisationen haben Planung institutionalisiert, das meint die: "...gedankliche Vorbereitung zielgerichteter, zukünftiger Handlungen, und zwar Entscheidungen. Das Ergebnis des Handelns, der ‘Plan', ist die Zusammenstellung von künftig vorzunehmenden Handlungsschritten in Form eines Programms. Gegenüber einer Einzelentscheidung ist der Plan eine Vorgabe für eine größere Zahl von Einzelentscheidungen, die in einer sinnvollen Abfolge auf die Erreichung eines Zieles ausgerichtet sein sollen." (Freudenberg 1984: 101) Planung in dieser Sichtweise, die wir "klassisch" nennen, heißt rationales Abwägen von Alternativen, heißt bewusstes Auswählen und Entscheiden.

Solches Abwägen bezieht sich auf zukünftige Ereignisse. Planung tritt dazu heraus aus dem Entscheiden über das Hier und Jetzt, befasst sich mit dem, was morgen auf den Entscheider vermutlich zukommen wird. Das Morgen wird dabei häufig unterteilt in eine ferne, eine mittelfristige und eine kurzfristige Zukunft. Entsprechend unterscheidet man: Langfristige (bzw. "Grundsatzplanung": etwas 10 Jahre), mittelfristige ("Strategische Planung": etwa 5 Jahre) und kurzfristige ("Operative Planung": etwa 1-2 Jahre) Planung.

Eine unbestimmte, unstrukturierte Zeit wird durch diese auferlegte Zeitstruktur in Systemzeit umgewandelt. Die Entscheider denken nun in den Kategorien ihrer Planungsräume und -zyklen.

Je langfristiger der Planungshorizont, desto unbestimmter müssen Ziele ausfallen, je kurzfristiger, desto stärker lassen sich Ziele bezüglich der Inhalte, Orte, Personen und Prozeduren operationalisieren.

Planen bedeutet, in der klassischen, rationalistischen Sicht: Beobachtung einer vom System unabhängigen Umwelt. Beobachtet werden Veränderungen (nur die kann man sehen), die sich, vergleicht man vergangene Zustände mit den jetzigen, abzuzeichnen beginnen. Es wird überlegt, welche Folgerungen sich für das System aus diesen Veränderungen ergeben bzw. es wird entschieden, wie das System auf diese Änderungen "reagieren" soll.

Sind sich die Planer nicht sicher, welsche Entwicklungen die Umwelt nehmen wird, entwickeln sie Pläne i.S. vorläufiger Hypothesen, die zwischen den Extremen eines "ungünstigen" (pessimistischen) und eines "günstigen" (optimistischen) Verlaufs liegen. Das Planen in Alternativen bietet zudem den Vorteil, je nach sich abzeichnendem Verlauf, die eine oder andere Lösung aus der Schublade ziehen zu können. Man ist vorbereitet, und darum geht es: Man wird nicht überrascht, kann die Entwicklung schneller aufnehmen und beantworten.

Planer werden sich in der Regel mit einer lediglich "fortschreibenden" Planung nicht zufrieden geben; denn Planung soll ja die Chance eröffnen, auf die vermeintliche Entwicklung frühzeitig im Sinne der eigenen Ziele einzuwirken. Planen bedeutet Auswahl von Zielen, ihre Abwägung, ihre Angleichung untereinander und ihre Zusammenfassung in einer Konzeption.

Organisationen werden nach der Güte solcher Konzeptionen eingeschätzt, müssen sie vorzeigen, um gesetzliche Anerkennung zu finden, um gefördert zu werden oder um sich zu rechtfertigen.

Organisationen, die diese Gütemerkmale nicht vorzeigen können, gelten als "konzeptionslos" und müssen um ihren Fortbestand fürchten. Der Inhalt dieser Konzepte und ihr äußeres Erscheinungsbild werden als Repräsentationsmerkmale bzw. Indikatoren des Innenlebens angesehen.

Organisationen stehen dabei in einem Dilemma: Einerseits sind sie bestrebt, diese Ziele möglichst zu operationalisieren, um sie einer konkreten und überprüfbaren Steuerung zugänglich zu machen, andererseits setzen sie sich unter den Zwang zur Verfolgung dieser und nur dieser Ziele (eine soziale Einrichtung kann Flüchtlinge aufnehmen, wo zuvor Kinder untergebracht waren, nicht aber eine Hotelkette aufziehen). Operationalisierung kann der Orientierung dienlich sein, kann die Kooperation erleichtern, und sie kann die abstoßen, die sich in ihr nicht wiederfinden und sich durch die Vorgaben gegängelt fühlen.

Soziale Systeme unterliegen besonders dort Planungszwängen, wo die "Umwelt" ein hohes Interesse am Fortbestand des Systems hat. So fragen Aufsichtsgremien und geldgebende Stellen regelmäßig nach den Plänen für die Zukunft, weil sie meinen, das Ihre damit getan zu haben oder auch weil sie um ihr eingesetztes Geld bangen. Für solchermaßen interessierte Umwelt ist die zur Debatte stehende Organisation ein System, das möglichst überraschungs- und irritationsfrei zu halten ist, hat man doch mit der Bewältigung der Komplexität des eigenen Systems genug zu tun (Verbände mit ihrem Verband, Ehrenamtler mit ihrem eigenen Beruf).

Planen heißt: Entscheiden, also Auswählen unter möglichen Wegen, sei es, um vorgegebene oder selbstgesetzte Ziele bzw. Werte, denen man sich verpflichtet fühlt, zu erreichen.

Durch die Entscheidung "verdichtet" sich die Zukunft, die Kontingenz des auch anders Möglichen reduziert sich auf die Kontingenz des Entschiedenen. Zukünftige Kontingenz verwandelt sich in vergangene Kontingenz (Luhmann 1988: 170).

Verdichtung bedeutet Selektion und Reduktion auf angebbare Alternativen, die dann bezüglich Raum, Zeit, Ort und Personal operationalisiert und entschieden werden können. Natürliche Zeit wird in "Systemzeit" transformiert, eine unmerkliche Geschichte in merkbare bzw. markierte Segmente unterteilt, die Anlass zu bestimmbaren Aktionen geben. Man kann sich einrichten, einen Vertrag kündigen oder Mitarbeiter einstellen, man hat Selektionskriterien an der Hand und weiß darum, was zu tun ist. Die verworfenen Kriterien können, sollten sich die gewählten als unangemessen erweisen, aus der Kontingenz zurückgeholt und an die Stelle der nicht passenden gesetzt werden. Insbesondere kann nun, vor allem im Falle sich als günstig herausschälender Erfahrungen, ein Programm aufgelegt werden, das ohne laufende Entscheidung abgewickelt werden kann (bzw. sich abwickelt), das, entlastet vom Entscheiden, erlaubt, Aufmerksamkeit auf andere Entscheidungen zu lenken (so etwa beim Management by Objectives bzw. Management by Results, Führungssysteme, bei denen erst vorbestimmte Soll-Ist-Abweichungen zu Entscheidungen Anlass geben).

Sofern und in dem Maße, in dem Planungsentscheidungen wiederkehrend anfallen, lässt sich die Planung planen, lässt sich regeln, was wann mit wem zu entscheiden ist. Solche Rekursionen können dann allerdings, wie wir eingangs zeigten, Planer in ihrem Ordnungsdenken verwirren.

Planung wird in Organisationen als Prozess institutionalisiert und strukturell verankert, indem sich ein Teil der Organisationsmitglieder vornehmlich mit Planung befasst, Planungsabteilungen etabliert und Planungskompetenzen und -pflichten hierarchisch festgelegt werden. Gelegentlich werden nicht nur Planungsinhalte und -fristen, sondern darüber hinaus auch konkrete Methoden vorgeschrieben (PBBS-System, Netzplantechnik etc.).

"Gleitende" Planung zeichnet sich dadurch aus, dass sie die sich abzeichnenden Tendenzen im Hinblick auf die Konsequenzen für die mittel- und langfristigen Pläne ermittelt. Der "Controller" ist die Person, die sich dieser Aufgabe annimmt und der Entscheidungen zur Kurskorrektur oder Zielrevision vorbereitet. Diese begleitende Revision (im Gegensatz zur früher üblichen nachträglichen Revision in größeren Abständen) setzt dann besondere Formen des Rechnungswesens (Kostenrechnung) und der Datenverarbeitung voraus (s. Deyhle/Steigmeier 1988).

Wenn Planung zielgerichtet ablaufen soll, müssen Ziele und Zielsysteme eine Reihe von Kriterien erfüllen: Ziele können sich neutral zueinander verhalten, sie können sich gegenseitig fördern, sie können sich aber auch widersprechen. Ausweitung der sozialen Dienste verträgt sich beispielsweise nicht mit dem Ziel der Kosteneinsparung, Festlegung von Geldern beißt sich mit hoher Liquidität. Das heißt: Ziele müssen aufeinander abgestimmt werden, Abstriche an den Optima der Einzelziele zugunsten eines Gesamtoptimums vorgenommen werden.

Organisationen werden in einer sich auf rationale Aufgabenbewältigung ausgerichteten Planungspraxis als Aufgabensysteme angesehen, in denen Personen allein als Aufgabenerfüller bzw. Störer von Aufgaben vorkommen. Personale Bedürfnisse haben darin keinen Platz, ebensowenig Strukturen, die sich an personalen Bedürfnissen orientieren und die formalen Strukturen überlagern.

Planung, die "informale" Bedürfnisse, Prozesse und Strukturen unter Beteiligung der Betroffenen einbezieht, wird als Organisationsentwicklung bezeichnet. Sie hat jedoch keinen grundsätzlich anderen Charakter wie die beschriebene aufgabenbezogene Planung, wenn und insoweit sie sich im Kontext einer Organisation bewegt, die sich als ein System objektivierbarer, von den Planern losgelöster, Kriterien versteht, auch wenn ihre Inhalte und Methoden zunächst andersgeartet erscheinen.

Als rationales Verfahren einer Optimierung personaler Interessen erweitert sie lediglich ihr Objekt, die formalen Erwartungssysteme der Mitglieder, um die Erwartungen der Personen bzw. "informaler" Gruppen. Indem sie diese einbezieht, erwartet sie als Tauschäquivalent die Bereitschaft, sich in höherem Maße mit den Zielen der Organisation zu identifizieren, Erwartungen der Führung zu akzeptieren, wenigstens aber nicht zu stören.

Eine so verstandene Sozio-Technik bedient sich der gleichen rationalen Instrumente wie alle Steuerungstrategie: Sie erhebt in systematischer Weise Defizite, sucht nach deren Ursachen, formuliert neue Ziele für eine verbesserte Zusammenarbeit und stellt Methoden bereit, um das jeweilige System an die gesetzten Ziele anzupassen. Sie vergleicht, wie ein "Controller", Anfangs- und Endzustände und führt ihren Erfolg oder auch den Misserfolg auf ihre mehr oder weniger effektive Strategie zurück. Das mag sich auf die Entwicklung einzelner Personen (Personalentwicklung), von Abteilungen oder gesamter Organisationen beziehen.

Organisationsentwicklung als rationales Instrument im rationalen Gesamtsystem muss sich, wie alle sach- bzw. aufgabenbezogene Planung, formalisieren und institutionalisieren, indem sie Führungsgrundsätze (Zielsysteme) festlegt und veröffentlicht, Beteiligungsformen etabliert, Seminartypen und -reihen ins Leben ruft, Spezialisten für Personal- oder Organisationsentwicklung in den Betrieb holt oder Sozialbilanzen ("Was wir für unsere Mitarbeiter tun") erstellt. Sie plant Zufriedenheit, Motiviertheit, bessere Ausbildung, höhere Identifikation, geringere Abwesenheitsraten oder Fehlzeiten, wo zuvor ausschließlich Umsatz, Gewinn oder Rendite gehandelt wurden, und sie muss annehmen, bewegt sie sich doch im Rahmen eines zunächst auf Aufgabenerfüllung bedachten Systems, dass sich das erstere Zielbündel zum nachgenannten förderlich, wenigstens aber nicht abträglich verhält. Sie will Irritationen, Unwägbarkeiten beseitigen, die durch die Person ins Spiel gebracht werden, in der Hoffnung, dass beide davon profitieren, das aufgaben- wie das personbezogene System - wenn auch nicht in gleichem Maße. Sie will ein "schmutziges" durch ein "sauberes" Spiel ersetzen (Bardmann 1990: 188f.), eine "Mikropolitik" (Bosetzky 1988) der Winkelzüge, die scheinheilig das Planungssystem unterstützte, es gleichwohl im nächsten Moment unterlief, gegen ein offenes, kontrollierbares Spiel austauschen.

Organisationen als Orte begrenzter Rationalität:
Die auf Heilung unvollkommener Rationalität bedachten Strategien

Die empirischen Untersuchungen zur Zielfindung und zur Rolle von Zielen im Planungs- und Entscheidungsprozeß (s. z.B. Hauschildt 1973; Witte 1973) zeigen, dass sachrationale Erwägungen häufig in Konkurrenz zu machtpolitischen Kriterien treten und dann geringere Priorität einnehmen. Simon (1957) machte darauf aufmerksam, dass Entscheider allenfalls als "begrenzt" rationale Problemlöser anzusehen sind, die allenfalls wenige Alternativen in ihre Abwägungen eingehen lassen, eher auf eingefahrenen Wegen gehen. Cohen, March und Olson (1972) fanden in einer viel beachteten Studie an amerikanischen Universitäten, dass Problemlösungsprozesse selten dem Modell eines rationalen Entscheidungsprozesses entsprechen: Entscheider kommen und gehen, und mit ihnen wandern ihre Probleme. Entscheidungen fallen dabei häufiger durch Zufall oder durch Flucht, selten durch bewusste Auseinandersetzung mit einem Problem. Konferenzen, so die Autoren, gleichen darum eher "Mülltonnen", in die die Beteiligten ihren "Abfall" entladen.

Diese begrenzte Rationalität mag ein Grund dafür sein, dass Prognosen, sofern sie sich nicht geschickt in orakelhafte Sprüche kleiden, sondern person-, raum-, orts- und zeitbezogene Operationalisierungen beinhalten, in den meisten Fällen als "wider Erwarten" günstig oder ungünstig, selten als Ebenbild des Vorausgesagten erweisen. Dies spornt in aller Regel zu Bemühungen an, die Rationalität des Planungsprozesses aufzubessern. Dazu bieten sich neue statistische Methoden an, elektronische Maschinen, die umfangreichere Zahlenwerke verarbeiten können, aber auch Veränderungen im prozeduralen (organisatorischen) Vorgehen, beispielsweise die Erhebung von Ist und Soll in schnelleren Abständen erfolgen zu lassen.

Doch solche Strategien eines "Mehr-desselben" (Watzlawick 1985: 372f.), d.h. eines Denkens in gewohnten Zusammenhängen unter Berücksichtigung eines festen Stamms von Variablen, erscheint zunehmend fragwürdig. Gerade die ökologische Diskussion zeigt die Folgen eines Planens auf, das sich auf den Kranz herkömmlicher Parameter beschränkt, Ressourcen wie Wasser oder die Luft als zu vernachlässigende Gegebenheiten in ihren Prognosen ansieht.

Dieses Außerachtlassen von Einflußgrößen, das Sicheinschließen in einen Satz bekannter Variablen, wie auch das lineare Fortdenken, dass alle Entwicklung in den bekannten Zusammenhängen, Zuwachs- oder Abnahmeraten so weitergehe, wie es geht, ist unter Kritik geraten. Aber auch daraus haben die Planer gelernt: Sie haben begonnen, umfassendere Szenarien zu entwerfen und weitläufigere Zusammenhänge einzubeziehen. Auch die Planung des innerorganisatorischen Prozesses hat sich gewandelt: "Progressive" Controller sehen sich als Systemberater im Sinne der beschriebenen Organisationsentwicklung. Statt eines linearen Ablaufs strukturieren sie Planungen zunehmend als wiederkehrende Prozesse i. S. einer Teilplanung, einer Beobachtung des Prozesses und einer nächsten Planung usw.. Solche Zyklen werden auch als "Prototyping" bezeichnet (Mambrey u.a. 1986: 248).

Doch ein geschickteres "Anpassen an den Gegenstand", ein Aufnehmen der Widerstände verbleibt im rationalen (rationalisierbaren) Grundverständnis verhaftet. Das Widersprüchliche wird übergangen, weil es sich der Erhebung entzieht, oder es verschwindet in den statistischen Berechnungen von Mittelwerten, Korrelationen oder Regressionsgleichungen (Cameron/Quinn 1988: 15).

Der Gegenstand, das Objekt bleibt als unumstößliche Größe. Man umkreist es gleichsam im zyklischen Modell, um es letztendlich in den Griff zu bekommen. Immerhin jedoch wird die Technik im erwähnten Ansatz von Mambrey u.a. (1986) nicht mehr als ein "Sachzwang", als eine unabhängige Variable behandelt. Sie wird auch als Produkt vorangegangener Entscheidungen über Technik und ihre Wirkung als nicht trennbar von der Art ihrer Einführung und ihres Einsatzes angesehen.

Andere Autoren propagieren ein umfassenderes, vernetztes bzw. systemisches Denken (Planen), eine erweiterte "Rationalität", die auch Bereiche einbezieht, die bislang ausgeschlossen blieben, etwa das politische Umfeld, die "materielle" als auch die "soziale" (die Mitarbeiter) Umwelt, den Verbrauch an Ressourcen, den produzierten Abfall und seine Verwendung. Ebenso soll die Art der Verknüpfung, sollen längere Ergebnisketten, "looping-Effekte", die begrenzte Elastizität beanspruchter (belasteter) Variablen, "Deckeneffekte", Entwicklungen, die "aus dem Gleichgewicht" geraten oder nicht-lineare Beziehungen einkalkuliert werden (s. z.B. Vester 1990; Bossel 1985; Ulrich/Probst 1988; Dörner 1989). Diese Folgerungen wurzeln in empirischen Studien, Simulationen und alltäglichen Erfahrungen über das Verhalten von Planern bzw. Entscheidern in hochkomplexen Situationen. So fand Dörner (1978) in seinen Experimenten zum Umgang mit einem simulierten ökologischen System ("Tanaland", einem fiktiven afrikanischen Land), dass sich die Versuchspersonen im Verlaufe des Spiels zunehmend Entscheidungsschwerpunkte bildeten, dadurch andere Kriterien vernachlässigten, daß sie zum Konservativismus neigten, dass ihre Reflexionsneigung abnahm, dass sie geringe Neigung zeigten, in Netzen zu denken, vielmehr einfache Ursache-Wirkungsketten annahmen, dass sie dem Status-Quo verhaftet blieben, ihn linear extrapolierten und als Folge davon, zu allzu optimistischen Schätzungen tendierten.

Die Entscheider beabsichtigten das Gute, allein sie schufen das Chaos, trieben Raubbau mit der Natur, opferten Menschenleben um des Wachstums willen und erlebten dann vielfach auch die "Früchte" ihres Entscheidens: den Untergang ihres einst unversehrten Eilands.

Wir erschrecken, wie einst bei den Milgram-Experimenten, vor solch menschlicher "Unvernunft" und fragen uns ob wir uns selbst hilflos ausgeliefert sind.

Ein "neues" (vernetztes, offenes, lernendes) Denken ist grundsätzlich lernbar, sagen die Vertreter dieses "systemischen" Denkens. Sie wählen dazu andere didaktische Formen, ein ungewöhnliches "Lesebuch über den Wert eines Vogels" (Vester, 1983), das Mittel der Simulation (Bossel 1985) oder das des erwähnten Computer-Planspiels, das, weil zeitraffend, die Neben- und Fernwirkungen schneller und drastischer vor Augen führt (Dörner 1989). Sie haben bei aller Skepsis an der rationalen Aufgeklärtheit der Macher, Entscheider und Planer den Glauben an die Rationalisierbarkeit bzw. "Aufbesserbarkeit" i. S. eines neuen Denkens nicht (ganz) aufgegeben. Wer allerdings nach den Merkmalen dieses neuen Denkens sucht, wird sich enttäuscht sehen, denn das Resümee der Untersuchungen von Dörner (1989) mündet in einer tautologischen Allerweltsformel: "Es ist ein Bündel von Fähigkeiten, und im wesentlichen ist es die Fähigkeit, sein ganz normales Denken, seinen ‘gesunden Menschenverstand' auf die Umstände der jeweiligen Situation einzustellen. Die Umstände sind immer verschieden! Mal ist dieses wichtig, mal jenes. Es kommt darauf an!" (Dörner 1989: 309). Solches Fazit kann nachdenklich stimmen, führt man sich die Konsequenzen eines "Begrenzt rationalen" Entscheidens vor Augen, etwa am Fall Tschernobyl (den Dörner als Entscheidungsprozess auswertet) oder des Golfkrieges.

Doch mit Planungs- und Entscheidungstechniken allein kommen wir einer begrenzten Rationalität wohl nicht bei: Die Experimentalgruppen, denen man solche Techniken an die Hand gab, zeigten keine signifikant "bessere" Fähigkeit der Entscheidung. Allein die "Selbstreflexion" erwies sich als hilfreich. Vielleicht erschüttert ein solches Nach-Denken wenigstens für einen Moment, die "Illusion" der Kompetenz, die Sicherheit, "die Situation in den Griff zu bekommen" (Dörner 1989: 272).

Aber selbst, wenn wir den Einzelplaner zur Nachdenklichkeit und zum Experiment mit einem "systemischen" Denken anregen, ist allenfalls eine höhere Einzelrationalität gewonnen, keinesfalls aber Systemrationalität sichergestellt, die unter der Auflage steht, mehrere "Rationalitäten" (Kriterien, Ziele) zu berücksichtigen. Zudem ist ungewiss, ob sich die Vertreter der Subsysteme überhaupt auf gemeinsame Kriterien bzw. Abstimmungen unter den Kriterien einigen. Den Subsystem-Vertretern ist aus ihrer Orientierung an einer Teil-Rationalität kein Vorwurf zu machen: Sie müssen im Sinne ihrer Subsysteme agieren, wollen sie ihre Funktion angemessen ausüben, wollen sie sich ganz im Sinne ihrer Profession verhalten. Sie können nicht gleichzeitig in Erweiterung von Maßnahmen für Klientengruppen und in Kostenreduktion denken, nicht ihr Subziel im Auge haben und ein verschwommenes Oberziel, allgemeiner: nicht im Sinne mehrerer Codes gleichzeitig denken (s. Luhmann 1986).

Treten die Vertreter der Subsysteme heraus aus ihrem Tagesgeschäft, bilden sie Planungsgremien, so sind sie Teil eines neuen Subsystems, das nicht "besser" sehen, nicht alles überblicken kann. Sie sehen andere Dinge, sehen als Planer, aber eben nicht alles. Vor allem aber: IN einem vernetzten System existiert kein Verursacher, den es auszumachen und durch planerischen Eingriff zu beseitigen gilt. Und weil Planer immer nur Teilauswirkungen im Kopf haben (können), immer Schnitte machen müssen, werden sie immer wieder von unverhofft abträglichen bzw. unverhofft günstigen Folgen ihre Eingriffe überrascht. Dabei ergeht es Ökologen nicht anders als anderen Gestaltern wie Ärzten, Politikern, Vorgesetzten oder Therapeuten.

Unsere Argumentation folgte einer spezifischen Logik des "Sachbezugs". In dieser Weise analysiert, schneidet unser Planer schlecht ab. Wir vergessen dabei jedoch, dass dieses Wesen "Planer" ein ganzheitliches Wesen ist, ein Wesen mit "Affekt-Logik" (Ciompi 1989). Nehmen wir ihm den Affekt-Teil, schauen wir nur auf die Sach-Logik. Und wir geben uns dabei einer trügerischen Hoffnung hin, als könnten wir den Affekt-Teil durch die Sachlogik bannen. Wir geben unserem Planer eine Parole: "Du bewegst dich hier im Rahmen einer aufgabenbezogenen Problemlösung" und unterstellen, er könne seinen Affekt an der Garderobe des Experimentierraumes oder der Organisationspforte ablegen. Wir vergessen, dass wir es als Beschreibende (Beobachter) waren, die überhaupt diese Trennung ins Spiel brachten, dass wir dem untersuchten Zusammenhang des Sinn-Konstrukt: "Sach-Rationalität" verliehen. Unser Entscheider hat aber immer auch anderes im Kopf. "Rumpf und Kopf" müssen sich als System insgesamt optimieren, der Affekt-Teil will seine Bedürfnisse nicht ewig hintenanstellen, der "Sach-Realität" den Vorrang vor der "Lust" belassen, will nicht auf Dauer die Anstrengung an die Stelle von energiesparender Standardlösung setzen, die Energie für "eigene" Bedürfnisse freilässt.

Vor allem ist er sich selbst nicht sicher - und solches Denken erforderte erneuten Kraftaufwand - müsste er nun auch immer noch entflechten, ob sein Handeln personalen Bedürfnissen oder sachbezogenen Kriterien zu attribuieren sei (er muss häufig genug rationale Konstruktionen vortragen).

Was die Vertreter eines systemischen Denkens ihre Hoffnung auf eine Aufbesserung der Planung nicht aufgeben lässt - bei allen enttäuschenden Resultaten - ist ihre Basis-Prämisse, man vermöge die Welt als Realität zu erfassen, wenigstens wesentliche Teile von ihr: Sie sehen sich in eine Zeit komplexer werdender Zusammenhänge gestellt bzw. eine Zeit, in der Folgen von Entscheidungen ungeahnte und bedrohliche Ausmaße angenommen haben, und sie glauben dies als Wissenschaftler eher und klarer zu erkennen. Sie antworten mit Verfahren zur Komplexitätssteigerung, mit Instrumenten der Vernunftaufbesserung, die helfen sollen, diese erweiterte Realität zu erkennen, eine Realität, die jedermann zu sehen vermag, wird er nur "systemisch" angeleitet.

Diese Hilfe muss aber dann ins Leere gehen, wenn der Gemeinte sich keiner Fehler bewusst ist, wenn er sich seine eigene Realität macht, die anders aussieht als die des Denklehrers und wenn dieses Selbsteinreden mit Selbstbeschreibungen der Realität einhergehen. Der "gesunde Menschenverstand" stellt sich nicht auf die jeweilige Situation ein, wie Dörner (1989) resümiert, sondern er bastelt sich seine Situation und hört darum die Botschaft eines neuen Denkens nur dann, wenn er sie hören will und nur so, wie er sie hören will, Tschernobyl hin und Tschernobyl her.

Planung als Operation autopoietischer Systeme

Soziale Systeme sind, darauf verweist das konstruktivistische Denken: nicht-triviale Systeme, die sich eindeutiger Berechen- und Steuerbarkeit entziehen, und Planer sind Teil dieses Prozesses. Sie entdecken in allem vermeintlichen Beobachten der "Umwelt" zu einem wesentlichen Teil sich selbst, weil sie nur so sehen können, wie sie sehen und nur das sehen können, was sie heute sehen, aber eben nicht das, was sie morgen (erst) sehen oder wie sie morgen sehen. Schließlich ist gar nicht einmal sicher, ob zwei Planer das gleiche sehen, geschweige denn "professionelle" Planer das gleiche wie die, für die oder mit denen geplant wird.

Triviales bleibt und wird trivial geplant, etwa das Geld, das morgen zur Verfügung stehen muss, wenn der erste Bauabschnitt beginnt. Wir können tunlichst das fortschreiben, was einer rationalen Logik folgt. Doch sobald wir den engen Rahmen des Folgerichtigen verlassen, sobald Personen auf der Planungsszene auftauchen, betreten wir den Raum des Nicht-Nur-Logischen, Nicht-Trivialen (s. zum Begriff "trivialer" und "nicht-trivialer" Systeme: v. Foerster 1985). So erweisen sich dann Netzpläne zur Steuerung komplexer Baumassnahmen, nimmt man sie nur hinreichend genau, als die größten Störquellen, weil sie den Planer laufend damit befassen, seine genau berechneten "Schlupfzeiten" oder Anfangs- und Endzeiten zu korrigieren (Grote, zit. nach Dörner 1989: 247).

Trivialisieren bedeutet Entparadoxieren, heißt Widersprüche glätten, die notwendig entstehen bei jedem begrifflichen Schnitt, den wir vornehmen, beispielsweise zwischen "Ausführung" und "Kontrolle". Eine solche Trennung bringt Spannung mit sich, die wir "glätten", wenn wir gleichsam von jedem ein bisschen nehmen (also z.B. die Kontrolle nur halbherzig durchführen), indem wir uns einreden, im Grunde vertrügen sich ja beide Kriterien. Zielabstimmung, von der im rationalen Modell die Rede war, kann darum bedeuten, die Welt wieder zu verniedlichen, die zuvor gerade differenzierende Konturen gewonnen hatte.

Nehmen wir nun noch den Ausführenden und Kontrollierenden als Rollenträger mit ins Spiel, entwickelt es sich zum nicht-trivialen, bunten Treiben. Wir sollten dann nicht überrascht sein, wenn wir mehr und anderes erleben, als der Netzplan vorhersagt.

Selbst für den einzelnen Planer gilt, dass er seine Rationalität "synthetisiert", und zwar nach den Strukturen, nach denen er gewohnt ist zu handeln. Darum qualifizieren auch rationale Techniken wie die Nutzwertanalyse oder ein Training in systemischem Denken Planer nicht ohne weiteres zu höherer Planungsintelligenz (Dörner 1989: 301 f.). Autopoietische Systeme lassen sich nicht instruktiv umstrukturieren. Sie haben anderes im Sinn, als die Nutzwertanalyse bzw. sie nutzen sie zu eigenem Nutzen, anders die Selbstreflexion, die als veränderte "Selbst-Einrede" (gleichsam über die eigenen Antennen), zur Verstörung des Eigen-Bildes, damit dann auch zu Änderungen des Planungsverhaltens führen kann (Dörner 1989: 302).

Systeme sind in konstruktivistischer Sicht autopoietische Systeme, d.h. sie bestehen aus Elementen, die vom System erhalten, beeinflusst und gesteuert werden, und gleichzeitig tragen diese Elemente zum Aufbau des Systems bei.

Elemente sind die Beziehungen der Organisationsmitglieder untereinander, ihre Kommunikation (Entscheidungen, Planungen). Also: Mitglieder kommunizieren laufend darüber, wie ihr System beschaffen ist (genauer: wie sie es sehen) und wie es in ihren Augen beschaffen sein sollte. Sie vergewissern sich laufend, dass ihr System so aussieht, wie sie es sehen - und nicht anders. Das bedarf dann meist keiner großen Worte, weil die eher aufhorchen ließen, sondern eher der beifälligen, "uninteressierten" Äußerungen. Die Kommunikation ergibt also die Ordnung, den Sinn, und gleichzeitig erhält sie Sinn durch diese Ordnung. Wenn "Hilfe" dieses Sinn-Wort ist, dann erhalten alle Kommunikationen im Hilfe-System den Charakter von Hilfeleistungen, und durch die alltäglichen Hilfeleistungen und deren "Besprechungen" wird dieses System "Hilfe" geschaffen, am Leben erhalten und natürlich auch verändert.

Elemente sind nicht die Personen, sondern deren eingebrachte Kommunikationsakte. Alle Systeme können nur Teile der Komplexität der Person aufnehmen, anderenfalls erstickten sie im Netz von Einzelproblemen, die nicht zum Systemzusammenhalt beitrügen. Systeme, die sich zuviel mit sich selbst, ihren Beziehungen, den Spannungen und Konflikten befassen, laufen Gefahr, sich aufzulösen. Selvini Palazzoli (1984: 95) benennt (mutig, weil die Aussage als generelle These sicherlich falsch ist - aber gerade darum so wirkungsvoll) den Kulminationspunkt: Systeme, die mehr als ein Drittel ihrer Zeit zu Gesprächen über ihre Beziehungen aufwendeten, geraten in einen Zustand der "Entropie", das heißt zum Energieschwund in den Rückmeldungen zwischen der Institution und ihrem äußeren Umfeld und zur Verfestigung der inneren homöostatischen Mechanismen."

Doch die Sache ist nicht so einfach. Träger der Kommunikation sind Individuen, die autopoietisch verfasst sind. Kommunikationssysteme können also nur "gesponnener" Überbau sein, und dieser Überbau stellt ein Netz mit Schlupflöchern dar, das nur das als "Hilfe" auffängt, was in diesem Netz hängenbleibt. Die Empfänger haben dabei gelegentlich andere Sichten, erleben Hilfe als demütigende "Almosen", als "Zuteilungen" oder "Angriff" auf ihr familiäres System. Die "internen" Teilnehmer der Kommunikation stehen im laufenden Streit und Wettbewerb um die "richtigen" Knoten. Aber solange sie streiten, denken sie alle, es gehe hier um Hilfe. Das ist dann ihr gemeinsames Band, ihr System. Wer nicht mitstreitet, gehört nicht dazu, ist vielleicht Parasit. Ein System, das zu streiten aufgehört hat, stirbt ab.

Planung ist nichts anderes als ein Teil dieser Kommunikation, und zwar einer Kommunikation, die zur Sicherung des Fortbestands des Systems Zukunft auf den Boden der Gegenwart herunterholt, um hier und jetzt darüber reden und entscheiden zu können, wie der Bestand am besten gesichert werden kann.

Wohlgemerkt: es geht nicht um Sicherung der Hilfsempfänger, es wird nicht für sie geplant, allenfalls in dem Sinne, dass für sie geplant wird, damit das System nicht gefährdet ist.

Alle Systeme, das personale wie das soziale, haben zunächst und vor allem sich selbst im Auge.

Darum ist es auch müßig, von einer Sozialplanung auf kommunaler Ebene eine konzertierte Aktion zu erwarten. Solche Runden sollten eher als Orte der Selbstdarstellung bzw. der Darstellung der Eigenheit und Besonderheit angesehen werden, die man vielleicht gerade dort im Kontrast zu anderen Trägern erfährt. Ein "freier" Träger wird sich darum auch in einer solchen Runde seine Freiheit, die ihm gerade hier wichtig erscheint, nicht schmälern lassen wollen. Man wird sich ins Spiel bringen, um der Zuschüsse willen, hören, was andere zu tun beabsichtigen und Zahlen über Unterbringungen, Pflegesätze und Belegquoten austauschen. In diesen Planungsrunden wird keine "neue Jugendhilfe" geboren, um sie so dann in der Praxis zu implementieren. Vielmehr kann sich beim "retrospektiven" Austausch über längst Realisiertes ein neuer Sinn für das Getane ergeben, kann ein Begriff auftauchen, der das bereits Praktizierte in anderem Licht erscheinen lässt. Man wartet - seitens der Kommunen - mit der Installierung dieser durch Gesetz vorgeschriebenen Planung ab, weil die "Ausführungsbestimmungen" noch nicht vorliegen, wie der "verordnete" Sinn dieses Instruments noch nicht deutlich ist. Man wird ihn auch in den Bestimmungen nicht finden. Man wird ihn finden, wenn die Planungsrunde ihre Arbeit aufnimmt. Der dann ablaufende Prozess ist die Planung. Und sieht sie nicht so aus, wie die Beteiligten sie sich vorgestellt haben, steht es ihnen frei, sie zu verändern.

Auch wenn das autopoietische Konzept auf den Prozess des Planens abstellt, werden die dabei erstellten Pläne nicht unbedeutend für Organisationen. Sie haben allerdings andere Funktionen: "Pläne sind wichtig in Organisationen, aber nicht aus Gründen, welche die Leute annehmen. ... Sie sind Symbole in dem Sinn, dass eine Organisation, wenn sie nicht weiß, wie sie dasteht, oder weiß, dass sie scheitern wird, den Beobachtern eine andersartige Botschaft signalisieren kann. ... Pläne sind Reklame in dem Sinn, dass sie oft benutzt werden, um Investoren anzulocken. ... Pläne sind Spiele, weil sie oft benutzt werden, um zu testen, wie ernst es die Leute meinen mit den Programmen, die sie vertreten. ... Pläne werden schließlich zu Vorwänden für Interaktionen in dem Sinn, dass sie (...) zu Unterhaltungen über Projekte anregen, die Themen von niedriger Priorität gewesen sein mögen. ... Pläne sind ein Vorwand, unter dem mehrere wertvolle Aktivitäten in Organisationen vor sich gehen, aber Vorhersage ist keine von diesen Aktivitäten" (Weick 1985: 22 f.).

Mit einem derartigen Planungsverständnis setzt sich das Autopoiesekonzept von dem oben skizzierten Modell eines rationalen Planens bzw. Entscheidens ab, das Systeme als gestaltbar (planbar) ansieht, und zwar gemäss den im Plan festgelegten Direktiven. Es sieht sich nicht länger orientiert an den Erfordernissen einer messbaren Umwelt als einer vom System unabhängigen Größe, die erfassbar sei, setzt man nur hinreichend genaue und sensible Instrumente zu ihrer Erfassung an. Das Modell der Steuerbarkeit unterstellt die Modellierbarkeit des Systems, ähnlich der Manipulation von Steuergrößen eines kybernetischen Modells, bei dem Veränderungen der Input-Größen in vorhersehbarer Weise zur Veränderung der Output-Größen führen. In einer "Kybernetik zweiter Ordnung" dagegen hält die "black box" nicht still. Sie gleicht einem magischen Kasten, der erstaunliche, weil nicht-erwartete Resultate hervorbringt.

Planer können aber, solange sie die alte Ordnungsvorstellung in ihren Köpfen tragen, mit allzu vielen Überraschungen nicht leben. Es fällt schwer, daraus ein System für alle abzuleiten ("Wer sind wir denn überhaupt"?). Also legen sie rationale Netze über dieses Gewirr (Weick 1985: 24), unterstellen, dass die Beteiligten im Grunde vernünftige Menschen sind, sich der Ordnung fügen und das Beste wollen bzw. dass man sie, sofern unzubändigende Reste überbleiben, durch allerlei Motivations- und andere Hilfsmittel zur Ordnung zu rufen vermag. Pläne spielen in diesem Netz eine prominente Rolle, weil sie die Kursrichtung anzugeben scheinen (wir wissen, was wir wollen vs. wir wissen nicht einmal, wohin wir wollen). Gerade in Krisensituationen greifen Planer gerne zu starken Selbstbeschwörungs-Formeln, die die Kompetenz suggerieren, man habe die Situation fest im Griff (Dörner 1989: 272).

Planer erleben vor allem gegen Jahresende, wenn die Budgets für das kommende Jahr verhandelt werden, die Nicht-Trivialität ihrer Systeme als Ärgernis: Sie lösen ein hektisches Treiben in den Untersystemen aus, ein wildes Hochrechnen, Vergleichen mit Zahlen aus anderen Bereichen, ein vorsichtiges Ins-Spiel-Bringen "vorläufiger" Zahlen, ein Abwarten der Reaktionen und nochmaliges Einbringen, ein Dementieren und Umrechnen. Es geht um die Selbsterhaltung der Abteilungen, um Prestige, Fortkommen und Einflußnahme, insgesamt ein Spiel mit vielen Unbekannten.

Wenn es etwas gibt, das Gültigkeit beanspruchen kann, dann ist es der Glaube daran, dass man es mit Ordnung zu tun habe. Wird dieser Glaube geteilt, so haben wir es auch mit einer Ordnung unter Gläubigen zu tun. Und es reicht für den Zusammenhalt unter "Ordnungs-Köpfen", zu meinen, die anderen hätten dieselbe Ordnung im Kopf. Könnten die Beteiligten sehen, um wieviel ungeordneter die Vorstellungen, Bedeutungen und Verknüpfungen in den Köpfen und im Verhältnis untereinander sind, würde ihnen schwindelig. Sie sähen ein unendliches Durcheinander, ein Gewirr, eine beängstigende Vielheit, ohne Ordnung, ohne Anfang und Ende, ein irritierendes "Chaos". Glücklicherweise können wir nicht in die Köpfe der anderen schauen und bleibt uns der Einblick in den eigenen Kopf verwehrt. Wir können nur Beschreibungen anfertigen und sagen, dass wir die Dinge noch nicht auf einen Nenner zu bringen vermögen oder aber, dass wir nun endlich "klar sehen". Doch auch dabei können wir uns auf keine Instanz verlassen. Das Bewusstsein darüber, ob wir Ordnung gefunden haben oder nicht, ist hausgemacht und hängt davon ab, was wir unter Ordnung verstehen bzw. welche Unordnung wir uns zumuten, ohne in Aufregung zu geraten. Weil wir häufig und allzu schnell meinen, keine weitere Unordnung in unseren Köpfen ertragen zu können, bleiben wir nicht stehen, schauen unruhig hin und her, verfallen in einen Planungsaktivismus, der Ordnung suggeriert, das Chaos in Wirklichkeit aber nur erhöht. Wenn wir uns ein Mehr an Unordnung zutrauen, Dissonanzen und ungelöste Fragen auszuhalten vermögen, uns Irritationen und ein Noch-Nicht-Verstehen zugestehen, können wir eher die leisen Töne hören, können wir den anderen gestatten, ihren eigenen ‘point of view' zu finden, statt ihnen unseren "Durchblick" aufzuoktroyieren (s. dazu die ethnopsychoanalytischen Anmerkungen bei Müller 1986, die sich gerade an "aktionistische" Berufsgruppen wie Sozialpädagogen richten).

Alles Planen ist selbstreferentiell

Planung heißt, die Umwelt danach zu befragen, wie sie im Augenblick des Fragens beschaffen ist und wie sich diese Beschaffenheit zukünftig entwickeln wird. Die Frage nach der Umwelt ist wichtig, ja lebensnotwendig, ist doch jedes System auf diese Umwelt angewiesen (Menschen auf Luft, Unternehmen auf Kunden, soziale Einrichtungen auf Benachteiligte).

Für den Alt-Rationalisten bedarf diese Frage, was denn Umwelt sei, keiner weiteren Klärung. ‘Schau doch hin', würde er sagen. Wenn ich immer noch nichts sehe, wird er fortfahren, ich solle doch gefälligst genauer hinschauen, und wenn ich dann endlich etwas sehe, doch nicht das, was er sieht, wird er unwillig sagen, das sehe mir ähnlich. Im konstruktivistischen Systemverständnis existiert natürlich auch eine "Umwelt", eine Umgebung von Menschen und Dingen, von "Tischen und Stühlen". Das Konzept der Selbstreferentialität aber bedeutet, daß diese Umwelt vom System immer nur nach der Maßgabe dieses Systems erfasst werden kann. Das System kann nur das sehen, was es sieht und nicht das, was es nicht sieht, weil es dazu keine Empfangsantennen besitzt. Es macht sich seine Umwelt aus einer Umgebung, die ohne sein Zutun in nichts als einem Haufen zusammenhangloser Splitter von Ereignissen existiert. Erst der Akt des Er-Kennens macht daraus Bereiche, Zusammenhänge, kausale Abläufe, trennt "Wichtiges" von "Unwichtigem", scheidet das "Ich" vom "Wir" bzw. den "Anderen", das "Hier" vom "Dort", das "Jetzt" vom "Später" bzw. "Früher".

Eine stationäre Einrichtung der Altenhilfe denkt in zusätzlichen Betten, vielleicht in Zusatzdiensten, vielleicht auch noch in verschieden strukturierten Angeboten je nach Art der Pflege- und Hilfsbedürftigkeit bzw. Selbständigkeit, aber eben nicht in Kategorien einer Verbesserung, Qualifizierung und möglicherweise Besoldung häuslicher Pflege durch Angehörige oder Verwandte beispielsweise. Letzteres mag ein Vertreter häuslicher Pflege denken, solange er sich nicht seine Existenzgrundlage fortdenkt. Beide Altenplaner, der "ambulante" wie der "stationäre", sind sich trotz ihrer unterschiedlichen Pläne darin einig, daß sie Angebote für einen künftigen Markt machen, den sie allenfalls unterschiedlich einschätzen. Was sie häufig nicht sehen, sind dritte oder vierte Lösungen, die nicht auf der Linie gängiger stationärer oder ambulanter Lösungen liegen. Das heißt, dass unsere Planer, sind sie sich nicht sicher in ihrer Prognose bzw. sind sie sich darin nicht einig, die Umwelt nicht als unabhängigen "Richter" zitieren können, nicht erwarten können, dass der eine oder der andere Plan sich als "richtiger" erweist, wenn man nur mit zusätzlichem Aufwand weitere Erhebungen anstellt. Nicht einmal das Ergebnis "spricht für sich", sondern muß be-sprochen werden (Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage muss Vaterschaftsklagen stellen).

Professionelle Planer haben gelernt, die Umwelt mit ausgefeilten Erhebungsbögen zu befragen. Nur, was antwortet die "Umwelt"? Die scheinbar objektive, feststehende Umwelt verändert sich in dem Moment, in dem der Planer mit seinem Fragebogen auftritt. Er will etwas wissen und das wissen die Befragten. Aber damit nicht genug: Die Befragten wissen auch nur das, was sie "wissen", in unserem Beispiel der Altenplanung: wie es im ehemaligen Zuhause war und wie sie das Altenheim hier und jetzt erleben. Allein die Grundstruktur der Befragung - "Professionelle" befragen "Bewohner" - bedeutet eine Voreinstellung für das Ergebnis. Befragung bedeutet Selbstdarstellung (auf beiden Seiten), bedeutet Appell (vielleicht: "Hol mich hier raus!"), hat verpflichtenden Charakter (etwas an den berichteten Missständen zu beseitigen) und bedeutet Handeln im Rahmen eines komplexen Beziehungsgefüges. Und dieses vielschichtige Interagieren vollzieht sich selbstbezüglich im jeweiligen Partner der Interaktion, wobei das Handeln des einen lediglich "orientierenden" Charakter für den jeweils anderen besitzt. Das heißt, beispielsweise bezogen auf den Appell, dass der Appellierende aus den Äußerungen seines Partners schließen muss, ob sein Appell als solcher verstanden bzw. "richtig" angekommen ist. Es heißt für den befragenden Planer, dass er die Befragungssituation nicht von personalen Einflüssen "bereinigen" kann, dass er vielmehr immer in den Kontext mit eingeht und dass die Antworten, die er hört, immer (auch) "seine" Antworten sind. Man mag die Betroffenen an der Befragung beteiligen, ihnen deren Zweck erläutern, das Vorgehen abklären, u.U. auch über andere Möglichkeiten der Betreuung sprechen. Doch, je mehr gesagt wird, desto mehr ist gesagt und desto undeutlicher wird das Gesagte: Entweder hören die Planer das, was sie selbst einbrachten, oder, wenn sie sich ungeschickt verhielten, das Gegenteil. Es sind nicht die schlechten Pläne oder die wenig professionell vorgehenden Planer, die solche unbefriedigenden Ergebnisse produzieren, sondern die Bedingungen selbstreferentiellen Handelns in sozialen Systemen.

Solches Reden bedeutet natürlich ein Affront für jeden Planer, besteht doch sein Lebenswerk im Abhorchen einer objektiven Umwelt, seine Leistung im Aufspüren der feinen Grautöne, der sich erst unscharf abzeichnenden Korrekturen. Manches kann auch nur er sehen, so denkt er wenigstens, weil nur er über die Hilfsmittel verfügt, etwa den Trend einer Zahlenreihe, die er mit der Regressionsanalyse glättet, um den Verlauf in die mathematische Formel zu kleiden. Nun kann er hochrechnen, nun hat er vermeintlich die Entwicklung "im Griff", weil in der Formel gebannt. Den Hinweis auf mögliche weitere Lösungen, die nicht im Blickfeld liegen, wird er darum leicht mit einem Verweis auf ihre geringe Realisierbarkeit beantworten. Doch seine "Objekte" sind "Subjekte", die sich ihren Teil denken bzw. längst gedacht haben.

Unser Konzept der Selbstreferentialität bedeutet aber weiter, dass Untersysteme in ihrem Verhältnis zueinander, nur schwer und unvollkommen verstehbar bleiben. Pläne sollten, wollen sie ein System weiterentwickeln helfen, das gesamte System betreffen. Die Einzelpläne der Untersysteme sollten aufeinander abgestimmt sein, Pläne sollten aufeinander bezogen sein. Sie sollten sich ergänzen und zu einem Gesamtplan zusammenführen lassen. Doch ist unser Altenplaner Verwaltungsmann, wird sein Plan anders aussehen, als der eines Vertreters der Sozialdienste. Das muss auch so sein, will sich nicht jeder der Vertreter von seinem Bereich nachsagen lassen, er habe nicht im Sinne dieses seines Bereichs geplant. Ein guter Verwaltungsmann wird und muss an Belegquoten denken oder an Bezuschussung der Bauvorhaben, der Vertreter der Sozialdienste aber möchte, weil er ja ein progressiver Vertreter seiner Profession ist, u. U. am Wochenende die Stationen entleeren oder die Einrichtung in viele kleine selbständige Untereinheiten auflösen, ein Greuel in der Vorstellung des Verwalters. Die bloße Zusammenlegung der Pläne wird nicht so einfach sein: "Bettenzimmer" sehen anders aus als "Therapiezimmer" und: entweder sind die Klienten am Wochenende zu Hause oder sie verbleiben in der Einrichtung.

Zur Kopplung der Pläne müssen sich die "Selbstreferentialitäten" der Einzelsysteme füreinander öffnen. Dazu werden sie eher bereit und in der Lage sein, wenn sie ihre eigene Ordnung gefunden haben, wenn sie sich "ihrer Sache sicher sind" und ihre Aufmerksamkeit und Zeit nicht vollständig auf die Herstellung des eigenen Systems verwenden müssen. Selbstreferentielle Geschlossenheit setzt immer auch Offenheit für die jeweilige Umwelt voraus, wenngleich diese Umwelt nur nach den Maßgaben des eigenen Systems aufgenommen und verarbeitet werden kann (s. Luhmann 1985: 626). Natürlich unterliegen Planer in ihrer Beziehung zu den übrigen Teilen des Systems den gleichen selbstreferentiellen Restriktionen wie die Teilsysteme untereinander. Planer sind Planer, Planungsabteilungen Abteilungen anderer Art, mit anderer Arbeitsweise, mit Personen anderer Ausbildung und anderem Arbeitsverständnis (sie legen häufig die Füße hoch, während die anderen geschäftig hin- und herrennen). Sie reden die Sprache der Planer und nicht die der Macher. Im Dialog wird der Planer bei Einwänden der Macher in den Kategorien seiner Pläne denken, dann vielleicht innehalten und überlegen, was die vorgebrachten Einwände für seine Planzahlen bedeuten oder auch für sein Renommee als Planer. Er stört den betrieblichen Frieden und muss störend fragen, was der andere verteidigt oder abwehrt. Er ist seiner Zeit immer schon ein wenig voraus und sieht sein Gegenüber als Symbol der Vergangenheit. Auch die "andere Seite" sieht Planung immer nur durch die Referenzen ihres Auftrages: Planung heißt hier Planung für diese Abteilung, für ihre ureigensten Interessen. Wer soll sonst diese Interessen wahrnehmen? An dieser Stelle muss durch Planung deutlich gemacht werden, wie wichtig die Abteilung ist, und dies kann vorzüglich dadurch geschehen, dass imposante Zahlen auf den Tisch gelegt werden, dass deutlich gemacht wird, wer für dieses Ergebnis verantwortlich ist. Fallen die Zahlen kritisch aus, sind es "äußere" Faktoren, die das Ergebnis herbeiführten. Im Führungsprinzip des "Managers by Objectives" sucht man solche Spiele abzukürzen, indem die Chance der Mitbestimmung über die Ziele mit der Verpflichtung verbunden wird, "realistische" Prognosen zu wählen und die Konsequenzen möglicher (negativer) Abweichungen selbst zu verantworten.

Planer werden meist an der Spitze der Organisation angesiedelt, weil die Spitze sich als Steuerorgan ansieht und weil Planung ja den Steuerern assistieren soll. Planer tun auch gut daran, fernab vom Geschehen an der Organisationsbasis zu sitzen, sehen sie doch auf diese Weise selten das "Eigenbehavior" der Teilsysteme, die auf ihre Weise die Pläne abarbeiten. Sie müssen abseits des Geschehens sitzen, wollen sie ihre differenzierte Funktion der Planung angemessen ausüben, wollen sie sich nicht in Koalitionen verstricken, auf interessierte Nachbesserungen eingehen oder in die Implementierung der geplanten Projekte einbinden lassen.

Sitzen die Planer in der Verbandspitze, so müssen sie als Verbands-Planer reden und handeln, während die Mitglieder bei allen sich bietenden Gelegenheiten deutlich machen müssen, dass sie mehr vom täglichen Geschäft verstehen, realistischer denken und entscheidungsfreudiger sind: Beide Seiten müssen selbstreferentiell operieren, wollen sie ihre Funktion möglichst gut wahrnehmen und zum Erhalt ihres Subsystems beitragen.

Wir stellen uns gemeinsame Planung, das Zusammentreffen verschiedener Rollen, Funktionen und Bereiche in der herkömmlichen Sicht als einen "Austausch" vor, der sich des gleichen "Betriebsystems" bedient, der, wenngleich von unterschiedlichen Interessen gleitet, doch ein Austausch "kompatibler" Systeme bleibt. Die gleichen Begriffe, die im Gespräch verwendet werden, täuschen vor, sie "repräsentierten" den gleichen Hintergrund. Doch dieser Hintergrund bleibt ein je eigener, für den anderen nie ganz verstehbarer Hintergrund. Das gilt für das einzelne Organisationsmitglied im Verhältnis zum anderen, es gilt aber auch auf der Ebene der jeweiligen Systeme, der hierarchischen Ebenen, der Abteilungen und Bereiche oder der verschiedenen Professionen zueinander. Solange sich ein soziales System als ein je eigenes System versteht, sich selbst erschafft, ist es selbstbezüglich gebunden und verfasst, kann es nicht die Selbstbezüglichkeit des anderen Systems übernehmen oder gar im Sinne des eigenen Systems steuern. Systeme können nun aber mit ihrer Umwelt besser bzw. nur dann kooperieren, wenn sie diesen Selbstbezug nicht thematisieren. Er störte nur im laufenden Kontakt, und seine bewusste Beredung zerstörte die Selbstverständlichkeit der Ordnung, die gerade als Selbstverständlichkeit, als nicht hinterfragte Ordnung ihre Ordnungsfunktion erhält. Wir erfahren diese Hintergrundordnung darum erst im Fall des Scheiterns, eines "Zusammenbruchs", wie Winograd/Flores (1989: 240 ff.) in Anlehnung an die Heidegger'sche Terminologie sagen ("Interventionen" sind solche Zusammenbrüche, wenn sie Wirklichkeiten umdefinieren oder selbstverständliche Voreinstellungen über die Welt in Frage stellen, s. Kersting in diesem Band). Planer erleben diese Zusammenbrüche vielleicht dann, wenn ihre Pläne gänzlich anders, als ursprünglich vorgestellt - oder gar nicht - , umgesetzt werden. Kennzeichen gemeinsamer Planung, die sich von einer differenten Ordnung der Beteiligten "stören" lässt, müssen darum Zusammenbrüche sein. Eine "lautlose" Kooperation muss unter dieser Perspektive nur verdächtig erscheinen.

Planer, die Konservatoren sozialer Systeme

Planung wird in dem Augenblick in ein System installiert, indem es wach wird bzw. wach werden muss, weil in seiner wahrgenommenen Umwelt soviel an Störungen passiert, dass dies nicht übersehen, heruntergespielt, als übliches Störgeräusch deklariert werden kann. Monopole können sich in ihrem Glanze sonnen und belustigt aus dem Fenster schauen. Erst wenn sich draußen die Leute zu Klumpen formieren und Drohgebärden ausstoßen, wenn die Wächter am Eingangstor zu zittern beginnen, werden sich die im Inneren Befindlichen auch zusammenrotten, einen Krisenstab bilden, der plant, was zu tun sei. Legt sich die Dramatik der Situation, wandelt sich diese Gruppe in einen Ausschuss, der vielleicht alljährlich raportiert und Pläne vorlegt, um das Volk zu beruhigen. Pläne können auf diese Weise vor der lästigen Ausführung erlösen und Konfrontationen mit den Misserfolgen von Entscheidungen vermeiden helfen (Dörner 1989: 249).

Marktabhängige Organisationen, im Gegensatz zu Monopolen oder Einrichtungen mit Nachfragegarantie (so manche soziale Einrichtung), können aber nur begrenzt Pläne an die Stelle von Entscheidungen setzen. Sie werden unruhig, wenn die Kunden ausbleiben, die Läger überquellen oder die zahlenden Mitglieder schrumpfen (Kirchen, Gewerkschaften, Krankenkassen).

Gemeinhin gelten Planer als "pro-gressiv", befassen sie sich doch mit diesen Störungen bzw. Stör-beseitigungen, progressiv besonders darum, weil sie nicht nur nach Beseitigung außeninduzierter Störungen suchen, sondern vielmehr nach Beseitigung potentieller Störungen fragen. Sie sitzen darum exponiert vom alltäglichen Treiben, meist in den oberen Etagen, geben sich auch als Sonderlinge, die Leute beim Erledigen ihres Alltagsgeschäfts stören. Sie sind in der Regel jung an Jahren, gut ausgebildet in neuen Methoden (und nicht verschwippt und verschwägert, eher im Streit liegend mit der "Linie", den "tragenden Säulen des Geschäfts").

Zu alledem passt nicht das Konservieren, von dem in der Überschrift die Rede ist. Planer erzeugen Unruhe: Doch diese Unruhe ist temporärer Natur. Es handelt sich um eine Unruhe zur Wiederherstellung von Ruhe: Die "Objekte" setzen sich zusammen, denken über ihre Aufgabe nach, über Strategien um ihre Interessen wahrzunehmen und auszuweiten oder zu verteidigen. Man hält zusammen (konserviert), was als wichtig zu bewahren gilt. Man entdeckt häufig dabei erst das, was es zu wahren gilt - auch wenn vorher nichts da war. Man entdeckt es, indem man sich mit dem auch anders Möglichen beschäftigt und dieses Andere ergibt sich nur aus der Referenz auf einen übergeordneten Sinn, auf eine zu erwartende Zukunft oder die "Lehre aus der Vergangenheit". Man erkennt, was man will und wer man ist, indem man sich auf etwas bezieht, was außerhalb der augenblicklichen Prozesse liegt. Indem man solchen Bezugspunkt wählt, ordnet sich das Hier und Jetzt. Es werden Möglichkeiten eingeschränkt, man spricht Erwartungen aus und schreibt sie fest, kurz: man konserviert zunächst einmal das System, dessen Änderung man ins Auge fasst.

Planer sind auf Veränderung ausgerichtet und bewirken also, dass sich die Systeme, für die sie planen, verfestigen, und je mehr und je heftiger sie die Veränderung anstreben, desto dicker werden gelegentlich die Mauern, die das System um sich herum aufbaut. Dann gerade nicht! Nun ist auch der letzte Schläfer wach geworden und der, dem man es am wenigsten zugetraut hätte, ruft zum Widerstand auf. Arbeitsvorbereiter, Planer und Revisoren gelten darum auch als ausgemachte Störenfriede (Eierköpfe, Sonderlinge, Besserwisser, Nestbeschmutzer...), die Abteilungen zur verschworenen Gemeinschaft werden lassen.

Wir sollten solche Verfestigungen nicht gleich als "Widerstände" abtun und nach Lösungen suchen: Denn Verfestigung heißt gleichzeitig, dass Erwartungssysteme innerhalb dieses Systems bzw. innerhalb seiner Untersysteme gefestigt werden. Sie bilden Muster, die sich in verschiedenen Prozessen, an verschiedenen Stellen und bei verschiedenen Personen zeigen. Das System entdeckt sich (wieder) und wird durch die wiederkehrenden Muster (Redundanzen) transparenter für die Beteiligten (Luhmann 1988: 174). Solche Muster, vor allem wenn es sich um latente Muster handelt, entdeckt der Beobachter (Planer) eher als die Beteiligten, die für ihre Latenzen blind bleiben, solange sie nicht über die Beobachter manifest werden (Luhmann 1989: 215). Das Widergespiegelte kann Sinn geben, über den das System zunächst nicht verfügte.

Planung heißt, gleichviel ob durch Irritation von außen oder durch selbstinduzierte Unterbrechung, innezuhalten im alltäglichen, "unbewussten" Handeln, heißt zu interpunktieren, eine Pause einzulegen und zu fragen, welchen Sinn es macht, so weiterzuhandeln. Sinn zu unterlegen aber heißt, Verknüpfungen herzustellen zwischen Ereignissen, das jetzige Ergebnis mit einem "Weil" der Vergangenheit, das heutige Handeln mit einem "Wozu" der Zukunft. Was unverbunden nebeneinander geschah, ordnet sich wie durch einen Magnet ausgerichtet auf einen "Pol", einen übergeordneten Punkt, es macht Sinn ("Nichts für ungut!". "Für was das nicht alles gut war!").

Auch der göttliche Schöpfer hielt ja, in unserer Schöpfungsgeschichte, nach 7 Tagen des Schaffens inne und sah, dass es gut war. Nun erst nahm er den zweiten Teil der Schöpfung in Anspruch, schuf den Menschen, nachdem Himmel und Erde geschaffen waren. Gleichzeitig sah er, indem er innehielt, dass es einen Sinn mache, innezuhalten und empfahl allem Lebendigen, regelmäßig (am 7. Tag) innezuhalten, diesen Tag der Be-Sinnung als heilig anzusehen. Alle Zeitstrukturierung gewährt Zeit zur Besinnung: die Woche, das Bilanzjahr, die Karrierepläne bzw. der Karriereweg (häufig: 7 Jahre!), das "sabbatical year", die Jahreskonferenz, die Jubiläen oder die Gründungs-(Schöpfungs-) Feier.

So muss alle Veränderung zunächst einmal im Nebel des Sinnlosen stochern. Um zu sehen, müssen die Beteiligten den Prozess anhalten. Erst dann ergeben sich neue Verknüpfungen bzw. Strukturen: "Wie kann ich wissen, was ich will (Retention), bis ich sehe (Selektion), was ich tue (Gestaltung)?":

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so lautet die Weik'sche (1985: 193) Organisationsformel.

Alles Sehen in die Zukunft braucht Gesehenes, braucht Vergangenheit und Erfahrung. Darum sprechen Phänomenologen wie Schütz (1974: 62 ff.) oder die Ethnomethodologen (Garfinkel 1981: 195 ff.) auch von der "retrospektiven Sinngebung": Indem ich in die Zukunft schaue, halte ich inne, beende ich einen Erlebnisstrom, setze einen Punkt und grenze ab. "Nur das Erlebte ist sinnvoll, nicht aber das Erleben." (Schütz 1974: 69). Dies kann ich als Betrachter nur auf der Grundlage dessen erkennen, was ich bereits erlebt (gesehen) habe, also mit den Begriffen, den Kategorien, den ursächlichen Verbindungen, die ich kenne und gewohnt bin zu handhaben. Ich kann nur das sehen, was geschehen ist, niemals das, was geschieht oder geschehen wird. Die Reflexion ist die Zäsur, die "Geschichte macht", eine plausible Geschichte, die zuvor nicht existierte. Dass dabei Geschichten herauskommen, die den Konstrukteur im rechten Licht erscheinen lassen, ist verständlich. "Jeder Entscheider wird Wert darauf legen, später jemand zu sein, der es vorher gewusst hat, sich also Erfolge zurechnen kann und Misserfolge als das kleinere Übel im Verhältnis zu Alternativen in Kauf genommen hat." (Luhmann 1988: 167). Helfen keine dissonanzmindernden Umdeutungen oder Nachbesserungen, kann der Planer immer noch zu Verschwörungstheorien (Manipulation von Zahlen z.B.) Zuflucht nehmen (Dörner 1989: 228).

Damit sind Zukunftsvorstellungen, also "Ziele", nicht ausgeschlossen. Doch es kann sich dabei nur um leere, unausgefüllte, verschwommene Ideen handeln. Sie ergeben nicht das, was wir von ihnen erwarten, nämlich: Reduktion der Komplexität, Herunterholen der Zukunft auf angehbare Schritte, also Unterziele, die dann in der Folge zur Erreichung des Oberzieles beitragen bzw. es sicherstellen sollen.

Diese Funktion kann nur ein "Abgelaufenes" (Schütz 1974: 80 f.) erfüllen, ein konkret ausgestaltetes Ereignis mit Anfang und Ende, mit Orten und handelnden Personen (von "Szenarien" sprechen wir dann). Wir unterstellen also, als habe dieses zukünftige Ereignis bereits stattgefunden (das "Denken modo futuri exacti" bei Schütz 1974: 81). Und diese Konstruktion können wir nur auffüllen mit Blick auf Vergangenes, vielleicht mit unerfüllten Wünschen aus der Vergangenheit, jedenfalls mit Ereignisketten, die wir kennen. So lassen sich dann auch die Mittel-Ziel-Verbindungen herstellen, die wir zur Konkretisierung des Zieles brauchen.

Das heißt, dass "... alle Entwürfe zukünftigen Handelns wesensmäßig auf ein vergangenes, abgeschlossenes Handeln gerichtet sind." (Schütz 1974: 80)

Das bedeutet zugleich, dass wir, je stärker wir auf Operationalisierung drängen, dem Bekannten den Vorrang vor dem Diffusen geben, dass wir wenig Raum geben, dass sich Altes, ausgelöst durch die Diffusität, anders ordnet.

Dass sich die Pläne am bekannten Vergangenen ausrichten, hat gleichzeitig die Funktion der Enttäuschungsabsicherung. Unbekanntes zu akzeptieren bedeutete, Risiken einzugehen und Veränderungen auf sich zu nehmen (Luhmann 1988: 167), also Kosten zu tragen, die abzuwägen sind. Welcher Planer will sich schon ins Abseits planen oder sich auch nur sagen lassen, er habe "an der Realität vorbei geplant"?

"Gute" Planer schreiben plausible Geschichten, in denen sich die Beteiligten mit ihren Erfahrungen wiederfinden können, eingeschlossen die unerfüllten Sehnsüchte aus der Vergangenheit. Und sie führen, sind sie in der Rolle eines Planungsbeauftragten oder Beraters, ihre "Subjekte" Schritt für Schritt, mit zwischengeschalteten Auswertungen (Retentionen) des Erlebten (Bewusstgewordenen) an weitere "Ziele" heran. Wollen sie dabei erfahren, wie ihre Subjekte sich die Zukunft vorstellen, geben sie ihnen die Aufgabe, sich so konkret wie möglich die Situation auszudenken, dieser zukünftige Zustand sei als ein Ereignis bereits verwirklicht ("Denken im zweiten Futur", Weick 1985: 282 ff.). Sie sollten sich aber hüten, zu glauben, nun hätten sie verstanden, was die Beteiligten wollten: Was sie hören, hören sie nur auf dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen als Personen und als Planer. Dies können sie eingeben und sehen, was sich daraus ergibt, was nicht heißt, dass sie nun besser sehen. Was uns bleibt, sind allein Beschreibungen, die Ereignisse auslösen, die erneut beschrieben werden müssen.

Planung als Komplexität schaffende Komplexitätsreduktion

Wir sprechen von schnellebigen Zeiten und meinen damit etwa die kürzer gewordenen Zyklen der Moden, der neuen Modelle der Autoindustrie oder die schnellere Abfolge von Gesetzesverabschiedungen im Bundestag. Gleichzeitig, so sagen wir, gäbe es viel mehr zu bedenken als in der Vergangenheit. Unternehmen hätten beispielsweise in der Vergangenheit ihre ökologische Umwelt als vernachlässigbare Ressource betrachten können, während diese heute in allen wichtigen Entscheidungen (Planungen) zu berücksichtigen sei. Auch das Wachstum von Organisationen wird als ein unabhängiger Faktor angesehen, der ein Mehr an Entscheidungen (Planungen) verlange, und zwar ein unverhältnismäßiges Mehr als Folge sowohl des arbeitsteiligen Vorgehens wie des steigenden Anteils an Entscheidungen zur Sicherung des Zusammenhalts und des Überlebens der Organisation. Auch die gesellschaftliche Arbeitsteilung erfordere ihren Preis, und zwar in Form einer Verknüpfung der an einzelne Organisationen (Unternehmen, Arbeitsämter, Verwaltungen, Verbände, Versicherungen usw.) verteilten Unterfunktionen.

Planung soll darum die Funktion wahrnehmen, dieses unberechenbare, schnelle und vielschichtige Verändern unter Kontrolle zu bekommen, um nicht hinter der Entwicklung herlaufen zu müssen, um nicht nur reaktiv und anpassend zu vollziehen, was man frühzeitig hätte erkennen und mitgestalten können.

Doch diese Umwelt läuft nicht von alleine so schnell, und sie wird nicht komplexer ohne unser Zutun. Es soll damit nicht in Abrede gestellt werden, dass Veränderungen in der Realität ablaufen, möglicherweise Tendenzen der beschriebenen Art. Das einzig Unveränderliche sind die Veränderungen, die wir jedoch nur in Abständen wahrnehmen wollen und können. Und solche Veränderungen sind in der beschriebenen Art nur existent, weil wir mit spezifischen Begriffen operieren, um diese Umwelt zu beschreiben (schaffen). Die Umwelt erscheint uns darum komplexer oder einem schnelleren Wandel unterworfen, weil wir sensiblere Instrumente geschaffen haben, die das erst sehen lassen, was wir sehen, und weil wir immer neue Experten auf den Plan rufen, die immer mehr immer genauer sehen und, wenn sie selbst nicht mehr ihre Umwelt überblicken können, nach neuen Experten rufen. Der letzte große Börsen-Crash wurde unter anderem durch die überschnell reagierenden Computerauswertungen, genauer die Auswertungen der Auswertungen, mitbedingt.

Genauere, umfangreichere (komplexere) Planung kann also zu eben der Unsicherheit beitragen, die sie eigentlich zu mindern sucht. Der sich ausweitende Zirkel mag in noch genauerer Planung münden, um schließlich in Resignation oder einem blinden Aktionismus, der befreienden Tat, zu enden (Dörner 1989: 249). Wir sollten bei solcher Umweltbetrachtung vor allem die Grundprämisse beachten, dass wir es sind, die "System" und "Umwelt" voneinander trennen.

Verwaltungen gelten als Systeme, die sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigen, die also in nur geringem Maße mit ihrer Umwelt befasst sind. Solche Verwaltungen sehen wenig, und wenn sie etwas sehen, dann ist es ähnlich dem, was sie beim letzten Sehen auch schon sahen (so sieht es der Schreiber dieser Zeilen). Sehen ist mühseelig. Ist die Existenz jedoch gefährdet, beginnen auch Verwaltungen dieser Art - z.B. die Ortskrankenkassen, denen selbst die Arbeiter den Rücken kehren - sich mit dieser Umwelt zu befassen, eben zu planen. Geschäftsführungen holen sich dann häufig professionelle Planer an ihre Seite, weil Planung als Chefsache gilt. Es geht um präzise Steuerung und die ist nun einmal Aufgabe der Führungsebene. Sind Planer erst einmal im Hause, stören sie das System nur häufig genug mit Anforderung von Zahlen, Zielvorgaben und Expertisen, entdeckt das System, wie ungeahnt komplex seine Umwelt ist. Hatte man zunächst vielleicht gedacht, die Zukunft durch Personaleinstellung eines Planers besser unter Kontrolle zu bekommen, zeigt sich nun, wie verwickelt die Zusammenhänge sind, was alles erhoben werden, ausgewertet und in Angriff genommen werden kann. Die erhoffte Reduktion von Komplexität entpuppt sich als janusköpfige Ausweitung von Komplexität.

Selten bleibt es bei einem Planer. Gute Planer ziehen andere nach. Planungsabteilungen bilden sich, die sich arbeitsteilig differenzieren. Die Struktur der Organisation wird zunehmend komplexer, während man ursprünglich eigentlich nur wissen wollte, ob die gegenwärtige Struktur den gewandelten Ansprüchen noch genüge. Das weiß man nun immer noch nicht, aber die Struktur hat sich gewandelt: Planer zählen zum Personal, und man plant mehr als je zuvor: Man sitzt in Konferenzen, bereitet vor und wertet aus, anders gesagt: Man erweitert Entscheidungen zunehmend um Metaentscheidungen, die erstere zum Gegenstand haben; denn man weiß ja, dass alle Planung unerwünschte Nebeneffekte hat, die man durch solche Entscheidungen über den Planungsprozess gerne gering halten möchte. Man kennt das Gerangel um die Budgetansätze und möchte es im vorhinein in Grenzen halten.

Doch damit nicht genug, auch die Auswertung der Planung ruft nach ihrer Ausweitung, vermutlich im Sinne eines "Mehr-desselben" und nach den Spielregeln, nach denen das System gewohnt ist zu arbeiten: Verwaltungen werden vielleicht besonders genaue Pläne erstellen und andere auf diese Pläne verpflichten, vielleicht auch planen, was bei Abweichungen zu tun sei, dies alles natürlich auch dokumentieren, unterzeichnen lassen und verknüpfen mit Personalbeurteilungen. Die Komplexität des Systems potenziert sich zur Hyperkomplexität (Luhmann 1985: 637).

Doch diese Zusatzplanung kann "über das Ziel" hinausschießen: "Wenn Administratoren in ihren Versuchen, die Zukunft rational zu planen, übereifrig sind, könnten sie einen Plan entwickeln, der die vorliegende Komplexität künstlich simplifiziert und die Leute unnötigerweise ermahnt, auf Übereinstimmung der Werte und Ziele hinzuarbeiten. Dieses Handeln der Manager könnte für die Gruppe eher ein Handicap als eine Hilfe sein, weil die Mitglieder eine komplexere Struktur mit der Fähigkeit, mit komplexeren Inputs fertigzuwerden, entwickeln könnten, wenn sie nicht ausdrücklich formulieren müssten, wie sie mit den Informationen fertigzuwerden gedenken, und wenn sie bezüglich der Mittel und Zwecke nicht übereinstimmen müßten. Versuche, eine Struktur für jedermann "verstehbar" zu machen, könnte Manager dazu führen, übertriebene Vereinfachungen vorzunehmen und die Bindungen zwischen den Leuten einzuschränken." (Weick 1985: 151)

Alle Systeme, so sagten wir oben, haben starke Tendenzen zur Konservierung ihrer Strukturen, sind zunächst auf sich bedacht, auf Aufrechterhaltung ihrer Autopoiese. Also werden Planungsentscheidungen, wie alle Entscheidungen, ausgerichtet sein auf eine Systemstruktur, wie sie in den Köpfen der Beteiligten Gestalt angenommen hat. Wenn darum das System Wissenschaft komplexere Planungen einfordert, um den Anforderungen der Umwelt gewachsen zu sein, so werden Systeme, die solche Komplexität nicht gewohnt sind zu verarbeiten, sich solchem Ansinnen auch verschließen. Das gilt auch für ein systemisches oder konstruktivistisches Denken, das aufruft zu einem ganzheitlichen Denken, das viele Facetten eines Problems beleuchtet, einem weiten Feld an Beziehungen zwischen Einflussgrößen nachgeht, einem Denken in Kreisläufen, in langen Wirkungsketten und einem Denken, das Selbstbezüglichkeit des Handelns berücksichtigt (so etwa bei Ulrich/Probst 1988).

Eine Behinderteneinrichtung will helfen, hier und jetzt, will Plätze und Personal zur Verfügung stellen und sie will belegt sein. Ein komplexeres Denken, wie beschrieben, wird leicht den Eindruck erwecken, es halte auf, es lenke ab von der eigentlichen Aufgabe. Was haben auch die Behinderten davon? Verbandsvertreter von Behinderteneinrichtungen werden anders denken, vor allem Mitglieder eines Bundesverbandes. Sie lieben komplexe Planungsstrategien, gefallen sich im Denken in langen Ketten und vielfältigen Zusammenhängen, sehen sie sich doch als "Vor-planer" für ihre Einrichtungen, als Ergründer, Nach- und Vordenker. Aber ihre Welt ist nicht die Welt der Betroffenen. Darum verstehen diese auch oft so schwer, was jene mit ihren gewaltigen Plänen eigentlich beabsichtigen.

Planung als Irritation

Organisationen müssen mit Widersprüchen umgehen. Sie ergeben sich im (Re-)Produktionsprozess der Organisation selbst aus den Un-Gleichheiten der im einzelnen System notwendigen verschiedenartigen Funktionen seiner Teilsysteme. Im zweckrationalen System Organisation haben diese Gegensätze ihren benannten und strukturell festgelegten Platz: "Oben" ist oben, das "Unten" ist unten, "Marketing" hier, "Finanzwesen" dort, der "Vorstand" sitzt in den oberen, das "Zu-Beaufsichtigende-System" in den unteren Etagen.

Sie sprachlichen Schnitte, zusammengefasst als Erwartungsmuster, lassen sich anders benennen, aber ohne Schnitte kann keine Differenzierung, keine andere Erkenntnis und kein verändertes Handeln entstehen.

Und doch schmerzt jeder Schnitt. Er trennt die, die zuvor sich eins fühlten, macht Kollegen zu Interessenvertretern, aus Freunden Widersacher. Und in den Köpfen erwächst mit jedem Schnitt Unordnung, weil jeder Schnitt bedeutet, eine zusätzliche Komplexität verkraften zu müssen.

Gäbe es nicht die Irritation aus der wachsenden Unsicherheit im Umgang mit nicht verstehbaren, nicht einzuverleibenden Störungen in der Umwelt, wäre Ruhe die einzig vernünftige Grundhaltung aller Organisationen. Aber die Unruhe (Varietät) gehört ebenso wie die Ruhe (Redundanz) zum System (Luhmann 1988: 174). Man kann auch sagen, daß einige Systeme unruhig sind, weil andere ruhig(er) sind. Effiziente Wirtschaftssysteme (der erfolgreiche Pionierunternehmer bei Schumpeter) leben von der Unruhe, die sie erzeugen: Sie müssen anders sein als der Konkurrent, besser, schneller und progressiver, müssen neue Märkte schaffen, und zwar möglichst vor den Konkurrenten.

Wer immer stört, muss mit Unmut derjenigen rechnen, die sich in ihrer Ordnung eingerichtet haben. Vorgesetzte sind eben darum vorgesetzt und abgesetzt, weil sie ansonsten zu stark mit dem Geschäft des Erneuerns der alten Ordnung besetzt sind. Sie werden mit Macht ausgestattet, um Störungen gegen immunisierende Gegenaktionen des Systems durchzusetzen. Wer nicht stört, bleibt Kumpel, macht sich aber dann auch nur auf der einen Seite beliebt, und er gefällt sich, darin einig mit den Seinen, im Zustand selbstgefälliger Zufriedenheit. Wer als Beauftragter für Planung nur Störungen beseitigen hilft, muss sich nicht wundern, wenn er nur mit der Abfassung von Festtagsreden oder Broschüren zum 100-jährigen Bestehen der Einrichtung "kaltgestellt" wird.

Planung kann leicht zur technischen Störbeseitigung degenerieren, wenn durch griffige Vokabeln Strategien formuliert werden, die den Anschein erwecken, nun habe man den Schlüssel in der Hand. Diesen Planern kommen Handreichungen wie die von de Bono entgegen: "Die vier richtigen und die fünf falschen Denkmethoden" oder "In 15 Tagen (im engl. Original sogar: in fünf Tagen) Denken lernen" (1973). Der Markt ist voll von "Synectics", "Morphologischen Kästen", "Frequency Gambling", Techniken zur Förderung "rechtshemisphärischen Denkens" usw. Solche Techniken haben ihre Berechtigung in spezifischen Zusammenhängen, aber eben nicht als generell gültige Techniken: In der einen Situation ist eher eine Einengung des Suchraums angezeigt, in einer anderen eher seine Ausweitung.

Einerseits vermögen komplexe Analysen die Leute nicht aus der Fassung zu bringen. Sie verwirren, statt die gesuchte Entwirrung zu leisten. Simplifizierende Formeln andererseits entpuppen sich schnell als Binsenwahrheiten und verdecken die inhärenten Widersprüche. Als Leerformeln mit weitem Spielraum erlauben sie den Benutzern, sich immer auf die Seite der Wahrheit, des Richtigen zu schlagen.

Organisationen sollten daher "nie auf eine Vorschrift hören! ..., eingeschlossen diese Vorschrift." (Starbuck 1988: 68)

Störungen können sich zunächst auf die bestehende Ordnung als Ordnung beziehen. Dann werden sie vom aufnehmenden System auch in aller Regel als "erwartete" Störung angesehen. Die alljährliche Planungsrunde wird zum Ritual der Spiele um Selbstdarstellung und Einfluß. Die Spieler sind geneigt, Abweichungen der Störung als unwesentliche Störungen des gleichen Spiels anzusehen, also den Kontext gleich zu markieren (Bateson 1983: 375) und damit das Gerangel als zum üblichen Spiel gehörig zu deklarieren.

Das Spiel wäre beispielsweise dann durchbrochen, wenn die mit der Koordination der Planung Beauftragten bzw. ihre Auftraggeber die probeweise ins Spiel gebrachten (überhöhten) Forderungen als durchaus realistische Größen akzeptierten, das Spiel zum Ernstfall werden ließen (und sich für die fundierten Analysen mit den imposanten Zahlen bedankten).

Gestört wäre in diesem Fall die Unterstellung, der Kontext: "Budgetverhandlungen" erlauben bzw. erfordern das alljährliche Spiel des Feilschens um die Planzahlen für das bzw. die kommende(n) Jahre. Es handelte sich um ein Lernen i.S. des Lerntypus II von Bateson (1983: 378 ff.). Ein Teilnehmer der Runde könnte etwa zu der Einsicht finden: "Wir machen uns doch immer etwas vor, lassen wir das!" Oder auch: "Dieses Spiel muss sein, wir brauchen es, weil wir Spieler sind, wenigstens für die Zeit der Budgetverhandlungen."

Das Spiel wird in ein größeres Muster eingeordnet oder aber ausgeblendet, weil es in das Muster nicht passt. Aber dieses umfassendere Muster (der Hintergrund) ist damit noch nicht ohne weiteres verändert.

Beauftragte Planer werden vielleicht die Prozesse, die sie in den Gesprächen mit den Bereichen der Organisation führen, als zum Geschäft der Planung zugehörig ansehen, z.B. die "Tatsache", dass es für alle Planung im Grunde eine lästige Angelegenheit ist, die vom eigentlichen Geschäft abhält. Sie werden jeden Widerstand so auslegen und ihr Vorgehen rechtfertigen bzw. nachträglich gerechtfertigt sehen. Sie werden nicht ohne Störung dieser Denkmuster auf den Gedanken kommen, dass die Art der Abtrennung der Planung vom "Geschäft" mit den beobachteten Widerständen zu tun haben könnte oder dass ihre Vermutung von Widerständen solche auch tatsächlich auslösen (könnten). Vor allem aber werden sie nicht ohne weiteres die Vorstellung der Planung als Zukunftsvision opfern, nicht zur Einsicht kommen, dass die Scheidung von "vorhersehbaren" und "unvorhersehbaren" Faktoren ihre "Interpunktion" ist, dass "gute" oder "schlechte" Prognosen von ihnen und anderen erfunden werden. Und solange sie die alten Planer bleiben, können sie auch die, die sie zu fragen und zu beraten haben, nicht aus ihren Rollen schrecken. Sie werden, wenn das Ergebnis augenscheinlich unzutreffend war, ihre Planungsmethoden zu bessern suchen oder aber einen Schuldigen in der Umwelt oder im eigenen System finden. Und sie werden sagen: Wir handelten und daraufhin reagierte die Umwelt oder: Wir mussten so handeln, weil unsere Umwelt dies so forderte. Das Bateson'sche Lernen III (1983: 389ff.) bzw. die Übernahme unserer konstruktivistischen Prämissen beinhaltet aber gerade die Aufgabe dieser im organisatorischen Diskurs täglich neu bestätigten Selbstverständlichkeiten, die sich zudem fest in organisatorischen Strukturen verankert haben. Von diesem Lernen sagt Bateson, dass Menschen es manchmal erreichen (1983: 386) und dass es gelegentlich zu Zusammenbrüchen führt. Im organisatorischen Kontext hieße dies, daß Zusammenbrüche einer gemeinsamen, gegenseitig bestätigten und in Strukturen verankerten Ordnung erfolgen müssen.

Planung wäre dann nichts anderes als die "stolpernde" Suche, die sich stets vergegenwärtigt, dass die Neuerung nicht zu einem Besser führen muß, dass sie auf jeden Fall neue unerwünschte Begleiterscheinungen mit sich bringen wird, dass die "Umwelt" von uns gemacht wird und dass das, was wir heute beobachten, mit dem zusammenhängt, was wir gestern taten. Gehen wir vom Bild eines hierarchisch organisierten Systemverhältnisses aus, in dem das jeweilige System Teil eines umfassenderen ist, die Ebene 2 den Kontext der Ebene 1 bildet, so sind die Bilder der Rationalität, der Machbarkeit, der Linearität oder der geordneten und optimierbaren Ziel-Mittelbeziehungen Teil eines umfassenderen Kontextes, der wiederum Teil eines weiteren Kontextes ist usw.. Solche Ordnungswelten aufzubrechen, scheint schwer zu sein, weil der Aufbrechende in das Geschehen, für ihn uneinsehbar, nur allzu leicht verwickelt wird, dann nicht mehr außerhalb des Systems steht und die weiterlaufenden Prozesse nicht mehr stören oder umpolen kann. Da ist der Therapeut mit der Umgestaltung einer unglücklich machenden Kindheitsgeschichte noch gut bestellt. Er mag durch eine paradoxe Intervention, eine Verschreibung der "Krankheit" oder eine geschickte Umdefinition die Denkkreise einer Person ins Wanken bringen (s. unten: Kersting). Auf organisatorischer Ebene aber gemeinsame Ko-Evolution zu blockieren, Strukturen zu verändern, Rollen neu zu verteilen, Regeln über Bord zu werfen, das alles scheint nicht so leicht möglich und nicht nach den Regeln eines therapeutischen Milieus ablaufen zu können. Offensichtlich versagen auch einer konsequenten, familientherapeutischen "Steuerfrau" wie Selvini Palazzoli (1984) die Steuerkünste, wenn sie das Labor verlässt und Organisationsentwicklung betreibt. Man könne den organisatorischen Kontext nicht komplex genug denken, gibt sie zu bedenken, müsse sich vor einer "gefährlichen Vereinfachung" hüten (Selvini Palazzoli 1984: 269 f.). Mit anderen Worten: Wer im komplexen organisatorischen Zusammenhang steht, wird leicht sprachlos, planlos und steuerlos, vergegenwärtigt er sich die Komplexität bzw. die Ausschnitthaftigkeit und Willkür seiner Perspektive.

Das macht deutlich, dass neue (Planungs-) Kulturen nicht ex cathedra gemacht, geplant oder verändert werden können, etwa im Sinne eines "Kultur-Managements" (Kultur als "Variable": s. Sackmann 1989: 160 ff.) oder eines "Controlling", wie es in jüngerer Zeit für soziale Einrichtungen empfohlen wird (Reis 1990), das über seine finanztechnische Überwachungsfunktion hinaus als gesamtorganisatorisches Steuerinstrument ausgegeben wird. Das hieße jedoch im Vorgehen das wieder aufzugeben, was uns gerade durch Entdecken einer "Kultur" (im Gegensatz zu einem trivialen System) bewusst geworden ist. Organisationen sind Kulturen (Kultur als "Metapher" oder "dynamisches Konstrukt": s. Sackmann 1989: 167 ff.) i.S. von Bedeutung gebenden Bildern, Metaphern bzw. von Sinn, der den Prozessen in der Organisation zugrundegelegt wird bzw. "über" sie wie ein Netz gelegt wird, ein Sinn der sich ergibt, den man nicht verschreiben kann. Wenn wir organisatorisch Planer von den Entscheidern trennen, kommt dieses irritierende Sich-selbst-neu-Entdecken gerade den Planern zu. Planer sollten sich also nicht in euphorisch stimmenden Zahlenakribien ergehen, sondern Entscheider-Systeme begleiten, indem sie, anders als unsere Planungsväter, "hinter ihnen hergehen", sie gelegentlich aufhalten und dabei störende "Gangarten" (Enzensberger 1990) vorschlagen, etwa, wenn ein "Vorwärtsplanen" nicht mehr weiterzuführen scheint, sie zum "Rückwärtsplanen" (Dörner 1989: 236 f.) aufzufordern bzw. zu einem "Denken im zweiten Futur" (das meint ein: gedankliches Unterstellen, der Erfolg habe sich bereits eingestellt, (s. Weick 1985: 282 ff.) oder, in einer Situation der Über-Planung, die Strategie des "Durchwurstelns" ins Spiel bringen.

Aber alle diese Verstörungen und Wechselbäder der verschiedenen Ansätze müssen von den Köpfen der Entscheider verkraftbar sein: Systeme können, sollen sie nicht zerstört, allenfalls "perturbiert" werden, wie die Konstruktivisten sagen (Maturana/Varela 1987: 108). Solche Pertubationen können wir als Interventionisten planen, doch im Prozeß selbst sind wir blind, und seine Wirkungen können wir erst im nachhinein ersehen:

Von der Überlegung

Eine Paradoxe

Man rühmt den Nutzen der Überlegung in alle Himmel; besonders der kaltblütigen und langwierigen, vor der Tat. Wenn ich ein Spanier, ein Italiener oder ein Franzose wäre, so möchte es damit sein Bewenden haben. Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten.

"Die Überlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach, als vor der Tat. Wenn sie vorher oder in dem Augenblick der Entscheidung selbst ins Spiel tritt, so scheint sie nur die zum Handeln nötige Kraft, die aus herrlichem Gefühl quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung abgetan ist, der Gebrauch von ihr machen lässt, zu welchem sie dem Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was im Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewusst zu werden und das Gefühl für andere künftige Fälle zu regulieren. Das Leben ist selbst ein Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfasst hält, schlechthin nach keiner anderen Rücksicht als nach bloßen augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen wollte, welche Muskeln er anstrengen und welche Glieder er in Bewegung setzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den kürzeren ziehen und unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner niederwarf oder welch ein Bein er ihm hätte stellen sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein solcher Ringer, umfaßt hält und tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfs, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch durchsetzen; viel weniger in der Schlacht."

aus: H. v. Kleist, Prosastück


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Vorwort

Der zweite Doppelpunkt (Theodor M. Bardmann)

Organisationen (Hans-Christoph Vogel)

Planen, Autopoiese und Sozialpädagogik (Bernd Woltmann)

Intervention (Heinz J. Kersting)


Planen, Autopoiese und Sozialpädagogik

Ausführungen zu einer Epistemologie didaktischer Wirklichkeitskonstruktionen

von Bernd Woltmann
(drittes Kapitel des Buches Irritation als Plan - Konstruktivistische Einredungen, Kersting Verlag, Februar 1991)

Keine andere Wissenschaftstheorie als der Radikale Konstruktivismus führt in der aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskussion zu so vielen kreativen wie auch kontroversen interdisziplinären Beiträgen. Das "naturwissenschaftliche Standbein" dieser Theorie wird vertreten von den chilenischen Biologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela. Sie haben mit ihrem Konzept der Autopoiese dazu beigetragen, dass auch in der Erziehungswissenschaft alte Diskussionen neu geführt werden (müssen). So ist heute z. B. die Ziel- und Methodendiskussion in der Didaktik wieder offener, als es noch vor ein paar Jahren schien. Etwa: Vom "Planned Change" zur Kontingenz von Entwicklungsprozessen (s. Hollstein-Brinkmann 1989). Dies hängt damit zusammen, dass unsere traditionell gewachsenen, klassischen Auffassungen über die Gültigkeit und Möglichkeit menschlicher Erkenntnis gebrochen sind:

"Wissenschaft ist kein Bereich objektiver Erkenntnis, sondern ein Bereich subjektabhängiger Erkenntnis, der durch eine Methodologie definiert ist, die die Eigenschaften des Erkennenden festlegt.

Mit anderen Worten, die Gültigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis beruht auf ihrer Methodologie, die die kulturelle Einheitlichkeit der Beobachter bestimmt, und nicht darauf, dass sie eine objektive Realität widerspiegelt." (Maturana 1982: 309)

In dem vorliegenden Beitrag werden wir zunächst unsere erkenntnistheoretische Kritik (sozial)pädagogischer Literatur unter dem Aspekt des Planens formulieren. Nach einer ausführlichen Einführung in das Autopoiese-Konzept im zweiten Teil, stellen wir schließlich die epistemologischen Konsequenzen dieses einen konstruktivistischen Ansatzes für die didaktische Planungstheorie vor. Damit ist eine Vorstellung skizziert, die stärker in die pädagogische Theoriebildung einfließen sollte.

Somit ist diese Arbeit als vorläufiger Versuch einer pädagogischen Epistemologie zu verstehen, die die Bedingungen und Möglichkeiten didaktischer Wirklichkeitskonstruktion erklärbar machen möchte.

1. Planen

Das Kapitel könnte eigentlich auch "Planung" heißen. Diesen kleinen aber feinen Unterschied haben wir in Anlehnung an das Buch "Der Prozess des Organisierens" von Karl E. Weick (1985) gewählt.

Mit der Vermeidung des Substantives "Organisation" deutet der amerikanische Organisationstheoretiker schon im Titel seines Buches an, dass er sich mit dem Prozess der Entstehung und Erhaltung eines Phänomens, nämlich "Organisationen", befassen wird, das niemals tatsächlich "in Substanz" vorliegen kann, sondern immer nur als ein "gedachter Gegenstand", als Ergebnis eines konstituierenden Prozesses der "Mitglieder" einer "Organisation" (als Substantiv).

Mit der gleichen Vorstellung möchten wir an das heran gehen, was oft mit "Planung" (als Substantiv) bezeichnet wird, aber niemals im eigentlichen Sinn Substanz annehmen kann:

Ein schriftlich fixierter Plan ist allenfalls die Kondensation oder ein Ergebnis von "Planen". Niemals aber kann ein noch so differenzierter Plan oder ein anderes "Substantiv" den eigentlichen Prozess des Planens darstellen.

Deduktion und normative Didaktik

Eine ausführliche Darstellung verschiedener didaktischer Konzepte ist die Arbeit "Theorien und Modelle der Didaktik" (Blankertz 1969, 9. Auflage 1975). Diese Konzepte entstehen nach Blankertz immer "innerhalb der negativ abgesteckten Grenzen eines weltanschaulichen Apriori" in Abhängigkeit von den Bedingungsfaktoren der jeweiligen gesellschaftlich-kulturellen "Erziehungswirklichkeit" (ders., 26). Didaktik beschreibt also nicht nur Erziehungsinhalte und -formen, sondern gibt immer auch mehr oder weniger deutlich Auskunft über die erkenntnistheoretische Basis und die zugrundeliegende Weltanschauung des Konzepts.

Während sich die im o.g. Werk beschriebenen Modelle mit den generellen "empirischen Bedingungen für Lernen und Verhaltensänderungen" (ders., 23) beschäftigen und aus diesen Erkenntnissen heraus eine Didaktik entwickeln, problematisiert Blankertz in seinen Vorbemerkungen die sog. "normative Didaktik":

Im Unterschied zu im o.g. Sinne empirischen Modellen, in denen Sinn-Normen allenfalls eingrenzenden Charakter haben (ders., 20), basiert eine normative Didaktik ihrem eigenen Anspruch nach auf Sinn-Entscheidungen und -Setzungen für pädagogisches Handeln. Darin eingeschlossen ist die Vorstellung, dass aus solchen "vorpädagogischen Sinn-Normen" (ders., 19) konkretere, mehr oder weniger differenzierte Lernziele abzuleiten sind, also eine geschlossene Deduktionskette entstehen kann. "Wenn das möglich wäre, dann müssten in den obersten, sehr allgemeinen Normen alle Aspekte des differenzierten Lehrplans enthalten sein; es dürften keine zusätzlichen Entscheidungsgründe, Sachnotwendigkeiten und Alternativen außerhalb der obersten Normen mehr auftreten" (ders., 25). Diesem Anspruch kann aber keine im o.g. Sinne normative Didaktik genügen, denn gerade jene auszuschließenden Einflussfaktoren, wie z.B. zusätzliche Entscheidungsgründe, liefert die schon erwähnte "Erziehungswirklichkeit", in der jedes Konzept bestehen muss, in Hülle und Fülle.

Hinzu kommt: "Von gleichen Normvoraussetzungen werden verschiedene Konzepte abgeleitet, verschiedene Normvoraussetzungen führen zu den gleichen Forderungen" (Möller 1966, zitiert in Blankertz 1975: 25). Dies unterstreicht die Willkürlichkeit einer normativ legitimierten Didaktik bezüglich ihrer grundlegenden Zielsetzung.

Blankertz Kritik ist nicht selbst normativ zu verstehen, sondern wissenschaftstheoretisch: "Normative Didaktik ist also nicht eigentlich falsch in dem Sinne, dass sie aus welchen Gründen auch immer, nicht sein sollte, sondern sie kann ihren eigenen Anspruch nicht einlösen. Die lückenlose Deduktion ist immer nur scheinbar, in Wahrheit enthält sie unbewusste Implikationen, arbeitet mit versteckten Nebenentscheidungen und Erschleichungen" (ders., 26). Sie dient also nicht als theoretische Grundlage einer Erziehungswissenschaft. Vielmehr neigt sie seiner Meinung nach dazu, ideologisch zu werden, wenn ihre normative Reflexion zu "falschem Bewusstsein" wird (ders., 27) und unterstützt dann lediglich das implizite Normsystem. "Systemstabilisation ist wahrscheinlich die einzige Funktion, die sie tatsächlich leisten" (ders., 27).

Das geschilderte Deduktionsproblem ist von großer Bedeutung für die pädagogische, hier: Unterrichtsplanung und zwar unabhängig davon, ob die Lernziele aus Sinn- Normen oder aus wissenschaftlichen Vorstellungen vom Lernen und Lehren selbst abgeleitet werden. Schließlich soll jeder Unterricht an den jeweiligen Lernzielen ausgerichtet sein, ja von ihnen bestimmt werden.

Lernziele und Operationalisierung

Boettcher u.a. (1976) beschreiben eine Skizze der Unterrichtspraxis, "… wie sie als - [ ... ] - System von Annahmen, Wertungen, Einstellungen, Verhaltensweisen usw. der Planung, Steuerung und Auswertung von Unterricht in der Schule und (z.T.) Lehrerausbildungsseminaren zugrunde liegt" (dies., 1). Damit sind keine normativen Konzepte im oben beschriebenen Sinne gemeint, sondern mehr oder weniger bewusste Alltagstheorien der Pädagogen, die sich direkt auf die Unterrichtspraxis auswirken.

Die Frage nach den Zielen von Pädagogik und Unterricht steht hier dennoch vor einem "Sinnproblem". "Die allgemeine Zielperspektive 'sinnvolles Lernen' wird verfolgt unter Anlehnung an vorgegebene Materialien wie Richtlinien/Unterrichtsempfehlungen, Schulbücher und lehrereigene Stoffpläne" (dies., 2). Die Sinnhaftigkeit der pädagogischen Arbeit wird also "Verfolgt", aber nicht mit Sicherheit erreicht. Vielleicht handelt es sich bei der "Zielperspektive sinnvolles Lernen" vielmehr um eine professionelle Einredung, ohne die Pädagogen "sinnlos" arbeiten würden?

Diese Bezugspunkte werden im Unterricht umgesetzt durch ein ebenfalls lehrereigenes Methodenrepertoire, den "Erfahrungsschatz" des Lehrers (dies., 3). Dieser stellt "sich dem Lehrer dar als jederzeit abrufbare Verhaltensweisen. Ihre Rückbindung an bestimmte Konzepte des Unterrichtens ist nicht sichtbar" (dies., 3). Blankertz bezeichnet diese (Un-)Art der Konzeption in einem bestimmten Sinne doch als normativ: "Auf primitiver, vorwissenschaftlicher Ebene handelt es sich bei 'normativer Didaktik' um apodiktisch formulierte Anweisungen für den Unterricht [sog. "Rezepte", B.W.], die bestimmten Erfahrungssätzen und überlieferten Meinungen entnommen und dann als verbindliche Norm aufgestellt sind" (Blankertz 1975: 18).

Der Anspruch an die Planung von Unterrichtsprozessen liegt nun darin, "ein Höchstmaß an sinnvollem Lernen und ein Mindestmaß an Ordnung im Unterricht bei einiger Ökonomie der Mittel zu erreichen und alle Schüleraktivitäten in diese Richtung zu drängen" (Boettcher u.a. 1976: 2). Der Lehrer hat also allein die Verantwortung dafür, dass der Unterricht dem Plan entsprechend abläuft. "Die Steuerungsaktivitäten des Lehrers im Unterricht sind also die Fortsetzung seiner Planungsaktivitäten vor dem Unterricht." (dies., 4f.)

Die Autoren sehen den wichtigsten Grund für diese Vorstellung vom bestimmbaren Unterricht in dem zugrundeliegenden Bild vom Schüler. "Schüler werden im traditionellen Unterricht (mehr oder weniger bewusst) als - gehorsame oder weniger gehorsame - Vollstrecker von Lernanordnungen der Lehrer gesehen und behandelt. Eine solche Praxis übersieht völlig, dass Schüler ganz allein darüber 'entscheiden' können (und faktisch auch entscheiden), welche Lernstoffe und Fertigkeiten sie erwerben, behalten und anwenden wollen. Kein Schüler kann gegen seinen Willen zum Lernen gezwungen werden" (dies., 6). Der Lehrer ist aus dieser Sicht "allenfalls verantwortlich für die optimale Organisation der Lernmöglichkeiten, d.h. er organisiert Lernen, er verursacht es nicht" (dies., 7). Lernzielformulierungen, die sich an dem allgemeinen Sinn der schulischen Ausbildung ("Befähigung zur Bewältigung von Lebenssituationen", dies., 31) orientieren müssen, haben hier eine Steuerungs- und Legitimationsfunktion. Sie "steuern und legitimieren das, was in den unterrichtlichen Arbeitsprozessen geschieht, d.h. die Formulierung von Arbeitszielen und die Steuerung von Arbeitsprozessen hat sich zu orientieren an Lernzielen" (dies., 32). Daraus folgt aber, dass nicht die Lernziele selbst die Unterrichtspraxis ausmachen, sondern: "In unserem Verständnis regulieren die Arbeitsziele die konkreten Unterrichtsprozesse im Hinblick auf Themen, Inhalte, Arbeitsformen sowie Medien und Materialien". (dies., 27)

Arbeitsziele sind möglichst konkret formulierte Unterrichtsaufgaben, die in einem Arbeitsprozess zu einem Arbeitsergebnis führen sollen. (dies., 26) Dieser Gedanke führt endlich zu einer begrenzten Kontrollierbarkeit des Unterrichts. "Arbeitsergebnisse können von den Arbeitszielen her überprüft werden [ ... ], und ob Arbeitsziele erreichbar, verständlich, interessenweckend, hinreichend differenziert für Schüler verschiedener Kapazität und Ausdauer waren, kann wiederum von den Arbeitsergebnissen her beurteilt werden." (dies., 26f.)

Die Begrenzung allerdings liegt an der Unmöglichkeit, einen gewünschten oder anvisierten Lernerfolg verlässlich aus einem, auf eben beschriebenen Wege beurteilten Arbeitserfolg abzuleiten. Ebenso sind konkrete Arbeitsprozesse nicht aus Lernzielen deduzierbar (Blankertz 1975), womit wir wieder bei genanntem didaktischen Grundproblem sind. In der praktischen Arbeit der Lehrenden wird sich z.B. damit "beholfen", über den Umweg "Feinziele" die Operationalisierung schlüssiger erscheinen zu lassen. Dies bezeichnen Boettcher u.a. (1976: 37) als "ein zu wenig reflektierter Übergang von der Ebene Lernziele auf die Ebene der operationalisierbaren Arbeitsziele".

So bleibt denn den Autoren nichts anderes übrig, als auf die grundsätzliche Beziehung zwischen "Schule" und dem "wirklichen Leben" etwas unscharf zu formulieren: "Wir setzten dabei [beim Transfer von Unterrichtsprozessen, B. W.] voraus, dass die Arbeitssituation, die der Schüler in der Schule erlebt, irgendwie [!, B. W.] vergleichbar sind mit den Lebenssituationen, in denen er später stehen wird, und dass der Schüler prinzipiell fähig ist, intuitiv [!, B. W.] und/oder rational kontrolliert die Vergleichbarkeit zu erkennen." (dies., 38) Diese Erkenntnis wird sogar als Bedingung für schulischen Unterricht gesehen. "Wäre diese Vergleichbarkeit nicht gegeben, könnten Menschen nicht lernen, d.h. keine Erfahrungen machen und sich nicht über ihre Erfahrungen verständigen." (dies., 38)

Unterricht und kognitive Prozesse

Das Phänomen "Planen" als Gegenstand jeder pädagogischen Theorie ist definitorisch schwer zu fassen. Generell wird es als ein Veränderungsprozess verstanden, denn "irgendwie" (s. Boettcher 1975) bürgen Lernziele dafür, dass ein Schüler (oder allgemeiner: Lernender) "nach" dem "Lernen" eine neue Erkenntnis oder Fertigkeit erworben hat.

Einen Beschreibungsansatz bietet Diederich (1988) in der Einführung des Begriffes "Erwartung" in Bezug zu "Lernen". "Lernen ist der Vorgang, durch den eine Aktivität im Gefolge von Reaktionen des Organismus auf eine Umweltsituation entsteht und verändert wird." (ders., 39) Ausgeschlossen davon sind nur Aktivitäten bzw. Aktivitätsveränderungen, die "auf der Grundlage angeborener Reaktionstendenzen, von Reifung oder von zeitweiligen organismischen Zuständen (z.B. Ermüdung, Drogen usw. )" (ders., 40) erklärt werden können. Die jeweiligen Reaktionen bzw. Aktivitäten auf Umwelteinflüsse sind geprägt von den jeweiligen aktuellen Erwartungen der Person an die augenblickliche Situation. M.a.W. bestimmt der aktuelle Erwartungszustand eines Schülers seine Reaktion auf die Unterrichtsführung des Lehrers. Es können prinzipiell zwei verschiedene Reaktionsmodi auftreten: Entweder wird die Erwartung einer Person (z.B. Schüler) im Hinblick auf das Verhalten eines Gegenübers (z.B. Lehrer) bestätigt oder aber enttäuscht. Unterricht kann so als Prozess verstanden werden, "an dem Lehrer und Schüler teilnehmen, an das sie als Teilnehmer Erwartungen knüpfen, in dem sie sich dadurch orientieren, dass sie mit den Erwartungen anderer Teilnehmer [bzw. dem daraus resultierenden Verhalten, B. W.] rechnen" (ders., 67).

Diederich definiert Lernen nun als einen Prozess der Erwartungsänderung, also als eine kognitive Reaktion auf Erwartungsenttäuschung oder auch (seltener) Erwartungsbestätigung. Hält ein Mensch an einer bestimmten Erwartungshaltung fest, obwohl diese enttäuscht wurde, wird dies als normative Reaktion bezeichnet und damit als Nicht-Lernen. Jeder Unterricht wird so zu einem Interaktionsgeschehen auf der Grundlage eines Enttäuschungsrisikos für alle Beteiligten. Der Eindruck eines Lehrers, ob ein Schüler "gelernt" hat oder nicht, hängt dann von seiner Beobachtung ab, ob eine kognitive oder normative Reaktion im Erwartungszustand des Schülers dessen Verhalten bestimmt hat (ders., 67). Diese Vorstellung vom Unterricht bietet dem Lehrer Ansatzpunkte zur kritischen Reflexion seines Unterrichtsverhaltens, denn "erwartungswidrige Ereignisse [machen, B. W.] auf Bedingungen aufmerksam, die man als selbstverständlich gegeben unterstellt, Bedingungen, die eingehalten werden, um Unterricht zu ermöglichen, oder geschaffen werden, um Unterricht zu verbessern" (ders., 67).

Wenn "Lernen" ein aktiver, wenn auch u.U. unbewusster, Vorgang des Entscheidens für oder gegen eine enttäuschte (oder bestätigte) Erwartungshaltung ist, liegt es außerhalb jeder instruierenden Planbarkeit einer anderen Person.

Diederich differenziert das Phänomen "Unterricht", in dem sich das schulische Lernen wie auch immer vollziehen soll: Erstens in den Aspekt "Unterricht als Organisation" und zweitens "Unterricht als Prozess". Dem ersteren ordnet er die Planung als Beeinflussungsmöglichkeit zu, dem zweiten den Aspekt der Unterrichtsführung. Planung und Führung von Unterricht sind demnach - wahlweise oder in Kombination - die Möglichkeiten, die einem Lehrer zur Verfügung stehen, um Unterricht zu beeinflussen (ders., 68f.).

"Unterricht als Organisation" entspricht einer Vorstellung, die die Schüler einer Klasse sozusagen als Mitglieder einer "Lernorganisation" sieht, deren gemeinsames "Betriebsziel" Lernen versteht. In diesem Bild stellt der Lehrer dann den Betriebsleiter der "Firma Schule" dar (ders., 99). Unter Unterricht als Prozess ist dagegen das jeweilige Interaktionsgeschehen zwischen Lehrern und Schülern im Unterrichtsverlauf gemeint.

Diederich verwendet in diesem Zusammenhang die drei Begriffe Sozialer Systeme von Luhmann (ders., 99 ff.), der neben Gesellschaften als spezifische Form sozialer Systeme, des weiteren Interaktionssysteme (vgl. Unterricht als Prozess) und Organisationen (vgl. Unterricht als Organisation) definiert. Hinsichtlich der Bedeutung dieser Differenzierungen für die Unterrichtsdidaktik kritisiert Diederich Luhmann, der seiner Meinung nach "(vielleicht fasziniert durch die Komplikationen des Interagierens im Unterricht als Prozess) unterschätzt, in wie hohem Maße der Unterricht als Organisation das Wiederaufnehmen der Interaktion erleichtert" (ders., 100).

Unserer Meinung nach verdient der Gesichtspunkt der Organisation von Unterricht im o.g. Sinne Aufmerksamkeit als Bedingung für schulischen Unterricht. Jeder Unterrichtsprozess (zumindest innerhalb der ersten zehn Schuljahre) vollzieht sich immer zwischen "Schulpflicht und Klassenverband", also im Rahmen der "Zwangsmitgliedschaft" der Schüler in einer Lernorganisation. Diese Voraussetzung schafft tatsächlich eine organisatorische Stabilität, die u. U. "das Wiederaufnehmen der Interaktion", also Unterricht als Prozess begünstigt und als "Zwangsverband" einen großem Einfluss auf das Unterrichtsgeschehen nehmen kann (vgl. auch v. Foerster 1985a: 13). Allerdings ist zu beachten, dass der Unterricht als Prozess auch dann nicht instruktiv geplant, sondern nur im Verlauf geführt werden kann oder mit anderen Worten: "nur weil Unterricht auch ein Organisationssystem ist, kann er geplant werden. Man weiß vorher, dass die Mitglieder der Klasse oder des Kurses zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort für eine bestimmte Dauer zusammenkommen, meistens wieder zusammenkommen werden" (ders., 103).

Für den Prozess des Unterrichts kann ein Plan in einem anderen Sinne ebenfalls eine unterstützende Funktion haben: "Ferner kann die Planung Alternativen für Situationen vorsehen, in denen Erwartungsenttäuschungen eintreten können [bei Schüler und Lehrer! B. W.], und damit dem Interaktionssystem (Unterricht als Prozess) eine Anpassungsfähigkeit verschaffen, die ohne Planung (Unterricht als Organisation) nur unter sehr glücklichen Umständen erreichbar wäre." (ders., 105)

Mit einem weiteren wichtigen Gedanken bei Diederich möchten wir unsere Ausführungen zur allgemeinen Didaktik schließen. "Der Gesamtbereich der Unterrichtsplanung lässt sich mit der Abbildung einer Skala darstellen, auf der Teilbereiche abgetragen sind, für die von Instanzen, Gremien oder Personen jeweils Entscheidungs- oder Planungshoheit beansprucht wird, wenn sie Bedingungen für Unterricht setzen." (ders., 113)

Hinter der sogenannten "Oberen kritischen Schranke", also im oberen Teilbereich der Skala, liegt der eben beschriebene Bereich der vorentschiedenen Bedingungen, während sich hinter der "unteren kritischen Schranke" der Bereich der unentschiedenen Bedingungen für den Unterricht befindet. (ders., 114) Aus Sicht des Lehrers beschreibt Diederich dies so: "Außerhalb liegt [ ... ] einmal, was man als andersweitig vorentschiedenes hinzunehmen bereit ist, zum anderen, was man für nicht mehr planbar hält [Hervorhebung B. W.] oder nicht planen will, um sich, die nachgeordneten Instanzen, die Lehrer oder schließlich die Schüler nicht zu stark festzulegen." (ders., 115)

In dem auf diese Weise eingegrenzten Bereich liegen die potentiellen Planungsaktivitäten des Lehrers. Meiner Einschätzung nach kommt Diederich hier das Verdienst zu, durch Definition dieser "unteren kritischen Schranke" den bislang von der pädagogischen Literatur vernachlässigten Bereich der unentschiedenen, und damit unplanbaren kognitiven Prozesse des Lernens und Verhaltens der Beteiligten eines Unterrichtsprozesses in didaktische Überlegungen einzubeziehen.

Auf eben diesen Bereich der kognitiven Prozesse insbesondere in ihrer Relevanz für (sozial)pädagogische Fragestellungen, werden wir noch ausführlich in unserer Arbeit zu sprechen kommen, denn wir sind mit Diederich der Meinung, dass das "didaktische Denken" bisher diesen Aspekt kaum oder gar nicht berücksichtigt hat, "jedenfalls, wenn es sich auf seine 'ureigene' Fragestellung konzentriert hat." (ders., 41)

Planen und sozialpädagogische Methoden

Sozialpädagogisches Handeln soll sich als "praktisch-pädagogischer Umgang" mit Methoden "an die erfolgreiche Bewältigung konkreter Lebensprobleme" richten, während im Gegensatz dazu "Methoden im wissenschaftlichen Bereich [an, B. W.] das strenge inhaltliche Moment der 'Wahrheitsfähigkeit' von Erkenntnissen und Einsichten geknüpft" sind.

Geißler/Hege, die Vertreter dieser Auffassung (1978, 4. Auflage 1988: 26), halten also für sozialpädagogische Handlungsansätze immer einen "Rückbezug auf lebenspraktische Interessen" für nötig. Das ist ein pragmatisches Verständnis sozialpädagogischer Praxis. Darüber hinaus oder besser: im Gegensatz dazu verwenden die Autoren einen Konzeptbegriff "der Systematik des zielgerichteten Handelns" mit der "normativen Ausrichtung" auf eine "zunehmende individuelle und gesellschaftliche Emanzipation." (dies., 15 ff.) Der Blickwindel, aus dem verschiedene gesprächstherapeutische Konzepte auf ihren Nutzen für sozialpädagogische Praxis betrachtet werden, ist also kritisch-dialektisch und damit nicht mehr pragmatisch, sondern normativ. Sie kritisieren sehr deutlich die "Vernachlässigung von Ziel- und Inhaltsgesichtspunkten" in der sozialpädagogisch-methodischen Diskussion: "Die komplexe inhaltliche Fragestellung sozialpädagogischen Handelns wird reduziert auf die Formel: Welches Symptom verschwindet am schnellsten mit welcher Methode (Verfahren)?" (dies., 21)

In Hinblick auf die bereits beschriebene Problematik normativer Theorien für die Pädagogik (Blankertz) halten wir diesen Vorwurf für zu kurz gegriffen, der z.B. in dem Kapitel über das kommunikationstheoretisch orientierte Beratungskonzept der pragmatischen Kommunikationspsychologie (Watzlawick u.a.) ausgeführt wird. (dies., 91-114) Was den Autoren hier als Vernachlässigung erscheint, ist in der pragmatischen Kommunikationspsychologie ein Teil der theoretischen Grundlage und entspringt nicht zuletzt der Erfahrung, dass (in aller Regel vom Therapeuten!) auferlegte Ziele und inhaltliche Wertentscheidungen sich nicht sicher und keinesfalls mechanistisch-linear in den Entwicklungsprozess des Klienten übertragen lassen. Was kann außerdem einem solchen Verfahren überhaupt "fehlen", wenn es doch zu dem vom Klienten gewünschten Erfolg führen kann? Vielleicht stört nur die subjektive Unzufriedenheit des Therapeuten? Auch angesichts der Normen- und Wertevielfalt einer pluralistischen Gesellschaft halten wir generell eine pragmatischere Orientierung sozialwissenschaftlicher Theorien für geboten.

Das Verständnis von Planung und Planbarkeit sozialpädagogischen Handelns der genannten Arbeit lässt sich am Begriff der Methode darstellen: "Grundlegende Voraussetzung für Methoden der Sozialpädagogik ist die Planbarkeit von sozialpädagogischen Handlungsabläufen." (dies., 25) Eine Methode wird als "ein vorausgedachter Plan der Vorgehensweise" bezeichnet. Geißler/Hege (1978) weisen dabei auf den didaktischen Implikationszusammenhang von Ziel, Inhalt und Methode hin, der den "Prozess gegenseitiger Wechselwirkung" in der Beziehung von Methode und Ziel meint. Hier soll die "Zielgerichtetheit" eines Konzepts die "richtige" Methodenwahl gewährleisten. "Durch ein Herauslösen aus dem Konzept nämlich kann die Methodenentscheidung nicht mehr mit den jeweiligen subjektiven und gesellschaftlichen Problemen des Einsatzfeldes in einen überzeugenden Zusammenhang gebracht werden. Die Gefahr eines Methodeneinsatzes am verkehrten Problemfeld, am falschen Subjekt und nicht zuletzt mit unbeabsichtigter (eventuell negativer) Wirkung [also auch potentiell positiver! B.W.] erhöht sich damit deutlich." (dies., 25)

Diese "Gefahr" kann nur in einem solchen normativen Argumentationsgebäude entstehen, denn Urteile sind immer nur auf der Grundlage einer generellen Wertentscheidung möglich.

Unserer Meinung nach legen Geißler/Hege (1978) hier an praktisch-pädagogische Überlegungen (Methodenwahl), ihren eigenen Maßstab für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Methodik sozialpädagogischen Handelns (s.o.). Diese Unterscheidung kann aber nicht eingehalten werden, was an dem unterstellten "inhaltlichen Moment der Wahrheitsfähigkeit" wissenschaftlicher Erkenntnis und Einsicht selbst liegt. Mit anderen Worten führt der tatsächlich unerfüllbare Anspruch auf Wahrheit der Theorie dazu, dass auch auf praktischer Ebene nicht dagegen verstoßen werden darf und kann. Denn: Was theoretisch "richtig" ist, kann und darf praktisch nicht "falsch" sein!

Im Unterschied zum privaten Handeln und Planen steht ein Sozialpädagoge in einer professionellen Rechtfertigungspflicht. "Interveniert der Sozialpädagoge im Rahmen seines beruflichen Auftrages, so muss deutlich werden - will er sich nicht den Vorwurf der Willkürlichkeit einhandeln (Hervorhebung B. W.), welche rationalen Überlegungen der jeweiligen Entscheidung für seine Aktion zugrunde liegen. [...] Die Frage der Rechtfertigung stellt sich auf allen Ebenen der Entscheidung, auf der des Konzeptes, der Methode und des Verfahrens." (dies., 37) Die Entscheidung für oder gegen eine Methode, also für oder gegen einen spezifischen, "vorausgedachten Plan der Vorgehensweise", wird aber nicht willkürlich gefällt, sondern entspricht immer dem Konzept (s.o.) des entscheidenden bzw. planenden Sozialpädagogen. Das sehen auch Geißler/Hege: "Die Antwort auf die Rechtfertigungsfrage legt das gesellschaftspolitische Leitbild und das Menschenbild, also die Grundannahmen des Sozialpädagogen frei." (dies., 38) So ist die "Rationalität" der Methodenwahl nur rational im Wertesystem des jeweiligen Sozialpädagogen und als solche nicht auf der Grundlage eines generellen Handlungskonzeptes verallgemeinerbar. Selbst eine nicht willkürlich gerechtfertigte, richtige, also "personen- und gegenstandsadäquate" (dies., 28) Methodenwahl sichert nicht das Erreichen eines angestrebten Ziels, obwohl beide Autoren der Ansicht sind: "Wer eine Intervention begründet, weist nach, dass dieser Eingriff in die Problemkonstellation für die gerechtfertigten Ziele zweckmäßig ist." (dies., 39)

Vielmehr ist eine Methode als "Plan" (im o.g. Sinn) bezüglich der Erreichbarkeit ihrer Ziele, also der Planbarkeit des "Erfolgs", nicht von bestimmender Wirkung für das tatsächliche Geschehen. Auch dies sehen Geißler/Hege (1978): "So abgerundet, fundiert und detailliert sie [die Konzepte, Methoden und Verfahren; B. W.] auch immer ausgearbeitet und miteinander verknüpft sind, geben sie jedoch keine Gewähr, dass ihre Anwendung in der sozialpädagogischen Praxis immer sinnvoll und erfolgreich ist. Die jeweils aktuelle Problemsituation ist immer komplexer (wenigstens potentiell komplexer), als dies ein vorausgedachter Plan sein könnte. Zwischen der dargestellten Methode (Verfahren) und der konkreten Situation der Anwendung ("dem Fall") klafft eine Lücke, die durch die Optimierung von Planung nicht geschlossen werden kann." (dies., 32f., auch 31 und 39)

Mit diesem Zitat nehmen wir eine eigene Schlussfolgerung vorweg, denn deutlicher lässt sich der Kern unserer Arbeit kaum formulieren. Geißler/Hege (1978) sehen sehr deutlich die Grenzen der Planbarkeit sozialer Phänomene. Trotzdem entwickeln sie ein sozialpädagogisches Handlungsverständnis, das auf eben dieser Planbarkeit beruht. Noch einmal: "Grundlegende Voraussetzung für Methoden der Sozialpädagogik ist die Planbarkeit von sozialpädagogischen Handlungsabläufen." (s.o.)

Dieser Widerspruch findet sich allerdings nicht nur hier. Er ist in der sozialwissenschaftlichen Literatur weit verbreitet und wird weiter Gegenstand dieser Arbeit sein.

Planungsaufgaben und Planungsgrenzen

Während in der bisher verwendeten Literatur die Didaktik größtenteils theoretisch behandelt wurde, hat Martin (1989) ein anderes Verständnis von Didaktik:

"Didaktik ist eine schlichte Sache: Es geht dabei nicht um Erkenntnisse und erst recht nicht um systematisches Wissen. Didaktik ist keine Grundlagendisziplin und beschäftigt sich nicht mit Fragen allgemeiner Art, etwa mit einer pädagogischen Zieltheorie oder mit einer Methodenlehre (im Sinne feststehender, vorbildlicher Formen)." (ders., 5) So beschreibt er den begrenzten Nutzen der Theorie für die sozialpädagogische Arbeit (ders., 56 ff.): "Dennoch ist es durchaus sinnvoll, wenn ein Sozialpädagoge, der sein bisheriges Handeln als unzulänglich empfindet oder einer neuen Situation gegenübersteht, auf das übertragbare Wissen der Theorie zurückgreift. Die theoretischen Überlegungen ermöglichen es ihm, sein alltägliches Handeln unter bestimmten Gesichtspunkten tiefergehend zu analysieren." (ders., 57) Die ständige gegenseitige Rückkopplung theoretischer Analysen ("Forschung") auf praktisches Handeln/Intervenieren ("Aktion") findet sich vor allem im Konzept der Aktionsforschung ("Tatforschung", Lewin 1948), auf die Martin hier aber nicht zurückgreift.

Sozialpädagogisches Handeln muss also immer dem Anspruch genügen, kritisch geplant, geprüft und vorbereitet zu sein. Dies unterscheidet erst die Arbeit professioneller Pädagogen von dem Handeln der sog. Laienerzieher. Nicht der "Erfolg" oder die "bessere" Methode ist das besondere ihrer Arbeit, sondern die berufliche Verpflichtung, "innerhalb einer Institution eine Aufgabe übernommen [zu haben, B.W.], die er begründen und rechtfertigen muss." (ders., 13)

Die Didaktik erfüllt hier ihren "Hauptzweck", "nämlich zusammenhängende, planvolle und kritisch reflektierte sozialpädagogische Handlungsvollzüge zu gewährleisten." (ders., 45)

Martin versucht mit einem "Gefüge der didaktischen Planungsaufgaben" (ders., 101 ff.) die gesamte Breite der sozialpädagogischen Planungspraxis zu beschreiben. Er stellt fünf verschiedene Planungsaufgaben vor, die wir im folgenden kurz vorstellen möchten, um einen Einblick in die sozialpädagogische Planungspraxis zu geben:

1. Die Planung von Situationen
Darunter versteht Martin spannungsreiche Konfliktsituationen: "Oft muss der Sozialpädagoge auf besonders problematische Situationen reagieren: Es kann darum gehen, dass bestimmte Entwicklungsprozesse bei einzelnen oder bei der Gruppe sich krisenhaft zuspitzen oder einen unerwünschten Verlauf nehmen oder dass Situationen der Lösung eines Konfliktes besondere Schwierigkeiten entgegensetzen." (ders., 103) Hier ist die Planung also reduziert auf eine mehr oder weniger rasche Entscheidung für oder gegen eine Intervention.

2. Die Planung von Vorhaben
Dieser Bereich ist nicht leicht einzugrenzen. "Der Begriff 'Vorhaben' umfasst als Oberbegriff Unternehmungen unterschiedlicher Art mit verschiedensten Inhalten, Themen und Zielsetzungen, von kürzerer oder längerer Dauer und mit unterschiedlicher Beteiligung der Gruppe. [...] Im Unterschied zur Behandlung von Problemsituationen liegt bei ihnen ein besonderes Schwergewicht auf den vorausschauend-planenden Überlegungen und auf den praktischen Vorbereitungsarbeiten." (ders., 110) Als besondere Form des Vorhabens befasst er sich in einem Exkurs mit "Projekten." (ders., 125 ff.)

3. Die Individuelle Erziehungsplanung
Darunter fallen insbesondere die "Behandlungs-, Therapie und Übungspläne" (ders., 129 ff.), in denen "zielgerichtete Handlungsanweisungen" für die pädagogische Arbeit mit einzelnen Kindern und Jugendlichen enthalten sind. "Doch die Art, wie bei der Erziehungsplanung vorgegangen wird, ist höchst unterschiedlich. Sowohl in der Praxis als auch in der Literatur trifft man auf eine Vielzahl von Vorgehensweisen und Ideen, wie der Plan erstellt und verwirklicht werden soll." (ders., 131) Zur Orientierung stellt er zwei verschiedene Modelle der individuellen Erziehungsplanung gegenüber und berücksichtigt außerdem die dazugehörigen "Entwicklungsberichte" in ihrer besonderen Bedeutung für die Betroffenen. (ders., 141)

4. Die Curriculumentwicklung
Er versteht darunter die Zusammenfassung verschiedener Vorhaben (s.o.) in einer längerfristigen Perspektive (ders., 147 ff.). "Der Begriff meint [also, Klammer B.W.] einerseits die Summe der Lerninhalte einer bestimmten Institution bzw. eines bestimmten Lernabschnitts ("Bildungsinhalte", "Bildungskanon"), zugleich aber auch die Struktur, wie diese Inhalte angeordnet, organisiert und auf welchen methodischen Wegen sie vermittelt werden sollen." (ders., 148) 5. Die Konzeptentwicklung
Prinzipiell ist ein sozialpädagogisches Konzept "die Klammer, die das Ganze zusammenhält." (ders., 158) Mit dem "Ganzen" können aber verschiedene Dinge gemeint sein: "In der Sozialpädagogik wird der Begriff 'Konzept' mit zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet: einerseits im Sinne von 'Handlungskonzepten', andererseits im Sinne von 'Arbeitsfeldkonzepten'." Unter dem Namen "Methoden" sind die sozialpädagogischen Handlungskonzepte Einzelfallarbeit, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit vor allem auf Prozesse im zwischenmenschlichen Bereich ausgerichtet." (ders., 159 f.) Im Gegensatz dazu geben Arbeitsfeldkonzepte in Bezug auf sozialpädagogische Einrichtungen Auskunft über "alle wesentlichen (strukturellen) Erfahrungsbereiche, Organisationsphasen und Situationen" (ders., 161) der institutionellen Arbeit.

Martin betont den Nutzen einer solchen Konzeption für die "konsequente und einheitliche" Gestaltung der Arbeit, wenn sie sich realistisch auf die Ausgangssituation, die organisatorischen Vorbedingungen und nicht zuletzt die ständige Entwicklung und Veränderung der Praxis einstellt. "Die Konzeptentwicklung ist also immer auf dem Wege, sie kommt nie endgültig ans Ziel." (ders. 168)

Die genannten Planungsaufgaben sozialpädagogischer Arbeit vollziehen sich nach Martin in einem "Prozess der didaktischen Reflexion" die insgesamt folgende Schritte umfasst: 1. Analyse, 2. Planung, 3. Handeln, 4. Auswertung. (ders., 60 ff.) Er versteht dieses Modell als einen geschlossenen Prozess, in dem letztlich die "Auswertung" in die "Analyse" übergeht bzw. eine praktische Differenzierung nicht durchzuhalten ist. Dieser Ansatz ist identisch mit dem der schon genannten "Aktionsforschung", von der noch später unter dem Namen "Agogische Aktion" die Rede sein wird. Martin betont die "Gefahr", die Geschlossenheit dieses Prozesses derart miss zu verstehen, dass für jeweils neue Planungsaufgaben keine neuen oder zusätzlichen Überlegungen und Kriterien mehr angestellt werden und der Prozess der didaktischen Reflexion inhaltlich erstarrt: "Ich halte es für wichtig, dass durch die didaktische Reflexion das Gewohnte kritisch betrachtet wird und Alternativen entdeckt werden. Statt bekannter Muster und fester Regeln, die Suche nach neuen, besseren Möglichkeiten. In diesem Sinne ist Didaktik ein kritisches 'Möglichkeitsdenken'." (ders., 65)

Interessant finden wir in diesem Zusammenhang die Einbeziehung des "Handelns" in den Reflexionsprozess, zu dem es "streng genommen" nicht gehört. (ders., 62) Dadurch wird deutlich, dass didaktische "Planung" nicht identisch ist mit der "Durchführung" eines Planes. "Das praktische Handeln hat immer auch experimentellen Charakter. Es ist ein Umschlagplatz im doppelten Sinne: Einerseits wird die Planung umgesetzt. Dabei erweist sich, wie weit sie realisierbar ist, ob sie passt und was dabei heraus kommt. Andererseits bietet der Verlauf des pädagogischen Geschehens die Möglichkeit zu erneuter Beobachtung und Erfahrung [Hervorhebung B.W.]." (ders., 62)

Einen ähnlichen Versuch wie Diederich (1988) mit seinen "Planungshorizonten" (s.o.) unternimmt Martin, in dem er den Spielraum sozialpädagogischer Planung im Kontext eingrenzender "Außenbedingungen" beschreibt. "Die sozialpädagogische Didaktik bliebe naiv, wenn sie nicht auch deutlich ihre Grenzen sähe und berücksichtigte. Ihr Geltungsbereich wird dadurch bestimmt, dass sie sich auf das Handeln in sozialpädagogischen Einrichtungen bezieht. Ihre Planungen sind Entwürfe mit einer mittleren Reichweite." (ders., 93) Auch Martin sieht zunächst eine obere Grenze, die von "übergeordneten politischen Entscheidungen" bestimmt wird (ders., 93 ff.). Sie ist vergleichbar mit dem Bereich des "Vorentschiedenen" bei Diederich.

Während aber Diederich den Bereich hinter der "unteren kritischen Schranke" mit dem Begriff "Unentschiedenes" auf der Grundlage nicht planbarer "kognitiver Prozesse" beschreibt, damit diese Grenze tiefer als bisher legt und so die "ureigenste" Perspektive der Didaktik erweitert, lässt Martin den Geltungsbereich (sozialpädagogischer) Didaktik nach unten hin bereits beim nicht weiter erklärten Bereich der "zwischenmenschlichen Interaktion" enden. Er bezieht zwar ausdrücklich ein, dass "Lernen und Erziehen sich in einem Spannungsfeld von Planung und Nichtplanung vollziehen", welches zur Eigenart jeder zwischenmenschlichen Beziehung gehört. Sein Argument ist aber nicht sozusagen "erkenntnistheoretisch" wie bei Diederich, sondern eine normative Entscheidung: "Mein Handeln begegnet dem Handeln des anderen. Ich stoße auf Situationen, über die ich nicht vollständig verfügen kann, wenn ich den anderen als Partner ernstnehme." (ders., 94) Dahinter steht eine weltanschauliche Vorstellung, die es verbietet, über ein "bestimmtes" (aber nicht objektiv zu bestimmendes) Maß hinaus Einfluss auf einen gleichberechtigten Menschen zu nehmen. Auf dieser Grundlage muss der Sozialpädagoge Widerstand, Zufall und spontane, improvisierte Reaktionen "in Kauf" nehmen und nicht als "Störfaktoren" sehen. (ders., 95)

Martin kommt so zu einem Verständnis von didaktischer Planung, das wir in den Folgerungen teilen: "Ein Sozialpädagoge, der meint, mit seiner Planung das zukünftige Geschehen in der Gruppe umfassend festgelegt und gedanklich vorweggenommen zu haben, hat seine Arbeit gründlich missverstanden." (ders., 95) Jedoch halten wir es, wie schon einmal betont, für notwendig, dass die Didaktik sich neuen Erkenntnissen in den Nachbardisziplinen der Pädagogik bzw. der Sozialpädagogik aufschließt (wie z. B. Diederich 1988) und sich bemüht, diese für ihre eigene Theoriebildung und Argumentation zu nutzen, um schließlich den theoretischen Beschreibungsrahmen zu erweitern.

Didaktische Planung und Erwachsenenbildung

Krapohl (1987) greift in seiner Arbeit das bislang als Widerspruch behandelte Verhältnis von Planung und Nicht-Planbarkeit sozialpädagogischer Praxis auf und integriert diese beiden Phänomene in seinem Konzept der Erwachsenenbildung. Den Aspekt der Nicht-Planbarkeit behandelt Krapohl u.a. auf der Grundlage der Systemtheorie in ihrer Anwendung auf die Kommunikationspsychologie (ders., 66 ff.), die vor allem mit Paul Watzlawick und der sog. "Palo Alto-Gruppe" verbunden ist. Hier verweist Krapohl auf den erkenntnistheoretischen Charakter dieser Theorie: "Eine Übertragung der Thesen der Systemtheorie auf die Kommunikation und Interaktion in der Agogischen Aktion dient [darüber hinaus, Klammer B.W.] einer Hypothesenbildung ohne Wahrheitsanspruch mit dem Ziel der Beschreibbarmachung der Phänomene." (ders., 66) Mit "Agogischer Aktion" meint Krapohl die für sozialpädagogisches Handeln weiterentwickelte sog. "Aktions- oder Tatforschung" (s.o.), die als Handlungs- und Interventionsstrategie, mit der Vorstellung eines zirkulären Prozesses von Diagnose, Planung, Handlung, erneuter Diagnose usw. eine ständige Reflexion und Überprüfung der (im Falle der Agogischen Aktion) sozialpädagogischen Arbeit gewährleisten soll. Dieses prozessorientierte Konzept unterscheidet sich damit vollkommen von Vorstellungen, die soziale Prozesse in linearen Modellen beschreiben und verändern wollen.

Die auch als systemische Kommunikationstheorie bezeichnete Theorie bietet sich daher als eine Grundlage für Krapohls Konzept an, da sie Kommunikation und Interaktion eben als nicht-lineare, soziale Prozesse versteht. "In offenen Systemen als kreisförmigen, selbstregulierenden Systemen sind nach Watzlawick Ergebnisse im Sinne von Zustandsveränderungen weniger durch die Anfangszustände determiniert, als durch die Natur des Prozesses." So steht der jeweilige Prozess in seinem Verlauf und nicht seine "Ursache" im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Diese Sichtweise schließt den "nicht determinierten Charakter von Planung und Strategie" (ders., 67) ein, d.h. ein noch so ausgefeilter Plan kann (konsequenterweise) kein soziales Geschehen bestimmen.

Krapohl stellt schließlich das sog. Offene Curriculum als eine Organisationsform erwachsenenbildnerischer Arbeit vor, in das die gerade nur angedeuteten Vorstellungen von der prinzipiellen Unplanbarkeit sozialer Phänomene eingehen können, und gleichzeitig der (wissenschaftlich gefürchteten) Gefahr der Willkürlichkeit sozialpädagogischen Handelns entgegengetreten werden kann. "In ihm kommt das Gegensatzpaar von Spontaneität und Organisation zur Wirkung, die Suche nach einem 'Mittelweg zwischen 'globaler' und individualistisch-'minutiöser' Lernplanung, zwischen vorgefertigten Unterrichtsplänen und einem Verzicht auf jegliche didaktische Planung' (Siebert 1974, 95)". (ders., 94)

Unter Verwendung der von Brügelmann (1972) formulierten idealtypischen Merkmale Offener Curricula beschreibt Krapohl die Unterschiede zum klassischen, behavioristisch orientierten Curriculum. Diese Merkmale sind: 1. Offenheit des Entwicklungsprozesses, 2. Instrumentale Offenheit, 3. Normative Offenheit, 4. Didaktische Variabilität, 5. Inhaltsoffenheit, 6. Offenheit des Lernerfolgs. (ders., 96)

Diese Aufzählung macht bereits sehr deutlich, dass die Entwicklung eines Offenen Curriculums nicht "vorab", also vor dem Beginn einer Maßnahme, abgeschlossen werden kann. Hier erklärt sich denn auch die Verwendung des Aktionsforschungsmodells für diese Form der Erwachsenenbildung: "Indem 'vor Ort' untersucht wird, ob die Planungshypothesen zutreffen und wie die Entscheidungsprozesse zustande kommen, wird die Curriculumforschung zum Teil zu einer Aktionsforschung im Unterricht." (ders., 97) "Curriculumentwicklung als Aktionsforschung basiert auf dem Prinzip, die Betroffenen nicht als Objekte der Entwicklung, Planung, Erprobung und Evaluation zu betrachten, sondern sie vielmehr als Subjekte des Entwicklungsprozesses [Hervorhebung B.W.] zu verstehen. Dies bedeutet insbesondere die aktive gemeinsame Teilnahme der Betroffenen an bisher häufig der Curriculumforschung vorbehaltenen Aktivitäten". (Heipcke/Messmer 1973: 365, zitiert in Krapohl: 98)

Leider bleibt Krapohl seiner selbst gewählten Grundlage, der systemischen Kommunikationstheorie, in der Beschreibung seines Konzeptes nicht ganz treu. So steckt deutlich, im Zusammenhang mit der Frage der Effizienz des Offenen Curriculums, in folgendem Satz die Vorstellung eines letztendlich doch vom Sozialpädagogen/Erwachsenenbildner steuerbaren Prozessgeschehens: "Ähnliches gilt für die Handhabung der Spannung von Spontaneität und Planung. Kann diese nicht in einer ausgeglichenen, den Lernzielen dienlichen Balance gehalten werden, so werden, bei Überbetonung der Spontaneität Lerndefizite im Bereich der Kenntnisse und Fähigkeiten entstehen. Ein Übergewicht auf Seiten der Planung führt zu unbefriedigenden Lernergebnissen im Bereich der Anwendung des Transfers und der Fertigkeiten." (ders., 99)

Auch ist unserer Meinung nach die ausführliche Verwendung eines mehr oder weniger linearen Entwicklungsstufenmodells ("Developmental Model", ders., 104 ff.) für die Planung und Durchführung einer Bildungsarbeit mit Erwachsenen geeignet, die explizierten Prinzipien kommunikativer, also sozialer Prozesse, wie "Äquifinalität" (keine Kommunikation kann im linear-kausalen Sinne gesteuert werden, d.h. eine "Wirkung" kann nicht auf eine "Ursache" eindeutig zurückgeführt werden und umgekehrt) und "Rückkopplung" (ders., 66ff.), zu vergessen bzw. zumindest teilweise aus den Augen zu verlieren.

Die Einarbeitung der praxisbegleitenden Supervision als Bestandteil der sozialpädagogischen Arbeit (ders., 36ff.) erscheint uns dagegen für ein prozessorientiertes Konzept wie das Offene Curriculum sehr sinnvoll, da dem Praktiker insbesondere im Rahmen des Aktionsforschungsmodells nicht die Auswertungs- und Reflexionstechniken zur Verfügung stehen, wie dies in klassischen Modellen der Fall ist.

Fazit

Wie dargestellt wurde, ist der Aspekt des Planens in jeder didaktischen Überlegung von wesentlicher Bedeutung. Didaktisches Planen soll generell sowohl die Verwirklichung von Lernzielen gewährleisten, als auch die Arbeit des Pädagogen bzw. der Institution legitimieren. In jeder didaktischen Literatur finden sich Grenzen des Planens bzw. der Planbarkeit beschrieben.

Die Argumentation dafür oder dagegen differieren jedoch erheblich, sowohl von Autor zu Autor, als auch in internen Widersprüchen. Das ist der Ansatzpunkt unserer Kritik. Für dieses Phänomen in der Literatur lassen sich folgende "Strategien" beschreiben:

a) Die Didaktik wird auf der Grundlage der Planbarkeit von Lernprozessen ausführlich aufgebaut, muss an anderer Stelle jedoch wieder eingeschränkt werden (s. unsere Ausführungen zu Geißler/Hege 1978).

b) Die Bedeutung der Planbarkeit für (sozial)pädagogisches Handeln wird herausgestellt, kann dann aber nicht stringend fortgeführt werden (s. unsere Ausführungen zu Boettcher u.a. 1976).

c) Die Grenzen der Planung sind von Anfang an Bestandteil der Überlegungen, werden allerdings nur mit vagen normativen Argumenten erklärt (s. unsere Ausführungen zu Martin 1989).

d) Der Widerspruch von Planung und Nicht-Planung wird zum Kern der Arbeit, vorbereitet und fundiert. Dann wird jedoch wieder teilweise auf klassische Vorstellungen zurückgegangen (s. unsere Ausführungen zu Krapohl 1987).

e)Pädagogische Prozesse werden zu Beschreibungsphänomenen, die nur als solche dem "didaktischen Denken" zur Verfügung stehen, während die "tatsächlichen" Vorgänge auf der Ebene kognitiver Prozesse als prinzipiell nicht planbar erklärt werden (s. unsere Ausführungen zu Diederich 1988).

Festzustellen ist also, dass die Didaktik in erhebliche Argumentationsschwierigkeiten "geraten" kann, wenn man sie scharf (und damit sicher auch verkürzend) entlang ihres eigenen Planungsbegriffes und -verständnisses betrachtet.

2. Autopoiese

Die einfache, mehr oder weniger lineare Struktur des folgenden Teils (lebende - kognitive soziale Systeme) entspricht nicht der Struktur des Konzepts autopoietischer Systeme (vgl. die komplexe, zirkulär vernetzte Gliederung in Maturana/Varela 1987a). Sie entspricht aber den verschiedenen Ebenen, auf denen die aktuelle Diskussion seit einigen Jahren verläuft. Durch einige, u.U. überflüssig erscheinende, Wiederholungen und Querverweise haben wir versucht, die inhaltliche Geschlossenheit des Konzeptes nicht zu stark zu zerschneiden.

Insbesondere ist es uns wichtig, dass die "Autopoiese" im ursprünglichen biologischen Sinne interpretiert wird. Wir haben den Eindruck, dass allzu oft gerade dieser Begriff und auch die ganze damit verbundene Theorie unangemessen verwendet wird. Aus konstruktivistischer Sicht ist dies zwar nicht prinzipiell abzulehnen, entspringt eben jede Theorie der Kreativität des Theoretikers und von "richtigem" Verstehen kann keine Rede mehr sein, jedoch aber erscheint es uns nach wie vor sinnvoll, den Kontext einer Theorie bei der eigenen Rezeption zu berücksichtigen. So schafft Luhmann (1984) unserer Meinung nach ein unnötiges Terminologieproblem, indem er die "Autopoiese" als ein generelles Systemprinzip in die Soziologie einführt und ihr damit eine andere, breitere Bedeutung als die "Konstrukteure" Maturana und Varela zuschreibt.

Lebende Systeme

Die Entwicklung des Lebens auf unserem Planeten betrachten Maturana und Varela (1987a) nicht wie im klassischen Darwinschen Verständnis als eine fortwährende "Verbesserung" der Anpassung an eine Umwelt. Auch lehnen sie die Vorstellung einer "äußeren lenkenden Kraft", wie in den Schöpfungsmythen, grundsätzlich ab. Ihr spezifischer Begriff für die Entwicklung lebender Systeme ist das natürliche Driften. Sie beschreiben dies in einem Bild:

"Die Evolution ähnelt einem wandernden Künstler, der auf der Welt spazieren geht und hier einen Faden, da eine Blechdose, dort ein Stück Holz aufhebt und diese derart zusammenstellt, wie ihre Struktur und die Umstände es erlauben, ohne einen weiteren Grund zu haben, als den, dass er sie so zusammen stellen kann. Und so entstehen während seiner Wanderung die kompliziertesten Formen aus harmonisch verbundenen Teilen. Formen, die keinem Entwurf folgen, sondern einem natürlichen Driften entstammen. Genauso sind wir alle entstanden, ohne einem Gesetz zu folgen, als dem der Erhaltung einer Identität und der Fähigkeit zur Fortpflanzung. Gerade dies verbindet uns im Grunde mit allen Dingen, mit der Edelrosenblüte, dem Flusskrebs und dem Manager in Santiago de Chile" (Maturana/Varela 1987a: 129).

Oder als allgemeines Prinzip definiert: "Wenn wir mit dem Begriff ‘Evolution' das bezeichnen, was in der Geschichte der Transformation irdischer Lebewesen geschehen ist, ist Evolution als Prozess die Geschichte der Veränderungen eines Organisationsmusters [Hervorhebung B.W.], das sich in unabhängigen Einheiten verkörpert, die aufeinanderfolgend durch Fortpflanzung erzeugt wurden, und in denen die sie definierende besondere Organisation jeweils als Modifikation der ihr vorausgehenden entstand, die ihrerseits deren sequentiellen wie historischen Vorgänger bildet" (Maturana 1982: 207).

Um das Phänomen des Lebens in der Theorie der beiden Autoren zu verstehen, muss als Schlüsselbegriff das o.g. Organisationsmuster des Lebens erklärt werde. Es steckt hinter dem Begriff der "Autopoiese", was wörtlich mit "Selbsterzeugung" übersetzt wird (griech.: autos = selbst, poien = machen, siehe Maturana/Varela 1987a: 50f.). Im buchstäblichen Sinne ist damit die Selbsterzeugung des Lebens im allgemeinen und jedes einzelnen Lebewesens im besonderen als ein Prozess von der spontanen Organisation (Selbstorganisation) und Selbsterhaltung eines Systems von Komponenten aus einem unspezifischen physikalischen "Ausgangsmedium" gemeint. Diese Netzwerke spezifizieren sich über ihre eigenen Bestandteile in der Art, dass sie "(a) durch ihre Interaktionen rekursiv das Netzwerk der Produktionen [i.S. von Bestandteilen, B.W.] bilden und verwirklichen, das sie selbst produziert hat; (b) die Grenzen des Netzwerks als Bestandteile konstituieren, die an seiner Konstitution und Realisierung teilnehmen; und (c) das Netzwerk als eine zusammengesetzte Einheit in dem Raum konstituieren und realisieren, in dem es existiert." (Maturana 1987d: 94) Dieses organisatorische Muster definiert die Autopoiese und daraus folgt: Alle lebenden Systeme sind autopoietische Systeme.

Auf dieser spektakulär einfachen Definition baut nun das gesamte Konzept auf. Damit ist nicht nur das Phänomen "Leben" definiert, sondern auch das Verhältnis jedes Organismus zu seiner "Umwelt" bereits angedeutet: es existiert in einem Medium/Milieu ("physikalischer Raum", Maturana 1987d: 95), von dem es sich durch die eigene organisationelle Geschlossenheit unterscheidet, die durch die jeweils eigene Struktur verwirklicht wird; d.h. ein lebendes System ist auch operational verschieden von seinem Medium. Das bedeutet, dass die Erhaltung der Anpassung an das Medium durch denselben Prozess erreicht wird, der das lebende System auch erzeugt. M.a.W. sind alle Prozesse des Organismus dem Erhalt der autopoietischen Organisation, d.h. dem Überleben unterworfen bzw. dürfen dieser nicht entgegenstehen (vgl. Maturana u.a. 1987b: 11), denn in diesem Augenblick würde der Organismus zerfallen, also sterben. Gleichzeitig ist der Organismus durch die Kopplung an das Medium "automatisch" angepasst (Maturana 1987e: 291). "Deshalb ist der Tod auch zugleich der Verlust der Organisation und der Angepasstheit. Die Erhaltung der Organisation ist aber die primäre Voraussetzung, weil sie die Einheit definiert, deren Angepasstheit erhalten wird; demgegenüber ist die Erhaltung der Angepasstheit relativ, weil sie den Kontext definiert, in dem sie vorkommt." (Maturana 1984: 63)

In erster Linie ist also die Individualität eines Menschen ("Einheit") in der Verwirklichung seines Über-Lebens, d.h. seiner Identität zu sehen. Der Weg seiner Selbst-Verwirklichung bleibt ihm prinzipiell überlassen. Sie steht aber immer in Relation zu seiner sozialen Umwelt, die (im Gegensatz zu seiner physikalischen Umgebung) gleichermaßen verantwortlich dafür ist, diese Beziehung zu ermöglichen. Es ist also von Mensch und "sozialer Umwelt" ein gemeinsamer Bereich zu schaffen, in dem das Verhalten des Individuums nicht zur Zerstörung der Gemeinschaft führt und im gleichen Zuge das "Verhalten" der Gemeinschaft nicht zur Zerstörung des einzelnen Menschen führt.

Die natürliche Drift allen Lebens (s.o.) vollzieht sich nun in diesem, keiner höheren Norm unterstellten, Prozess der strukturellen Kongruenz aller Lebewesen mit ihrer physikalischen Umgebung. Diese Kongruenz ist Resultat der Beziehung zwischen Lebewesen und Medium, die strukturelle Kopplung zweiter Ordnung genannt wird (zur Kopplung erster Ordnung: s.u.). Ebenso wie alle anderen internen Vorgänge ist die Kopplung zweiter Ordnung zwangsläufig von dem jeweils aktuellen Zustand des lebenden Systems, also von seiner eigenen Struktur bestimmt. Lebende Systeme sind demnach strukturell determinierte Systeme. Ein Beispiel dafür ist in diesem Zusammenhang der Schüler, dessen "Lernen" immer von seinem eigenen augenblicklichen Zustand, d.h. seiner Aufmerksamkeit, seinen Erwartungen usw. determiniert ist (siehe Diederich 1988). Die externen Beeinflussungsmöglichkeiten auf ein lebendes System sind darum auch nicht als solche zu beschreiben: Weil das System selbst festlegt, welche Interaktionen zu welchen internen Veränderungen führen und welche keinen Einfluss haben, ist "Beeinflussung" eben nur eine Beschreibungskategorie, die keinesfalls mechanistisch zu verstehen ist.

Maturana und Varela (s. Maturana 1984) differenzieren grundsätzlich zwischen "strukturellen Veränderungen" und "destruktiven Veränderungen". Erstere lösen beim System Zustandsveränderungen aus, die die autopoietische Organisation nicht verletzen; sie werden "Störungen" (Perturbationen) genannt. Dagegen können sog. "destruktive Interaktionen" zum Verlust der autopoietischen Organisation führen, d.h. das lebende System löst sich u.U. auf (Maturana 1984: 61). Das "Auslösen" einer Veränderung bei einem anderen Menschen ist dabei immer als nicht-lineare Beeinflussung zu verstehen. "Demzufolge arbeiten autopoietische Systeme hinsichtlich ihrer Organisation wie homöostatische Systeme [Hervorhebung B.W.] und können nur solche strukturellen Veränderungen durchmachen, die nicht ihre Autopoiese beeinträchtigen" (Maturana 1987d: 95).

Während die Organisation eines lebenden Systems unveränderlich ist, befindet sich seine Struktur in einem Prozess ständiger Zustandsveränderung. Diese Dynamik ermöglicht es einem lebenden System, seine Struktur an ein Medium anzupassen bzw. in einem sich wandelnden Medium die autopoietische Organisation invariant zu halten. Es ist hier nur eine Frage der Perspektive, ob menschliches Verhalten als Anpassung oder Veränderung beschrieben wird. Immer ist es der gleiche autopoietische Vorgang.

Der Begriff "Störung" ist keinesfalls negativ bewertet, sondern bezeichnet alle potentiellen oder tatsächlichen Einflüsse auf ein autopoietisches System, welche nicht zur Zerstörung desselben führen: "Zugleich erfordert die Erhaltung der Organisation eines dynamischen strukturell determinierten Systems in dem Medium, in dem es existiert, dass alle Interaktionen als Störungen angesehen werden können [Hervorhebung B.W.], weil es sonst mit der ersten destruktiven Interaktion zerfiele" (Maturana 1984: 62 f.). Damit sind Störungen nicht nur unvermeidbar für alles "was lebt", sondern erhalten geradezu erst die strukturelle Plastizität jedes Lebewesens als Voraussetzung für die Erhaltung der Anpassung in einem prinzipiell dynamischen Medium. Stören und Gestört-werden ist dann im übertragenen Sinne eine Art "Über-Lebenstraining" im Bereich struktureller Kopplungen, die damit identisch sind mit strukturellem Wandel (Maturana 1987d: 101).

Vollzieht sich dieser Wandel in den Beziehungen der Komponenten eines Systems mit unveränderlichen Eigenschaften, bezeichnet dies Maturana als strukturellen Wandel erster Ordnung, während Veränderungen der Eigenschaften eines Systems einen strukturellen Wandel zweiter Ordnung spezifizieren. An früherer Stelle werden hierfür auch die Begriffe "Veränderungen erster und zweiter Ordnung" für reversible bzw. irreversible Strukturveränderungen des Organismus verwandt, was zu terminologischen Verwirrungen führen kann (Maturana 1984: 66). Wir sehen hier interessante Parallelen zu Watzlawicks (1974: 99 ff.) "Lösungen erster bzw. zweiter Ordnung" indem nämlich therapeutisch dauerhaft wirksame Veränderungen beim Klienten (als Komponente des Systems Familie) durch generelle Strukturveränderungen (hier der Kommunikation) beobachtet werden können, und zu Batesons (1981: 362 ff.) Typus Lernen III (vgl. auch Portele 1990), als der Reflexion von "Gewohnheiten".

Nunmehr dürfte deutlich sein, dass das Operieren eines lebenden Systems innerhalb seiner "individuellen Geschichte der strukturellen Veränderung", also seiner "ontogenetischen Drift" (Maturana 1987d: 103), "eine Richtung einschlägt, die fortwährend durch die Aufrechterhaltung der Organisation des Lebewesens im Bereich seiner Interaktionen mit dem Medium determiniert wird" (Maturana 1984: 63). Genau das meint auch der Begriff "natürlicher Drift" bezogen auf die Entwicklung des gesamten Lebens auf der Erde. Eine Entwicklung, die keinen anderen "Zweck" hat, als das Leben selbst und in der sich die Geschichte ganzer Klassen von lebenden Systemen ("phylogenetische Drift", z.B. der Menschen) ebenso "sinnlos" vollzieht, wie die Verwirklichung eines einzelnen Lebens im Rahmen seiner Ontogenese. Einzig entscheidend dafür ist die Bewahrung der Identität jedes Lebewesens, d.h. "die Erhaltung der Anpassung und Autopoiese in einem Prozess, in dem Organismus und Umwelt in dauernder Strukturkopplung [also verträglicher Beziehung, B.W.] bleiben." (Maturana/Varela 1987a: 127).

Im engen begrifflichen Sinne verstehen Maturana und Varela unter einer biologischen, also autopoietischen Einheit einzellige Lebewesen als autopoietische Systeme erster Ordnung, während autopoietische Einheiten zweiter Ordnung, sog. Metazeller, als "eng verknüpfte Zellanhäufungen" strukturiert sind. Die Metazellularität stellt somit eine strukturelle Variante autopoietische Systeme dar, zu der die Menschen als eine spezifische Klasse gehören (Maturana/Varela 1987a: 98).

Der Begriff "Metazeller" ist eine Neubildung der Autoren, die damit ihr erweitertes Verständnis von biologischen Systemen erfassen wollen. In diesem Sinne zählen sie sowohl Organismen als auch Gesellschaften zur gleichen Klasse von Metasystemen. Dies kann leicht zu missverstandenen, biologistischen Interpretationen führen. Aus diesem Grunde gehen wir kurz darauf ein:

Maturana und Varela (1987a) sehen Organismen und Gesellschaften als Extreme einer horizontalen Skala von Metasystemen an (Maturana/Varela 1987a: 216 f.). Die entscheidende Differenz liegt in der Autonomie der Komponenten. Während die Bestandteile eines Organismus (Zellen) im Prozess der Erhaltung seiner Organisation und Anpassung tendenziell dahin operieren, stabile und damit erhaltende Eigenschaften zu erzeugen und verändernde und damit potentiell gefährdende Eigenschaften zu vermeiden (minimale Autonomie der Komponenten), sind die Bestandteile einer Gesellschaft (Menschen) in ihren strukturell gekoppelten Prozessen mit anderen lebenden Systemen nicht auf operationale Stabilität, sondern auf verhaltensmässige Plastizität (s.o.) angewiesen (maximale Autonomie der Komponenten). Mit anderen Worten: "Der Organismus schränkt die individuelle Kreativität der ihn bildenden Einheiten ein, da diese Einheiten für den Organismus existieren. Das menschliche soziale System erweitert die individuelle Kreativität seiner Mitglieder, da das System für die Mitglieder existiert." (Maturana/Varela 1987a: 217)

Damit sind wir beim Bereich der sozialen Phänomene, die wir allerdings nicht direkt besprechen werden. Zu ihrem Verständnis ist die ausführliche Betrachtung der besonderen Funktion des Nervensystems auf o.g. strukturelle Plastizität derjenigen Metazeller notwendig, die diese Struktur ausgebildet haben, also auch wir Menschen.

Kognitive Systeme

Der Mensch als ein Metazeller mit Nervensystem stellt damit eine strukturelle Variante der autopoietischen Organisation allen Lebens dar. Bevor wir auf das Phänomen der Kognition in der Theorie autopoietischer Systeme weiter eingehe, stellen wir grundsätzliche Eigenschaften neuronaler Systeme (Nervensysteme) vor. Diese Ausführungen schließen an das oben Gesagte an und gelten grundsätzlich für alle Metazeller mit Nervensystem und nicht nur für uns Menschen.

Erst einmal muss beachtet werden, dass das Nervensystem eines Lebewesens unabhängig vom Grad seiner Komplexität immer im Rahmen der autopoietischen Prozesse des ihn integrierenden Organismus operieren muss, will es nicht dessen Anpassung (und damit sich selbst) gefährden. Mit anderen Worten selegiert die Autopoiese eines Organismus mit Nervensystem die möglichen Veränderungsprozesse des eigenen Nervensystems (Maturana 1987d: 99) und verhindert damit zumindest nicht den Erhalt der autopoietischen Organisation. Diese Zustandsveränderungen eines Nervensystems bezeichnet Maturana auch mit Aktivitätsveränderungen (Maturana 1984: 65), da der Organismus bei diesen Veränderungen ständig aktiv (i.S. von "lebendig") bleibt. Im Gegensatz dazu würde eine Veränderung der Struktur eines Lebewesens, die zu seinem Tode führt, keine Zustandsveränderung sein können, weil in diesem Augenblick seine Existenz beendet wäre und damit kein neuer (lebendiger) Zustand erreicht werden kann ("destruktive Veränderung", s.o.).

Wir haben bereits den Begriff der strukturellen Kopplung zweiter Ordnung für das Verhältnis zwischen Organismus und Medium im Zusammenhang mit dem Erhalt von Organisation und Anpassung vorgestellt. Die Beziehung zwischen Organismus und Nervensystem ist notwendigerweise eine andere, da die zu koppelnden Komponenten anders organisiert sind: Während die oben beschriebenen strukturellen Eigenschaften eines Organismus als biologisches System generell auch für das Nervensystem als Bestandteil eines Organismus gelten, besitzt ein Nervensystem keine autopoietische Organisation. "Die Organisation des Nervensystems ist die eines geschlossenen Netzwerkes [Hervorhebung B.W.] von Bestandteilen, die untereinander interagieren, indem sie gegenseitig Aktivitätsveränderungen auslösen, aus denen sich wieder neue Interaktionen zwischen ihnen ergeben" (Maturana 1984: 64). Somit ist das Nervensystem ein operational geschlossener Bestandteil seines Organismus. Erst die internen Beziehungen der Bestandteile eines autopoietischen Systems (in ihrer strukturellen Kopplung erster Ordnung) verwirklichen das lebende System als biologische Einheit. "So besteht also das Medium eines Nervensystems, das einen Organismus integriert, aus den übrigen Teilen dieses Organismus, aus dem Medium des Organismus und - in vielen Fällen auch - aus den Resultaten der Operationen seiner Komponenten, die orthogonal [Hervorhebung B.W.] zu seiner Zustandsdynamik interagieren" (Maturana 1984: 64 f.).

Genau diesen Unterschied in der Organisationsweise von Organismus und Nervensystem als autopoietisches System bzw. geschlossenes Netzwerk (letzteres innerhalb eines autopoietischen Systems) vermisst Roth in seiner "notwendigen" Kritik an Maturana (Roth 1987: 256-286). Wir können dieser Argumentation nicht folgen, da Maturana (1984, s.o.) selbst bereits Jahre vor Roth, diesen Aspekt differenziert dargestellt hat.

Die "orthogonal zur Zustandsdynamik des Nervensystems interagierenden Operationen" des Nervensystems sind interne Korrelationen. Sie sind nicht unmittelbar konstitutiv für die Erhaltung der strukturellen Kopplung erster Ordnung und damit für die Autopoiese des gesamten Organismus. Außerdem definiert das Nervensystem genau mit diesen konstitutiven Prozessen die Kopplung an sein Medium und damit gleichzeitig seine eigene Identität. Daraus folgt: "die Beziehungen, die die Organisation einer zusammengesetzten Einheit konstituieren, bilden eine Untermenge der Beziehungen, die an ihrer Struktur beteiligt sind" (Maturana 1987d: 93) bzw.: "Da die Struktur eines Systems mehr Beziehungen umfasst als nur diejenigen, die die Organisation des Systems ausmachen, kann sich die Struktur eines Systems verändern, während seine Organisation bewahrt bleibt" (Maturana 1987d: 13).

Mit anderen Worten auch ein tauber Mensch ist ein Mensch, weil das strukturelle Merkmal "Gehör" eine kognitive Funktion des Organismus ist, als solches aber keinen konstitutiven Beitrag zur Autopoiese (d.h. der Erhaltung des Lebens) darstellt. Verliert ein Mensch sein Gehör, muss er nicht automatisch sterben! Dieses Prinzip ermöglicht also erst die strukturelle Plastizität eines Organismus "ohne Verlust der Klassenidentität" (in unserem Fall des "Menschseins"). Dies führen wir noch etwas aus:

Die Organisation einer "zusammengesetzten Einheit" (bei lebenden Systemen = Autopoiese; bei neuronalen Systemen = geschlossenes Netzwerk!) selegiert ihre eigenen Zustands- bzw. Aktivitätsveränderungen zur Erhaltung der Organisation, also zur Selbsterhaltung (siehe oben). Sie spezifiziert aber nicht diejenigen Prozesse, die zur strukturellen Kopplung des Systems führen und genauso wenig jene Operationen, die (wie alle anderen Prozesse auch organisationell untergeordnet) nicht konstitutiv an der eigenen Selbsterzeugung beteiligt sind (Maturana 1987b: 13). Das heißt, dass mit der Organisation eines Lebewesens oder Nervensystems noch nicht seine strukturelle Drift, also der Weg seiner strukturellen Entwicklung im Rahmen der Organisation determiniert ist. "Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn es besteht ein Unterschied zwischen etwas, das vorgeschrieben ist (Präskription) und etwas, das verboten ist (Proskription)" (Varela 1988c: 115).

So kann ein Bereich von Prozessen beschrieben werden, der zwar an die Autopoiese des ihn konstituierenden Organismus gebunden, darüber hinaus jedoch in der "Wahl" seinen Operationen strukturell frei ist (s.o.: Prinzip der "Äquifinalität"). Die geschlossene Organisation ist so der Rahmen struktureller Plastizität. Für Metazeller mit Nervensystem im allgemeinen und dem Menschen mit seinem hochkomplexen Nervensystem im besonderen hat dies Folgen: "Da es eine praktisch unbegrenzte Anzahl möglicher Zustände innerhalb dieses Netzes geben kann, kann das mögliche Verhalten auch praktisch unbegrenzt sein."

Präziser betrachtet ermöglicht unser Nervensystem mit vielleicht mehreren zehntausenden Millionen Neuronen (allgemeiner: Nervenzellen) eine Verbindung "topographisch weit auseinanderliegender" und funktional verschiedener Bereiche des Lebewesens. "Dies ist der Schlüsselmechanismus, durch den das Nervensystem den Interaktionsbereich eines Organismus erweitert: Es verkoppelt die sensorischen und motorischen Flächen mittels eines Neuronennetzes, dessen Konfiguration sehr vielfältig sein kann" (Maturana/Varela 1987a: 173 f.). "Sensorische Flächen" sind über synaptische Verbindungen mit den Neuronen des Nervensystems verbundene Zellen, die in der Lage sind, "auf spezifische Perturbationen zu antworten", während "motorische Flächen" vor allem jene Zellarten meint, die die Muskulatur bilden (Maturana/Varela 1987a: 171).

Der Mensch lernt im Laufe seiner kognitiven Entwicklung u.a. sich über eine intern koordinierte Bewegung an den eigenen Fuß zu fassen. Piaget (1975) hat hierfür den Begriff der "sensomotorischen Korrelation" geprägt. Dabei werden mittels des Nervensystems die topographisch weit auseinanderliegenden Bereiche "Fuß" und "Hand" unter Mitarbeit des funktional davon unterschiedenen Bereichs "Gesichtssinn" so korreliert, dass eine für den Beobachter absichtsvoll erscheinende Bewegung entstehen kann. Diese reagiert nur scheinbar auf eine äußere Umwelt (z.B. "eine Fliege auf dem Fuß"). Die Funktionsweise des Nervensystems als operational geschlossenes Netzwerk lässt sich am Beispiel der optischen Wahrnehmung, für das Varela (1990: 102 f.) im Zusammenhang mit dem konnektionistischen Ansatz der Kognitionsforschung weitere Beispiele vorstellt, so erklären: "Für gewöhnlich denken wir uns die optische Wahrnehmung als eine bestimmte Operation mit dem Bild auf der Netzhaut, dessen Abbildung (Repräsentation) im Inneren des Nervensystems transformiert wird. Dies ist der repräsentationistische Ansatz zur Erklärung des Phänomens." Ganz im Gegensatz zu dieser Vorstellung befindet sich die für die Wahrnehmung entscheidende Schaltstelle zwischen Netzhaut und zentralem Nervensystem, der sog. Kniehöker, in permanenter selbstreferentieller (d.h. selbst-/rückbezüglicher) Aktivität. Diese wird durch eine Vielzahl von Verbindungen mit anderen Teilen des Nervensystems hervorgerufen, also völlig unabhängig davon, ob die sensorische Fläche "Netzhaut" von Lichtreizen perturbiert wird oder nicht. So sind wir umgekehrt durchaus auch in der Lage "weiße Mäuse" dann zu sehen, wenn diese nach Meinung anderer (Psychiater z.B.) in unserer Umwelt nicht "wirklich" da sind. Das lässt sich damit erklären, dass eine spezifische optische Perturbation der Netzhaut nicht repräsentationistisch in das Nervensystem übertragen wird, sondern allenfalls das "konstante Hin und Her der inneren sensomotorischen Korrelation modulieren" kann (Maturana/Varela 1987a: 177), sich also in die interneuronale Verbindung von sensorischen und motorischen Flächen nur verstörend, niemals jedoch instruierend einschalten kann. "Keine Maus" (im physisch-materiellen Sinne nicht anwesend) kann also nicht sicher verhindern, dass wir doch (als neuronale Aktivität, also wirklich) eine Maus sehen, während im Gegenzug eine "wirkliche" Maus nicht immer wahrgenommen werden muss, auch wenn die optischen Bedingungen dafür existieren. Damit stellt sich ernsthaft die Frage, welche Maus nun wirklich wirklich ist!

Maturana und Varela (1978a) haben für den verstörenden Einfluss eines rezipierten Reizes (Perturbation) aus der Umwelt (Medium) eines Organismus auf die optische "Wahrnehmung", als ein Beispiel für das selbstreferentielle Operieren des Nervensystems, folgende Metapher gefunden: "Sie wirkt wie eine Stimme (Perturbation), welche zu den vielen Stimmen bei einer heftigen Diskussion in einer großen Familie hinzukommt (Relationen von interner Aktivität zwischen allen konvergierenden Projektionen), wobei der schließlich erreichte Konsens über zu unternehmende Aktionen nicht Ausdruck dessen ist, was die Familienmitglieder im einzelnen vorgebracht haben" (Maturana/Varela 1987a: 178). Vielleicht wäre in Anbetracht dessen der Begriff "Wahrgebung" für das beschriebene Interagieren eines Nervensystems zwischen seinen eigenen sensorischen und motorischen Flächen zutreffender.

"Erkennen" ist in jedem Fall eine aktive Eigen-Konstruktion unseres Nervensystems! Repräsentationistische Vorstellungen einer objektiven Wahrnehmung sind nicht mit dem biologischen Funktionieren unseres menschlichen und jedes anderen Nervensystems vereinbar. Das gleiche gilt für autopoietische Systeme als Einheit. Auch hier ist die Vorstellung einer objektiven Welt außerhalb unseres Beschreibungssystems, d.h. unserer Sprache, kein Beweis für ihre Existenz. Vielmehr entspricht die Beziehung zu unserem Medium unserer strukturellen Drift, der Kopplungsgeschichte zweiter Ordnung (im Unterschied zum Verlauf einer strukturellen Kopplung erster Ordnung als Geschichte der Integration eines Organismus) bei gleichzeitigem Erhalt unserer Organisation und der Anpassung (Varela 1988a: 45). "Dieser Logik zufolge ist unser Verhältnis zur Welt wie das zu einem Spiegel, der uns weder verrät, wie die Welt ist, noch wie sie nicht ist. Er zeigt uns, dass es möglich ist, dass wir so sind, und so zu handeln, wie wir gehandelt haben. Er zeigt uns, dass unsere Erfahrung lebensfähig ist" (Varela 1985: 308).

Damit stehen wir nun vor einer erkenntnistheoretischen Paradoxie:

Akzeptieren wir die vorgestellte Theorie vom nicht-repräsentationistisch, weil selbstreferentiell operierenden Nervensystem, so wird eine "äußere" Umwelt, also das Medium eines Lebewesens, bedeutungslos (Maturana/Varela 1987a: 148). Dennoch sind wir Menschen durchaus in der Lage, sehr präzise Beschreibungen über unsere Umwelt und Beschreibungen unseres eigenen Verhaltens in dieser Umwelt anzufertigen.

Dieses Problem ist jedoch nur scheinbar nicht zu lösen. Mit einer "differenzierteren Beschreibung" (Varela 1985: 299) lässt sich dieses Phänomen erklären: "Als Beobachter können wir eine Einheit [Organismus, B.W.] nämlich in verschiedenen Bereichen betrachten, und zwar je nach den Unterscheidungen, die wir machen" (Maturana/Varela 1987a: 148). So ist der Beschreibungsbereich "innere Dynamik des Systems", wie er oben von uns ausführlich dargestellt wurde, ein völlig anderer, als es der Bereich der beschreibbaren "Phänomene der Interaktion eines Systems mit / in seiner Umwelt" ist. Mit anderen Worten ist es diese Unterscheidung zwischen dem biologischen Funktionieren eines autopoietischen Systems und seinem Operieren in einer Umwelt in zwei orthogonal zueinander stehende, aber überschneidungsfreie Beschreibungsbereiche, die es uns erst ermöglicht, beides widerspruchsfrei zu beschreiben. "Keiner dieser beiden möglichen Beschreibungsbereiche ist an sich problematisch, und beide sind notwendig, um ein gründliches Verständnis der Einheit zu erlangen" (Maturana/Varela 1987a:148).

Mit Beobachter wird hier eine teilnehmende bzw. anwesende Person bezeichnet, die in einem "metasprachlichen Bereich" Beschreibungen von beobachtetem Verhalten anfertigt. Diese entstehen durch kognitive, sprachliche Differenzierungen (Maturana 1987d: 110 und Varela 1988c: 110 f.).

Hier beginnt nun die (u.U. schwindelerregende) Zirkularität des Konzepts (Maturana/Varela 1987a: 258): Das Verständnis in die Biologie des Erkennens, mit der wir uns bisher befasst haben, ist die Voraussetzung und zugleich die Begrenzung ihrer eigenen und jeder weiteren Erkenntnis. "Wenn wir die Kognition als biologisches Phänomen erklären wollen, müssen wir anerkennen, dass der/die Beobachter/in in seiner/ihrer Erfahrung grundsätzlich nicht zwischen dem, was wir üblicherweise Wahrnehmung und Illusion nennen, unterscheiden kann. Wenn wir das tun, dann müssen wir allerdings auch anerkennen, dass wir nicht sagen können, dass irgendetwas existiert oder dass irgendetwas eine objektive Existenz als unabhängige Realität hat, und dass der/die Beobachter/in die Existenz von allem, was er/sie unterscheidet, hervorbringt. Demzufolge ist Existenz bestimmt durch die Unterscheidungsoperationen des/der Beobachters/in selbst" (Maturana 1987b: 16).

Im Konzept autopoietischer Systeme ist nun der Bereich der Kognition eines Lebewesens untrennbar, wenngleich auch nicht linear, mit seinem Operieren als Lebewesen verbunden (Maturana/Varela 1987a: 191). Dies gehört zu seinen strukturellen Möglichkeiten, die alle der autopoietischen Organisation untergeordnet sind, nicht aber ein objektives Merkmal oder eine isolierbare Eigenschaft dessen ist. "Ein Organismus ist ein System, das als eine Einheit definiert wird durch seine Organisation als lebendiges System, und seine Merkmale sind notwendigerweise partielle Beschreibungen aus der Perspektive eines Beobachters, der die Einheit des Organismus unvermeidlich zerstört, indem er sie herstellt" (Maturana 1987c: 25). Also lässt sich in der vorliegenden Theorie auch keine objektive Unterscheidung zwischen Leben, Autopoiese, Kognition und Verhalten treffen: "Dann ist das Phänomen der Kognition, das dem Beobachter als erfolgreiches Verhalten in einem Medium erscheint, in Wirklichkeit die Realisierung der Autopoiese des lebenden Systems in diesem Medium. Für ein lebendes System bedeutet Leben Kognition, und sein kognitiver Bereich ist deckungsgleich mit dem Bereich seiner autopoietisch möglichen Zustände" (Maturana 1987d: 100 f.). "Kognitionen" lassen sich damit so definieren: "Wir sprechen dann von (Er-)Kenntnis, wenn wir ein effektives (oder angemessenes) Verhalten in einem bestimmten Kontext beobachten, das heißt in einem Bereich, den wir durch eine (explizite oder implizite) Frage umreißen, die wir als Beobachter formulieren" (Maturana/Varela 1987a: 189). "Erfolgreiches" Verhalten ist für autopoietisch geschlossene lebende Systeme also genau dies: Beobachtung (darin eingeschlossen die Möglichkeit der Selbst-Beobachtung, siehe "Perspektive der Partizipation und Interpretation" bei Varela 1985: 307). Mit anderen Worten weisen wir als Beobachter prinzipiell nicht nur auf beobachtbare strukturelle Zustände eines anderen Lebewesens hin, sondern wir erzeugen durch unsere Beschreibung von "Verhalten" erst diesen Phänomenbereich, der im Prozess der ausschließlich internen Zustandsveränderungen des beobachteten Lebewesens nicht vorkommt. Ganz banal ausgedrückt: Ein Lebewesen lebt ("verhält sich") auch ohne unsere Beobachtung, aber jede Beobachtung ist an ein lebendes System (den Beobachter) gebunden, oder: "Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun" und/aber: "Alles Gesagte ist von jemandem gesagt" ("Kernaphorismen", Maturana/Varela 1987a: 32).

Das Nervensystem eines Metazellers ist dabei keine Voraussetzung für "sein Verhalten”, sondern es erweitert nur dramatisch die Menge der einnehmbaren und damit theoretisch beobachtbaren Zustände,” indem es den Organismus mit einer ungeheuer vielfältigen und plastischen Struktur ausstattet” (Maturana/Varela 1987a: 174). Dies gilt für die Klasse Mensch in höchstem Maße (Achtung! Auch dies ist, zynisch betrachtet, von jemandem, einem Menschen, gesagt. Engel sehen das u.U. ganz anderes). Wir sind mit einem Nervensystem ausgestattet, das uns im Unterschied zu anderen Klassen autopoietischer Systeme ermöglicht, "im Prinzip zu einer unbegrenzten Vielfalt des Erkennens fähig" zu sein. Das bedeutet gleichzeitig eine unbegrenzte verhaltensmäßige Plastizität, die neue Interaktionsbereiche und damit komplexere Formen der strukturellen Kopplung ("strukturelle Kopplung dritter Ordnung", s.o.) erlaubt (Maturana/Varela 1987a: 192).

Ausgesprochen wichtig ist dabei, dass durch die komplexe strukturelle Plastizität des Menschen ein Bereich kognitiver "Beschreibungen von Verhalten" als eine Form von Verhalten entstehen kann, der (a) immer an die Autopoiese des ihn verwirklichenden Menschen (Beobachter) gebunden ist und (b) als solcher immer innerhalb seines geschlossenen, selbstreferentiellen Operierens in autopoietische Autonomie verläuft. Die Autonomie lebender Systeme ist so Resultat ihrer strukturellen Plastizität, weil diese im Gegensatz zu einer Maschine nicht trivial (s. auch v. Foerster 1985a: 12f. u. Kersting 1991: in diesem Band), also nicht linear und damit nicht "von außen" steuerbar sind: Ein Organismus bestimmt selbst seine "Reaktion" auf einen externen Steuerungsversuch mittels seiner strukturellen Plastizität. "Ein kognitives System ist [deshalb, B.W.] ein System, dessen Organisation einen Interaktionsbereich definiert, in dem es zum Zweck der Selbsterhaltung handeln kann. Der Prozess der Kognition ["kognitive Akte", Maturana/Varela, 1987a: 50, B.W.] ist das tatsächliche (induktive) Handeln oder Verhalten in diesem Bereich. Lebende Systeme sind kognitive Systeme, und Leben als Prozess ist ein Prozess der Kognition" (Maturana 1982: 39). So entstehen alle weiteren Bereiche, wie z.B. soziale Phänomene, nur auf der Ebene und im Rahmen der "Objektivität" der Kognitionen des jeweiligen Beobachters:

Es gibt keine Wirklichkeit außerhalb unserer individuellen Kognitionen!!! "Wir befinden uns innerhalb eines kognitiven Bereichs, und wir können nicht aus ihm herausspringen oder entscheiden, wo er beginnt oder wie er beschaffen ist" (Varela 1985: 306).

Das oben beschriebene geschlossene Organisationsprinzip aller lebenden Systeme, die Autopoiese, ist hierbei eine Form der Autonomie im "Verhalten" eines Systems und zwar explizit beschränkt auf die "biologischen Phänomene" (Maturana 1987b). Genau an diesem Punkt gibt es die eingangs erwähnte Differenz zwischen Maturana/Varela und Luhmann (s. Maturana 1987b): Maturana und Varela bestehen darauf, dass Autonomie nicht zu verwechseln ist mit Autopoiese. "Autopoiese ist ein Fall von Autonomie im allgemeinen und nicht etwa synonym mit Autonomie. Aber wegen der Detailkenntnisse, die wir von lebenden Systemen besitzen, und weil es einige besonders minimale Fälle wie die Zelle gibt, hat die Autopoiese exemplarischen Charakter erhalten" (Varela 1987: 123).

Varela weist wieder deutlich darauf hin, dass ein autopoietisches System im Prozess seiner Verwirklichung kein "Verhalten" als solches kennt, sondern nur organisationell präskriptierte Strukturveränderungen, und dass erst bzw. nur ein Beobachter diese operationale Schließung, im Sinne eines selbstreferentiellen Operierens, als erfolgreiches (weil "angepasstes") Verhalten im Bereich der Kognition des "Beobachteten" beschreiben kann:

"Die Kohärenz [des autopoietischen Systems, B.W.] ist über einen sich ständig wiederholenden Zirkel verteilt, der in seinem Kreislauf unendlich ist, und dennoch endlich [Hervorhebung B.W.], da wir seine Auswirkungen oder Resultate als Merkmale einer Einheit beobachten können" (Varela 1985: 302).

Diesen "Zirkel" der Operationen eines lebenden Systems meint Varela mit dem Konzept der operationellen Schließung, also einem strukturellen Phänomen, bei dem die Ergebnisse von Operationen des Systems wiederum Systemoperationen darstellen (Varela 1988c: 108). Varela bevorzugt ausdrücklich den Begriff der Schließung ("closure"; im Gegensatz zur Geschlossenheit: "closedness") um zu verdeutlichen, dass es sich bei autopoietischen Systemen nicht um nur theoretisch vorstellbare, vollständig isolierte Systeme handelt, denn auch tatsächlich: "Alle Systeme, mit denen wir es zu tun haben, sind offene Systeme in dem Sinne, dass immer Interaktionen stattfinden" (Varela 1988b: 103). So steht unsere organisationelle Geschlossenheit nicht im Widerspruch mit unserer Sozialität, auf die noch ausführlich eingegangen wird.

Die Vorstellung, dass solche zirkulären, selbstreferentiellen Systeme in der Lage sind, mit anderen Systemen zu interagieren, ist wesentlich für den Gedanken der Autonomie bzw. des Eigenverhaltens: Das gegensätzliche Prinzip, die "Allonomie" (wörtlich: Fremdgesetz), beinhaltet nämlich eine Systemstruktur, auf den der klassische Informationsbegriff anwendbar ist. "'Information' im strengen Sinne bezieht sich in der Kommunikationstechnik auf eine Situation, die so entworfen und konstruiert ist, dass eine Botschaft (a) zwischen zwei organisationell isomorphen und strukturell komplementären Systemen ausgetauscht werden kann, und dass (b) eine Botschaft aus einer Menge von Ereignissen, die beim Empfänger wie Sender identisch sind, eine Teilmenge von Ereignissen auswählt, die identisch ist mit der korrespondierenden Ereignisteilmenge beim Sender. Jedes etwaige Missverständnis ist bedingt durch irgendwelche Interferenzen (Geräusche) bei der Realisierung derjenigen Prozesse, die an der Kommunikation beteiligt sind, und nicht etwa Teil ihres Entwurfs" (Maturana 1987c: 24). Nach den bisherigen Ausführungen zum Konzept der Autopoiese und insbesondere zur Bedeutung(slosigkeit) eines Repräsentationsmodells im Bereich der biologischen Grundlagen der Erkenntnis, sollte deutlich geworden sein, dass wir es bei lebenden Systemen mit komplexeren Vorgängen der "Interaktion" zu tun haben (Maturana/Varela 1987a: 212). "Das grundlegende Paradigma unserer Interaktionen mit einem Kontrollsystem ist Instruktion; die unerwünschten Ergebnisse sind Irrtümer [s.o., B.W.]. Das grundlegende Paradigma unserer Interaktion mit einem autonomen System ist ein Gespräch, und die unerwünschten Ergebnisse sind Verstehensabbrüche" (Varela 1987: 129). Mit einem "Gespräch" ist hier die wechselseitige Konstruktion von "Information" (i.S. von "Verstehen") in der Interaktion autonomer, selbstreferentieller Systeme gemeint. M.a.W. konstruieren sich solche Systeme die Bedeutung einer Interaktion (z.B. ein Gespräch) im Rahmen ihrer geschlossenen Operationsweise nach demselben Prinzip, mit der z.B. ihre optische Wahrnehmung (s.o.) funktioniert. "Konstruktion" ist darum hier im informationstechnischen Sinne als das operationale Gegenteil von "Instruktion" zu verstehen.

Das selbstreferentielle Eigenverhalten lebender Systeme "erliegt" deshalb nicht seiner Zirkularität, weil es anders als in einem "Teufelskreis" zu vielfältigsten Konstruktionen fähig ist, die dem Menschen überhaupt erst "kreatives" Verhalten im weitesten Sinne des Wortes ermöglichen. "Die Anzahl der Möglichkeiten [für Interaktion, B.W.] ist also endlos. Es gibt keine Möglichkeit, ein einziges Muster zu etablieren. Aber in all den Fällen gibt es jeweils einen stabilen Kopplungsmodus, und dieser Kopplungsmodus ist es, durch den die vielfältigen Strukturen entstehen" (Varela 1988c: 117). Deshalb bezeichnet Varela das Konzept der Schließung auch als einen "circulus virtuosus" bzw. "kreativen Zirkel" (Varela 1985: 294). An anderer Stelle nennt er ihn einen "circulus fructuosus". Damit wird das große Erklärungspotential der "Selbstreferentialität" für das Verständnis der Autonomie des Verhaltens autopoietischer Systeme im Bereich ihrer Kognition deutlich gemacht (Varela 1987: 127).

Unsere Kreativität hat aber einen (scheinbar, weil unentrinnbar) hohen Preis: Sie nimmt uns die Sicherheit unserer kognitiven Wirklichkeit, denn die kognitive Wirklichkeit jedes anderen wird prinzipiell nicht die unsere sein. So wie jedes andere Produkt menschlicher Kreativität letztendlich unvergleichlich ist.

Soziale Systeme

Bis jetzt haben wir uns in dem Phänomenbereiche der strukturellen Kopplungen erster und zweiter Ordnung bewegt und nur am Rande diesen weiteren Bereich der strukturellen Möglichkeiten lebender Systeme gestreift. Wir haben versucht zu beschreiben, wie sowohl einzellige Lebewesen als auch Zellverbände ("strukturelle Kopplung erster Ordnung") als autopoietische Systeme in einem Medium ("strukturelle Kopplung zweiter Ordnung") ihre Identität erhalten. Dabei haben wir deutlich machen wollen, dass jedes "Verhalten" eines Lebewesens als Eigenverhalten operational nicht zu trennen ist von seinen "Kognitionen". Daraus resultierte ein zirkuläres Verständnis von der "selbstreferentiellen Kognition". Für den Bereich des biologischen Operierens aller autopoietischen Systeme ist Autonomie das entsprechende Kennzeichen.

Nun werden wir den Zusammenhang zwischen diesen Phänomenen und dem Bereich der Sozialität aufgreifen. Dabei wird nun "endlich" von den besonderen menschlichen Möglichkeiten innerhalb ihrer "metazellulären Struktur mit Nervensystem" die Rede sein. Die strukturelle Kopplung zweiter Ordnung, also die "Anpassung" eines Lebewesens an sein Medium, vollzieht sich als seine ontogenetische Drift in einem Prozess, in dem es von seinem Medium nur verstört wird und keine Repräsentationen seiner "Umwelt" anfertigen kann. Auf der gleichen strukturellen Grundlage vollziehen sich nun auch Kopplungen, die dennoch von anderer "Natur" sind und Einheiten hervorbringen, die als soziale Systeme bezeichnet werden. "Diese Art von System ist das unausbleibliche Resultat der rekurrenten Interaktionen zwischen den Lebewesen [Hervorhebung B.W.], und jedes Mal, wenn solche Interaktionen über eine gewisse Zeit hinweg stattfinden, wird diese Art von System ausgebildet" (Maturana 1987e: 292).

Diese eigene Form der rekursiven "Anpassung zwischen Lebewesen" ist die sogenannte strukturelle Kopplung dritter Ordnung. Die jeweilige autopoietische Organisation der interagierenden Lebewesen wird innerhalb dieser Kopplung verwirklicht und schreibt auch hier den Rahmen der strukturellen Veränderungen vor. In diesem Sinne sind soziale Systeme an der Autopoiese der gekoppelten Lebewesen beteiligt ohne selbst autopoietisch organisiert zu sein.

Die strukturelle Determination lebender Systeme wird ebenfalls nicht berührt. Das bedeutet, wie wir oben schon angedeutet haben, dass die Kopplungsprozesse dritter Ordnung auch "nur" als wechselseitige Verstörungen auf die beteiligten Organismen wirken können, mit der Folge, "dass aus dem Blickwinkel der inneren Dynamik eines Organismus ein anderer Organismus eine Quelle von Perturbationen darstellt, die von jenen, die aus dem 'unbelebten' Milieu stammen, nicht zu unterscheiden sind" (Maturana/Varela 1987a: 196).

Dennoch entwickeln Organismen innerhalb einer strukturellen Kopplung dritter Ordnung eine "besondere Phänomenologie”. Diese kann um so vielfältiger sein, je komplexer die kognitive Struktur der beteiligten Lebewesen, insbesondere ihr neuronales Netzwerk, ist (Maturana/Varela 1987a: 196). "Diese soziale Phänomenologie beruht darauf, dass die beteiligten Organismen im wesentlichen ihre individuellen Ontogenesen als Teil eines Netzwerkes von Ko-Ontogenesen verwirklichen, das sie bei der Bildung von Einheiten dritter Ordnung hervorbringen" (Maturana/Varela 1987a: 209).

Maturana und Varela machen spezifische Aussagen über den Charakter sozialer Systeme. Zu ihrer Veränderbarkeit stellen sie fest, dass sie grundsätzlich konservativ sind und als "Selektionsinstanz" für das Verhalten ihrer Mitglieder wirken (Maturana 1987e: 295). Deshalb müssen die Auslöser für Innovation in Form von variiertem Verhalten sozusagen "außerhalb" des sozialen Systems liegen (Maturana 1987e: 297). "Menschen können zur gleichen Zeit oder nacheinander Mitglieder verschiedener sozialer Systeme sein. Dazu genügt es, dass wir im Laufe unseres Lebens zum gegebenen Zeitpunkt die einem sozialen System angemessenen Verhaltensweisen realisieren" (Maturana 1987e: 295). Diese Erfahrungen in verschiedenen sozialen Systemen können zu strukturellen Veränderungen des Menschen in Bezug auf seine kognitiven Eigenschaften führen, die wiederum sein Verhalten in einem spezifischen sozialen System beeinflussen. Im strengen Sinne aber ist in der Theorie autopoietischer Systeme jede "Erfahrung", jedes "Verhalten" und jede "Unterscheidung" z.B. von verschiedenen sozialen Systemen Ergebnis der Selbstreferentialität des Erkennenden und verläuft damit ausschließlich auf der Ebene seiner Kognition.

Deshalb ist der externe Impuls zu Veränderung sozialer Systeme auch nichts anderes als eine kognitive Leistung desjenigen Menschen, der mit seinem Beschreibungssystem eine (Sprache) ein soziales System konstruiert, also "erkannt" hat. "Extern" heißt dann im Prinzip, dass diese sprachliche Reflexion auf einer anderen Beschreibungsebene stattfindet! "Zu [...] sprachlichen Reflexionen kommt es immer dann, wenn unsere Interaktionen [strukturelle Kopplungen dritter Ordnung, B.W.] uns dazu führen, unsere Handlungsbedingungen zu beschreiben, indem wir den Bereich ändern, in dem unsere Beobachterperspektive definiert ist" (Maturana 1987e: 297f.).

Diesen Aspekt führt Hejl (1987) anders fort: Da nicht "alle Zustände und Prozesse in den Gehirnen der ein soziales System bildenden Individuen für das Betreffende System konstitutiv sind, kann ein soziales System in einer Weise verändert werden, die sich von der unterscheidet, die für ein selbstreferentielles System angenommen werden kann” (ders., 327). In seiner Sicht führt dies zu der Vorstellung, dass soziale Systeme "synreferentiell" sind, also sozusagen eine höhere Referenzebene besitzen. Die größere Veränderbarkeit sozialer Systeme im Vergleich zu selbstreferentiell geschlossenen kognitiven Systemen, liegt seiner Meinung nach darin, dass ihre Mitglieder "einen direkten Zugang zur Umwelt des Systems" besitzen (ders., 327).

Wir teilen diese Interpretation der Theorie autopoietischer Systeme nicht: "Sozialität" kann eben nicht außerhalb der Kognitionen des jeweiligen Beobachters existieren und wird damit immer selbstreferentiell entstehen und auch verändert.

Das reziproke Verhalten, welches zur Bildung von sozialen Systemen als dauerhafte strukturelle Kopplungen dritter Ordnung führt, wird als kommunikatives Verhalten bezeichnet, wobei hier wieder der Beobachter "des Verhaltens" dieses Phänomen generiert und es nicht objektiv "feststellen" kann.

In diesem Zusammenhang ist kommunikatives Verhalten im Grunde kein "besonderes Verhalten", sondern Verhalten in einem besonderen da sozialen, Beobachtungskontext. Kommunikatives Verhalten führt nun als "Koordination" dieses Verhaltens zu dem, was im besonderen Kommunikation genannt wird. Darum ist kommunikatives Verhalten das "Medium", in dem Kommunikation als soziales koordinierendes Verhalten auftreten kann (Maturana/Varela 1987a: 210). Dieses Medium, auch "konsensueller Bereich" genannt (Maturana 1987d: 109) ist als menschliches Phänomen ein "sprachlicher Bereich", der Voraussetzung für die Entstehung von "Sprache" ist, aber nicht damit identisch ist (Maturana/Varela 1987a: 223). Sprache entsteht also nicht, wenn vorher kein aufeinanderbezogenes "vor-sprachliches" Verhalten stattfand. Sprache ist zwar immer eine Form "sprachlichen Verhaltens", aber nicht umgekehrt: "Im Fluss rekursiver sozialer Interaktionen tritt Sprache dann auf, wenn die Operationen in einem sprachlichen Bereich zur Koordination von Handlungen in Hinsicht auf Handlungen führen, die zum sprachlichen Bereich selbst gehören" (Maturana/Varela 1987a: 226 f.). Sprache als das Merkmal für die operationale Schließung eines sprachlichen Bereiches ist also sprachliches Verhalten, das auf sich selbst Bezug nimmt, und somit die Beschreibung seiner selbst. Gemäß der nicht-repräsentationistischen Arbeitsweise autopoietischer Systeme als kognitive Systeme bleibt dem Menschen auch keine Möglichkeit, diesen Zirkel zu durchbrechen: Er kann sein Verhalten nur durch "Repräsentationen von Repräsentationen" als kommunikative Koordination von kommunikativem Verhalten beschreiben. "So koordiniert das Wort 'Tisch' unsere Handlungen in Hinsicht auf die Handlungen, die wir ausführen, wenn wir mit einem 'Tisch' umgehen. Der Begriff 'Tisch' verschleiert uns jedoch die Handlungen, die (als Handlungen des Unterscheidens) einen Tisch konstituieren, indem sie ihn hervorbringen" (Maturana/Varela 1987a: 227).

Wenn man dies in aller Konsequenz akzeptiert, wird jede Erkenntnis als Beobachtung oder Beschreibung "in Sprache” zu einem sozialen Phänomen (cogito ergo sumus). "Das Beobachten entsteht [deshalb, B.W.] mit der Sprache als eine Ko-Ontogenese in der Beschreibung von Beschreibungen. [...] Ja, in der Tat, wir sind Beobachter und existieren in einem sprachlichen Bereich, der durch unser Operieren in der Sprache unter Erhaltung der Anpassung erzeugt wird" (Maturana/Varela 1987a: 228). Das schließt natürlich jede Beschreibung unseres eigenen Verhaltens ein. Die Erfahrung unserer Individualität, also unser "Selbstbewusstsein", ist ein sprachliches und damit soziales Phänomen, das einer semantischen Beschreibung (Maturana/Varela 1987a: 223 f.) entstammt: "Einerseits vollzieht sich unsere Kognition in dem biologischen Substrat unseres Körpers. Andererseits sind unsere Beschreibungen durchaus imstande, Selbstbeschreibungen auf unbegrenzt vielen Ebenen zu liefern. Dank des Nervensystems überlagern sich diese beiden Weisen der Abschließung und bilden dadurch jene Erfahrung, die uns am vertrautesten und gleichzeitig am unfassbarsten ist: Uns selbst" (Varela 1985: 303). Indem wir uns selbst zum Gegenstand sprachlicher Beschreibung machen, können wir uns von einer "Umwelt" unterscheiden, zu der neben lebloser physikalischer Materie andere Lebewesen gehören, die wir mit dem selben "Trick" der Beobachtung in unser Bewusstsein und damit unser Leben holen können. Aber erst unsere Sozialität (als kognitiver Entwicklungsprozess), ermöglichte in der Entwicklung der Menschheit die Entstehung einer so komplexen Kooperationsweise wie die Sprache (Maturana 1987e: 296) und damit ist der "zentrale Aspekt der menschlichen Sozialität ihr Bestehen in Sprache; und der zentrale Aspekt der Sprache ist die Möglichkeit der Reflexion und des Selbstbewusstseins" (Maturana 1987e: 300).

Reflexion als kognitives Phänomen ist Bestandteil der Kreativität unserer sprachlichen Existenz: "Darum kann ein Beobachter im Prinzip immer einen metadeskriptiven Bereich im Bezug auf seine gegenwärtigen Umstände definieren und so operieren, als wenn er im Verhältnis dazu extern wäre" (Maturana 1987d: 111).

Mit anderen Worten ist es uns als Menschen möglich, über unser Verhalten und das Verhalten anderer Menschen zu reflektieren, indem wir unsere Beschreibungen (sprachlich) beliebig verändern. Diese veränderten Beschreibungen führen in einem selbstreferentiellen Prozess zu neuen Beobachtungen und auf diese Art und Weise können wir unser Verhalten prinzipiell beliebig verändern. Wir sind aber zugleich immer selbst verantwortlich für die Kognitionen, die wir selbst konstruieren! "Wenn Kognition nicht ein Objekt namens Realität impliziert, dann wird die Universalität des Wissens zu einem nicht-trivialen Akt sozialer Kreativität. Und Nichtwissen ist dann prinzipiell nicht ein Fehler des Erkennenden, sondern eine soziale Störung" (Maturana 1987d: 90). Soziale Gemeinschaft verlangt zunächst einmal für ihre Entstehung nichts weiter als rekurrente Interaktionen. Diese liefert uns unsere "Biologie" spontan (Maturana 1987d: 117). Indem wir jedoch als Menschen "in Sprache" unsere eigene Sozialität betrachten, bewerten und verändern können, entsteht Ethik als die gemeinsame und gegenseitige Verantwortung für die soziale Wirklichkeit, die wir selbst konstruieren (Maturana/Varela 1987a: 265). Niemand kann eine objektive Aussage über eine Welt außerhalb unsere Kognitionen treffen. Dies liegt an unserer biologischen Dynamik als autopoietische Systeme und der Sprache als geschlossenes Beschreibungssystem. Aber wir können etwas viel Wichtigeres: Wir können selbst entscheiden, ob und wie wir miteinander leben wollen!

"Der Kern aller Schwierigkeiten, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, ist unser Verkennen des Erkennens, unser Nicht-Wissen um das Wissen. [...] Blind für die Transzendenz unseres Tuns, verwechseln wir das Bild, dem wir entsprechen möchten, mit dem Sein, das wir tatsächlich hervorbringen. Dis ist ein Irrtum, den nur das Erkennen des Erkennens korrigieren kann" (Maturana/Varela 1987a: 268). Das Bewusstsein in die Biologie der Kognition, und das ist die Theorie der autopoietischen Systeme, zerstört die Illusion, wir wären einer objektiven Welt ausgeliefert und nur rationales Denken und Handeln könne das Leben bestimmen und (am Ende des 20. Jahrhunderts!) auch retten.

Denn es kann keine Rationalität geben, die ohne unser biologisches Operieren auskommt. Auch sie ist an die Autopoiese der Erkennenden gebunden. "Tatsächlich besitzen alle rationalen Bereiche, die wir hervorbringen - [...] - eine emotionale Grundlage; denn sie sind durch die konsistente Anwendung einiger grundlegender Prämissen konstituiert, die wir direkt oder indirekt aufgrund von Vorlieben und nicht von rationalen Rechtfertigungen akzeptieren" (Maturana/Verden-Zöller 1990: 23). ... und in eben diesem Prozess werten wir sie ab, da wir nicht sehen, dass es unsere Emotionen sind, die den Bereich der Rationalität spezifizieren, den wir in unseren Rechtfertigungen benutzen" (Maturana 1985: 131).

Die grundlegende Emotion, die uns zu sozialen Menschen macht, ist die Liebe. Sie ist Bestandteil der biologischen Theorie autopoietischer Systeme, weil sie als "grundlegende Größe in der Evolution der Hominiden den Verlauf der menschlichen sozialen Drift, die Entwicklung der Sprache und im Zusammenhang damit in kooperativen und nicht in Wettbewerbsformen zum Ursprung der typischen menschlichen Intelligenz wurde" (Maturana 1987e: 297).

Hier begegnet uns wieder der Begriff Drift. Mit ihm haben wir unsere grundlegenden Ausführungen zum Konzept der Autopoiese begonnen und wir möchten sie damit beenden. Unsere Existenz können wir nur in einem Prozess sichern, den wir als lebende, autonome und soziale ("lebend", weil "autonom", weil "sozial", weil "lebend", weil ...) Systeme verwirklichen, indem wir uns auf die Liebe als Basis jeder Gemeinschaftlichkeit besinnen. "Wir geben unserem Leben in der gegenseitigen sprachlichen Kopplung Gestalt - nicht, weil die Sprache uns erlaubt, uns selbst zu offenbaren, sondern weil wir in der Sprache bestehen, und zwar als dauerndes Werden, das wir zusammen mit anderen hervorbringen. Wir finden uns in dieser ko-ontogenetischen Kopplung weder als ein bereits vorher existierender Bezugspunkt noch in bezug auf einen Ursprung, sondern als eine fortwährende Transformation im Werden der sprachlichen Welt, die wir zusammen mit anderen menschlichen Wesen erschaffen" (Maturana/Varela 1987a: 253 f.).

3. Sozialpädagogik: Möglichkeiten des Planens oder Planen von Möglichkeiten?

Diese fragende Differenzierung (oder differenzierende Frage) wählen wir mit Absicht, um nicht zwei verschiedene Phänomenbereiche zu vermischen: die der Organisation und Entwicklung des "Lebens" und die der Beobachtung und Beschreibung von "Verhalten". Wir lehnen uns dabei an die "logische Buchhaltung" Maturanas und Varelas (Maturana/Varela 1987a: 148f., 189, 222) an. "Ein Beobachter agiert in zwei überschneidungsfreien Phänomenbereichen. Als lebendes System operiert er im Bereich der Autopoiese. Als Beobachter im eigentlichen Sinne operiert er in einem konsensuellen Bereich, der nur als ein kollektiver Bereich existiert, der durch die Interaktionen mehrerer (zweier oder mehrerer) Organismen bestimmt wird" (Maturana 1987d: 112).

Zunächst wird es uns darum gehen, das Phänomen des "Lernens" und seine Planbarkeit als Gegenstand jeder pädagogischen Überlegung im Konzept der Autopoiese darzustellen. Dies steht in Verbindung zu unseren Ausführungen zum Bereich der lebenden Systeme, in dem wir ausgehend vom Begriff der "Drift" die grundlegende Organisation und den Entwicklungsverlauf allen Lebens vorgestellt haben.

Dabei werden wir nur scheinbar den ersten Bereich "lebende Systeme" nicht verlassen, da es nur in Sprache, also als Kognition möglich ist, eine Beschreibung der Grenzen bzw. Möglichkeiten der Planung für die Sozialpädagogik in der Theorie autopoietischer Systeme anzufertigen. Hier schließt sich der Zirkel unseres Erkennens!

Danach beziehen wir uns auf unsere Darstellung des Bereichs der Kognition, hier insbesondere der Autonomie und Selbstreferentialität. Wir möchten die Konsequenzen dieser Geschlossenheit für "Planen" als Kognitionsleistung des Sozialpädagogen darstellen.

An den Phänomenbereich der Sozialität knüpfen wir schließlich dann an, wenn wir Anmerkungen zu den Möglichkeiten des Planens auch oder gerade im Konzept autopoietischer Systeme machen.

Lernen als ontogenetischer Drift

Die Sozialpädagogik beschäftigt sich in der Planung ihrer Arbeit immer im weitesten Sinne mit der Vorbereitung und Durchführung von "Erziehung". Generell vollzieht sich Erziehung in Form von "Veränderungsprozessen", die im Bereich der Pädagogik "Lernen" definieren und es von anderen, nicht "erzogenen" Veränderungen unterscheiden soll. Dies ist aber alles andere als einfach. "Man muss nämlich den Begriff Lernen angesichts der Tatsache definieren, dass beide, der Organismus und seine Umwelt, das System und seine Umgebung, sich sowieso dauernd verändern" (Diederich 1988: 40). Dieses Phänomen lässt sich als "natürlicher Drift" in der Theorie autopoietischer Systeme wiederfinden. Wie wir schon dargestellt haben, meint diese Sichtweise im Gegensatz zum Darwinschen Evolutionsbegriff keinen auf "bessere" Anpassung hin orientierten, durch den repräsentationistischen Informationsaustausch der Organismen mit ihrer "objektiven" Umwelt intentionalen Prozess. Vielmehr beschreiben Maturana und Varela einen ungeplanten, zielfreien Verlauf der Erhaltung und Veränderung physikalischer Systeme, die sich erst durch ihre selbsterzeugende Organisation mit einer spezifischen, determinierenden Struktur von einem unspezifischen "physikalischen Raum" (Milieu/Medium) unterscheiden. Die Ausbildung verschiedenster Arten von Lebewesen ist damit das Ergebnis der phylogenetisch jeweils fortgesetzten strukturellen Kopplung zweiter Ordnung, also der Anpassung der Lebewesen an ihr Milieu, in deren Verlauf diese strukturellen Veränderungen durch die Erhaltung der Autopoiese nur selegiert wurden.

In diesem Sinne stellt die Klasse "Mensch", wie jede andere auch, nur eine strukturelle Möglichkeit des Lebens dar. Ihre hochkomplexe neuronale Struktur bildet ein operational geschlossenes Nervensystem, das wiederum die strukturellen Möglichkeiten jedes einzelnen Menschen (sein "Verhaltenspotential") praktisch unendlich werden lässt. Natürlich wird ein Mensch aufgrund seiner spezifischen Struktur (konkreter: jenen strukturellen Merkmalen, die konstitutiv an der Erhaltung der Klassenidentität beteiligt sind) niemals in der Lage sein, z.B. ohne technische Hilfsmittel zu fliegen. So ist das Prinzip der strukturellen Plastizität auch nicht zu verstehen. Aber einem Menschen wird jederzeit in jeder Situation mehr als ein Verhalten möglich sein und zwar solange, bis dieses Verhalten zur destruktiven Veränderung seiner Struktur und damit zur Auflösung seiner autopoietischen Organisation führt, was identisch ist mit seinem Tod!

Das Phänomen des Lernens lässt sich im Konzept der Autopoiese nur auf dieser Grundlage verstehen, denn so "ist Lernen der Weg (curso) struktureller Veränderungen, den der Organismus (einschließlich seines Nervensystems) im Einklang mit den strukturellen Veränderungen des Mediums als ein Resultat der gegenseitigen strukturellen Selektion einschlägt, wie diese sich aus den Interaktionen von Organismus und Medium unter Bewahrung ihrer jeweiligen Identitäten ergibt" (Maturana 1984: 60). Auf der Ebene des Operierens autopoietische Systeme lässt sich Lernen damit nicht als eine besondere Form struktureller Veränderung im Unterschied zu "angeborenen" Strukturveränderungen eindeutig bestimmen (siehe auch Portele 1989: 141). Um einen besonderen Begriff des Lernens von dem allgemeineren Begriff der strukturellen Veränderung dennoch abheben zu können, beziehen Maturana und Varela einen weiteren Aspekt in ihre Ausführungen ein, der zugleich die (Beschreibungs-)Ebene wechselt. "Unter diesen Umständen wird ein Beobachter ein neues Verhalten als instinktiv oder erlernt bewerten je nachdem, welchem historischen Ursprung [Hervorhebung B.W.] er die neue dynamische Struktur, die dieses Verhalten hervorbringt, zuschreibt" (Maturana 1984: 60).

Mit Hilfe der an die Beobachterperspektive gebundenen, unterscheidenden Beschreibung von "instinktiv" und "erlernt" lässt sich also Lernen definieren als strukturelle Veränderung, die unabhängig von der historischen, phylogenetischen Entwicklung der Klasse des jeweiligen Organismus entsteht. "Der Unterschied zwischen erlerntem und instinktivem (oder angeborenem) Verhalten liegt also nicht im Verhalten, sondern in der Geschichte der Herkunft derjenigen Strukturen, die die Dynamik der Zustände eines Organismus erzeugen, also das, was einem Beobachter als Verhalten erscheint. Somit erzeugen diejenigen Strukturen, die in der Ontogenese irgendeines Organismus kontingent zur Geschichte seiner Interaktionen entstehen, erlerntes Verhalten, während diejenigen Strukturen, die unabhängig von dieser Geschichte entstehen, instinktives oder angeborenes Verhalten erzeugen" (Maturana 1984: 60).

In der Geschlossenheit des Autopoiese-Konzepts explizieren die Autoren immer, aus welcher Beobachterposition sie sich im Rahmen ihrer eigenen Selbstreferentialität mit welcher Beschreibungsebene befassen und dort eine Vorstellung konstruieren, die das beobachtete Phänomen erklärt. In diesem Fall verlassen sie die Ebene der hinreichenden biologischen Erklärung und führen die Unterscheidung "phylogenetische/ontogenetische Herkunft" zur Definition eines Begriffes ein, der im Beschreibungsinteresse eines "pädagogischen" Beobachters liegt. M.a.W. ist festzustellen, dass die Differenzierung eines Lernbegriffes nicht notwendig ist, um die Operationen eines Lebewesens zu beschreiben. Dies gelingt hinreichend durch das Konzept der Autopoiese, wie wir es im vorigen Kapitel dargestellt haben.

Auf diesem Hintergrund hat die Ausdifferenzierung eines Begriffes von Lernen keine Funktion für das "Leben als solches" (es "kennt" keine Funktionen oder Intentionen), sondern für die explizite Beschreibung eines gewünschten Beschreibungsbereiches, hier: Pädagogik.

So ist jede wissenschaftliche (wie auch jede andere Erklärung) Ausdruck des Beschreibungsbedarfs der Beschreibenden und die Pädagogik z.B. konstituiert und erhält sich erst durch die Erkenntnis (= Beschreibung) eigener Beschreibungen. Diederich beschreibt (!) dies deutlich an einem anderen Beispiel. Er stellt dar, wie durch die wissenschaftliche Konstruktion von "Verstehen" gleichsam als nicht (objektiv) erklärbares "Wunder" eine ganze Wissenschaft sich selbst damit befassen lässt, dieses "Wunder zu erklären (Diederich 1986: 118-126) und das im Bewusstsein dessen, dass die Erklärung eines Wunders zur Auflösung selbigen führen würde.

Ist also erst einmal ein weiterer Beschreibungsbereich bestimmt, lässt sich dieser in selbstreferentieller Kreativität mit weiteren Beschreibungen ausfüllen. So können Maturana und Varela den eben konstruierten Begriff "Lernen" weiter definieren: Die genetische Struktur der Initialzelle eines Organismus selegiert den Rahmen der möglichen Ontogenese jedes Einzelnen. Sie "verhindert" also, dass ein Mensch fliegen oder wie Maturana sagt, kein "Elefant" werden kann (Maturana 1984: 68). Die Genese der Initialstruktur ist damit Resultat der Phylogenese, die aber keinesfalls den individuellen Weg oder "Tanz" jeder einzelnen Ontogenese bestimmt und sie so zu einer Epigenese werden lässt. "Daraus folgt, dass sich die instinktiven und die erlernten Verhaltensweisen nicht ihrer Natur nach unterscheiden, sondern durch die epigenetischen Entstehungsmöglichkeiten solcher Strukturen, die die sensomotorischen Korrelationen des Organismus [also sein Operieren, B.W.] der diese Verhaltensweisen zeigt, determinieren" (Maturana 1984: 67). Damit ist Lernen als das Phänomen der ontogenetischen Drift eines Lebewesens beschrieben, also als der Verlauf seiner Aufrechterhaltung von Organisation und Anpassung und so "eine notwendige Konsequenz der individuellen Geschichte jedes Lebewesens [ist, Klammer B.W.], das ontogenetische Plastizität aufweist" (Maturana 1984: 61).

Lernen ist so in dem gleichen Sinne ein biologisches Phänomen, wie es die Kognitionen sind: Es gehört zu unseren strukturellen Möglichkeiten als lebende Systeme, dessen Verlauf auf der Ebene unserer autopoietischen Organisation selbstreferentiell strukturiert ist und sich als ontogenetische Drift jeder instruktiven Planung entzieht.

Planen als selbstreferentieller Erkenntnisprozess

Das komplexe menschliche Nervensystem erweitert unsere strukturelle Plastizität auf dramatische Weise, ändert aber nicht im geringsten etwas an dem grundsätzlichen Prinzip der Selbstreferentialität und Autonomie aller lebender Systeme einschließlich ihrer Kognitivität. Dies ist das Radikale der Theorie autopoietischer Systeme, und sie hat große Bedeutung für die Sozialpädagogik: Jede Analyse, Diagnose und Auswertung ist ebenso wie jede Planung eine subjektgebundene Erkenntnisleistung des jeweiligen Sozialpädagogen und nicht etwa die Darstellung oder Ergebnis einer wie auch immer gestalteten objektiven Welt! Das bedeutet, dass nicht etwa "das" Problem, "die" Situation, "die" Klienten oder "das" Ziel usw. insbesondere in die sozialpädagogische Planung gleichsam als "Information" eingehen. Der Sozialpädagoge operiert vielmehr als kognitives System (einschließend seine Vorlieben, Vorstellungen, An- und Einsichten zu seiner sozialen Existenz und jedes anderen sozialen Phänomens) im Rahmen seiner autopoietischen Organisation geschlossen und autonom. Damit kann es keinen objektiven Zusammenhang zwischen der Planung und dem "zu Planenden" geben.

Das ist kein "Technologieproblem": Weder die klassische Empirie noch Konzepte wie z.B. das Sozialmanagement ("Zur Förderung systematischen Entscheidens, Planens, Organisierens, Führens und Kontrollierens in Gruppen", Müller-Schöll/Priepke 1983, siehe das "Eventualitätsproblem") sind in der Lage, dem Planenden vollständige Voraussagbarkeit und Steuerungsfähigkeit zu liefern, da dies ganz einfach nicht mit unserer biologischen Struktur und Organisation und damit der Nicht-Verfügbarkeit einer objektiven Welt vereinbar ist. Diese Erkenntnis ist eine notwendige Konsequenz aus dem Konzept der Autopoiese und wird zu einer "Selbstillusionierung der Profession" (Luhmann 1986: 85, dort im Kontext "Verstehen") führen, wenn die Sozialpädagogik sich erst einmal gründlich mit dieser Theorie befasst. Sie wird insbesondere jeden objektiven Rationalitätsanspruch aufgeben müssen, und zwar zugunsten der emotionalen biologischen Präferenz "Liebe", die wir im Zusammenhang mit sozialen Systemen bereits besprochen haben.

Wenn nun der Sozialpädagoge beginnt, ein professionelles Vorhaben zu planen (zu den diversen sozialpädagogischen Planungsaufgaben, s. Martin 1989), entkommt er nicht seiner eigenen selbstreferentiellen Kognitivität, d.h. jede Beobachtung bzw. jede Beschreibung, die er zur Planung benutzt, ist Ausdruck seiner eigenen kognitiven Struktur, die keinen direkten Zugang, keine strukturelle Verbindung mit dem/den zu Planenden besitzen kann. Diese Behauptung ist auch nicht dadurch zu entkräften, dass "offensichtlich" mit Hilfe "entsprechender" Auswertungs-, Kontroll- oder Evaluationsmethoden die "Richtigkeit" von Planungsvoraussetzungen und -thesen überprüft werden kann, denn der Planende als kognitives System kann immer auch einen kognitiven Bereich er-finden, in dem seine Planung scheinbar objektiv, tatsächlich aber in selbstreferentieller, subjektabhängiger Geschlossenheit bestätigt wird.

Auch dies ist nicht durch "bessere" Methoden zu vermeiden, sondern Teil unserer biologischen Existenz: Nur wir selbst können jeweils mittels weiterer (selbstreferentieller) Kontroll-Beschreibungen unsere eigenen Planungs-Beschreibungen überprüfen. Der verlockenden Vorstellung von der Voraussagbarkeit wird man nur dann nicht verfallen, wenn man sich den "kognitiven Mechanismus" verdeutlicht, der Voraussagbarkeit erst ermöglicht. Indem nämlich der Sozialpädagoge einen Beschreibungsbereich "Planung" entwickelt und diesen später in Beziehung setzt zu (s)einem weiteren Beschreibungsbereich "Auswertung", kann es ihm gelingen, als Meta-Beschreibung zu dem Ergebnis einer erfolgreichen Planung zu kommen. "Darum ist das Eintreten oder Ausbleiben einer Vorhersage immer eine Funktion der Beziehungen, die der Beobachter zwischen beiden Bereichen herstellt, und liegt nicht unabhängig davon an einem der beteiligten Systeme" (Maturana 1987d: 115). Die epistemologische Konsequenz aus diesem Konzept ist nicht zu übersehen: Der Sozialpädagoge muss sich selbst in den Mittelpunkt seiner eigenen Reflexion stellen. Als "kognitiver" Erzeuger oder Konstrukteur seiner eigenen beruflichen (wie privaten!) Wirklichkeit geht ihm eine vielleicht nicht immer bestätigende, so zumindest doch stets zur Rechtfertigung geeignete objektive Welt verloren, und er muss stärker als bisher Verantwortung für seine Konstruktionen, d.h. seine subjektgebundene Welt übernehmen.

Auf der Grundlage der Selbstreferentialität ist dies sogar die einzige Verantwortung, die das lebende System Mensch tatsächlich tragen kann, denn eine andere Welt außerhalb der eigenen Beschreibungen steht nicht zur Verfügung (siehe auch Simon/Weber 1988a: 272 f.). Jede Planung lässt also als eine selbstreferentielle Beschreibung des planenden Sozialpädagogen begreifen. Er bleibt stets an seine nicht-repräsentationistischen Beobachtungen gebunden und kann sich "lediglich" bemühen, eine ihm selbst Orientierung und Sicherheit bietende Vorstellung zu erzeugen, die ihn die "geplante" Situation im wahrsten Sinne des Wortes überleben lässt. Denn als biologisches Phänomen "misst" sich jede Kognition zunächst an ihrem nicht-destruktiven Beitrag für die Erhaltung der autopoietischen Organisation (Maturana 1987d: 113 und ders. 1982: 317).

Der selbstreferentielle Charakter jedes Planungsprozesses als Kognitionsprozess wird in einem längeren Zitat deutlich, das die Subjektgebundenheit jeder Beobachtung beschreibt und direkt für "Planung" umsetzbar ist: "Das Ziel des Beobachters [Planers, B.W.] ist es nicht, das System zu verstehen, sondern seinen Untersuchungsgegenstand [seine Planungsaufgabe, B.W.] auf eine Weise zu sehen und begreifen, dass er Antworten auf bestimmte Fragen oder Probleme erhält. Er definiert und konstruiert ein System und untersucht, ob dieses System von Variabeln, d.h. Eigenschaften, die er dem System zuschreibt, hilfreich und sinnvoll für sein Problem sind. Seine Vorstellung von einem [zu planenden, B.W.] sozialen System ist die Zuschreibung einiger (von ihm als wesentlich erachteter) und die Nichtberücksichtigung anderer (von ihm als im aktuellen Kontext unwesentlich bewerteter) Eigenschaften einer bestimmten Gruppe von Menschen. Er definiert das System so lange auf immer neue, unterschiedliche Weise, bis er eine für ihn nützliche Lösung erhält. Im Grunde könnte es dem Beobachter, Forscher oder Wissenschaftler [oder Planer, B.W.] also völlig gleichgültig sein, ob das von ihm entdeckte System "real" ist. Er braucht keine objektive Beschreibung und Erklärung, sondern Antworten auf [Pläne für, B.W.] seine spezifischen Fragen und Probleme - etwa bei zwischenmenschlichen Konflikten, Gruppenprozessen, psychischen Erkrankungen, Organisations- und Managementproblemen oder aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen" (Herwig-Lempp 1988: 6 f.).

In der Familientherapie wird das Konzept der Autopoiese schon seit Jahren in systemischen Ansätzen aufgegriffen, diskutiert und führt dort zu radikal neuen Sichtweisen und Methoden (vgl. Kersting in diesem Buch).

Schiepek und Kaimer (1988) argumentieren z.B. in Berücksichtigung der Selbstreferentialität für eine veränderte "Modellbildung" in der Diagnostik. Konzepte wie Kausalität und Objektivität sind aus erkenntnistheoretischen Gründen zu verlassen und stattdessen sollten neue, zur "Biologie der Kognition" passendere, Vorstellungen konstruiert werden. "Innerhalb der Selbstreferentialität kognitiver und sozialer Systeme lässt sich ein pragmatischer Begriff davon gewinnen, was als nützliche und relativ gut begründete Wirklichkeitskonstruktion gelten kann. [...] Gerade in der Therapie ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass Wirklichkeit auch immer anders konstruiert wäre, was durch Absolutheits- und Objektivitätsansprüchen des Diagnostizierens sogar verhindert würde. Die psychosoziale Praxis braucht diesen nie einlösbaren Ansprüchen nicht nachzutrauern" (Schiepek/Kaimer 1988: 252).

Abgesehen davon, dass sich in dem Konzept der Autopoiese die Selbstreferentialität auf das Operieren lebender, kognitiver und damit auch sozialer Systeme bezieht, die selbst natürlich erst durch das selbstreferentiell determinierte Interagieren lebender Systeme entstehen, halten wir es für sinnvoll, dieses Verständnis auch auf die sozialpädagogische Praxis auszudehnen. In Analogie zur begrifflichen Neubildung der "selbstreferentiellen Systembeschreibung", die die zitierten Autoren in ersatzloser inhaltlicher "Streichung" überkommender Diagnosebegriffe vorschlagen (Schiepek/Kaimer 1988: 260), lässt sich (sozialpädagogische) Planung als "selbstreferentielle Entwicklungsvorstellung" beschreiben, die dem Planenden vor allem Anlass und Legitimation für berufliches Verhalten und Intervention bietet. "In einer solchen Situation bekommt jedoch die Forderung nach Transparenz und Kritisierbarkeit der jeweiligen Wirklichkeitskonstruktion um so größere Bedeutung" (Schiepek/Kaimer 1988: 258 f.).

In der Tat wäre es kein "Gewinn", wenn eine sich konstruktivistisch orientierende Sozialpädagogik vom "Regen der Scheinobjektivität" in die "Traufe einer beliebigen Subjektivität" geraten würde. Die Theorie autopoietischer Systeme bietet keinen Ausweg aus der selbstreferentiellen Subjektgebundenheit jeder Erkenntnis. Aber das bedeutet nicht, dass unser Leben in Gemeinschaft, und mit dem beschäftigt sich die Sozialpädagogik, in Willkür "enden" muss.

Konsensuelles Planen als konstruktive Möglichkeit

"Der ethische Imperativ: Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen." (v. Foerster 1985b: 60)

Wir haben bereits dargestellt, dass im Konzept der Autopoiese die spezifisch menschliche "Errungenschaft" in der natürlichen Drift allen Lebens keine qualitativ verbesserte Struktur oder gar Organisationsform ist, sondern vielmehr eine besondere Form kommunikativen Verhaltens: die Sprache. Wie jedes andere kommunikative Verhalten ist Sprache gebunden an einen konsensuellen Bereich, der beim Menschen mit sprachlichem Verhalten beschrieben wird. Erst dieser "Bereich der Übereinstimmung" erlaubt es autopoietischen Systemen, die in ihrer geschlossenen Arbeitsweise keine objektive Welt zur Verfügung haben, koordiniertes Verhalten und damit Sozialität zu erzeugen. Dabei ist zu beachten, dass konsequenterweise auch diese Konsensualität niemals als ein tatsächliches, ontologisches Phänomen betrachtet werden kann. Es bleibt als Beschreibung an die Sprache eines Beobachters gebunden und ist somit nur eine "Erklärung" innerhalb dieser wissenschaftlichen Theorie.

Soziale Übereinstimmung setzt die Möglichkeit von Verstehen voraus. Dies ist aber für uns selbstreferentiell operierende Menschen im klassisch-hermeneutischen (Rusch 1986: 67) und empirischen Sinne (Luhmann 1986: 88) unmöglich. Was uns bleibt, ist die sprachliche Zuschreibung von "Verstehen" und "Übereinstimmung", die wir als soziale Wesen in Sprache ("languaging") nur sozial verwirklichen können, d.h. obwohl und gerade weil wir uns nicht verstehen können, müssen wir uns konsensuell, also sprachlich darauf verständigen. Diese Vorstellung erlaubt erst die Beschreibung von Phänomenen wie "strukturelle Kopplung dritter Ordnung" und "ko-ontogenetische Drift", denn das Lebewesen selbst "kennt" nur die Aufrechterhaltung seiner Organisation. "Weil es also allein im Ermessen der Verstehenshandelnden liegt, seine Verstehenszuschreibungen als berechtigt oder unberechtigt zu qualifizieren, und weil die Verstehenszuschreibung [...] ausschließlich von den subjektiven Verstehenskriterien und Operationalisierungen abhängig ist, kann die Selbstzuschreibung von Verstehen auch nur so verlässlich und der subjektiven Einschätzung nach nur so sicher sein, wie die subjektiven Kriterien und Operationalisierungen des Verstehens über Zweifel erhaben sind. Die wichtigst Prüfinstanz dafür ist aber nun gerade nicht so etwas wie die Richtigkeit oder Wahrheit der jeweils entwickelten Auffassung, sondern deren Intersubjektivität" (Rusch 1986: 67). Intersubjektivität ist die konsensuelle und nicht objektive Definition einer Welt. Es ist deshalb nicht nur ungenau, sondern schlicht falsch, wenn man Konsensualität gleichsam als die "konstruktivistische Variante" einer objektiven Welt behandelt, jedoch bei der vagen Vorstellung einer "wirklichen" Objektivität bleibt. "Aus der Selbstreferentialität und damit der Relativität der Wirklichkeitskonstruktion gibt es im Grunde kein Entkommen" (Schiepek/Kaimer 1988: 251).

Diese radikale Schließung stellt Prange (1986) ebenso originell wie scharfsinnig an einem geradezu klassischen Beispiel der pädagogischen Literatur vor. Ausgehend von jener Stelle in Makarenkos "Pädagogischem Poem", in der der Erzieher den "Zögling" schlägt, beschreibt er, wie Makarenko im Rahmen seiner eigenen selbstreferentiellen Kognitivität aus der Darstellung dieser "Grundsituation" eine generelle Erziehungsform (die der "Explosion") von "systematischer Allgemeinheit" konstruiert: Zunächst scheint der Erzieher nur innerhalb einer spontan ablaufenden Handlung ("gelebte Situation") zu sein, in der sein Verhalten unmittelbar Resultat seiner eigenen Selbstreferentialität ist. Nun bezieht Makarenko die "Selbstreferenz" des Jungen ein, d.h. er lässt den Erzieher darüber nachdenken, wie die Situation aus Sicht des Jungen bzw. in welchem Interaktionszusammenhang sie mit dem Jungen abgelaufen ist. "Dieses Verstehen ist historisch in dem genauen Sinne, dass eine Szene als res gesta betrachtet wird und rückläufig von den Selbstreferenzen her gedeutet wird, die den Mitspielern zugeschrieben [Hervorhebung B.W.] werden, ..." (Prange 1986: 266). Durch die Einbeziehung einer weiteren Selbstreferenz, aber immer im Rahmen der selbstreferentiell geschlossenen Kognitivität des Erziehers (bzw. Makarenkos), wird aus der Grundsituation eine pädagogische Situation ("Erlebnis"), deren Gültigkeit (scheinbar) auf die Selbstreferenz des Jungen ausgeweitet wurde.

Zu einer "analytischen Situation" ("Erfahrung") für Makarenko wird die besagte Szene durch die Einbeziehung weiterer "Selbstreferenzen" in Form anderer Situationen (Erlebnisse), die insofern vergleichbar sind, als dass sie der Reflexion der aktuellen Situation nicht widersprechen bzw. diese sogar plausibilisieren. Die "Bestätigung" der Analyse durch den Vergleich mit passenden weiteren "Selbstreferenzen" ("kommunikative Selbstreferenz") führt nun zur Konstruktion einer "pädagogischen Figur" als generelles Erziehungsmuster mit allgemeiner Gültigkeit, die jedoch "nur" innerhalb der geschlossenen Kognitivität Makarenkos in einem Prozess der schrittweisen Verallgemeinerung ("komparative Allgemeinheit") entstanden ist.

Wenn also keine Objektivität bleibt, unser Leben in (sprachlicher) Gemeinschaft zu überprüfen, zu bestätigen oder gar zu verändern, müssen wir auf der Grundlage unserer Kognition den "Teufelskreis" zu einem "kreativen Zirkel" machen und die praktisch unbegrenzten Möglichkeiten der konsensuellen Wirklichkeitskonstruktion nutzen (s. Simon/Weber 1988b). Nur so ist eine Welt in Liebe möglich, d.h. die soziale Akzeptanz und Berücksichtigung des jeweils anderen Menschen ( und jedes anderen Lebewesens!) mit seinem gleichermaßen legitimen Recht auf Über-Leben. "In diesem Sinne schaffen also erst die autonomen Kognitionsprozesse miteinander interagierender kognitiver Systeme die Voraussetzung dafür, dass im Verlauf ihrer Interaktionen Regularitäten entstehen können, die aus der Sicht der einzelnen Organismen als Erfüllung ihrer Erwartungen, Erreichung ihrer Handlungsziele, Planbarkeit ihres Verhalten und als Kalkulierbarkeit ihrer Interaktionspartner erscheinen." (Rusch 1986: 55) und: "Die Effektivität der Beeinflussung der Umgebung, die der Erfolg der experimentellen Wissenschaften zeigt, ist daher nicht überraschend. Sie ist in der Tat ein notwendiges Ergebnis der grundlegenden letzten Bezugsnahme unserer wissenschaftlichen Aussagen (qua Verhalten in einem konsensuellen Bereich) durch die Verwirklichung unserer Autopoiese in einem konsensuellen Bereich auf den Raum (den physikalischen Raum), den wir als autopoietische Systeme definieren" (Maturana 1987d: 115). So ist also auch die Planbarkeit sozialpädagogischer Wirklichkeit unmittelbar abhängig von der Konsensualität aller Beteiligten und seine Effektivität ist an unser kommunikatives Verhalten gebunden.

Eine Konsequenz muss daher die Entwicklung einer partizipierenden Didaktik und Methodik sein, die einen Bereich der Konsensualität nicht einfach voraussetzt, sondern bewusst schafft.

Dies könnte geschehen, indem der Prozess des Planens als Teil der sozialpädagogischen Arbeit offen für die Beteiligung der Klienten zur Verfügung gestellt wird (siehe z.B. "idealtypische Merkmale Offener Curricula", Brügelmann 1972 in Krapohl 1987, s.o.). Hier sind die Sozialpädagogen vor allem selbst gefordert, die Illusion der determinierenden Planung aufzugeben und sich viel stärker als bisher auf einen ko-ontogenetischen Lernprozess einzulassen. "Temporalisierung löst, wo Technologie defizitär ist und sein muss, das Prinzip der langfristigen Vorplanung ab (Luhmann/Schorr 1982, Luhmann 1984). Vom Therapeuten erfordert dies kommunikative und kognitive Anschlussfähigkeit: die Bereitschaft, an aktuelle Dynamiken anzuknüpfen" (Schiepek/Kaimer 1988: 261).

Was der Therapie teuer ist, könnte der Sozialpädagogik auch etwas wert sein: Konsensuelle sozialpädagogische Planung ist darum prozessbegleitend (Vogel 1988) und nicht "vom Schreibtisch aus" zu bewerkstelligen.

Sicher ist hier nicht zu leugnen, dass das breite Spektrum der Planung auch Aufgaben umfasst, die sehr wohl vorher organisiert werden können und sollten (siehe Martin 1989: 64, Planungsaspekt "Vorbereitung"), soweit sie nicht schon vorentschieden sind (siehe Diederich 1988: 113 f.). Der Sozialpädagoge muss seine Eingebundenheit in den organisatorisch/institutionellen und gesellschaftlichen Kontext seiner Arbeit als Teil seiner sozialen Existenz erkennen (!) und nach seinen jeweiligen Reflexionen verantwortlich handeln (oder nicht handeln).

Die wichtigere Konsequenz aus dem Konzept der Autopoiese ist unserer Meinung nach der "soziale Imperativ" (Maturana/Varela 1987a: 265): "Alles menschliche Tun findet in der Sprache statt. Jede Handlung in der Sprache bringt eine Welt hervor, die mit anderen im Vollzug der Koexistenz geschaffen wird und das hervorbringt, was das Menschliche ist. So hat alles menschliche Tun eine ethische Bedeutung, das dazu beiträgt, die menschliche Welt zu erzeugen. Diese Verknüpfung der Menschen miteinander ist letztendlich die Grundlage aller Ethik als eine Reflexion über die Berechtigung der Anwesenheit des anderen."

Genauso wenig wie eine "Rückkoppelungsschleife" noch keinen "systemischen Ansatz" ausmacht (Schiepek/Kaimer 1988: 245), ist z.B. die Arbeit nach dem Konzept des "Offenen Curriculums" (s. Krapohl 1987) nicht gleich "autopoietisch-konstruktivistische Sozialpädagogik". Die größere Offenheit bleibt solange nur ein technologisches Merkmal, wie nicht diese ethischen Implikationen jeder sozialen Handlung Eingang finden in die Theorie und Praxis der Sozialpädagogik, die dann die Möglichkeit hätte, liebevolle Arbeit ("Provokateur aus Liebe", s. Kersting 1991) zu tun: "Eine Gesellschaft, in der die Liebe unter den Menschen aufhört, zerfällt. Nur Zwänge der einen oder der anderen Art, z.B. das Risiko, das Leben zu verlieren, können einen Menschen, der kein Parasit ist, zu der Täuschung veranlassen, als Mitglied eines sozialen Systems ohne jede Liebe zu handeln. Sozial sein schließt immer ein, mit anderen zusammenzugehen; und aus freien Stücken geht man nur mit dem zusammen, den man liebt" (Maturana 1987e: 300).

Die "Autopoiese" scheint uns ein passendes (i.S. v. von Glaserfeld 1985: 20) Konzept für eine neue Orientierung in der didaktischen Theorie- und Methodenbildung zu sein, in der die konstruktiven und kreativen Möglichkeiten und Beiträge derjenigen stärker Beachtung finden, die häufig in Theorie und Praxis "überplant" bzw. "planiert" werden: die Klienten.

Gleichzeitig müssen die Planenden, also die Pädagogen und Didaktiker, die Grenzen ihrer Möglichkeiten sehen lernen und sich so, weit weg von jeder verbindlichen Ethik, Bedingungen für konsensuelles Planen/Handeln konstruieren.

Dieser Verzicht auf allgemeingültige Theorien, die von Normen zur Ziel- und Methodenebene (und zurück) deduzierbar sind, tatsächlich aber keine Aussagen zu ihrer "sozialen Brauchbarkeit" (im Sinne des vorgestellten Autopoiese-Konzepts) treffen müssen, wird ein schwieriger Abschied sein und die intensive Beschäftigung mit den erkenntnistheoretischen Grundlagen unserer "Wirklichkeit" voraussetzen. An ihre Stelle treten dann Theorien, die weiterhin konsequent ihre jeweilige Ethik vertreten und darstellen, aber auch bereit sein müssen, genau diese zur Disposition zu stellen, wenn sie nur (noch) mit Macht und ohne Beteiligung der Betroffenen "durchgesetzt" werden kann.

Ergebnis dieses Prozesses könnte eine neue Theorie und Praxis (sozialer) Pädagogik sein, die auf keiner Objektivität oder gar Heiligkeit beruht, sondern pragmatische und praktische Möglichkeiten zur Konstruktion individuell (und zugleich sozial!) zufriedenstellender Wirklichkeiten eröffnet, indem sie sozial, d.h. durch Kommunikation und in Liebe miteinander geschaffen werden.

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Vorwort

Der zweite Doppelpunkt (Theodor M. Bardmann)

Organisationen (Hans-Christoph Vogel)

Planen, Autopoiese und Sozialpädagogik (Bernd Woltmann)

Intervention (Heinz J. Kersting)


Intervention

Die Störung unbrauchbarer Wirklichkeiten

von Heinz J. Kersting
(viertes Kapitel des Buches Irritation als Plan - Konstruktivistische Einredungen, Kersting Verlag, Februar 1991)

"...so sind nichttriviale Maschinen lästige Zeitgenossen: man weiß nicht, was sie tun und auch nicht, was sie tun werden. Man sehnt sich daher nach trivialen Maschinen und versucht alles, was nach Nichttrivialität aussieht, schleunigst zu trivialisieren. Wie wir wissen, sind manchmal die Antworten unserer Kinder recht unerwartet: auf die Frage, wieviel ist zwei mal zwei, könnte man ‘grün' als Antwort bekommen. Das geht zu weit. So werden die Kinder in die Schule - die große staatliche Trivialisierungsmaschine - geschickt, damit sie dann mit den erwarteten Antworten herauskommen." (Heinz von Foerster 1988:16)

1. Sieben Antworten auf eine einfache Frage

Mein Automobil ist eine triviale Maschine. Wenn ich ein Problem mit ihm bekomme, fahre ich in die Werkstatt. Dort stellt der Meister eine Diagnose, in hochmodernen Werkstätten übernimmt das eine andere triviale Maschine: ein Computer. Darauf folgt die Intervention, der Eingriff: Reparatur genannt. Funktioniert das Fahrzeug, war die Diagnose richtig, die Intervention entsprechend und das Ergebnis hoffentlich dem zu zahlenden Preis angemessen. Das Problem ist durch direkte Intervention gelöst.

Menschen sind keine trivialen Maschinen. Sie funktionieren nach dem Modell der "Black-box". "Schwarze Dose" nannte man im 2. Weltkrieg erbeutetes Feindgerät, das man sich wegen einer möglicherweise darin versteckten Sprengladung nicht zu öffnen getraute. Um herauszubekommen, was das Gerät tat, ohne deswegen schon zu wissen, warum es etwas tat, war es notwendig, in das Gerät bestimmte Strommengen einzuführen und darauf die Ausgabewerte zu messen (vgl. Watzlawick 1969:45). Input und Output sind bei "Black-boxes" messbar, die Prozessabläufe im Inneren der Dose bleiben unbekannt.

Ähnlich verhält es sich mit Interventionen in der Sozialarbeit, Pädagogik, Supervision, Therapie, Organisationsentwicklung, Sozialpolitik. Menschen können nicht durch Menschen direkt und unmittelbar beeinflusst werden. Da Menschen eben keine trivialen Systeme sind, "kommt" so einfach niemand "dazwischen". (Intervention wörtlich übersetzt heißt: Dazwischenkommen). Operativ geschlossene Systeme erlauben kein Eindringen, und das Konstrukt von der Selbstreferentialität, welches das etwas reduzierte Bild vom Menschen als einer "schwarzen Dose" ablösen soll, beschreibt den Menschen als ein System, das sich in zirkulärer Weise kontinuierlich selbst "beredet" und so reproduziert. Zu diesem Konstrukt gehört, dass es als unbeeinflussbar durch seine Umwelt erscheint. Was tun aber dann Interventionisten (Therapeuten, Lehrer, Supervisoren, Organisationsentwickler, Erwachsenenbildner, Sozialpädagogen, Sozialpolitiker etc.), wenn sie so tun, als ob sie intervenierten?

Die erste Antwort auf diese Frage lautet: Interventionisten kommunizieren, wenn sie intervenieren.

Kommunikation ist der Versuch einer Kontaktaufnahme zweier oder mehrerer selbstreferentieller Systeme die miteinander Kontakt aufnehmen. Ein scheinbar paradoxes Geschehen, das sich selbst einem sonst so sprachgewaltigen Konstruktivisten wie dem Biologen Maturana entzieht, so dass andere (z. B. Clemenz 1988:337 f. und 342 ff.) meinen, er verwickele sich bei der Beschreibung dieses Vorgangs in logische Widersprüche (siehe Maturana 1987:17 und 24; 1982:264; 250).

Offensichtlich sind menschliche Systeme dank der Sprachfähigkeit, wie und wann immer sie in der Menschheitsgeschichte entstanden sein mag, nicht total abgeschlossene Systeme und in der Lage, tatsächlich im Vermitteln von Botschaften sich auf gemeinsamen Sinn zu verständigen, Sinn zu konstituieren, Sinn zu konstruieren, was nicht heißt, dass sie nun "eines Sinnes" sind, was aber Möglichkeiten eröffnet, Vereinbarungen für gemeinsames Handeln zu treffen. Aus diesem Grunde bleibt für mich auch das von den Kommunikationswissenschaftlern früher häufiger verwendete Konstrukt vom Menschen als einem "offenen System" (vgl. Watzlawick 1969:122) weiterhin in diesem Zusammenhang brauchbar. Die Didaktiker, die sich auf diese Kommunikationswissenschaft beriefen, sprachen manchmal davon, dass es notwendig sei, eine Verständigungsmöglichkeit der Menschen vorauszusetzen (vgl. z. B. Boettcher 1980:77 f. und die Auseinandersetzung mit dieser "kommunikativen Didaktik" bei Woltmann in diesem Buch). Auch Maturana räumt ein, dass strukturell vergleichbare Systeme in einem gleichen Milieu vergleichbare neue Strukturen ausbilden (d. h. lernen) können, die eine Erfahrung und die Beschreibung dieser Erfahrung ermöglichen, die als Verstehen oder gemeinsamer Sinn konstruiert wird.

Trotzdem sei die Frage erlaubt, ob "echtes Verstehen" nicht unmöglich bleibt, nicht weil es unmöglich ist, sondern weil wir es außerhalb unserer Kognition nicht "objektiv" - beobachten können und wir es für erfolgreiche Kommunikation als passendes Verhalten gar nicht brauchen. Die Frage lautet dann nicht: Hast Du mich wirklich verstanden? Sondern: Habe ich Dich (Du mich) wirksam orientiert?

Maturana spricht in diesem Zusammenhang sehr häufig von der Liebe als der "grundlegende[n] Emotion (Handlungsdisposition) lebender Systeme, die zu jener Art von rekurrierenden Interaktionen führt, die ihre Koexistenz in wechselseitiger Anerkennung als lebende Systeme im Bereich ihrer Interaktionen bedingt." (Maturana 1987:21)

Intervention ist also eine Form der Kommunikation. Kommunikationswissenschaftler sprechen dann gewöhnlich von einer komplementären Kommunikationsposition, in der sich Pädagoge, Therapeut, Supervisor, Berater als Intervenierer befinden, während sich das intervenierte Klientsystem in einer sekundären Komplementarität befindet. Doch halten wir fest: In dieser Kommunikation stehen sich zwei unterschiedliche, nichttriviale (autopoietische) Systeme gegenüber. Das Für-einander-offen-Sein ist sehr eingeschränkt und ist auf keinen Fall symbiotisch zu verstehen, eher könnte man es "parasitär" nennen [1]. Es gibt allenfalls "Anschlussstellen", oder, um im Bild vom Parasiten zu bleiben, "Anstichstellen", und um die Suche nach einer solchen Anschlussstelle bzw. Anstichstelle geht es uns.

Im Gegensatz zu herkömmlichen Vorstellungen bedeutet Intervention unter diesem Blickwinkel, dass das, was der Interventionist tut, sein Kommunikationsakt, nur dann wirken kann, wenn es sich als Ergebnis der inneren Wahrnehmung des zu beeinflussenden Systems darstellt. Das, was Intervention möglicherweise auslöst, kann nur ankommen, wenn es gleichsam eigener Bestandteil des Systems geworden ist, oder informationstheoretisch gewendet: wenn die Intervention (genauer wenn das, was der Interventions-In-put im Inneren des Systems bewirkt) zu einem Informationsdatum im geschlossenen Kreislauf des Systems wird und es dieses als eigenes, nicht als fremdes Datum identifiziert. Erst dann wirkt die Intervention. Wichtig dabei ist, dass wir uns die Intervention nicht als eine Instruktion aus der Außenwelt des Systems vorstellen. Es empfiehlt sich darum, den Kommunikationsvorgang der Intervention erst gar nicht mit der Vorstellung von Informationsübertragung - gleichsam von außen nach innen - in Verbindung zu bringen. Konstruktivisten sprechen darum lieber von Orientierung als von Information. Ebenso wenig hängt der Effekt einer Intervention von der Intention, der Absicht, der Zielsetzung des Beeinflussers ab, sondern von den Strukturen, Ordnungsvorgaben, den Regeln, zusammengefaßt: von der Selbststeuerung des Systems, das Adressat der Intervention ist.

Außerhalb extremer gewalttätiger Machtausübungen, wo versucht wird, Menschen unter Zwang zu "trivialisieren", ist eine direkte Lenkung des Verhaltens anderer Menschen durch Menschen ausgeschlossen.

Die zweite Antwort auf die Frage, was tun Interventionisten, wenn sie intervenieren, lautet: Sie lassen sich herausfordern zu intervenieren.

Wenn ein zu intervenierendes System einen Interventionisten dazu auffordert bzw. ihn dazu verführt zu intervenieren, ist Intervention möglich. Der Intervenierer besitzt nicht die alleinige Definitionsmacht darüber, was eine Intervention ist. Erst wenn das zu intervenierende System selbst definiert, dass das jetzt eine Intervention ist, die vom Intervenierer ausgeht, kommt es zur Intervention. Wenn beide einen Konsens herstellen über das, was für sie beide Intervention bedeutet, wenn beide ein System konstituieren, in dem interveniert werden kann, wenn beide gemeinsamen Sinn stiften über die jeweilige Rolle als Interventionist und als Intervenierter kann es zu sinnvollen und brauchbaren Interventionen kommen. Der Intervenierer wird zum Unterdrücker, wenn er allein die Situation zu definieren sucht. In der Unterdrückung begibt sich der Interventionist der Fähigkeit zum sinnstiftenden Intervenieren, weil diese ihm nur vom Intervenierten verliehen werden kann. In der Pädagogik nennt man diese Erziehung ohne Auftrag "schwarze Pädagogik" oder "Zwangserziehung", was ein Widerspruch in sich ist. Paulo Freire (1972: 76) spricht vom "Bankierskonzept" in der Erwachsenenbildung und stellt diesem Konzept sein "dialogisches Lernen" gegenüber. Lange (1972: 15 f.) fasst die Idee Paulo Freires so zusammen, dass für Freire "Lernen nicht das ‘Fressen' fremden Wissens [ist], sondern die Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation als Problem und die Lösung dieses Problems in Reflexion und Aktion. Lehren ist entsprechend nicht Programmieren, sondern Problematisieren, nicht Abkündigen von Antworten, sondern Provokation des Zöglings zur Selbstbestimmung. Die pädagogische Lage... verändert sich von Grund auf. Lehrer und Schüler stehen sich nicht mehr in unaufhebbarer Rollenverteilung gegenüber. Der ‘Lernstoff' ist ja die Lebenssituation des Schülers und seine Erfahrung von dieser Situation, sein Bewußtsein mit allen darin enthaltenen Widersprüchen... An die Stelle des pädagogischen Fütterungsvorganges tritt ein dialogisches Lernen aus der Lebenswirklichkeit der Schüler und ihrer Veränderung" [2]. Erst der Intervenierte erschafft den Interventionisten. Ohne Interventionisten, der sich herausfordern oder verführen lässt zur Intervention, gibt es keinen Intervenierten. Dieses Konstrukt schließt die Komplementarität von Interventionisten und Intervenierten ein und setzt zugleich ein Konstrukt von einem Kommunikationssystem, in dem sich die beiden befinden, voraus. Intervenieren als Prozess ist also die konsensuelle Konstruktion von Wirklichkeit in einem sozialen System, deren Mitglieder durch Zuschreibung von "Ursache" und "Wirkung" einen Intervenisten von einem beeinflussten Teil des Systems unterscheiden. In den herkömmlichen Beschreibungen von Intervention wird so getan als wären diese Ursache-Wirkung-Zuschreibungen die ganze Wahrheit.

Selbstverständlich könnte auch folgende Situation konstruiert werden, in der der "Interventionist" sich nicht als Intervenierer versteht, seine ihm von anderen, die sich als Intervenierte definieren, zugeschriebene Rolle für sich nicht akzeptiert [3]. Nicht selten wird auch (in der Form einer Projektion,) einer außenstehenden Person die Ursache für eine Veränderung zugeschrieben, die die zuschreibende Person sich selbst oder jemand anderem genau so attribuieren könnte.

Die dritte Antwort auf die Frage, was tun Interventionisten, wenn sie intervenieren, lautet: Sie hoffen.

Beeinflussung ist nämlich allenfalls Selbstbeeinflussung, Zulassen der Beeinflussung, Aufnahmen eines Umweltereignisses, das unterschieden ist von anderen Umweltereignissen, wobei diese Unterscheidungen von Menschen durch die Sprache vorgenommen werden. Intervention "bewirkt", so hofft der Interventionist (und seine Hoffnung kann erfüllt oder enttäuscht werden), dass etwas im intervenierten System geschieht, was für das System brauchbar ist, wobei über die Brauchbarkeit, mögliche Verbesserungen, oder gar Heilungen, das intervenierte System die Unterscheidungen trifft und nicht der Interventionist.

Der Interventionist hofft, dass die Zuschreibung des Intervenierten lauten wird: Du hast mir geholfen! Das ist ein Paradox, da sie ja wissen, dass Veränderung immer im System des Intervenierten stattfindet.

Der herausgeforderte (vgl. die zweite Antwort) Interventionist hofft (vgl. die dritte Antwort) m.a.W., dass seine Kommunikation (vgl. die erste Antwort) im intervenierten System zu einem brauchbaren Ereignis wird.

Intervention ist, wenn wirklich etwas "dazwischen angekommen" ist, das Akzeptieren. Als Akzeptieren ist das Annehmen einer Wahrnehmung, die in Differenz zur bisherigen Wahrnehmung steht. Darüber hinaus ist sie das Aufnehmen dieser differenten Wahrnehmung in das Regelwerk des Systems. Aufgenommen und angenommen ist die Intervention, wenn sie in der Selbststeuerung als eigenes Informationsdatum verarbeitet wird und zu einem selbstreferentiellen Prozess wird.

Bei dieser Informationsverarbeitung geschehen Veränderungen im System. Bedeutsame Veränderungen werden dann erreicht, wenn die Unterscheidungen im Inneren des Systems als Informationen, die im System selbst erzeugt sind, Veränderungen im Regelwerk des Systems bewirken. Wichtig ist allerdings, dass bei diesem Vorgang das Regelwerk als Netzwerk der Autopoiese des Systems nicht zerstört wird (vgl. Willke 1988: 49).

Die vierte Antwort auf die Frage, was Interventionisten tun, wenn sie intervenieren, lautet: Sie lassen die Eigenleistung des intervenierten Systems zu.

Sozialpolitik, Sozialarbeit, Supervision, Pädagogik, Therapie, Organisationsentwicklung sind nur als Eigen-leistung des beeinflussten Systems möglich. Doch braucht die Therapie den Therapeuten, die Supervision den Supervisor, die Pädagogik den Pädagogen, die Erwachsenenbildung den Andragogen. Therapie, Supervision, Erwachsenenbildung, Sozialpädagogik usw. sind Interventionssysteme, sie werden von den professionellen Beeinflussern und den Klienten zusammen konstruiert (vgl. Kersting 1977: 31 f.) und zwar zu dem Zweck (das ist ihr hauptsächlicher Sinn), eben jene Irritation zu erzeugen, die das intervenierte System von sich aus dazu bringt, sich von seinen bisherigen unbrauchbaren Selbstdeutungen zu distanzieren.

Die fünfte Antwort auf die Frage, was tun Interventionisten, wenn sie intervenieren, ist demnach: Sie glauben, dass ihre Intervention sinnvoll sein könnte.

Selbstverständlich konstruieren Interventionisten sich einen Sinn für ihr Tun. Was die Intervenierten mit der Irritation, mit der Störung anfangen, steht in der Verantwortung der Intervenierten. Da es im eigentlichen Sinne um Selbständerung geht, kann die Stärkung durch den Intervenisten nur Auslöser sein. Dafür wird sich der Intervenist einen Sinn konstruieren müssen, an den er glauben kann. Manche berufsmäßigen Interventionisten sagen ‘unter sich' zueinander, dass sie mit ihrer Interventionsarbeit versuchen, "der Langeweile zu entkommen" (Keeney 1987: 117). Theo Bardmann (1990) würde sich die Sinnfrage so nicht mehr stellen und Interventionisten und Intervenierten wechselweise die Parasitenrolle zuschreiben.

Irgendeine Form von Einredung, an die der Interventionist wenigstens zeitweise glaubt, braucht der professionelle Intervenierer, besonders dann, wenn er sich als Störer versteht. Denn, wenn z. B. der Intervenierer nicht daran glaubt, dass menschliche Kommunikation, menschliche Zusammenarbeit und menschliches Leben sinnvoll sind, zumindest sinnvoller als das jeweilige Gegenteil, dann wird es auch seinen Interventionen keinen Sinn zuschreiben. Glaubensgewissheit ist allerdings so leicht nicht zu bekommen (vgl. Maturana/Varela 1987: 19 f.).

Vermutlich bleibt nur die Redlichkeit des Agnostikers, der das Entweder-Oder von erkannter Sinnhaftigkeit und behaupteter Sinnlosigkeit ablehnt und im Weder-Noch extremer Positionen die Möglichkeit für einen Sinn offenhält, ohne ihn definieren, beweisen und anderen vorschreiben zu können (vgl. Hergemöller 1985). Einigen Menschen widerfuhr Erleuchtung, allerdings scheint die Erleuchteten die Frage nach dem Sinn nicht mehr zu interessieren. Sie schweigen und leben (vgl. Luhmann/Fuchs 1989). Den Noch-Nicht-Erleuchteten bleibt darum vorläufig nur das etwas mühselige Geschäft, sich die Sinnhaftigkeit ihres Intervenierens einzureden, zu glauben, dass ihr Tun sinnvoll sein kann.

Die sechste Antwort auf die Frage, was tun Interventionisten, wenn sie intervenieren, ist demnach: Sie konstruieren zusammen mit ihren Klienten Interventionssysteme, in denen Irritation möglich wird.

Die durch die Irritation provozierte Distanz von den alten, problematisch gewordenen Selbstdeutungen ermöglicht im günstigsten Fall neues Verstehen, alternative Sichtweisen, andere Sinnkonstitutionen und somit Veränderungen. Wirkungsvolle Intervention irritiert das intervenierte System, verstört den bisherigen Prozessablauf, sie stört - ohne die Selbststeuerung des Systems zu zerstören. In der selbstgesteuerten Reaktion des Systems auf diese Störung sind Veränderungen, die das System selbst vornimmt, möglich [4].

Die siebte Antwort auf die Frage, was tun Interventionisten, wenn sie intervenieren, lautet: Sie lieben ihre Klienten.

Ohne Liebe sind Empathie und Kooperation nicht möglich. Ohne Liebe zu den Klienten wäre jede Irritation Gewaltausübung und Unterdrückung. Erst die Liebe, so fragmentarisch die sprachlichen Zuschreibungen auch sein mögen (vgl. Barthes 1984), die wir Menschen für dieses Beziehungsereignis uns einfallen lassen, ermächtigt uns, andere Deutungen zuzulassen und passende Unterscheidungen zu treffen für die Freiheit, die Gleichwertigkeit und Kooperation der Menschen.

Der liebende Interventionist kooperiert mit seinen Klienten, indem er sie irritiert (vgl. die sechst Antwort), er vertraut auf deren Eigenleistung (vgl. die vierte Antwort) und glaubt an den Sinn des gemeinsamen Tuns (vgl. die fünfte Antwort).

2. Drei alte Tugenden

Es sind die alten drei Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe, die die Bedingungen für die Intervention ausmachen.

Der Interventionist glaubt daran, dass das intervenierte System selbst seinen Interventionisten beauftragt, ihn gleichsam selbst erschafft und seine positive Veränderung selber leisten kann. Die Sozialarbeit hatte bereits in ihren Anfängen das Prinzip von der "Selbstbestimmung des Klienten" aufgestellt. Die Pädagogik spricht seit alters her vom "Erziehungsauftrag", den der Edukandus dem Edukator erteilen muss, soll denn Erziehung überhaupt zustande kommen. Oder anders ausgedrückt, soll sich der "Störer" nicht als "Störenfried" empfinden.

Der Interventionist hofft, dass das intervenierte System in der Lage sei, die für es brauchbare Veränderung selbst vorzunehmen. Er provoziert störend das intervenierte System. Die frühe Sozialarbeit definierte sich bereits als "Hilfe zur Selbsthilfe".

Der Interventionist liebt das zu intervenierende System und arbeitet mit ihm zusammen. Er ist ein Provokateur aus Liebe, der zwar das Beste für seine Klienten will, der aber nicht wissen kann, was "objektiv" das Beste für seine Klienten ist. Die alte Sozialarbeit entwickelte früh den Bergriff vom "Kontrakt", dem Arbeitsbündnis zwischen Sozialarbeiter und Klienten, und sprach von der "helfenden Beziehung" und der "Akzeptanz des Klienten".

Die Handbücher (vgl. z. B. Pfaffenberger 1966, Biestek 1972, Lowy 1973) zur Sozialarbeit nannten diese Tugenden Haltungen, die der Sozialarbeiter neben dem intellektuellen Wissen und den methodischen Fertigkeiten unbedingt besitzen müsse. Alle diese Haltungen oder Tugenden, das Glauben, das Hoffen und das Lieben, sind ohne Kommunikation nicht denkbar. Das Herzstück des Wortes Komm-uni-kation aber ist die Unio, die Einigung, die das Ziel allen "tugendhaften Handelns" (Thomas von Aquin) ist.

So kann man alle oben gegebenen Antworten auf die Frage: Was tun Interventionisten, wenn sie intervenieren, bündeln in der ersten Antwort: Interventionisten kommunizieren, wenn sie intervenieren.

Die Antwort auf diese Frage und die vielen möglichen Facetten machen deutlich, dass Frage und Antwort selbst rückbezüglich, rekursiv also selbstreferentiell sind: Er hofft, dass er selbst hofft, er glaubt, dass er selbst glaubt, er liebt sich selbst als Liebenden [5].

Alle Interventionen sind Kommunikationsakte. In allen Kommunikationsakten werden Unterscheidungen gebildet. Keiner kann Unterscheidungen bilden, ohne zu interpunktieren [6]. Keiner kann interpunktieren, ohne zu ordnen. Keiner kann ordnen, ohne Komplexität zu reduzieren.

Keiner kann verändern, ohne in einem Kommunikationsvorgang diese Reduktion wieder aufzuheben, d.h. die Dinge, die Menschen, die Welt komplexer zu sehen. Perplex stellt er fest, dass sich die Tür zu anderen Räumen öffnen lässt, dass hinter dem Horizont der Weg weitergeht, und dass hinter den Bergen auch noch Menschen wohnen. Wer komplexiert, bringt seine bisherige Ordnung durcheinander. Wer seine bisherige Ordnung durcheinanderbringt, ist gezwungen, auf's Neue zu interpunktieren. Dieses Interpunktieren wird auf jeden Fall zu anderen Ergebnissen kommen, als das Interpunktieren in der früheren Ordnung [7].

Manchmal sieht es auf den ersten Blick so aus, als wären es die alten Interpunktionen, als wäre es die frühere Ordnung. Der Intervenierte muss nämlich die Störung, die Irritation und die Perplexität, die sich nicht selten mit der Situation des "Ochsen vor dem Berge" beschreiben lässt, einbeziehen ins Interpunktieren. Wenn er also interpunktiert, man könnte auch sagen, bei sich interveniert, bildet er neue Unterscheidungen; er setzt zwischen seiner alten Ordnung und der neuen andere Unterscheidungen, was manchmal so aussieht, als baue er neue Unterscheidungen in das alte Regelwerk seiner bisherigen Unterscheidungen ein, denn Unterscheidungen sind Unterscheidungen, die Unterschiede machen (vgl. Bateson 1984). Wer Unterscheidungen bildet, kommuniziert. Wer kommuniziert, lebt. Wer lebt, verändert sich. Veränderungen geschehen immer und ständig, so lange einer lebt. Intervention ist das Anbringen, Einbringen, Annehmen, Aufnehmen, Einreden von Unterscheidungen: Sie ist die "sanfte Kunst des Umdeutens." (Watzlawick 1974: 116)

Alle Interventionen in der Beratung, Supervision, Therapie, Politik, Erwachsenenbildung, Organisationsentwicklung und Pädagogik sind dann erfolgreich und werden von den beteiligten Menschen als erfolgreiche Innovation beredet, wenn die "sanfte Kunst des Umdeutens" erfolgreich war. Wenn neue Deutungen gelungen, neue Unterscheidungen vorgenommen und neue Punkte gesetzt worden sind, die eine neue, brauchbarere Ordnung hervorbringen. Bei dieser Aktion wurde die Komplexität der Wirklichkeit wieder reduziert. Die dabei gemachten Erfahrungen aber können bewirken, dass derjenige, der sich auf diesen Prozess eingelassen hat, für zukünftiges Umdeuten gelernt hat. Verändern heißt Sich-Stören, heißt, einen Störer suchen, heißt Sich-Stören-Lassen, heißt Gestört-Werden, heißt Aus-Gleichen der Störung, heißt erneutes Sich-Verändern. Verändern heißt Leben [8].

3. Irritierende Interventionen

Im Folgenden sollen einige Strategien aus Therapie, Beratung und Supervision besprochen werden, von denen ich annehme, dass sie im Sinne der oben gegebenen Antworten auf die Frage, was tut ein Interventionist, wenn er interveniert, brauchbar sind. Unter Strategien verstehe ich ein Bündel von Interventionen. Wir könnten als Strategien auch das kommunikative Handlungsrepertoire bezeichnen, das in Kommunikationssystemen den Interventionisten und Intervenierten zur Verfügung steht, und das brauchbare Irritationen hervorbringt.

3.1 Das Umdeuten

Gemäss unseren Vorüberlegungen sind alle Strategien brauchbar, die zu Umdeutungen führen. Bei einer erfolgreichen Umdeutung kann mit einer Änderung des Befindens und des Verhaltens gerechnet werden. Die Methode der Umdeutung wird bewusst in der strukturellen Therapie (Minuchin 1987) der Kommunikationstherapie (vgl. z.B. Watzlawick 1974), der Hypnotherapie (Erickson/Rossi 1979) und beim neurolinguistischen Programmieren [NLP] (Bandler/Grinder 1979) benutzt. Für mich ist allerdings die Umdeutung das brauchbare Basiskonstrukt schlechthin für jede psychosoziale Veränderung und nicht eigentlich eine Methode. Mit Hilfe dieses Konstruktes erkläre ich mir die Wirksamkeit aller psychotherapeutischer und supervisorischer Verfahren, einschließlich derer, die Einsichtgewinn, Aufklären und Durcharbeiten betonen.

3.2 Das Diagnosenbilden

Häufig reden sich Interventionisten ein, etwas erkannt zu haben, das den Ratsuchenden noch nicht bekannt ist, etwas, was die Ratsuchenden nicht wahrhaben wollen oder wofür sie blind sind. Diese "Erkenntnis", die "Beobachtung", diese andere Sichtweise des scheinbar Außenstehenden wollen die Berater den Ratsuchenden nahebringen. Nach allem, was wir oben ausgeführt haben, ist es verständlich, dass das einfache Mitteilen der Beraterweisheiten selten wirkungsvoll ist. Es sind ja nur die Beobachtungen eines Beobachters, die nicht unwichtig sind für die Strukturierung der Beraterwirklichkeit [9]. In der Beratersituation sind diese Einredungen, diese Unterscheidungen brauchbar und nötig, vor allem für die Selbstdefinition des Beraters. Der Berater wird diese Beobachtungen eines Beobachters manchmal Diagnosen nennen und je nach Schule redet es sich ein, es habe die Situation durchschaut, durch und durch erkannt - eben diagnostiziert-, er sei der Wahrheit auf der Spur, habe sie gar im Griff, wobei er es ist, der sich in den Griff nimmt, wenn er auch manchmal meint, es sei die Wahrheit, die Situation oder der Ratsuchende, die er in den Griff genommen hat. So erschafft er sich selbst eine Wirklichkeit, eine Ordnung, eine ordentliche Wirklichkeit, die ihn handlungsfähig machen soll. Er reduziert Komplexität und gleicht einem Tausendfüssler, der sich auf's Vorwärtskommen konzentriert, statt jedes seiner tausend Beine einzeln in den Blick zu nehmen. Und tut er nicht gut daran, wenn er Stolpern vermeiden will?

Mancher Berater ist vorsichtiger und spricht von seinen Ansichten, die eben Einredungen sind, wie die des Ratsuchenden: Wirklichkeitskonstrukte, Deutungen, Zuschreibungen. Ob seine Beobachtungen, Deutungen, Zuschreibungen, Unterscheidungen für die Wirklichkeitskonstruktionen seines Ratsuchenden brauchbar sind, wird sich erst zeigen, und bekanntlich entscheidet nicht er, sondern der Ratsuchende darüber, wenn er den Ratsuchenden liebt. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, Situationen zu schaffen, in denen die Ratsuchenden Erfahrungen machen können, in denen sie erleben können, was für sie, für ihre Situation, wie immer sie sie definieren, und für das, was sie ihre Entwicklungsmöglichkeiten nennen, wichtig und brauchbar ist. Diagnosen erstellen heißt, eine Wirklichkeit konstruieren. Darum ist es wichtig, dass Berater und Klienten gemeinsame Diagnosen erstellen und sich so eine gemeinsame Deutung für das Problem einreden, das angeblich zur Lösung ansteht.

Vereinfacht könnten wir sagen, die von Beratern und Ratsuchenden erstellte Diagnose erschafft eigentlich erst das Problem, weil es in der Diagnose benannt wird. Sie schaffen ein Problem, versuchen es zu bearbeiten, definieren es zum Beispiel um, tun so, als läge hinter dem Problem erst das eigentliche Problem, was dann das vordergründige Problem erst einmal zum Verschwinden bringt und aus der Welt schafft. Vielleicht gelingt eine Umdeutung, die neue Sichtweisen ermöglicht und zu neuem, brauchbarerem, weniger schmerzhaftem Handeln führt; so dass die Beteiligten sagen können, das Problem sei gelöst. Eine brauchbare Weise, mit Diagnosen zu irritieren, ist es seltsame Diagnosen zu stellen, zu übertreiben oder auf die von den Klienten angebotenen Diagnosen einzugehen durch Ignorieren. Darüber wird noch unter dem Stichwort Konfrontation und Provokation zu sprechen Gelegenheit sein.

3.3 Das Fragenstellen

Um neue Wirklichkeiten zu konstruieren kann der Berater dem Ratsuchenden brauchbare Fragen stellen. Im Auseinandersetzen mit den Fragen des Beraters, die den bisherigen, ununterbrochenen Kreislauf von Reaktionen unterbrechen, haben die Ratsuchenden die Chance, ihre eigenen Konstruktionen, Deutungen, Interpunktionen kennenzulernen, sie mitzuteilen, auf die Brauchbarkeit hin zu überprüfen oder in Frage zu stellen. Das Fragen des Beraters könnte und soll beim Ratsuchenden neue Sichtweisen anregen, die zu Umdeutungen und damit zu Veränderungen führen können.

Der Berater wird in seinen Fragen häufiger nach dem WOZU und dem WIE fragen. Die Warumfrage stellen sich die Ratsuchenden in unseren Breiten, da sie in einer Schuldkultur und nicht in einer Vertragskultur aufgewachsen sind, ohne hin häufig genug in etwa der Form:

- Warum gerade mir?
- Was ist die Ursache?
- Wer oder was ist schuld an dieser Situation?

Die Wozufrage provoziert neue Sichtweisen:
- Wozu halten Sie sich das Problem, Herr/Frau Ratsucher/in?
- Was haben Sie davon?
- Welchen Profit bietet Ihnen Ihr Problem?
- Was bringt es Ihnen für einen Nutzen im Hinblick auf Ihre Umgebung ein?
- Was wollen sie eigentlich mit Ihrem Problem erreichen, vermeiden, nicht ans Tageslicht kommen lassen?

Oder: Wie funktioniert Ihr Problem?
- Wie leben oder kosten Sie Ihre problematische Situation aus?
- Wie genießen Sie Ihr Problem?
- Wie agieren Sie Ihr Problem aus?
- Wie heißt das Spiel und welche Regeln hat wer für dieses Spiel festgelegt?

Am Anfang einer Beratung (Behandlung, Supervision) stelle ich häufig die Frage:
- Wer von den Beteiligten (wenn es mehrere sind) hatte das größte Interesse Beratung in Anspruch zu nehmen?
- Wer hatte das größte Interesse, Beratung nicht in Anspruch zu nehmen?

Wenn es ein einzelner Klient ist, frage ich:
- Wer hat außer Ihnen das größte Interesse am Erfolg oder Misserfolg der Beratung?
- Was wäre das Schlimmste, was Ihnen im Verlauf der Beratung passieren könnte?
- Was darf auf keinen Fall während der Beratung herauskommen?
- Was würde sich ändern, wenn dieses Geheimnis besprochen würde?

Es hat sich für mich auch als brauchbar erwiesen, zu Beginn einer Beratung die "Zukunftsfrage" zu stellen:
- Nehmen wir an, die Behandlung ist beendet. Was hat sich geändert, wenn die Behandlung erfolgreich gewesen ist? [10]

Nützlich ist auch in jeder Phase der Beratung das Stellen der "Wunderfrage":
- Nehmen wir an, heute Nacht würde Ihnen eine Fee erscheinen und mit einem Zauberstab alle Ihre Probleme wegnehmen, was hätte sich dann geändert?

Am Ende einer Beratung lohnt es sich zuweilen die "Wiedervereinigungsfrage" zu stellen:
- Was müssten Sie alles tun, um die gleichen Probleme wieder zurückzubekommen?

Diese Frage ist auch ein Beispiel für die unter 3.4 erwähnten "zirkulären Fragen".

Selbst so scheinbar einfache Fragen, wie
- Was meinen Sie mit dem, was Sie eben gesagt haben?,
- Können Sie ein Beispiel geben?,
- Wie ist das für Sie?
oder
- Kennen Sie dieses Gefühl aus anderen Situationen in Ihrem Leben?
ermöglichen die Erhöhung von Komplexität, können die eingefahrenen Handlungsmuster unterbrechen und in der Irritation des problemerzeugenden und -erhaltenden Kreislaufes neue Daten zur Innovation bereitstellen. Die Neukonstruktion kann beginnen.

Hinter all diesen Fragen steht die Überlegung, dass Probleme nur deshalb Probleme sind, weil sie als Probleme aufrechterhalten werden. Probleme werden einfach dadurch aufrecht erhalten, dass man sie als Probleme beschreibt. Beschreiben wir das Problem nicht mehr als Problem, das heißt, haben wir es umgedeutet (vgl. weiter unten die "positive Konnotation"), ist es kein Problem mehr. "Lösungen" des Problems finden dann statt, wenn ein Ratsuchender in Zukunft irgend etwas anders sieht oder anders macht, was zu einer größeren Zufriedenheit führt (vgl. de Shazer 1989:27 f.). Statt weiterhin die Aufrechterhaltung seines Problems zu genießen und damit sein Leben zu vermiesen, könnte eine Problemlösung darin bestehen, in Zukunft das Problem zu vermiesen und sein Leben neu zu genießen.

3.4 Das Zirkuläre Fragen

Es handelt sich um eine Fragetechnik, die in der systemischen Therapie verwendet wird (vgl. Selvini Palazzoli 1980; Penn 1982). Mit Hilfe von zirkulären Fragen will der Berater einerseits Deutungen erheben, um Hypothesen zu bilden, andererseits zielt das zirkuläre Fragen auf eine Veränderung der bisherigen Sichtweisen und Deutungsmodelle ab. So werden in der Beratung einer Familie reihum Mitglieder gebeten, Auskunft zu geben, wie sie die Beziehungen zwischen den anderen Familienmitgliedern sehen. Die Irritation, die mit dieser Fragetechnik in das zu beratende System eingeführt wird, bewirkt, dass die linear-kausale Sicht aufgegeben wird zu Gunsten einer zirkulär-systemischen Sichtweise. Die Mitglieder des Systems erfahren sich aufeinander bezogen.

Beispiele für zirkuläres Fragen:
"- A, wenn B und C miteinander streiten, wie verhält sich dann E?
- A, was denken Sie, wer in der Familie sich am schuldigsten fühlt?
- B, als X passierte, wie hat sich damals A gegenüber C verhalten?
- An alle Familienmitglieder: Woran merken Sie, dass sich etwas verändert hat?
- Wer ist der gleichen Meinung?
- A, wenn sich in Zukunft X ereignet, was ist dann anders in der Beziehung zwischen B und C?
- Gab es mehr Streit vor dem Tod der Großmutter oder danach?
- Was würde P dazu sagen, wenn er jetzt hier wäre?
- Was brauchen Sie von A, damit Sie wissen, dass er Sie gehört hat?" (Greitemeyer 1989: 16)

Ein Vorteil zirkulären Fragens ist, dass sich Familiengeheimnisse, Tabus und Gruppenmythen indirekt ansprechen lassen, was wiederum Widerstände und Solidarisierungen gegen den Berater weniger auftreten lässt, als bei direkten Fragen und Konfrontationen. Zur Aufdeckung versteckter Koalitionen (wer ist eher in der Lage, die Mutter zu trösten: der Vater oder der Sohn? Was tut der Vater, wenn er mitbekommt, daß es dem Sohn gelingt, die Mutter zu trösten?) ist diese Strategie sehr gut geeignet. Allerdings ist sie nicht nur brauchbar zur schnellen Erhebung der im System offen oder verborgen gehandelten Deutungen, sie kann auch wirkungsvoll festgefahrene Handlungsabläufe unterbrechen. Die vorgetragenen Deutungen der anderen Mitglieder, die sich auf das Verhalten, auf das vermutete Denken, auf das Fühlen und das Bewerten des Mitgliedes beziehen, das gerade zur Rede gebracht wird, selbst aber nur schweigend zuhören darf, werden auf diese Weise wieder als neue Perspektiven in den Systemkreislauf gebracht. Diese neuen Sichtweisen können dazu führen, dass die alten Deutungen unbrauchbar werden. Wir könnten auch sagen, die bisherigen Muster, die das System "in Ordnung" hielten, brechen irritiert zusammen, es werden neue Deutungen erforderlich. Das "schwindelerregende" Fragen verhindert und erschwert gleichsam "Schwindeln" (jetzt in einem anderen Sinne als das Gefühl, das einen Menschen befallen mag, wenn er von der Aussichtsplatte eines riesigen Turms herabschaut), die schwindelerregenden Fragen lassen die alten dysfunktionalen, "erschwindelten" Illusionen zusammenbrechen.

Muster sind Regelsysteme, die helfen, die Fülle an Komplexität, der Menschen ausgesetzt sind, zu reduzieren. Der scheinbar unendliche Fluß von Wahrnehmungen wird interpunktiert. Nicht selten aber tritt eine Stagnation ein, der zirkuläre Fluß wird stabilisiert und erscheint linear und nicht mehr rekursiv. Wenn diese Stabilisierung veränderten inneren oder äußeren Bedingungen gegenüber nicht mehr angemessen ist, wird sie unbrauchbar. Ein außenstehender Beobachter spräche von Dysfunktionalitäten. Zirkuläres Fragen stellt eine mögliche Strategie dar, solche Stabilisierungen (gleichsam) wieder zu verflüssigen.

3.5 Das Geschichtenerzählen

Gregory Bateson (1984: 22 ff.) ist der Meinung, dass die Menschen vor allem mit Hilfe von Geschichten denken. Mittels Geschichten reduzieren Menschen die Komplexität der Welt, indem sie die synchrone Strukturebene des "Hier und Jetzt" mit der diachronen Strukturebene des zeitlichen Ablaufes (vgl. Lévi-Strauss 1967: 43 ff. u. 11 ff.) zu einem Muster verweben. Menschen erfahren einerseits, dass sie die Zeitdimension nicht umkehren können, andererseits erleben sie die Interaktionen als gleichzeitigen Prozess. In kaum einer anderen Form als in Geschichten, kann dies so spannend, beeindruckend und plastisch ausgedrückt werden. Parabeln, Anekdoten, Märchen, Legenden, Gleichnisse [11], Metaphern usw. sind "Muster in der Zeit" (Bateson 1984: 24). Wenn diese Muster mit den inneren Landkarten der Ratsuchenden übereinstimmen als Modell ihrer Welt, so besteht die Chance, dass der Berater im Geschichtenerzählen den Ratsuchenden anregt, sich seine Welt aus- oder umzudeuten. Geschichten können die Situationsausdeutungen dadurch verfremden, dass sie die gewohnten Zusammenhänge in einen veränderten Kontext stellen. Sie sind in der Lage, leichter als jede theoretische Abhandlung einen "konsensuellen Bereich" mit dem Klienten, der sich mit einer Geschichte "identifiziert", herzustellen, der also eine "strukturelle Koppelung" (Maturana 1982) mit dem Berater ermöglicht, die zu Neukonstruktionen führen kann. Geschichten bieten besonders als Metaphern Identifikationen an, die neue Sichtweisen einführen können. Wegen ihres analogen Charakters werden die Affekte im Menschen stärker als bei nüchterner, logischer "digitaler Kommunikation" (Watzlawick 1969: 62) angesprochen. Wegen der Mehrdeutigkeit analoger Kommunikation verbleibt dem Ratsuchenden ein größerer Freiheitsspielraum, die ihm angemessener und brauchbarer erscheinenden Deutungen auszuwählen. Er ist unabhängig von der Auslegung der Geschichte durch den Berater, aber gekoppelt an den Kommunikationszusammenhang mit dem Berater, der eine Auslegung als Neu-Konstruktion ermöglicht.

Was Zeig (1988: 54 ff.) von den Lehr- und Therapiegeschichten Milton H. Ericksons (1985), dem Großmeister des therapeutischen Geschichtenerzählens, sagt, gilt von allen Geschichten, die in Beratung, Therapie, Supervision usw. erzählt werden können:

Zwei Beispiele für solche Geschichten sollen die theoretischen Ausführungen verdeutlichen: (Ein Tip für die geschätzte Leserin und den werten Leser: Lassen Sie die Geschichten auf sich wirken und beobachten Sie, was ihnen passiert, was Sie mit sich selbst machen.)

Das hungrige Kind

Einmal, als in Rabbi Mendels Haus keine Brotschnitte war, kam sein Sohn weinend zu ihm gelaufen und klagte, sein Hunger sei so groß, daß er ihn nicht mehr ertragen könne. "So groß ist dein Hunger nicht", sagte der Vater, "denn sonst hätte ich etwas, um ihn dir zu stillen." Der Knabe schlich sich schweigend fort. Ehe er noch aber an der Tür war, sah der Rabbi eine kleine Münze, einen Dreier, auf dem Tisch liegen. "Ich habe dir unrecht getan", rief er, "Du bist in Wahrheit sehr hungrig". (siehe Buber 1949)

In Gruppen habe ich erlebt, dass beim Erzählen dieser Geschichte sich die Mitglieder unterschiedlich identifizierten: die einen mit dem Vater, die anderen mit dem Kind. Wut entstand bei den einen, Trauer bei den anderen. Gefühle von Verlassenheit und Verzweiflung kamen auf. Mitgefühl und der Wunsch zu helfen, brachen auf. Jeder fand sich auf seine Art und Weise, mit seinen Lebensdeutungen, mit seinen Gefühlen in dieser Geschichte wieder. Ich habe diese Geschichte selbst nie eindeutig verstanden. Oder besser: in bestimmten Situationen meines Lebens sagte sie mir stets etwas (anderes), was mit meinem Leben unmittelbar zu tun hatte. Ich sagte es mir!

Vielleicht

In einem armen Dorf in China lebte, als der himmlische Kaiser noch regierte, ein Bauer. Die Leute im Dorf hielten den Bauern für reich, denn er besaß ein Pferd. Mit diesem Pferd pflügte er sein Feld und transportierte er schwere Lasten. Eines Tages lief sein Pferd auf und davon. Alle Nachbarn kamen zusammen, gestikulierten, jammerten und klagten: "Wie groß ist doch Dein Verlust!" Doch der Bauer meinte nur: "Vielleicht".
Wenige Tage darauf kam das Pferd zurück, in seinem Gefolge trabten zwei Wildpferde. Wieder liefen alle Nachbarn zusammen, sie freuten sich und priesen den Bauern glücklich, aber der Bauer sagte nur: "Vielleicht".
Am Tag darauf versuchte des Bauern Sohn eins der Wildpferde zuzureiten. Doch das Pferd warf ihn in hohem Bogen ab, und er brach sich ein Bein. Wieder liefen alle Nachbarn zusammen jammerten, wehklagten und bedauerten sein Missgeschick, aber der Bauer sagte wiederum: "Vielleicht".
Eine Woche später kamen die Offiziere des himmlischen Kaisers ins Dorf, um die jungen Männer für den Krieg gegen die Feinde im Norden auszuheben. Des Bauern Sohn nahmen sie nicht mit, weil sein Bein gebrochen war. Alle Nachbarn sagten dem Bauern, welches Glück er gehabt habe, doch der antwortete nur: "Vielleicht".

(vgl. Bardmann 1991)

Bei dieser Geschichte ist es in der Regel das "Vielleicht", das ärgerlich macht und irritiert. Je weiter die Erzählung fortschreitet, um so nachdenklicher werden für gewöhnlich die Zuhörer. Die Offenheit der Deutungen und die Komplexität menschlichen Lebens werden spürbar.

3.6 Die Familienskulptur

Bei der Familienskulptur handelt es sich um eine diagnostische und therapeutische Methode, durch die die Beziehungsmuster eines Systems (meist einer Familie) im Raum bildlich dargestellt werden. Sie wurde Ende der sechziger Jahre in Amerika entwickelt (Duhl 1973) und findet häufig Anwendung in der systemischen Familientherapie und Supervision (Satir 1972, Papp 1976, Schweitzer 1982, von Schlippe 1989). Ähnlich wie im Psychodrama, aus dessen Methodenrepertoire sie schöpft, werden in der Familienskulptur frühere und derzeitige Beziehungsmuster dargestellt. Die "skulptierten" Konstellationen sind in ihrer Darstellung unabhängig von linear-kausalen und diachronen sprachlichen Ausdrucksweisen. Vielmehr gestattet diese Methode, Nähe und Distanz, Koalitionen und Über- bzw. Unterordnungen synchron darzustellen (vgl. Simon/Stierlin 1984: 100).

Die Vorgehensweise ist recht einfach. Gewöhnlich ordnet der Berater oder ein Mitglied des zu beratenden Systems, das in der Regel nicht so sehr im emotionalen Zentrum des Konfliktes steht, aus seiner Sicht Personen so im Raum, dass sich für ihn eine stimmige Darstellung der emotionalen Beziehungen ergibt. Die Beziehungen z. B. Nähe und Distanz werden durch räumlichen Abstand gekennzeichnet. Nach einer "horizontalen" Anordnung der Beziehungen wird "vertikal" die hierarchische Struktur des Systems sichtbar gemacht. Selbst das Minenspiel und die Gestik kann mit einbezogen werden, um bestimmte Verhaltensweisen und Kommunikationsmuster herauszuarbeiten. Die entstandene Skulptur ist das Werk des jeweiligen "Bildhauers", sie repräsentiert seine Sichtweise. Unterschiedliche Sichtweisen, können im Nachhinein kenntlich gemacht werden. Es ist auch möglich, dass ein anderes Mitglied oder jedes reihum seine Skulptur verfertigt. Auch der Berater kann seine Sichtweise einmodellieren. Es kann darüber verbal kommuniziert werden. Es kann aber auch nonverbal vom Standbild zur Bewegung übergegangen werden, wenn jeder aufgefordert wird, seinen Impulsen nachzugeben, so dass so etwas wie ein "Familientanz" (von Schlippe 1989: 100) oder eine "Familienchoreographie" (Papp 1976) entsteht. In diese Bewegung kann der Berater verändernd einwirken. Diese analoge Kommunikationsform wirkt unmittelbar und affektiv auf die Gefühle der Teilnehmer ein. Die Familienskulptur ist gleichsam eine in Szene gesetzte Metapher.

3.7 Beraterbeobachtungen als Angebot und Provokation

Wenn die Beziehungen zwischen Berater und Ratsuchendem stabil, belastbar und vor allem liebevoll ist, dann ist es auch möglich, dass der Berater seine Beobachtungen präsentiert - als Angebot oder als Provokation.

Der Berater kann z.B. seine Beobachtungen mitteilen, indem er die von ihm wahrgenommenen Diskrepanzen zwischen verbalem und nonverbalem Verhalten darlegt. Da es in unserer Gesellschaft bestimmte Regeln für den Alltagsdialog gibt, deren Nicht-Einhaltung mit gewissen Sanktionen belegt sind (vgl. Bremerich-Vos 1988: 48 ff., Boettcher 1988: 61 ff.), sind schockierende, aber in der Regel nicht bedrohliche Beobachtungen, wenn sie mitgeteilt werden, in der Lage, zu irritieren, neue Sichtweisen hervorzurufen und zu Umdeutungen, d.h. zu Neukonstruktionen zu führen.

Strategien, die einen Ratsuchenden aus der Reserve locken und die so zu einer vielleicht verändernden Irritation führen können, sind z.B. Übertreibung, Spott, Entstellung, Sarkasmus, Witz, Nachahmung seiner Worte und seines Verhaltens. Wichtig ist aber, dass bei all diesen im Alltagsdialog eher tabuisierten Verhaltensweisen vom Berater der Respekt vor der Würde des Klienten gewahrt bleibt und diese Strategien nur wirken, wenn sie mit liebevoller Akzeptanz verbunden sind. Genau durch diese paradoxe Kommunikationssituation, in der einerseits der Klient provoziert wird bis zur Wut, andererseits aber ihm gleichzeitig ganz tiefe Einfühlung und ein hohes Maß an Liebe vermittelt wird, entsteht meiner Meinung und meiner Erfahrung nach eine außergewöhnliche Irritation [13]. Denn diese Widersprüchlichkeit von Verletzung und Liebe würde in jedem Alltagsdialog zum Kommunikationsabbruch führen. In der therapeutischen Konfrontation (in der die Verletzung zusammen mit der Akzeptanz zur Heilung und zum Lernen eingesetzt wird) geschieht noch etwas ganz Entscheidendes: Der provozierte Klient (Ratsuchender, Supervisand, Lernende) hat die Möglichkeit, im Wehren gegen die Provokation seine Abwehrkräfte zu aktivieren und ein hohes Maß an eigener Leistung zu erbringen. Auf diese Weise macht er sich schneller unabhängig vom Berater, ja im Sich-Distanzieren von den bewusst übertriebenen Deutungen des Beraters, kann er zu eigenen, neuen Deutungen vorstoßen. Komplexität wurde bei diesem Vorgang erhöht. Unbrauchbare eigene und übersteigerte unbrauchbare Deutungen des Beraters wurden abgewiesen. In der Entwicklung einer neuen eigenen Deutung wurde die Irritation ausgeglichen, dass heißt, die Irritation wurde als eigenes Systemdatum im selbstreferentiellen Kreislauf erarbeitet. Die neuerliche Reduktion der Komplexität beließ das Problem nicht mehr beim Alten. Die Situation erhielt einen anderen Namen. Vielleicht benennt jetzt der Klient die Situation ebenfalls als problematisch. Aber zumindest ist das alte Problem verschwunden.

Die Formulierung der Konfrontation als einer "liebevollen Provokation" sollte bereits darauf aufmerksam machen, dass Konfrontation nicht unbedingt etwas mit Härte zu tun haben muss. Humor spielt darum in jeder provokativen Therapie und Beratungskonfrontation die Schlüsselrolle. Provokation und Konfrontation mit Humor verbunden setzt verblüffende Innovationen in Gang. Humor und seine Geschwister, das Lächeln und das befreiende Lachen, sind Alltagsphänomene (vgl. Bachtin 1987). Sie sind uns selten in ihrer vollen Wirkung bewusst. Humor erlaubt es dem Berater, sich distanzierend neben sich und seinen Klienten zu stellen. Humor hat nur der, der über sich selbst (und seine Probleme) lachen kann. In der mit Humor gewürzten Beratung kann sich der Klient als jemand erfahren, dessen Person nicht abgewertet und in seiner Existenz in Frage gestellt wird. Er erlebt aber gleichsam im Modell den Berater als einen Menschen, der sich lächelnd, selbstironisch und mit Humor von sich, seinen Problemen und den jeweiligen Situationsdeutungen distanzieren kann.

Was es mit dem Lachen auf sich hat, erhellt wie kaum ein Schriftsteller zuvor Umberto Eco. Sein Roman "Der Name der Rose" (1982) kreist um das verschollene zweite Buch der Poetik des Aristoteles, in dem der Philosoph über die Komödie und das Lachen schreibt. Dieses gefährliche Werk, dessentwegen im Roman-Kloster viele mysteriöse Morde geschehen, verbirgt der alte Bibliothekar Pater Jorge; denn wenn das Lachen wie bei Aristoteles in den Rang einer Wissenschaft erhoben würde, verschwände die Angst vor dem Teufel und es könnte daraus eine wirkungsvolle Weltveränderung entstehen: das kritische Lachen als Philosophie der permanenten Revolution. William von Baskerville, der Franzikaner-Detektiv des Romans, ermahnt darum auch seinen Schüler Adson: "Fürchte die Wahrheitspropheten, Adson, und fürchte vor allem jene, die bereit sind, für ihre Wahrheit zu sterben..." (624). Die Wahrheitspropheten im Roman, gewöhnlich auch die in der "Wirklichkeit", fürchten das Lachen, verbieten es und so verbirgt folgerichtig auch Jorge das Buch des Aristoteles über das Lachen. Humor und Witz [und kein geringerer als Freud (1958) schrieb eine einleuchtende Studie über den Witz, allerdings ohne dass er in seiner Praxis humorvolle Therapietechniken entwickelte] stellen auf der einen Seite eine Form der Distanzierung dar, auf der anderen Seite öffnen sie im Lachen Raum für die Entspannung. Bestimmte Arten des Lachens wie z.B. das "herzhafte" Lachen bedeuten für den ganzen Körper, der sich dann vor Lachen "schüttelt" - ähnlich wie beim Orgasmus - den Wendepunkt von Anspannung und Entspannung. Im Lachen geschieht ein Stück Regression. Die Erfahrung der Regression kann Lernen ermöglichen.

Ein anderer Gesichtspunkt: Dem Humor und dem Lachen können wir zwei unterschiedliche Komponenten zuschreiben: eine intrapersonale und eine interpersonale, eine kommunikative Komponente.

Zum Ersten: Humor versteht man am besten, meine ich, wenn man versucht, sich die Struktur eines Witzes etwas genauer anzusehen. Ein Witz besteht aus zwei Teilen: dem Festlegen des Kontextes und der Pointe. Der springende Punkt beim Witz ist, wenn er zündet, die plötzliche, unerwartete Umkehrung des Kontextes. Die verblüffende Irritation, die scheinbare Ungereimtheit verschiebt die gewöhnliche Wahrnehmung. Unwirkliches und (scheinbar) Wirkliches sind nebeneinander gestellt. Die Regeln der Wirklichkeit werden durch die Pointe durcheinander gebracht, vorher Unvereinbares erhält in einem anderen Kontext einen neuen, treffenden Sinn. Unser Lachen zeigt an, dass der Treffer gelandet ist. Der Witz hat gezündet. Zumindest kurzfristig sind wir irritiert, unser Bewusstsein kann sich erweitern, die so sichere Wirklichkeit erweist sich aus anderer Sichtweise als brüchig. Offenheit für veränderte, umgedeutete Wirklichkeit entsteht, wie in der Gedichtform des Haiku, wenn auf die Frage nach dem Wesen der Wahrheit geantwortet wird:

"Was ist die Wahrheit?
Hinter einer Pissrinne
die teerschwarze Wand
"

Oder wenn es in der auch für Beratungen äußerst brauchbaren jüdischen Redensart heißt:
"Machen Sie sich nicht so klein, so groß sind sie gar nicht."

Hierzu passen auch Sätze der sprichwörtlichen "Berliner Schnauze":
"Besser arm dran, als Arm ab."
"Mensch geh in Dir!" - "War ick schon, is ooch nischt los."

Zum Zweiten: Humor wird in der Regel mit anderen Menschen geteilt. Wenn mir etwas Lustiges einfällt oder geschehen ist, hebe ich es in meinem Gedächtnis auf, um für mein Publikum eine Geschichte zu fabulieren. Selbst aus traurigen, makaberen und scheußlichen Ereignissen versuche ich wenigstens noch eine lustige Geschichte zu machen. Schwarzer Humor und Galgenhumor sind das Schmierfett positiver Umdeutungen. Manchmal, so vermute ich, erlebe ich mein Leben nur, wenn es mir gelingt, ihm eine witzige, gewitzte Geschichte abzugewinnen. Lachen bringt Menschen in Verbindung. "Das Lächeln ist der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen", sagen die Chinesen. Aristoteles brachte das Lachen mit der Komödie, dem Lustspiel zusammen. So wie das Spiel eine Metapher für eine andere Wirklichkeit ist, so ist paradoxerweise, sagt Fry (1963: 146), "der Humor wirklich und nicht wirklich zugleich". Humor - ganz deutlich offenbart sich das im Witz - zeigt an, dass es mehr als eine Wirklichkeit gibt, dass Leben, Welt und Menschsein komplexer sind, "als unsere Schulweisheit sich träumen lässt." Humor ist zwingend und überwältigen. Er besitzt eine Durchschlagskraft, die Menschen in der Befreiung des Lachens beeinflusst und ihre Ansichten von sich und der Welt verändern kann (vgl. Farrelly/Brandsma 1986: Kap. IV).

Lachen assoziieren wir mit Lebensfreude, Freundschaft, Beziehung und Gefühl. Die Fähigkeit zu lachen, zeitweise zu regredieren, die Kontrolle über sich zu verlieren, und dann all das wieder zu integrieren, dann als Zeichen von Reife und seelischer Gesundheit angesehen werden, meint Frank Farelly (Farrelly/Brandsma 1986: 134).

Am Ende allen Konstruierens steht:

Schallendes Gelächter
beim Zusammenbrechen
der Konstruktionen.
Alexis Sorbas
tanzt den Sirtaki.

3.8 Inszenierte Konfrontation: Theater im Theater

Provokationen und Konfrontationen können in der Beratung (Supervision usw.) nicht nur als verbale Interventionen verwendet werden. Sie sind auch als Inszenierungen recht wirkungsvoll. Psychodrama, Dreamodrama, Rollenspiele, gruppendynamische Übungen, Familienskulpturen[14] leben vom dargestellten Spiel. An dieser Stelle sollen nicht die einzelnen Strategien behandelt werden. Vielmehr will ich versuchen, die geplante Irritation in der Beratung mit Hilfe der Theatermetapher ein wenig genauer zu erläutern.

Shakespeare lässt in seinen Stücken häufig eine Schauspieltruppe ein Theaterspiel aufführen; der Inhalt des Stückes konfrontiert die Schauspieler in ihrer Rolle als Zuschauer auf der Bühne und führt die Krise herbei: Theater im Theater. Till Eulenspiegel, (vgl. Philipp Neri, Goethe 1982: 327 ff., 462 ff., 531; Nigg 1960; Zander 1990: 13 ff.), Goethes Lieblingsheiliger und die Hofnarren spielten ihre Konfrontationen. Das politische Kabarett provoziert im Spiel. Vom Theater als Lustspiel war schon beim Witz die Rede; die Provokation durch Lachen - Aristoteles' verschwundenes Buch - bedroht fast immer tradierte Ideologie; in Ecos Roman setzt es das Kloster in Brand und revolutioniert versteinerte Ordnung.

Beratung selbst ist eine Schaubühne, auf der in zugeschriebenen Rollen (Berater, Therapeut, Supervisor - Klient, Patient, Supervisand) gespielt wird und immer wieder das Schauspiel "Lösung von Problemen" auf dem Spielplan steht. Die Inhalte des Stückes auf "diesen Brettern, die die Welt (be-)deuten" wechseln, die Spieler "schreiben" in jeder Aufführung das Drama neu. Gewiss die Beratungskommunikation scheint real zu sein, aber die zur Verhandlung gebrachte Wirklichkeit ist wie im Theater (v)erdichtete Wirklichkeit, ist auf andere Weise real, sie (be)deutet die Welt und ihre Wirklichkeit, und ist doch nur ein Teil von ihr. Sie kann die ganze Komplexität nicht fassen, sie reduziert sie, aber verändert sie sogleich, als reduzierte macht sie sie mitteilbar. Das Stück, das auf der Beraterbühne aufgeführt wird, gibt Ausschnitte wieder, dramatisiert und unterschlägt, rafft die Zeitabläufe zusammen, verringert die Vielfalt der Nebenrollen, verengt und deutet; es stellt vor allem den gerade erzählenden Klienten ins Rampenlicht, macht ihn zum Protagonisten, gibt ihm die Hauptrolle, um die sich die erzählten Personen wie Nebenrollen gruppieren. Sie erfindet sich selbst und ist ihr eigner Dichter. Sie ist Poet der Autopoiese. Gemäß ihrer Sichtweise bestimmt sie den Blickwinkel und ist ihr eigener Regisseur. Das Stück ist Dichtung und Wahrheit in einem und nebeneinander, wie jedes Spiel und jede Wirklichkeit.

Im Beratungsspiel verdichtet Provokation noch einmal mehr. Sie überpointiert, vereinfacht, konzentriert auf einen Punkt hin und bündelt die Fülle von möglichen diagnostischen Komplexitäten zu einem einzigen Thema. Wie in Shakespeares Stücken ist sie Theater im Theater. Im Scheinwerferlicht erscheint in übergroßer Übertreibung die Essenz des Stückes. Verbunden mit dem Lachen ist Provokation Lustspiel oder Satire. Immer jedoch - ob Drama oder Komödie - setzt sie das Unerwartete in Szene - wie das Ei des Kolumbus, wenn es aufrecht auf dem Tisch steht [15].

Konfrontation als Ver-dichtung ballt zusammen, wirft ein Schlaglicht und wenn es trifft, ist es wie ein Lichtstrahl, wie ein Schlag oder wie der Aufprall eines Balles. Nähe entsteht und es wird dicht. Schmerzhaft getroffen, begleitet von befreienden Tränen oder schüttelndem Lachen und manchmal von beiden zugleich, kippt die bisherige Wirklichkeit um. Provoziert, herausgerufen aus den festen Sicherheiten kann sich eine Tür öffnen, hinter dem eine neue Welt sichtbar wird (vgl. Kersting/Lehmenkühler-Leuschner 1988: 118 ff.).

Die "Szenenfolge" einer "provokativen" Beratung könnte als Theaterspiel folgendermaßen beschrieben werden:

Im "ersten Akt" ist der Klient (Patient, Supervisand, Ratsuchender, Lerner usw.) nicht selten durch die Provokation überrascht und überrumpelt, er fühlt sich verunsichert und manchmal unverschämt (schamlos, ohne Scham) behandelt. Sein Erwartungssystem gerät durcheinander. Er ist im höchsten Maße irritiert. Oft aber geschieht mehr: Überrascht meint der Ratsucher noch etwas anderes festzustellen, nämlich dass ihn der Berater zu verstehen scheint. Diese Feststellung verbindet sich nicht selten mit dem Ärger darüber, dass der Berater ihm auf die Schliche gekommen ist. Gerade wo er doch diese Seite seines Lebens schamhaft verbergen wollte. Die dadurch entstandene Nähe des Verstehens - besonders dann, wenn die Konfrontation liebevoll und mit Humor geschieht - bringt den Ratsucher dazu, eine Zuneigung zum Berater zu entwickeln, oft mit sehr gemischten Gefühlen.

Manchmal erlebt ein imaginärer Zuschauer in diesem Akt beim Ratsucher eine ungeheure Lust und eine ambivalente Freude, mit dem Berater eine "Rauferei" und kämpferische Auseinandersetzung zu beginnen.

Im "zweiten Akt" beginnt der Ratsucher zu protestieren. Er wird störrisch, aber er lernt, dass er sich auch "ändern" muss und nicht nur der Berater. Er bekommt mit, dass er den Berater nicht einwickeln kann in ein "Spiel ohne Grenzen" oder ein "Spiel ohne Ende", das sich im Kreise dreht. Ohne eigene Leistung passiert nichts. Es ist sein Stück. Er ist der Protagonist. Die Rollen im Stück werden klar. Die Figuren bekommen Kontur.

Im "dritten Akt" ist dann der Höhepunkt des Schauspiels erreicht. Der Ratsucher protestiert jetzt lauthals. Oft versucht er dem Berater zu beweisen, dass dieser im Unrecht ist und unangemessen ins Spielgeschehen eingegriffen (interveniert) hat. Er aktiviert seine Kräfte. Seine eigenen Deutungen stehen nun im Mittelpunkt der Handlung.

Im "vierten Akt" endlich integriert er das Gelernte. Der Ratsucher protestiert bei Provokationen immer weniger, und wenn er protestiert, tut er es lächelnd und humorvoll. Die Beziehung zwischen den Spielern ist wechselseitig liebevoll geworden. Der Ratsucher äußert, dass die überspitzten Konfrontationen längst überholt sind, und der Berater Interventionen benutzt, die im vorigen Akt noch angemessen waren, jetzt aber reine Zeitvergeudung sind. Das Theaterstück wird langweilig, im Parkett entsteht Unruhe und auf den oberen Rängen drängt das Publikum bereits zu den Ausgängen. (vgl. Farrelly/Brandsma 1986)

3.9 Die Paradoxe Intervention, Symptomverschreibung und positive Konnotationen

Fragen, Aufforderungen, Erläuterungen, Deutungen nenne ich direkte Beraterinterventionen. Sie können beitragen zur bewussten Veränderung von Kommunikationsstrukturen. Sie sind sicherlich überall da angebracht, wo ein zu beratendes System nicht allzu großen Widerstand gegen Veränderungen einsetzt. Wo die Einsicht in die Möglichkeit und Brauchbarkeit von Umdeutungen in einem System vorhanden sind, können auf bewusster Ebene vom Berater Hilfen zum Wechseln von Perspektiven wirkungsvoll angeboten werden.

Zirkuläres Fragen, provokative Strategien, Rollenspiele, Familienskulpturen, Geschichten-Erzählen und alle sonstigen szenischen und medialen Strategien nenne ich indirekte Interventionen. In ihnen sind die von den Ratsuchenden ausgewählten Deutungen weitgehend der unmittelbaren Kontrolle des Beraters entzogen. Häufig sprechen sie die Affekte des Ratsuchenden stärker an als die direkten Interventionen und sind den Widerständen der Ratsuchenden gegenüber Beraterinterventionen nicht so ausgesetzt. Die Eigenleistung der Ratsuchenden kommt deutlicher ins Spiel. Der Irritationscharakter ist weit größer als bei den direkten Interventionen.

Von den direkten und indirekten Interventionen wird vor allem in der Familientherapie eine dritte Art unterschieden: die paradoxen Interventionen.

Paradoxe Interventionen sind solche, in denen ein Therapeut einem Patienten oder einer Familie ein Symptom verschreibt. Er befiehlt, das Symptom zu behalten! Auf diese Weise kann der Therapeut sich einreden, Kontrolle über das System zu gewinnen. Wenn das System weiterhin dieses Symptom zeigt, tut es das auf Befehl des Therapeuten hin. Verschwindet das Symptom, so kann er einen Therapieerfolg verbuchen. Eine paradoxe Intervention ist also dadurch definiert, daß bei ihrer Befolgung genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was sie angeblich erreichen soll (vgl. Papp 1980: 45 ff.).

Der Patient wird gleichsam durch ein "Gegenparadox" (Selvin Palazzoli 1977) aus seiner paradoxen Lage befreit: "Er kann Widerstand gegen die Therapie nur leisten, wenn er sein Symptom aufgibt, und kann das Symptom nur behalten, wenn er den Widerstand aufgibt." (Simon/Stierlin 1984: 267) Paradoxe Verfahren werden dort benutzt, wo Patienten sich an Paradoxien in der Form von "Doppelbindungen" und "Beziehungsfallen" (Bateson 1981: 353 ff.) festklammern. Die Kommunikationspartner eines solchen, häufig als "schizophren" bezeichneten Systems versuchen ihre linearen Deutungsmuster beizubehalten.

"Die psychotherapeutische Situation hindert den Patienten, sich der Paradoxie zu entziehen oder sie dadurch zu zerreden, dass er sie zu kommentieren versucht. Obwohl also die Aufforderung logisch absurd ist, ist sie eine pragmatische Realität; der Patient kann nicht nicht auf sie reagieren, doch gleichzeitig kann er auch nicht in seiner üblichen Weise auf sie reagieren." (Watzlawick 1969: 226) Allerdings muss die Beziehung zwischen Patient und Therapeut sehr tragfähig und belastbar sein. Eine zu starke Störung wird das irritierte System versuchen abzuwehren, indem es dafür Sorge trägt, die paradoxe Intervention nicht als Datum des eigenen Systems aufzunehmen, z.B. indem es die Behandlung abbricht, womit es jedoch ebenfalls der vom Therapeuten gestellten Beziehungsfalle nicht entkommen kann. Außerdem ist wichtig, dass das Symptom mit dem Gesamtsystem ( z.B. mit allen Mitgliedern einer Familie) vernetzt ist (von Schlippe 1989: 91) und dass das Symptom positiv bewertet wird. Diese "positive Konnotation", die als "therapeutisches Mittel, vielleicht zu den originellsten Erfindungen der Mailänder Gruppe [um Selvini Palazzoli] gehört" (Hoffman 1987: 292), meint, dass nicht nur das Verhalten des Symptomträgers positiv konnotiert werden muss, sondern ebenso das Verhalten aller Mitglieder des Systems. Letzteres ist auch aus theoretischer Sicht erforderlich, da sonst die Therapeuten in ein linear-kausales Deutungsschema mit all seinen Fallen von unbrauchbaren Schuldzuschreibungen zurückfallen würden. Symptome werden von Systemen festgehalten, weil sie eine systemstabilisierende Funktion besitzen und die Erhaltung des Systems als ein positiver Sinn an sich angesehen wird. Darum ist auch die Frage nach dem Profit (vgl. 3.3) eines Problems, so paradox sie auch klingen mag, unter dieser Rücksicht "äußerst logisch".

Die Legitimität des Einsatzes von paradoxen Interventionen, die als Manipulationstechniken von vielen Seiten kritisiert worden sind (z.B. Bauriedl 1980, Miller 1981: 49), beruht auf der Zuschreibung, dass dem Patienten und seiner Familie das Symptom nutzt, es auf diese Weise eine Funktion erfüllt und der Adaption dient. Das Gegenparadox, so nehmen die Verteidiger dieser Strategie an, nutzt ebenfalls dem System, ist funktional und dient der Neukonstruktion, nur dass es diesmal eine zufriedenstellendere Situation und ein brauchbares Funktionieren des Systems anzielt. Es ist nicht verwunderlich, dass uns gerade am Beispiel der paradoxen Interventionen, die von einem gewendeten Standpunkt aus als "äußerst logisch" erscheinen, die Frage nach dem Sinn des intervenistischen Tuns wieder begegnet, auf die wir bei den mehr theoretischen Überlegungen schon gestoßen sind. Diese Strategie fordert nicht nur den Mut, die Phantasie und das Festlegen auf eindeutige Zuschreibungen auf Seiten des Therapeuten heraus, es bedeutet auch "für jeden Therapeuten eine Herausforderung für die eigene Standortbestimmung" (von Schlippe 1989: 94). Die ethische Dimension menschlicher Interventionen drängt sich an dieser Stelle deutlich ins Blickfeld:

"In einem sehr grundsätzlichen Sinne gibt es keine eindeutige Wirklichkeit mehr außer der, die zwischen Partnern in Form eines Konsenses über Erkenntnisse und Verpflichtungen verabredet wird" (Theo Bardmann 1990a: 1991, mit Verweis auf Lyotard 1988: 198).


Anmerkungen:

[1] Vgl. bei Bardmann (1990) den Parasiten, der sich auf Verhältnisse, Beziehungen und Relationen setzt.

[2] Zu den philosophischen Wurzeln des pädagogischen Konzeptes von Paulo Freire vgl. Hernández Aristu 1990.

[3] Vgl. den Film: "Sex, Lügen, Video" (USA 1989, Regie Steve Soderbergh), der diese Situation brillant in Szene setzt.

[4] Die Irritationen, wenn auch unterschieden in den Wirkungen, gelten für beide; den Intervenisten und die Klienten. Beide können sich verändern.

[5] Oder als zweiter Doppelpunkt (vgl. Bardmann in diesem Buch). Er hofft: er hofft. Er glaubt: er glaubt. Nur beim Lieben spielt, wie so oft, die Grammatik nicht mit. Gut so. Für wen? Die Liebenden, die sich lieben.

[6] Der "alte" Interventionist meinte "den Punkt zu treffen", der "neue" Interventionist trifft eine Punktion, er (inter-)punktiert.

[7] Der "alte" Interventionist suchte einen Ort, eine Substanz, er substanzierte, der "neue" Interventionist sucht den Ort als Aussichtsplattform.

[8] Vgl. dazu Bardmann u.a. 1991: "Das gepfefferte Ferkel - Lesebuch für Sozialarbeiter und andere Konstruktivisten", das eine Fülle an Beispielen zu diesem Thema "aus dem Leben greift".

[9] Vgl. "Planen als selbstreferentieller Erkenntnisprozeß" bei Woltmann in diesem Buch.

[10] Vgl. auch Weik (1985): Die Technik des 2. Futurs; in diesem Buch bei Vogel.

[11] Vgl. die Gleichnisse Jesu bei den Synoptikern Markus, Matthäus und Lukas, die eine jenseitige Wirklichkeit "Mit dem Himmelreich ist es, wie ..." mit etwas ganz Alltäglichem "... wie mit einer Frau, die ein Geldstück verlor ..." koppeln. Häufig provozieren die Gleichnisse die Zuhörer: "Oh, ich bin gemeint, ich bin dieser Mensch."

[12] Für Erickson, dem Begründer der Hypnotherapie (1981), ist das natürlich von besonderem Wert.

[13] Ein Meister dieser Form ist der Begründer der provokativen Therapie Frank Farrelly (vgl. Farrelly/Brandsma 1986).

[14] Vgl. Kersting (1991), wo ich ein Beispiel für geplante Spiele in der Teamsupervision vorstelle.

[15] Nur nebenbei sei ein Bonmot von Luhmann mitgeteilt: Das Ei des Kolumbus ist nicht das I des Autopoieten.


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Vorwort

Der zweite Doppelpunkt (Theodor M. Bardmann)

Organisationen (Hans-Christoph Vogel)

Planen, Autopoiese und Sozialpädagogik (Bernd Woltmann)

Intervention (Heinz J. Kersting)


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