Gedichte

von Manuel Bechtel (Februar 2002)

Meine Weise

Vom Himmel das Blau, zu Tode betrübt, eine Kugel von Stahl,
Lachender Wicht hüpft kreuz und quer und Stock und Stein sind ihm grün
Und hüpfen mit den Berg hinan, hinab ins Tal und fallen in die Grube
Mein Name ist Hase, ich weiß Bescheid ist eine Zier und meine Weise endet.






..., denn sie wissen nicht, was sie tun

Da ist eine Wut. Ganz tief drinnen.
Die will heraus.
Die will rufen: Freiheit. Die will schreien: Nein und ich und ...
Die will heraus. Die muß heraus.
Die wird zu Zweifeln, Verzweiflung und Grauen.

Da ist eine Hoffnung. Tief, ganz tief im Herzen.
Im Kopf.
Da ist Erwartung und Zukunft und Autorität.
Dann kommt die Enttäuschung über jene, die nichts begreifen.
Die sagen: Ich tue es für dich. Und Gefängnisse bauen.
Deine Mutter. Dein Vater.
Und du brauchst sie.

Da ist eine Liebe. Ganz zart. Ganz jung.
Das Tasten der Hände und Worte und Blicke.
Der erste Kuß.
Und ein gewunschenes Leben.
Hand in Hand. Herz an Herz.
Mensch bei Mensch.
Du und ich.

Da ist eine Zeit. Die kommt nicht wieder.
Heute ist Leben.
Heute






dem Jüngling die Farben verwelkter Blumen

der Liebe die Farben durchweinter Nacht
der Erinn'rung die Farben posthumen Entsetzens
der Hoffnung die Farben des Toren, der lacht

(für Ernst Alt)






Rosebud

Ich bringe dir deinen Kinderschlitten,
bringe dir den zurück,
auf dem du selig geritten
ins Kinderglück

Schlitten, der dir genommen,
versunken im knietiefen Schnee
Schnee, in dem dir ertrunken
die Kindheit

Bringe dir deinen Schlitten
Sitz auf im Schneekugelland
Gleite die Hügel hinunter
in meine offene Hand,

die dich hält und dich streichelt,
verweilt im Kindergesicht
Hand, die dich aufhebt und drückt
ganz dicht an den wärmenden Leib

Ich bringe dir deinen Schlitten,
deine Kindheit zurück, Glück,
das lange verloren, wartet im Schneekugelland
Die Kugel entfällt meiner Hand.

(i.m. Orson Welles)






wo wolken winde sanft berühren
spüren
augen blicke

schau ikarus
vereint in liebe
sind gefieder und licht
die sonne strahlt fort
schadet den schwingen nicht






Ein Stein möchte ich sein
des Anstoßes über den du stolperst
Ein Stein möchte ich sein
im Wege liegend und unumgänglich
Ein Stein möchte ich sein
der Weisen schlicht und wahr
Ein Stein möchte ich sein
der vom Herzen fällt endlich
Ein Stein möchte ich sein
ein Kiesel am Wegrand einfach da






Ein Glanz

War eine Heimat und war eine Heimat nicht
Und war keine Zukunft und kein Licht
Bin ich fort gegangen in die größte Stadt
Die so viele Lichter und mich aufgenommen hat

In ihre Straßenarme, in ihren weiten Bauch
Da hatte ich von Leben und Zukunft einen Hauch
Da wollte ich wer werden und werden wollt ich ein Glanz
Und hatte eine Hoffnung und traute ihr ganz

Und habe viel gegeben und habe viel geschafft
Und wurd allein und müde und hatte keine Kraft
Und wurde drauf gestoßen und hab es selbst gemerkt
Es geht nicht ohne einen der einen stärkt

Und wußt es soll ein Mann sein der achtet mich und liebt
Und der mich selber sein läßt und eine Kraft mir gibt
Gesucht hab ich den einen und hab ihn mir geträumt
Von mir ich sei was Bessres unds Leben aufgeräumt

Und habe mich gesetzt an Tische in Cafés und Bars
Zum Wirken auf die Männerwelt und fühlte mich was Wunderbars
Und wurde angesprochen und habe geredet ganz fein
Und bin nur mit Herren gegangen war ja allein

Und habe mich hingegeben aus Liebe und für Geld
Und ist mir beides richtig in einer falschen Welt
Und wollten immer das Eine und ehrlich und exklusiv
Und hören nur sich selber und lieben sich abgrundtief

Und lieben dich nur dem Wort nach und nie im Sonnenschein
Und behandeln dich bloß sächlich und machen dich gemein
Hab ich einmal einen geliebt von Herzen und weil ich wollt
War er verheirat mit einer die ab ist er hat sie zurückgeholt

Ist mir mein Herz fast zerbrochen wegen des trüben Gewichts
Hab ich weitergelebt mit nem andern ich habe sonst ja nichts
Und wollte ich ein Glanz sein nicht groß aber doch
Und habe mich angestrengt noch und noch und fiel doch.

(Ballade nach der Erzählung "Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun
in hochachtungsvoller Dankbarkeit Birgit Latz gewidmet)






Ich will nicht

warten auf die späte Stunde an deinem Sterbebett.
Ich will nicht
das Verstehen oder Verzeihen, die Annäherung in letzter Minute.
Ich will nicht
deinen Händedruck, deine Liebe in letzter Sekunde.
Ich will nicht
meine Freiheit in deinem Tod.
Ich will nicht
deinen Tod an meinem Kreuz.






Geliebter,

wenn Hand in Hand wir arglos uns berühren
und Arm in Arm wir unsre Bahn und Blicke auf uns ziehn,

wenn Mund zu Ohr wir hin und wider streiten
und Aug um Aug ein Wort das andre gibt das eine bricht,

wenn Fleisch an Fleisch wir beieinander liegen
und Puls an Puls einander wohnen bei, nenn das nicht frei.


Der Autor:

Manuel Bechtel


Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002


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