Ich habe die Kassiopeia gesehen ...

von Klaus Beckmann (Februar 2002)

"...und Kassiopeia lacht,
die Milchstraße ist frei
schau raus,
merk dir genau,
wo der Polarstern steht,
eh der Große Bär ihn frisst
komm ritz mir in die Hand
die Marschzahl,
wenn es geht,
eh meine Windrose bricht"

F. J. Degenhard, Hochzeit
(Aus diesem Land sind meine Lieder)

Die Mythologie berichtet über die eitle äthiopische Königin Kassiopeia, die sich durch Prahlerei den Zorn des Meeresgottes Poseidon zuzog. Poseidon verlangt zur Abwendung der zugedachten Strafe und zur Läuterung Kassiopeias die Opferung ihrer Tochter Andromeda. Bevor es jedoch zur Katastrophe kommt, befreit Perseus Andromeda, prügelt sich noch etwas mit einem Nebenbuhler und heiratet die Prinzessin.

Kassiopeia wird – so die Überlieferung – von Poseidon an den Himmel gesetzt, sie muss dort in einer unbequemen Stellung mit angezogenen Knien für ihre Eitelkeit büßen.

Neulich habe ich in einer herrlich lauen Herbstnacht mit sternklarem Himmel über Burgund zum ersten Mal die Kassiopeia gesehen, Sternbilder haben mich bis jetzt nie interessiert, normalerweise kann ich die nicht benennen.

Die bewusste Wahrnehmung des Sternbildes der Kassiopeia hat ihren Grund in einer Passage aus einem Vortrag von Ernst von Glasersfeld an der Koblenzer Universität. Es war übrigens meine erste leibhaftige Begegnung mit einer der Koryphäen des radikalen Konstruktivismus – eine imponierende Persönlichkeit, sehr alt (Jahrgang 1917), sehr fit, mit bescheidenem Habitus und ausgesprochen klug.

Glasersfeld betrachtete das Sternbild der Kassiopeia zunächst von Standpunkt desjenigen, der von der Erde aus das Sternbild beobachtet – so wie ich kürzlich in Burgund – die An- und Zuordnung der Sterne, die Figur des etwas verformten W, die Anzahl der Sterne und ihre Helligkeit um dann die Perspektive zu wechseln und in die Rolle eines Raumfahrers zu schlüpfen, der sich von diesem Bild angeregt fühlt und ihm näher kommen möchte.

Der erste Stern der Kassiopeia (Chaph) ist 45 Lichtjahre von der Erde entfernt (...das wäre ja noch überschaubar, meinte E.v.G.), der zweite (Ruchbah) schon 80 und der letzte (-) 800 Lichtjahre.

Je geringer die Entfernung zum Sternbild wird, um so mehr verschwimmen die Konturen. Sollte der Raumfahrer irgendwann den der Erden am nächsten stehenden Stern der Kassiopeia erreichen – ich habe da meine Zweifel – löst sich spätestens beim Anflug auf den zweiten Stern das Bild der äthiopischen Königin auf.

Je näher wir unseren Konstruktionen von der Wirklichkeit (... oder dem was wir dafür halten) kommen, desto mehr wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich unsere Vorstellungen dekonstruieren, möglicherweise ins Nichts.

Nach Ansicht von Ernst von Glasersfeld entstehen jedoch in solchen Situationen neue Sichten, neue Anschauungen, neue Bilder, neue Konstruktionen, neue Ziele, je nach dem, welche gangbaren Wege (viability) der Betrachter in seinem Muster von Handlungen und Operationen erkennt.

Von der Erde aus betrachtet sieht die Kassiopeia so aus wie immer, ein Zick – Zack, mit sieben hellen Sternen in unterschiedlicher Entfernung zur Erde.

Bei der Betrachtung der Kassiopeia in dieser Herbstnacht in Burgund fiel mir auf, dass mir nicht klar war, warum Ernst von Glasersfeld ausgerechnet das Sternbild der Kassiopeia als Beispiel wählte. Es mag damit zusammenhängen, das dieses Sternbild sehr hell leuchtet, markant in seiner Form ist und in sternklaren Nächten immer zu sehen ist. Es kann aber auch mit der Mythologie zusammenhängen.


Der Autor

Klaus Beckmann

  • Jahrgang 1954

  • Dipl.- Sozialarbeiter

  • systemischer Organisationsentwickler

  • seit 1979 Leitungsfunktionen im Bereich der außerschulischen Jugendarbeit

e-mail: kbeckmann@rz-online.de


Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002


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