Jesús Hernández Aristu

Special (September 2003)


zum 60. Geburtstag


Ein Stück von Jesús Hernández wirkt und waltet auch in meinem Leben und Herzen

von Bruno Werner Brackhane

Lieber Jesús,
von Markus Kernberger, Lothar Krapohl und inzwischen auch von Heinz Kersting habe ich von deinem runden Geburtstag erfahren und von der Idee, dir über das Internet, also zeitgemäß, gute Wünsche zu übermitteln. Zu Anfang also:

Ganz herzliche Glückwünsche zu deinem 60sten Geburtstag, Gesundheit und noch viele Jahre in Saft und Kraft, mit viel Energie für deine Aktivitäten, sei es noch im Berufsleben, im Unruhestand oder ganz im Kreise der Menschen, die dir nahe sind.

Seit wir uns in Aachen zum ersten Mal getroffen haben sind fast 30 Jahre vergangen und du wirst mir verzeihen, wenn ich mich nicht mehr an alle Gegebenheiten, Situationen und Zusammenhänge erinnere.

Zum ersten Mal begegnet sind wir uns wohl in einem Seminar von Walter Leirman über Alphabetisierung in Bolivien und Brasilien und die Arbeit von Paulo Freire, ca. Mitte der 70er Jahre. Ich war noch doofer Studienanfänger, der nach Abitur und Militärzeit ziemlich unbedarft aus seinem bürgerlichen Elternhaus an die Pädagogische Hochschule in Aachen gekommen war. Und du warst als katholischer Priester und Diplomand, mit einer Arbeit über Freire, weltgewandt, berufserfahren und überlegen. Als wir uns dann über Seminare und Arbeitsgruppen auch persönlich kennen lernten, habe ich schon bald deine Ernsthaftigkeit, Begeisterung und unbändige Energie einerseits und deine ansteckende und aufmunternde Fröhlichkeit und menschliche Wärme andererseits zu schätzen gelernt. Auch wenn ich nicht unbedingt zum engsten Kreis deiner Freunde, Mitarbeiter oder Kommilitonen gehört haben mag, so hat es doch in meinem Erleben eine gemeinsame Zeit wunderbarer Nähe und Vertrautheit gegeben, sowohl im Studium bei verschiedenen Leirman-Projekten als auch rund um die Aktion in Eguiarte, in deiner baskischen Heimat.

Ich gehörte damals zu der Gruppe von "Küchenbullen", die für das leibliche Wohl der Teilnehmer zu sorgen hatte. Mit dir zusammen, teils auch allein, habe ich in deinem roten VW-Passat in den umliegenden Ortschaften die Einkäufe gemacht. Da haben sich oft die Ladenbesitzer die Haare gerauft, wenn ich Lebensmittel gleich kistenweise weggeschleppt habe, manchmal ihren gesamten Vorrat an Pfirsichen oder Möhren. Im Frauenkloster habe ich die Eier gekauft. Dort hat einmal eine Nonne mein "Castillano" gelobt. Das hatte natürlich mit deinem morgendlichen Sprachunterricht zu tun unter dem Motto: "Zßsunge rausßz!" Spätestens dabei konnten alle dein mitreißendes Temperament erfahren.

Unter Anleitung von Javier Iturgaiz aus Maneru haben wir eine tolle Paella gezaubert und gegen Ende unseres Aufenthaltes und Einsatzes dort ein Fest mit den Leuten aus Lacar und Allioz organisiert und gefeiert. Erwähnen will ich natürlich auch die Arbeit der anderen Gruppen, die Wasser und Strom installiert und Möbel gebaut haben.

Ein oder zwei Jahre später habe ich dort mit Marlies Küsters noch einmal Urlaub gemacht. Javier war so nett, uns das Haus zu überlassen.

Eine ganze Fotoserie von Estella und Umgebung schlummert noch in meinem Schrank. Anfang des Jahres hatte ich sie mal wieder hervorgekramt, als sich eine gute Freundin auf den Camino nach Santiago de Compostella machen wollte.

Ich kann gar nicht sagen, wann sich unsere Wege dann getrennt haben, das wirst du besser wissen als ich. Ich habe noch in Aachen von deiner Rückkehr nach Pamplona gehört. Auch sollst du eine Familie gegründet haben, aber dann verliert sich für mich deine Spur im Dunkel.

Erst in den letzten Tagen habe ich von deiner großen Karriere erfahren. So, wie ich dich kennen gelernt und noch in Erinnerung habe, wundert mich diese Entwicklung nicht. Ich bewundere dich für all das, was du in den letzten Jahrzehnten aufgebaut, bewegt und positiv verändert hast.

Mein Lebensweg dagegen hat sich eher auf holprigen und kurvenreichen Pfaden dahingeschlängelt. Während des Pädagogikstudiums habe ich schon die Lust daran mehr und mehr verloren, habe quasi die soziale Arbeit in der Obdachlosensiedlung und meinen Job als Zusteller im Paketdienst zu meiner Haupttätigkeit gemacht.

1978 bin ich dann auf meinen Trip gegangen, d.h. ich habe zusammen mit meinem Freund Kurt fast ein halbes Jahr lang die Karibik und Südamerika bereist. Die Jahre 1983 und '84 habe ich in Padua, in Italien verbracht. Am Bertrand Russell Institut habe ich versucht, erwachsenen Italienern die deutsche Sprache zu vermitteln. Als dann im Abstand von vier Jahren meine Eltern gestorben sind, bin ich 1985 in meine Heimatstadt Herford zurückgekehrt. Dort habe ich den Nachlass meiner Eltern verwaltet und privatisiert. Das Erbe meiner Mutter hat mir zumindest zeitweise die finanzielle Unabhängigkeit beschert, die ich mir immer gewünscht habe.

1989, inzwischen 39jährig, habe ich meine Frau kennen gelernt. Sigrid hatte gerade ihr zweites Studium abgeschlossen. Jetzt war sie arbeitslose Lehrerin und Graphik-Designerin. 1990 haben wir gemeinsam eine kleine Werbeagentur aufgebaut. Nach einigen Jahren bekam meine Frau aber das Angebot, in den Schuldienst einzutreten und hat dies auch realisiert. So musste die Werbeagentur sterben und ich arbeite seitdem als freier, selbstständiger und unabhängiger Finanzkaufmann. Mit ca. 80 Kollegen bin ich in einem Dachverband organisiert. Gemeinsam führen wir zwei Büros in Bielefeld und Lippstadt und betreuen dort Privatkunden in Bezug auf die Gestaltung ihrer Finanzkonzepte. Dies ist aber bestimmt nicht der letzte Akt in meinem Berufsleben. Ganz oft ist mir die Arbeit in der Natur: Bäume fällen im Wald, Obst ernten im Garten oder die Betreuung meiner 50köpfigen Hühnerschar viel näher als die Finanzprobleme anderer Menschen. Inzwischen wohnen wir nämlich in einem Bauernkotten bei Melle im südlichen Niedersachsen, umgeben von Feldern, Wäldern und Streusiedlungen, sprich: auf dem Land.

Ach ja, und dann gibt es ja noch einen Traum: Ich möchte irgendwann noch nach Schottland auswandern. Dort bin ich 1999 zum ersten Mal gewesen und es hat mich gepackt und lässt mich nicht mehr los. Vielleicht kann ich dort in einem kleinen Haus leben, in der grandiosen Natur der Highlands und für die Touristen "Bed and Breakfast" und/oder Kurse der "Inneren Ruhe" anbieten. So käme dann die Welt zu mir und meine pädagogische Ausbildung wäre nicht ganz und gar für die Katz.

Mit solchen, oder immer wieder neuen Zielen und Träumen bleibt das Leben spannend, so gibt es stets Optionen auf Veränderung und Erneuerung. Im Oktober werde ich erst 53 Jahre alt, es gibt also möglicherweise noch viel Zeit für Wandel und die Ausgestaltung von Visionen.

Sei's drum. Ganz gleich, welchem Propheten wir glauben oder welchem Stern wir folgen, die gelebte Gemeinschaft, das gemeinsame Lernen, das gelernte Wissen und dann ein wissend oder gar weise geführtes Leben verbinden und vereinen uns alle in dieser unendlichen Intelligenz, die der eine oder andere Gott nennen mag, in diesem allumfassenden Bewusstsein, in dem wir alle geborgen und eins sind.

Ganz gleich auch, ob sich unsere Wege noch einmal direkt kreuzen oder nicht, ein Stück von Jesús Hernández wirkt und waltet auch in meinem Leben und Herzen. Und ich finde, das ist die beste Wirkung, die ein Mensch auf seine Mitmenschen ausüben kann.

Ganz herzliche Grüße und alles Liebe


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