Das Begehren der Alten

von Ulrike Brandenburg und Heinz J. Kersting (Mai 2006)

Gefragt nach der größten Liebe seines Lebens antwortete der französische Schriftsteller Bernard Bovier de Fontenelle (1657 - 1757): "Das kann ich noch nicht sagen. Ich bin erst 95 Jahre alt."

Einleitung

Um den Zugang zu diesem Thema zu erleichtern, sei eine kleine Übung vorangestellt. Diese soll "verführen" helfen, sich nicht nur gedanklich, sondern vor allem gefühlsmäßig einzulassen.

Übung: "Nehmen Sie bitte einmal Kontakt auf mit Ihrem aktuellen Alter. Vergegenwärtigen Sie sich also, wie alt Sie derzeit sind. Nun lassen Sie bitte Revue passieren, was Sie bisher sexuell für Erfahrungen gemacht haben, erfreuliche, enttäuschende - was auch immer. Erinnern Sie sich bitte, was Sie bisher sexuell erlebt, etwas frecher könnte man vielleicht auch sagen "erledigt" haben. Nun machen Sie bitte einen Sprung. Gehen Sie jetzt bitte in Kontakt mit dem Alter, welches Sie gerne erreichen würden. Das Alter also, bei dem Sie glauben, in Frieden sterben zu können. Nun schauen Sie bitte von diesem Ihrem Wunschalter zurück zu dem Zeitpunkt, an dem Sie heute stehen. Schauen Sie sich diese Spanne von 20, 30, 40, was auch immer Jahren an. Also, aus der Perspektive Ihres Wunschalters heraus, was hätten Sie gern, dass Sie während dieser Zeitspanne noch sexuell erlebt oder "erledigt" hätten? Was würden Sie während dieser Zeit gerne noch erfahren oder erneut erfahren?"

Was viele bei dieser kleinen Übung bemerken ist, dass es ein sexuelles Begehren auch in höheren Lebensjahren gibt. Dieses Begehren ist uns oft gar nicht bewusst, ist uns verborgen. Vielleicht wäre es der einen oder dem anderen fast auch ein wenig peinlich, es zu fühlen. Wir verbinden Älterwerden ja nicht mit Begehren. Insofern kann es von Wichtigkeit sein, dieses Begehren in uns zu suchen und wahrzunehmen. Konsequenzen hat das gar keine. Wie jeder von uns damit umgeht, ist eine ganz persönliche, individuelle Sache. Begehren zu fühlen heißt keineswegs, Begehren immer in konkrete Handlungen umzusetzen.

Alter, Sex, Gesellschaft

Alterssexualität als gesellschaftliches Konstrukt

Wenn wir über Sexualität im Alter sprechen, müssen wir uns überlegen: Zum einen, was meinen wir eigentlich mit Sexualität? Zum anderen, was meinen wir eigentlich mit Alter? Beides ist individuell und abhängig von der Person oder dem Paar, die oder das da altert und die oder das da Sexualität praktiziert. Somit meinen wir, wenn wir über Sexualität im Alter sprechen, wohl eigentlich nur die Idee, die wir ganz persönlich dazu haben. Diese Idee ist natürlich wiederum überformt durch das, was uns kulturell vorgeschrieben wird, an Ideen diesbezüglich zu haben. Die kulturellen Normen, die Sex und Alter betreffen, sind äußerst starr und teilweise sehr unterschiedlich für beide Geschlechter. Altern an sich ist negativ besetzt. Wir tun derzeit alles, es aufzuhalten. Zum Teil ist es gut so, denn letztlich sind es medizinische Fortschritte, die dazu geführt haben, dass Menschen länger leben können. Dass aber wie in einem ewigen Jugendlichkeitswahn kaum jemand mehr vom Sterben spricht oder vom Verlust biologischer Frische oder auch von den Vorzügen, der Weisheit, der Unabhängigkeit oder auch dem Witz des Alters, das ist schade. Es ist fast immer Angst verbunden mit Scham, was da wächst in uns, womöglich alt oder älter zu erscheinen. Älterwerden bedeutet Werteverlust und damit Verlust an Respekt und Anerkennung. Bereits an dieser Stelle ist ein Geschlechterunterschied zu bemerken. Während Männer nicht primär durch Jugend und Schönheit, sondern durch Status und Geldbeutel wertemäßig definiert werden, scheinbar zunächst im Alter entsprechend wenig an Wert verlieren, ist es bei Frauen ganz anders. In dem Moment, wo Frauen vor allem Jugend, da Jugend gleich Schönheit, verlieren, da werden sie - zumindest öffentlich - "wertlos". Wenn Männer in ihren zweiten Frühling eintreten, treten Frauen oft ein in die Schatten des Unsichtbaren. Während Männer im Alter Potenz und Präsenz durchaus bewahren, wird das den alten Frauen völlig abgesprochen. Im Gegensatz zu Männern verlieren sie damit auch an Macht.

Sexualität im Alter ist bis heute eines der großen Tabus unserer Gesellschaft. Jugendliche können sich kaum vorstellen, dass ihre Oma und ihr Opa noch Sex miteinander haben. Vorurteile sind immer noch anzutreffen, z.B. alte Menschen sind asexuell wie Kinder, ein alter Körper ist unattraktiv, im Alter kann man keinen Geschlechtsverkehr mehr ausüben, Alte sollten Vorbilder sein und keine Sexprotze. Hinzu kommt die Tendenz, den Älteren zu vermitteln, dass sie sich lächerlich machen, wenn sie noch sexuelle Gefühle haben. Was im Alter erlaubt ist, wird von Jüngeren bestimmt. Die Jüngeren verbieten den Alten, was diese früher den Jüngeren verboten haben. Erwachsene Kinder sprechen sich oft gegen eine neue Partnerschaft aus und versuchen diese neue Bindung als "kindische Dummheit" zu entwerten.

Eine weitere Entmündigung stellt häufig die Wohnsituation älterer Menschen dar, die für eine Sexualität im Alter wenig förderlich ist. Viele alte Menschen wohnen mit ihren erwachsenen Kindern zusammen und stehen so unter starker verwandtschaftlicher Kontrolle. Ältere Menschen in Heimen sehen sich einer noch schärferer Kontrolle durch Mitbewohner und Heimpersonal ausgesetzt. Privatleben und Intimsphäre sind nicht nur durch die räumlichen und organisatorischen Verhältnisse, sondern auch nicht selten durch die negativen Einstellungen auf Seiten der Heimleitungen und Pflegepersonen eingeschränkt. Heute präsentieren sich Alten- und Pflegeheime noch durchgängig als "Lustkillerinstitutionen". Letzteres gilt besonders für mentalbehinderte alte Menschen, deren Sexualität noch stärker einem gesellschaftlichen Tabu unterliegt als die der anderen Alten.

Allzu of wird Sexualität verkürzt verstanden als Natur, als ein Faktum der Biologie des Menschen. Vor allem ist sie ein gesellschaftliches Konstrukt. Sexualität wird konstruiert, kann dekonstruiert und neukonstruiert werden.

Andere Gesetze für Männer und Frauen

Die gesellschaftlich konstruierten Bedingungen der Sexualität sind wesentlich gravierender und einschränkender. Alleinstehenden und verwitweten Frauen, wird oft gesellschaftlich völlig zu Unrecht ein Nachlassen sexueller Aktivitäten zugeschrieben. Sie haben keine Sexualität mehr zu haben, auch nicht als Selbstbefriedigung und/oder in ihren Phantasien. Die gesellschaftliche Norm vom "aktiven" Mann und der "passiven" Frau spielt eine entscheidende Rolle: Der Frau wird es nicht zugestanden die Initiative zu übernehmen (schon gar nicht, wenn sie alt ist). Älteren Männern wird eher zugestanden sexuell aktiv zu sein. Ein älterer Mann mit einer jungen Frau wird beneidet, eine ältere Frau mit einem jungen Mann lächerlich gemacht. Der gesellschaftlich konstruierte Unterschied, ein Mann müsse immer älter sein als eine Frau, der für jede Lebensphase unreflektiert behauptet wird, wirkt sich bis ins Alter aus. Darum haben es ältere Männer zurzeit noch leichter eine neue Ehe einzugehen. Wir können beobachten, dass das als ein anerkennendes Zeichen von Potenz gewertet wird. Doch auch dort, wo weniger an die Sexualität des älteren Mannes gedacht wird, ist die Gesellschaft Männern gegenüber toleranter. Ein älterer Mann braucht eben eher eine Frau, die ihn "versorgt".

Alte Frauen kommen als sexuelle Wesen noch nicht so häufig vor, weder in der romantischen Literatur, noch in Filmen, noch in Magazinen, noch in der Aufklärung. Es scheint sie einfach gar nicht zu geben. Macht man sich Phantasiebilder in diesem Zusammenhang, so fühlen diese sich unanständig, irgendwie falsch an. Man stelle sich einmal eine 73jährige Frau vor, wie sie da nackt liegt und von ihrem Partner zum Orgasmus stimuliert wird. Wie sie stöhnt, wie sie zuckt, wie er sie leckt, wie sie dabei ihre Brustwarzen berührt und schließlich zum Höhepunkt kommt. Derartige Bilder sind wie unerlaubt, peinlich, man muss sich dafür schämen. Sich dagegen einen potenten alten Mann vorzustellen, ist erlaubter, konventioneller. Sexuelle Potenz und Präsenz ist auf weiblicher Seite nach wie vor vergesellschaftet mit festem Fleisch, mit sprudelnden Säften, mit geschmeidigen Schleimhäuten, etc. Der nicht mehr jugendlichen Frau wird in dieser Gesellschaft nicht nur sexuelle Potenz, sondern auch sexuelles Begehren abgesprochen und damit Macht. Sie muss schon ebenso reich, wenn nicht reicher sein als ein älterer Mann, der sich eine junge Frau "kaufen" kann, wenn sie sich einen jüngeren Mann "halten" will. Viel öfter als ein Ja ist ein Nein die Antwort auf ihr Begehren. Finden wir in dieser politisch-sexuellen Norm nicht vielleicht doch noch ein Stückchen "Zähmung" der "widerspenstigen" Frauen durch die sich fürchtende Männerwelt in unserer sonst so modernen Zeit wieder? Zähmung der alten Frauen - waren Frauen nicht zu allen Zeiten den Männern unheimlich? Im Mittelalter kamen auf einen Hexer zehntausend Hexen. Die Hexe galt als sexuelle Bedrohung nicht als Partnerin, als schreckliche Gefahr für die Fortpflanzung und die Erziehung des Nachwuchses zum Christentum. Die Mehrzahl der in Nordamerika und in Europa als Hexen hingerichteten Menschen (ca. 80 Prozent) waren ältere Frauen, die zu alt waren, um Kinder zu bekommen. Die meisten von ihnen waren verwitwet, arm oder alleinstehend (vgl. Atkinson 1999: 232; 220).

Kulturgeschichtliche Aspekte

Die Konstruktion der Sexualität wurde bisher kulturgeschichtlich stark von Männern geprägt. Einige Namen seien erinnert: Platon, Aristoteles, Paulus, Augustinus, Thomas von Aquin, Luther, Descartes, Hume, Kant, Darwin, Marx, Nietzsche, Freud (vgl. Bullough 1973; Foucault 1983; 1986a; 1986b;). Auch die religiösen Grundlagen der Sexualität ruhen auf Männern: Jesus und Mohammed. In deren Nachfolge stellten die religiösen Organisationen, die sich auf diese Stifter bezogen, die Bedeutung der Sexualität häufig in den Dienst der Machtausübung der Männer über die Frauen. Vorgezeichnet wird diese Entwicklung bereits im Alten Testament, lassen doch die Schreiber der Heiligen Schrift Gott schon im ersten Buch zur Frau in klarer Männersprache reden: "Deine Begierde wird dem Manne gelten und er wird dich beherrschen." Die Folge war, dass ein Vater sich seinem Sohn nicht nackt zeigen und beim Wasserlassen seinen Penis nicht anfassen durfte. Die Frau hatte den Status eines Brutkastens (vgl. Stanton 1974).

Im Christentum verschärften Paulus, Augustinus und die nachfolgenden Kirchenlehrer die Lage noch und predigten den Verzicht auf die sexuelle Lust. Der Beischlaf war nur erlaubt als Auftrag zur Fortpflanzung, denn das Hauptziel der Ehe (der "finis primarius") war das Kinderkriegen. Wenn keine Fortpflanzung mehr möglich war, war die Sexualität Todsünde. (Ranke-Heinemann 2000).

Inzwischen werden diese Tabus heute kaum mehr in dieser Form den heranwachsenden Generationen vermittelt. Die Konstruktionen von Sexualität beginnen sich zu verändern.

Die Verhütungspille hat die geschlechtsreife Frau in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum erstenmal aus der verfügbaren Unterdrückung durch den Mann gegen hinhaltenden, aber sich immer mehr als wirkungslos zeigenden Widerstand der katholischen Kirche herausgeführt, die über Jahrhunderte hinweg die Konstruktion der abendländischen Sexualität dominiert hatte. Wie immer man auch diese Entwicklung analysiert, sie ist nicht zu trennen davon, dass die Frau jetzt über ihre Sexualität in gewissem Maße selbst verfügen kann und zwar unabhängig von Schwangerschaft und Stillzeit durch bewusstes Entscheiden.

Die Sexualität des Mannes wurde seit Jahrhunderten (vermutlich schon seit Jahrtausenden) mit dem Erfolg der Erektion in Zusammenhang gebracht. Wer diese nicht bringt ist ein Versager, so dass das Wort "Schlappschwanz" synonym für einen Feigling oder Schwächling verwendet werden konnte. Versagen ist persönlich. Es ist ein gesellschaftlich fast nicht zu ertragendes Erlebnis und darüber hinaus seit Jahrhunderten für den Mann ein Tabu. Die funktionierende Erektion wurde so zum Fixpunkt männlicher Sexualität, was sich auch in der Erziehung eines Jungen zum Mann gesellschaftlich festmachte (Eldred 1991). Schlichtweg geht man davon aus: Der Mann kann immer, zu Luft, auf Erden, unter Wasser, im Krieg, in der Wüste. Das führte zur Vermännlichung unserer Kultur und zur Unterwerfung des Weiblichen (auch der weiblichen Anteile des Mannes) unter diese mangelhafte und einseitig konstruierte Lebensform (vgl. Duby 1988).

Eine kulturgeschichtliche Betrachtung würde uns jedoch zeigen, dass Männer in unterschiedlichem Ausmaß den Vorstellungen und Ansprüchen der von Männern konstruierten Kultur nicht nachkommen können. Der bereits im Altertum verbreitete Gebrauch von Aphrodisiaka aller Arten beweist uns, dass, was fast als Naturgesetz galt, eine männliche Konstruktion von Sexualität ist; eine fatale Konstruktion, denn viele Männer haben aus ihrem Versagen den Ausweg in Surrogaterlebnisse gesucht, die meist eine aggressive, entweder gegen sich selbst oder gegen andere, besonders gegen Frauen gerichtete Komponente enthielten. Selten fand dieses Versagen ihre Sublimierung in Kunst und Wissenschaft, allzu häufig mündete sie in Depressionen, Abwertung des Weiblichen, bis hin zu Krieg.

Sexuelle Potenz steht also oft für Macht. Dabei heißt sexuelle Präsenz nicht nur Potenz in bezug auf sexuelles Funktionieren, sondern auch in bezug auf allgemein gesellschaftliche Anerkennung und öffentlicher Macht. Viagra, Ixsense, Ubrima oder wie auch immer all die neuen Potenzpillen heißen und heißen werden, bringen in diesem Sinne kulturgeschichtlich eine Wende. Erstmals kommt es zu dem öffentlichen Eingeständnis, dass eine regelmäßig ablaufende Erektion nach der Vorstellung: "Mann kann und muss immer" ein jahrhundertlang gepflegter Schwindel des Mannes war. Ein Schwindel und Selbstbetrug, der den Männern außerdem noch in ein unglückliches gesellschaftliches Rollenverständnis brachte. Jetzt zeigt sich, dass die Erektion neben der biologischen auch eine menschliche Komponente besitzt. Sie kann nämlich Auskunft geben über die Befindlichkeit des Mannes, seine Biografie und die Partnerschaft, in der Sexualität stattfinden soll. Die Chance die die erektionsfördernden Mittel eröffnen, könnte es dem Mann gestatten, die Erektion als eine Möglichkeit, eine Spielart der Sexualität, und nicht mehr als etwas Zwanghaftes zu erleben. Eine Möglichkeit, von der man Gebrauch machen, die man aber auch lassen kann. Der Druck des Versagens könnte auf diese Weise wegfallen. Eine neue Konstruktion wäre möglich: Eine Erektion ist möglich, wenn sie denn gewünscht und nicht nur, wenn sie gebraucht wird. Eine der gesellschaftlichen Hauptwirkungen der erektionsfördernden Mittel könnte Gelassenheit sein, gelassener Umgang mit der männlichen Sexualität.

Vermutlich aber wird zunächst der Druck zur immerwährenden Potenz auf die Männer jeglichen Alters noch stärker werden. Auf unser Thema bezogen könnte das bedeuten: Die sexuelle Funktionsfähigkeit des Mannes ist "scheinbar" altersunabhängig geworden. Man(n) kann oder muss heute bis zum Tode. Wie es ihm dabei geht, wen interessiert das schon. Dass nach wie vor klinische Untersuchungen, was die Langzeitwirkung dieser Medikamente betrifft, fehlen, sei an dieser Stelle noch einmal mit Nachdruck erwähnt. Ob diese zurzeit noch mehr für den Mann geltende Medikalisierung von Sexualität letztlich wirklich ein Segen oder ein Fluch für ihn darstellt, lässt sich derzeit noch nicht beurteilen. Die Potenzpille als additive Möglichkeit, ist sicherlich auf der einen Seite ein Stück Freiheit mehr, auf der anderen Seite aber schleicht sich die Frage ein, ob denn ein alternder Mann es sich heutzutage schon erlauben darf, gelegentlich oder auch überwiegend nicht potent zu sein. Wird Impotenz im Alter durch diese Mittel nicht endgültig zur männlichen Krankheit erklärt?

Wir erleben parallel zu möglichen Neukonstruktionen der Sexualität allenthalben auch andere Dekonstruktionen bisheriger, für ewig gültig gehaltenen gesellschaftlicher Konstruktionen, so z.B. das bisher unerschütterliche Dogma von der Trennung zwischen weiblicher und männlicher Welt (vgl. Hirschauer 1989; 1994) oder der unerwartete Zusammenbruch der politischen und religiösen Blöcke. Es werden neue Verständigungsmöglichkeiten gesucht. Wir hegen darum trotz allem die Hoffnung, dass erektionsfördernde Medikamente den Mann aus dem Zwang zur erfolgreichen Erektion und aus der Angst vor dem Versagen ebenso befreien werden, wie die Pille die Frau aus der sexuellen Verfügbarkeit durch den Mann zu befreien beginnt. Wir stimmen Leonore Tiefer (Porst/Tiefer 2001), dass die derzeitigen Anwendungen von Viagra noch wenig mit diesen Neukonstruktionen von Sexualität, sondern eher mit dem Wunsch der Menschen zu tun haben, in "ihrer sexuellen Performance keinerlei Veränderung erfahren" zu müssen, indem sie so tun, "als wenn sie 35 wären". Leonore Tiefer meint, dass diese Medikamente für unser derzeitiges Wissen und Bewusstsein von Sexualität zu früh auf den Markt gekommen seien. Wir stimmen mit ihr darin überein, dass diese Medikamente z.Zt. noch allzu eng verknüpft sind "mit einer weltweiten Werbekampagne von Pharma-Firmen, die die Realität des Alterns leugnet - ob jetzt in bezug auf ‚Glatze’, auf Gedächtnis oder auf andere altersbezogene Veränderungen" (Porst/Tiefer 2001).

Es wäre tragisch, wenn die alleinige Medikalisierung der Erektion als Life Style Event zu einer Trivialisierung der männlichen und partnerschaftlichen Sexualität führen würde. Stattdessen wären jetzt neue ästhetische und emotionale Erziehungsmodelle erforderlich, die Genusssexualität als eine der intensivsten Möglichkeiten eines partnerschaftlichen Vertauenserlebnisses und der gegenseitigen Verantwortung herausbilden. Gleichzeitig wäre es notwendig, dass die Fortpflanzungssexualität wieder eine angemessene gesellschaftliche Bedeutung gewinnt, damit der Generationenvertrag auch in einer Gesellschaft mit einem größeren Anteil älterer Menschen sicher eingehalten werden kann. Vermutlich müssen wir für die von uns erhoffte Entwicklung zu einer neuen partnerschaftlichen Liebeskultur gewissen Zeitraum ansetzen. Dann jedoch wird sich die Verhaltenskultur in den kommenden Jahren vor allem älter werdenden Menschen gegenüber in unserer Gesellschaft entscheidend verändern. Was besonders wichtig ist, da mehr ältere Menschen in den zukünftigen Gesellschaften leben werden als bisher (vgl. bereits ausführlich dazu Lowy 1981, Lowy 1986).

Bei den derzeit lebenden älteren Menschen spielt in ihrer Sexualität oft noch ihre Lebensbiografie eine große Rolle. Erzogen wurden sie zu meist mit einer rigiden Sexualmoral. Wer in jüngeren Jahren Sexualität bloß als eheliche Pflicht ansah und eine wenig befriedigende Sexualität gelebt hat, wird auch im Alter häufig negativ gegenüber Sexualität eingestellt sein. Ebenso wie andere Verhaltensmerkmale weist auch das Sexualverhalten sozialisationsbedingt eine hohe Kontinuität im Lebenslauf auf (vgl. Rosenmayr 1978; Gillis 1997).

Allerdings scheint sich zurzeit im Kulturwandel selbst eine Veränderung anzubahnen.1 Etablierte Kulturen waren in der Moderne bemüht, sich neuen Ideen der nachwachsenden Genrerationen anzugleichen. So bestimmt tatsächlich immer noch der Jugendkult die Leitbilder der heutigen Gesellschaft und Märkte. Zumindest in Deutschland wird sich das aber vermutlich in den nächsten zehn Jahren deutlich umkehren. So wird eine Mehrheit von 49 Millionen von über 40-Jährigen lediglich 29 Millionen Menschen bis 39 Jahre gegenüberstehen. Die Bevölkerungszahl wird dann um drei Millionen geschrumpft sein. Die Jungendlichen werden die Minderheit von morgen sein und dies auch übermorgen bleiben. Vermutlich werden dann endgültig die Werte von den neuen Alten - wahrscheinlich von den weiblichen neuen Alten - bestimmt und dominiert werden.

Auch jetzt schon ist eine zunehmende Akzeptanz der körperlichen Selbstbestimmung zu beobachten. 41 Prozent der US-Amerikaner zwischen 35 und 50 Jahren haben bereits eine Botox-Behandlung hinter sich. Diese Substanz lähmt vorübergehend die Gesichtsmuskeln und wirkt gegen Falten. "Wenn man alt ist, wird man unsichtbar", beklagt die Comedy-Diva Joan Rivers. Nicht beachtet zu werden, ist das Schlimmste, was einem Menschen in der Mediengesellschaft passieren kann. Die Kränkung des Selbst setzt eine ungeheuere Energie frei. Aber auch Deutschland holt auf. 2004 haben Fachärzte einen Trend zur Po-Vergrößerung ausgemacht. Der Po sei der neue Busen, sagt die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie. Die Unterhaltungsindustrie unterstützt das Re-Design der Weiblichkeit - mit Latino-Queen Jennifer Lopez als Rollenmodell. Ihr soll der schönste Po gehören, darin sind sich jedenfalls die Boulevardmedien einig.

Nordamerikanisierte Schönheitsideale werden zum globalen Standard. Während Sophia Loren, 78, immer noch tiefe, öffentliche Einblicke in ihr Dekolletee gewährt, bemüht sich auch die Ikone der Emanzipationsbewegung, Alice Schwarzer, 65, um Sexappeal. Zu einer neuen Frisur und Kontaktlinsen statt Brille schminkt sie sich jetzt jugendlich. In solchen Äußerlichkeiten erkannte Schwarzer bisher eine Unterdrückung der Frauen und lehnte das Buhlen um Aufmerksamkeit mit weiblichen Schönheitsattributen fundamentalistisch ab. Sie hat dazugelernt. Künftig wird auch bei ihr Ideologie durch Ästhetik ersetzt. Uschi Glas, 61, galt noch als mutig, als sie als Bikinimodel im Lifestyle-Magazin "Max" posierte, die Popsängerin Cher, 58, geht konsequent den nächsten Schritt und hat zu ihrem 60. Geburtstag angekündigt, sich nackt in einem Männermagazin verewigen zu wollen. Cher machte nie einen Hehl daraus, dass sie ihr Aussehen vielfältigen operativen Verbesserungen verdankt. Bereits 82 Prozent der unter dreißigjährigen Frauen können sich vorstellen, ihren Körper derart verändern zu lassen, so eine aktuelle Forsa-Studie. Im US-Bundesstaat Arkansas schließlich stehen Körpergewicht und Body-Maßindex der Kinder seit 2004 sogar im Schulzeugnis.

Der eigene Körper wird modisch interpretiert und zum Lifestyle-Produkt. "Sei du selbst" wird damit zur Designaufgabe.

In Zukunft werden die neuen Alten in einem Supermarkt der Schönheitsstile wählen müssen: Die "perfekt Verjüngten", die "smarten Optimierer", die "egophilen Designer" sowie die "offensiv Alternden" werden zu kommerziellen Angeboten der Jugendlichkeitsindustrie. Wer "unbewusst-ungestylt" leben will, wird den sozialen Abstieg in Kauf nehmen müssen. Das Leben wird zur ästhetischen Entscheidung.

Die Älteren rund um den Globus entdecken die Selbstvermarktung. Die Lust, sich öffentlich zur Schau zu stellen und bewerten zu lassen, steigt. In den USA kämpft man im Tennisturnier "Granddad Slam" um den Sieg und in China lassen sich die neuen Alten im Wettbewerb "Pekings schönster Senior, Pekings schönste Seniorin" auszeichnen. In Deutschland stellten sich 2004 zum ersten Mal 400 Frauen zwischen 49 und 79 zur Miss-Sensorinnen-Wahl. Offiziell ging es mehr um die Ausstrahlung als um die Zahl der Falten. Das Interesse der Medien war überwältigend. Noch suchen die schönsten, besten und beliebtesten neuen Alten nach einem Ranking ihrer Jugendlichkeit, die durch die tatsächlich Jungen und Schönen attestiert wird. Spätestens wenn jugendliches Aussehen zur Ausnahme und reife Gesichter und Körper zur Norm werden, wird vermutlich "natürliche Künstlichkeit" zum Schönheitsideal. Wer "natürlich" aussieht, wird leiden müssen, denn Fremdanerkennung wird wichtiger als Selbstachtung.

Der Schlüssel zum Verstehen dieser Entwicklung liegt im neuen Selbstverständnis der Frauen. Die weiblichen neuen Alten hatten sich ihre sexuelle Befreiung in der Emanzipationsbewegung erkämpft. Sie waren die erste weibliche Generation, die Berufskarrieren planen und verwirklichen konnte. Sie werden in zunehmenderem Maße wirtschaftlich unabhängig. Diese Gleichberechtigung hat Nebenwirkungen in einer zeitlich verschobenen Familienplanung. Die Frauen heiraten sechs Jahre später und Nachwuchs kommt, wenn überhaupt, als Wunschkind. Schwangerschaften erfolgen heute selbstbestimmter und Jahre später als noch vor zwanzig Jahren. Ein steigendes Interesse an der langfristigen Leistungsfähigkeit der eigenen körperlichen und geistigen Kompetenzen ist vorprogrammiert. Als Motor dieser Entwicklung dient die moderne Reproduktionsmedizin. Dabei ist wiederum interessant die Rolle der Frau: Waren es bisher vor allem weiblichen Sexualpartner, die mit zunehmendem Lebensalter Abstand von der körperlichen Liebe nahmen, so wird sich dies in Zukunft umkehren. Da Frauen weit weniger als Männer mit sexuellen Dysfunktionalität zu kämpfen haben, gleichzeitig aber enorm an Selbstbewusstsein und Selbstbestimmtheit zulegen, werden es aller Voraussicht nach künftig die Männer sein, die für Probleme beim Sex verantwortlich werden. Brauchten früher die Männer kaum an sich selbst zu arbeiten, so werden sie vermutlich zunehmend unter Stress geraten, wenn die Frauen in einer Art zweiten Emanzipationsbewegung den Paradigmenwechsel vorantreiben.

Klinische Aspekte der Sexualität alter Menschen

Ältere Männer

Das am häufigsten vorgetragene sexuelle Problem älterer Männer ist das einer beginnenden Impotenz. "Es klappt nicht mehr" oder "Ich kann nicht mehr so wie sonst", das sind Worte von Männern, mit denen sie dieses Problem oft umschreiben. Bei den meisten Männern bedeutet es, dass ihre Erektion in der Art, wie sie sie aus jüngeren Jahren gewohnt waren, nicht mehr regelmäßig zustande kommt. Das heißt, dass sie nicht mehr so prompt, so schnell und so regelhaft auf sexuelle Reize und entsprechend auf sexuelle Erregung erfolgt. Oftmals dauert es länger, bis das Glied steif wird. Manchmal bleibt es auch weniger steif oder erreicht die dem Mann gewohnte Steifigkeit nur für wenige Sekunden. Häufig reicht auch nicht mehr allein die subjektive Erregung des Mannes, sondern bedarf es einer zusätzlichen und auch wiederholten manuellen oder oralen Stimulation durch die Partnerin oder den Partner.

Der Ausprägungsgrad der beginnenden Impotenz ist sehr unterschiedlich und abhängig von der persönlichen Verfassung des Mannes, der Paarsituation und auch der angewandten sexuellen Praktik. Im Allgemeinen ist beim älter werdenden Mann Impotenz in der Paarsituation stärker ausgeprägt als bei der Masturbation. Dies ist ein deutliches Zeichen, dass auch die Impotenz des Alters nicht nur rein biologisch, sondern natürlich auch psychischen Stressfaktoren unterliegt. Je mehr der Mann Druck und entsprechend Angst aufbaut zu versagen, desto stärker tritt im Allgemeinen die Symptomatik auf.

Neben der rein altersbiologischen Impotenz tritt im höheren Lebensalter auch die durch Krankheiten und/oder Medikamente bedingte Impotenz zunehmend häufiger auf. So kann es sich z.B. auch eine diabetesinduzierte erektile Dysfunktion handeln. Nicht selten kommt es auch bei einem Teil der Männer mit Prostatekomie zu einer erheblichen bis vollständigen Impotenz. Weitere häufige Ursachen können Medikamente sein, wie Lipidsenker, Antihypertonika, Psychopharmaka und andere. Wann immer eine erektile Dysfunktion neu auftritt, sollte an einen möglichen Zusammenhang mit Medikamenteneinnahme gedacht werden und entsprechend ärztlich um Rat gefragt werden. Nicht vergessen werden sollten auch die Männer, die auf dem Boden einer kardialen Erkrankung, z. B. eines abgelaufenen Infarktes eine Angst vor Belastung durch sexuelle Aktivitäten und entsprechend weiteren kardialen Insulten entwickeln.

Immer häufiger wird im Zusammenhang mit sexuellen Problemen von männlicher Lustlosigkeit gesprochen. Sicherlich werden auch ältere Männer manchmal keine Lust haben. Die wenigsten aber von diesen suchen ärztliche oder psychologische Hilfe. Die Generation der Männer, die derzeit älter oder alt ist, spricht mit großer Mühe und Überwindung von Scham über Impotenz, über Lustlosigkeit aber wird geschwiegen. Insofern lässt sich bisher wenig darüber sagen. Aufgrund der erektionsfixierten Erziehung der älteren Männer, übersetzen sie eine subjektiv erlebte Lustlosigkeit vermutlich umgehend und unbewusst in Impotenz. Dass Lustlosigkeit auf die Dauer reaktiv impotent macht, steht außer Zweifel.

Interessant ist, was die älteren Frauen zur Impotenz ihrer Männer sagen. Fast durchweg sagen sie, dass nicht die Impotenz des Partners das Hauptproblem sei, sondern sein daraus folgender - fast immer kompletter - erotischer Rückzug. Viele Partnerinnen bedauern es zutiefst, dass sich ihre Männer bei den geringsten Anzeichen von Impotenz häufig völlig sexuell zurückziehen. Aber auch sie, die Partnerinnen, sprechen ihre Männer im Allgemeinen nicht darauf an. Er zieht sich zurück und beide schweigen.

Ältere Frauen

Viel seltener als alte Männer suchen alte Frauen Sexualambulanzen auf. Zwei beklagte Probleme stehen im Vordergrund: zum einen sexuelle Lustlosigkeit und zum anderen Schmerzen bzw. Jucken im Vaginal- und/oder Analbereich. Über letztere Problematik klagen sowohl die jungen als auch die alten Alten. Dagegen klagen die jungen Alten, das sind Frauen um die 60 bis maximal 65 auch über sexuelle Lustlosigkeit. Extrem selten kommt es vor, dass Patientinnen, die älter als 65 oder gar 70 sind, über Orgasmusstörungen oder ein Zuwenig oder Zuviel an sexuellem Begehren oder sonstige konkrete sexuelle Probleme klagen. Ob diese tatsächlich nicht auftreten oder im Schweigen um die weibliche Alterssexualität verborgen bleiben, vermögen wir nicht zu beurteilen. Gerade angesichts dieses Schweigens sind die sogenannten versteckten oder lavierten Sexualstörungen der älteren Frau wichtig zu erkennen. Es ist keineswegs so, dass jeder von älteren Frauen angegebene Schmerz beim Koitus oder auch bei sexuell stimulierender Berührung immer organische altersentsprechende Ursachen haben muss. Natürlich kann es im Zusammenhang mit einer urogenitalen Atrophie zu Schmerzen, auch zu Juckreiz bei sexuellen Aktivitäten im Vulvabereich kommen. Je nach Autor werden diese Probleme mit 20 bis 40% angegeben (Mackay/Beischer/Pepperell/Wood 1992). Auch können Veränderungen im unteren Harntrakt bei Schmerzen beim Wasserlassen, häufigem Harndrang, Infektionsanfälligkeit und Inkontinenzbeschwerden führen. Manche ältere Frauen berichten über schmerzhafte, spastische Kontraktionen des Uterus während des Orgasmus. Interessant ist aber, dass mehr als die Hälfte aller Frauen diesbezüglich keine oder nur geringfügige Veränderungen erlebt (Brecher 1984). Allerdings zeigt diese Studie, dass bei Schmerzen und Jucken im Genital- bzw. Analbereich älterer Frauen immer auch an psychische und damit auch an mögliche sexuelle Probleme gedacht werden sollte. Keineswegs führen altersentsprechende biologische Veränderungen immer zu Beschwerden.

Ähnlich verhält es sich im Bereich der Hormone. Grundsätzlich bleibt die sexuelle Erregbarkeit wie auch die sexuelle Reaktion der Frau bis ins hohe Alter bestehen. Natürlich führen hormonelle Veränderungen zu Veränderungen der östrogenabhängigen Gewebe. Dazu gehört, dass die Sekretionsfähigkeit der Bartolini-Drüsen abnimmt und damit die Lubrikation nachlassen kann. Weiterhin werden Haut und darunter liegendes Bindegewebe im Scheidenbereich dünner und verletzlicher. Auch verkürzt sich die Vagina, die Vaginalwand wird ebenfalls dünner, trockener, verletzlicher und weniger dehnbar (Mackay/Beischer/Pepperell/Wood 1992). Völlig uneinheitlich sind die Studienergebnisse was die Mär um das Nachlassen der sexuellen Lust in Abhängigkeit eines postmenopausalen Östrogenmangels betrifft. Es gibt keine gesicherten empirischen Ergebnisse, die dieses Gerücht stützen. Selbstverständlich gibt es immer wieder Frauen, die über eine Zunahme an Einnahme an östrogenhaltigen Medikamenten berichten. Empirisch jedoch lässt sich ein solches Ergebnis nicht nachweisen. Umstritten ist in diesem Zusammenhang auch DHEA, ein Androgen-Präparat, welches derzeit in Deutschland noch nicht auf dem Markt ist, in Amerika bereits in hohem Maße eingenommen wird. Ob es wirklich Libido und entsprechend sexuelle Aktivität stimuliert, ist derzeit noch unklar, genauso wie die möglichen gesundheitlichen Folgen.

Neben allen organischen und hormonellen Veränderungen muss immer bei vorgetragenen Beschwerden älterer Frauen im Genitalbereich auch an ein sexuelles Problem gedacht werden. Häufig sind ungelebte Wünsche, Sehnsüchte, Entbehrung von Berührungen Gründe für eine solche Symptomatik. Gar nicht mehr zärtlich angefasst zu werden, sexuelle Erregung nur noch zu erinnern und Scham zu fühlen, was das eigene Altern betrifft, - all das sind Dinge, die eine solche Problematik begünstigen und zum Ausdruck bringen können. Auch schwierige Paarsituationen können Grund dafür sein. Genau so wie in jüngeren ist auch in älteren Jahren eine sexuelle Problematik häufig ein Schutz gegenüber partnerschaftlicher Aktivität, vielleicht auch ein Nein, zu dem, was der Partner will. Immer sollten, wenn ältere Frauen derartige Beschwerden vortragen, auch diese Aspekte mit exploriert werden.

Ähnlich wie bei den älteren Männern können natürlich auch bei den älteren Frauen schwere Erkrankungen, wie insbesondere Karzinomerkrankungen die Sexualität beeinflussen. Überwiegend gilt, dass wer vor Ausbruch schwerwiegender Erkrankungen ein zufriedenstellendes Sexualleben führte, sich auch danach wieder zu arrangieren lernt. Sexuelle Probleme, die danach auftreten, haben meist im Ansatz auch vorher schon bestanden. Auch hier wiederum gilt es, von Expertenseite den Patientinnen ein Angebot zum Gespräch über Sexuelles und Intimes zu machen. Schweigen schafft Tabus. Tabus schaffen Scham. Scham schafft Rückzug und begünstigt die Entwicklung von krankmachenden Symptomen.

Sexuelle Problem im Alter sind immer auch Beziehungsprobleme

Problem des Älterwerdens auch des sexuellen Älterwerdens sind Beziehungsprobleme. Selbst so klassische, existenzielle Fragen wie: "Wirst Du mich pflegen?" "Bleibst Du bei mir, wenn ich nicht mehr kann?", sind nichts anderes als Beziehungsfragen. "Bin ich noch attraktiv genug für ihn?", "Bin ich noch potent genug für sie?" - sind alles Fragen und Sorgen auf der Paarebene, über die wir sprechen müssen. Wir, das sind wir Experten mit unseren Patientinnen und Patienten. Wir, das sind wir aber auch als Betroffene, die wir alt sind oder älter werden und uns nach Beziehung sehnen. Nicht-Sprechen führt oft zu tragischen Missverständnissen. Manchmal zieht sie sich sexuell zurück, weil sie glaubt, dass er sie zu dick oder faltig findet. Er wiederum deutet ihren sexuellen Rückzug als Unzufriedenheit mit seiner sexuellen Potenz, und zieht sich ebenfalls zurück. Gesprochen wird darüber nicht. Stattdessen entstehen Distanz und Entfremdung.

Es gibt sie auch gar nicht: die ältere lustlose Frau. Es gibt ihn auch gar nicht den älteren impotenten Mann. Beide müssen wir betrachten unter der Perspektive: lustlos in Bezug worauf, auf wen, wann, impotent in Bezug worauf, auf wen, wann. Es geht nie nur um das Symptom, es geht in diesem Fall immer um ältere Menschen und deren Beziehungen, Beziehungserfahrungen und Wünsche. Postmenopausale Frauen sind fast nie durchweg sexuell lustlos. Fragt man sie nach Fantasien, nach Wünschen, nach Selbstbefriedigung entdeckt man fast immer auch Lust in ihnen. Auch klimakterische Männer, aging males, (wie das heute so heißt) reagieren, was ihre gelegentlichen Erektionsstörungen betrifft, durchaus unterschiedlich. Oft ist ihre Erektionsstörung auf der Paarebene viel ausgeprägter als bei der Selbstbefriedigung.

Es ist auch wichtig zu wissen, dass ältere Frauen gern und oft die Verantwortung für die sexuellen Problem ihrer Männer übernehmen, - natürlich ohne darüber zu sprechen. Oft völlig unbewusst inszenieren sie eine eigene sexuelle Problematik, die das eigentliche, das primäre sexuelle Problem des Mannes verschwinden lässt. Sie spüren die mögliche Kränkung der Männer und wollen sie davor schützen. Nicht wenige Frauen lassen derzeit, eine operative Scheidenverengung durchführen, um letztlich die Impotenz ihrer Männer zu kompensieren.

Um das subjektive Erleben von sexuellen Schwierigkeiten im Beziehungskontext von Liebe und Sexualität nachvollziehbar und nachfühlbar zu machen, sei an dieser Stelle eine Sequenz aus einem Erstgespräch mit einer älteren Frau wiedergegeben. Das Gespräch wurde geführt mit Patienten, die unter chronischen Schmerzen im Scheidenbereich litt. Dass Impotenzprobleme älterer Männer genauso Beziehungs- und Liebesprobleme sind haben wir praxisnah bereits anderen Orts beschrieben (Brandenburg/Kersting 2001).

Fallbeispiel:

Frau M., 73 Jahre, klagt über ausgeprägte Schmerzen im Scheidenbereich. Es gibt kaum Momente, in denen diese Schmerzen nicht bestehen. Wohl ist die Ausprägung unterschiedlich. So sind sie in Ruhe stärker als in Aktivität. Auch erlebt Frau M. sie in Gesellschaft schwächer, als wenn sie allein ist. Überhaupt nicht treten sie auf während des Schlafens. Frau M. ist Witwe, lebt alleine. Sie hat zwei erwachsene Töchter, die mit ihren Familien nicht am Ort leben.

Therapeutin: Frau M, was ist das Problem?

Frau M.: Diese ewigen Schmerzen, ich halte sie einfach nicht mehr aus. Es ist furchtbar im Sitzen, in Ruhe. Wenn ich mal eine Zeitschrift ansehen will. Ich habe schon alles Mögliche probiert. Cremes, Schmerzmittel, im Moment hat man mich mit Psychopharmaka eingestellt. Das hilft ein ganz bisschen, macht mich aber irgendwie so antriebslos und innerlich leer. Ich weiß einfach nicht mehr weiter.

Therapeutin: Seit wann besteht dieses Problem denn, Frau M.?

Frau M.: Es trat das erste Mal auf, als ich im Urlaub war. Ich hatte eine Reise für zwei Wochen in ein Seebad an der Ostsee gemacht. Da begann es. Am Anfang trat es nur beim Lesen und beim Fernsehgucken auf. Dann wurde es mit der Zeit immer schlimmer, bis es eigentlich irgendwann den ganzen Tag über da war. Jetzt ist es so, dass ich nur beim Schlafen Ruhe habe. Sobald ich morgens aufstehe, ist der Schmerz da und wenn ich manchmal nachts zur Toilette muss, tut es höllisch weh. Wenn ich aber wieder einschlafe, ist es wieder weg.

Therapeutin: Gibt es Momente, wo der Schmerz gar nicht auftritt, Frau M.?

Frau M.: Ja, wie gesagt, beim Schlafen und manchmal auch, wenn ich sehr vertieft in ein Gespräch bin, dann fühle ich ihn auch nicht. Ja, das wird mir eigentlich gerade so bewusst.

Therapeutin: Wie ist es jetzt?

Frau M.: Jetzt ist er nur ein ganz bisschen da.

Therapeutin: Wie ist es, wenn Sie sich berühren?

Frau M.: Ja, beim Waschen, da tut es auch weh. Ich wasche mich da ganz, ganz vorsichtig und auch nur mit bestimmten ganz milden Lotionen.

Therapeutin: Berühren Sie sich auch manchmal im Bereich ihrer Scheide, wenn sie sich nicht waschen?

Frau M.: Nein, eigentlich nicht, oder doch? - Dann, wenn ich die Scheide mit Creme einreibe, mit Bepanthen zum Beispiel, aber das tut dann auch weh.

Therapeutin: Gibt es noch Sexualität in ihrem Leben, Frau M.? Streicheln Sie sich manchmal zärtlich oder in erregender Art und Weise? Oder gibt es Partner oder Partnerinnen, mit denen sie Sexualität leben?

Frau M.: Nein, da gibt es nichts. Mein Mann ist vor 9 Jahren gestorben. Und auch vorher schon, da war unser Sexualleben eingeschlafen. Mindestens seit 15 Jahren ist da nichts mehr.

Therapeutin: Und ist das so in Ordnung für Sie? Oder gibt es vielleicht etwas, was Sie vermissen oder ersehnen oder wovon Sie träumen?

Frau M.: Eigentlich - das habe ich mir noch nie überlegt. Ja, ich glaube, nach Zärtlichkeit, dass mich jemand streichelt, danach sehne ich mich schon.

Therapeutin: Haben Sie manchmal sexuelle Träume oder Phantasien?

Frau M.: Ja, drüber habe ich zwar noch nie gesprochen, aber wo Sie so fragen, manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn ich mit einem Mann zusammen wäre, den ich liebe und der mich streichelt - und, na ja, eben noch mehr.

Therapeutin: Gibt es manchmal eine Sehnsucht in Ihnen nach sexueller Erregung, nach sexuellem Begehren?

Frau M.: Ja, ich glaube schon.

Therapeutin: Wie war das früher? War dieses Begehren und diese Sehnsucht zusammen mit Ihrem Mann mehr gestillt, als das heute ist?

Frau M.: Nun, wie gesagt, mein Mann und ich hatten auch schon vor seinem Tod über viele Jahre keine Sexualität mehr. Irgendwie war das eingeschlafen. Ja, und davor, da hatten wir so ein- bis zweimal im Monat Sex. Ja, die Nähe, die habe ich dabei immer genossen, aber zum Beispiel so einen Höhepunkt, den habe ich nie erlebt.

Therapeutin: Haben Sie jemals versucht, sich selbst zu befriedigen, sich selbst einen Orgasmus zu verschaffen?

Frau M.: Nein, das habe ich mich nie getraut.

Therapeutin: Haben Sie sich denn schon jemals genau angesehen? Wissen Sie wie Sie aussehen dort in Ihrem Scham-, Genital- oder auch Lustbereich?

Frau M.: Nein, natürlich sehe ich mich halt so beim Waschen, aber so bewusst ... Ich glaube, da hätte ich auch Angst.

Diese ihre verborgenen Sehnsüchte und auch Unerfülltheiten anzusprechen, war wichtig für die Patientin. Es war das erste Mal, dass sie in dieser offenen Art darüber sprach. Das war erleichternd, war entlastend, was Scham und alte Tabus betraf. Und, es hat neue Orientierungsmöglichkeiten, möglicherweise neue Ressourcen neben dem derzeit sehr schmerzvollen und defizitär erlebten Kontakt mit dem eigenen Genitale eröffnet. Im weiteren Prozess der sich anschließenden Kurzzeittherapie konnte Frau M. neue Erfahrungen im Umgang mit dem eigenen Begehren machen. Indem sie sich erstmals im Rahmen von klar angeleiteten Übungen selbst erkundete, betrachtete, berührte, streichelte, später erregte, konnte sie neue Erfahrungen machen. Diese Erfahrungen ermöglichten ihr, sich erstmalig selbst zu befriedigen und erstmalig einen Orgasmus zu erleben. Darüber erfuhr sie eine neue Potenz der eigenen Geschlechtlichkeit und ihres eigenen sexuellen Begehrens. Dies wiederum relativierte die bis dahin ausschließlich im Vordergrund stehende Schmerzsymptomatik ihrer Genitalregion. Darüber verlor diese an Bedeutung, was zu einer Reduktion der Ausprägung der Schmerzsymptomatik führte.

Exkurs: Ergebnisse aus eigener Forschung

Untersucht wurden 52 Frauen über 60 Jahre mit dem Ziel, etwas über ihr sexuelles Verhalten, ihre sexuellen Normen und ihre sexuellen Wünsche zu erfahren (Brandenburg, Attermeyer, Sass 2000). Wir befragten diese Frauen mittels ausführlicher Interviews, die zum Teil bis zu drei oder vier Stunden dauerten wie auch anonymer Fragebögen. Es war zunächst enorm schwer, Frauen zu finden, die an dieser Befragung teilnehmen wollten. Wir fragten in Seniorenstudiengängen, in Altersheimen, in Treffs für alte Leute, etc. Wenn sich mal eine Frau entschieden hatte, dann waren es zumeist gleich drei oder vier, die dann anschließend aus ihrem Freundinnen- oder Bekanntenkreis ebenfalls an der Studie teilnehmen wollten. Insgesamt aber blieb es ein schwieriger und zäher Prozess, die Probandinnen zu rekrutieren, bei dem wir durch die gesamte Bundesrepublik gefahren sind. Deutlich machte dieser Prozess natürlich, mit wie viel Scham und Scheu es insbesondere für die älteren und alten Frauen verbunden ist, über Sexuelles zu sprechen. Umso erfreulicher war es, wenn sie denn einmal angefangen hatten zu sprechen, wie viel Freude und zum Teil auch Stolz es ihnen bereitete, einmal unter der Perspektive Sexualität, Intimität und Liebe ihr bisheriges Leben zu betrachten.

Um atmosphärisch deutlich zu machen, wie intensiv und berührend diese Gespräche waren, seien (natürlich in etwas veränderter Form) einige O-Töne von vier Frauen hier dargestellt:

Frau L., 73 Jahre alt:

Ich habe es vor circa fünf Jahren von anderen Frauen gelernt. Ich dachte damals, ich wäre nicht fähig, das auszuprobieren, aber ich habe es von den anderen Frauen gelernt. Sie sagten: "Du meinst, obwohl du eine erfahrene Frau bist, weißt du gar nichts darüber?" Und ich sagte: "Nein. Ich habe schon ‘mal davon gehört, aber ich habe immer gedacht, eigentlich ist das ein Privileg der Männer" - und damals wusste ich gar nicht, wie es geht. Mittlerweile tut es mir leid, dass ich es nicht früher gelernt habe. Man kriegt davon so ein Gefühl von Befreiung, fühlt sich gut, aber es ist nicht dasselbe wie Sexualität in einer Beziehung. Anfangs, wenn man es niemals vorher getan hat, fühlt man sich eher schlecht dabei und denkt: Oh Gott, was tue ich eigent­lich? Aber wenn man beginnt zu erkennen, dass es schön ist, und dieses Gefühl beginnt zu akzeptieren, wird es immer schöner. Ich habe immer noch manchmal ein Gefühl von Scham und dann klappt es auch nicht. Dann krieg’ ich keinen Orgasmus. Dann habe ich ein Gefühl, als täte ich etwas Falsches, als dürfte ich eigentlich nur Sex zusammen mit einem Mann haben. Aber trotzdem: ich würde sagen: Selbst­befriedigung ist gut für Frauen. Ja, das ist meine Meinung. Es ist eine körperliche Stimulation. Das Herz schlägt schneller, der Kreislauf kommt in Gang, man fühlt sich gut, wenn es klappt.

Frau S., 71 Jahre alt:

Älterwerden ist sehr belastend für mich. Ich finde es wirklich furchtbar schwer. Ich war ziemlich attraktiv und jetzt fühle ich mich zu dick. Ich finde mich hässlich und habe Angst, eine neue Beziehung zu beginnen. Meinen Mann habe ich vor Jahren wegen einer Jüngeren verloren. Da war ich auch schon relativ dick. Ich glaube, es war meine Schuld, dass er mich verließ. Ich komme da nicht drüber weg. Eigentlich fühle ich mich wie Müll. Manchmal sage ich mir: "Du bist eben alt und solltest sowieso keine Begierden und Wünsche mehr haben. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass wir uns mit unserem Älterwerden auseinandersetzen, aber es ist unglaublich schwer und macht keinen Spaß"

Frau N., 82 Jahre alt:

"Nun, bezüglich Selbstbefriedigung habe ich eine Menge im Fernsehen gehört, mehr zufällig habe ich es auch ‘mal erfahren - beim Duschen, als ich den Wasserstrahl auf meine Genitalien hielt. Ich fand es schön. Ja, und es ist wirklich wahr. Ich habe das völlig zufällig gemerkt und das war sehr angenehm. Aber ich habe es nur dieses eine Mal gemacht und habe mich schuldig gefühlt, habe sogar überlegt zu beichten, aber ich hatte Angst, es einem Priester zu erzählen. Ich weiß gar nicht genau, ob ich einen Orgasmus hatte. Ich würde das gerne noch einmal haben - obwohl - wenn ich ehrlich bin, ich mich weniger schuldig fühlen würde, wenn ich es zusammen mit mei­nem Mann hätte. Aber ich bin 82 und mein Mann ist lange tot. Und ich bin keine Hei­lige und man kriegt ja schließlich keinen Mann von der Straße, um damit zu experimentieren.

Frau L., 78 Jahre alt:

Mit meinem Mann hatte ich regelmäßig einen Orgasmus. Aber das war nicht wichtig. Ja, und ich habe auch ‘mal Selbstbefriedigung versucht, aber das ist lange her. Ich bin sehr glücklich, dass ich so eine lange Zeit mit meinem Mann erleben durfte und ich bin glücklich, dass ich mich verabschieden konnte von ihm und, dass er zu Hause starb. Ich streichelte seine Hände und dann starb er. Manchmal gehe ich zum Friedhof und frage ihn: "Warum hast du mich allein gelassen? Du liegst hier in Ruhe und Frieden und ich muss alles am Laufen halten." Am meisten vermisse ich unsere tägliche Nähe und Berührung. Es passiert mir immer noch, dass ich nachts mit ausgestreckter Hand wach werde und mich erschrecke, dass ich neben mir nichts fühle. Jeden Abend haben wir, bevor wir einschliefen, unsere Hände gedrückt und manchmal auch während der Nacht. Diese Nähe war etwas Wundervolles und ich vermisse sie sehr (vgl. Brandenburg, Attermeyer, Sass 2000)

Ausgewählte Ergebnisse der Studie

  1. Ungefähr die Hälfte der untersuchten Frauen hat erotische Träume.

  2. Mehr als 20 % der Frauen erlebte ihren ersten Orgasmus im Alter von 40 Jahren und später, dann fast immer im Rahmen von Selbstbefriedigungsaktivitäten.

  3. Interessant ist die Diskrepanz der Daten von Geschlechtsverkehr und Selbstbefriedigung, was persönliches Interview und Fragebogen betrifft. Während im persönlichen Interview 53% aller Frauen angeben Geschlechtsverkehr zu praktizieren, geben dies im Fragebogen nur 42 % der Frauen an. Mit der Selbstbefriedigung verhält es sich genau umgekehrt. Während im persönlichen Interview 40% der Frauen angeben, sich selbst zu befriedigen, geben im Fragebogen fast 60% der Frauen an Selbstbefriedigung zu praktizieren. Möglicherweise ist diese Diskrepanz ein Ausdruck der sexuellen Norm für ältere Frauen, die koitale Aktivitäten moralisch erlaubt, autoerotische moralisch verbietet.

  4. Es hat sich keinerlei Zusammenhang finden lassen zwischen sexueller Zufriedenheit und Sexualverhalten. Mehr Orgasmen, häufigerer Sex, spezielle Praktiken, alles Items, die nicht in Zusammenhang mit sexueller Zufriedenheit standen. Hochsignifikant stattdessen ist der Zusammenhang zwischen sexueller Zufriedenheit und der Beziehung zum eigenen Körper, wie auch der Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen. Offenbar ist der Schlüssel zur sexuellen Zufriedenheit dieser älterer Frauen nicht ein primär sexueller.

Schluss

In früheren Gesellschaften waren die Alten gleichzeitig die Weisen. Das galt vornehmlich für die alten Männer (Senatoren, Presbyter, Priester = die Alten), aber es gab auch Gesellschaften in denen der Rat der weisen, alten Frauen geschätzt wurde (Hexen heißen auf Englisch witches, dieses Wort stammt aus der gleichen Wurzel wie wit und wisdom = Witz und Weisheit). In manchen europäischen Gesellschaften, so. z.B. in Italien haben die alten Frauen die ihnen in alten Gesellschaften zugeschriebenen Weisheitsfunktionen bis heute bewahren können. Was übrigens zu einer höheren Gesundheit der alten Frauen im Vergleich zu denen in anderen Gesellschaften beiträgt. In vielen Gesellschaften werden die Alten von den Jungen eher als "altes Eisen" angesehen, das lästig und überflüssig ist, solange die Jungen selbst noch nicht in die Jahre gekommen sind.

Für die Zukunft wäre es wichtig, eine neue Gesprächskultur über Sexualität zu entwickeln. Gespräche zwischen den alten Menschen, aber auch Gespräche zwischen den Generationen, in denen alte und junge Menschen über ihre - positiven wie negativen - Erfahrungen mit ihrer Sexualität sprechen würden. Beide, Alte und Junge könnten von einander lernen. Die Alten hätten den Jüngeren wahrscheinlich viel über das zu sagen, was den Jüngeren im Alter bevorsteht (vgl. Lewis 1996).

Die Älteren könnten die Jüngeren lehren,

Wenn ältere Menschen anfangen, das ihnen aufgelegte Schweigegebot zu brechen, dann werden in Zukunft von vielen älteren Menschen und nicht nur von einigen berühmten Menschen wie Eizabeth Taylor, Zsa Zsa Gabor, Charles Chaplin oder Pablo Picasso Geschichten erzählt werden darüber, wie wertvoll und beglückend für Frauen und Männern Sexualität im Alter sein kann.


Literaturverzeichnis

Atkinson, C. (1991): The Oldest Vocation: Christian Motherhood in the Middle Ages.Cornell University Press. Ithaca, N.Y.

Brecher, E. M. (1984). Love, sex, and aging: A Consumers Union report. Boston: Little, Brown.

Brandenburg, U., Attermeyer, U., Saß, H. (2000): Weibliches Begehren im Alter - Zwischen Scham und Lust. In: Psychotherapie. Bd. 5, Heft 2: 223-228.

Brandenburg, U., Kersting, H. J. (2001): Ein systemischer Zugang bei der Behandlung sexueller Störungen. In Psychotherapie im Dialog. Heft 3: 261-269.

Bullough, V. (1973): The Subordinate Sex. University of Illinois Press, Chicago.

Duby (1988), G.: Ritter Frau und Priester. Die Ehe im feudalen Frankreich. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Eldred, M. (1991): Der Mann. Geschlechterontologischer Auslegungsversuch der phallogischen Ständigkeit. Haag & Herchen, Frankfurt am Main.

Foucault, M. (1976): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Foucault, M. (1986a): Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Foucault, M. (1986b): Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit 3. Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Gillis, J. R. (1997): Mythos Familie. Auf der Suche nach der eigenen Lebensform. Beltz, Weinheim/Berlin.

Hirschauer, S. (1989): Die interaktive Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit. In: Zeitschrift für Soziologie, Jahrg. 18: 100-118.

Hirschauer, S. (1994): Die soziale Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit. In: Kölner Zeitschrift f. Soziologie und Sozialpsychologie, Jahrg. 46: 668-692.

Lewis, M. I. (1996): Alte Liebe rostet nicht. Über den Umgang mit Sexualität im Alter. Hans Huber, Bern 1996.

Lowy, L. (1981): Soziale Arbeit mit älteren Menschen: Ein Lehrbuch. Lambertus, Freiburg i. Br.

Lowy, L. (1986): Why Education in the Later Years? D. C. Heath and Company, Inc., Lexington Books. Lexington/Mass.

Mackay, E.V., Beischer, N.A., Pepperell. R.J., Wood, C.: Illustrated Book of Gynaecology. 2nd edition. Harcourt Health Sciences. Saint Louis 1992: 80-285.

Porst, H., Tiefer, L. (2001): Diskussion zwischen Leonore Tiefer (New York) und Hartmut Porst (Hamburg) moderiert von Ulrike Brandenburg. In Zeitschrift Psychotherapie im Dialog. Heft 3: 347-352, Vollständige englische Originalversion: www.thieme.de/pid.

Ranke-Heinemann, U. (2000): Eunuchen für das Himmelreich: Katholische Kirche und Sexualität. Heyne, München 2000.

Rosenmayr, L. (1978): Der alte Mensch in der Gesellschaft. Rowohlt, Reinbek.

Stanton, E. C. (1974): The Original Feminist Attack on the Bible. Arno Press, New York.

Wippermann, P., Langewiese, C.: Silver Sex. In: GDI-Impulse. Für Entscheidungsträger in Wirtschaft und Gesellschaft. Heft1: 13-19.


Die Autoren:

Ulrike Brandenburg

  • geb. 1954

  • Dr. med.

  • Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin

  • Paar- und Familientherapeutin

  • Sexualtherapeutin

  • Universitätsklinikum Aachen

  • Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung

  • Lehrtherapeutin

  • Forschungsschwerpunkt: Konstruktion von Intimität

e-mail: br@ndenburg.com

Heinz J. Kersting

  • geb. 1937

  • Prof. em., Dr. päd., Bacc. theol.

  • Dipl.-Supervisor (FH)

  • Supervisor (DGSv, ISPA)

  • Lehrender Supervisor (SG)

  • Lehrender Coach (SG)

  • Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Beratung und Supervision

  • Wissenschaftlicher Direktor des Louis-Lowy-Instituts Aachen

e-mail: kersting@ibs-networld.de


1 Die Beispiele und Zahlen im Folgenden sind entnommen Wippermann/Langewiese 2005: 13-19.


Veröffentlichungsdatum: Mai 2006


©   IBS - Institut für Beratung und Supervision - Aachen