Georg Singe (2006):
Theologische Grundlagen für eine postmoderne Sozialarbeit.
Berlin: Lit. 146 Seiten.

Eine Rezension von Frieder Burkhardt (Juni 2007)

In den vier Kapiteln seines Buches geht Georg Singe der Bedeutung der Theologie für eine postmoderne Sozialarbeit nach. Er sieht zu Theorieelementen Sozialer Arbeit theologische Analogien, benennt ebenso theologische Beiträge zur Entwicklung der Profession. Das Buch mündet in einen Ausblick, der seinerseits Aspekte einer neuen Praxis Sozialer Arbeit entwirft. Das elfseitige Literaturverzeichnis und die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur im Buchtext weisen den Autor als überaus kundig in den relevanten wissenschaftlichen Diskursen aus. Dr. phil. Georg Singe ist Diplom-Theologe, Diplom-Sozialarbeiter, Familientherapeut und Supervisor.

Man kann diesem Buch zunächst eine Einführung und einen Überblick über neue Entwicklungen der Sozialen Arbeit entnehmen. Georg Singe weiß sehr genau um die Erscheinungsformen sozialer Probleme in der pluralen Gesellschaft. Sein Blick geht von Anfang an weit über den Tellerrand sozialarbeiterischer Nahbereiche und gesellschaftlicher Teilsysteme hinaus. Punktuell hat er die "Ökonomisierung der Lebenswelten" ebenso wie die "neoliberalen Strömungen der Globalisierung" im Visier. Letztere werden im Kontext der ethischen Dimension der Profession im Blick darauf bedacht, dass die inhaltliche Positionierung der internationalen Förderation der Sozialarbeiter/innen "die Makrostrukturen der weltweiten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen" (26) betrachten müsse, um angesichts der weltweiten Liberalisierung des Dienstleistungssektors Strategien zu entwickeln, die im Sinne der Interessen ausgegrenzter Bevölkerungsgruppen "soziale Mindeststandards" durchzusetzen. Eine Kooperation zwischen dem Sozial- und Wirtschaftssektor könne an geschichtliche Traditionen anknüpfen.

Im Eingangskapitel des Buches findet sich eine kenntnisreiche Einlassung auf die "junge Wissenschaftsdisziplin" Sozialarbeitswissenschaft unter systemtheoretischer Sicht. Singe zieht die Differenzierung von Formal- und Materialobjekt heran. Die Profession Sozialer Arbeit erscheint als Formalobjekt, während im Blick auf die Bestimmung des Materialobjektes die unterschiedlichen Akzentuierungen Erwähnung finden. Hierbei tritt u.a. ein Wissenschaftsverständnis, welches den Konstruktivismus als theoretische Grundlage für Forschungs- und Erkenntnisleistungen verwendet, hervor. Wem daran gelegen ist, sich einen Teil der wissenschaftstheoretischen Begründungen postmoderner Sozialer Arbeit zu vergegenwärtigen (Luhmann, v. Foerster, Bardmann, Strunk, Kleve, Staub-Bernasconi u.a.), dem sei der Eingangsteil dieses Buches ausdrücklich empfohlen. S. 29 findet sich eine sehr bemerkenswerte Zusammenschau verschiedener Ansätze der Theorie Sozialer Arbeit im gesellschaftlichen Kontext.

Eine kurze Erörterung der ethischen Dimension der Profession baut ein Brücke zu theologischen Dimensionen. Dass sich "Moral an dem Kriterium der Brauchbarkeit" entscheidet (21) erschließt sich aus dem hierzu zu vernehmenden Kontext. Ethik wird als "implizite Verantwortungsethik" pointiert. Im Anschluss an L. Ciompis Affektlogik erscheint die Intuition als eine ethische Kernkompetenz.

Georg Singe geht davon aus, dass sich theologische Dimensionen in der Reflexion der Praxis Sozialer Arbeit zeigen und dass verschiedenste Themenbereiche der Sozialarbeitswissenschaft "eine hohe Affinität zu zentralen theologischen Fragen aufweisen" (33). Er weiß indes auch, dass sich bei vielen Menschen, namentlich Jugendlichen, ein spezifisches religiöses Milieu nicht mehr feststellen lässt. Das dürfte auch auf sehr viele Sozialarbeiter/innen in Ost und West zutreffen.

Theologie erscheint hier als Bezugswissenschaft für die Sozialarbeitswissenschaft, der für die postmoderne Sozialarbeit immer mehr die Rolle der Leitwissenschaft zukommt. Singe sieht in der Entwicklung der Praktischen Theologie als einer kritischen Handlungswissenschaft Analogien zu der sich entwickelnden Sozialarbeitswissenschaft. Es erscheint als einleuchtend, dass eine rein humanwissenschaftlich begründete Handlungswissenschaft durch die "kritische, prophetische Dimension des Glaubens" in ihrem Beobachtungspotential erweitert wird. Das wird u.a. durch neue Konzepte der Sozialpastoral in Deutschland anschaulich gemacht. Dass für die soziale Gestalt des Glaubens lateinamerikanische Impulse nutzbar gemacht wurden und somit die "Option für die Armen", die durch die Option für den Anderen und Fremden ergänzt werden müsse, eine hohe Aktualität gewinnt. Auch das Konzept der "Compassion" (Metz u.a.) findet Erwähnung mit dem Verweis darauf, dass neue Lernprozesse erforderlich sind, die eine Relativierung der eigenen Freiheit an die Wahrnehmung und Überwindung des Leids anderer rückbindet.

Theologische Analogien zu Theorieelementen Sozialer Arbeit werden an vier Prinzipien, Ganzheitlichkeit, Ressourcenorientierung, Bürgeraktivierung und Selbstorganisation, aufgezeigt. Bei der Lektüre dieses Kapitels trifft man auf zahlreiche Details der Fachdiskussion. Diese werden aus theologischer Sicht beleuchtet und bibeltheologisch vertieft. So begegnet einem im Kontext der kritischen Frage nach Ganzheitlichkeit beispielsweise das Konzept der Salutogenese, globale Strategien der Weltgesundheitsorganisation, empirische Studien bezüglich des Zusammenhangs zwischen psychischer Gesundheit und Gotteserfahrung, nachhaltige Impulse des II. Vatikanum, der erweiterte Religionsbegriff von Paul Tillich und schließlich Ausführungen über den von kirchlichen Institutionen festgelegten Handlungsrahmen. In aller Kürze wird dann das berühmte "Gleichnis vom barmherzigen Samariter" (Lukas 10) als Basistext für das Grundverständnis von Heil und Heilung unaufdringlich aktualisiert.

Ähnlich interdisziplinär, wenngleich sehr komprimiert, lesen sich die theologischen Analogien zu den anderen o.g. Prinzipien. Wer sein Fachwissen bezüglich Sozialer Arbeit auffrischen will und an wer für diese überschreitende und flankierende Dimensionen gelegen offen ist, der findet in diesem Buch zahlreiche Anregungen für die eigene Orientierung. An einigen Stellen gibt der Autor zu erkennen, dass er durchaus bereit wäre für eine weiter führende Diskussion.

Sehr instruktiv und gleichsam als Plateau für eine professionelle Selbstevaluation lesen sich in Kapitel 3 die theologischen Beiträge zur Entwicklung der Profession. Fachkompetenz wird korreliert mit der innovativen und prophetischen Kraft von Gottes Geist. Dass das bei einer kritischen Sicht von rationalisierten Verwaltungsabläufen, von einer einseitigen Ökonomisierung Sozialer Arbeit, der "Fetischfunktion des Geldes", einer Analyse der internationalen und politischen Rahmenbedingungen weltweiter Gerechtigkeits und Solidaritätsprinzipien anlangt, sei hier exemplarisch erwähnt. Eine Übersicht über die theologische Betrachtung der Kompetenzprofile findet sich auf S. 127.

Der Ausblick auf zukünftige Anforderungen an die Sozialarbeitswissenschaft bemüht sich um didaktische Aspekte "der Umsetzung der Leitbilder professioneller Arbeit" (129). Die Entwicklung der Berufsidentität bedürfe der Offenlegung der grundlegenden Strukturen. Ein Didaktisches Strukturgitter Sozialer Arbeit findet sich S. 132, welches die Bemühung um eine neue Praxis Sozialer Arbeit bündelt. Soziale Arbeit bringt ihre gesellschaftskritische Funktion zum Tragen, wenn sie den Raum für die Entfaltung kreativer Kräfte der sich selbstorganisierenden Systeme ermöglicht.

Was dieses Buch eindrucksvoll und inspirierend macht, ist, dass sich von Seiten der Theologie keinerlei vormundschaftliche Dimensionen vermelden, sondern "Konvergenzen" und Analogien aufgezeigt werden, die der sich entwickelnden Leitwissenschaft für die Soziale Arbeit kollegiale Aufmerksamkeit schenken. Das steht im Dienste der Aus- und Weiterbildung der Fachkräfte für Soziale Arbeit, insofern ihnen daran gelegen ist, immer wieder eine "Selbstorganisationsdynamik" an den Tag zu legen, die nicht mehr nur von der Differenz zwischen "Norm" und "Abweichung" geprägt ist.


Autor:

Frieder Burkhardt
Professor für Sozialethik und Sozialgeschichte an der FH Potsdam

burkhardt@fh-potsdam.de


Veröffentlichungsdatum: Juni 2007


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