Ein gepfeffertes Ferkel

von Lewis Carroll

Eine Weile betrachtete sie das Haus und überlegte sich, was sie nun tun sollte; da kam plötzlich ein livrierter Lakai aus dem Wald gerannt - und nur wegen seiner Livree hielt ihn Alice für einen Lakai; nach seinem Gesicht zu urteilen, hätte sie eher gesagt, er sei ein Fisch - und klopfte laut mit der Faust an die Tür. Sie öffnete sich, und es erschien ein zweiter livrierter Lakai mit rundem Kopf und Kugelaugen wie ein Frosch; alle beide hatten sie gepuderte, zu kleinen Löckchen gewickelte Perücken auf. Alice war sehr gespannt, was da vor sich gehen sollte, und schlich sich heimlich ein Stück aus dem Wald heraus, um zu lauschen.

Zuerst zog der Lakai mit dem Fischgesicht einen Brief unter dem Arm hervor, der fast so groß war wie er selbst und überreichte ihn mit den feierlich gesprochenen Worten: "Für die Herzogin. Eine Einladung Ihrer Majestät zu einer Croquetpartie." Der Lakai mit dem Froschgesicht antwortete ebenso feierlich, indem er nur einige Worte vertauschte: "Von Ihrer Majestät. Eine Einladung für die Herzogin zu einer Croquetpartie." Darauf machten sie eine so tiefe Verbeugung, daß sich ihre Perücken ineinander verfingen. Alice mußte darüber so lachen, daß ihr nichts anderes übrigblieb, als in den Wald zurückzulaufen, um nicht entdeckt zu werden; als sie schließlich wieder hervorlugte, war der Lakai mit dem Fischgesicht verschwunden, und der andere hatte sich neben die Tür auf den Boden gesetzt und starrte blöde in die Luft.

Alice ging schüchtern auf die Tür zu und klopfte an.

"Es hat keinerlei Sinn, daß du hier anklopfst", sagte der Lakai, "und zwar aus zwei Gründen. Erstens bin ich auf der gleichen Seite der Tür wie du selbst; und zweitens machen die da drin einen derartigen Lärm, daß dich unmöglich jemand hören kann." Und in der Tat rumorte es sehr sonderbar hinter der Tür - es heulte und nieste ununterbrochen, und ab und zu krachte es laut, als sei eine Schüssel oder ein Topf am Boden zerschellt.

"Bitte", sagte Alice, "wie werde ich wohl hineinkommen?"

"Einen gewissen Zweck hätte dein Klopfen vielleicht", fuhr der Lakai fort, ohne ihre Frage zu beachten, "wenn wir die Tür zwischen uns hätten. Wenn du etwa drinnen wärst und anklopftest, könnte ich dich nämlich zum Beispiel herauslassen." Dabei schaute er die ganze Zeit geradeaus in die Luft, was Alice durchaus ungehörig fand.

"Aber vielleicht kann er nichts dafür" , sagte sie sich dann, "denn seine Augen stehen wirklich sehr weit oben am Kopf. Aber Antwort geben könnte er doch jedenfalls. - Wie soll ich also hineinkommen?" wiederholte sie etwas lauter.

"Ich bleibe hier sitzen", bemerkte der Lakai, "bis morgen -"

Im gleichen Augenblick öffnete sich die Haustür, und ein großer Teller kam herausgesegelt, genau auf den Kopf des Lakaien zu, streifte seine Nase und zerschellte in tausend Scherben an einem Baum hinter ihm. - "oder vielleicht auch bis übermorgen", fuhr der Lakai im gleichen Tone fort, als sei nichts geschehen.

"Wie soll ich hineinkommen?" fragte Alice zum drittenmal und noch lauter als zuvor.

"Sollst du denn hineinkommen?" fragte der Lakai. "Das ist doch zuerst einmal die Frage, meine ich."

Das stimmte wohl auch; nur, daß es Alice nicht sehr gern hörte. "Es ist doch schrecklich", murmelte sie vor sich hin, "wie einem die Wesen hier das Wort im Munde herumdrehen. Man kann ja verrückt dabei werden!"

Der Lakai hielt anscheinend eine gute Gelegenheit für gekommen, seine vorige Bemerkung zu wiederholen und einige Wörter darin zu vertauschen. "Ich bleibe hier sitzen", sagte er, "immer wieder und ganze Tage lang."

"Aber was soll ich denn machen?" fragte Alice.

"Was du willst", sagte der Lakai und begann vor sich hin zu pfeifen. "Auch mit ihm zu reden hat ja überhaupt keinen Zweck", sagte Alice verzweifelt;" er ist vollkommenen schwachsinnig." Und sie machte die Tür auf und trat ein.

Die Tür führte geradewegs in eine große Küche, die von vorn bis hinten rauchgeschwängert war; auf einem dreibeinigen Hocker in der Mitte saß die Herzogin und hielt ein Kind im Arm; und die Köchin stand über den Herd gelehnt und rührte in einem großen Kessel, in dem anscheinend eine Suppe kochte.

"In der Suppe ist aber bestimmt zuviel Pfeffer!" sagte Alice zu sich, soweit sie vor Niesen überhaupt sprechen konnte. In der Luft war ganz gewiß zuviel davon. Selbst die Herzogin nieste gelegentlich; das Kind aber nieste und heulte abwechselnd ohne die kleinste Ruhepause. Die einzige, die davor anscheinend gefeit waren, waren die Köchin und eine große Katze, die am Herd saß und breit vor sich hin grinste.

"Ach, würden Sie mir bitte sagen", begann Alice ein wenig zaghaft, denn sie wußte nicht genau, ob es sich gehörte, zuerst zu sprechen, "warum Ihre Katze so grinst?"

"Es ist eine Edamer Katze", sagte die Herzogin, "darum. Ferkel!" Dieses Wort stieß sie mit so großer Heftigkeit aus, daß Alice ordentlich zusammenfuhr; aber sogleich merkte sie, daß nur das Baby damit gemeint war und nicht sie; sie nahm sich also ein Herz und fuhr fort: "Ich wußte gar nicht, daß Edamer Katzen ständig grinsen- oder vielmehr: es ist mir neu, daß Katzen überhaupt grinsen können."

"Können tun es alle", sagte die Herzogin, "und die meisten machen es auch."

"Ich weiß von keiner, die es macht", sagte Alice sehr höflich und ganz erfreut darüber, daß sich eine Unterhaltung angesponnen hatte. "Viel weißt du nicht", sagte die Herzogin; "das steht fest." Alice wollte der Ton gar nicht gefallen, in dem dies gesagt wurde, und sie hielt es für richtiger, mit einem neuen Gesprächsthema anzufangen. Während sie sich noch überlegte, was sich dazu wohl eignen könnte, zog die Köchin den Kessel vorn Feuer und machte sich sogleich daran, alles, was ihr in die Hände kam, gegen die Herzogin und das Baby zu schleudern - zuerst die Herdringe und dann einen ganzen Regen Töpfe, Teller und Schüsseln. Die Herzogin beachtete sie überhaupt nicht, auch wenn sie getroffen wurde; und das Baby heulte ohnehin schon so laut, daß sich unmöglich sagen ließ, ob ihm die Geschosse weh taten oder nicht.

"0 bitte, passen Sie doch auf, was Sie tun!" rief Alice und hüpfte vor Entsetzen auf und ab. "Ach, nicht sein kleines, liebes Näschen!" - denn gerade flitzte ein ungewöhnlich großer dicht daran vorbei und hätte es fast mit weggefegt.

"Wenn jeder in seinen eigenen Suppentopf schauen wollte", brummte die Herzogin dumpf, "dann könnte sich die Welt bedeutend schneller drehen."

"Das wäre aber keineswegs ein Vorteil", sagte Alice, die sich sehr über diese Gelegenheit freute, ein wenig von ihrem Wissen vorzuführen. "Stellen Sie sich vor, was dann alles mit Tag und Nacht geschähe! Denn, sehen Sie, die Erde dreht sich genau in vierundzwanzig Stunden einmal um ihre Achse."

"Achse? Axt, meinst du", sagte die Herzogin, "gut, daß du mich erinnerst. Hack ihr den Kopf ab!"

Alice sah sich ängstlich nach der Köchin um, ob die den Wink verstanden hatte; aber sie war eifrig beschäftigt, die Suppe zu rühren, und schien nicht zuzuhören, so daß Alice tapfer fortfuhr: "Ich glaube wenigstens, vierundzwanzig; oder sind es zwölf. Ich -" "Laß doch mich damit in Frieden", sagte die Herzogin. "Zahlen habe ich noch nie ausstehen können!" Und damit begann sie das Kind im Arm hin- und herzuschaukeln und sang dazu eine Art Wiegenlied, wobei sie ihm am Ende von jedem Vers eine heftigen Ruck gab:

Sprich roh mit deinem kleinen Sohn
Und hau ihn, wenn er niest:
Er tut es doch nur dir zum Hohn,
Und weil es dich verdrießt.

Refrain
(in den die Köchin und das Baby einfielen):
Wau! Wau! Wau!

Bei der zweiten Strophe schleuderte die Herzogin das Baby immer weiter heftig hin und her, und das arme kleine Ding fing so laut an zu heulen, daß Alice kaum die Worte verstehen konnte:

Ich spreche grob mit meinem Sohn
Und hau ihn, wenn er niest;
Der Pfeffer schmeckt ihm nämlich schon,
Er ziert sich nur, das freche Biest!

Referain:
Wau! Wau! Wau!

"Da! Jetzt kannst du ihn halten, wenn du magst!" sagte die Herzogin zu Alice und warf ihr das Baby zu. Ich muß mich zurechtmachen für die Croquetpartie bei der Königin", und damit eilte sie aus dem Zimmer. Die Köchin warf ihr beim Hinausgehen noch eine Bratpfanne nach, verfehlte sie aber um weniges.

Alice konnte das Baby nur mit einiger Mühe in ihren Armen auffangen, denn es war sehr merkwürdig gewachsen, und seine Arme und Beine gingen nach allen Richtungen. "Wie ein Seestern", dachte sich Alice. Das arme, kleine Ding schnarchte wie eine Lokomotive, als es bei Alice landete, und krümmte und wand sich zuerst so heftig, daß Alice es kaum festhalten konnte.

Sie hatte bald herausgefunden, wie man es am besten im Arm hielt (man mußte es dazu zu einer Art Knoten schürzen und es dann an seinem rechten Ohr und seinem linken Fuß fest umklammern, damit es nicht wieder aufging), und trug es sogleich hinaus ins Freie. "Wenn ich das Kind nicht mitnehme", dachte sie sich, "haben die es bestimmt in zwei oder drei Tagen umgebracht; wäre das nicht glatter Mord, wenn ich es zurückließe?" Den letzten Satz hatte sie laut gesagt, und das kleine Ding grunzte zur Antwort (zu niesen hatte es inzwischen aufgehört). "Grunz nicht", sagte Alice; "das ist keine schickliche Art, sich auszudrücken."

Wieder grunzte das Baby, und Alice sah ihm besorgt ins Gesicht, um zu sehen, ob ihm etwas fehlte. Soviel stand fest: seine Nase war sehr lang und aufgeworfen, eigentlich mehr wie ein Rüssel als eine rechte Nase; und auch seine Augen waren für ein Baby überaus klein geworden - alles in allem wollte Alice sein Aussehen gar nicht gefallen. "Aber vielleicht hat es bloß geschluchzt", dachte sie und sah nach seinen Augen, ob darin vielleicht Tränen standen.

Nein, Tränen waren da keine. "Wenn du etwa zu einem Ferkel werden willst, mein Kleines", sagte Alice ernsthaft, "dann will ich mit dir nichts mehr zu schaffen haben. Sieh sich vor!" Das arme, kleine Wesen schluchzte wieder (oder grunzte - das ließ sich einfach nicht entscheiden), und so liefen sie zusammen eine Zeitlang schweigend weiter.

Alice begann sich schon zu fragen: "Was soll ich nur mit diesem kleinen Ding anfangen, wenn ich heimkommen, da grunzte es schon wieder, und zwar so kräftig, daß Alice ihm recht verstört ins Gesicht sah. Diesmal konnte kein Zweifel mehr sein: in ihren Armen lag ganz einfach ein kleines Ferkel, und Alice fand es lächerlich, sich noch länger mit ihm abzuschleppen.

Sie setzte das kleine Geschöpf also auf die Erde und war recht erleichtert, als es still durch den Wald davontrage. "Als Kind wäre es später doch nur grundhäßlich geworden", sagte sie sich, "aber als Schwein macht es sich, glaube ich, ganz hübsch." Und sie stellte sich andere Kinder in ihrer Bekanntschaft vor, die sich als Schweinchen gut machen würden, und sagte eben vor sich hin: "Man müßte natürlich das richtige Mittel kennen, um sie dazu zu machen -", als sie plötzlich, leicht zusammenfahrend, die Edamer Katze wenige Meter vor sich auf einem Zweig sitzen sah.

Die Katze grinste bloß, als sie Alice erblickte. Sie sah ganz gutmütig aus, fand Alice; aber andererseits hatte sie doch reichlich lange Krallen und mehr als genug Zähne, und Alice hielt es daher für das beste, sie mit einigem Respekt zu behandeln.

"Edamer Mieze", begann sie ein wenig stockend, denn sie war gar nicht sicher, ob ihr diese Bezeichnung wohl angenehm wäre - aber das Grinsen wurde davon nur noch etwas breiter.

"Aha", dachte Alice, "das hat ihr gefallen", und fuhr fort:

"Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?"

"Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest", sagte die Katze.

"Ach, wohin ist mir eigentlich gleich -", sagte Alice.

"Dann ist es auch egal, wie du weitergehst", sagte die Katze.

"- solange ich nur irgendwohin komme", fügte Alice zur Erklärung hinzu.

"Das kommst du bestimmt", sagte die Katze, "wenn du nur lange genug weiterläufst." Das konnte Alice freilich nicht leugnen und stellte deswegen lieber eine neue Frage. "Was für Leute wohnen hier in der Gegend?" "Dort drüben", sagte die Katze und schwenkte ihre rechte Pfote, "wohnt ein Hutmacher; und hier" - und dabei winkte sie mit der anderen Pfote - "wohnt ein Schnapphase. Du kannst es dir heraussuchen, welchen du besuchen willst - verrückt sind sie beide."

"Aber ich will doch nicht unter Verrückte gehen!" widersprach Alice. "Ach dagegen läßt sich nichts machen", sagte die Katze; "hier sind alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt."

"Woher weißt du denn, daß ich verrückt bin?" fragte Alice.

"Mußt du ja sein", sagte die Katze, "sonst wärst du doch gar nicht hier." "Das ist doch kein Beweis!" dachte sich Alice; aber sie fragte weiter: "Und woher weißt du, daß du selbst verrückt bist?"

"Zunächst einmal", sagte die Katze, "ist ein Hund doch nicht verrückt. Zugegeben?"

"Meinethalben", sagte Alice.

"Nun also", fuhr die Katze fort, "siehst du: ein Hund knurrt, wenn er zornig ist, und wedelt mit dem Schwanz, wenn er sich freut. Ich dagegen knurre, wenn ich mich freue, und wedle mit dem Schwanz, wenn ich zornig bin. Folglich bin ich verrückt." "Ich nenne das 'schnurren', nicht 'knurren", sagte Alice.

"Nenn es, wie du willst", sagte die Katze. "Kommst du heute zur Croquetpartie bei der Königin?" "Ich möchte schrecklich gerne", sagte Alice, "aber ich habe noch keine Einladung dazu bekommen ...". "Wir sehen uns dort", sagte die Katze und löste sich in Luft auf.

Alice war darüber nicht sonderlich verwundert, sie war allmählich daran gewöhnt, daß dauernd etwas Seltsames geschah. Während sie noch auf den leeren Platz sah, tauchte die Katze plötzlich wieder auf.

"Übrigens, was ist aus dem Baby geworden?" sagte die Katze. Fast hätte ich vergessen, danach zu fragen."

"Es hat sich in ein Ferkel verwandelt", sagte Alice ruhig, als sei die Katze auf ganz gewöhnliche Art zurückgekehrt.

"Das hab ich mir gleich gedacht", sagte die Katze und verschwand wieder. Alice blieb noch ein Weilchen stehen, weil sie so halb darauf wartete, daß die Katze, wiederkäme, aber die blieb fort, und so ging sie nach einiger Zeit in die Richtung, in der der Schnapphase wohnen sollte. "Einen Hutmacher habe ich ja schon öfters gesehen", sagte sie sich; "ein Schnapphase ist da schon viel interessanter. Vielleicht ist er gar nicht vollständig übergeschnappt." Dabei blickte sie zufällig nach oben, und da saß die Katze schon wieder auf einem Zweig. "Sagtest du 'Ferkel'?" fragte die Katze.

`Ferkel', sagte ich", erwiderte Alice; und übrigens tätest du mir einen großen Gefallen, wenn du etwas weniger plötzlich auftauchen und verschwinden wolltest; man wird ja ganz schwindlig davon."

Wie du willst", sagte die Katze und verschwand diesmal ganz allmählich, von der Schwanzspitze angefangen bis hinauf zu dem Grinsen, das noch einige Zeit zurückblieb, nachdem alles andere schon verschwunden war.

"So etwas!" dachte Alice; "ich habe zwar schon oft eine Katze ohne Grinsen gesehen, aber ein Grinsen ohne Katze! Das ist doch das Allerseltsamste, was ich je erlebt habe!" Sie war noch nicht weit gegangen, als sie auch schon das Haus des Schnapphasen erblickte; das mußte es wohl sein, denn die Schornsteine sahen aus wie lange Ohren, und das Haus war mit Fell gedeckt. Aber es war so groß, daß sie nicht hineingehen mochte, bevor sie nicht ein wenig an dem Pilzstückchen in ihrer Linken geknabbert und sich wieder bis auf einen halben Meter auseinandergeschoben hatte; und selbst da noch ging sie etwas zögernd auf die Tür zu und sagte sich dabei: "Wenn er aber nun doch ganz und gar übergeschnappt ist? Fast meine ich, ich hätte doch lieber den Hutmacher besuchen sollen!"


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