Von Kobold- und Super-Visionen ...

Ein Theaterstück in fünf Akten

von Renée De Gronckel (Juli 2002)

Personen:

Fred
ein Schreibtischkobold aus Gips

Renée
Supervisorin

Robin
Dipl. Sozialarbeiterin

Konstrukta
Philosophin und Anhängerin der konstruktivistischen Erkenntnistheorie

Professore Enrico
Lehrmeister

Rudolfo von Eilendorf
Schulmeister

Frau Mertin, Frau Beveren, Frau Krott, Frau Duchamps
Dipl. Sozialarbeiterinnen

Hubert Schmitz
Supervisand


I. Akt

1. Szene

Ein Arbeitszimmer. Der Regen prasselt auf die Dachfenster. Renée sitzt am Computer. Um sie herum verteilt liegen Zettel, Blätter, Bücher. Lange starrt sie auf den Bildschirm ohne eine Zeile zu schreiben. Sie gähnt, schiebt vor sich die Tastatur auf Seite und legt den Kopf in die verschränkten Arme auf den Schreibtisch. Ihr Blick wandert über den Schreibtisch, zum Regel, auf die Wanduhr. 2:35 Uhr ... Sie schließt die Augen ... Das Licht wird gedämpft ... Neben dem Computer bewegt sich etwas ... Ein kleiner Gipskobold, der als Briefbeschwerer dient, wendet langsam den Kopf hin und her - als ob er sich vergewissert, nicht gesehen zu werden. Dann hüpft er vom Stapel der Briefe herunter und geht vorsichtig auf Renée’s Kopf zu. Breitbeinig stellt er sich vor sie und holt dann tief Luft, die Arme in die Seiten gestemmt. "Puhhhhhhhhhh" bläst er aus vollen Backen in ihr Gesicht. Renée öffnet verschlafen die Augen. Dann, sichtlich verwundert, richtet sie sich auf.

Renée:
Wer bist Du denn?

Fred:
Ich bin Fred, Dein Schreibtischkobold!

Renée:
Häh ... wer? ... ähm - ich wußte gar nicht, daß Du sprechen kannst?!

Fred:
Das scheint ja nicht das einzige zu sein, was Du nicht weißt! Oder gehe ich etwa nicht recht in der Annahme, dass Du noch keine einzige Zeile für den Artikel geschrieben hast?

Renée:
Na vielen Dank! Du hast mir gerade noch gefehlt. Seit Tagen schon sitze ich hier und zermartere mir den Kopf, wie ich diesen Artikel schreiben soll!

Fred:
Was sollst Du denn schreiben?

Renée:
"Auswirkungen der konstruktivistischen Erkenntnistheorie auf systemisches Denken und Handeln - dargelegt am Beispiel meines Supervisionskonzeptes ..."

Fred:
Versteh’ ich nicht - was soll das denn sein ein "Supervisionskonzept"?

Renée:
Das beschreibt, wie ich als Supervisorin arbeite, was mir bei meiner Arbeit besonders wichtig ist, was mich in meiner Arbeit ausmacht ...

Fred:
Hm, verstehe. Und wie arbeitest Du?

Renée:>
Gute Frage! Ich müßte damit anfangen, Dir zu erklären, weshalb und wie ich die Erkenntnistheorie des Konstruktivismus für meine supervisorische Tätigkeit nutzte und was das heißt ...

Fred:
Ich hab’ ganz viel Zeit -

Renée:
Ach ich weiß nicht!

Fred:
Wenn Du es nicht weißt - wen könnte ich denn fragen, wie Dein Supervisionskonzept aussieht?

Renée sieht Fred verwundert an.

Renée:
Das glaub’ ich jetzt nicht!

Verdreht die Augen und legt den Kopf wieder in die verschränkten Arme ...


2. Szene

Renée geht durch eine große Halle mit hoher kuppelförmiger Decke, die von Marmorsäulen getragen wird. Zwischen den Säulen rechts und links an den Wänden befinden sich große Garderobenspiegel. Renée guckt sich suchend um. Hinter einer Säule treten zwei Frauen hervor. Die eine wirkt etwas kühl. Sie trägt eine Hochsteckfrisur und Lesebrille. Die weitfallende Kleidung schillert in Regenbogenfarben. Die andere Frau ist klein und burschikos. Sie hat rote Wangen und etwas zerzaustes Haar, trägt Jeans und Pullover.

Renée:
Schön, daß ich Euch treffe. Ihr kommt mir gerade recht! Ihr wißt ja, daß ich diesen Artikel schreiben soll. Mir gehen noch einige Fragen durch den Kopf, die ich gerne mit Eurer Hilfe klären würde ... Ich dachte, Ihr könnt mir vielleicht helfen?!

Robin:
Na, das ist schön, daß Du Dich an uns erinnerst - ich hatte schon den Eindruck, Du hättest uns vergessen! Ich bin sicher, daß wir Dir helfen können. Du hast schon viel schwierigere Probleme bewältigt!

Renée:
Ja sicher. Aber diesmal ist es nicht so einfach wie ihr vielleicht glaubt! Es ist mir wirklich wichtig, verständlich darzulegen, was mein Konzept von Supervision ausmacht. Ich finde das gar nicht so einfach, die richtigen Unterscheidungen zu treffen. Ich hab’ richtig Lampenfieber!

Robin:
Du und Lampenfieber - na das sind ja ganz neue Töne! Du bist doch sonst immer so cool da ‘rangegangen!

Renée:
Von wegen "cool" - du hast ja gar keine Ahnung wie das ist! Du mußt ja keine Kunden aquirieren - zu Dir müssen sie ja kommen - ob sie wollen oder nicht! Stell’ Dir vor, Du müßtest Deinen Klienten erklären, was sie davon haben ausgerechnet Dich als Sozialarbeiterin auszuwählen ...

Robin:
Muß ich aber nicht! Dich hat auch niemand gezwungen, Dich als Supervisorin auf den Markt zu schmeißen!

Konstrukta:
Sachte Kinder! Wir sind doch schließlich hier, um Renée konstruktiv zu unterstützen - oder? An Eurer Diskussion wird wunderbar deutlich, daß jeder Mensch sich seine Wirklichkeit konstruiert. Ein gutes Beispiel dafür, daß die menschliche Wirklichkeit durch Sprache konstruierte Wirklichkeit ist. Wenn Renée sagt, daß sie ein Problem hat, nämlich diesen Artikel zu schreiben, dann ist das in diesem Moment für Renée wahr. Es ist völlig unerheblich, ob wir ergründen können, warum sie das Problem hat oder ob wir darin womöglich gar kein Problem sehen!

Renée:
Danke schön! Wollt ihr mir nun helfen - oder nicht?

Konstrukta:
Aber ich will Dir doch gerne helfen wenn ich kann. Mich interessiert, wie Du Dein Problem beschreibst. Ich will beobachten, was Du beobachtest. Vielleicht kann ich erkennen, wie Du Dir Dein Problem konstruierst. Bestenfalls, kann ich sogar etwas wahrnehmen, was Du bei Deiner Wahrnehmung ausgeblendet hast.

Robin:
Was meinst du damit? Ich hab’ dich jetzt nicht ganz verstanden ...

Konstrukta:
Wenn Du eine Situation erfassen willst, um auf diese reagieren zu können, so nimmst Du bestimmte Dinge wahr und läßt andere außer Acht, damit Du dir ein Bild machen kannst.

Ein einfaches Beispiel: Wenn Du aus dem Fenster schaust, bevor Du raus gehst, achtest Du vielleicht darauf, ob es regnet oder nicht. Du stellst dann z.B. fest, daß es regnet und entscheidest deswegen, einen Regenschirm mitzunehmen, damit Du nicht naß wirst. Du würdest also sagen: draußen regnet es!

Ein anderer hätte vielleicht im gleichen Moment aus dem Fenster des Nachbarhauses geguckt - und gehört, daß die Kirchturmuhr sieben mal schlägt. Daraufhin wäre er zurück ins Bett gegangen, um noch etwas länger zu schlafen. Er hätte gesagt: Es ist erst sieben Uhr morgens, ich muß erst in einer Stunde aufstehen!

Du hättest die Situation beschrieben mit "es regnet" und er mit "es ist sieben Uhr morgens"- und keine der beiden Aussagen wäre falsch gewesen. Ihr hättet nur den Fokus auf verschiedene Aspekte gelegt, wodurch verschiedene Wirklichkeiten entstanden wären - und an diesem Morgen sind wahrscheinlich unendlich viele Wirklichkeiten zur gleichen Zeit entstanden.

Robin:
Das leuchtet mir ein - ich habe den Regen bemerkt, weil es mir wichtig war trocken zur Arbeit zu kommen. In dem Moment habe ich die Zeit gar nicht wahrgenommen. Es ist aber ja auch unmöglich alles gleichzeitig wahrzunehmen!

Konstrukta:
Aus diesem Grunde läßt jeder Mensch bereits bei der Wahrnehmung bestimmte Seiten außer Acht, dunkelt sie ab, und erhält so ein Bild seiner Wirklichkeit - konstruiert seine Wirklichkeit. Dies ist auch lebensnotwendig - andernfalls würden wir in völliger Handlungsunfähigkeit erstarren. Um eine Handlung vornehmen zu können, müssen wir ständig Entscheidungen treffen und um eine Entscheidung treffen zu können, müssen wir Wirklichkeiten konstruieren. Entscheidend ist, welche Konstruktion jeweils als brauchbar empfunden wird - um bei dem Beispiel zu bleiben: Hättest Du wahrgenommen, daß es sieben Uhr morgens ist, hättest Du vielleicht entschieden, erst eine halbe Stunde später aus dem Haus zu gehen - und dann hättest Du womöglich gar keinen Regenschirm mehr gebraucht und wärest trotzdem nicht naß geworden.

Renée:
Genau, ich nehme an, daß es mindestens so viele Handlungsalternativen wie Wirklichkeitskonstruktionenen gibt! Das ist ja einer der Gründe, weshalb ich mich als Supervisorin wissenschaftstheoretisch an der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus orientiere, diesen Ansatz so brauchbar finde - es eröffnet unendlich viele Lösungsmöglichkeiten!

Robin:
Also sag’ ich meinen Klienten, wie ich deren Problem und die Lösung dafür sehe? Das funktioniert nun überhaupt nicht! Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Klienten nur dann ihre Situation verändern, wenn sie selber die Lösungen erarbeitet haben! Gutgemeinte Ratschläge bewirken da gar nichts!

Konstrukta:
Eben weil jedes menschliche System sich autopoetisch organisiert. Ich gehe davon aus, daß jedes System sich die Wirklichkeit so konstruiert, wie es glaubt, die Stabilität des Systems am sichersten aufrechterhalten zu können. Jedes System strebt nach Erhalt - "Überleben".

Renée:
Um zu überleben entwickelt jedes System Kommunikationsmuster, d.h. Handlungsstrategien. Oft entstehen Probleme dadurch, daß Systeme in Handlungsabläufen erstarren, wodurch immer wieder die gleichen Muster ablaufen, obwohl sie bereits unbrauchbar geworden sind. Die Beteiligten können als Mitglieder des Systems dieses nicht von außen betrachten.

Konstrukta:
Sobald ich aber, die nicht Teil des Systems ist, meine Beobachtung dem System mitteile, kann das System neue Aspekte in seine Wirklichkeitskonstruktion aufnehmen. Es kann mir also gelingen, das System zu pertubieren in Form von Irritation des strukturerhaltenden Verhaltensmuster des Systems.

Renée:
In dieser Rolle sehe ich mich als Supervisorin. Meine Aufgabe ist es, das System zu verstören. Wenn mir das gelingt, dann wirkt die Irritation als Impuls zu einer neuen Wirklichkeitskonstruktion - d.h. eine von der vorherigen verschiedene. Das eröffnet die Möglichkeit aus der problemschaffenden Struktur auszusteigen - das "alte" Problem hat sich verändert. Welche veränderte Wirklichkeit dadurch entsteht, bestimmt das System wiederum autopoetisch. Für mich als Supervisorin bleibt das Ergebnis nicht vorhersehbar.

Robin:
Das gefällt mir. Das heißt, daß Du Dir als Supervisorin nicht anmaßt zu glauben, direktiv auf das Verhalten von Menschen Einfluß nehmen zu können. Nach dem Motto "ich kann Dein Schicksal beeinflussen" ...

Renée:
Es verhindert in der Tat Allmachtsphantasien und das finde ich sehr beruhigend. Ich schicke meine Interventionen eher wie Feuerwerkskörper los - in der Erwartung, daß eine abgedunkelte Stelle für das System erleuchtet wird.

Konstrukta:
Passend zu der Annahme, daß jedes System zur Konstruktion seiner Wirklichkeit bestimmte Seiten beleuchtet und folglich auch wahrnimmt und andere abdunkelt.

Renée:
Meine Aufgabe ist es, meine Leuchtraketen möglichst auf die abgedunkelte Seite zu schicken! Hierfür bilde ich aufgrund meiner Wahrnehmung und Beobachtung Hypothesen!

Robin:
Wieso nennst Du das Hypothesen und nicht Diagnosen?

Renée:
Der Unterschied besteht darin, daß schon im Wort deutlich wird, daß ich keine objektiven Wahrheiten feststelle, Ich ergründe nicht Kausalzusammenhänge, sondern nehme vor dem Hintergrund meiner persönlichen, ebenfalls subjektiven Wahrnehmung, Deutungen vor. Eine wesentliche Kompetenz von Supervisoren und Supervisorinnen besteht darin, die eigene Wahrnehmungsfähigkeit auf möglichst vielfältigen Ebenen zu trainieren und zu erweitern.

Konstrukta:
Heinz v. Foerster spricht von dem Menschen als nicht trivialer Maschine, deren Funktionszusammenhänge nicht linear ergründbar sind. Man kann sich die Funktionalität menschlicher Systeme derart vorstellen, dass die Funktionsvariablen durch jede Funktionsausführung eine Veränderung in Form einer weiteren Variablen erfahren.

Robin:
Wie bitte?

Konstrukta:
Ein Beispiel: Eine triviale Maschine, z.B. ein Taschenrechner hätte die Funktion der Addition. Dieser Taschenrechner kann x-mal die Aufgabe gestellt bekommen, "2x2" zu berechnen. Er wird, solange er "funktioniert" als Ergebnis immer "4" ausgeben. Bei einer nicht trivialen Maschine würde sich der Arbeitsvorgang bereits durch die erste Berechnung verändern, d.h. der Output ist nicht vorherbestimmbar und gezielt beeinflußbar. Auf einen bestimmten Input erfolgt nicht immer derselbe Output. Mit jedem Input organisiert sich die Maschine neu. Es würde beim zweiten mal nicht mehr "6" als Ergebnis herauskommen, sondern z.B. "grün" usw.

Renée:
Da menschliche Systeme nicht wie triviale Maschinen funktionieren, sondern unbestimmt viele Faktoren die Wirklichkeitskonstruktion beeinflussen, ist es unmöglich, eine einzig wahre Diagnose zu stellen! Meine Hypothesen können zutreffen oder nicht und die daraus entwickelten Interventionen können Anschluß an das System finden oder nicht.

Robin:
Ich hoffe, Du hast die nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen, wenn Du Deinen Feuerzauber startest - schließlich bist Du ja verantwortlich dafür, mit den Raketen kompetent umgehen zu können!

Konstrukta:
Hast Du vergessen, daß jedes System autopoetisch funktioniert?

Robin:
Nein, das leuchtet mir ja ein, aber trotzdem kann nicht Sinn der Supervision sein, einen wahllosen Feuerzauber zu veranstalten - und die Rettungsmannschaft der Feuerwehr rückt nachher ein- oder wie?

Renée:
Jetzt geht die Retterin der Entrechteten aber wirklich mit Dir durch! Erstens bin ich nicht so mächtig, und zweitens habe ich als Supervisorin natürlich dafür Sorge zu tragen, planvoll und verantwortlich zu intervenieren.

Robin:
So- und wonach bewertest Du, ob Du eine sinnvolle Intervention verantwortlich einsetzt?

Renée:
Wonach ich entscheide, welche Intervention sinnvoll ist?

Robin:
Genau. Welche Wertehaltung steht dahinter?

Renée:
Ausgerechnet Du fragst mich das? Gerade in dieser Frage vertreten wir doch beide genau das gleiche! Du warst doch diejenige, die an meiner Seite stand, wenn es darum ging, für ein Menschenbild einzustehen, das sich der Humanität verpflichtet sieht. Auch als Supervisorin gehe ich davon aus, dass jeder Mensch Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung hat, die Fähigkeit zu Wachstum und Veränderung besitzt und jederzeit die Möglichkeit haben sollte Handlungsalternativen entwickeln und sein Leben verändern zu können. Meine Grundüberzeugungen lege ich doch nicht mit dem Beruf ab!

Konstrukta:
Ich nehme an, zu dieser Frage braucht ihr mich im Moment nicht mehr - oder? Ich habe nämlich noch einen dringenden Termin- und es ist schon nach vier ...

Geht ab. Das Licht wird langsam abgeblendet.


II. Akt

1. Szene

Das Arbeitszimmer von Renée. Fred zupft an ihrem Ärmel, bis Renée den Kopf hebt ...

Renée:
Du bist ja immer noch da?!

Fred:
Natürlich - wo sollte ich auch sonst sein? Komm, ich will Dir ‘was zeigen!

Er kramt aus seiner Hosentasche eine kleine glitzernde Glasmurmel.

Renée:
Was hast Du da?

Fred legt die Murmel vor Renée auf den Schreibtisch und während Renée auf die Murmel schaut, wird diese langsam größer und größer, bis sie schließlich die Größe einer Kristallkugel erreicht hat. Fred stellt sich neben die Kugel und zeigt mit dem Zeigefinger auf deren Inneres. Renée folgt mit ihrem Blick dem Finger ...

Renée:
Was machst Du da?

Fred:
Pscht! Still! Sieh’ hin!

Lichtwechsel


2. Szene

Ein Arbeitszimmer. Schritte auf der Treppe. Auftritt Professore Enrico, der gerade von seinem letzten Dreh kommt in Begleitung von Rudolfo von Eilendorf.

Enrico:
Komm’ herein und setz’ Dich schon einmal.

Verwirrt sucht er in seinem Koffer nach seiner Brille, die er auf dem Kopf hat ... Er nimmt auf einem der Stühle Platz und kramt Unterlagen hervor

Enrico:
... wo hab’ ich’s denn gleich ... ah ja! So, da hab’ ich Sie ja. Das war wieder ein Tag: Redaktionssitzung - ich kann Dir sagen, da ist wieder einiges zusammen gekommen ...

Rudolfo:
Ja richtig - nun ja - wie es so schön heißt "von nix kütt nix"!

Renée hat erzählt, daß sie auch einen Artikel in der nächsten Ausgabe veröffentlichen wollte ...

Enrico:
Stimmt - und ich bin schon ganz gespannt, was ich noch so alles geboten kriege! Bei der letzten Ausgabe waren tolle Sachen dabei! Ein Gläschen Wein gefällig?

Rudolfo:
Hast Du noch von dem sagenumwobenen Navarra?

Enrico tischt Wein und Gläser auf, schenkt ein:
Aber selbstverständlich - obwohl ich sagen muß, daß der diesjährige Ausbildungskurs recht großen Gefallen an ihm gefunden hat. Ich fürchte, ich muß meine Vorräte bald wieder nachfüllen ...

Rudolfo nippt an seinem Weinglas:
Tja ja, die entscheidende Frage - "wie machst Du Supervision? Was heißt für Dich Supervision?" ... Ich habe Renée gefragt, was sie antworten würde, wenn man sie fragte, was ihr Supervisionskonzept sei. Stell Dir vor - sie hat nur ‘rumgestottert und keine einzige vernünftige Antwort geben können. Dabei hat sie ganz brauchbare Ressourcen für ihre Arbeit als Supervisorin!

Enrico:
So - glaubst Du denn, das weiß sie nicht?

Rudolfo:
Sie kann z.B. guten Kontakt zu ihren SupervisandInnen herstellen. Sie verfügt über ein hohes Einfühlungsvermögen und legt großen Wert darauf, zu den SupervisandInnen einen guten Rapport herzustellen. Dabei achtet Sie auch besonders auf Körpersprache und non-verbale Kommunikation und setzt dies z.B. ggf. durch verschiedene Techniken des NLP gezielt als Intervention ein.

Enrico:
Hierbei läßt sie hoffentlich nicht die nötige professionelle Distanz außer acht!

Rudolfo:
Ich glaube, daß ihr diese ebenso wichtig ist wie der gute Kontakt zu den SupervisandInnen. Sie hat das einmal so formuliert: "Empathie verstehe ich als die Ausgewogenheit zwischen einfühlsamer Identifikation und professioneller Distanz".

Enrico:
Ach ja, ich erinnere mich ... Die nötige professionelle Distanz ist aber vor allem von größter Wichtigkeit, damit die Supervisorin den Abstand zum Supervisandensystem hält, um dieses in seinen Beschreibungen beobachten zu können. Wenn die Supervisorin nicht die nötige Distanz hat, ist sie ganz schnell selber Teil des Systems und die Beobachtung zweiter Ordnung wäre nicht mehr möglich.

Rudolfo:
Ganz genau! Wenn auch die Supervision ebenfalls als System von Supervisorin und Supervisandin betrachtet werden kann, so lebt unsere Arbeit doch davon, in das Supervisandensystem einzudringen, ohne sich vereinnahmen zu lassen.

Enrico:
Deshalb bezeichne ich den Supervisor auch als "Metakommunikator, der zwar mit dem (Klienten)system kommuniziert, aber gleichzeitig in Distanz bleibt, so gut es geht."

Rudolfo:
Die systemische Betrachtung der Beschreibungen der Supervisanden eignet sich sehr gut, die nötige Distanz herzustellen - da die Problematik von der inhaltlichen Ebene unabhängig allein auf der Kommunikationsebene betrachtet werden kann. Dies verhindert, sich von der persönlichen Betroffenheit des Supervisandensystems einfangen zu lassen.

Enrico:
Ich hoffe, daß ich zumindest das in der Ausbildung des IBS vermitteln kann. Manchmal habe ich den Eindruck, die lernen’s nie ...

Rudolfo:
Ich glaube, daß Du Dir da nicht so viele Sorgen machen mußt - schließlich liegt es ohnehin nicht in unserer Macht, was bei den Auszubildenden Anschluß findet und was nicht ... Und denk’ an Deinen Wahlspruch: Hier arbeitet der Supervisand! -aber wir haben ja schließlich alle unsere Verführbarkeiten, nicht wahr?

Enrico:
Du sagst es ... und ... wie schmeckt der Wein?

Rudolfo:
Vorzüglich ...

Das Licht wird langsam herunter gefahren.


3. Szene

In Renées Arbeitszimmer starren Renée und Fred auf die Kugel. Im inneren entsteht dichter weißer Rauch.

Renée:
Wow - wie hast Du das denn ...

Fred:
Meine liebe Freundin, es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumen läßt ... Jetzt, verzeihst Du’s mir sicher - ich hab’ Dich auch schon beobachtet!

Renée:
Wie? Wann denn? Wo denn?

Fred:
Dachte, das könnte Dir von Nutzen sein - sieh her!

Im Innern der Kristallkugel verzieht sich der Rauch ...


III. Akt

1. Szene

Ein Büroraum. Vor dem Fenster ein Schreibtisch. an der gegenüberliegenden Wand ein rechteckiger Tisch mit fünf Stühlen. Bunte Plastikdecke. Thermoskanne. Kaffeebecher. Frau Mertin telefoniert.

Frau Mertin:
Ja, sagst Du den anderen noch Bescheid? Frau De Gronckel steht schon auf dem Flur. Beeilt Euch, wir warten!

Öffnet die Türe.

Frau Mertin:
Ach bitte, kommen Sie doch herein. Meine Kolleginnen kommen auch jeden Moment. Ich bin Frau Mertin, wir haben telefoniert.

Sie begrüßen sich per Handschlag.

Renée:
Guten Tag.

Sie nimmt an einem der Stühle Platz. Die Tür’ geht auf. Herein kommen nacheinander Frau Beveren, Frau Krott und Frau Duchamps. Renée begrüßt sie per Handschlag. Sie nehmen am Tisch Platz.

Renée:
Vielen Dank für Ihre Einladung. Mein Name ist Renée De Gronckel. Wie ich von Ihrer Kollegin Frau Mertin erfahren habe, sind Sie an einer Gruppensupervision bei mir interessiert. Die Informationen bzgl. möglicher Termine, Räumlichkeiten und Kosten hat Ihre Kollegin Ihnen ja schon weitergegeben. Heute bin ich hier, damit wir uns persönlich kennenlernen können. Ich würde gerne eine Vorstellung Ihrer Erwartungen an Supervision gewinnen. Im heutigen Gespräch sollten die gegenseitigen Vorstellungen soweit geklärt werden, daß danach eine Entscheidung darüber getroffen werden kann, ob ein Kontrakt abgeschlossen wird. Ich schlage vor, daß Sie sich vorstellen und vielleicht sagen, weshalb sie Supervision haben wollen.

Frau Mertin:
Ich fang ‘mal an. Wir arbeiten ja alle als Sozialarbeiterinnen. Unser Arbeitgeber finanziert in einem bestimmten Rahmen für jede von uns Supervision. Wir haben uns in dieser Gruppe selbst organisiert. Ich für meinen Teil fände es wichtig, meine Fälle in der Supervision besprechen zu können. Je nach dem - oder wenn es sonst Schwierigkeiten bei der Arbeit gibt ...

Frau Beveren:
Ich bin Frau Beveren. Also ich habe auch die Vorstellung vor allem Fallsupervision zu machen. Es ist einfach für mich immer wieder hilfreich, über meine Arbeit mit jemandem sprechen zu können und nicht alles mit mir selber auszumachen. Vielleicht kann man ja auch ganz neue Ideen entwickeln.

Frau Krott:
Ich weiß ja noch nicht so recht, ob ich Supervision nehmen sollte. Ach so, mein Name ist Else Krott. Vielleicht ist das mehr ‘was für die jüngeren Kolleginnen. Ich habe mich gerade fortgebildet und eigentlich fühle ich mich auch ohne Supervision kompetent, meinen Job zu machen.

Renée:
Und uneigentlich?

Frau Krott:
Uneigentlich? - Hm, ich hätte schon Interesse mich mit meinen Kolleginnen, die jetzt hier sind, auszutauschen. Ich bin aber noch unentschlossen und es interessiert mich daher zu erfahren, wie Sie das sehen.

Renée:
Wenn ich Sie richtig verstanden habe, erwarten Sie, durch unser heutiges Gespräch eine genauere Vorstellung von Supervision zu erhalten und möchten das als zusätzlich Entscheidungshilfe nutzen?

Frau Krott:
Hm ... , ja, stimmt. Ich würde gerne wissen, weshalb sie glauben, daß Supervision sinnvoll ist.

Renée:
Meiner Meinung nach bringt jeder Mensch in seinen beruflichen Alltag nicht nur seine Feldkompetenz und sein Fachwissen ein. Der berufliche Alltag wird (mit-)bestimmt durch die Beziehungen zu den Kolleginnen und Kollegen, durch den Kontakt zu Kunden bzw. Klienten, durch die Strukturen und Ausstattung des Arbeitsplatzes und viele weitere Faktoren, die die Arbeitsabläufe maßgeblich beeinflussen. All’ diese Aspekte tragen zur Leistungsfähigkeit und Arbeitszufriedenheit bei. In der Regel finden diese "Nebenbedingungen" aber nicht die Beachtung im täglichen Arbeitsablauf. Es ist meist keine Zeit, kein Raum, kein Rahmen da, sich mit diesen Dingen, die nicht die Arbeitsinhalte an sich betreffen, auseinanderzusetzen. Supervision bietet einen definierten örtlichen und zeitlichen Rahmen und die "Erlaubnis" über diese Dinge zu sprechen. Dieser Raum kann genutzt werden als Reflexionsmöglichkeit für den Einzelnen, als Kommunikationsort zwecks Austausch mit Kollegen und Kolleginnen, als Planungsort zur gemeinsamen Entwicklung, ...

Frau Krott:
Ich hab’ aber oft so viel zu tun - da hab’ ich gar keine Zeit auch noch zusätzlich Streß durch die Teilnahme an Supervision zu haben!

Frau Mertin:
Else, ich glaube ja nicht, daß ich zusätzlich Streß durch die Supervision bekomme - ich hoffe, daß ich vielleicht Anregungen bekomme, wie ich meine Arbeit so organisieren kann, daß ich weniger Streß habe.

Frau Beveren:
Und außerdem kann Supervision ja auch Spaß machen! Ich erwarte von Supervision, daß für mich neue Perspektiven eröffnet werden. Deshalb will ich ja auch mit Euch zusammen eine Gruppe machen. Glauben Sie denn auch, daß die Gruppe den Erfolg der Supervision beeinflußt?

Renée:
Ja natürlich - schließlich bin nicht ich, sondern Sie für ihren Lernerfolg verantwortlich. Jede von Ihnen hat ihre eigenen Kompetenzen, die sie in Ihrem Arbeitsalltag einsetzt und die in der Gruppensupervision genutzt werden können. Dennoch ist es interessant zusätzlich zu den bereits gefundenen Lösungen noch weitere Alternativen zu entwickeln - z.B. durch die Bearbeitung eines Falles in Gruppensupervision. Manchmal stecken Sie vielleicht auch in einem Fall "in der Falle", haben das Gefühl wie in einem Teufelskreis immer wieder in der selben wiederkehrenden Handlungsschleife zu enden. Hier kann Supervision helfen, indem das geschilderte Problem unter einem neuen Blickwinkel betrachtet wird und dadurch umgedeutet wird. Das so genannte reframing bedeutet, die beschriebene Problematik in einen anderen Kontext (="Rahmen") zu setzen, wodurch andere Zusammenhänge deutlich werden. Hierdurch ließe sich beispielsweise durch positive Konnotation der Nutzen der als problematisch beschriebenen Situation erkennen. Je vielfältiger die Ressourcen in der Gruppe sind, desto vielfältiger werden die Lösungsungsmöglichkeiten sein. Es gibt nicht nur die eine, "richtige" Lösung, es gibt immer mehrere. Je bunter die Wahrnehmung, desto flexiblere Interventionsmöglichkeiten ergeben sich.

Frau Beveren:
Also ich glaube ja auch nicht, daß man irgendwann zu alt ist für Supervision!

Frau Krott leise zu Frau Beveren:
So hab’ ich das ja auch nicht gemeint! Du drehst mir ja wieder einmal das Wort im Mund herum!

Frau Mertin wirft beiden verärgerte Blicke zu:
Für mich ist genau das ein Grund, warum ich gerne Gruppensupervision machen möchte.

Renée:
Ich bin der Auffassung, daß jeder Mensch immer wieder seine Handlungsmöglichkeiten erweitern kann. Oft ist es so, daß Systeme so sehr in einem Kommunikationsmuster festgefahren sind, daß innerhalb des Systems keine neuen Lösungsmöglichkeiten entwickelt werden können - obwohl die dafür nötigen Ressourcen alle vorhanden sind - sie werden nur nicht "gesehen". Ich lege daher großen Wert darauf ressourcenorientiert zu arbeiten, d.h. Ihre Möglichkeiten und Fähigkeiten aufzudecken und zu unterstützen.

Frau Krott:
Hm ... ja ... Hilde - Du wußtest doch auch noch nicht so genau, ob Du mitmachen willst - jetzt sag’ Du doch auch ‘mal ‘was...!

Frau Duchamps:
Also eigentlich wollte ich da jetzt gar nichts zu sagen ...

Renée:
Das ist schön, daß Sie weitermachen möchten!?!

Frau Duchamps:
Ja - ich bin Hilde Duchamps. Ich fände es ganz wichtig, in dieser Gruppe offen reden zu können. Mir fehlt in meinem Team das Gefühl, daß ich mit jemandem reden kann - die anderen erzählen auch immer nur wie toll alles klappt, was sie alles geschafft haben ... Da fällt es mir schwer, über meine Probleme zu sprechen.

Renée:
Ich finde es besonders wichtig, darauf zu achten, daß wir uns, wenn wir miteinander arbeiten, mit gegenseitigem Respekt begegnen. Es geht nicht darum, zu beurteilen oder gar zu verurteilen, sondern eine Arbeitsatmosphäre herzustellen, in der Lernen möglich ist. Unter Lernen verstehe ich dabei den Prozeß, unter Nutzung der eigenen Ressourcen auf Problemstellungen in anderer Form als bislang zu reagieren. Hierzu muß es möglich sein, darauf vertrauen zu können, daß alles, was hier gesagt wird, auch ausdrücklich in diesem Kreis bleibt. Vor unserer gemeinsamen Arbeit wird daher ein Verschwiegenheitskontrakt geschlossen. Zustimmendes Nicken ...

Frau Beveren:
Mich würde noch interessieren, wie ich mir Ihre Arbeit konkret vorstellen kann - welche Methoden setzen Sie ein?

Renée:
Ich setze neben dem supervisorischen Gespräch verschiedene Methoden aus dem Bereich der Gestaltarbeit, des NLP, der Sozialen Gruppenarbeit, des Psychodramas und der systemischen Beratung ein. Dabei ist es mir wichtig, die Arbeitsweisen dem individuellen Prozeß flexibel anzupassen. Hierbei nutze ich auch - unter Einsatz verschiedener Medien - die Wirkung nichtverbaler Darstellungsformen wie z.B. das Skulpturieren oder Skizzieren von Kommunikationssystemen. Meine Interventionen zielen auf die Erweiterung Ihrer Handlungsmöglichkeiten. Ich werde Ihnen anbieten, Ihre Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Manchmal erleichtert es auch, seine Situation mit einem Augenzwinkern humoristisch unter die Lupe zu nehmen. Durch die Veränderung des Blickwinkels wird sich Ihre Wahrnehmung verändern und dadurch können Sie neue Handlungsmöglichkeiten entdecken. Zielorientiert und selbstverantwortlich entwickeln Sie so Ihre Lösungen.

Frau Mertin:
Siehst Du, Else, ich finde, daß es sich bestimmt lohnen wird! Frau Krott sieht sie etwas schmollend an und zuckt mit den Schultern. Renée schaut auf die Uhr.

Renée:
Ich sehe, daß wir fast am Ende der Stunde angelangt sind. Haben Sie noch weitere Fragen?

Sie sieht sich in der Runde um

Gut, dann würde ich vorschlagen, daß Sie sich beraten und mir bitte bis kommenden Mittwoch Ihre Entscheidung mitteilen. Sollten Sie interessiert sein, so würde ich mich meinerseits freuen, mit Ihnen in Supervision zu arbeiten. Auf Wiedersehen!

Renée verabschiedet sich bei allen per Handschlag. Frau Mertin öffnet die Tür und Renée geht hinaus. Sie geht einen langen Flur entlang und währenddessen wird langsam das Licht abgeblendet ...


IV. Akt

1. Szene

Renées Arbeitszimmer. Der Kobold hat es sich auf der Couch bequem gemacht. Renée sitzt am Schreibtisch und starrt mit offenem Mund in die Kugel, in der sich wieder weißer Rauch bildet ...

Fred:
Und hast Du den Auftrag dann gekriegt?

Renée:
Ja , hab’ ich! Das Gespräch ist ja auch schon ein paar Monate her. Inzwischen läuft die Gruppe schon seit einigen Sitzungen.

Fred:
So, so "läuft die Gruppe". So ganz ohne Konzept? Oder wie?

Renée:
Hach, Du gibst wohl nie auf?

Fred:
Jedenfalls hast Du mich neugierig gemacht - wie läuft denn so ‘ne "Supervisionssitzung"?

Renée:
Das ist ganz unterschiedlich. Das hängt z.B. davon ab, ob es "Einzel-" oder "Team-" oder "Gruppensupervision" ist ...

Fred:
So eine "Einzelsupervision" wie könnte die denn beispielsweise aussehen?

Renée:
Hm ... ich könnte mir vorstellen, daß ... ja, zum Beispiel ... Vielleicht könnten wir ... ich meine ... noch mal ... ?

Sie sieht unsicher zu Fred ‘rüber und deutet auf die Kugel.

Fred:
Hast wohl Gefallen daran gefunden, wie? Also gut, von mir aus gerne!

Lichtwechsel


2. Szene

Hubert ist auf dem Weg zur Arbeit. Er ist allein im Auto unterwegs. Gerade Strecke; Autobahn; wenig Verkehr. Er telefoniert.

Hubert:
Ja, ich bin gleich da ... Also geht das am zwanzigsten klar? ... Gut ... Ja, danke ... bis gleich!

Er legt auf. Offensichtlich grübelt er ... Stimme aus dem Off.

Hubert:
Ich finde es gut, daß Renée weiß, wovon ich rede, wenn ich über meine Fälle berichte. Ich muß dann nicht groß erklären wie das aussieht bei meiner Arbeit. Oft ist es so, daß ich schon bevor sie etwas fragt weiß, daß sie sich nicht so schnell mit hingeworfenen Antworten zufrieden gibt. Sie kann ganz schön hartnäckig nachbohren - verblüffend, wie sie manche Probleme so umformuliert, daß sich für mich auf einmal ein Sinn ergibt ... Beim letzten mal war ich in einer schlimmen Krise. Ich hatte völlig unvorbereitet mitgeteilt bekommen, daß unsere Forschungsmittel für das nächste Jahr nicht weiter gezahlt werden - Das war’n Ding! Schwups - war ich meine Projektleitung los, einfach so! Zugegeben, der Job war eigentlich auch nicht ganz mein Fall - organisieren, Büroarbeit, Präsentation nach außen ... Jedenfalls war ich völlig down. Während ich Renée meine Situation beschrieb, fiel mir hierzu ein Metapher ein: Ich sah mich in einer grauen Stadt, sumpfig, nebelig. Ich hatte keine Ahnung, wie ich einen Weg hinaus finden sollte. Der Boden war so klebrig, daß ich einfach keine Wahl hatte - ich konnte mich gar nicht fortbewegen. Ich fand dieses Bild beängstigend!

Lichtwechsel. Stimmen (mit Hall-Effekt) aus dem Off.

Renée:
Was würde passieren, wenn Sie sich schneller bewegen würden?

Hubert:
Ich muß mich so langsam bewegen, weil es viel zu gefährlich wäre - Ich könnte im Nebel irgendwo hinein fallen oder gegen laufen.

Lichtwechsel.Stimme aus dem Off.

Hubert:
... sinnvoll mich nur langsam zu bewegen. Dadurch bekam ich mehr Sicherheit. Renée fragte mich, was ich am besten machen könnte, um einen Ausweg aus der Situation zu finden. Mir fiel ein, daß ich in der Stadt ein Hotel suchen sollte, wo ich mich so lange verkrieche, bis der Nebel sich verzogen hat. Ich hatte auch eine sehr klare Vorstellung davon, wie dieses Hotel aussehen müßte, damit ich mich - wie Renée mir vorschlug - während meines dortigen Aufenthaltes so richtig wohl fühlen könnte. Das Hotel verwandelte sich mehr und mehr in ein Kurhotel mit wohlschmeckenden Speisen und Getränken, Bädern und Saunen und je mehr ich mir das vorstellte, desto besser gefiel mir der Gedanke, mich dort "einzuschließen", auszuruhen und abzuwarten, bis der Nebel sich verzieht ...

Lichtwechsel. Stimmen aus dem Off.

Renée:
Haben Sie Möglichkeit, sich einige Zeit Ruhe und Entspannung zu gönnen?

Hubert:
Eigentlich zwingt mich niemand, jetzt sofort etwas zu ändern. Meine Betreuungsarbeit setze ich ohnehin weiter fort ... Eigentlich könnte ich mir eine Auszeit nehmen!

Renée:
Wie lange wollen Sie sich denn nicht entscheiden?

Hubert:
Ich denke, daß vier Wochen genügen müßten. Ja, vier Wochen ist eine gute Zeit!

Lichtwechsel. Stimme aus dem Off.

Hubert:
Renée "verordnete" mir vier Wochen lang dafür zu sorgen, mich zu verwöhnen und auszuspannen. Wir vereinbarten noch, wann ich damit anfange - ich wollte sofort am nächsten Wochenende damit anfangen - und was genau ich dann tun würde. Gute Idee, das ganze Wochenende mit meiner Familie zu verbringen ...

Hubert lächelt. Dann greift er zu seinem Handy. Ein Telefon klingelt. Licht aus.


V. Akt

1. Szene

Ein Arbeitszimmer. Das Telefon klingelt. Der Regen prasselt auf die Dachfenster. Renée schläft, den Kopf in die verschränkten Arme gelegt, am Computer. Um sie herum verteilt liegen Zettel, Blätter, Bücher. Renée hebt langsam den Kopf und reibt sich verschlafen die Augen. Sie schaut auf die Uhr: 8.30 Uhr. Der Anrufbeantworter geht an "Sie sind verbunden mit dem automatischen Anrufbeantworter von Renée De Gronckel, Praxis für Beratung und Supervision. Leider bin ich nicht persönlich erreichbar. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht nach dem Signalton ... Piep ... Guten Tag, hier spricht Hubert Schmitz, ich wollte mich ja noch ‘mal melden. Meinerseits können wir den nächsten Termin für den zwanzigstens 18:00 Uhr festhalten. Bitte rufen Sie zurück. Auf Wiedersehen! ... Piep ...

Renée gähnt, reckt sich und schaut sich im Raum um. Vor ihr auf dem Schreibtisch steht eine Gipsfigur, ein kleiner zausiger Kobold. Renée nimmt ihn in die Hand, begutachtet ihn nach allen Seiten,schmunzelt - und schaltet den Computer ein: Von Kobold- und Super-Visionen ...


Die Autorin

Renée De Gronckel:

  • Jahrgang 1970

  • Dipl. Sozialarbeiterin,

  • Supervisorin DGSv,

  • Hauptamtliche Bewährungshelferin für Jugendliche und Erwachsene,

  • Humanitäre Projektarbeit mit kriegstraumatisierten Kindern in Bosnien und Kroatien,

  • Freie Theaterarbeit als Regisseurin und Schauspielerin.

Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2002


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