Macht - Verantwortung - Ethik in der Supervision

von Andrea Ebbecke-Nohlen (Januar 2004)

Vortrag anläßlich der Tagung der Systemischen Gesellschaft "Supervision zwischen 'Macht' und 'macht nix'?" Berlin, September 2003

Der Titel dieser Tagung - Supervision zwischen "Macht" und "macht nix" -erzeugt bei mir im ersten Moment Irritation und Unbehagen. Vor meinen Augen entsteht das Bild einer Supervision, die eingezwängt ist zwischen zwei, meines Erachtens, unattraktiven und unerwünschten Polen. Wo sind da Spielräume, wo Bewegungsfreiheit? Wie können wir da als Supervisorinnen und Supervisoren Einfluß nehmen ohne Herrschaftsanspruch? Wann können wir unser gestalterisches Potential entwickeln und wirksam handeln? Wo kann sich da unser Blick entfalten, der über Beschränkungen hinweggehen und Visionen entwerfen möchte, die im supervisorischen Kontext so wichtig sind?

Aber wir wären nicht SystemikerInnen, wenn wir nicht Irritationen zu schätzen gelernt hätten und sie nutzen wollten. So will ich denn diesen Irritationen etwas genauer nachgehen und Sie einladen, sich mit mir Gedanken zum Thema Macht, Ethik und Verantwortung zu machen und mit mir zu teilen, was ich bei meiner Spurensuche gefunden habe.

Was heißt Macht denn eigentlich?

Was heißt Macht denn eigentlich? Wie läßt sie sich beschreiben? In Philosophie, Soziologie, Politischer Wissenschaft und Psychologie wurden im Laufe der Zeit viele gehaltvolle Antworten gefunden. Mit Max Weber können wir Macht z.B. als eine Chance begreifen, den eigenen Willen innerhalb einer sozialen Beziehung auch gegen Widerstreben durchzusetzen. Oder wir können wie Niklas Luhmann Macht als etwas verstehen, das die Wahrscheinlichkeit des Zustandekommens unwahrscheinlicher Selektionszusammenhänge steigert.

Im ersten Falle beschreiben wir Macht als Chance und ordnen sie einem Subjekt zu, nämlich einem Menschen, der seine eigenen Interessen durchsetzen will, im zweiten Falle verstehen wir Macht als ein Kommunikationsmedium, eingebettet in Strukturen und Relationen.

Wir können Macht also eher subjektorientiert wie u.a. bei Max Weber oder eher strukturorientiert wie z.B. bei Niklas Luhmann verstehen. Auch andere Machtdefinitionen lassen sich in der Regel einer der beiden Kategorien zuordnen.

Je nachdem welche dieser Kategorien von Macht wir wählen, fokussieren wir zwangsläufig auf unterschiedliche Zusammenhänge und erzeugen andere Konsequenzen für unser Handeln. Im ersten Falle konzentrieren wir uns eher auf Menschen als Akteure und ihr Verhalten, im zweiten Falle konzentrieren wir uns eher auf Muster und Spielregeln.

Haben wir die Akteure der Macht im Blick, sind wir mehr gefordert, uns zu positionieren und das Verhalten dieser Akteure zu bewerten. Beschreiben wir Strukturen und Spielregeln können wir mit mehr Abstand Vor- und Nachteile dieser Verhältnisse thematisieren und die Distanz zum Geschehen leichter wahren.

Was aber irritiert mich nun an diesem Tagungstitel?

Was gefällt mir nicht daran, daß Supervision zwischen "Macht" und "macht nix" plaziert wird? Macht setzt voraus, daß wir an Kausalität glauben, daß wir annehmen, daß Menschen oder Strukturen bewirken können, daß andere Menschen gegen ihren Willen zu einem Verhalten gezwungen werden. Aus konstruktivistischer Sicht haben wir diesbezüglich allerdings erhebliche Einwände. Wir gehen im Konstruktivismus vielmehr davon aus, daß Menschen in ihren Entscheidungen prinzipiell autonom und nicht verfügbar sind, daß sie auch unter widrigen Umständen Wahlmöglichkeiten haben, sich "Machtkonstellationen" zu entziehen.

Mit Martin Buber (jüdischer Religionsphilosoph und Dialogtheoretiker) können wir sagen "Vom Glauben an die Unfreiheit frei werden, heißt frei werden" und "Vom Glauben an die Macht und an die Notwendigkeit des Gehorsams frei werden, heißt die Macht verringern und die Notwendigkeit des Gehorsams." Wenn wir in Machtkategorien denken, reproduzieren wir Macht. Machtdiskurse erzeugen ihrerseits Macht.

Gregory Bateson rät uns ja ganz auf den Begriff der Macht zu verzichten. Er spricht vom Mythos Macht und von der Macht als einer Metapher. Macht an sich gibt es nicht wirklich, wir konstruieren sie, indem wir sie definieren, sie diagnostizieren, sie ausüben oder uns ihr unterwerfen und ihr gehorchen.

In der Literatur zum Thema Macht finden wir häufig die mit dem Ursache-Wirkungsprinzip eng verknüpfte Annahme, daß in Beziehungen, in denen Macht eine Rolle spielt, "instruktive Interaktion" möglich ist. Humberto Maturana weist dies allerdings mit dem Hinweis zurück, daß Menschen als lebende Systeme selbstorganisiert sind und zeigt zudem auf, daß Macht ihrerseits durch Gehorsam gewährt wird, d.h., daß es zur Macht mindestens zwei Parteien braucht und Macht allein nicht existiert.

Macht braucht eine komplementäre Beziehung, ein Gegenüber, das das Feld nicht verläßt, nicht verlassen kann oder nicht verlassen will. Wenn wir also den Begriff Macht verwenden, kommen wir ohne den Begriff des Gehorsams nicht aus. Wir legen das Gegenüber auf eine von der Machtseite abhängige Position fest, auf eine Haltung der Unterwerfung, und übersehen leicht andere Optionen, die auch möglich wären, wie "Widerstand" oder auch "Gleichgültigkeit". Die Machtmetapher entschuldigt letztendlich oft den Mangel an Eigenverantwortung. Dem Dialog als Weg, eigene Interessen umzusetzen, bleibt in "Machtkonstellationen" wenig bis kein Raum.

Einige gute Gründe für die Verwendung des Machtbegriffs

Auch wenn ich dem Machtbegriff skeptisch gegenüber stehe, möchte ich dem Vorschlag Batesons, den Begriff der Macht gar nicht mehr zu verwenden, nicht folgen. Stattdessen würde ich gern kritisch prüfen, in welchem Kontext ich ihn verwende und schließe mich damit Marianne Krüll an (Marianne Krüll 1986). Wenn ich also durch die Nutzung des Begriffs einen Unterschied machen kann, der einen Unterschied macht, hätte der Begriff doch einen guten Dienst geleistet.

Wenn z.B. SupervisandInnen, die in hierarchisch organisierten Institutionen tätig sind, von undurchsichtigen Asymmetrien und Abhängigkeiten in ihren Organisationen berichten und darstellen, daß Metakommunikation darüber nicht erwünscht ist und zur Beseitigung von Problemen nur an Symptomen kuriert wird, kann es durchaus nützlich sein, die Machtspiel-Metapher zu nutzen und die Akteure und Spielregeln in diesen Machtspielen einmal näher zu beleuchten.

Auch zur Selbstreflexion und kritischen Hinterfragung der Funktion von Supervision kann der Machtbegriff manchmal sinnvoll eingesetzt werden. Wenn in Supervisionsaufträgen die Erwartung enthalten ist, daß Supervision der Kontrolle, Anpassung oder Disziplinierung im Dienste institutioneller und gesellschaftlicher Konformität dienen soll, ist es durchaus angebracht, während der Auftragsklärung diese Annahmen durch Nachfragen transparent zu machen. Einmal der Metakommunikation zugänglich gemacht können sie dann z.B. im Sinne einer Erwartungsenttäuschung zurückgegeben oder so modifiziert werden, daß der Supervisionsauftrag annehmbar wird.

Der generellen Absage an den Begriff der Macht können wir auch entgegengehalten, daß Macht ja nicht per se schlecht ist, sondern daß vor allem diejenige Form der Macht unerfreulich ist, mit der andere Menschen unterdrückt werden sollen. So ist Macht im Sinne des englischen "power" eng verwandt mit Kraft und Energie. Macht kann im Sinne des lateinischen "potentia" auch Möglichkeit heissen, und Macht bedeutet manchmal auch Vermögen, Können und "handelnd etwas bewirken". In der Literatur wird Macht oft differenziert unter dem Aspekt "Macht wozu", so wird z.B. unterschieden zwischen Ermächtigungsmacht, Begrenzungsmacht und Behinderungsmacht oder zwischen Definitionsmacht und Positionsmacht.

Der zweite Teil des Titels

Der Titel - Supervision zwischen "Macht" und "macht nix" - enthält aber noch eine andere Irritation, den zweiten Pol neben der Macht, das "macht nix". Was soll in diesem Zusammenhang "macht nix" heissen? Einflußlosigkeit, Vergeblichkeit oder nur ein Hinweis für die SupervisorIn "Nimm Dich nicht zu wichtig!"? Auf den zweiten Blick läßt dann vielleicht mein Unbehagen, das mit der Alternative "macht nix" verbunden ist, tatsächlich etwas nach, da mir der darin enthaltene Humor gefallen kann, der etwa sagt "Mach Dir nix draus und verzweifle nicht, wenn es nicht immer so läuft, wie Du es gern hättest!" Das hat wirklich etwas Tröstliches.

Was bedeuten nun diese Überlegungen für unser Thema?
Und welche ethische Dimension liegt in der Verwendung von Begriffen wie Macht?

Ich teile hier die Auffassung Ludwig Wittgensteins, der sagt: "Es ist klar, daß Ethik sich nicht aussprechen läßt" (Wittgenstein 1989, S.83). Ethik liegt vielmehr in den Worten und den damit verbundenen Konzepten selbst. Sie ist implizit. Konzepte wie Autopoiese, Selbstreferenz oder Pluralität erzeugen in der Kommunikation andere Wirklichkeiten mit anderen Implikationen als etwa Konzepte wie Macht, Kontrolle oder Objektivität. Sprache schafft Wirklichkeiten, und wenn wir in Machtkategorien denken, geben wir der Autonomie wenig bis keinen Raum.

Wir können in diesem Zusammenhang auch wie Peter Hejl zwischen einer Ethik erster und einer Ethik zweiter Ordnung unterscheiden. Eine Ethik zweiter Ordnung bezieht keine Stellung gegenüber konkreten Wertfragen. Sie hat vielmehr die Funktion, die Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen zu sichern.

In meinem Verständnis von Supervision handeln SupervisorIn und SupervisandIn im Sinne einer Ethik zweiter Ordnung. Einerseits konstruieren sie im Laufe des Supervisionsgeschehens jeweils ihre eigenen Wirklichkeiten. Diese Wirklichkeiten sind unter Umständen sehr unterschiedlich und haben ihre eigenen ethischen Implikationen.

Andererseits konstruieren SupervisorIn und SupervisandIn eine gemeinsame Wirklichkeit, in dem sie ihre unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen strukturell miteinander koppeln, gemeinsam fragend transparent machen und miteinander reflektieren, um neue Spielräume zu eröffnen und Bewegungsfreiheit zu ermöglichen.

Wir haben es in der Supervision also auch mit einer Vielfalt oder einer Pluralität von Wirklichkeitskonstruktionen und Ethiken zu tun. Marianne Krüll spricht in diesem Zusammenhang von einem Multiversum vieler Ethiken (Krüll1987, S.251).

Verantwortung

Im Rahmen meiner Überlegungen zu Fragen der Ethik in der Supervision wurde mir der Begriff der Verantwortung zunehmend wichtig. Was bedeutet dieser Begriff? Und wie wurde ich auf ihn im Kontext Supervision aufmerksam? Etymologisch betrachtet verweist der Begriff Verantwortung auf antworten, mehr noch, auf das andere Wort, auf Rede und Gegenrede, auf sprachliches Miteinander. In Rede und Gegenrede werden Hierarchien abgebaut: Im Sinne Martin Bubers wird mit den Mitteln des Dialogs dazu beigetragen, Macht zu verringern und Freiheit aufzubauen.

Nach Max Weber heißt Verantwortung, "die Folgen des eigenen Tuns zu erkennen und in diesem Bewußtsein zu handeln". Auch Humberto Maturana spricht zum einen vom "Wissen um die Konsequenzen des eigenen Tuns und zum anderen vom Handeln im Bewußtsein, diese zu wollen oder nicht" (Humberto Maturana 1994, S.234). Heinz von Foerster sagt dazu: "Wenn ich selbst der einzige bin, der letztlich entscheidet, wie ich handle, dann bin ich für meine Handlungen auch verantwortlich" (Heinz von Foerster 1993, S.47).

Verantwortung verstehen wir hier als ein relationales und dialogisches Geschehen. Wenn wir uns als verantwortlich verstehen und in der Folge Verantwortung übernehmen, bemühen wir uns, über unser Handeln zu reflektieren und Worte dafür zu finden. Wir stehen einem Gegenüber bzw. uns selbst Rede und Antwort, und ver-antworten uns damit vor anderen und/ oder vor uns selbst. Verantwortung beruht im Unterschied zur Macht allerdings nicht auf einem reziproken Verhältnis. Sie setzt also auf keine "erzwungene" Gegenseitigkeit. Die Verantwortungsübernahme einer Person zwingt die andere nicht dazu, ebenfalls Verantwortung zu tragen, sie lädt sie allenfalls dazu ein.

Die Autonomie der anderen bleibt also durch die eigene Verantwortlichkeit unangetastet. Andere haben die Freiheit und Wahlmöglichkeit, sich anzuschließen oder sich abzugrenzen. Im Verantwortungsbegriff hat daher die für uns KonstruktivistInnen so wesentliche Annahme der Selbstorganisation breiten Raum.

Man könnte allerdings einwenden, daß auch beim Verantwortungsbegriff und bei der Reflexion der Folgen unseres Tuns das Ursache- Wirkungsprinzip wieder zum tragen kommt, wenn wir stillschweigend davon ausgehen, daß unser Handeln Folgen hat und daß wir diese Folgen kennen müssten. Im Kontext von Verantwortung werden diese Konsequenzen allerdings nicht wie beim Machtbegriff als "Folgen instruktiver Interaktion" verstanden. Sie stehen vielmehr in Zusammenhang mit den Wahlmöglichkeiten, die unser Gegenüber sieht und mit den Entscheidungen, die unser Gegenüber trifft.

Unsere Aufgabe als SupervisorInnen ist es also m.E., uns durch Reflexion und Fragen kundig zu machen, welche Optionen für unser Gegenüber überhaupt in Betracht kommen und in der Folge zu versuchen, die Handlungsmöglichkeiten unseres Gegenübers zu erweitern. Diese erweiterten Möglichkeiten können wiederum auf ihre Konsequenzen hin geprüft werden, d.h. auf ihre erwünschten und unerwünschten Wirkungen und Nebenwirkungen. So entsteht im Durchspielen verschiedener Möglichkeiten bei SupervisorIn und SupervisandIn ein Gespür dafür, welche der potentiellen Lösungen besser und welche schlechter passen.

Hier kommt dem Perspektivenwechsel als Supervisionsmethode eine besonders wichtige Rolle zu. Die denkbaren Alternativen der Beteiligten, auf diese oder jene Art durch Handeln zu antworten und sich damit zu verantworten, werden in vielen Variationen durchdacht, so daß die getroffenen Entscheidungen auch tragfähig sind und passen.

Im supervisorischen Feld wird gern unterschieden zwischen Verantwortung für den Prozeß und Verantwortung für die Inhalte. Was bedeutet dies? Wofür ist diese Unterscheidung sinnvoll?

Wenn wir unser Gegenüber als autonom im Sinne der Selbstorganisation begreifen, sehen wir es auch als verantwortlich an für sein Tun und für die inhaltlichen Lösungen, die es entwirft. Wir als SupervisorInnen tragen durch unsere Professionalität, unser Theorie- und Praxiswissen, unsere Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und dadurch, daß wir uns mit wertschätzender Neugier zur Verfügung stellen, zu dem Rahmen bei, den eine erfolgreiche Supervision braucht. Ein Rahmen, in dem unser Gegenüber wiederum sein inhaltliches Wissen, seine Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und seine Wertschätzung der eigenen Person und Leistung gegenüber zur Geltung bringen kann. Wir als SupervisorInnen tragen somit Verantwortung für die Gestaltung dieses Rahmens und dieses Prozesses.

Wie hat sich meine Beziehung zum Thema Verantwortung in der Supervision im Laufe der Zeit verändert?

Die Unterscheidung zwischen Verantwortung für den Prozeß und Verantwortung für die Inhalte ist meines Erachtens von großem praktischen Nutzen und als Grundlage für eine ethische Haltung in der Supervision gut geeignet. Verantwortung wird mit dieser Unterscheidung von einer abstrakten Norm oder einer allgemeinen moralischen Kategorie zu einer konkreten Handlungsmaxime, dadurch daß ihr Geltungsbereich eingeschränkt wird. Eine in diesem Sinne verantwortlich handelnde SupervisorIn ergreift in der Supervision keine Partei für inhaltliche Entscheidungen der SupervisandInnen, aber sie verpflichtet sich, den Supervisionsprozess mit allem ihr zur Verfügung stehenden professionellen Wissen zu gestalten.

Die Unterscheidung zwischen Verantwortung für den Prozeß und Verantwortung für die Inhalte markiert zudem einen Unterschied gegenüber anderen Supervisionsansätzen, in denen SupervisorInnen entsprechend ihrem Schulenwissen Lösungen produzieren und anbieten und diese Lösungen auch häufig für richtig und besser halten, als die bislang von ihren SupervisandInnen vorgestellten. Interessanterweise ist eine solche Haltung des "Besserwissens" oder "Richtig-Wissens" manchmal auch bei SystemikerInnen zu finden, die dann anscheinend "wirklich" Bescheid darüber wissen, wie es systemisch "richtig" geht.

Die Unterscheidung zwischen Verantwortung für den Prozeß und Verantwortung für die Inhalte stellt zudem eine nicht zu unterschätzende Entlastung für uns SupervisorInnen dar. Was Feldwissen und Feldkompetenz betrifft, haben unsere SupervisandInnen in der Regel einiges zu bieten, und es ist beruhigend zu wissen, daß wir auf diese Ressourcen bauen können.

Um eine erfolgreiche Supervision zu machen, müssen wir, was Feldwissen angeht, nicht unbedingt besser sein als unser Gegenüber. Kurt Buchinger spricht sogar von der "Expertise des Nicht-Wissens", die uns fähig macht, mit einer Haltung der Neugier gerade die Fragen zu stellen, die unser Gegenüber sich als Feldexperte nicht mehr stellt oder sich noch nie gestellt hat - Fragen also, die einen Unterschied machen und die helfen, passende Lösungen zu entwerfen.

Wenn wir als SupervisorInnen unsere Kompetenzen des Fragens, der Neugier und der Wertschätzung im Supervisionsprozeß entfalten, sind uns die für das systemische Vorgehen zentralen Haltungen der Neutralität und Allparteichkeit von großer Hilfe. Gerade wenn es uns darum geht, nicht die Verantwortung für die inhaltlichen Ergebnisse übernehmen zu wollen und die Eigenverantwortung bei unserem Gegenüber zu unterstützen, ist es wichtig, nicht für die eine oder andere Lösung schon Partei zu ergreifen, bevor wir der SupervisandIn den Raum zur Verfügung gestellt haben, den Kontext zu klären und Vor- und Nachteile einer Lösung mit den zu erwartenden Konsequenzen zu durchdenken.

Die uns SystemikerInnen so zentralen Haltungen der Neutralität und der Allparteilichkeit scheinen mir allerdings, gerade was die Frage der Verantwortung angeht, aus meiner Perspektive als Lehrende Supervisorin und Lehrtherapeutin zunehmend ergänzungsbedürftig. Vor allem in meinen Supervisionscurricula fällt mir auf, daß auch SupervisorInnen, die sich als systemisch bezeichnen, oft unter dem Deckmantel vermeintlicher Neutralität vorgeben zu wissen, was inhaltlich "richtig" ist. Das systemische Label bewahrt also keineswegs immer davor, der Versuchung der Gewissheit zu erliegen, wovor Humberto Maturana in seinen Überlegungen zu einer systemischen Ethik warnt (Humberto Maturana 1987 b).

Diese Erfahrung fußt auf der Beobachtung, daß neue Theorie und neue Praxis sich in der Auseinandersetzung mit und im Kontrast zu traditionellem Denken und Handeln entwickeln und später ursprünglich kritisiertes Vorgehen selbst übernehmen. Zu wissen, wie es "systemisch richtig" geht und dieses Wissen dem anderen aufdrängen zu wollen, ist meines Erachtens, um es unmißverständlich zu sagen, nicht mehr "richtig systemisch" oder besser gesagt nicht mehr systemisch.

Gewissheit und Bestimmtheit auf Seiten der SupervisorIn unterdrücken wertvolle Ambivalenzen auf Seiten der SupervisandInnen und verhindern damit ein Abwägen verschiedener Möglichkeiten, statt sie zu nutzen. Ein Mangel an Neutralität kann in diesem Zusammenhang schnell bedeuten, den Respekt gegenüber dem anderen, gegenüber seiner Autonomie und Selbstorganisation zu verlieren. Es beinhaltet zudem, Linearität und Ursache-Wirkungszusammenhänge einführen und Macht implementieren zu wollen unter dem Motto: "Ich sage Dir, wie es "systemisch richtig" geht, und Du setzt es dann anschließend um!"

Eine andere Beobachtung beunruhigt mich allerdings nicht weniger stark. Manche SupervisorInnen berichten aus ihren Supervisionen davon, daß sie schwimmen, daß sie kein Bein auf den Boden bekommen und keine Ideen mehr haben, wie sie weiter vorgehen könnten. Ihr Tun droht in ihren eigenen Augen beliebig zu werden. Vor lauter zirkulären Fragen und vor lauter Bemühung, die Neutralität nicht zu verlieren, ist ihnen das Gefühl für ihre eigenen Vorstellungen, für ihre eigenen Positionen, abhanden gekommen. Sie verstehen das Neutralitätspostulat auf eine Weise, die sie zur Enthaltsamkeit gegenüber ihren eigenen Werten verführt, ohne das dadurch entstehende Vakuum durch etwas anderes füllen zu können.

Diese Erfahrung entspricht ebenfalls einem anderen oft zu beobachtenden Umstand, daß nämlich ehemals gefundene Lösungen im Zuge der Zeit ihrerseits zum Problem werden können. Neutralität und Allparteilichkeit waren vor allem zu Beginn systemischer Supervision wichtige neue Kriterien für die Gesprächsführung, die einen erheblichen Unterschied dargestellt haben zu den Deutungen, Diagnosen oder Ratschlägen in anderen Supervisionsansätzen. Sie eröffneten SupervisandInnen Spielräume und damit Bewegungsfreiheit zur Entwicklung eigener Ideen. Mit dem Verlust eigener Werte und Vorstellungen auf Seiten mancher SupervisorInnen gingen allerdings in der Folge für die SupervisandInnen die SpielgefährtInnen bzw. das wirkliche Gegenüber im Gespräch, die GesprächspartnerInnen verloren.

SupervisandInnen haben meines Erachtens zurecht und nachvollziehbarerweise manchmal das Bedürfnis, zu wissen, was ihre SupervisorInnen denken oder fühlen oder wie sie sich verhalten würden, wenn sie in einer ähnlichen Situation stünden. Dieses Bedürfnis sollte jedoch nicht damit verwechselt werden, daß SupervisandInnen gesagt bekommen wollen, was sie zu tun oder zu lassen haben, und es heißt auch nicht, daß SupervisandInnen wünschen, von ihren SupervisorInnen verändert zu werden.

Wir haben es also hier mit zwei konträren Erfahrungen zu tun. Im ersten Fall versucht die Supervisorin ihrer Aufgabe dadurch gerecht zu werden, daß sie ihre eigenen Vorstellungen und Lösungsvorschläge einbringt und sie mit der "Expertise des systemischen Wissens" auch durchsetzen will. Eine Hinterfragung oder Modifizierung dieser Lösungen durch die SupervisandInnen ist in diesem Zusammenhang in der Regel nicht vorgesehen.

Im zweiten Fall versucht die Supervisorin ihrer Aufgabe dadurch nachzukommen, daß sie sich nicht in inhaltliche Debatten einmischt, sich stattdessen auf zirkuläres Fragen beschränkt und angestrengt versucht die Neutralität nicht zu verlieren. Dadurch, daß sie aber gleichzeitig vor lauter Enthaltsamkeit den Zugang zu ihrem eigenen Erfahrungswissen verloren hat, kann sie ihre eigenen Ideen der SupervisandIn auch nicht zur Verfügung stellen.

Aus der Außenperspektive könnte man möglicherweise feststellen, daß die SupervisorIn im ersten Fall zuviel Verantwortung und im zweiten Fall zuwenig Verantwortung übernimmt. Man könnte in diesem Zusammenhang auch fragen, wieviel Neutralität möglich und wieviel Neutralität sinnvoll ist.

Was also tun in diesem Dilemma zwischen zuviel und zuwenig Verantwortung? Wie können wir Verantwortung übernehmen?

Auch SupervisorInnen haben erfahrungsgemäß manchmal den Wunsch, sich im Supervisionsgespräch nicht nur auf das Fragen zu beschränken, sondern aus ihrem Erfahrungswissen zu schöpfen, ihre inhaltlichen Ideen zu formulieren und sie ihren SupervisandInnen zur Verfügung zu stellen. Und dieses Bedürfnis angesichts eines vermeintlichen Neutralitätspostulats gänzlich zu unterdrücken, wäre zudem eine bedauerliche Vergeudung von Ressourcen. Ich gehe an dieser Stelle einmal davon aus, daß auch Sie zumindest ab und an Ihr inhaltliches Wissen gern in Ihre Supervisionen einbringen, sich dann aber möglicherweise fragen, wie sie dies tun können, ohne Ihre SupervisandInnen zu sehr in eine Richtung zu drängen.

Ich weiß nicht, wie Sie diese Frage für sich beantwortet haben? Meines Erachtens liegt eine Lösungsmöglichkeit darin, neben den Haltungen der Neutralität und Allparteilichkeit "die Kunst des sich Positionierens" zur Entfaltung zu bringen, d.h. das eigene Erfahrungswissen so zu nutzen, daß wir eigene Positionen zu den im Raum stehenden Fragen entwickeln und sie transparent und kommunizierbar machen. Dadurch daß wir eigene Standpunkte einnehmen und eigene Positionen zur Verfügung stellen, laden wir unser Gegenüber wiederum ein, selbst Standpunkte zu finden und sich selbst besser zu verorten. Im gegenseitigen Betrachten dieser Positionen wechseln SupervisorIn und Supervisandinnen und Supervisanden die Perspektiven und geraten in Bewegung. Der Vergleich der unterschiedlichen Perspektiven und der Perspektivenwechsel ermöglichen es, daß die SupervisandInnen in der Folge ihre eigenen Standpunkte und Perspektiven weiterzuentwickeln.

Damit die "Kunst des sich Positionierens" gelingt, sind einige Gesichtspunkte zu berücksichtigen:

Und da sind wir wieder beim Thema Verantwortung: Ich erinnere nochmals an den Satz von Heinz von Foerster: "Wenn ich selbst der einzige bin, der letztlich entscheidet, wie ich handle, dann bin ich für meine Handlungen auch verantwortlich" (Heinz von Foerster 1993, S.47). Daraus folgt, daß die Aufforderung "Du sollst...!" sich verschiebt zu der Aussage "Ich soll...!" So ist auch der häufig zitierte ethische Imperativ Heinz von Foerster`s: "Handle stets so, daß die Anzahl der Möglichkeiten wächst" in erster Linie rekursiv zu verstehen, d.h. als Aufforderung an sich selbst.

Wenn wir Verantwortung als relationales und dialogisches Geschehen begreifen und Verantwortung im Kontext von Frage und Antwort verstehen, dann plädiere ich hier dafür, die Befehlsform hinter uns zu lassen und uns stattdessen der Frageform zuzuwenden, d.h. den ethischen Imperativ weiterzuentwickeln in den ethischen Rogativ. Praktisch könnte das so aussehen, daß wir uns in unserem supervisorischen Tun immer wieder selbst zum Dialog einladen, das eigene Handeln immer wieder reflektieren und uns wohlwollend kritisch fragen: "Wie könnte ich jetzt handeln, was könnte ich jetzt fragen, daß die Anzahl der Möglichkeiten wachsen kann?". Dann erhalten wir die Spielräume und die Bewegungsfreiheit, die wir dafür brauchen, unser gestalterisches Potential zu entfalten und aus den vielen Möglichkeiten die auszuwählen, die am besten zu der jeweiligen Fragestellung passen.


Literatur:

Bateson, Gregory (1987): Geist und Natur. Frankfurt. Suhrkamp.

Buber, Martin (1992): Das dialogische Prinzip, 6., durchges. Aufl., Gerlingen.

Foerster, Heinz (1985): Sicht und Einsicht. Braunschweig. Vieweg.

Foerster, Heinz (1993): KybernEthik. Berlin. Merve.

Hejl, Peter M. (1995): Ethik, Konstruktivismus und gesellschaftliche Selbstregelung. In: Rusch, Gebhard/ Schmidt, Siegfried, J. (Hrsg).

Krüll, Marianne (1986): Ist die "Macht" der Männer im Patriarchat nur eine Metapher? Gedanken einer ketzerischen Feministin und provokativen Konstruktivistin. In: Zeitschrift für systemische Therapie, Jg.4, S.226-231.

Krüll, Marianne (1991): Psychotherapie und Ethik - in systemisch-konstruktivistischer Sichtweise. In Benseler, F. et al. (Hrsg): Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur. Heft 3. S.431-439. Opladen. Westdeutscher Verlag.

Maturana, Humberto R. (1987a): Der Baum der Erkenntnis. Bern. Scherz.

Maturana, Humberto R. (1987b): Kognition. In Schmidt, Siegfried J. (Hrsg): Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus. Frankfurt. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

Maturana, Humberto R. (1994): Was ist Erkennen? München. Piper.

Rusch, Gebhard/ Schmidt, Siegfried, J. (Hrsg) (1995): Konstruktivismus und Ethik. Frankfurt. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft.

Wittgenstein, von Ludwig (1989): Schriften 1. Tractatus logico- philosophicus. Tagebücher 1914 - 1916. Philosophische Untersuchungen. Frankfurt. Suhrkamp.


Die Autorin

Andrea Ebbecke-Nohlen

  • Jahrgang 1950
  • Dipl.- Psych.
  • Psychologische Psychotherapeutin
  • Supervisorin (BDP) (IGST) (SG)
  • Lehrtherapeutin und Lehrende Supervisorin (IGST) (SG)
  • langjährige Tätigkeit als Psychotherapeutin für systemische Einzel-, Paar- und Familientherapie, als Supervisorin im ambulanten und stationären Kontext, als Lehrtherapeutin in der psychotherapeutischen und beraterischen Weiterbildung und als Lehrende Supervisorin
  • Autorin und Herausgeberin wissenschaftlicher Publikationen.
  • Arbeitsschwerpunkte in Therapie und Lehre: Diagnosenspezifische Psychotherapie, Psychosen, Essstörungen, Depressionen, Zwänge, Sucht, Sexualität, sexueller Mißbrauch, Einzel- Paar- und Familientherapie, Supervision und Coaching, Erforschung von Gender- Fragen in Theorie und Praxis, Entwicklung analoger systemischer Methoden.
  • eMail: info@ebbecke-nohlen.com
  • Web: http://www.ebbecke-nohlen.com

Veröffentlichungsdatum: 1. Januar 2004


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