Bert Hellinger - Familienaufstellungen

zusammengestellt von Jörg Eickhoff (Juli 2002)

Der ehemalige Steyler-Missionar Bert Hellinger hat in den letzten Jahren mit dem ungewöhnlichen Weg einer lösungsorientierten "Ultra-Kurztherapie"[1] große Bekanntheit erlangt. Im Zentrum steht hierbei vor allem die sogenannte Familienaufstellung, eine spezielle Form der aus der systemischen Therapie stammenden Skulpturarbeit[2].

Hellingers Konzept baut auf wenigen Basisannahmen auf. In einem Familiensystem (Sozialsystem, Organisation) wirken spezifische Ordnungsprinzipien, die Hellinger als Ursprungsordnung und als Ordnungen der Liebe bezeichnet. Hellinger spricht in diesem Zusammenhang von unhinterfragbaren Letztheiten. Es ist meines Erachtens überhaupt nicht zwingend notwendig, sich Hellingers kategorischen Deutungen anzuschließen, die ihn und die Methode in der Öffentlichkeit zunehmend in Misskredit bringen, sondern es genügt durchaus, die Prinzipien in ihren kulturabhängigen Beziehungsstrukturen zu begreifen. Diese sind hilfreich, um Hypothesen und Fragen zu formulieren (und um sinnvolle Interventionen anzubieten), da sie bestimmte Wirkungen auf die Familien- (Gruppen-) Mitglieder ausüben.

1. Teil: Die Grundstrukturen in Hellingers Theoriekonzept

Hellinger selbst unterscheidet drei Bedingungen für menschliche Beziehungen, auf die das Gewissen als systemisches Sinnesorgan mit Schuld und Unschuld reagiert. Diese drei Bedingungen sind Bindung, Ursprungsordnung und Ausgleich von Geben und Nehmen; sie korrelieren miteinander, d.h. sie bedingen sich wechselseitig und lassen so Schuld und Unschuld unterschiedlich erleben. "Man muss wissen, dass wir Schuld und Unschuld in der Regel nur in Beziehung erfahren. Schuld ist also auf den anderen bezogen. Schuldig fühle ich mich, wenn ich etwas tue, was der Beziehung zu anderen schadet, und unschuldig, wenn ich etwas tue, was der Beziehung zu anderen nützt. Das Gewissen bindet uns an die für das Überleben wichtige Gruppe, was immer die Bedingungen sind, die sie uns setzt. Es steht nicht über dieser Gruppe und nicht über ihrem Glauben oder Aberglauben. Es steht in ihren Diensten."[3]

1.1. Die Bindung

Ein Kind fügt sich fraglos in die Ursprungsgruppe und wird von ihr geprägt. Diese Bindung erlebt das Kind als Liebe und als Glück, wie immer die Bedingungen dieser Bindung sind. Das Kind weiß, dass es dazugehört, dieses Wissen und diese Bindung ist Liebe. Weber spricht hier von Urliebe und primärer Liebe.[4] Das Kind opfert um dieser Bindung willen unter Umständen sogar sein eigenes Glück.

1.2. Die Ursprungsordnung

Alle länger dauernde Beziehungen entwickeln Normen und Riten, Regeln und Tabus, die verbindlich für alle Mitglieder des Systems gelten. Aus der Beziehung entwickelt sich dergestalt ein komplexes System mit Ordnung und Struktur.[5] Man kann zwischen einer vordergründigen und vereinbarten bzw. einer hintergründigen und unvereinbarten Ordnung differenzieren.

In sozialen Systemen besteht eine Ordnung, die auf die Systemmitglieder eine bestimmte Wirkung ausübt. Diese Ursprungsordnung hängt vom Zeitpunkt des Eintretens in das System ab. D.h. Systemmitglieder, die früher in das System eingetreten sind (z.B. Eltern), haben einen höheren Rang, als später dazugekommene Mitglieder (z.B. Kinder). Wird diese vorgegebene Ursprungsordnung akzeptiert, gelingen die Beziehungen, andernfalls ergeben sich Störungen. Diese Störungen belegen symptomatisch, dass sich ein Systemmitglied in einer ihm nicht gemäßen Position befindet und gegen die Gesetzmäßigkeiten im System verstößt. Hellinger spricht hier auch von verdeckter Anmaßung als Zeichen systemischer Verstrickung (Die systemische Verstrickung ist ein Grundprinzip der Störung). Aus dieser Anmaßung[6] folgt häufig die Dynamik unbewusster Bestrafung, die eine Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichts intendiert. Im therapeutischen Kontext wird durch ein Ritual respektvolles und demütiges Verhalten geübt und die gestörte Ursprungsordnung wieder in Kraft gesetzt, so dass die Tendenz zu unbewussten Bestrafungen unterbrochen werden kann.

Hellinger betont weiter die unabdingbare Notwendigkeit und Bestrebung eines jeden Menschen zu einem System zuzugehören. Ein Nicht-Würdigen, ein Ausblenden oder Ausschließen gewisser Personen aus dem System führt hingegen zur Dynamik der Identifikation: "Wenn eine Figur im System ausgeklammert wurde, kommt es oft dazu, dass ein Späterer im System sich unbewusst mit dem nicht Gewürdigten identifiziert und ihn oder sie nachahmt, oft verschlüsselt in (schwerer) Symptomatik."[7] Dieser Lösungsversuch geschieht jedoch an der falschen Stelle. Die Identifikation führt zur Störung der Ursprungsordnung und bedeutet eine Anmaßung. Die Anmaßung besteht darin, für einen anderen etwas lösen zu wollen und darum dessen Platz einzunehmen. Statt der Identifikation muss der Ausgeschlossene würdigend angeschaut werden und einen Platz im Herzen erhalten. D.h. die Liebe und die Bindung z.B. des Kindes zum System (Schicksalsbindung) muss in die heilende Kraft der Ursprungsordnung zurück gelangen.[8]

1.3. Der Ausgleich von Geben und Nehmen

Beständiger Ausgleich von antagonistischen Tendenzen ist Merkmal lebender Systeme. In sozialen Systemen findet dieses Gesetz im Wechselspiel des Ausgleichs von Geben und Nehmen seinen Niederschlag. Das Bedürfnis nach diesem Ausgleich ermöglicht in menschlichen Systemen Austausch als herstellende und erlebende Regulation von Gerechtigkeit. Durch Herstellung eines Ausgleichs kann eine Beziehung an ein Ende kommen. Von einem anderen etwas zu nehmen setzt uns selbst unter einen gewisse Druck, wir verlieren diesem gegenüber unsere Unabhängigkeit um diese wiederzuerlangen und den Druck abzubauen, muss etwas zurückgegeben werden. Oft jedoch zuviel, so dass ein analoges Verfahren in umgekehrter Richtung in Gang kommt.

Das Glück einer Beziehung richtet sich nach dem Umsatz von Nehmen und Geben. Je höher der Gesamtumsatz von Geben und Nehmen, desto höher das Glück der Beziehung. Dieser hohe Umsatz ist mit der Freude der Fülle verbunden. Er ist assoziiert mit Gefühlen von Leichtigkeit, Gerechtigkeit und Frieden.[9] Durch die Erhöhung des Umsatzes erhöht sich ebenfalls die gegenseitige Bindung. Wer Freiheit, d.h. seine Unabhängigkeit, sucht, muss dem Umsatz von Geben und Nehmen möglichst niedrig halten.

Im Helferideal unterbleibt der Austausch von Geben und Nehmen. Nach der Vorstellung, der andere soll sich lieber verpflichtet fühlen, hält der Gebende lieber den Anspruch aufrecht, als sich vom anderen etwas geben zu lassen. Diese Haltung ist jedoch an sich beziehungsfeindlich, denn mit dem, der ständig gibt, ohne zu nehmen, will ich über längere Zeit nichts mehr zu tun haben, weil die Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten ist. Der Gebende hält an seiner Überlegenheit fest und verweigert dem Nehmenden die Ebenbürtigkeit. Für Beziehungen ergibt sich daraus ein Maß: Nicht mehr zu Geben, als man selbst zu nehmen bereit ist, und nicht mehr, als der andere zu geben fähig ist.

Umgekehrt funktioniert die Haltung bzw. die Weigerung, nicht nehmen zu wollen, d.h. seine Unschuld zu bewahren, ebenfalls zu Schwierigkeiten. Sich zu nichts zu verpflichten führt zu Leben auf Sparflamme, zu Leere und Unzufriedenheit.

Als Makel innerhalb des Gleichgewichts kann man bei einer Eheschließung ansehen, wenn einer der Partner z.B. ein uneheliches Kind mitbringt. Ohne einen ausgleichenden Makel des anderen Ehepartners ergibt sich ein Ungleichgewicht.

Ausgleich von Geben und Nehmen kann nur unter prinzipiell Ebenbürtigen vonstatten gehen. Kinder hingegen können ihren Eltern nichts Gleichwertiges zurückgeben. Der Wunsch der Kinder nach Ausgleich bleibt unaufhebbar, das Gefälle von Geben und Nehmen wird durch das, was Kinder den Eltern bzw. Schüler den Lehrern zurückgeben allenfalls abgemildert. Die Schuld der Kinder bleibt jedoch bestehen, daher kommen Kinder auch nicht von ihren Eltern los. "so wird die Bindung der Kinder an die Eltern durch das Bedürfnis nach Ausgleich, gerade weil es unerfüllbar bleibt, zusätzlich gefestigt und gestärkt."[10] Das herausdrängen der Kinder aus dieser Verpflichtung fördert bei der Trennung von den Eltern den Prozess der Ablösung. Der Ausweg aus dem Dilemma des nicht vollziehbaren Ausgleichs besteht in der Weitergabe des Bekommenen an die eigenen Kinder, an die nächste Generation, in einem Engagement für andere. Wer so verfährt kommt in die Lage, viel von den Eltern nehmen zu können. Auch in anderen Beziehungen gilt das für die Kinder-Eltern Beziehung Dargestellte. Bei nicht, bzw. nicht angemessenem Ausgleich durch Austausch oder Zurückgeben können wir uns von Verpflichtung und Schuld dadurch entlasten, wenn wir von dem Empfangenen weitergeben.

Daneben tritt der Dank als weitere Möglichkeit des Ausgleichs von Geben und Nehmen. Dank, als freudige Annahme des Gegebenen, ist eine hohe Würdigung des Anderen. Es ist nicht ein sich Drücken vor eigenem Geben sondern oft die letzte, die einzige Möglichkeit und dem Nehmen angemessene Antwort. In diesem Verhalten wird neben dem Ausgleich die elementare Liebe als Bedürfnis der Mitglieder des sozialen Systems transparent. Die Lebe begleitet das Nehmen als Ausdruck. Sie verdeutlicht: Ich nehme es von dir als Geschenk und weiß, ich kann es nicht zurückgeben, im Annehmen des Dankes wird deutlich, deine liebe und die Anerkennung meines Geschenks sind mir mehr wert als ein Ausgleich für das Gegebene.

Schuld nimmt dann schicksalhafte Ausmaße an, wenn jemand so großen Schaden genommen hat, dass Ausgleich nicht mehr im Sinn von Ersatz möglich ist. Sühne kann keinen wahren Ausgleich schaffen, es bleibt nur die Anerkennung, der Ohmacht und die Unterwerfung.

Geben und Nehmen sind in Beziehungen gegenseitig förderlich und verbinden im Guten. Umgekehrt funktioniert der Ausgleich aber ebenso im Negativen. Hier trachtet der Austausch danach zu Schaden und Leid anzutun, oft im Sinne von Eskalation, Die Antwort ist etwas härter, etwas größer als das selbst Erlittene. Frieden und Versöhnung wird aber erst möglich, wenn der Ausgleich etwas weniger groß ist, wenn die Vergeltung kleiner ausfällt als das erlittene Unrecht. Dann wird nicht nur der Gerechtigkeit Genüge getan, sondern auch der Liebe. Nach der Tat bleibt auch das Opfer selten wehrlos. Das Recht, Sühne einzufordern und der Schuld ein Ende zu setzen ermöglicht einen neuen Anfang der Beziehung. Wo Unschuldige auf dieses Recht jedoch verzichten und es stellvertretend ausgeübt wird, gibt es bald mehr Opfer und Böses als vorher.

Schnelles Verzeihen als Ersatz für eine fälliger Auseinandersetzung, deckt den Konflikt zu und verschiebt ihn, statt ihn zu lösen. Wer mit dem Anspruch moralischer Überlegenheit dem Schuldigen verzeiht und diesem die Schuld erlässt, dann wird der Sünder gehen, da zwischen beiden keine Ebenbürtigkeit mehr hergestellt werden kann. Wirkliche Versöhnung erfolgt hingegen nur über den Anspruch auf Wiedergutmachung. Dazu besteht um des Erhalts der Beziehung willen eine Verpflichtung. Von Seiten des Schuldigen besteht ebenfalls nicht nur die Pflicht, die Folgen seiner Tat zu tragen, sondern auch das Recht darauf.

Die Struktur des Ausgleichs, die für das Gelingen von Beziehungen verantwortlich ist, wird oft unzulässig über den Kontext der Beziehung hinaus angewandt und übertragen. Die Weigerung, das eigene Glück anzunehmen, weil das Schicksal eines Familienmitglieds im Weg steht, Symptome auf Kosten eines anderen zu leben etc. sind dafür typisch. Sie führen zu einer krankmachenden Dynamik die gleichwohl kausal wie eine innere Entlastung wirkt. Auf diese Art von Ausgleich kann verzichtet werden, wenn es gelingt, auf einer Meta-Ebene der Druck nach Ausgleich abgebaut werden kann. Die Position, einen Ausgleich herstellen zu wollen ist anmaßend, demütig das eigene Leben und Glück als Geschenk anzunehmen, ohne dafür zu bezahlen ist die Lösung. "Es entsteht also Verwirrung, wenn etwas Gültiges über den Kreis hinaus angewandt wird, in dem es sinnvoll ist."[11] Dieser Dank für das Geschenk ist eine innere Haltung, es geht nicht auf irgendetwas oder zu irgendjemand hin.

Sühne ist der Versuch eines Ausgleichs, der blind und triebhaft, ohne Steuerung geschieht. Das Kind, bei dessen Geburt seine Mutter gestorben ist, weiß um seine Unschuld, niemand wird von ihm Rechenschaft fordern, dennoch lastet der Druck von Schuld auf ihm und führt häufig in destruktive Dynamik. Sie endet oft mit dem stellvertretenden Tod eines anderen Familienmitglieds, dass mit Selbstmord diese Schuld ausgleichen will. Die Form des Ausgleichs ist folgende: Einer geht, zum Ausgleich muss ein anderer gehen. Dadurch wird das erste Schicksalhafte Ereignis quasi ausgeklammert (Tod im System). Versöhnung und Frieden erfolgt hingegen über die Achtung des Opfers. Ihm zum Andenken wird das Leben als Geschenk angenommen und zum Motor und zur Kraft für eigene Taten.

Gegen eigenes schicksalhaftes Schlimmes zu hadern und gegen nicht Veränderbares aufzubegehren bindet Kraft indem ich nach dem Schuldigen suche. Das Schicksal funktioniert jedoch nicht nach dem Schema des Ausgleichs und ignoriert unser Denken in Ansprüchen. Ein Sich-Fügen und sich Unterwerfen in diese übermächtigen Zusammenhänge löst die Bindung. Es ist das Verhalten der Demut. "Sie erlaubt es mir, ein Leben und mein Glück so zu nehmen, wie es mir zufällt und solange es dauert, unabhängig von dem Preis, den andere dafür bezahlt haben."[12] Der Ausgleich besteht dann darin, dass die Demut zur Kraftquelle wird die mit den Opfern ebenbürtig macht und ihr Geben, dass ich "auf ihre Kosten" bekommen habe, nicht entwerte, sondern es trotz des hohen Preises annehme und an andere weitergebe.

Bei Trennungen wird häufig zum Ausgleich ein Kind als Ablöse gegeben. Wenn das Kind dieser Dynamik zustimmt, indem es das für die anderen gerne tut, kann es das machen und wird frei von einem eventuellen Vorwurf.

Die systemimmanenten Lösungsdynamiken funktionieren nach dem Ausgleichsprinzip und der Vorstellung von Gleichgewicht bei Schuld und Unschuld. Geben ist dabei häufig mit Unschuld, Nehmen mit Schuld konnotiert. Dies führt dazu, dass Menschen manchmal versuchen der Dynamik des Ausgleichs auszuweichen und unschuldig, nicht nehmend, durchs Leben zu gehen (Helferideal). Jedoch vermeiden sie bei diesem Ausweichen am sozialen Ausgleich teilzuhaben. Andererseits kann die Erfahrung des Nehmens (insbesondere die, die das Ordnungsprinzip achtet, z.B. Geben der Eltern und Nehmen durch die Kinder) eine Zufuhr von Kraft und Energie bewirken. Umgekehrt ist das Gefühl des Nehmens mit dem Gefühl des Dankens als Möglichkeit des Ausgleichs eng verbunden (Dank ist oft sogar die einzige Möglichkeit zum Ausgleich).

1.4. Weitere Kerngedanken in Hellingers Theoriekonzept

1.4.1. Die unterbrochene Hinbewegung

Wird die Erfahrung von Dankbarkeit als Möglichkeit des Ausgleichs durch Trennung oder Trauma in der Entwicklung an früher Stelle blockiert, spricht Hellinger von unterbrochener Hinbewegung. Neben der systemischen Verstrickung handelt es sich hier um das zweite Grundprinzip der Störung. Nicht danken zu können unterbricht die Hinbewegung zu den Eltern (insbesondere zur Mutter) und verhindert die vollständige Ausbildung der Fähigkeit des Kindes zu nehmen. In der therapeutischen Arbeit wird diese unterbrochene Hinbewegung (symbolisch) an ihr Ziel gebracht und dergestalt die Erfahrung der Liebe und das Gefühl des Danks vollendet.

1.4.2. Die Suche nach der Kraft

Hellinger sucht nach der Möglichkeit, Menschen aus der Position des Opfers und der Ohnmacht herauszuführen. Sein Konzept der Aufforderung, sich im Sinne der Ursprungsordnung gegenüber den Eltern demütig zu verhalten, geht in die gleiche Richtung: es verfolgt das Ziel der Ermöglichung einer eigenständigen autonomen Position: "Nur was wir lieben, gibt uns frei."[13] Denn was man ablehnt muss man dauernd im Blick behalten und kann es so nicht loslassen. Um in eine autonome Position zu gelangen und aus der Opferrolle auszusteigen, gilt es kraftvolle Beschreibungen und Lösungsbilder zu suchen und schwächende Konstellationen (Identifikationen, Nachfolgen etc.) zu unterbrechen. Hellinger arbeitet hier betont lösungsorientiert: "Viele Probleme entstehen durch ihre Beschreibung, und sie werden durch die wiederholte Beschreibung aufrechterhalten.. Eine Beschreibung, die zur Abwertung führt, ist schon deswegen falsch. Die richtige Deutung, die hilft, ist immer ehrenwert."[14]

1.4.3. Das Wahrheitsverständnis

Anders als Im Konstruktivismus geht Hellinger nicht von der subjektiven Konstruierbarkeit von Wahrheit aus: "Wer konstruiert, ist immer daneben."[15] Andererseits vertritt Hellinger aber keineswegs die Alternative eines objektivistischen Verständnisses von Wahrheit sondern eher einen phänomenologischen Standpunkt, wonach Wahrheit quasi aus einer inneren Schau heraus entsteht und nur für den konkreten Augenblick selbst und für die daran konkret Beteiligten wahrnehmbar ist und dergestalt auch Gültigkeit besitzt: "Die Wahrheit, das Richtige, erscheint blitzartig, und zwar ganz kurz. Wenn ich irgendeinen Zweifel daran äußere [...] verschwindet die Wahrnehmung. [...] Für mich ist die Wahrheit immer etwas Augenblickliches. [...] Die Wahrheit ist nichts Festes."[16]

Von Schlippe und Schweitzer stellen Hellingers Nähe zur systemischen Erkenntnistheorie heraus: "Die Beobachterabhängigkeit der Wahrnehmung, die Erkenntnis, dass alles, was gesagt wird, von einem Beobachter gesagt wird, dass unabhängig von diesem ‚Wahrheit’ und ‚Objektivität’ nicht denkbar sind, all diese Überlegungen gehören in das Repertoire systemischer Erkenntnistheorie."[17] Hellinger selbst grenzt sich jedoch insofern davon ab, al er davon ausgeht, dass im Moment der Erkenntnis diese auch wahr sei, auch wenn diese Wahrheit nicht festzuhalten ist und sofort danach wieder verloren gehen kann. Insofern mutet Hellinger in seiner Arbeitsweise seinen Klienten oft drastische und konfrontierende Aussagen zu,[18] die er - so der systemische Vorwurf an ihn – absolut setzt.

1.4.4. Immer wiederkehrende Grundgedanken in Hellingers Aufstellungsprozessen

- Jeder hat gleiches Recht auf Zugehörigkeit
- Innerhalb der Familie hat das ältere Kind Vorrang vor dem jüngeren, Eltern haben Vorrang vor Kindern
- Zwischen Herkunfts- und Gegenwartsfamilie hat das spätere System Vorrang
- Wer höheren Einsatz leistet, hat Vorrang vor demjenigen, der sich weniger einsetzt

2. Teil: Zur Praxis der Aufstellungsarbeit

2.1. Der Prozess des Aufstellens

Die Gruppenmitglieder sitzen im Kreis und der Therapeut fragt denjenigen, der aufstellen will nach seinem Anliegen. Es fällt die Entscheidung, ob die Herkunftsfamilie oder die Gegenwartsfamilie aufzustellen ist. Aus dem Kreis der Teilnehmer wählt der Aufstellende stellvertretende Repräsentanten für Familienmitglieder.

Das Aufstellen soll gesammelt vor sich gehen, das Bild soll nicht vom Klienten intellektuell erdacht, sondern intuitiv empfunden werden. Durch tranceinduzierende Unterstützungen[19] kann der intellektuelle Gedankenfluss unterbrochen und das Einlassen auf die Intuition gefördert werden. Der eigentliche Prozess beginnt mit der Vergabe der "Rolle". D.h. mit der Auswahl einer Repräsentantin. "Über die Sprache oder eine entsprechende Handlung wird hier eine Form der Wahrnehmung von Fremdpsychischem eingeleitet. Die repräsentierende Person wird zum Teil eines für sie fremden Systems."[20] Dabei kommt es zu Resonanzen zwischen den übernommenen und den eigenen Empfindungen.

2.2. Die Grundtypen der Aufstellungsarbeit

Sowohl zirkuläre Fragen als auch einfache Gesten oder die gestalttherapeutische Methode des leeren Stuhls als Repräsentationsmedium tragen rudimentäre Grundcharakteristika der Aufstellungsarbeit. Ein Element wird hierbei deutlich, nämlich dass es durchaus möglich ist, Aufstellungsarbeit auch in der Einzelarbeit zu praktizieren. Bodenanker (Schuhe, Kissen, ein Stück Papier mit Name und Richtungsangabe) lassen sich als symbolische Repräsentanten benutzen. Nach dem aufstellen nimmt der Klient nacheinander alle Positionen des Systems ein und berichtet über seine Empfindungen an der jeweiligen Stelle.[21] Der Vorteil der Methode besteht darin, dass der Klient alle Positionen des Systems einnimmt und aus der Innenperspektive erfährt, der Nachteil besteht darin, dass infolge der assoziierten Betrachtungsweise die Wahrnehmung der Dynamik des Umstellungsprozess selbst nicht andauernd von einer dissoziierten Zuschauerperspektive her möglich ist. In einer weiteren Reduktion, bzw. Abstraktion lässt sich die Methode auch mittels Symbolen, z.B. Figuren, die auf dem Tisch aufgestellt werden, anwenden. Diese Form eignet sich insbesondere für nichttherapeutische Kontexte, z.B. Organisationsaufstellungen.[22]

2.3. Die Grundkategorien der Interventionsformen

Stellungsarbeit als Interventionen, die durch eine Veränderung der Anordnung der Repräsentanten für diese eine Verbesserung der Befindlichkeit bewirken soll. D.h. Umstellen und Positionswechsel, Abstandsveränderungen, Herstellung von Blickkontakt, Veränderung des Stellungswinkels, Zustellen von Ausgeschlossenen.

Prozessarbeit aufgrund zeitlicher Prozesse, die die Systemaufstellung nicht direkt tangieren. D.h. Rituale, Blickkontakt, Klärung von Beziehungen. Hier wird mit Informationen bzw. Energien gearbeitet, die Rückwirkungen auf das System haben. Durch die Rückmeldung von Repräsentanten an Klienten bekommen letztere ein Feedback. D.h. ihr Was-Wissen wird zu einem Wie-Wissen.

Tests dienen dazu Hypothesen zu kontrollieren. Vermutete Dynamiken, Verstrickungen und Zusammenhänge werden verifiziert bzw. falsifiziert.

2.4. Was wir aus Aufstellungen lernen können

Wir sind als Menschen nicht so voneinander getrennt, wie wir meist annehmen. Fremde Personen sind mit wenigen Basisinformationen in der Lage, ihre repräsentierte Rolle in einem für sie fremden System detailliert wahrzunehmen und zu beschreiben. Es stellt sich die Frage, was es ermöglicht diesen unter "normalen Umständen" unterbrochenen Kontakt (Rapport) (wieder-)herzustellen und zu erhalten, bzw. ihn durch innere und äußere Einflüsse nicht zu unterbrechen. Es kommt zu einer Umkehr der Fragerichtung: Wenn davon ausgegangen wird, dass Menschen in erster Linie miteinander verbunden sind, so stellt sich die Frage, was diese Verbindung trennt und wie es kommt, dass der Kontakt abbricht. Die umgekehrte Richtung, also die Frage, wie wir Informationen voneinander bekommen, die uns bei zunächst bestehender Trennung in Kontakt zueinander treten lässt, und die Frage, wie diese Informationen übertragen werden, tritt dabei in den Hintergrund.[23]

Ein Weiteres wird in den Aufstellungen transparent. Wenn die Repräsentanten ähnliche Emotionen und ansatzweise vergleichbare körperliche Symptome entwickeln, dann scheinen diese Reaktionen nicht zu uns als Person, sondern zur Konstellation des Systems selbst zu gehören. Da diese Empfindungen nach dem "Entrollen" wieder verschwinden, sind sie zudem nicht als stabile Eigenschaften aufzufassen. Im Aufstellungsprozess ist es paradigmatisch möglich, zu lernen, Emotionen loszulassen und nicht sich selbst über diese zu definieren und dergestalt jede Veränderung an der Person zu erschweren.


3. Literaturauswahl

Baxa, Guni Leila; Essen, Christine; Krezmeier, Astrid Habiba (Hrsg.): Verkörperungen. Systemische Aufstellung, Körperarbeit und Ritual. Heidelberg 2002.

Hellinger, Bert: Ordnungen der Liebe. Ein Kurs-Buch von Bert Hellinger. Heidelberg 2001.

Schlippe, Arist von; Schweitzer, Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung. Göttingen 2000.

Sparrer, Insa: Wunder, Lösung und System. Lösungsfokussierte Systemische Strukturaufstellungen für Therapie und Organisationsberatung. Heidelberg 2001.

Weber, Gunthard (Hrsg.): Zweierlei Glück. Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers. Heidelberg 2001.


Anmerkungen:

[1] Schlippe; Schweitzer, Lehrbuch, 42.

[2] Systemische Skulpturarbeit setzt die Beziehungen der Familie in Haltung und Position in einer symbolischen Repräsentation um. Sie umgeht so Rationalisierungen und führt schnell zu wesentlichen Themen der Familie. Nur äußere Daten sind wichtig, keine Personenbeschreibung. Vgl. Schlippe; Schweitzer, Lehrbuch, 164-168. Differenzierte Skulpturarbeit bezieht Mimik und Gestik ein, während Hellinger auf eine vertiefende Dramatisierung bewusst verzichtet.

[3] Hellinger, Ordnungen der Liebe, 40.

[4] Weber, Zweierlei Glück, 21.

[5] Vgl. Weber, Zweierlei Glück, 39.

[6] Von Schlippe und Schweitzer benennen zentrale Motive der Anmaßung. Demnach entstehen Anmaßungen, wenn eine Per-son im System die Idee entwickelt: 1.das Recht zu haben, die elterliche Beziehung in Ordnung zu bringen, 2. einen Elternteil verachten zu müssen oder zu dürfen aus Treue zu dem anderen, 3. das Recht zu haben, von Eltern Genugtuung zu verlangen, Rache üben zu dürfen, zu entwerten, auszuschließen, ein älteres Geschwister überholen zu dürfen, überlegen zu sein. Schlippe; Schweitzer, Lehrbuch, 44.

[7] Ebd. 45.

[8] Ähnliches gilt nach Hellinger auch für die Dynamik der Nachfolge, d.h. z.B. durch Selbstmord einem Systemmitglied zu fol-gen, das auf eine für das System dramatische Weise starb. Das eigene Leben kann in diesem Fall nicht genommen werden, weil es als schuldhaft belastet erlebt wird.

[9] Vgl. Weber, Zweierlei Glück, 23.

[10] Ebd. 25.

[11] Ebd. 33.

[12] Ebd. 36.

[13] Hellinger, Ordnungen der Liebe, 51.

[14] Ebd. 31.

[15] Zitat nach Schlippe; Schweitzer, Lehrbuch, 47.

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

[19] Insa Sparrer benutzt z.B. die Variation der Worte: „Konzentrieren Sie sich auf Ihren Atem. Spüren Sie, wie Ihre Fußsohlen den boden berühren – und achten Sie darauf, wie Ihre Hände den Rücken der Repräsentantin berühren – und spüren Sie nach, wo Ihre Hände Sie hinführen. Folgen Sie der Bewegung, die entsteht. Vgl. Sparrer, Wunder, 105.

[20] Ebd. 105.

[21] Ebd. 109, betont die Bedeutung des Entrollens beim Positionswechsel, um aus „jedem assoziierten Erleben eines System-mitglieds wieder in eine dissoziierte Metaposition zum repräsentierten System“ zu gelangen.

[22] Sparrer, bringt 8 Typen der Aufstellungsform anhand ihrer Abstraktionsgrades in die Reihenfolge: Aufstellung mit Personen, Aufstellung mit Bodenankern, Aufstellungen mit Symbolen auf dem Tisch, Aufstellung mit Kärtchen auf dem Tisch, auf Papier aufgezeichnete Aufstellung mit Verwendung eines kataleptischen Fingers, Aufstellung ohne spezifische Einrollung (Verwendung von Stühlen für Gesprächspartner), Aufstellung in der Vorstellung, gedankliche Aufstellung (ausgelöst durch zirkuläres Fragen). Ihr Resümee: Die ersten fünf Formen unterscheiden sich nicht hinsichtlich der Intensität. Nur in der Aufstellung von Personen, quasi der Luxusausführung der Aufstellungsarbeit, behält der Klient während des Umstellens seine dissoziierte Position, während er in der 2. bis 8. Form zwischenzeitlich assoziierte Positionen einnehmen muss (kann), um Einsichten in die Befindlichkeiten der unterschiedlichen Systemteile zu erlagen. Vgl. Sparrer, Wunder, 111f.

[23] Vgl. Ebd. 106.


Der Autor

Dr. Jörg Eickhoff


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2002


©   IBS - Institut für Beratung und Supervision - Aachen