Aller Anfang ...

Aus der Praxis

von Rosa Fischer-Stöckli (Februar 2002)

"Der Anfang ist schon mehr als die Hälfte".
Aristoteles

Ich blicke auf zwei arbeitsintensive Monate zwischen Sommer- und Herbstferien zurück. Ich lasse die Zeit nochmals an mir vorbeiziehen: Es gibt viele interessante Begegnungen, Erfolge, Rückmeldungen, einige Abschlüsse und dementsprechend auch Neuanfänge.

Mir wird erneut bewusst, dass ich mich als Supervisorin immer wieder auf Anfang und Ende, auf Ende und Anfang einstellen muss. Viele Beratungen dauern nur ein paar Sitzungen. In diesen Sitzungen sollen die Probleme effizient bearbeitet, Lösungen gefunden und deren Auswirkungen abgeschätzt werden.

Von dieser Tatsache ausgehend, bin ich überzeugt, dass Anfänge und Enden besonders wichtig sind und ihnen eine spezielle Bedeutung beigemessen werden sollte.

Hier beschäftige ich mich mit Gedanken zu Anfängen. Für mich heisst dies, dass ich speziellen Wert auf die Vorbereitung und Gestaltung der ersten Sitzung lege. Dazu kommt mir das Sprichwort "Aller Anfang ist schwer" in den Sinn. Dieses Sprichwort klingt etwas belastend, deshalb halte ich mich lieber an das folgende: "Guter Anfang ist halbe Arbeit."

Vorbereitung auf den Anfang

Ausgangslage

Ich gehe von folgenden Situationen aus, die für meinen Arbeitsbereich realistisch sind:

Bei Anrufen von TeamleiterInnen frage ich, ob ich vorbeikommen solle, damit das Team und ich einander sehen und beschnuppern könnten, um zu entscheiden, ob wir uns eine gemeinsame Arbeit vorstellen können oder eben nicht.

Doch es gibt Teamleitungen, die sagen, sie wollten sogleich mit Arbeiten beginnen, denn ich sei ihnen genügend empfohlen worden. In diesem Falle stelle ich Fragen nach Wünschen und Zielen, nach Anzahl der Personen, nach Vorgeschichte und Institution sowie die Frage: Warum gerade jetzt Supervison?

Bei Ausbildungsgruppen ist es insofern anders, als das Konzept der Institution eine Beschreibung über Inhalt und Ziel der Supervision enthält. Die Termine sind entweder fix im Terminplan der Ausbildung integriert oder werden telefonisch oder beim ersten Treffen vereinbart. Der Unterschied besteht darin, dass keine Sitzung stattfindet, um sich zu beschauen und danach über eine Zusammenarbeit zu entscheiden.

Ich lege also den Fokus meiner Beschreibung auf die Vorbereitung der ersten Arbeitssitzung – ohne dass ich die Gruppe oder das Team vorher gesehen habe.

Innere Vorbereitung

Meine innere Vorbereitung gleicht der, welche ich zu Beginn einer Reise oder bei dem Sich-einlassen auf ein Abenteuer vornehme.

Ich trage die Anfrage zur ersten Sitzung in mir. Es ist als ob ich mit Bildern und Hypothesen schwanger wäre. Ich bin ein ehrgeiziger und sorgfältiger Mensch. Mit diesen beiden Eigenschaften – und natürlich mit guter Arbeit – habe ich meine Praxis aufgebaut.

Kommt nun die Zeit der ersten Begegnung näher, bewegen sich meine Gedanken und meine Gefühle auf die Gruppe oder das Team zu. Ich habe schon viele Beratungsanfänge hinter mir. Doch jeder Anfang ist für mich neu, einzigartig, eben eine Reise ins Ungewisse.

Freude und Spannung

Ich freue mich einerseits auf den Auftrag, andererseits ist eine gewisse Spannung da. Wenn die Spannung grösser wird als der Spass, erinnere ich mich an die letzten gelungenen Anfänge. Die innere Stimme der Zuversicht wird aktiviert. Eine ganze Reihe von Anfängen zieht vor meinem geistigen Auge vorbei. Erfahrungen werden wach: Räume und Menschen, Zugfahrten und Autofahrten, Gerüche und Farben, Themen und Fragen, Methoden und Ziele ... Ich kriege ein leichtes Schmunzeln um die Mundwinkel und staune, wie lebendig die Bilder sind.

Die Zweifel allerdings schiebe ich nicht einfach beiseite, sondern frage mich, was denn schlimmstenfalls geschehen könnte. Z.B. könnten die zu Beratenden und ich als Supervisorin nicht zueinander passen. Oder die Themen der SupervisandInnen würden mein Können übersteigen. Oder ... Da fällt mir ein, dass ich auch schon von einer Kollegin eine Gruppe übernommen habe, die sich mit Ihrer Supervisorin nicht verstanden hatten. Sie haben gemeinsam die getane Arbeit reflektiert und sich dann getrennt. So etwas kann auch geschehen.

Eine Erfahrung aus der eignen Praxis, die mir zu schaffen machte, kommt mir in den Sinn: Ich erhielt einige Tage nach der ersten Sitzung einen Telefonanruf, ich sei nicht die Frau, mit der sie als Gruppe arbeiten möchten. Ich entspreche nicht ihren Erwartungen und sie möchten sich von mir trennen. Ich fragte nach den Gründen, wurde aber nicht klug daraus, stellte eigene Hypothesen zusammen, um die Situation zu verarbeiten. Nanu, sagte ich nach der ersten Enttäuschung und gab die Information der Institution weiter.

Immer wieder staune ich über die Fülle der Erinnerungen, die man in sich trägt.

Neulich hörte ich den Satz, dass Erinnerungen die einzigen Schätze sind, die einem nicht gestohlen werden können. - Es ist schön, über Anfänge zu reflektieren und die Gedanken dazu aufzuschreiben. Eben dies will ich nun tun.

Gedankliche Vorbereitung

Es kommt der Augenblick, wo ich mir Zeit nehme, strukturiert und zielorientiert die erste Sitzung vorzubereiten. Ich gehe von Erstsitzungen aus, die zwei oder drei Stunden dauern. Folgende Punkte sind mir für die Vorbereitung wichtig. Eigentlich ist es eine Checkliste, an der ich mich orientieren.

Ich werde hier auf einige der aufgelisteten Punkte eingehen. Jede erste Sitzung will neu überdacht werden, denn es gibt Unterschiede, die Unterschiede machen. Diese sind z.T. sehr beträchtlich und doch gibt es Aehnlichkeiten. Ich will mich auf die Aehnlichkeiten in der Vorbereitung der Erstsitzung beschränken.

Ziele der ersten Sitzung

Ich überlege mir, was ich in der ersten Sitzung getan haben will, womit ich hinausgehen will, damit ich zufrieden bin, und was die Teilnehmenden wissen, erleben und erfahren sollten, um Vertrauen zu fassen, damit sie sich öffnen und ihre Themen bearbeiten können.

Ich will also einen Boden schaffen, um in der kommenden Sitzung darauf aufzubauen.

Meine persönliche Haltung

In der Vorbereitung zur ersten Sitzung reflektiere ich meine persönliche Haltung, mein Menschenbild. In dieser Haltung und mit diesen Einstellungen werde ich meinen SupervisandInnen begegnen.

Freundlich, neugierig, aufgestellt, respektvoll, in angemessener Distanz und doch einfühlsam zu den Menschen, mit denen ich einen Weg gehen werde, achtsam, je nach dem auch provozierend. So stelle ich mir mein Wirken vor.

Ich bin mir bewusst, dass ich auf eine langjährige, reiche Erfahrung zurückblicken kann, dass ich aber aufgeschlossen bin, immer wieder Neues zu lernen.

Meiner Haltung kommt das systemische Denken sehr entgegen. Ich arbeite ziel- und lösungsorientiert, wohl wissend, dass die Lösung von heute möglicherweise ein Problem von morgen ist. Ich aktiviere gerne die Ressourcen der TeilnehmerInnen. Ich bin überzeugt, dass viele Möglichkeiten, die ungenutzt sind, in den Menschen stecken.

Ich bekomme immer wieder zu hören, dass ich mich gut in Menschen einfühlen könne, dass ich schnell ein Problem erfasse und viele Möglichkeiten/Methoden besitze, Lösungen zu erarbeiten oder zu erfinden. Es scheint dies eine wichtige Voraussetzung für gutes Gelingen zu sein.

Strukturieren der ersten Sitzung

Ich plane einen groben Ablauf der ersten Sitzung:

Diese vier Sequenzen werde ich auch auf den Flipchart schreiben, damit bei den SupervisandInnen neben dem Auditiven auch das Visuelle angesprochen wird. Zudem bringt die Übersicht eine gewisse Struktur und Sicherheit.

Methoden "im Rucksack"

Dieser Titel hat für mich eine doppelte Bedeutung:

Einerseits schleppe ich in meiner Mappe stets einige Materialien mit, die ich ev. gebrauchen könnte, so denke ich mir. Ich habe farbige A4 Blätter, kleine farbige Blättchen, Kunstkarten, Filzstifte, Neocolor Farben, Schere, Klebband, ein Buch mit Kurzgeschichten, manchmal auch Ton dabei.

Andererseits habe ich in meinem gedanklichen Rucksack eine Menge Methoden zur Verfügung. Meistens schreibe ich auf das Vorbereitungsblatt eine paar Titel von meth. Möglichkeiten und Modellen auf, damit sie mir bei der Entscheidung des Arbeitsvorganges hilfreich sein könnten. Dies hat die Funktion eines Spickzettels, den ich selten benutze, aber er ist da.

Äussere Erscheinung

Vielleicht weil ich eine Frau bin, vielleicht weil ich eitel bin, vielleicht ...

Jedenfalls überlege ich mir, bevor ich in die erste Beratungssitzung gehe, wie ich mich kleiden werde. Ich lege Wert auf die äussere Erscheinung. Für mein Wohlbefinden ist es wichtig, dass ich mich in meinem Outfit wohl fühle. Zudem denke ich und bin auch überzeugt davon, dass eine der Situation angemessene Kleidung beim Arbeiten eine Hilfe sein wird. Ich rede mir auch ein, für meine SupervisandInnen sei es angenehm und schön mit einer sorgfältig gekleideten Supervisorin zu arbeiten. - Doch mein eigenes Wohlbefinden ist mir am wichtigsten.

Rückblick auf die Vorbereitung des Anfangs

Durch das Schreiben dieses Artikels, ist mir erneut bewusst geworden, wie wichtig das "Einfädeln" des Anfangs ist. Ich habe Dinge auseinandergefaltet und detailliert beschrieben, die im Alltag fast automatisch gehen. Doch das Auseinandernehmen und Überdenken tat gut.

Ich erfahre immer wieder, dass die ersten zwei, drei Sitzungen viel meiner Energie brauchen. Weshalb dies so ist, wurde mir auch klarer: Neue Menschen, neues Zusammenfinden, ev. neue Institution. Ich weiss letztlich nicht, was mich erwartet. Da Wort "aufgleisen", das in den vergangenen Monaten modern geworden ist, scheint hier treffend.

Mein Spass an der Arbeit, meine Liebe zu den Menschen, meine Lust auf Neues und Unbekanntes wird mir noch viele Anfänge und Vorbereitungen auf Anfänge bereit halten.


Literatur

Zwar habe ich keine Literatur erwähnt, aber das Lesen ist in meinem Alltag integriert. Ich nenne einige meiner momentanen Lieblingsbücher:

Kersting H.J. Neumann-Wirsig H. (Hg.): Konstruktion von Wirklichkeiten, Kersting-IBS, Aachen 1992

Schmidt Eva Renate, Berg Hans Georg: Beraten mit Kontakt, Burckhardthaus-Laetare Verlag, Offenbach/M. 1995

de Shazer Steve: Der Dreh, Carl-Auer-Systeme-Verlag, Heidelberg 1999

von Schlippe Arist, Schweizer Jochen: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997

Dilts Robert B.: Identität, Glaubenssysteme und Gesundheit, Junfermann, Heidelberg 1998

Eckhardt Ulrike-Luise, Richter Kurt F., Schulte Hans Gerd (Hg.): System Lehrsupervision, Kersting-IBS, Aachen 1997

Kersting H.J. Neumann-Wirsig H.: In Aktion, Systemische Organisationsentwicklung und Supervision, Kersting-IBS, Aachen 2000


Die Autorin

Rosa Fischer-Stöckli

  • Geboren 1939, verheiratet, zwei erwachsene Söhne und zwei erwachsene Töchter

  • Erstberuf Lehrerin

  • Weiterbildung zur Dipl.-Erwachsenenbildnerin an der AEB in Luzern

  • Ausbildung in Supervision an der Ev.Fachhochschule in Freiburg im Breisgau, seit 1990 Supervisorin BSO

  • 1997/98 Ausbildung zur Organisationsberaterin bei BTS in Mannheim

  • Mehrere ehrenamtliche Tätigkeiten, z.T. in leitender Funktion

  • Seit 1989 eigene Beratungspraxis mit Schwerpunkten: Team-, Gruppen-, Einzelsupervision, Lehrsupervision, Coaching und mit Aufträgen in der Erwachsenenbildung z.B. für Gruppendynamik und Kommunikation

  • Ab 1992 Besuch von Seminarien für Kunst- und Maltherapie bei Eva Brenner in Frauenfeld

Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002


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