Vom Hofnarren zur Beratung und zurück

Anmerkungen der neueren Systemtheorie zur Frage, ob Manager gut beraten sind, wenn sie sich beraten lassen
(Vortrag gehalten am 11.10.2001 in Wien)

von Peter Fuchs (Februar 2002)

Meine Damen und Herren,

natürlich freue mich, hier zu sein, muß aber gleich am Anfang etwas richtig stellen. Daß der Titel meines Vortrages provokant ist, liegt nämlich, wie ich nachdrücklich betonen möchte, nicht an mir. Ich bin eigentlich ein grundsolider Wissenschaftler, und so will ich eingestehen, daß die Provokation nicht von mir stammt, sondern von der Forschunsgruppe Neuwaldegg selbst, die in Gestalt von Dr. Alexander Doujak in einem kleinen Mail-Wechsel darauf drängte, es müsse ein irritierender und provozierender Titel gefunden werden. Ich bin aber nicht hier, um Sie zu quälen, und ich darf auch nicht ohne weiteres auf den Masochismus rechnen, dem ich mitunter begegne, kürzlich in Speyer etwa, wo ich angetreten war, Berater, die Bräute und Bräutigame in Brautseminaren beraten, zu beraten, und eigentlich nur sagen konnte, daß nicht geht, was da zu gehen scheint. Ähnliches begegnet mir oft in psychotherapeutischen oder sozialberaterischen Kontexten – und nun bin ich hier, und schon wieder sieht es so aus, als wolle ich das Geschäft der Beratung diskriminieren.

Nun gut, ich habe ergeben einer provokativen Überschrift zugestimmt, aber ich will das, so gut es geht, kompensieren, indem ich Ihnen nicht das zu hören gebe, was ich andernorts schon geschrieben habe, sondern etwas, das noch in gewisser Weise unausgekocht ist, aus der Werkstatt stammt, eher experimentell gedacht und deshalb noch nicht publiziert ist.

Ich beginne damit, daß ich in die Geschichte des europäischen Mittelalters hinuntersteige, eine Einschränkung, die ich mir deswegen erlaube, weil die moderne Form der Gesellschaft von Europa aus auf der Basis der sozialen Struktur dieser Epoche entwickelt wird. Danach werde ich einige theoretische Zwischenbemerkungen machen, und am Ende werde ich, wenn denn die Zeit reicht, das Problem, das ich anhand des Mittelalters zu isolieren versuche, auf die moderne Gesellschaft und die Funktion der Beratung beziehen. Das Ganze ist eine tour de force, aber das kommt eben dabei heraus, wenn man in ein Zeitkästchen zu maximal 45 Minuten gesperrt wird.

I.

Das Muster des Närrischen, der Narretei, ist, soweit ich sehe, ubiquitär verfügbar und allen Kulturen, diachron und synchron, eingeschrieben. Das gilt auch und in einem erstaunlichen Maße für das europäische Mittelalter, das dieses Muster in drei großen Traditionen aufgreift und bearbeitet, die miteinander vernetzt sind, die ich aber aus Gründen der Klarheit jetzt voneinander trenne.

Das erste auffällige Muster oder Schema ist das der Esels- und Narrenfeste, die schon sehr früh (vor dem eigentlichen Mittelalter) als Adaptionen antiker Traditionen auftauchen und dabei mit christlichen Motiven durchsetzt werden, die unter anderem das Närrische an Christus selbst hervorheben, zum Beispiel die Dornenkrönung, in der er als Narr verspottet wird, oder die Inschrift INRI, die am Kreuz angebracht worden sein soll und die den als König der Juden bezeichnet, der es ersichtlich nicht ist, der sich also bis in den Tod hinein zum Narren macht – jedenfalls für die Römer und die orthodoxen Juden. Es gibt ein sehr frühes christliches Graffiti, das einen gekreuzigten Christus mit Eselskopf zeigt.

Wie dem im einzelnen auch sei, wir müssen uns unter diesen Festen skatologische und sexuelle Exzesse vorstellen, die meistens am Tage der unschuldigen Kinder zelebriert wurden, und wir sollten unsere Phantasie entschieden anspannen, um uns die Drastik dieser Feste vorzustellen: brennende Stiefel in Fässern statt Weihrauch, Wagen, die durch die Stadt fahren, mit Exkrementen beladen, die dann handvollweise unter die Leute geworfen werden, Bettlerbischöfe und alles in allem – eine verzerrende Kopie der hierarchischen Ordnung in derselben Ordnung. Es sind im übrigen niedrige kirchliche Chargen, die Diakone, Subdiakone etc., die diese Veranstaltungen vorwiegend durchziehen, die dann schon von Augustinus herb kritisiert werden und von frühen Konzilen (etwa dem zu Trient) via Dekret verboten werden – ohne sich (und das ist ganz wichtig) jemals wirklich verbieten zu lassen. Man findet stattdessen eine seltsame Struktur des Untersagens und der Begünstigung dieser Feste durch die kirchliche und weltliche Hierarchie zugleich, nicht selten auch eine klammheimliche Sympathie, eine Struktur des Wissens und Duldens und sogar des Mitmachens, Mitgenießens durch Spitzenkräfte der Hierarchie selbst. Es läßt sich dann zeigen, daß dieses Muster und diese Tradition bis in die Neuzeit durchgehalten wird, allerdings um einiges entschärft, und daß sie immer wieder aufflammen noch in der Gegenwart. Dafür mag der Kölner Karneval einstehen oder der in Rio, aber vielleicht sogar das Phänomen der Love Parade und ihrer Äquivalente.

Ein weiteres Muster entsteht im Zuge der Ausdifferenzierung des Narrentypus selbst. Aus Vorläufern, die sich in frühen Psalterien nachweisen lassen, wird eine Figur entwickelt, die mit ihren Insignien und sonstigen Merkmalen im 14. Jahrhundert soweit komplett und durchgesetzt ist, daß wir sie heute noch mühelos erkennen und sofort zuordnen können. Der Narr trägt eine Marotte, einen Stab, auf dem ein kleiner Menschenkopf (sozusagen das Ander-Ich des Narren, mit dem er spricht, eine kommunikationstheoretisch preziöse Angelegenheit), später dann ein Spiegel mit gleicher Funktion angebracht ist, eine Perversion des herrscherlichen Zepters. Auf dem Kopf hat er eine Mütze mit mehreren Zipfeln (Gugl genannt), an denen wie auch an den sonstigen Kleiderrändern Schellen (Zymbeln) hängen, die etwas mit christlicher Symbolik zu tun haben, mit dem ersten Korintherbrief, in dem die Lieblosen oder das Lieblose mit einem tönenden Erz und einer Schelle verglichen werden. Das Gewand ist in den mittelalterlichen Schandfarben gehalten, vor allem gelb und grün, aber auch rot in patchworkähnlicher Zusammenstellung. In dieser Form wird der Narr (dieser nun festgelegte Typ) im 15. Jahrhundert zum Epochensymbol, deutlich abgreifbar im Narrenschiff des Sebastian Brant, ein Buch, das die Ordnung des Mittelalters als närrisch, als vergänglich, als vergeblich geißelt und das in ganz Europa intellektuelles Aufsehen erregt. Der Narr wird zusammengeschlossen mit apokalyptischen Motiven und mit dem Tod selbst, wie man im übrigen sehr schön am Großbasler Totentanz erkennen kann.

Die dritte, uns vor allem interessierende Tradition ist die des Hofnarren, eine Tradition, die man sich (da sie umfangreich und entsprechend unübersichtlich ist) am besten ordnet durch die Unterscheidung des natürlichen Narren vom artifiziellen Narren. Die natürlichen Narren, das sind gebrechliche, körperauffällige Personen, die auf Grund ihres Äußeren (etwa der Kleinwüchsigkeit) zur Possenreißerei geeignet erscheinen bzw. durch ihre ‚Behinderung‘ Anlaß dazu geben, sich über sie lustig zu machen. Sie werden schon in der Antike an Höfen gehalten, aber auch im osmanischen Reich, das allerdings früh dazu übergeht, einzelne Hofnarren zu ‚verbeamten‘. Mit dieser Verbeamtung bildet sich das Schema des artfiziellen Hofnarren heraus, von Belustigungsspezialisten, die dann (wo anders als in Deutschland?) im 16. Jahrhundert zu kurzweiligen Tischräten avancieren. Anfangs dachte ich, ein guter Titel dieses Vortrags könnte sein: "Beratung in, für und an Organisationen – Zur Theorie kurzweiliger Tischräte".

Am Ende des Mittelalters und bis weit in die Neuzeit hinein sind die Hofnarren hoch dotierte Spezialisten, die – deutlich stabförmig – aus der Hierarchie herausgenommen werden, eine Art närrische Brüder oder Vettern der Fürsten mit erheblichem Einfluß, auch mit deutlich beratender Funktion, hoch gebildete Akademiker mitunter, deren Privileg darin besteht, unmittelbar zur Herrschaft irritieren zu dürfen. Diese Tradition läuft etwa zur Zeit Maria Theresias aus, die via Dekret das Hofnarrentum zu unterbinden versuchte, dessen Ende überhaupt sehr viel mit Frauen zu tun hat, mit den Maitressen an den Höfen, die es offenbar auf Dauer nicht mehr vertragen konnten, daß es Leute beim Herrscher gab, die mehr als sie und jederzeit sein Gehör fanden.

Aber dieses frauenbedingte Ende ist nicht sehr tiefenscharf erforscht. Deshalb genügt es hier, die Überführung des Hofnarren ins zirzensische bzw. karnevaleske Milieu an die Umstellung der Gesellschaft von einer stratifizierten (geschichteten) Ordnung auf die Form der modernen Gesellschaft zu binden.

Bevor ich das tue, möchte ich festhalten, daß die drei großen Schemata des Närrischen im Mittelalter auf die primäre Differenzierungsform der Gesellschaft (eben auf die Schicht- oder Ständeordnung) bezogen sind. Die Narren- und Eselsfeste kopieren diese Ordnung durch Inszenierungen der Perversion; der Narrentypus ist gekennzeichnet durch das Institut der Narren-, also Redefreiheit, die es in einer geschichteten Gesellschaft nirgends sonst gibt; der Hofnarr schließlich profitiert von diesem Institut, ist aber in gewisser Weise aus den Schichten herausgenommen und den Herrschern unmittelbar zugeordnet, drinnen und draußen, wenn man so will, zu gleicher Zeit.

Daran verwunderlich ist, daß man erwarten müßte, daß alle diese Muster im Blick auf die primäre Differenzierungsform eigentlich subversiv sein müßten, Muster der Sabotage, durch die die Stratifikation ins Licht anderer Möglichkeiten gerückt würde. Eigentlich hat man es mit der Kommunikation von Alternativen zu tun, aber es ist ganz auffällig, daß dies nicht registriert wird. Nach den Narren- und Eselsfesten läuft die gewohnte Ordnung weiter – business as usual; der Narrentyp kritisiert die Ordnung im Licht ihres Ideals, aber verwirft sie nicht zugunsten einer anders möglichen sozialen Struktur, und die Hofnarren sind Hofnarren, die den Herrscher nicht ersetzen, auch dann nicht, wenn sie um ein Vieles gebildeter sind als er selbst. Die arché, der heilige Grund der Hierarchie, wird durch die Narretei nicht erschüttert. Die Stratifikation ist alternativenlos.

Theoretisch wichtig ist allerdings, daß jede Ordnung im operativen Vollzug alternativenfrei ist. Es geschieht, was geschieht, das wäre ein anderer Ausdruck dafür. Alternativen kommen ausschließlich, wie die neuere Systemtheorie formulieren würde, durch Beobachter ins Spiel, die Alternativität konstruieren. Aber diese Konstruktion (die Operation, in der Alternativen konstruiert werden) realisiert sich ebenfalls alternativenlos. Alternativen werden, könnte man sagen, tatsächlich kommuniziert. Und sie sind nur Alternativen durch eine Auswahl, die die Alternative erzeugt, die dann weitere Beobachter als vermiedene Selektion beobachten können etc.

Das könnte man vertiefen, aber hier interessant ist, daß die Traditionen des Närrischen für einen modernen Beobachter Alternativen zur primären Differenzierungsform beobachtbar gemacht hätten, die aber im Mittelalter nicht als Alternativen beobachtet wurden. Daß man vom Bettlerbischof und Narrenkönig her auch darauf schließen könnte, daß jeder echte Bischof oder König selbst eine Konstruktion (und keine bischöfliche oder königliche Entität) ist, geriet nicht in die Sicht. Für Insider der Theorie (also vielleicht ins Leere) gesagt: Die närrische Kommunikation von Alternativen schreibt sich in den marked state der Stratifikation ein, sie kann nicht zurückkreuzen in einen unmarked space. Sie bleibt im Rahmen, der sie ermöglicht, und hat keinen Blick auf das unwritten cross der stratifizierten Ordnung selbst.

Weniger okkult formuliert: Die stratifizierte Sozialordnung hat ihre Legitimationsquelle in der metapysischen Instanz, die die Ordnung der Ungleichheit (diese Pyramide mit so unterschiedlich verteilten Lebens- und Kommunikationschancen) instituiert und gewollt hat bzw. fortlaufend will – diese und keine andere. Gründe für den Willen Gottes sind schwer auszumachen, die Nachfrage wird in den Ritualen der Kirche blockiert. Unter diesen Umständen muß die dann doch anfallende, im Ritual nicht einschließbare, diese Ordnung im Prinzip diskriminierende Kommunikation sozial ‚verunernstet‘ werden. Sie wird im genauen Sinne närrisch. Und genau das drückt sich aus im Institut der Narrenfreiheit, die die Lizenz zur folgenlosen Rede ist.

Diese Lizenz schafft, wenn man so sagen darf, eine parasitäre Ausnutzungslage, in der sich die Phänomene des Närrischen (insbesondere die hoch alimentierte Form des Hofnarren) ansiedeln – innerhalb der Stratifikation und nicht wie etwa die vagabunditas, die im Rejektions- oder Abjektionsbereich haust, außerhalb. Man darf erwarten, daß dieses parasitäre Arrangement nicht mehr funktioniert, wenn die Rahmenbedingung (die Alternativlosigkeit der primären Differenzierungsform Stratifikation) wegfällt.

II.

Der Transit vom Mittelalter in die Neuzeit ist gekennzeichnet durch eine gewaltige sozialstrukturelle Umstellung, die man historisch ablesen kann an den gewaltigen (katastrophischen) Krisen, die Europa im 15. und 16. Jahrhundert erschüttern. Der primäre Differenzierungstyp wird nämlich ausgetauscht. An die Stelle stratifikatorischer Differenzierung tritt mehr und mehr das, was wir Soziologen funktionale Differenzierung nennen. Im Kern läuft die Sache darauf hinaus, daß alle wesentlichen Funktionen der Lebensbewältigung aus den Schichten genommen und an autonome Funktionssysteme delegiert werden, die (jedes für sich) ein Funktionsmonopol realisieren. Nur noch die Wirtschaft wirtschaftet, nur das Recht ‚rechtet‘, nur die Wissenschaft kreiert irrtumsfähige Wahrheiten, nur die Erziehung erzieht, nur die Kunst disponiert über Kunst, nur die Politik schafft kollektiv bindende Entscheidungen etc.

Ich kann jetzt nicht den vollen (übrigens außergewöhnlich leistungsfähigen) Apparat der Theorie vorführen, die die Bedingung der Möglichkeit dieser Differenzierung beschreibt. Deswegen greife ich nur einen zentralen Befund heraus, nämlich den, der besagt, daß eine Gesellschaft, die primär funktional differenziert ist, also Funktionsbedienungsmonopole aufbaut (eben die Funktionssysteme), kein Zusatzsystem entwickeln kann, das alle anderen Primärsysteme dirigiert. Es gibt keinen primus inter pares, kein Leitsystem, keinen Rahmen, der eine externe Beobachtung dieser Gesellschaft ermöglicht. In diesem Sinne ist die moderne Gesellschaft absolute Immanenz, die all ihre Beobachtungen positionsgebunden erwirtschaftet. Man spricht deswegen auch von einer polykontexturalen Gesellschaft, die weder eine Stelle der Repräsentation ihrer Einheit vorsieht (das liefe immer auf Fundamentalismus hinaus und wird genauso beobachtet) noch überhaupt Einheitskonzepte anders als kontingent (also als anders möglich) tolerieren kann. Dasselbe ist übrigens gemeint, wenn von einer Gesellschaft die Rede ist, die auf der Beobachtungsebene zweiter Ordnung operiert, die also jede Beobachtungsoperation, die in ihr stattfindet, mit einer anderen Beobachtungsoperation, die ebenfalls in ihr stattfindet, gegenbeobachten kann, was nichts weiter heißt als: sie prozessiert dezidiert kontingente Beobachtungen.

Langer Rede kurzer Sinn: Im Unterschied zur stratifizierten Gesellschaft ermuntert und begünstigt die Form funktionaler Differenzierung die schrankenlose Kommunikation von Alternativen. Sie benötigt keine Sonderrolle des Närrischen, insofern die Kommunikation von Alternativen der Normalfall, also erwartbar und strategisch einkalkulierbar ist. Und wieder gilt, daß es dazu keine operative Alternative gibt, die sich kommunizieren ließe außer in der Form historischer Reminiszenzen oder befristeter Wiederaufgriffe der stratifizierten Ordnung in Segmenten (Staaten) einer Weltgesellschaft, die nicht stratifiziert ist, also die Kontingenz fundamentalistischer Ordnungen locker kommunizieren kann, ohne als närrisch zu gelten. Die Narren selbst wandern ab in die Comedy-Formen der Massenmedien.

III.

Das ist, wie man vielleicht sagen könnte, ein hoch unordentliches Bild, eine Skizze schierer Kontingenz und Arbitrarität. Es schreit nach dem Aufweis von Instanzen der Ordnung, der Sicherheit, der De-Arbitrarisierung. Und die gibt es tatsächlich, nämlich die Organisationen der Gesellschaft. Zunächst ist ja ganz deutlich, daß das Mittelalter kaum Organisationen im modernen Sinne kannte (die Kirche vielleicht mit ihrem revolutionären Sonderinstitut des Zölibats, das Karrieren quer zur Schichtordnung ermöglichte, dann Söldnerheere vielleicht und Universitäten) und daß dann mit dem Umbruch dieser Ordnung in den Status funktionaler Differenzierung die Welt der Organisationen so sehr explodiert, daß es heute ausgeschlossen ist, nicht von Organisationen abhängig zu sein. Die polykontexturale Gesellschaft ist auch und wesentlich eine Organisationsgesellschaft und deshalb extrem organisationsempfindlich. Sie ist gekennzeichnet durch den Einzug der Systemebene Organisation, der man nicht ausweichen kann.

Interessant ist, daß auf dieser Ebene (kurioserweise, wenn man so will) Strukturmerkmale des Mittelalters oder der Stratifikation erhalten geblieben und sogar dominante Merkmale sind. So gibt es schlicht keine hierarchiefreien Organisationen, gleichgültig, wie flach diese Hierarchien in den Selbstbeschreibungen von Organisationen ausfallen. In die Autopoiesis von Organisationen, die Entscheidungen mit Entscheidungen verkettet, sind als Programme Weisungsketten eingeschrieben, die die formale Organisation darstellen, die operativ geschlossen ist und nur deshalb geschlossen sein kann, weil sie Spezialignoranzen gegenüber der Kommunikation von Kontingenz in der sonstigen Gesellschaft stabilisiert. Übrigens ist dieses Stabilisieren heute ein (oft nicht erkanntes) Spitzenproblem von Organisationen. Man könnte wahrscheinlich Formen der Bearbeitung dieses Problems nachweisen, die von der Verschärfung hierarchischen Drucks bis hin zur Entwicklung von Leitbildern reichen, die gesellschaftliche Anpassungen suggerieren, die im Blick auf Ignoranzerhaltung kontraproduktiv wirken könnten.

Wie dem auch sei, entscheidend ist, daß diese Insulationen von Nichtkontingenz möglicherweise ebenfalls das Problem der stratifizierten Ordnung haben, nämlich, daß sie die Kommunikation fundamentaler Alternativen irgendwie entschärfen müssen. Das ist eine Art Domestikationsproblem. Einerseits kann diese Kommunikation nicht vermieden werden, weil die Moderne ungehemmte Kontingenzkommunikation favorisiert; andererseits kann sie nicht in die Domäne des Närrischen verbannt werden, da es keinen gleichsam metaphysischen Rahmen gibt, der klar macht, was ernst und was nur unernst gesagt werden kann.

Das ist nun ein Problem, wie wir es als Systemtheoretiker lieben. Eine Funktionsstelle ist bezeichnet (Absorption von Alternativenkommunikation), die – nachdem die Narren gegangen sind und nicht mehr zur Verfügung stehen - irgendwie leer ist und besetzt werden müßte. Die nun doch provokante These ist (Sie merken, daß ich am Anfang meines Vortrages eine hübsche rhetorische Figur eingesetzt habe, um Ihr Interesse nicht zu verlieren), daß in diese Funktionsstelle die Beratung und die Berater/innen gleichsam evolutionär einschlüpfen.

Wahrscheinlich fühlen Sie sich nicht ganz mißverstanden, wenn ich sage, daß Beratung das Geschäft von Spezialisten für Alternativenbeobachtung und Kommunikation von Alternativen ist. Allerdings ist an diesem Geschäft etwas sehr merkwürdig, und ich habe diese Idee ja auch schon gestreift, daß Alternativen nur für Beobachter vorkommen. Jedes Ereignis kann als Auswahl aus anderen Möglichkeiten begriffen, als Selektion begriffen werden, aber das Selektive der Selektion hängt daran, daß sie operativ geschieht und keine Alternative ist. Das kann man als Philosophie abtun oder sehen, daß daraus folgt, daß Beratung in einem genauen Sinne nicht testbar, nicht validierbar ist, weil nicht geschehene Abläufe nicht geschehen sind, sondern nur geschehen ist, was geschehen ist. Damit ist sofort, um es mit einem Ausdruck von Niklas Luhmann zu sagen, eine Kommunikationssperre angesprochen. Die Beratung kann nicht ernsthaft davon ausgehen, daß man nicht wissen kann, ob sie nützlich ist oder nicht. Sie kann natürlich mit dieser Vorstellung kokettieren, sie als rhetorische Figur einsetzen oder gar mit ihr Negativfolgen, die ihr zugerechnet werden könnten, vor Eintritt dieser Zurechnung kompensieren, etwa durch die Aussage, daß Erfolge nicht garantiert werden können, aber es ist sehr schwer, glaubhaft zu sagen, daß es auf Erfolg und auf Nichterfolg gar nicht ankommt, weil es nur um Zurechnung und nicht um empirische Testbarkeit geht.

Eine andere Kommunikationssperre bezieht sich darauf, daß die Organisiertheit der Organisation nicht in Frage gestellt werden kann. Jemand muß entschieden haben, daß die Beratung angeheuert oder im Unternehmen eingerichtet wird und Zahlungen dafür zu erfolgen haben, und es ist schlicht unmöglich, sich in diese Autopoiesis einschließen zu lassen, also den Entscheidern klarzumachen, daß sie kontingente Entscheider sind, oder sich gegen die Entscheidung, Berater einzusetzen, zu entscheiden, also den Wegfall der Beratung zu raten.

Es gibt eine Reihe solcher Kommunikationssperren, selbst für systemtheoretisch inspirierter Berater. Man kann, so inspiriert, mitteilen (klingt jedenfalls gut), daß Organisationen geschlossene Systeme sind, in die man nicht intervenieren, aber die man zu Resonanzen via Irritation oder gar Kontextsteuerung à la Willke anregen kann, aber wenn man das sagt, kann man nicht gleichzeitig mitteilen, daß es keine Kontexte gibt und daß Irritation auch nichts weiter ist: als das System irgendwie zu zwicken, bis es von selber schreit.

Ich will das nicht fortführen und nur festhalten, daß das Beratungsgeschäft seine sublimen Seiten im Management einer Vermeidungskommunikation hat, die sorgfältig kontrolliert, was gesagt, was nicht gesagt werden kann. Von dorther kann ich meine Überlegungen abschließend (und viel zu grob) zusammenfassen:

Der Hofnarr hatte die Möglichkeit, alles zu äußern, was ihm in den Kopf kam. Er hatte also eine Lizenz zur Beliebigkeit, deren entscheidendes Prinzip die soziale ‚Verunernstung‘ war, die sicherstellte, daß diese Kommunikation folgenlos für die primäre Differenzierungsform blieb. Am Ende des Mittelalters und im Beginn der Neuzeit wird die Sonderrolle des Hofnarren hoch alimentiert.

Die Beratung der Moderne hat die Verpflichtung, Alternativen zu konstruieren unter Ausblendung fundamental störender Alternativen. Das entscheidende Prinzip ist auch hier, daß die Kommunikation von Alternativen die Autopoiesis der Organisation nicht wirklich stören darf. Und natürlich: Die Sonderrolle des Beraters wird auch heute hoch alimentiert.

Bisweilen bekomme ich wohl dotierte Angebote, Beratung zu betreiben. Tatsächlich habe ich noch nie ein solches Angebot angenommen, sondern immer nur festgehalten, daß ich zwar gern aus der Wissenschaft, die ich betreibe, hinüberspreche in die Welt der Beratung, aber niemals selbst beraten werde.

Sie sind die ersten, die jetzt wissen, worauf meine Ablehnung gründet: ich bin weder Narr noch Berater.

Ich danke Ihnen.



Foto: wörz/rtwe

Der Autor

Prof. Dr. rer. soc. Peter Fuchs, M.A.

  • Professor für Soziologie und Behindertenarbeit an der Fachhochschule Neubrandenburg

  • Führender Vertreter des Zweiges der Systemtheorie, der mit dem 1998 verstorbenen Niklas Luhmann in Verbindung gebracht wird. Peter Fuchs bemüht sich wie wenige andere um die Weiterentwicklung der Systemtheorie, was sich auch am Umfang seiner Publikationsliste ersehen lässt.

Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002


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