Das Verkaufsspiel des Krieges

Prinzipien gegen das Schicksal: Der Angriff als Sonderfall der Verteidigung

von Peter Fuchs (Februar 2003)

Die Kriegslust der USA ist verwunderlich. Warum will dieser Staat so sehr diesen Krieg, dass er auf immer absurdere (immer durchschaubarere) Weise verzweifelt, ja verbohrt nach Gründen für ihn fahndet? Warum will er aller Welt vorführen, dass er dies darf, und wenn er es nicht darf, dennoch tun kann, was und wie es ihm beliebt?

Man sagt, es sei das Öl, das ihn dazu veranlasse, aber gerade dies dürfte nicht der Fall sein, traut man der Geschichte, in der sich die USA selbst Bindungen auferlegt haben, schöne und wichtige Bindungen, die aus irgendeinem Grund auf einmal vergessen sind, aber sich dennoch auf eigentümliche Art bemerkbar machen.

Schließlich waren es die USA, die maßgeblich und federführend schon im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts den (damals als geschichtliche Novität, als epoche-machend empfundenen) Schritt unternahmen, einen Vertrag mitzuentwerfen und abzuzeichnen, der den Krieg als Mittel der Fortsetzung von Politik in Acht und Bann tat. In der Vorgeschichte dieses Vertrages (Völkerbundsatzung von 1919, Genfer Protokoll von 1924, Locarno-Verträge von 1925 etc.) ist es bezeichnenderweise der Angriffskrieg, der als internationales Verbrechen gebrandmarkt wird. Und schon von daher ahnt man, wie wichtig es ist, Kriege, die man führen will, auch dann als Verteidigungskrieg zu legitimieren, wenn sie ersichtlich Angriffskriege sind.

Am 27. August 1928 wurde der Kriegsächtungspakt (Briand-Kellogg-Vertrag) signiert, von Briand, dem französischen Außenminister, von Kellogg, dem amerikanischen Außenminister, und von 15 weiteren Staaten.

Krieg, so heißt es im ersten Artikel, müsse als "Mittel für die Lösung internationaler Streitfälle" verurteilt werden, er sei kein "Werkzeug nationaler Politik". Er sei allerdings - so eine Zusatznote - legitim, wenn er sich auf das "natürliche Recht auf Selbstverteidigung" beziehe, eine unscharfe Kautele, die den Krieg möglich macht, wenn es um Selbstverteidigung geht, aber nicht definiert, wann der Fall dieser Selbstverteidigung gegeben sei.

Der Briand-Kellogg-Vertrag (und die Beteiligung der USA an diesem Pakt) war im Heimatland Kelloggs keineswegs traditionsfrei zustande gekommen. Dieser Staat blickt auf eine schon im 19. Jahrhundert aktive Kriegsächtungsbewegung zurück. Es scheint so zu sein, dass wenige Länder (wenn überhaupt eines) in der Welt eine stärkere pazifistische Bewegung zu verzeichnen hatten.

Krieg sei, so der Tenor, undemokratisch und irrational, aber er sei auch kein unabwendbares Schicksal, man müsse ihn nur verbieten (Cutlawry of War), worin sich auch der Glaube der Amerikaner ausdrückt, dass rechtliche und moralische Prinzipien gegen das Schicksal und die Natur durchgesetzt werden können, ein Glaube, der Kernbestand des (heute so fatalen) amerikanischen Sendungsbewusstseins ist. Der Briand-Kellog-Pakt ist geradezu die Projektion dieses edlen Bewusstseins von amerikanischer Seite her.

Man wird nicht fehlgehen, wenn man annimmt, dass dieses patriotische, auf Moralprinzipien basierende Bewusstsein der Sendung noch immer zelebriert wird, und es ist klar, dass es unter dieser Voraussetzung sehr schwer wird, einen Krieg nicht nur der Welt, sondern der eigenen Bevölkerung zu verkaufen, der so offen und klar als Krieg um Ressourcen begriffen werden kann.

In einer etwas dürren Begriffssprache könnte man sagen, dass das Verkaufsspiel auf einer raffinierten Technik im Umgang mit wenigen Unterscheidungen beruht. Unterschieden wird Krieg und Frieden. Der Frieden wird nicht weiter bearbeitet (er ist ein diffuser Rejektionswert), aber die Unterscheidungsseite Krieg wird in zwei Arten von Kriegen zerlegt: in Angriffs- und Verteidigungskrieg. Kognitiv opulent ist dann der Trick, den Angriffskrieg mit dem Verteidigungskrieg kongruent zu stellen: Man muss nämlich mitunter aus Verteidigungsgründen angreifen. Der Angriffskrieg ist demnach in Wahrheit ein Verteidigungskrieg. The same is different.

Damit diese Operation Plausibilität gewinnen kann, bedarf es des Einsatzes von Zeit. Die Ereignisse nämlich, die zur Verteidigung (also zum Angriff) zwingen, liegen in der Zukunft, im temporalen Nirgendwo. Der Verteidigungsfall ist ein zukünftiger Verteidigungsfall, der in der Gegenwart zur Prävention zwingt, also die Paradoxie aller präventiven Intervention mit sich führt, dass man nicht wissen kann, ob das Vermiedene geschehen wäre, wenn man es nicht vermieden hätte.

Diese luftige Konstruktion muss konsequenterweise durch gegenwärtige Hinweise auf zukünftige Gefährdungen gleichsam aufgefüttert werden. Der Angriffskrieg ist schließlich dann und nur dann ein gegenwärtiger Verteidigungskrieg, wenn sich zeigen ließe, dass ein zukünftiger Verteidigungskrieg droht, wenn nicht heute angegriffen würde. Das erklärt leicht die Suche nach Indizien für eine zukünftige Gefahr. Der Staat USA, der sich selbst auf die Ächtung des Angriffskrieges verpflichtet hat, kann nicht anders, als nach gegenwärtigen Gründen für zukünftige Verteidigungskriege zu suchen, koste es, was und wen es wolle.

In einer noch etwas anderen Begriffssprache: Dieser Staat (der jene Suche bis zur Peinlichkeit unverhohlen, aber immerhin tatsächlich betreibt) muss die Gefahr, die in der Zukunft liegt, in ein gegenwärtiges Risiko transformieren. Das ist ein modernes Verfahren des Umgangs mit Zukunftsproblemen. Man muss nur Gefahren in die Zukunft so projizieren, dass sie nicht mehr als notwendig, sondern als vermeidbar erscheinen, wenn man nur gegenwärtig die Mittel nutzt, um die zukünftige Gefahr auszuschließen. Man muss also Vermeidungsmöglichkeiten haben, zum Beispiel eine hoch technisierte Armee, die man einsetzen könnte oder nicht.

Die USA hätten, dieser Logik zufolge, die militärische Macht und deswegen das Risiko, sie nicht anzuwenden. So pumpt man in die Gegenwart Riskanz, Aufregungsmöglichkeiten, Nicht-Vermeidbarkeitsgefahren, obwohl bei alledem die Zukunft bleibt, was sie immer ist: unbekannt. Man kann gar nicht friedlich bleiben, wenn die Zukunft voller Gefahren gesehen wird und man zugleich die Möglichkeit hat, waffengewalttätig vorab zu intervenieren.

Der Angriffskrieg ist kein Angriffskrieg. Er ist Verteidigung im Blick auf den gegenwärtigen (eigentlich hoch kontingenten) Entwurf der (amerikanischen) Zukunft. Klar ist, es wird gestorben werden, aber: Es wird ein prophylaktisches Sterben gewesen sein, für dessen Notwendigkeit niemals ein Beweis geführt werden kann.


Zuerst erschienen in der Frankfurter Rundschau vom 7. Februar 2003, Nr. 32, Seite 9.

Wir danken dem Druck- und Verlagshaus Frankfurt am Main GmbH für die freundliche Erlaubnis des Abdruckens.

Wir weisen hin auf das FR-Dossier "Krieg gegen Irak?": www.fr-aktuell.de/irak



Foto: wörz/rtwe

Der Autor

Prof. Dr. rer. soc. Peter Fuchs, M.A.

  • Professor für Soziologie und Behindertenarbeit an der Fachhochschule Neubrandenburg

  • Führender Vertreter des Zweiges der Systemtheorie, der mit dem 1998 verstorbenen Niklas Luhmann in Verbindung gebracht wird. Peter Fuchs bemüht sich wie wenige andere um die Weiterentwicklung der Systemtheorie, was sich auch am Umfang seiner Publikationsliste ersehen lässt.

Veröffentlichungsdatum: 12. Februar 2003


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