Übersättigung

Eine Polemik gegen die Banalisierung der Armut zum Stil-Problem

von Peter Fuchs (Juni 2005)

Weil ich mich ärgere, gefällt es mir, zu sagen, dass jede Zeit ein eigenes Narrentum, ein für sie bezeichnend Närrisches entwickelt. Manches davon ist heiter, amüsant oder bestürzend stupide wie etwa die Gerichtsshows, die Hausse der Koch- und Tiersendungen, die Gesundheits- und Ordnungsbesoffenheiten oder die in manchen Talkshows gepflegte Lust an der Selbstdemontage.

Manche Narreteien der Zeit sind aber zynisch - oder 'hündisch', wenn man an die Ausgangsbedeutung von Zynismus denkt. Dazu gehört ein neuerdings gepflegter Umgang mit der Armut, ein stilvoll gepflegter Umgang mit der Armut, den Appell zur nicht-banalen Verarmung, der es gegenwärtig bis zur Bestseller-Reife gebracht hat. Ginge es nur darum, wie in längst vergangenen Zeiten die (zwar graue, aber jedenfalls sauber-ehrliche) Armut mit einer besonderen Art der Würde auszustatten, dann wäre alles einfach, dann würde es sich um das Revival einer fatalen Sozialromantik handeln, die schnell durchschaubar ist und kaum zur Wiederbelebung einer ständisch-patriarchalischen Verherrlichung und damit Camouflage von Armut führen würde. Aber die Dinge liegen, wie man heute sagen würde: heftiger.

Auf der einen Seite wächst die Zahl der Menschen, die nicht wissen, wie sie mit ihren Kindern durch ihre Lebenswochen kommen sollen, Menschen, die Tag für Tag erleben, wie es ist, um die Bezahlung der Schulden, der Stromrechnung, der Miete, des Klassenausfluges, der Schultüte, der Kleidung ... kämpfen zu müssen, und auf der anderen Seite tauchen Autoren auf, die die Verarmung in einen spezifischen Lifestyle transformieren und goutieren wollen.

Das Sozialhilfe-Spiel

Es gab Vorspiele. Vor etlichen Jahren war ich in einer Pfarrersfamilie eingeladen, die (wohl mit anderen, die dasselbe Spiel spielten) den Versuch unternahmen, auf Sozialhilfeniveau zu leben, allerdings mit der seltsamen Sicherheit, dass die Miete und der Strom weiter bezahlt werden, dass das Telefon nicht gesperrt wird, die Kinder nicht barfuß in die Schule müssen und in der Hinterhand Zugriffsmöglichkeiten auf Geld- und Sachwerte liegen, die der Sozialhilfeempfänger einfach nicht hat. Mein Eindruck war, dass es um eine Art seltsamer Solidarität ging, die ein wenig mitleidet in der Weise einer jovialen Bonhommie, aber das Ausmaß der Sorgen derer, die man in speziellen (aushaltbaren) Armutshinsichten kopiert, nicht im mindesten erreicht. Im Grunde lief das Ganze auf gesünderes Essen hinaus, nicht auf die Kündigung des Klavierlehrers für die Tochter, nicht auf die Kündigung des taz-Abonnements, nicht auf die Aufgabe des Automobils. Vielleicht aber wurde auf solche Art Erspartes gespendet.

Sei's drum. Jetzt verhandeln wir nicht mehr eine höchst eingeschränkte Kopie dessen, wie es ist, arm zu sein, sondern die plakative und in Buchform vorliegende Verkündigung, dass die reduzierten Lebens- und Kommunikationschancen der Armen im Lande (die ja keine Minderheit mehr sind) noch einmal ausgenutzt werden durch eine Supercodierung der Armut mit der Unterscheidung von stilvoll arm / banal arm. Banale Armut ist denen zuzuschreiben, die es nicht schaffen, ihrer Verarmung eine gewisse Luxuriosität zu entnehmen, sie mit dem Odeur des Auch-dies-lässt-sich-noch-genießen zu umgeben, auch wenn die Lebenslage verheerend zu sein scheint. Der Ratschlag läuft auf eine fruitio pauperitatis hinaus, auf Gewinnmöglichkeiten in der Lebensgestaltung armer Menschen vor dem Horizont ansonsten aussichtsloser Bedingungen.

Debatten-Klamauk

Ein altes Wort dafür ist: snobistisch. Sine nobilitate heißt das, ohne Adel. Man kann auch sagen: Wir haben es mit einem blasierten Verhalten zu tun, wobei man sich daran erinnern darf, was dieses Wort ursprünglich bedeutet: Nicht einfach nur 'abgestumpft' (blasé) oder hochnäsig. Es war einmal der wissenschaftliche Ausdruck für 'Übersättigung' (von Flüssigkeiten), dann übertragen auf die Abstumpfung oder Vergleichgültigung, die Alkoholgenuss erzeugen kann. Nur unter Übersättigungsbedingungen kann man auf die Idee kommen, Verarmung und Stil zusammenzuführen und die Kunst noch mitzuerwähnen - und das dann unter Zeitumständen, in denen Armut nicht mehr verwundert, sondern alltäglich und alltäglich furchtbar ist - und nicht mehr jenseits unseres Horizonts, sondern in unseren Breiten.

Der Klamauk der Kapitalismusdebatte (die bisher ohne jeden Blick auf moderne gesellschaftstheoretische Möglichkeiten ablief) wird seinerseits gespiegelt in der Zumutung, man könne das banal Arme vom stilvoll Armen unterscheiden. Ich gebe zu, ich habe das alles nicht lesen können ohne das Empfinden einer extremen Peinlichkeit. In diesen Tagen trat der Herr, dem dies nicht peinlich war, in einer norddeutschen Talkshow auf. Wir haben, was selten ist, einmütig nach den ersten Worten umgeschaltet - aus Unerträglichkeitsgründen, und es war uns ganz egal, was es statt dessen zu sehen gab. Es konnte übler nicht sein.


Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005

Erscheinungsdatum 20.05.2005



Foto: wörz/rtwe

Der Autor

Prof. Dr. rer. soc. Peter Fuchs, M.A.

  • Professor für Soziologie und Behindertenarbeit an der Fachhochschule Neubrandenburg

  • Führender Vertreter des Zweiges der Systemtheorie, der mit dem 1998 verstorbenen Niklas Luhmann in Verbindung gebracht wird. Peter Fuchs bemüht sich wie wenige andere um die Weiterentwicklung der Systemtheorie, was sich auch am Umfang seiner Publikationsliste ersehen lässt.


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