Britta Haye

Special (Januar 2002)


zum 60. Geburtstag


Klinische Sozialarbeit - ist das denn überhaupt nötig?

von Brigitte Geißler-Piltz

Der Aufforderung, Dir, liebe Britta, einen kleinen intellektuellen Geburtstagsgruß zu schreiben, komme ich gerne nach. Da ich Deinen Einsatz um eine Anerkennung der Sozialarbeit - auch in der akademischen Community - würdigen möchte, werde ich Dir einen Strauß bunter Stimmungsbilder schenken, den ich durch eine Befragung von im sozialpsychiatrischen Arbeitsfeld tätigen Sozialarbeitern gesammelt habe. Von ihnen wollte ich erfahren, wie sie sich durch die Alice Salomon-Fachhochschule auf ihren Arbeitsalltag vorbereitet erleben, was sie vermissen und wie das Studium inhaltlich gestaltet werden müßte. Anhand der Ergebnisse wollte ich die Notwendigkeit eines Studiengangs "klinische Sozialarbeit" überprüfen.

Selbst wenn diese Daten nur einen ersten Einblick in den Zusammenhang Studium-Berufsfeld geben, der durch Fallstudien oder quantitative Erhebungen vertieft werden müßte, sprechen die Ergebnisse für sich. Auf dem Hintergrund der Umstrukturierung der Hochschullandschaft stellt sich die dringende Frage, ob und wie die Sozialarbeit ihr Selbstverständnis im expandierenden Feld der Gesundheitsarbeit zu klären vermag und wie der Beitrag der Hochschulen hierzu aussehen könnte.

Im folgenden wird es also vorwiegend um die Sozialarbeit im Gesundheitsbereich, vor allem aber um das weit gefächerte Arbeitsfeld der Sozial- Psychiatrie gehen, in dem die Sozialarbeit sich einen festen Platz eroberte. Das konnte ich in den vielen Jahren meiner Supervisionstätigkeit beobachten, auch die in den letzten Jahren sich vollziehende Umstrukturierung der klinisch-psychiatrischen Arbeit, die für die Sozialarbeit nicht ohne Folgen bleibt.

Die von der Psychiatrieenquete und von der Personalverordnung geforderte Multidisziplinarität in der psychiatrischen Arbeit hat sich weitgehend etabliert, wie es scheint auf Kosten der Sozialarbeiter, die ihren Tätigkeitsbereich nicht klar definiert erleben und sich häufig genug auf ihre unbestrittene Kompetenzdomäne um administrative, verwaltungsnahe Bereiche zurückziehen. Andere Berufsgruppen, die traditionell den Gegenstand ihres Handelns definieren könnten und über eigene Wissensbestände verfügen, - wie Psychologen, Ärzte und auch Krankenpfleger - dehnen dagegen ihren Handlungsbereich aus und dringen in Kompetenzbereiche der Sozialarbeit ein. Im Verdrängungs- und Konkurrenzprozeß rund um die Alltagsgestaltung der Patienten müssen Sozialarbeiter befürchten zu Handlangern anderer Berufsgruppen zu werden. So zielt die straff geführte Berufspolitik der Psychologen daraufhin, die Durchsetzung der personenzentrierte Arbeitsweise als Chance einer psychologischen Begleitung zu begreifen und ruft zur flexibleren Rollengestaltung der klinischen Psychologen auf. (L. R. Schmidt: Psychiatriereform und klinische Pschologie, in Report Psychologie 8/98, S, 630-641 ) Konkret heißt das: die Übernahme begleitender, alltagsorientierter Betreuungs- und Beratungsarbeit, die Bearbeitung konflikthafter Beziehungen zur Umwelt, die Zusammenarbeit mit den Angehörigen und ähnliche sozialtherapeutischen Aktivitäten. In diesem Ansatz erweitert die Psychologie deutlich ihren Fokus um die soziale Dimension, die die Sozialarbeit in der Person-in-der-Situation-Perspektive für sich in Anspruch nimmt.

In diesem Prozeß der um die Handlungsmacht konkurrierenden Berufsgruppen gelingt es der Sozialarbeit bisher nicht nachhaltig, ihre Kompetenzen und Kernaktivitäten wissenschaftlich zu begründen, zu definieren und sich verläßlich gegenüber anderen Berufsgruppen abzugrenzen. Das führt zu Verunsicherungen und wird als Abwertung des eigenen Status erlebt. Dem begegnen viele SozialarbeiterInnen mit Weiterbildungen in den unterschiedlichsten Psychotherapie- und Beratungsmethoden, die einen beträchtlichen Anteil ihres Einkommens verschlingen. SozialarbeiterInnen "überlernen" tendentiell, wobei ihnen die erhoffte Anerkennung oft genug verwehrt bleibt. Die Weiterbildungen beruhen auf geliehenen Handlungskonzepten und disziplin-fremden Verstehensmodellen in Fragen von Gesundheit und Krankheit, sind deshalb für die Bewältigung von Alltagsrealität der sozialen Arbeit wenig verläßlich. Innerhalb der Berufsgruppe führen sie nicht selten zu Spaltung in Form von Hierarchisierung.

Zweifellos ist eine anders gestaltete Kompetenz in einem sich differenzierenden Aufgabenbereich der sozialen Arbeit notwendig, auch um ein eigenständiges professionelles Profil in der Gesundheitsarbeit zu erlangen. Und hier ist die Lehre an den Fachhochschulen gefordert.

Um die Anforderungen an eine Ausbildung oder- Weiterbildung für den Bereich der Psychiatrie/ Gesundheitsarbeit einschätzen zu können, habe ich mich nach Experten im klinisch-psychiatrischen Arbeitsbereich und unter ehemaligen Studierenden umgesehen, die eine Interesse an einem kontinuierlichen Dialog mit der Alice-Salomon-Fachhochschule zeigen. Zunächst bot sich eine Gruppe von SozialarbeiterInnen aus einer psychiatrischen Klinik an, mit der ich nach einem explorativen Untersuchungverfahren gearbeitet habe, das sich besonders gut zur Erfassung von Einstellungen und Anregungen eignet. Die Legitimationsbasis für dieses kombinierte Untersuchungsverfahren ist der vergleichbare Erfahrungshintergrund der Befragten. Daß es sich bei dieser Selektion um besonders engagierte und am Theorie-Praxis-Austausch interessierte Sozialarbeiter/innen handelt, liegt auf der Hand.

Das erste Verfahrensschritt, die Moderationsmethode ist mir aus der Seminar- und Supervisionsarbeit vertraut. Bei der Kartenbeschriftung und -abfrage handelt es sich um eine Technik, die in kurzer Zeit die Meinung aller Gruppenmitglieder zu einem Problem erfragen und mit Hilfe von Visualisierung veröffentlichen kann. Durch die Herstellung von Transparenz werden alle TeilnehmerInnen motiviert, sich gleichberechtigt am Gruppenprozeß zu beteiligen.

Der zweite Schritt in diesem Verfahren ist die Gruppendiskussion. In der sozialwissenschaftlichen Forschung wird sie als kein spezifisches Verfahren der Datenerhebung, vielmehr als eine explorative Methode angesehen. Sie ist ein Untersuchungsarrangement zur Klärung einer Situation, die - auf der Basis bereits produzierter Äußerungen - Akzente setzen und Meinungsvielfalt regulieren soll. Die subjektive Sinnkonstruktionen der Befragten umfassen Ihre jeweiligen Aussagen und Interpretationen, die bei der Auswertung rekonstruiert werden müssen.


Der Befragungsprozeß verlief wie folgt:

Ich habe die TeilnehmerInnen mit Stapeln von Karten und Filzschreibern ausgerüstet und ihnen zunächst eine Einstimmungsfrage gestellt: Wie sieht ihr Arbeitsalltag aus, was fordert er an Kompetenzen und Fähigkeiten? Ich habe die Teilnehmerinnen gebeten, sich zu entspannen und ihren Arbeitsplatz zu visualisieren, d.h. sich einen Arbeitstag in seinem Ablauf vorzustellen. Dazu konnten sie sich Notizen machen.

Anschließend habe ich die leitende Frage gestellt und deutlich sichtbar an die Pinnwand geheftet: Was sollte die Lehre an Fachhochschulen leisten, um Sozialarbeiter/innen auf die Arbeit in der klinischen Psychiatrie/ in Gesundheitsdiensten adäquat vorzubereiten?

Nach einer angemessenen Einstimmungsphase habe ich die TeilnehmerInnen aufgefordert, spontan alle Antworten/Ideen/Sätze, die ihnen zu dieser Fragestellung einfallen, stichwortartig auf die Karten zu schreiben. Daß es sich dabei auch um ganz einfache, alltäglich oder banale Stichworte handeln darf, habe ich angefügt.

Nach etwa 20 Minuten des eifrigen Schreibens konnten die TeilnehmerInnen sich gegenseitig immer drei ihrer Karten vorstellen. Der Vorgang des Zuordnens dieser Karten an einer großen Pinwand erfolgte gemeinsam. Es bildeten sich Cluster, die nach Abschluß des Verfahrens eingerahmt und mit Überschriften versehen wurden. Hier die Befragungsergebnisse der Gruppe. (Für die Wiedergabe hier sind die Leitsätze um Überschneidungen bereinigt.)


Abb. 1: Gruppe 1
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Schon die Zuordnung zu den einzelnen Clustern macht die hohe Erwartungshaltung an eine Ausbildung deutlich. Sie prägt die Gruppendiskussion spürbar. Die zentralen, von mir stichwortartig protokollierten, Aussagen gebe ich im folgenden wieder.

Diese nach Alter, Geschlecht und Berufszugehörigkeit gemischte Gruppe von SozialarbeiterInnen schätzt die eigene Ausbildungssituation unterschiedlich ein, wobei vor allem die länger zurückliegenden Studienerfahrungen als sehr gut bewertet wurden. Ist es nur der verklärende Blick auf Zeiten des engagierten Aufbruchs oder hat die moderne Ausbildung etwas verloren, was die "Fürsorgerinnen" noch gelernt haben? Ohne Zweifel haben diese es verstanden, ihre Berufsrolle im Spannungsfeld der medizinischen Professionen zu inszenieren und ihr Mandat für sozialtherapeutisches Handeln zu sichern. Entwickeln konnten sie eine berufliche Identität auf der Grundlage einer intensiven Praxisanleitung, die es verstand, handlungsleitendes Wissen und identitätsstiftendes Handeln zu vermitteln.

Übereinstimmend schätzen die TeilnehmerInnen der Gruppe 1 die Bedeutung von kommunikativen und persönlichen Kompetenzen als vorrangig für die psychiatrische Gesundheitsarbeit ein. Also Kompetenzen, die man im Studium am wenigsten lernt. Zentral diskutieren sie die Widerstände und Ängste von BerufsanfängerInnen, in einer Kultur des Ver-rückt-Seins sich kritisch mit der eigenen Biographie, mit den lebensgeschichtlich geformten Vorurteilen gegenüber dem Anders-Sein, mit eigenen "Psychofallen" auseinanderzusetzen. Neben der sensiblen Arbeit mit den Patienten erscheint ihnen die Zusammenarbeit mit den anderen Berufsgruppen im klinisch-psychiatrischen Feld gleichberechtigt wichtig, dazu gehört ihrer Meinung auch das Verstehen der fremden medizinischen Kultur, die stets ihre hierarchisch schon gesicherte Dominanz ausspielen muß.

Unbestritten wird das sozialmedizinische und rechtlich-aministrative Fachwissen als sehr wichtig angesehen. Da es sich aber ständig verändert bzw. erweitert, sollten Hochschulen sich in der Lehre auf die Grundlagen und die Fähigkeit wissenschaftlich zu arbeiten beschränken.

Einen breiten Raum nimmt die Betrachtung der beruflichen Veränderungen ein sowie die Frage nach den damit verbundenen Kompetenzen, die junge Sozialarbeiter mitbringen müßten:

Das berufliche Handeln in der klinisch-psychiatrischen Arbeit hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren enorm verändert. Die soziale Arbeit ist dichter, unpersönlicher und belastender geworden, seitdem der Staat sich aus der Versorgung psychisch Kranker zurückzieht und die Privatisierung ihre Spuren in der Form von Umstrukturierungen und Einsparungen hinterläßt.

Das Qualitätsmanagement durch die gesetzlichen Krankenkassen führt zur drastischen Verkürzung der Verweildauer von Patienten. Das verändert und beschleunigt die Arbeitsprozesse der Sozialarbeit: das soziale Umfeld muß schneller abklärt, die Patienten müssen schneller untergebracht und sozial absichert werden, was aber nach wie vor einen riesigen Aufwand an Abklärungsarbeit mit Rentenversicherungsträgern, Krankenkassen, Sozialdiensten , Sozialpsychiatrischen Diensten, Bezirksämtern u.ä. verlangt.

Im Suchtbereich wird die Lage als noch kritischer eingeschätzt. Aus ökonomischen Gründen ist die Verweildauer der Alkoholkranken auf wenige Tage und damit die soziale Arbeit auf die ganz schwierigen Patienten beschränkt. Die soziale Situation muß im Eilverfahren abgeklärt werden, um die Patienten -nach dem sie entgiftet worden sind - in einem sicheren Umfeld unterzubringen. Die wichtige Vernetzungsarbeit mit dem sozialen Umfeld (Selbsthilfegruppen, Anonyme Alkoholiker, Wohnungssuche, Betreutes Wohnen, Heime, Betreuung der Betreuer, ambulante Dienste, Werkstätten, Tagesstätten, Einzelfallhelfer u.a.) die psychosoziale Arbeit mit dem Patienten und die Konflikt behaftete Arbeit mit den Angehörigen soll in diesem kurzen Zeitspanne bewältigt werden.

Neben der "stressigeren" Arbeit, die langfristig sich auf die Qualitität der Patientenarbeit auswirken werde, beklagt die Gruppe vor allem die Arbeit mit den besonders schwierigen, unzugänglichen Patienten, die eine besondere Beziehungskompetenz und hohe methodische-kommunikative Fähigkeiten verlange. Eine Sozialarbeiterin bringt es auf den Punkt:"Das sind oft nicht mehr therapiefähige Patienten, mit denen wir Sozialarbeiter klar kommen müssen. Die will keiner der Therapeuten haben. Wo haben wir das denn gelernt?" Angesichts dieses Dilemmas entstehen Hoffnungen auf fachbezogene Spezialisierungen, die sie mit mehr methodischer Sicherheit und Kompetenz ausstatten könnten.

Angesichts der Arbeitsergebnisse stellt sich die Frage, ob diese auf andere Arbeits- oder Erfahrungszusammenhänge übertragbar seien. Ich habe deshalb zwei weitere Gruppen für eine Einschätzung gewinnen können. Dabei habe ich die bereits benannte Methode erweitert. Im Anschluß an das Clustering habe ich die Sozialarbeiter der zwei folgenden Gruppen gebeten, die für sie wichtigsten Ergebnisse der Diskussion schriftlich festzulegen. Ich habe hier auf Verfahren des kreativen Schreibens zurückgegriffen, also die TeilnehmerInnen aufgefordert, zügig, ohne lange zu überlegen das festzuhalten, was ihnen gerade einfällt. Dieses kreative Schreibverfahren eignet sich besonders, um ein individuelles Resümee zu erhalten, das die emotionalen und sozialen Erfahrungen mit berücksichtigt. Es ist langjährig durch meinen Kollegen L. v. Werder erprobt.

Diesem Teil der Untersuchung habe ich 20 Minuten eingeräumt. Anschließend haben die Teilnehmerinnen sich gegenseitig ihre Texte vorgestellt.

Nachdem sich die TeilnehmerInnen zunächst einmal ihren beruflichen Alltag vor Augen geführt und anschließend reflektiert hatten, was ihnen in der Ausbildung an der Alice -Salomon -Fachhochschule gut bekommen war und was sie weniger bekömmlich fanden, wurden die gestellte Aufgabe mit Begeisterung aufgenommen.

Die Kartenabfrage und die Zuordnung zu Clustern - hier um alle Überschneidungen gekürzt- zeigt auf den ersten Blick eine erstaunliche Übereinstimmung mit der ersten Gruppe.


Abb. 2: Gruppe 2
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Die Gruppe 2 bestätigt den allgemeinen Anspruch: die Lehre an der Fachhochschule hat die Aufgabe die zukünftigen BerufsrollenträgerInnen mit fundierten Wissen über psychiatrische Krankheitsverläufe und Wissensbestände über administrativen- rechtlichen Zusammenhängen auszustatten. Das ist die Grundlage allen professionellen Handelns.

Deutlich unterschieden sich die Gruppen in der Forderung an die Hochschule, Studierende mit einem "gesunden" Selbstbewußtsein gegenüber anderen Berufsgruppen zu versehen bzw. ein Bewußtsein für die Besonderheit der Sozialarbeit auszurüsten. Hier wird der Wunsch nach beruflicher Orientierung, nach einer professionellen Identität deutlich, welche die beruflich Praxis ohne wissenschaftliche Unterfütterung nicht leisten könne. Eine kritische Grundhaltung und die intellektuelle Offenheit sei die notwendige Unterstützung, die ein Studium der Sozialarbeit zu leisten habe. Mit dem Wunsch, sich im Selbstverständnis abzugrenzen und behaupten zu können, sind Items verbunden wie Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit gut zu präsentieren. Das verdeutlicht eine kämpferische Haltung, die der beruflich krisenhaften Situation im Gesundheitsbereich angemessen erscheint.

Der implizit formulierte Anspruch an die Hochschule sollte genauer betrachtet werden. Sie hat danach die Aufgabe, Studierende der Sozialarbeit sowohl als zukünftige Wissenschaftlerinnen als auch PraktikerInnen zu begreifen, wissenschaftliche Ergebnisse didaktisch und praxisnah aufzubereiten, Forschungsfragen der Praxis aufzunehmen zu formulieren.

Wenig Übereinstimmung zeigt das Cluster "persönliche und kommunikative Kompetenz" allerdings erst bei genauerer Betrachtung. Sich selbst mit eigenen Ängsten wahrzunehmen und Distanz und Nähe auszubalanzieren erscheint von hervorragender Bedeutung für die psychiatrische Gesundheitsarbeit, da stimmen die Gruppen überein. Sie unterscheiden sich jedoch in ihrem Verständnis von Gesundheit und Krankheit, in ihrer Verpflichtung auf eine ganzheitliche Sicht, der Person- in-der Situation Perspektive, die der sozialen Arbeit ein eindeutiges Vorgehen zuschreibt und sie so verorten kann.

Bevor die Gruppendiskussion interpretiert werden soll, möchte ich die abschließenden individuellen Resümees vorstellen, die weitgehend für sich selbst sprechen.

Diese Sozialarbeiterinnen setzen sich kritisch von den SozialarbeiterInnen der psychiatrischen Klinik ab, suchen Ihre professionelle Identität durch ein neues Verständnis des Auftrags der sozialen Arbeit in der psychiatrischen Gesundheitsarbeit und durch eine klare Vertretung dieses Auftrags nach außen. Obgleich persönliche und kommunikative Kompetenz als besonders wichtig eingeschätzt werden, mißt diese Gruppe einer therapeutische Ausbildung keinen besonderen Stellenwert bei. Impulse für ein professionelles Selbstverständnis kann ihrer Meinung nach nur aus der Sozialarbeit selbst entstehen.

Die Sozialarbeiterinnen der Gruppe 2 verstehen sich als engagierte selbstkritische Sozialarbeiterinnen, denen die Organisation des Fachhochschulstudiums - so wie sie es in Erinnerung haben - fragwürdig erscheint: Wenn Sozialarbeit sich als handlungsorientierte Disziplin auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse versteht, muß sie auch in der Lage sein, für den Bereich der Psychiatrie identifizierbare sozialarbeiterischen Handlungs- oder Interventionsformen zu entwickeln. Die traurige Realität ist aber die: das Handlungsinventar der Sozialpsychiatrie ist immer noch deutlich an der Medizin ausgerichtet. Die Berufsgruppe der Ärzte dominiert nach wie vor Patientenversorgung, wenngleich sie auf die Kooperation mit anderen Berufsgruppen angewiesen ist. Sozialarbeiter bekommen in diesem sozialen Kooperationsgefüge nicht die Anerkennung, die ihnen aufgrund ihres besonderen Auftrag zustehen könnte.

Die Texte der Teilnehmerinnen zeigen allerdings, daß ihr hoher Anspruch bei der Umsetzung in Zielvorstellungen für die Lehre auf Praxisnähe runtergefahren wird. Durchgängig erscheint mir dabei der Wunsch nach einer handlungsleitende Theorie der sozialen Arbeit sein, die Differenz mit einem eigenen aus der sozialen Arbeit entwickelten Erklärungskonzept versehen könnte.


Abb. 3: Gruppe 3
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Die Kartenabfrage und die Zuordnung in Cluster zeigen deutlich die Nähe zum gerade absolvierten Studium. Die junge Generation der SozialarbeiterInnen unterscheidet sich in vieler Hinsicht von ihrer BerufskollegInnen. Zunächst einmal weiß diese Gruppe um die Bedeutung der Betriebswirtschaft und des Sozial-Managements für die soziale Arbeit im Gesundheitsbereich. Die Vermittlung dieser Kenntnisse, gefolgt von Grundzügen des Recht stehen im Vordergrund. Erst dann folgt die Vermittlung fachbezogenen Wissens unter Einbeziehung des Genderaspekts.

Erkennbar ist, daß die TeilnehmerInnen eindeutig Anerkennung via therapeutische Kompetenz suchen, wobei sie in ihren Vorlieben für bestimmte Methoden und Ausrichtungen die Nähe zur Sozialarbeitspraxis ausdrücken. Umstritten in der Diskussion um Professionalität war, ob die Berufsgruppe der Ärzte und Psychologen eine Vorbildfunktion für Sozialarbeiter haben könnten. Die Kooperation mit diesen Berufsgruppen läßt die Minderwertigkeit des eigenen Berufs spüren. Sozialarbeit im klinisch-psychiatrischen Bereich ist nicht in der Lage, sich zu positionieren, den eigenen Arbeitsauftrag zu definieren. Damit gibt sie implizit Erlaubnis für eine "Sozialarbeiter resistente" Einstellung.

Sie definieren Sozialarbeit als kooperativ, multidiziplinär und ganzheitlich im Verstehen, was über den sozialen Fokus hinausgehende Lösungsvorstellungen verlange. Gute Sozialarbeit, da gibt es Konsens, fordere eine Anhäufung von Kenntnissen und Fähigkeiten, die eine Person allein kaum leisten könne.

Die gewichtigen Probleme der beruflichen Orientierung sind Anzeichen für Lernprozesse reflektierter Berufsanfänger. Das Bild hebt sich in diesem Kontext von den der anderen Gruppierungen ab. Diese Gruppe bewegt die fehlende Anerkennung ihres beruflichen Handelns, die Bedrohung der professionellen Identität sowie die Berufsrivalitäten im Verteilungskampf um die verknappten Stellen. Die Forderung "Konkurrenz statt Kooperation" erscheint als Kampfansage. Die Moral des Nichtverletzens wird sehr bewußt zugunsten einer Streitkultur zurückgestellt.

Die Diskussion in dieser Gruppe spiegelt den Druck des Arbeitsmarktes im Gesundheitsbereich und macht plastisch, wie angewiesen gerade Berufsanfänger auf eine solide wissenschaftlich fundierte Ausbildung sind, die sie mit Selbstbewußtsein und operationalem Wissen ausrüstet. Die Realität des Studiums wird anders erlebt. Zwei der Sozialarbeiterinnen möchten weiter studieren und promovieren, um als Hochschullehrerinnnen (besser) zu lehren und mit Studierenden den Berufsalltag der Sozialarbeit zu erforschen. Ein weiterer Anhaltspunkt dafür, daß sich diese Gruppe eher mit dem wissenschaftlichen Anspruch als mit dem Praxisalltag identifiziert.

Wie ist diese Haltung einzuschätzen? Die Gruppe der Berufsanfängerinnen hat sich mit ausgetrockneten Arbeitsplätzen, mit Zeitverträgen und dem Druck der Überleitung in Privatstiftungen abzufinden, wenn sie überhaupt in der Sozialarbeit tätig sein will. Die Wissenschaft, insbesondere die Sozialarbeitswissenschaft ist Hoffnungsträger, dient aber auch der Abwehr von Frustration. Die TeilnehmerInnnen hatten sich das berufliche Leben anders vorgestellt, fühlen sich unvorbereitet auf die vielgestaltigen Anforderung des Alltags. Erschwerend kommt hinzu, daß die identitätsstiftende Praxisanleitung, von der einige TeilnehmerInnen der Gruppe 1 geschwärmt haben, nur noch in Ausnahmeerscheinung ist.

Klar strukturiert formuliert die Gruppe ihre Ansprüche an therapeutische und beratende Kompetenz, die Ihr - wie auch den anderen Gruppen - für die Gesundheitsarbeit zentral erscheint. Der Katalog ist umfassend ohne diffus zu werden. Es ist die systemische/lösungsorientierte Methode, die favorisiert wird. Analytische Schärfe und diagnostische Fähigkeiten sind das Ziel wie auch die Fallarbeit mit qualitativen empirischen Methoden. Die Diskussion hierzu offenbart, wie schonungslos sich diese TeilnehmerInnen mit sich selbst und den Anforderungen ihrer Arbeitsplätzen auseinandergesetzt haben. Ihr Anforderungskatalog an die Lehre läßt erkennen, daß ein grundständiges Studium immer zu kurz greifen muß. Zu umfassend sind die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten für die soziale Arbeit im Gesundheitsbereich, deren Aufgabenstellung widersprüchlich und mehrperspektivisch ist. Und wer sollte sie vermitteln? Diese Frage beantworten sie eindeutig. Dazu ist nur ein Hochschullehrer in der Lage, der selbst Sozialarbeiter ist/war und eine identitätsstiftende Funktion für die Studierenden hat. Diese Aufgabe auszufüllen ist das Ziel der Sozialarbeiterinnen, die ihr Studium fortsetzen und mit einer Promotion abschließen wollen.

Die schriftlichen Zusammenfassungen des Gruppengesprächs werden im folgenden vorgestellt.

Diese Gruppe hat offenbar zufrieden und mit großen Interesse das Studium absolviert. Um so härter trifft sie die berufliche Realität der Sozialarbeit im Gesundheitsbereich: Sie fühlen sich wenig auf die Arbeit in schwierigen Beziehungskontexten vorbereitet und erfahren auch nicht mehr die nötige Einarbeitung durch Kollegen. Sie befürchten selbst zu einer marginalen Berufsgruppe im rasant wachsenden Gesundheitsbereich werden zu können. Stellenanzeigen wie folgende lassen diffuse Angst Gestalt annehmen: Psychiatrische Tagesklinik sucht Sozialarbeiter/in oder Pfleger/in.

Die Ergebnisse der Befragung überraschen nicht angesichts der drastischen Veränderungen im Bereich der Gesundheitsversorgung, sie beantworten aber meine Fragestellung. Ein Studiengang "Klinische Sozialarbeit" kann einer von mehreren notwendigen Schritten zur Schärfung des beruflichen Profils und zur höheren Qualifikation der Sozialarbeit im Gesundheitsbereich sein.

Bei einer abschließenden Betrachtung der Befragung treten zwei Komplexe hervor, sie beschäftigen alle drei Gruppen, wenn auch unterschiedlich in der Gewichtung: Das sind

  1. die Frage nach der eigenen professionellen Identität, verbunden mit der Suche nach Anerkennung und

  2. die Darstellung der als besonders belastend erlebten Arbeit mit "schwer zugänglichen" Menschen (Crefeld) im Bereich der psychiatrischen Gesundheitsarbeit. Menschen, bei denen medizinische der psychologische Behandlungsversuche häufig gescheitert sind und die die SozialarbeiterInnen in besonderer Weise emotional verunsichern, sie an den eigenen Fähigkeiten zweifeln lassen.

Von Fachkreisen wird eine Weiterentwicklung und Verfeinerung von Methoden vor allem für die Gesundheitsarbeit schon über Jahre vorgetragen. Die Anstöße blieben allerdings lange ohne Resonanz, weil sie die Nähe zur klinisch-ärztlichen Tätigkeit suggerieren und die Gefahr einer Medikalisierung der Klienten sowie den Verlust der beruflichen Eigenständigkeit heraufbeschwören. Es sind die genannten berufspolitischen Veränderungen - Konkurrenz und Verdrängungsprozesse - die eine Neuorientierung vorantreiben. Im fachwissenschaftlichen Diskurs wird heute eine fachliche Spezialisierung mehrheitlich als überfällige Schärfung des Berufsprofils angesehen, ohne die Sozialarbeit im Bereich der Gesundheitsversorung und Rehabilitation auf Dauer entbehrlich erscheine. Nachdrücklicher kann eine Prognose mit einer Empfehlung nicht mehr formuliert werden.

Leisten kann das nur ein Weiterbildungs- oder ein Masterstudiengang, der das Profil und den Entwicklungsstand der Klinischen Sozialarbeit (clinical social work), so wie sie in USA praktiziert wird, in modifizierter Form überträgt. In den U.S.A. ist die Klinische Sozialarbeit ein anerkannter Praxis- und Forschungsbereich der Sozialarbeit mit eigener Universitätsausbildung und Promotionsmöglichkeit sowie einer berufspolitischen Anerkennung, "clinical social worker".

Die Fachhochschule Coburg hat Pioneerarbeit geleistet und einen 6 semestrigen, berufsbegleitende Masterstudiengang im Wise 2001 gestartet, in dem Klinische Sozialarbeit als eine Teildisziplin der Sozialen Arbeit bezeichnet wird, die sich mit schwerwiegenden psychosozialen Störungen sowie den sozialen Aspekten psychischer und somatischer Abweichungen, Störungen, Krankheiten und Behinderungen unter Berücksichtigung der Lebenslage der Betroffenen befaßt. Darin werden (neben Organisation, Planung und Sozialmanagement) folgende Module für die fachlich- inhaltliche Gestaltung vorgesehen:

Interventionskompetenzen: Beratung und Soziotherapie, Assessment und soziale Diagnostik, Konflikt- und Krisenmanagement, personale und kommunikative Kompetenzen im Umgang mit Klienten/innen, Vermittlung wissenschaftlicher Grundlagen der klinischen Arbeit sowie Forschungsmethoden, Supervision und Evaluation. Der Studiengang verleiht den Titel: Master of Social Work (M.S.W.).

Auch die Alice-Salomon-Fachhochschule hat die Schärfung des beruflichen Profils in Angriff genommen:

Die Weiterbildungskommission hat zum WiSe 2001 einen 4 semestrigen, berufsbegleitenden Studiengang "Fachkräfte für die psychosoziale und psychiatrische Arbeit" eingerichtet, der sich stark am Curriculum der Fachhochschule Coburg orientiert. Mit diesen Studiengang können wir quasi in einem Pilotdurchgang erproben, mit welchen Anforderungen und gegen welche Widrigkeiten der Anspruch auf Qualifizierung sich einlösen läßt und was die Fachhochschule zur Weiterentwicklung von Theorie und Praxis beitragen kann. Und - last but not least - ob die Alice-Salomon-Fachhochschule genügend Interesse hat und über ausreichende Ressourcen verfügt, um sich für ein größeres Projekt wie einem Masterstudiengang zu engagieren.

Bist du dabei, liebe Britta?


Autorin: Dr. Brigitte Geißler-Piltz, Professorin und Pro-Rektorin an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Berlin, e-mail: geissler-piltz@asfh-berlin.de


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