Das Autopoiesis-Konzept im Radikalen Konstruktivismus

Diskussion theoretischer Variationen an einem Fallbeispiel in der sozialpädagogischen Beratungspraxis

von Uli Graf (Mai 2006)

Ist der Begriff der Autopoiesis eine Denkkonstruktion, die ähnlich wie Sigmund Freuds Wiederholungszwang nun zur bleibenden Idee wird? Mit den Wurzeln dieses Begriffes und den darüber hinausgehenden Überlegungen, nämlich wie die Autopoiesis in der Fachliteratur rezipiert wurde und fallbezogen zu unterschiedlichen Ergebnissen führt, möchte sich der folgende Beitrag befassen. Der exemplarisch vorgestellte Fall aus der sozialpädagogischen Beratungspraxis mag trocken anmuten, er führt jedoch in der anschließenden Interpretation ausgehend vom Radikalen Konstruktivismus und seiner "Exegese" zur eigentlichen Trennlinie unterschiedlicher Auffassungen in der Erkenntnistheorie (Epistemologie). Im folgenden Beitrag wird sichtbar, wie stark theoretische Variationen des Autopoiesis-Konzepts in der Praxis zu unterschiedlichen Interpretationen führen.

Das Interesse, die Autopoiesis auf die Dynamik sozialer Systeme zu übertragen, führte zu neuen Überlegungen sowohl in der Theorie sozialer Systeme (bei Luhmann) als auch in der sozialpädagogischen und (psycho-)therapeutischen Arbeit. Ausgangspunkt jeder Beratung ist die Anamnese und Diagnose. Beide Begriffe sollen vorweg auch Ausgangs-punkt für die einleitenden Überlegungen sein, denn mit ihnen rückt der Standpunkt des Betrachters in den Mittelpunkt, der im Radikalen Konstruktivismus auf die Ebene einer konstruierten und intersubjektiven Wirklichkeitsauffassung gestellt wird.

Einleitung

Im Bereich der psychosozialen Diagnostik der Sozialen Arbeit spricht Maja Heiner in ihrem Aufsatz im Handbuch für Sozialarbeit / Sozialpädagogik von unterschiedlichen diagnostischen Ansätzen, die "quer zu den zentralen Grundrichtungen der psychologischen Diagnostik"  (wie z.B. der Selektions- / Klassifikationsdiagnostik und Modifikationsdiagnostik) liegen (Heiner 2001, S. 255). Wenn in der folgenden Arbeit ein Fallbeispiel aus der sozialpädagogischen Beratungspraxis vorgestellt werden soll, dann drängen sich Fragen auf, wie: Was läuft ab? - Und was kann man tun? Diese Fragestellungen verweisen zunächst auf die Art und Weise der Diagnose eines bestimmten "Falles". Um Maja Heiner noch einmal zu zitieren, verweisen die unterschiedlichen Diagnoseverfahren grundsätzlich auf die Unterscheidung von "objektivistischen und konstruktivistischen Konzepten" (Heiner, ebd.). Objektivistische Ansätze gehen davon aus, so Heiner, dass es möglich ist, "Tatbestände eindeutig zu bestimmen und sie so zu beschreiben und zu charakterisieren, dass die Zuordnung zu einem Begriff (z.B. sexueller Missbrauch, mangelnde Erziehungsfähigkeit oder Selbst- und Fremdgefährdung) eindeutig möglich ist", vorausgesetzt, dass man den Begriff vorher operational definiert hat, d.h. festgelegt hat, woran man z.B. mangelnde Erziehungsfähigkeit erkennen kann. Ein sozialer Tatbestand wird unter dieser Prämisse als objektiv gegeben betrachtet. Konstruktivistische Ansätze dagegen gehen davon aus, dass soziale Tatbestände immer das Ergebnis von Interpretationen im Rahmen aktueller Interaktionsprozesse auf der Basis tradierter, kultureller Deutungsmuster sind. "Was als "verwahrlost" beurteilt wird oder was als "inkonsequenter" Erziehungsstil angesehen wird, ist milieu- und situationsabhängig. [...] Was Menschen für real halten, wird dadurch erst zu einer Realität, die ihr Leben beeinflusst. Soziale Wirklichkeit ist immer nur unter Berücksichtigung der Perspektiven der Beteiligten verständlich."

Dies führt zur Auffassung der konstruierten Sichtweise im radikalen Sinne. Um mit dem Anthropologen und Ethologen Gregory Bateson zu sprechen, gibt es keine objektive Erfahrung: "Die Erfahrung der Aussenwelt ist immer durch besondere Sinnesorgane und Nervenbahnen vermittelt. In diesem Maße sind Objekte meine Produkte, und meine Erfahrung von ihnen ist subjektiv, nicht objektiv." (Bateson 1987, S. 42) Ernst von Glasersfeld bemerkt hierzu: "Ich nannte mein eigenes Modell "radikal"" [...], denn, "Wissen wird vom denkenden Subjekt nicht passiv aufgenommen, sondern aktiv aufgebaut." (Glasersfeld 1997, S. 48). Die Wirklichkeit ist deshalb nichts objektiv Vorfindbares ausserhalb unserer Wahrnehmung. "Beobachter und Beobachtetes sind untrennbar verknüpft" - auch die Sicht von Mitmenschen (von Förster 1992, S. 44).

Wenn wir also einen Problemfall in der sozialpädagogischen Praxis beratend begleiten und nach einer Lösung suchen, dann kann in diesem Sinne die Frage gestellt werden,

  1. ob man sich an "objektiven Gegebenheiten", die ausserhalb von uns selbst liegen, orientiert oder ob der Beratungprozess zu einer Form der "intersubjektiven" (1) Wirklichkeitsgestaltung wird, die in diesem Sinne eine beraterische Lösung als erreicht erscheinen lässt und

  2. die Frage aufwirft, wie letztendlich die Beeinflussung des Klienten "funktioniert" hat.

  3. Ferner stellt sich die Frage, wie ein soziales System (zwischen Klientin / Klient und Beraterin / Berater), innerhalb dessen sich ein Problem manifestiert, erst entsteht und aufrechterhalten wird.

So gesehen ist im klassischen, wissenschaftlichen Sinne ein Problem allgemeingültig definiert, wohingegen im Konstruktivismus eine besondere Zugangsweise gilt, die im folgenden am Spezialfall des sogenannten "Radikalen Konstruktivismus"  (mit seinen Vertretern u.a. von Ernst von Glasersfeld, Heinz von Foerster, Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela und Paul F. Dell, Peter M. Hejl)  untersucht werden soll, wobei Luhmanns funktional-analytischer Ansatz mit in die Betrachtungen einbezogen und diskutiert wird, weil er besonders soziale Systeme berührt.

Untersuchungsdesign und Auswertungsverfahren

Das Untersuchungsdesign bildet eine Einzelfallanalyse (Mayring 2002, S. 41 ff.) an einem konkreten Fall aus der sozialpädagogischen Praxis einer geförderten Einrichtung des sog. "zweiten Arbeitsmarkts" (vgl. Erläuterung im anschließenden Fallbeispiel, unten). Schließlich sollen methodisch mittels Textauslegung anhand des Falles Hauptmerkmale des Radikalen Konstruktivismus aufgezeigt, auf den Fall unter Auswahl bestimmter Beispiele hypothetisch angewendet und diskutiert werden. Es soll darauf hingewiesen werden, dass keine Lösung des Falles angestrebt wird, weil dieser auf Grund seines qualitativen Inhalts nur spekulative Lösungen zulässt, die allenfalls in Form einer Diskussion erörtert werden können. Im ersten Teil wird ein Fall in einer Fördereinrichtung vorgestellt, im zweiten Teil werden Hauptmerkmale des Konstruktivismus an ausgewählten Aspekten des Fallbeispiels erörtert und diskutiert. Drei Hauptmerkmale als Kennzeichen für den Radikalen Konstruktivismus sollen dargestellt werden:

Der Fall

... ist frei erfunden insofern als Versatzstücke wirklicher Begebenheiten zusammengebaut wurden und nun ein Ganzes ergeben. Die Namen sind frei erfunden. Der Fall, der sich mit klassischen Betreuungsfällen in Fördereinrichtungen des Zweiten Arbeitsmarkts befasst, wird nun dargestellt und soll Ausgangspunkt für die weiterführenden Überlegungen sein:

Frau Paula B. (33), alleinerziehend, eine Tochter (Lena  12), seit drei Jahren geschieden, arbeitet im Rahmen eines befristeten Arbeitsvertrages halbtags in einer Fördereinrichtung des Zweiten Arbeitsmarkts (2) als Reinigungskraft in der Kühlgeräteinstandsetzung. Ihr Arbeitsplatz wird über öffentliche Fördergelder der Landeshauptstadt München und des Sozialamts finanziert und schließt das Angebot einer sozialpädagogischen Betreuung mit ein. Das Ziel der Betreuung ist, Langzeitarbeitlose und Menschen mit psychischer oder körperlicher Behinderung in den Arbeitsprozess zu reintegrieren, sie in Arbeit (oder alternativ in Behinderteneinrichtungen) zu vermitteln. Frau B. hat von einer geförderten Beschäftigungsmöglichkeit dieser Art vom Sozialamt erfahren und sich in dem Betrieb, wie sie sagt, selbständig beworben. Dort arbeitet sie nunmehr seit viereinhalb Monaten vormittags, wenn ihre Tochter die Schule besucht. Ihre Tochter geht auf die Hauptschule und möchte Friseurin werden. Frau B. selbst hat nach einer abgebrochenen Lehre bis zu Ihrer Heirat mit 21 Jahren als Bürokraft gearbeitet und ist seit ihrer Scheidung auf Unterhaltszahlungen ihres geschiedenen Mannes angewiesen, der allerdings arbeitslos ist, Alkoholprobleme hat und sehr oft den Unterhalt nicht zahlt. Frau B. bezog vor ihrer Beschäftigung Sozialhilfe für die Familie sowie Kindergeld. In der vormaligen Ehe hat sich Frau B. für einige Anschaffungen der Familie, seien es Wohnzimmermöbel, Kleidung oder ein Auto, bei Krediten ihres Ehemannes mitverpflichtet. Die Banken wenden sich also auch an Frau B. mit Rückzahlungsforderungen und der Gerichtsvollzieher war auch schon da; der fand keine pfändbaren Gegenstände und kein Bargeld. Er riet Frau B. nach einem längeren Gespräch, das private Insolvenzverfahren anzustreben. Die betreuende Sozialarbeiterin greift den Gedanken auf und möchte sich zusammen mit der Klientin bei einer Schuldnerberatungsstelle über die Möglichkeiten eines "Privatkonkurses" erkundigen und schlägt diesen Plan ihrer Klientin vor. Frau B. wehrt allerdings ab und verweist auf ihren Mann. Er solle die Schulden zahlen! Sie habe während der Ehe immer wieder Geld, das sie von ihrer Mutter bekommen habe, für die Rückzahlung der Kredite verwendet. Es schwelt Hass zwischen den geschiedenen Eheleuten und Frau B. möchte am liebsten, dass Lena ihren Vater nicht mehr sieht, jedenfalls bis er eine Entziehungskur gemacht hat. Eine Mediation damals sei auch schief gelaufen, sagt Frau B.  Man habe sich im völligen Streit getrennt. Allerdings hat Frau B. ihren Mann vor zwei Wochen in einer Kneipe getroffen und gesehen, wie er trinkt. Er habe ihr, sagt sie, "irgendwie leid getan". Sie müsse gleichzeitig daran denken, wie oft sie nach Streitigkeiten wieder von ihrem vorübergehenden "Unterschlupf" bei ihrer Mutter zurück zu ihm sei, sogar als er sie geschlagen hatte. Sie habe das sieben Jahre gemacht, erduldet und ertragen. Ihre Mutter war immer gegen die Heirat gewesen und nun sei sie auch gegen ihren neuen Freund, den sie vor vier Monaten kennengelernt habe. Er sei "fast genauso" wie ihr Ex-Mann, kommentiert ihre Mutter, nur dass er nicht trinkt und arbeitet. "Noch nicht", sagt sie. Wie aus den Erzählungen hervorgeht, würde die Mutter am liebsten ihre Tochter zusammen mit ihrem Enkelkind bei sich aufnehmen, da nach dem Tod ihres Mannes in der Vierzimmerwohnung wieder Platz sei. Frau B. möchte das nicht und hat das ihrer Mutter gesagt. Frau B. besucht sehr häufig ihre Mutter, die ihr immer wieder Geld zusteckt und außerdem zeitweilig auf Lena aufpasst. Wie der betreuenden Sozialarbeiterin in einem Gespräch mit Frau B. bekannt wird, ist ihr neuer Freund nach einem Kneipenbesuch deutlich alkoholisiert nach Hause gekommen. Er habe eine betriebsbedingte Kündigung erhalten, die er noch nicht verkraftet habe. Er möchte zum Arbeitsgericht gehen und sich zur Wehr setzen. Allerdings bleibt er die nächsten Tage zu Hause und ist frustriert. Die Sozialarbeiterin vermutet, dass nun auch bei dem jetzigen Freund von Frau B. auf Grund der veränderten beruflichen Lage eine Alkoholerkrankung sichtbar geworden ist, die Frau B. erneut belasten könnte. Sie empfiehlt Frau B.  deshalb, sich bei einer Ehe- und Familienberatungsstelle Unterstützung zu holen. Die Sozialarbeiterin vermutet eine Co-Abhängigkeit bei Frau B., jedenfalls seien die Probleme erneut da und dadurch sei Frau B. auch nur eingeschränkt arbeitsfähig, denkt sie. Das Reintegrationsziel sei gefährdet. In den letzten Wochen sei die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage gestiegen. Als sich Frau B. in einem langen Gespräch mit der Sozialarbeiterin einverstanden erklärt, sich bei einer entsprechenden Stelle beraten zu lassen, macht sie allerdings gleichzeitig ihren Standpunkt klar, nämlich dass sie zwar familiäre Probleme habe, das größte Problem allerdings sei, keine Vollzeitarbeitsstelle im Bürobereich annehmen zu können, weil ihre Tochter nachmittags noch ihre volle Aufmerksamkeit benötige. Die Erziehung ihrer Tochter wäre bei einer Ganztagsabwesenheit gefährdet. Ihre Tochter würde dann sicherlich genauso kiffen, wie sie es in ihrer Jugend getan habe. Außerdem sei sie seit längerem aus ihrem Beruf "raus", bräuchte eine Einarbeitungschance, zu der die meisten Arbeitgeber nicht bereit wären, und außerdem habe sie Schulden. Die Sozialarbeiterin erwidert, dass Frau B. erst einmal sich und dem Betrieb beweisen müsste, dass sie zumindest halbtags ohne krankheitsbedingte Fehlzeiten arbeiten kann. Erst dann überhaupt könne sie eine Vollzeittätigkeit anstreben.

Frau B. geht nicht zur Beratungsstelle, sucht aber immer wieder das Gespräch mit ihrer betreuenden Sozialarbeiterin, der sie ihre "Sorgen" erzählt. Die Sozialarbeiterin allerdings reduziert die Gespräche immer mehr, weil sie, ohne es laut zu sagen, das Gefühl hat, dass Frau B. an ihrer Situation nicht wirklich etwas verändern wolle. Dadurch sei das Reintegrationsziel nicht erreichbar. Ihre Argumente:

  1. Frau B. lässt sich im Hinblick auf die Schuldensituation nicht beraten,

  2. sucht die Eheberatungsstelle nicht auf,

  3. reduziert ihre Fehlzeiten nicht,

  4. sucht nicht aktiv nach einer Arbeitsstelle,

  5. sucht bzgl. einer Nachmittagsbetreuung ihrer Tochter Lena keine Lösung.

Das Autopoiesis-Konzept

Der Begriff Autopoiesis ist zusammengesetzt aus den griechischen Begriffen "autos" = selbst und "poiein" = machen (vgl. Maturana 1985, S. 141). Autopoietische Systeme (3) sind also solche, die sich "selbst machen" können. Selbstherstellung und Selbsterhaltung sind somit Grundeigenschaften dessen, was als Autopoiesis bezeichnet wird. Das Autopoiesis-Konzept wurde von den Biologen MATURANA und VARELA entwickelt und bezeichnet die Auffassung, dass sich lebende Systeme (4) selbst reproduzieren:

"Autopoietische Systeme sind operativ geschlossene Systeme, die sich in einer "basalen Zirkularität" selbst reproduzieren, indem sie in einer bestimmten räumlichen Einheit die Elemente, aus denen sie bestehen, in einem Produktionsnetzwerk wiederum mit Hilfe der Elemente herstellen, aus denen sie bestehen" (Maturana 1982, S. 58). Etwas vereinfacht ausgedrückt reproduziert "ein autopoietisches System die Elemente, aus denen es besteht, mit Hilfe der Elemente, aus denen es besteht" (Willke 1991, S. 43).

Der Begriff Elemente ist nach der Definition innerhalb der Systemtheorie von Niklas Luhmann, der den Begriff der Autopoiesis im sozialen Bezugsrahmen aufgreift, jeweils das, "was für ein System als nicht weiter auflösbare Einheit fungiert" (Luhmann 1987, S. 43). Elemente sind je nach dem Atome, Zellen und in sozialen Systemen z.B. Kommunikationen und Handlungen (Luhmann 1987, S. 240). Luhmann wird an dieser Stelle zitiert, weil ein Beratungsgespräch (z.B. Sozialarbeiterin - Adressatin) als soziales System, in dem sich Menschen in irgendeiner Weise aufeinander beziehen, bezeichnet werden könnte. Luhmann verwendet den Begriff der Autopoiesis im Rahmen einer selbständigen Systemtheorie im Bereich der Erklärung sozialer Systeme (funktional-struktureller Ansatz, vgl. Miller, S. 31, 2001).

Dies führt zu der Fragestellung, inwieweit das Autopoiesis-Konzept, das von Luhmann zur Beschreibung sozialer Systeme aufgegriffen worden ist (vgl. Luhmann 1987, S. 60 ff.), auf soziale Systeme übertragbar ist, obwohl Varela und Maturana eine Übertragung des Autopoiesisbegriffs auf soziale Systeme ausgeschlossen haben (Varela 1994, S. 121; s.a. Fischer 1993, S. 19). Allenfalls bestehen Interaktionen zwischen autopoietischen (Bewusstseins-)Systemen (vgl. Maturana) (5). Der Mensch beziehungsweise sein psychisches System (= Bewusstsein) ist bezüglich seiner Denk- und Handlungsweise nach den Erfindern des Autopoiesis-Begriffs autopoietisch und von seiner Umwelt nur so weit beeinflussbar, wie die Bewusstseinsstrukturen dies erlauben (vgl. "kognitiver Bereich" bei Maturana 1985, S. 268). Ein soziales System, gebildet aus der "Verkoppelung" von Individuen, hingegen, ist ein "nicht-hierarchisches allo-poietisches System" (nach Maturana), das mit einem entscheidenden Unterschied sich nicht wie bei lebenden Systemen selbst hervorbringt (ebd., S. 312; mit expliziter Argumentation vgl. auch Hejl 2003, S. 131 ff.); ferner seien topologische Grenzen (>6), die autopoietische Systeme von ihrer Umwelt abgrenzen, bei sozialen Systemen nur schwer bestimmbar (vgl. Varela 1987, S. 121). Diesen fehlenden Aspekt überbrückt Luhmann, indem er für soziale Systeme den "Operationstypus" der Kommunikation einführt (und weitere Aspekte, z.B. das System als "Sinnsystem") und den Begriff der Autopoiese für anwendbar erklärt (Luhmann 1987, S. 61, 64). Es entsteht schließlich ein autopoietisches (soziales!) System, das er im gleichen Sinne als "selbstreferentiell" bezeichnet (ebd., S. 59). Gemäß der Definition von Maturana, hingegen, erzeugen allopoietische Systeme "durch ihr Funktionieren etwas von sich selbst Verschiedenes (wie im Beispiel des Autos)" (Maturana 1985, S. 186), was bei einem sozialen System seiner Auffassung nach ausschließlich der Fall ist, da es sich (im Gegensatz zu Luhmanns Auffassung) nicht selbst erzeugt. Dem Autopoiesis-Begriff inhärent ist ebenso, dass ein System "homöostatisch" (7) seine eigene Organisation (d.h. das sie definierende relationale Netzwerk) als die grundlegende Variable konstant hält (ebd., S. 185) und gleichermaßen aus einer Organisation und einer Struktur besteht, die determiniert ist. Struktur (>8) bezeichnet in diesem Zusammenhang die konkrete Ausgestaltung der Elemente und Beziehungen innerhalb des Systems, während sich Organisation (9) auf jene Merkmale und Eigenschaften bezieht, die vorhanden sein müssen, damit das System noch als eigenständige Entität erkannt werden kann. Änderungen der Organisation können nur insoweit stattfinden, als sich die autopoietische Struktur nicht auflöst, was zum Verlust der Lebensfähigkeit führen würde. Alles was nicht zur Auflösung führt, würde in graduellen Abstufungen als Zustandsveränderung, struktureller Wandel oder "Perturbation" des Systems bezeichnet (Maturana 1987, S. 109). Beziehen sich Systeme aufeinander und stehen sie im gegenseitigen Austausch (= Interaktionen), koppeln sie sich strukturell und erschließen kognitiv einen Bereich der übereinstimmenden Wahrnehmung (= konsensueller Bereich) (ebd., S. 110). Beobachtet der / die Beobachterin sich selbst, erschließt er / sie einen konsensuellen Bereich "zweiter Ordnung" (Maturana 1985, S. 269).

Der Begriff der Autopoiesis ist mittlerweile auf theoretische Konzepte und Vorgehensweisen bei Wirtschaftsorganisationen übertragen worden, z.B. im Bereich der Organisationsentwicklung (vgl. u.a. Wagner 2001, S. 24) oder in der Managementlehre (vgl. u.a. Reinspach 2001, S. 22 ff.; Kirsch 1992, S. 185). Teilweise wird der Begriff im direkten Sinne übertragen oder einschränkend (10) verwendet. Gleichermaßen wird er in anderen wissenschaftlichen Disziplinen verwendet, u.a. auch in der Sozialarbeitswissenschaft (vgl. Wendt 1982, S. 86; Miller 2001, S. 60 ff.) und in der Therapie.

Autopoiesis im vorliegenden Fall

Im vorliegenden Fall möchte ich zwei Standpunkte herausgreifen:

  1. Der biologisch-kognitive Autopoiesis-Begriff nach Maturana:
    Dieser Ansatz würde stringent lediglich eine Anwendung auf die physische Verfasstheit der Personen (von Paula B., ihrem Lebenspartner, Tochter Lena, der Mutter, dem geschiedenen Ehemann, der Sozialarbeiterin) sowie deren Denkweisen zulassen - auch im sozialen Sinne, allerdings gibt es hier eben keine Autopoiesis sozialer Systeme:

    Exemplarisch sollen Beispiele aus dem vorliegenden Sozialfall herausgegriffen werden. Autopoiesis könnte in folgender Weise nach dem Theorieansatz von Maturana (interpretativ und hypothetisch) auf den Fall übertragen werden:

    Die Interpretationsbandbreite im vorliegenden Fall ist groß. Maturana bleibt bei einem biologistischen Standpunkt nicht stehen. Er äußert "Wünsche" für eine Gesellschaft "als nicht-hierarchisches allopoietisches System", das das Leben menschlich erstrebenswert macht und die Erde ökologisch stabil hält. Darin soll jedes Individuum als bedeutsam erachtet werden und gleichberechtigt sein. Auf einer höchsten Ebene müssten sich Menschen auf einer "Meta-Ebene der Identität" verständigen, wobei der Verständigungsprozess immer wieder neu überprüft werden muss (vgl. Maturana 1982, S. 312 ff.). In diesem Sinne würde die Diskussion des Beratungsgespräches in einen ethischen Bereich einmünden und eine Wertediskussion eröffnen. Eine Autopoiesis der sozialen Systeme ist bei Maturana aber nicht impliziert.

  2. Der systemtheoretische Konstruktivismus nach Luhmann:
    Er bezieht die Autopoiese auch auf soziale Systeme im selbstreferentiellen Sinne. Soziale Systeme unterliegen einer selbsterhaltenden und selbsterzeugenden Kraft, sind operational geschlossen und umweltoffen (mit einer Systemgrenze als System-Umwelt-Differenz) und werden durch Kommunikation in Form von komplexitätsreduzierenden Sinnsystemen ausgebildet. "Der basale Prozess sozialer Systeme, der die Elemente produziert, aus denen diese Systeme bestehen", ist nach dem Theorieansatz Luhmanns Kommunikation und Handlung. Menschen sind nach seiner Auffassung keine Systeme; "erst recht kann aus der Mehrheit von Menschen kein System gebildet werden (Luhmann 1987, S. 68). Das psychische System des Menschen gehört seiner Ansicht nach zur Umwelt des sozialen Systems und verhält sich autopoietisch (ebd., S. 346; konträr bei: Hejl 2003, S. 128). Um wieder in medias res zu gehen, auf den vorliegenden Fall bezogen würde das bedeuten:

Die Systemgrenzen sind im Sinne der System-Umwelt-Differenz (Luhmann 1984, S. 35) entscheidend vom Sinnzusammenhang des selbstreferentiellen Systems abhängig (ebd., S. 265). Allerdings kann postuliert werden, dass der Sinn, der dem System beigemessen wird, wiederum vom Betrachter / Beobachter abhängt, nicht nur von den Interakteurinnen des sozialen Systems. Er kann letztlich ebenfalls nur intersubjektiv erfasst werden. (Wo z.B. liegen die Systemgrenzen bei Frau B. und ihrem Ex-Ehemann, den sie in der Kneipe trifft? Handelt es sich um ein soziales System, wenn sie gar nicht miteinander sprechen?) Ferner erzeugen sich die Elemente des Systems im eigentlichen Sinne nicht selbst (argumentativ in Bezug auf Handlungen, vgl. a. Hejl 2003, S. 132), was im strengen Sinne (nach Maturana und Varela) gegen eine autopoietische Begriffsauffassung sprechen würde. Vielmehr scheinen die (dem System subjektiv zugeschriebenen) Ziele und gemeinsamen Motive der Handelnden das jeweilige soziale System sinnentsprechend reproduktiv, gemäß Luhmann selbstreferentiell (Luhmann 1984, S. 95), aufrechtzuerhalten und zu bestimmen oder auch zu verändern, wobei im Vergleich zu biologischen Systemen "soziale Systeme ihre grundlegende Organisation ändern und in einer neuen Form weiterbestehen können" (Dell 1986, S. 29).

Instruktive Interaktion: Begriffsklärung

Wie kann nun ein psychisches System beeinflusst werden. Im Rahmen des Autopoiesis-Konzepts spielt die instruktive Interaktion eine wesentliche Rolle bei der Betrachtung des vorliegenden Falls.

"Wäre der von einem System auf Grund einer Interaktion eingenommene Zustand durch die Eigenschaften der Entität bedingt, mit der das System interagiert, dann wäre die Interaktion eine "instruktive" Interaktion." Sie ist bei lebenden Systemen ausgeschlossen (Maturana 1982, S. 243). Dieses Moment führt zur lediglich bedingten Steuerbarkeit und Beeinflussbarkeit eines Systems, und es ist ein wesentliches Merkmal des Radikalen Konstruktivismus; es wird zur Erklärung möglicher Fehlschläge bei Interventionen in der Beratung und Therapie herangezogen. Wenn (in obigem Beispiel) die Intervention der Sozialarbeiterin im Beratungsverlauf nur eingeschränkt zum Erfolg gelangt und teilweise überhaupt nicht stattfindet, dann könnte das nach dem Leitsatz geschehen: "Strukturdeterminierte Systeme kennen keine instruktiven Interaktionen" (ebd.). Dieser Begriff wurde z.B. von Paul Dell, einem Vertreter des Radikalen Konstruktivismus aufgegriffen: "Der Mythos instruktiver Interaktion" kann seiner Auffassung nach auf Grund der "radikalen biologischen Ontologie" Maturanas widerlegt werden. Paul F. Dell knüpft hier an den Struktur-Determinismus an. "[...] Die Struktur des Objektes oder des Organismus bestimmt, wie die Reaktion auf die Umgebung aussehen wird" (Dell 1986, S. 111). Dell bezieht sich im Rahmen sozialer Systeme auf Gregory Batesons (kybernetisches) "Viel-Ebenen-System". Danach ist jedes soziale und jedes ökologische System zirkulär organisiert und zirkulär mit immer umfassenderen Systemen verbunden. Er zitiert Batesons Schlussfolgerung, dass "kein Teil eines solchen in sich interaktiven Systems eine einseitige Kontrolle über den Rest oder über irgendeinen anderen Teil haben kann." (ebd., S. 108) Eine berechenbare und zielgerichtete Einflussnahme sowohl auf psychische als auch soziale Systeme ist ausgeschlossen (andere Ansicht, vgl. Miller 2001, S. 134)

Instruktive Interaktion im vorliegenden Fall

Nicht nur, dass die Sozialarbeiterin auf Frau B. nur in bestimmter Weise Einfluss ausüben kann, ist Hinweis für Strukturdeterminiertheit eines Individuums (im psychologischen Sinne). Auch die Mediation zwischen ihrem geschiedenen Ehemann und Frau Paula B. war nicht fruchtbringend für die gemeinsame Beziehung.

Offen bleibt, was Frau Paula B. erreichen würde, wenn sie ihrem Ex-Mann ihre Tochter an den Wochenenden vorenthielte, bis er sich einer Entziehungskur unterzogen hat. Würde diese "Maßnahme" instruktiv Einfluss ausüben bzw. würde sie etwas bewirken?

Wiederum eigene Bewusstseinslogiken müssen wirken, wenn Frau Paula B. trotz deren Drängen nicht bei ihrer Mutter einzieht. Scheitert auch hier instruktive Interaktion? Die ablehnende Haltung der Mutter sowohl gegen den früheren Ehemann als auch gegen den jetzigen Freund ihrer Tochter hatten keine Auswirkungen. Oder doch? - Ist es ein Zeichen von Einflussnahme (auf Grund irgendeines psychologischen Motivs) der Mutter, wenn die Tochter letztlich bis jetzt noch keine befriedigende Partnerschaft erleben konnte? Sind bezüglich dieses spezifischen Problems Strukturen eines sozialen Systems perturbiert worden, so dass das System Tochter - (Ex-)Ehemann in bestimmter Weise reagiert hat (und letztlich funktional gescheitert ist)? Wird ein neues System (Tochter - neuer Lebenspartner) nun ebenfalls von der Mutter "perturbiert" oder bringt die Tochter aus anderen vor- und lebensgeschichtlichen Umständen Bewusstseinslogiken mit, die sie in bestimmter Weise reagieren lassen bzw. die ihr System zu einer bestimmten Verhaltens- und Funktionsweise bewegen.

Alle Fragestellungen sind hypothetisch und müssten explikativ im Kontext erforscht werden. Können Instruktionen vorausberechnet werden oder sind sie immer kontigent (11)? Wann sind in diesem Sinne "Systemmechanismen" nachvollziehbar, kausal erklärbar? - Und wie funktioniert Instruktion? Was ist Kontingenz letztendlich? Ist Kontingenz ein Sammelbegriff (Container-Begriff) für Nicht-Wissen oder verhält sich der "Faktor" Kontingenz letztlich umgekehrt proportional zum Erkenntnisgewinn? Man kann zu der Auffassung gelangen, dass Kontingenz mangels Berechenbarkeit (auch im vorliegenden Fall) als autopoietische Unschärfe gewertet werden könnte.

Epistemologische Wahrheit in der Fallbetrachtung

Wahrheit sei hier definitorisch das immer Gültige, das der Erkenntnisgewinnung des Beschreibenden zugrunde liegt. Ein Teil der epistemologischen Wahrheit manifestiert sich im Radikalen Konstruktivismus darin, die Wirklichkeit für nicht objektiv erfassbar und die Wirklichkeitserfahrung als etwas Subjektives zu bezeichnen (12). Es finden sich in der Literatur des Radikalen Konstruktivismus eine Vielzahl von Versuchen, den Glauben an die Objektivität zu kontrastieren und ihm mit mehr oder weniger plakativen Argumenten zu begegnen: "Objektivität ist die Illusion, dass Beobachtungen ohne einen Beobachter gemacht werden könnten." (Glasersfeld 2002, S. 17). Diese radikale Auffassung einer konstruierten Wirklichkeit wird bei manchen Autoren relativiert, z.B. bei Watzlawick: Er geht von einer Wirklichkeit erster und zweiter Ordnung aus (Watzlawick 2003, S. 91). Die Eigenschaften des Goldes z.B. seien "seit altersher bekannt" und damit unstrittig (13). Die radikale Position wird hier relativiert; der Radikale Konstruktivismus selbst wiederum negiert eine identische Position mit dem Solipsismus (14). Maturana z.B. sieht darin eine Gefahr begründet: "das Chaos und die Willkür der Nicht-Objektivität, in der alles möglich erscheint" (Maturana 1987, S. 146). Ebenso Dell:  "Zu sagen, wir leben in einer Welt der Projektion, ist nicht dasselbe wie zu sagen, dass "da draußen" nichts ist oder dass wir "herrichten", was wir sehen" (Dell 1986, S. 83). Dell bezieht sich auf Maturana und geht von einer strukturdeterminierten Reaktion auf die Welt aus (ebd.). Diese Auffassung lässt darüber hinaus den Schluss zu, dass es einen freien Willen gibt, der den Intentionen des / der Handelnden folgt, selbstmotiviert ist und sich innerhalb der Grenzen des Strukturdeterminismus bewegt. (Frau Paula B. kann sich nur entsprechend ihrer Persönlichkeit, ihrer Vorgeschichte oder ihrer Bewusstseinslogiken, die durch das psychische System aufrechterhalten werden, entscheiden, wie sie sich im konkreten Fall verhält, und reagiert auf die sie bestimmenden Ereignisse in der Zukunft entsprechend ihrer Persönlichkeit bzw. "Selbstorganisation"). Der Radikale Konstruktivismus eröffnet eine andere Perspektive in der Wertediskussion und verweist alle Verantwortung für das Handeln zurück auf das Individuum (15). Das wirft die Frage auf, ob alle Verantwortung beim Individuum liegt bzw. wie weit sie diesem zurechenbar ist? Der Theorie entsprechend ist Frau Paula B. im vorliegenden Fall aktiv wahrnehmende; sie ist Konstrukteurin einer Welt, die sie wesentlich mitgestaltet. Wie sie ihre Tochter, ihren Lebenspartner, ihren Ex-Ehemann oder z.B. die betreuende Sozialarbeiterin wahrnimmt und welche Beziehung sie zu ihnen aufbaut, ist von ihrer "strukturellen" Verfassung ihres psychischen Systems abhängig. Selbst Gegenstände, wie Kleidung oder ein Auto, oder Verbindlichkeiten, wie ein Privatkredit, unterliegen einem Werturteil, das nur sie selbst vermittels ihres "Wahrnehmungsapparates" produziert. Auch die Sozialarbeiterin handelt entsprechend ihrer Auffassungsweise, wenn sie den Kontakt mit Frau Paula B. reduziert. Verantwortlich werden die Betreffenden durch ihre Sichtweisen und Verarbeitungsweisen und Lebensauffassungen. Im konstruktivistischen Sinne liegt also bereits im aktiven (subjektiven) Erkennen der Handelnden Verantwortung begründet (16). Dass es, wie Paul Dell sagt, "da draußen" etwas gibt (vgl. Zitat oben), lässt den Schluss auf ein Schicksal zu, das jedem widerfährt. Die Verarbeitungsweise ist entsprechend subjektiv und in dieser Hinsicht liegt die alleinige Verantwortung beim Individuum. Wenn Tochter Lena beispielsweise wegen der gescheiterten Ehe ihrer Eltern keine intakte Familie mehr vorfindet, dann kann Lena den Eltern aus radikal-konstruktivistischer Sicht keine Vorwürfe machen, denn die Reaktionsweise bzw. die psychische Verarbeitung der Trennung der Eltern liegt alleine in ihr selbst begründet.

Geht man von einer strukturbedingten Erfahrungswelt aus, dann kann ferner hypothetisch formuliert werden, dass reine Erkenntnis gleichermaßen subjektiv ist. Insofern dürfte die Aussage, bezogen auf das wissenschaftliche Postulat der Objektivität und Allgemeingültigkeit, für sich keine epistemologische Wahrheit begründen, denn demnach wären alle menschlichen Beobachter/innen des Kosmos in dieser struktur-determinierten Subjektivität gefangen und könnten Strukturdeterminismus auch wiederum nicht objektiv erkennen (17. (Der Schluss wäre allenfalls induktiv). Der Radikale Konstruktivismus könnte demzufolge sogar als eine Glaubensauffassung oder Weltanschauung interpretiert werden (anderer Ansicht, vgl. Glasersfeld 1997, S. 50).

Bleibt man bei einem induktiven Zugang zu dieser Problematik, dann könnte alternativ folgendes formuliert werden: Das Bewusstsein, das sich in Form eines Ichs selbst bewusst ist, könnte demnach den gleichen strukturdeterminierten Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Das Ich würde sich nach dieser Auffassung selbstreferentiell (bzw. autopoietisch) in Form eines psychischen Systems bilden entweder in physiologischen Prozessen und / oder auf Grund einer mentalen Fiktion. Die Fiktion würde dann wiederum Systemgrenzen in Form einer Ichvorstellung erzeugen, die autopoietisch aufrechterhalten wird. Das "Ich" wäre demnach eine Illusion. - Eine Hypothese, die allenfalls erfahrbar, aber wissenschaftlich nicht überprüfbar erscheint.

"Der Radikale Konstruktivismus begreift sich selbst als eine Konstruktion und  nicht als eine letzte Wahrheit, er ist eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen. Für mich ist, dies kann ich auch mit Blick auf meine therapeutische Arbeit sagen, allein die Frage ausschlaggebend, welche Konstruktion sich als die nützlichste und menschlichste erweist."
(Paul Watzlawick im Buch Die Gewissheit der Ungewissheit, 2001)


Literaturverzeichnis

Bateson, Gregory: Geist und Natur. Frankfurt am Main 1987

Bertalanffy, Walter von; Beier, Walter; Laue, Reinhard: Biophysik des Fließgleichgewichts, Braunschweig 1977

Dell, Paul F.: Klinische Erkenntnis. Zu den Grundlagen systemischer Therapie. Dortmund 1986

Engelke, Ernst: Die Wissenschaft Soziale Arbeit. Werdegang und Grundlagen. Freiburg im Breisgau 2003

Fischer, H. R.: Murphys Geist oder die glücklich abhanden gekommene Welt. Zur Einführung in die Theorie autopoietischer Systeme. In: Fischer, H. R.: Autopoiesis. Eine Theorie im Brennpunkt der Kritik. Heidelberg 1993

Förster, Heinz von: Entdecken und Erfinden. Wie lässt sich Verstehen verstehen? In: Gumin, Heinz; Meier, Heinrich (Hrsg.): Einführung in den Konstruktivismus. München 1992

Glasersfeld, Ernst von: Abschied von der Objektivität. In Krieg, P. & Watzlawick, P. (Hrsg.): Das Auge des Betrachters. S. 17-30, Heidelberg 2002

Glasersfeld, Ernst von: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt am Main 1997.

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Anmerkungen

1 vgl. den Begriff bei von Glasersfeld (1997, S. 195); s. aber auch u.a. Popper (1982, S. 18)

2 Ähnlich wie in anderen Städten, z.B. in Stuttgart durch das Sozialunternehmen NEUE ARBEIT gGmbH, werden in München in gemeinnützigen Projekten unterschiedlichster Art Langzeitarbeitslose für den allgemeinen Arbeitsmarkt wieder fit gemacht. Mit speziellen Förderprogrammen geht die Bayerische Landeshauptstadt München auf die besonderen Bedürfnisse von Frauen, Langzeitarbeitslosen, Jugendlichen oder ausländischen Mitbürgerinnen ein. Umgesetzt wurden die Angebote des Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramms (MBQ) in Form von sozialen, kulturellen und ökologisch nachhaltig orientierten Sozialen Betrieben. Mittlerweile finden in 40 Projekten ca. 850 Personen eine Beschäftigung (01). (Die Zuschüsse, Fördervoraussetzungen und Zuständigkeiten haben sich allerdings mittlerweile im Zuge der HARTZ-Reform deutlich verändert).

3 Der Terminus System wird in der Literatur in unterschiedlichster Weise definiert, u.a. bei Bertalanffy: "Unter einem konkreten System, einem Objekt, soll ein abgegrenzter Teilbereich der uns umgebenden Welt verstanden werden. Entsprechend den verschiedenen Aufgaben der einzelnen Zweige der Wissenschaft werden Systeme als ganz bestimmte konkrete Systeme betrachtet" (Bertalanffy et al. 1977,  S. 29). Wuketits z.B. spricht von einem "Komplex von Elementen, der Gesetzlichkeiten entwickelt, die seinen Elementen noch fehlen" (Wuketits 1983, S. 246).

4 Maturana definiert lebende Systeme "als Interaktionseinheiten. Sie existieren in einer Umgebung [...]". Und: "Es ist die Zirkularität seiner Organisation, die ein lebendes System zu einer Interaktionseinheit macht", wobei diese vom System selbst erzeugt und erhalten wird (vgl. Maturana 1985, S. 35). Interaktion ist gegeben, "wenn zwei Einheiten, die durch ihre Eigenschaften spezifiziert sind, ihre jeweiligen Zustände mit Bezug auf die umfassenderen Systeme, in die sie eingebettet sind, zu modifizieren scheinen" (Maturana 1985, S. 139).

5 Ein soziales System "is a collection of autopoietic systems that, through the realization of their autopoiesis, interact with each other, constituting and integrating a system that operates as the (or as a) medium in which they realize their autopoiesis" (Maturana / Varela 1980, S. XXIV).

6 Topologie: Lehre von der Lage und Anordnung geometrischer Gebilde.

7 Homöostase wird in der Biologie als ein "Prinzip der Regelung innerer Bedingungen von Organismen" verstanden, um seinen "Zustand trotz äußerer Einflüsse zu erhalten und / oder zu restituieren" (Wuketits 1983, S. 240).

8 Das Wort kommt vom lateinischen struere "bauen" und bezieht sich auf den Prozess der Konstitution wie auch auf die Bestandteile einer zusammengesetzten Einheit, somit auf die konkreten Bestandteile und Relationen, die zur Konstitution einer konkreten Einheit notwendig sind (Maturana 1985, S. 277).

9 Das Wort kommt vom griech. Begriff organon "Instrument"; es bezieht sich auf die spezifische Mitwirkung der Bestandteile an der Konstitution einer zusammengesetzten Einheit und somit auf die Relationen zwischen den Bestandteilen, die ein System als eine Einheit definieren (Maturana 1985, S. 277).

10 vgl. den Begriff der Selbstreferenz bei Wagner, der auf die Erhaltung nicht auf die Erzeugung des Systems abstellt (Wagner 2001, S. 24); auch in Bezug auf das Gehirn (Hejl 2003, S. 115).

11 unbestimmt, unvorhersehbar, zufällig (vgl. Miller 2001, S. 46 ff.)

12 "Die Erfahrung der Außenwelt ist immer durch besondere Sinnesorgane und Nervenbahnen vermittelt. In diesem Maße sind Objekte meine Produkte, und meine Erfahrung von ihnen ist subjektiv, nicht objektiv." (Bateson 1987, S. 42)

13 "Die physikalischen Eigenschaften des Goldes sind seit altersher bekannt, und es ist unwahrscheinlich, dass sie [...] durch neuere Untersuchungen in Frage gestellt oder durch grundlegende Neuentdeckungen bereichert werden könnten." (ebd., S. 91)

14 "Das ist das Extrem der absoluten kognitiven Einsamkeit, des Solipsismus (der klassischen philosophischen Tradition, die behauptete, dass nur die eigene Innerlichkeit existiere)." (Maturana 1987, S. 146)

15 Im Radikalen Konstruktivismus wird "[...] die Verantwortung für alles Tun und Denken dorthin verlegt, wo sie hingehört: in das Individuum nämlich". (Glasersfeld 1997, S. 51)

16 "Die einzige Basis ethischer Entscheidungen für den Menschen ist [...] sein subjektabhängiger Erkenntnisbereich [...]." (Maturana 1985, S. 311)

17 Staub-Bernasconi führt an dieser Stelle Selbstwiderlegungsargumente des Radikalen Konstruktivismus ins Feld: "Wenn man keinen Zugang zu seiner Umgebung hat, kann man auch nicht feststellen, dass man ihn nicht hat. Wenn alles nur Konstruktion, Erfindung ist, gibt es keine Grundlage zu behaupten, diese Vorstellung sei - als einzige - keine Erfindung. Wenn man nichts über die Welt sagen kann, dann kann man auch nicht behaupten, dass man ein autopoietisches System sei" (vgl. Staub-Bernasconi 1995, S. 119). Die Realität als vollständig konstruiert zu betrachten, gegen diese Auffassung verwahrt sich Engelke in seinem Buch Die Wissenschaft Soziale Arbeit (2003, S. 476): "Vorhandene Realitäten verschwinden zu lassen und neue hervorzuzaubern (das Kaninchen wird in eine weiße Taube verzaubert) ist die Kunst der Magier und gehört ins Varieté, aber nicht in die Wissenschaft."


Der Autor

Uli Graf studierte Sozialwesen und Sozialarbeitswissenschaft und arbeitet in einem Münchener Projekt des Zweiten Arbeitsmarkts. Die vorliegende Arbeit ist unter anderem im Interesse des Online-Fachkreises www.Soziale-Arbeit-forscht.de entstanden. Der Autor ist unter folgender Mail-Adresse erreichbar: uli.graf@web.de

Veröffentlichungsdatum: Mai 2006


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