Sätze

von Howard Gwinty (April 2003)

1.

Hier also die Lektion Ungaretti!
Dies kam nach Ungaretti zustande (und noch nach anderem!).
Zwei Frauen, Ingeborg (Bachmann) und Sainab (Omar) haben ihn mir gebracht.
Ingeborg hat ihn übersetzt. Sainab, die schöne Ägypto-Italienerin (siehe Ungaretti!)
hat mir seine Gedichte in Italienisch aus Florenz hergeschafft.



2.

Diese Prostitutive Lyrik!
Immer klappt sich jemand auf und versucht damit zu verdienen:
am wenigsten Geld, am meisten Beachtung
– und von beidem erreicht er keins –
und das Schlimmste: das ist richtig so:
- und dann noch degoutant. So als stinke jemand, der doch für alle Zeit erledigt ist,
für die Liebe vor allem, aber auch für das Geld.



3.

Und dann noch das Handwerkliche (das Formale),
das uns Praktikanten doch am ehesten interessiert.
Es könnten meine Gedichte ja dieser Selbstoffenbarungsschnodder
der Sechziger Jahre sein.
Liest es sich so? Oder liest es sich nicht so?
Gemeinhin sind wir schon glücklich, wenn uns eine neue Zeile gelingt,
eine neue Zeile als Verbindung zwischen zwei alten.



4.

Für uns allein, in der absoluten Einsamkeit unserer Sätze,
steht jenseits unserer Mittelmäßigkeit die Beobachtung:
das Erschrecken vor dem Leben – denn gerade unsere Generation,
diese immer glücklich gewesenen Sechzigjährigen
sind wahrlich noch nicht genug erschrocken.
Das ist es. Sic et Sela!



5.

Meine alte These:
Lyrik ist Abfall!
Mein neuerlicher Zusatz:
Aber Kompost!



6.

Grundsätzlich, wo ich vom Pädagogischen
noch immer nicht ganz weg bin:
Gedichte wollen nichts sein.
Sie sind einfach etwas.



7.

Die alte Pädagogenfrage: Was will also das Gedicht (uns sagen, bezwecken etc.)?
will also das Gedicht zähmen. Das Gedicht wie der Tiger im Kindergarten sein ... ja – das ist es auch!
Das Gedicht wie der Tiger will nichts – sie sind einfach da.
Nicht sie sind also das Problema (Der Stolperstein im Weg), sondern wir!
Insofern: Entweder Zoo oder Savanne

Die vorliegenden Sätze sind entnommen mit freundlicher Erlaubnis des Dichters aus:
Howard Gwinty: Striche und Zeichen.
Gedichte und Skizzen (Ein Arbeitsbuch)
Ratingen 2002


Howard Gwinty, Striche und Zeichen.

Veröffentlichungen von Howard Gwinty: u.a.

"Eine deutsche Bahnfahrt. Das ungelebte Leben des Hans Scholl" / dokumentarische Fiktion
("eine sensible Auseinandersetzung mit der Schwierigkeit die Widerstandsgeschichte zu aktualisieren")

"Requiem für Moritz Sommer" / Drama / 1997 uraufgeführt
("gestützt auf sorgfältige Recherchen befasst sich das Stück mit dem Schicksal des Düsseldorfer Juden Moritz Sommer, der trotz der Solidarität einzelner Freunde und Mitbürger noch in den letzten Kriegstagen von den Nazis ermordet wurde.")


Veröffentlichungsdatum: April 2003


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