Genderkompetenz in der Supervision

oder:
Der Tanz der Geschlechter ins 21. Jahrhundert

von Kornelia Haindl (April 2004)


Teil 1 - Teil 2 - Teil 3 - Teil 4 - Teil 5 - Teil 6 - Teil 7 - Literatur


1. Hinbewegungen und persönliche Visionen

Leere Seiten und ein spannendes Thema liegen vor mir. In verschiedenen Aus- und Weiterbildungen und in der langjährigen Arbeit mit vielen Menschen in verschiedensten Kontexten ist mir vieles begegnet. Lernen in der Theorie, Sickerwirkungen in meiner Person, meinen Grundhaltungen, meiner fachlichen und menschlichen Kompetenz.

Ich lebe, erlebe und arbeite als Frau. Denken Sie, das dass einen Unterschied macht?

Kurz lade ich Sie zu einem kleinen Experiment ein. Denken Sie an eine Situation, welche schon lange zurückliegt. Selbst wenn Sie den Anlass nicht mehr genau wissen, vielleicht auch nicht mehr den Namen der beteiligten Person, Sie wissen IMMER war es eine Frau oder war es ein Mann. Biologische Geschlechtlichkeit und all die damit verbundenen Prägungen, Zuschreibungen und Normierungen haben in unserem alltäglichen Handeln beruflicher und privater Natur existenzielle Aussagekraft.

Also, für mich macht es einen Unterschied, als Frau zu leben und als Trainerin, Beraterin und Supervisorin meine Tätigkeit auszuüben. Ich bin Frau, ich bin Feministin und verbeuge mich vor all meinen WegbereiterInnen und Wegbereitern, die durch zahllose private und politische Handlungen ihr Interesse an einer gemeinsam gestalteten Welt von Frauen und Männern bekundeten und bekunden.

Ein heißes Eisen, ein Tanz auf dem Vulkan. Feministin - ein Wort das blitzartig eine Vielzahl von Interpretationen zulässt und immer wieder für emotionale Kundgebungen des eigenen Standpunktes sorgt.

"Was tat man den Mädchen ..." Konstantin Wecker klingt mir im Ohr. "Was tat man den Männern ..." diese Frage ist wohl am Beginn des 3. Jahrtausends anzufügen. Und die wichtigste Frage schlechthin, wie tun wir zukünftig gemeinsam um die komplexen Fragestellungen und Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft miteinander zu gestalten?

In einer Zeit, in der Turbokapitalismus und globale Marktwirtschaft sowie Tagespolitik Organisationen und all ihre MitarbeiterInnen sowie ihre Familien immer wieder nahe an die Zerreißprobe führen. In einer Zeit, in der mehr Ehen als jemals zuvor geschieden, aber auch mehr als jemals zuvor wieder geschlossen werden, d.h. wo auch die Lebensträume, die Liebe und Herzen von Frauen, Männern und Kindern ihren Platz fordern.

Wer kennt nicht den Slogan "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus". Aber wir haben denselben Himmel und denselben Horizont. Was jede/r bis zu ihrem/seinem persönlichen Horizont alles erkennen kann? Täglich erfinden wir unsere Gegenwart neu, schreiben unsere Geschichten, entdecken Schätze und erwachte Drachen und lernen durch vielerlei Begegnungen unser Leben zu leben.

Die Aufgabenstellungen, beruflich wie privat, sind parallel zur allgemeinen Beschleunigung explosionsartig angewachsen. Konzepte der letzten Generation können im täglichen Handlungsrepertoire nicht mehr ausreichend weiterhelfen, die Zukunft benötigt meiner Meinung nach die Kräfte, Fähigkeiten, Sicht- und Denkweisen beider Geschlechter.

Ein waches, achtsames Herz sollte ein guter Begleiter sein.

Mit dieser Arbeit Aufmerksamkeit und Sensibilisierung für das Leben und Arbeiten in einer zweigeschlechtlichen Welt zu erreichen, ist mein Ziel.

Möge die Übung gelingen.

Kornelia Haindl
Linz, am 4. August 2002

2. Was ist Gender Mainstreaming?

2.1. Gender

Gender bedeutet soziales Geschlecht und richtet den Blick auf die gesellschaftlich geprägten Unterschiede zwischen Männern und Frauen hinsichtlich ihrer Interessen, Bedürfnisse, Kompetenzen und Lebenserfahrungen. Sex definiert ausschließlich das biologische Geschlecht.

2.2. Gender Mainstreaming (GM)

Gender Mainstreaming als Strategie versucht, die Unterschiedlichkeit der Geschlechter in allen Handlungen und Entscheidungen mit zu denken und damit Chancengleichheit für Männer und Frauen herzustellen.

2.3. Gender Kompetenz

Gender Kompetenz befähigt Menschen, in ihrem Handlungsfeld die Genderperspektive einzunehmen und ein Instrumentarium zu entwickeln, das die Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigt. Dadurch kann geschlechtsspezifischen Benachteiligungen entgegen gewirkt werden.

3. Sichtbarmachen von Gender

Der Begriff Gender kann sichtbar machen,

4. Geschlecht = sex & gender

In unserer Gesellschaft sind wir gewohnt, in zwei Geschlechtern zu denken. Wir ordnen Menschen, Tiere, Pflanzen, aber auch Eigenschaften, Verhaltensweisen, Qualitäten usw. nach weiblich oder männlich ein. Das geschieht, ohne dass wir merken, dass wir diese Zuordnungen vornehmen, also weitgehend unbewusst.

Viele Zuordnungen hängen nicht vom biologischen Geschlecht ab. Nicht nur über Grammatik, sondern auch über Eigenschaften, Fähigkeiten und Tätigkeiten wird uns diese Wirklichkeit täglich präsentiert. Die Aufteilung in Frauen- und Männerberufe (also Berufe, die überwiegend von einem Geschlecht ausgeübt werden) ist nicht biologisch begründbar, denn praktisch jede Tätigkeit kann sowohl von Frauen als auch von Männern ausgeübt werden, wie z.B. KranführerInnen, Kindergärtner, ElektromonteurInnen oder Damenschneider. Diese sind zwar immer noch selten, aber biologische Gründe sprechen nicht gegen eine entsprechende Berufswahl. Genauso wenig spricht die Biologie dagegen, dass Männer die Hälfte der Haus- und Familienarbeit übernehmen.

Das soziokulturelle Umfeld bestimmt mit, was wir als "weiblich" und was wir als "männlich" empfinden und bezeichnen. Mädchen sind hilfsbereit, Jungen sind aggressiv heißt es. Aber ein Junge kann sich sehr fürsorglich verhalten, ein Mädchen sehr aggressiv werden. Frauen sind kooperativ und beziehungsorientiert, Männer orientieren sich an Wettbewerb und Erwerbswelt heißt es. Aber auch ein Mann kann sich eine hohe Sozialkompetenz aneignen, auch eine Frau kann sich in einer Führungsposition hart durchsetzen oder anstrengende körperliche Arbeit leisten.

Vieles in unserer Gesellschaft ist in Frauen- und Männerbereiche aufgeteilt: "Normalerweise" arbeiten mehr Frauen als Männer in Pflege und Kleinkindererziehung. "Normalerweise" studieren mehr Männer als Frauen Ökonomie und Informatik. Wir gehen in der Regel davon aus, dass dies vor allem mit individuellen Neigungen, Fähigkeiten, Präferenzen zu tun hat. Selbst dass "normalerweise" Männer für die gleiche Arbeit 20 bis 30 Prozent mehr verdienen als Frauen und weit mehr Männer im Parlament sitzen, aber weit mehr Frauen mit ihren Kindern im Sandkasten, bringen wir nicht in erster Linie mit dem Geschlecht in Verbindung. Es ist einfach ein vertrautes Bild, an dem auch ein Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung allein nichts ändern kann, solange wir das Gewohnte nicht bewusst in Frage stellen.

Länder

Einkommen der Frauen in der Produktion als Prozentanteil von denen der Männer

1990

1994 / 1999

Australien

82

84

Österreich

82

68

Belgien

75

84

Bangladesh

49

44

Bulgarien

75

73

Tschechien

75

68

Dänemark

85

84

Finnland

77

79

Frankreich

79

79

Deutschland

73

74

Griechenland

78

82

Ungarn

70

69

Türkei

81

97

Irland

69

74

Italien

83

74

Japan

41

58

Neuseeland

74

81

Portugal

69

66

Spanien

72

66

Schweden

89

91

Schweiz

68

72

England

68

74

USA

68

74

Kenia

73

66

Mexiko

50

70

Korea

50

55

Ägypten

68

74

Tabelle 1: Einkommen der Frauen in der Produktion als Prozentsatz des Einkommens der Männer für einige Länder der Erde [1]

Wir wachsen in einer zweigeschlechtlich strukturierten Gesellschaft auf und lernen deren Spielregeln und Sprache. Wir lernen, dass wir ein bestimmtes Geschlecht haben – weiblich oder männlich, und dass jedem Geschlecht bestimmte Verhaltensweisen, Räume und Positionen zugeordnet sind. Oftmals machen Frauen die Erfahrung, dass man sich vorrangig bis ausschließlich am biologisch männlichen Geschlecht orientiert (der Sohn als Stammhalter, Jungbauer, Juniorchef, die männliche Führungskraft, ...).

Frausein und Mannsein werden weniger von biologischen Gegebenheiten bestimmt, als vom geltenden "Arrangement" der Geschlechter.

Sex & Gender:
Der deutsche Begriff "Geschlecht" reicht nicht aus, um zu benennen, was Geschlecht ausmacht. Wir brauchen einen Begriff, mit dem wir deutlich machen können, dass Geschlecht nicht nur biologisch begründet ist, sondern als soziale Kategorie immer wieder neu definiert und laufend gestaltet werden muss. Um diese Dimension, die auch eine politische ist, stärker ins Bewusstsein zu heben, wird auch im deutschsprachigen Raum zunehmend der Begriff Gender verwendet.
Sex = das biologische Geschlecht
Gender = das soziokulturelle Geschlecht, die Geschlechteridendität, die Geschlechterverhältnisse.

Wenn wir von Gender reden, sprechen wir also von der Tatsache, dass vieles, was wir mit Geschlecht in Verbindung bringen, nicht auf die Biologie zurückzuführen ist, sondern soziokulturell bedingt und damit veränderbar ist.

5. Geschlecht hat viele Facetten

Jede Gesellschaft braucht Strukturen und Konventionen, um die Kommunikation unter den Menschen zu vereinfachen und die gesetzlichen Regelungen durchzusetzen. In unserer Gesellschaft lautet eine der wichtigsten, meist unausgesprochenen Übereinkünfte: Ein Mensch ist entweder Frau oder Mann und bleibt dies im Regelfall ein Leben lang. Das wäre nicht weiter problematisch, wenn diese Übereinkunft nicht eng verknüpft wäre mit einer einseitigen und hierarchischen Aufteilung von Macht in allen Bereichen der Gesellschaft. Diese Machtkonzentration zu Gunsten des männlichen Teils der Bevölkerung beruht auf dem männerzentrierten Weltbild, dessen Grundstein in der Antike gelegt wurde.

Das Geschlecht wurde im Laufe der Zeit zu einer der zentralsten sozialen Kategorien. Bereits mit dem Geburtsschein (oder manchmal schon früher) werden wir einem Geschlecht zugeordnet. Von Geburt an (der stramme Stammhalter, die süße Prinzessin).

Im täglichen Umgang mit anderen ist es sehr wichtig, das Geschlecht des Gegenübers richtig einschätzen zu können und sich selbst als Mädchen oder Junge, Frau oder Mann darzustellen.

Was uns in der Regel nicht beigebracht wird, ist das Wissen, dass Geschlecht sich nicht auf biologische Gegebenheiten beschränkt, sondern die Unterschiede im Wesentlichen etwas sind, was wir als Einzelne oder als Kollektiv und Gesellschaft unablässig herstellen.

Für das "Herstellen" von Geschlecht steht der aus dem Englischen entlehnte Begriff des Doing Gender.

Selbstverständlich hat unser Geschlecht auch biologische Grundlagen und Konsequenzen. Zeugen können nur Männer, Empfangen, Schwanger sein, Gebären und Stillen können nur Frauen. Viel stärker fällt aber ins Gewicht, dass die Kategorie Geschlecht uns einem Kollektiv zuordnet, genau so wie wir auf Grund unserer Lebensverhältnisse einer Schicht oder Klasse oder auf Grund unserer Herkunft einer ethnischen Gemeinschaft oder auf Grund unseres Alters einer Altersgruppe zugeordnet werden.

Der Begriff Gender umfasst das Geschlecht als soziokulturelle und politische Kategorie und verweist auf die Geschlechterverhältnisse und das Denken in zwei Geschlechtern, das unsere Wertvorstellungen, Sprache und Gesellschaftsstrukturen durchzieht.

Grundthesen nach Christel Ewert [2]

These I:

Männer und Frauen haben eine gemeinsame Tradition der Missverständnisse und Verletzungen. Wir alle haben gelernt uns zu verbergen. Gemeinsame Interessen werden immer weniger sichtbar.

These II:

Egal mit wem oder welchen meiner Wege ich gehe, ich tue dies als männlicher oder weiblicher Mensch. Ich tue was ich tue als Mann oder als Frau – diese Zugehörigkeit grenzt mich ein und gibt mir gleichzeitig Orientierung.

These III:

Unser ICH erkennt sich am DU. Lasse ich mich erforschend auf mein Gegenüber ein, kann ich als Mann und als Frau wachsen. Bewege ich mich in einer Welt, in der ich schon alles weiß, ist wenig Raum für Wachstum.

6. Historische Entwicklung von Gender Mainstreaming (GM)

Zur Verankerung der GM–Strategie in der Europäischen Gemeinschaft:

Die Tatsache, dass Fragen der Gleichstellung der Geschlechter Querschnittsaufgaben sind, die alle Politikfelder berühren, ist nicht neu und wurde in frauenpolitischen Kreisen bereits in den frühen Achtziger Jahren diskutiert [3].

1985: Der Begriff Gender Mainstreaming taucht im Anschluss an die 3. Weltfrauenkonferenz der Vereinigten Nationen in UNO-Dokumenten erstmals auf exponierter politischer Ebene auf.

1995: Die 4. Weltfrauenkonferenz führte zur Gründung einer Aktionsplattform, die ausdrücklich GM unterstützte. Mehrere Länder erarbeiten daraufhin einzelstaatliche Pläne, um GM voranzutreiben. Auf europäischer Ebene förderten in den letzten Jahren hauptsächlich zwischenstaatliche Organisationen den GM–Ansatz.

1996: Im vierten Aktionsgramm der EU zur Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen findet sich die GM–Strategie bereits an zentraler Stelle.

1997: Der Amsterdamer Vertrag wertet das übergeordnete Ziel der Chancengleichheit nochmals erheblich auf. In Artikel 2 des Amsterdamer Vertrages werden die Aufgaben der EU um die Gleichstellung von Frauen und Männern ergänzt. Artikel 3 besagt, dass die EU bei allen in diesem Artikel genannten Tätigkeiten darauf hinwirkt, Ungleichheiten zu überwinden und die Gleichstellung von Frauen und Männern sicherzustellen. Die Gleichstellung wurde so einerseits zur besonderen Aufgabe der EU erklärt und andererseits als Ouerschnittsmaterie definiert.

2000: Im Juli 2000 anerkannte die österreichische Bundesregierung die Gleichstellung von Frauen und Männern als durchgängiges Leitprinzip der Bundesregierung und sprach sich mit Bezug auf Artikel 2 und 3 des Amsterdamer Vertrages dafür aus, diese Aufgabe als Querschnittsaufgabe unter dem Begriff Gender Mainstreaming zu fördern. Herr Mag. Herbert Haupt, Bundesminister für soziale Sicherheit und Generationen, bezeichnet diesen Schritt als einen neuen Aufbruch für die Frauen- und Geschlechterpolitik und damit auch für eine moderne Gesellschaftspolitik Österreichs.

1978: Seit dieser Zeit ist in der österreichischen Bundesverfassung die Gleichstellung von Frauen und Männern de jure verankert (de facto ist vielerorts nichts davon zu bemerken. Pers. Anmerkung).

7. Gleichstellung bedeutet Chancengleichheit

Chancengleichheit heißt, dass Frauen und Männer die gleichen Chancen haben, am wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Leben nach ihrer freien Wahl zu partizipieren [4].

Chancengleichheit heißt nicht Gleichbehandlung. Denn wenn Ungleiche gleich behandelt werden, führt das nicht zur Gleichheit sondern setzt die Ungleichheit fort.

Chancengleichheit besteht erst, wenn die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern in allen gesellschaftlichen Bereichen erreicht ist. Erst wenn Frauen und Männer die gleichen Start- und Rahmenbedingungen haben, haben sie die gleichen Chancen.

Chancengleichheitheißt, dass die Partizipationschancen von Menschen nicht durch das biologische Geschlecht determiniert werden, sondern für alle gleich sind und nach individuellen Entscheidungen genutzt werden können. Die Förderung von Chancengleichheit bedeutet deshalb, ungleiche geschlechtsspezifische Strukturen abzubauen und auf die Gleichstellung von Frauen und Männern zu zielen.

Es geht bei der Förderung von Chancengleichheit [5] stets um

Die Verwirklichung umfassender Chancengleichheit ist als komplexer, (mikro)politischer Prozess zu verstehen, der


Die Frauenförderung ist ein Irrtum.
Das einzige, was noch helfen könnte,
wäre die Förderung männlichen Umdenkens.

(Prof. Dr. Domsch)

8. Auf die Plätze, gender, los ... oder zum Stand der Dinge

Das Schlagwort Gender Mainstreaming fällt in eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwunges.

Frauen sind (wieder) gefragt in der Erwerbswelt, die Wirtschaft entdeckt die Familienpolitik, Firmen initiieren Kinderbetreuungsangebote. Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf – seit langem beschworen – wird plötzlich zu einem ernst genommenen Anliegen und entfaltet eine erstaunliche Dynamik [6].

Sollen Frauen wie Männer aber tatsächlich mit gleichen Chancen starten können, sollen sie gleichermaßen selbstbestimmt ihre Lebensentwürfe entwickeln und verwirklichen und gleichwertig an der Zukunftsgestaltung mitwirken können, dann braucht es mehr als eine wirtschaftliche Schönwetterlage.

Einzelne, Teams und Gruppen kommen aus verschiedenen Organisationen mit unterschiedlichen Themen und Fragestellungen in Supervision. Ist Genderkompetenz und Sensibilisierung notwendig für ein zeitgemäßes Supervisionsverständnis, sozusagen konjunkturunabhängig?

Ich meine ja und lade Sie deshalb ein, der Sache näher auf den Grund zu gehen.

Genau betrachtet macht es nämlich einen erheblichen Unterschied, ob gleiche Chancen für Männer und Frauen angestrebt werden oder die Voraussetzungen verbessert werden sollen, um das weibliche Potential in der Erwerbswelt besser auszuschöpfen.

Es macht einen Unterschied, ob qualifizierte Frauen auf Zeit von ihren familiären Pflichten freigestellt werden sollen, um funktionstüchtig und verfügbar für die Wirtschaft zu sein (so wie es von Männern ohnehin erwartet wird), oder ob sich tatsächlich ein neues Verständnis für Zuständigkeiten anbahnt. D. h. dass in guten wie schlechten wirtschaftlichen Zeiten, Männer wie Frauen, Väter wie Mütter, die Möglichkeit zur Chancengleichheit in beruflichen und privaten Lebensentwürfen haben.

Die Resultate können nicht mit den Anstrengungen Schritt halten. Die Leichtlohngruppe gehört immer noch den Frauen, der Chefsessel ist immer noch männlich.

Der Fokus beim Thema Gleichstellung ist weitgehend auf die Frauen und auf die "Außenwelt" gerichtet

Es gilt also, sich auch in Supervisionsprozessen, welche sich überwiegend mit beruflichem Handeln von Menschen auseinandersetzen, entsprechend um die "Innenwelten" der Klientel zu bemühen.

Das soziale Geschlecht – von Männern und Frauen - nimmt in der "Innenwelt" seinen Anfang

Innenwelten von Männern und Frauen, die durch Prägungen, Normierungen und Zuordnungen den Nutzen verschiedener Fähigkeiten oft in den Schatten stellen.

Für die Genderkompetenz einer/s Supervisorin/s braucht es eine scharfe Beobachtungsgabe und einen Grundstock an Wissen über die Auseinandersetzung mit dem sozialen Geschlecht. Das Wissen über die bewusste Einrichtung unserer heutigen, zweigeteilten Lebenswelt im Sinne einer interessengeleiteten Konstruktion ist nur spärlich vorhanden. Verankert im kollektiven Bewusstsein ist sie überhaupt nicht. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, dass, in Kürze gesagt, mitsamt den Frauen auch die ihnen zugeordneten Eigenschaften und Werte weitgehend in den Privatbereich abgedrängt worden sind?

Vielleicht werden Sie mir jetzt entgegnen, es gibt doch auch fürsorgliche Väter und durchsetzungsfähige Berufsfrauen. Schon richtig, aber wie klingt eine fürsorgliche Unternehmensleitung in ihren Ohren? Also, das ist doch weltfremd, würde mir so manche/r entgegnen.

Die unterschiedlichen Normen in den beiden Bereichen, die ungleiche gesellschaftliche Bewertung und Bedeutung von Innenwelt und Außenwelt sind ungebrochen und mit gravierenden Konsequenzen verbunden.

Geschlechtergerechtigkeit muss sich an einer Perspektive der Gleichwertigkeit beider Lebenswelten orientieren. Für das Kerngeschäft einer Gesellschaft, nämlich die Sicherung eines verantwortungsvollen Umgangs miteinander und die Nutzung der Ressourcen für die Zukunft, ist das verbreitete Profit- und Konkurrenzdenken ungeeignet. Diese Grundhaltung sichert höchstens den Fortbestand, nicht aber - in einem umfassenden Verständnis - den Fortschritt einer Gesellschaft.

Schlussfolgern wir daraus, dass die vielseitige Palette menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften wieder beiden Geschlechtern zugänglich gemacht werden soll, zum Nutzen aller!

Soziales Geschlecht ist etwas, was wir tun!

Gerade anhand der täglichen KlientInnenarbeit mit konkreten Alltagssituationen erfolgt eine schrittweise Auseinandersetzung mit den verschiedenen Lösungsmöglichkeiten. Der Lernbedarf in Sachen Gender im Allgemeinen ist größer als angenommen. Gleiche Chancen? Kein Problem. Haben wir doch. Leben wir doch. Ist doch selbstverständlich. Die Summe der Details zeigt ein anderes Bild. Viel Vergnügen bei der Arbeit mit ihrer Klientel und den vielfältigen Entdeckungsreisen rund um das Thema soziales Geschlecht und dessen Auswirkung auf die Lösungsmöglichkeiten anstehender Problemfelder.


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Veröffentlichungsdatum: 19. April 2004


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