Sozialraumorientierung - ein holistisches Gewebe?

oder:
Ansichten zur Ressourcenreform in der Jugendhilfe

von Andreas Hampe-Grosser (Juli 2003)

Ich möchte einen Beitrag in der Diskussion zum Thema Sozialraumorientierung leisten, mich beteiligen an einer Diskussion zu diesem Thema, beteiligen insgesamt an einem Prozess, der die Jugendhilfe verändern wird.

Ich habe für meinen Beitrag das Thema "Sozialraumorientierung - ein holistisches Gewebe?" gewählt und war bemüht, viel von dem, was ich nachfolgend ausführe, in die Überschrift hineinzubringen. Allerdings stelle ich an den Schluss meines Themas ein Fragezeichen. Ein Fragezeichen, um meine Überlegungen als eine mögliche Betrachtungsweise unter vielen verstanden zu wissen. Ein Fragezeichen auch, da vieles (noch) undeutlich schimmert.

(Wie verhalten sich eigentlich Tiere, wenn ihnen in der Nacht ein Auto entgegenkommt?)

Wir merken es täglich: Jugendhilfe verändert sich!

Was geschieht? Vielleicht fragen wir uns, die wir im Bereich der öffentlichen Jugendhilfe arbeiten, ob "es" uns geschieht oder wir überlegen, ob wir am Geschehen beteiligt sind?

Nehmen wir doch mal für einen Moment an, dass sich dahinter ein großer geheimnisvoller Plan verbirgt, eine Matrix. Wie könnte diese Matrix aussehen?

Wendt (1997, S. 26, 27) beschrieb im Zusammenhang mit Case Management prägnant die Ideen des so genannten New Public Management:

"Im Gegensatz zu den USA dominiert in Europa die öffentliche Hand im Sozial- und Gesundheitswesen. Wegen der enormen Aufwendungen in diesem Bereich und der beklagten Unwirtschaftlichkeit, Schwerfälligkeit und Bürgerferne der Verwaltung kamen ab 1980 nicht nur in Großbritannien, sondern bald auch in anderen Ländern Reformvorschläge zur Verwaltungsmodernisierung auf den Tisch, die auf ein unternehmerisches Handeln, Orientierung am Bürger und Kunden und auf Leistungsanreize durch marktförmige Konkurrenz im öffentlichen Sektor setzen. Die Konzepte im sogenannten New Public Management haben sich im Laufe der Zeit verändert. Nacheinander wurden die folgenden Zielsetzungen und Strukturprinzipien betont:

Praktisch geworden ist das New Public Management als wirkungsorientierte Verwaltungsführung in Deutschland in Form der "Neuen Steuerung" bzw. der "Neuen Steuerungsmodelle", die seit 1993 von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt) zur bundesweiten Anwendung empfohlen werden. Die Schlüsselworte sind hier: Dezentrale Ressourcenverantwortung und Budgetierung, Wettbewerbsdenken, Kundenorientierung, Produktbeschreibung und Outputorientierung. Behörden sollen sich zu Dienstleistungsunternehmen wandeln. Ämter treffen intern und extern Leistungsvereinbarungen."

Begrifflichkeiten, denen im amtsalltäglichen Jugendhilfeleben zwar begegnet wird, denen in der Regel aber aus dem Weg gegangen wird. Im Alltag, wenn Familien in Krisen zu beraten sind, sich trennende Eltern sich an Sozialarbeiter wenden, Unterbringungen vorbereitet werden müssen, Freizeitangebote gestaltet werden usw., Kinder in Not sind, haben diese Begriffe kaum Platz.

Die Umlaufbahnen berühren sich, wenn Zeit- und Mengenstatistiken zu fertigen sind, wenn Kostenstellen angeben werden in Schreiben, die an andere Abteilungen gerichtet werden, wenn Produktkataloge verstanden werden wollen, wenn - ja wann eigentlich noch???

Hilfen kosten Geld, Geld das die Länder, Städte, Bezirke kaum oder nicht mehr haben. Wir haben in den Hilfen zur Erziehung nach dem KJHG eine schmerzhafte Bauchlandung gemacht und versuchen nun - beinahe kunstvoll - wie in Salvadore Dali's Werk - unsere "brennenden Giraffen" mit Stützen zu stabilisieren.

Beinahe gleichzeitig tauchen fachliche Begriffe wie "Sozialraumorientierung" oder "Hilfeplan Management" auf, und KollegInnen fragen sich, ob noch mehr Veränderungen und Druck verkraftet werden kann.

New Public Management als Idee eines größeren Rahmens, quasi im Bild der "Förmchen in Förmchen" (Kinderspielzeug), als größere Form.

Rahmenmarkierungen dieser Idee lauten wie ausgeführt (ebd.):

  1. "Mehr Effizienz,

  2. Verschlankung und Dezentralisierung,

  3. Leistungssteigerung,

  4. Gesellschaftliche Verantwortung und Rechenschaftspflichtigkeit."

Und z.B. auch im Rahmen des Berliner Senatsbeschlusses vom 10.05.1994 sind diese Punkte in der Zielsetzung der Reform der Berliner Verwaltung hinsichtlich der Umgestaltung der Verwaltung "zu einem modernen, wirtschaftlich arbeitenden und an den Interessen ihrer Kunden, d.h. den Bürgern und der Wirtschaft ausgerichteten Dienstleistungsunternehmen" (Konzepte Kurzfassung Neues Berliner Verwaltungsmanagement, S. 4) zu finden. Vergessen werden sollte ja nicht, dass sich die Berliner Verwaltung damals renommierte Unternehmensberatungsgesellschaften zu Rate gezogen hatte.

New Public Management, Wegbereiter des Vewaltungsmanagements?!

Ich möchte nun zu der möglicherweise nächst kleineren Form kommen:

Berliner Bezirke finanzieren sich mittlerweile über Doppelhaushalte, so genannte Globalhaushalte. Es erfolgt eine finanzielle Aufteilung des Gesamthaushaltes für die verschiedenen Abteilungen (Gesundheits-, Sozial-, Jugendamt usw.).

Organisationsstrukturell ordnen sich die Berliner Jugendämter nun wiederum in Regionen, bzw. haben sich so geordnet. Dies ermöglicht den Jugendämtern, ihre Haushaltsbewegungen an einer regionalen Struktur auszurichten. Virtuell oder tatsächlich könnte es nun also zu "Regionenhaushalten" kommen. Einnahmen und Ausgaben, z.B. im Bereich der Hilfen zur Erziehung, werden somit heruntergebrochen in den Bereich einer regionalen, abgegrenzten Organisationseinheit. Kleinere Einheiten dieser Region sind nun die so genannten Planungs- oder Sozialräume.

An dieser Stelle taucht bereits der Begriff Sozialraum auf:

Sozialraum somit vorerst als organisationsstrukturelles haushaltspolitisches Planungsgebiet?

Es kann erfasst werden welche Hilfen zur Erziehung, wie viel Hilfen usw. in einem überschaubaren Bereich geleistet werden, angeboten werden und wie viel Kosten hierfür entstehen.

Aus der Menge der regionenbezogenen Sozialräume kann eine gesamt-regionale Leistungserfassung vollzogen werden. Regionen wiederum können hierüber auch miteinander verglichen werden.

Es werden Rahmenbedingungen für regionalbezügliche Verantwortlichkeiten hergestellt, gleichzeitig kommt es zu internen und externen Leistungsvereinbarungen (siehe auch Kooperationsvereinbarungen mit Trägern der ambulanten und stationären Jugendhilfe, Kooperationsvereinbarungen mit Erziehungsberatungsstellen, Schulen usw.).

In der Literatur lässt für diese Form kommunalpolitischer Steuerung der Begriff "Managed Care" finden.

Seit Beginn der 90er Jahre hält Managed Care in den USA insbesondere bei den pflegerischen und medizinischen Dienstleistungen Einzug. Managed Care, zu übersetzen etwa mit "gelenkter Versorgung", ist in Deutschland u.a. auch im Rahmen der Diskussion der Vermittlung ärztlicher Leistungen unter Vorherschaltung des Hausarztes bekannt.

"Managed Care" bezeichnet Systeme der [...] Versorgung, in denen die Finanzierung der Leistungen mit ihrer effizienten Erstellung verbunden wird." (Wendt, S. 22)

Gemeinsam ist den unterschiedlichen Modellen von Managed Care das Ziel, "durch eine strikte Kontrolle des Leistungsgeschehens die Kosten zu senken, die Effizienz zu erhöhen und die Qualität zu verbessern". (Arnold/König/Seitz 1996:8).

"Meistens schließen im Rahmen von Managed Care die Kostenträger [...] für den Personenkreis, den sie vertreten, mit den Leistungserbringern [...] Verträge ab, in denen der Umfang der Zahlungen [...] und der Leistungen vorab festgelegt wird." (Wendt, S. 23)

Die extern und intern getroffenen Leistungsvereinbarungen entsprechen im sozialen Bereich den Kontrakten des Managed Care" (was sich ursprünglich erst einmal auf das Gesundheitswesen bezog). (vgl. Wendt, S. 27)

Fach -und Ressourcenverantwortung werden im Sinne der Neuen Steuerungsmodelle zusammengeführt. Es entstehen teilautonome Strukturen in Fachämtern und betriebswirtschaftlich geführte Einrichtungen. (vgl. Wendt, S. 28)

Diese Entwicklung lässt sich bei der Umstrukturierung in den Berliner Jugendämtern beobachten. Es kommt zu Regionenbudgets auf der Grundlage der Einnahmen und Ausgaben in den Sozial- bzw. Planungsräumen.

Soziale Arbeit ist dabei, sich zu verändern - dies geschieht bereits.

Regionalleiter werden zu Haushältern, die Controlling und Steuerung der Ausgaben z.B. im Bereich der Hilfen zur Erziehung in ihrem Arbeitsplatzprofil wiederfinden werden. Ergänzende Steuerungsmodelle hierbei stellen z.B. "Falleingangsphasen-Verfahren" dar.

Gleichzeitig reicht auch im Rahmen der Berliner Jugendämter wohl ein Managed Care als Rahmen noch nicht aus, die Kosten zu senken, die Effizienz zu erhöhen und die Qualität zu verbessern". Die Umstrukturierungsprozesse werden sich meines Erachtens nun spätestens auch in einer sich verändernden Fallarbeit niederschlagen.

Managed Care als Rahmungsidee jugendamtlicher Organisationskultur?!

Es wäre nun wohl interessant auch einen Blick auf neue Modelle für die Fallarbeit zu werfen und sich schließlich zu fragen, welche Bedeutung einer Diskussion um Sozialraumorientierung auf der Grundlage all dieser Veränderungen zukommt.

Auch in Bezug auf die Fallarbeit geraten immer öfter neue Begriffe in den Sprachgebrauch: Hilfeplanmanagement, Hilfeplanverfahren, Krisenmanagement, Qualitätsmanagement, Case Management, Empowerment, Kundenmonitoring, Evaluationen usw. Auch Fallarbeit ist möglicherweise auf dem Weg sich zu verändern, sich zu verändern vom "Case Work" (Einzelfallarbeit) hin zum "Case Management" (vgl. auch Kleve / Haye / Hampe-Grosser / Müller).

Jugendamtliche Fürsorge scheint nunmehr zu betreuende Familien zu "managen".

Wie "neu" ist diese Art der Fallarbeit eigentlich? (nächst kleinere Form)

Hilfeplanverfahren sind nicht neu, denn mit in Kraft treten des KJHG 1990 wurde das Hilfeplanverfahren insbesondere über den § 36 KJHG rechtlich verankert und wird seither mit Leben gefüllt.

Neu allerdings scheinen durch die letzten Jahre gesteigerte Formen der Qualitätsentwicklung und - sicherung geworden zu sein, die letztendlich auf ein gewisses Verfahren bspsw. in den Hilfen zur Erziehung hinauslaufen (Neuffer, S. 50):

  1. Kontaktaufnahme/Klärungshilfe/Beratung,

  2. Analyse/Falleinschätzung,

  3. Hilfebedarf/Entwurf,

  4. Hilfeplanung,

  5. Controlling,

  6. Beendigung der Unterstützung/Evaluation.

Diese in jugendamtlicher Praxis eingekehrte Form der Fallarbeit wird in der Literatur umfangreich auch im Zusammenhang mit Case Management beschrieben.

"Case Management bietet für Sozialdienste eine Prozesslenkung an, in der die einzelnen Vorgänge transparent, jeweils für sich handhabbar und zu kontrollieren, zu bewerten und abbrechender sind." (Wendet, S. 28)

Somit lässt sich an dieser Stelle resümieren:

Behördliche Jugendhilfe ist in einen komplexen Prozess sich verändernder Verwaltungsformen und -strukturen eingebettet. Verschiedenste Ansätze moderner Managementverfahren (New Public Management, Managed Care, Case Management) wirken sich nun auch spürbar in der alltäglichen Basisarbeit der Jugendämter aus, sind von MitarbeiterInnen zu spüren. Ich könnte also sagen: "Management geschieht" - einerseits, andererseits: "werden bereits Managementprozesse durchgeführt", die vielleicht noch nicht alle so benannt werden.

Schließlich möchte ich nun ausführen, wie meines Erachtens die Idee der Sozialraumorientierung in diesen Prozess hineinpasst und warum diese vielleicht erst zu diesem Zeitpunkt für die Jugendhilfe interessant werden konnte.

Vorhin habe ich das Bild der "brennenden Giraffen" verwendet. Das war kein Zufall, denn die kommunalen Haushaltssituationen scheinen Bränden zu entsprechen, und wir bemühen uns emsig, die Fahnen der Fachlichkeit unter immer schwieriger werdenden Bedingungen hochzuhalten. Wir stützen uns und unsere Arbeit unter der Last des Brandes.

Sozialraumorientierung (ein noch etwas kleineres Förmchen ...)

Auf ein mögliches Merkmal der Sozialraumorientierung bin ich vorhin schon eingegangen:

Sozialraum als organisationsstrukturelles haushaltspolitisches Planungsgebiet

Im Positionspapier der Berliner Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Sport (S.2) zur Sozialraumorientierung wird dieses Merkmal benannt. Hierin wird wie folgt ausgeführt:

"Konzepte der Sozialraumorientierung berücksichtigen im Wesentlichen folgende Ebenen:

Methoden

Sozialräumlich orientierte Sozialarbeit und Sozialpädagogik berücksichtigt in ihrem sozialpädagogisch-methodischem Instrumentarium Ansätze der Aktivierung und Beteiligung von Menschen sowie die Mobilisierung von Ressourcen

Planung und Steuerung

Der Sozialraum ist als räumlich eingegrenzte geografische Einheit die Basis von Jugendhilfeplanung. Er ist die Bezugsgröße für den Einsatz der personellen, sächlichen und finanziellen Ressourcen.

Organisation

In der Organisation der Jugendhilfe spiegelt sich der kleinräumliche Bezug wider. In der Organisationsstruktur drücken sich leistungsbereichsübergreifendes Denken und Handeln sowie dezentralisierte Formen der Verantwortungsverlagerung und Wahrnehmung aus.

Finanzen

Die Ausstattung eines Sozialraumes mit einem Finanzbudget ist eine wesentliche Grundlage für bedarfsgerechtes und flexibles Handeln.

weitere Ressourcen

Die Mobilisierung von Ressourcen im Rahmen des sozialpädagogischen Handelns von Einzelnen und Stadtteilteams bedarf einer strukturellen Absicherung von Ansätzen der Gemeinwesenarbeit, die über die Jugendhilfe hinausgehen."



"Die wesentlichen methodischen Prinzipien sozialräumlich orientierter Arbeit sind (nach Hinte): (ebd. S. 3)

  1. konsequentes Ansetzen am Willen und an den Interessen der Wohnbevölkerung,

  2. die aktivierende Arbeit und Förderung der Selbsthilfe,

  3. die Konzentration auf die Ressourcen der im Quartier lebenden Menschen,

  4. die Konzentration auf die Ressourcen der materiellen Struktur des Quartiers,

  5. ein zielgruppen- und bereichsübergreifender Ansatz,

  6. die Kooperation und Abstimmung der professionellen Ressourcen."

Um Sozialraumorientierung in diesem Sinne umzusetzen, bedarf es meines Erachtens zweier äußerst schwieriger Schritte:

Wir müssen Wege finden, um den Willen und die Interessen der Wohnbevölkerung zu erfassen und zu verstehen. Das ist doch schon deshalb bedeutsam, weil es sich hierbei um unsere "Kunden" im eigentlichen Sinne handelt. Also: Der Bürger bestimmt den Bedarf; Leicht gesagt und schwer zu handhaben. Und: Wissen die Bürger eigentlich schon von unseren Partizipationsoffensiven???

Sozialraumorientierung amtsintern zu realisieren hätte als zweites zur Folge, dass sich Ämter strukturell neu organisieren (Entsäulungen). Die bisherigen Formen der Fachdienste bzw. Fachbereiche wären aufzulösen, zu flexibilisieren, dahingehend, dass amtsextern und amtsintern sozialräumliche Kooperation, Vernetzung und Strukturbildung erfolgen.

Wenn wir alleine diese beiden Schritte überdenken so müssen wir feststellen, dass wir uns entscheiden müssen, ob wir über Sozialraumorientierung reden wollen oder ob wir Sozialraumorientierung leben wollen!

Hierin liegt meines Erachtens eine bedeutsame historische Dimension.

Systemisch ausgedrückt würde ich sagen: Wir befinden uns an einer Weiche, einer Weggabelung und stehen vor der Frage, wie wir eine Veränderung gestalten wollen. Wenn wir die beiden eben benannten Punkte realisieren wollen, dann werden wir einen Unterschied (im Neuen) herstellen, der wahrlich einen Unterschied (zum Bisherigen) ausmacht.

Sozialraumorientierung bedeutet den bisherigen Lösungsrahmen zu verlassen.

Es wäre notwendig, nicht länger nur in den bisherigen Dimensionen ( z.B. Anzahl und Kosten der Familienhilfen, Anzahl und Kosten der stationären Hilfen usw. ) zu denken. Mit der Entscheidung für Sozialraumorientierung blicken wir über unseren "Tellerrand" und wenden uns unseren Tischnachbarn zu, dies nicht mehr einzelfallbezogen, sondern grundsätzlich und prinzipiell. Es käme zu einer weitaus engeren Vernetzung zwischen den jugendamtlichen Angeboten (bspsw. familienunterstützende Hilfen und Jugendförderungsangeboten). Eine intensive Vernetzung wäre extern und intern notwendig.

Wir bräuchten unter anderem ein dynamisches Informations - und Vernetzungsmanagement, im großen und im kleinen. Regionenbezogen müssen Daten über alle Träger und Angebote erhoben, gepflegt und aktualisiert werden und dann allen MitarbeiterInnen zur Verfügung stehen.

Aber, halten wir auch aus dem anderen Punkt noch inne:

Vieles, wovon ich berichte ist Sozialraumorientierung aus der Perspektive der Behörde. Ich wiederhole also meine Frage: Wissen die Bürger eigentlich schon von unseren Partizipationsoffensiven???

Wir müssen uns also vor allem auch Gedanken darüber machen, wie wir die Bedarfe der Bürger im Sozialraum, bzw. in der Region erfassen können und welche Wege sich entwickeln lassen, um das Beziehungsmuster zwischen Bürgern und VerwaltungsmitarbeiterInnen zu verändern.

Sozialraumorientierung - ein holistisches Gewebe?

Sozialraumorientierung bietet - bei guter Vernetzung - einerseits die Chance für Klienten, Kunden maßgeschneiderte lebensweltorientierte Hilfen zu gestalten, andererseits ist Sozialraumorientierung eingebettet in ein größeres Gewebe einer sich verändernden Verwaltung.

Sozialraumorientierung ist die logische methodische Ergänzung in der Kette von "New Public Management" (Verwaltungsreform) - "Managed Care" (Strukturierung in Regionen, Kooperationsvereinbarungen u.v.a.) - "Case Management" (Hilfeplanverfahren) (- und als weiteres Glied: - Sozialraumorientierung), denn Sozialraumorientierung ermöglicht die Regulierung im Vorfeld von kostenintensiven Hilfen unter Nutzung alternativer örtlicher Ressourcen. Eine unter marktpolitischen Gesichtspunkten durchaus legitime Möglichkeit öffentlicher Träger, Ausgaben zu kontrollieren und zu regulieren.

Darüber hinaus scheint mir für die Jugendhilfe Sozialraumorientierung auch als Synonym für einen Paradigmen- und Kulturwechsel zu stehen.

Die Verwaltungen stehen vor einer bedeutsamen Aufgabenkritik.

Viele Aufgabenbereiche stehen vor der Überprüfung, ob sie weiterhin von öffentlicher Jugendhilfe angeboten werden können, z.B. Kindertagesstätten, Erziehungsberatungsstellen, Vormundschaften, Beistandschaften, Mitwirkung in gerichtlichen Verfahren, Jugendfreizeitheime.

Jugendhilfe überprüft, ob sie im Steuerungs- und operativen Bereich tätig bleiben kann.

Aufgabenkritik und Sozialraumorientierung stehen zueinander in mathematischem, in komplementärem Bezug: Je kleiner A, desto größer B! Je mehr sich die öffentliche Jugendhilfe auf ihre Kernaufgaben zurückzieht, desto mehr braucht es eine funktionale, vernetzte Infrastruktur von freien Trägern und Projekten.

Dies scheint mir allerdings der Hauptgrund dafür zu sein, warum die schon ältere Idee der Sozialraumorientierung derzeit so "hip" ist und wohl zur vollen Entfaltung kommen kann, denn man vertraut darauf, dass sich freie Jugendhilfe expansiv entwickeln kann und die Bürger weitaus mehr Selbstverantwortung und - engagement übernehmen können.

Aber, vielleicht täuschen wir uns bloß, vielleicht bilden wir uns zuviel auf unsere Fachlichkeit ein. Wenn wir die weltwirtschaftliche Situation beobachten, die Globalisierung der Märkte, die Globalisierung Europas, dann müssen wir feststellen, dass wir uns in einem neoliberalen Umbruch befinden, einen Umbruch in dynamische weltwirtschaftliche Abhängigkeiten, auf einen Weg hin zur Flexibilisierung menschlicher Ressourcen und wir treffen bei der Beurteilung dieser Entwicklungen zwangsläufig auf Richard Sennett. Dieser führt zum Begriff Flexibilität aus, dass sich im modernen Gebrauch des Wortes Flexibilität ein Machtsystem verbirgt, welches aus drei Elementen besteht: "dem diskontinuierlichen Umbau von Institutionen, der flexiblen Spezialisierung der Produktion und der Konzentration der Macht ohne Zentralisierung." Und er beschreibt schließlich "Re-engineering" als Praktik des diskontinuierlichen Umbaus von Institutionen. Re-engineering - mehr mit weniger zu leisten - ein Teil der Kultur des neuen Kapitalismus.

Nun, vielleicht ist unsere Fachdiskussion nur ein Teil dieser neuen Kultur.

Sie erstarren und warten ... Hoffen wir, dass wir uns bewegen können, bevor das Auto uns überfährt ...

Unklar, undeutlich, schemenhaft, bleiben die Orte, wo die Matrix wirklich ihren Anfang hat(te)!


Literatur

Arnold, Michael / König, Hans-Helmut / Seitz, Robert 1996: Managed Care: Prinzipien, Effekte, Grenzen. In: Führen und Wirtschaften im Krankenhaus, 13, 1. S. 8 - 12

Hinte, Wolfgang: Grundlagen sozialräumlicher Orientierung der Jugendhilfe, Vortrag auf der Veranstaltung Sozialraumorientierung im Bezirk Tempelhof-Schöneberg im Haus Rupenhorn am 04.07.2002

Kleve, Heiko / Haye, Britta / Hampe-Grosser, Andreas / Müller, Matthias (2003): Systemisches Case Management. Aachen: Dr. Heinz Kersting wissenschaftlicher Verlag

Neuffer, Manfred (2002): Case Management - Soziale Arbeit mit Einzelnen und Familien. Weinheim, München: Juventa

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport (2002, 2. Auflage): Sozialraumorientierung in der Berliner Jugendhilfe - Ein Positionspapier zur Diskussion, Seite 2 - 3

Senatsverwaltung für Finanzen (Februar 1996), Konzepte Kurzfassung Neues Berliner Verwaltungsmanagement, Seite 4

Sennett, Richard (1998): Der flexible Mensch. Berlin: Berlin Verlag

Wendt, Wolf Rainer (1997): Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Freiburg i.B.: Lambertus


Der Autor:

Andreas Hampe-Grosser

  • Studium an der Evangelischen Fachhochschule Berlin,

  • Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge, Familientherapeut /
    systemischer Berater (DGSF) und Supervisor,

  • arbeitet als Sozialarbeiter im Allgemeinen Sozialpädagogischen
    Dienst eines Berliner Jugendamtes,

  • Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin sowie
    Trainer im Fort- und Weiterbildungsbereich,

  • Arbeitsschwerpunkte: Soziale Arbeit mit "Multiproblemfamilien",
    Sozialarbeit im "Zwangskontext", lösungsorientierte Beratung,
    Systemisches Case Management sowie familienorientierte Hilfen
    zur Erziehung.

eMail: ahagro@t-online.de

www.wantalunga.de


Veröffentlichungsdatum: 17. Juli 2003


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