Family Group Conferencing

Über die Entwicklung einer respektvollen Hilfeplanung

von Andreas Hampe-Grosser (Juni 2007)

Man hilft den Menschen nicht, wenn man Dinge für sie tut, die sie selber tun können.
Abraham Lincoln

I.

Family Group Conference, in deutscher Übersetzung adaptiert als Verwandtschaftsrat (VR), stammt ursprünglich aus Neuseeland. Inspiriert und initiiert aus der Kultur der Maoris wurde es als Verfahren, vergleichbar der Hilfeplanung, gesetzlich verankert. Mit dem Inkrafttreten des "Children, Young Persons and their Families Act" (CYP&F Act) von 1989 sind Familienkonferenzen verpflichtend für alle Fälle, wo Jugendämter eine Kindeswohlbeeinträchtigung vermuten. Zentrale Botschaft des CYP&F Act ist der Respekt vor den Kompetenzen und dem Wissen von Familien.

Das im Gesetz detailliert beschriebene Verwaltungsverfahren des Family Group Conferencing (FGC) gibt den Familien Entscheidungs- und Gestaltungsmacht in der Hilfeplanung und den Sozialarbeiter/innen Sicherheit, die Selbstverantwortung der Familien mit dem Wächteramt in Einklang zu bringen.

Wolfgang Budde und Frank Früchtel von der Universität Bamberg haben in den letzten Jahren deutschlandweit Pionierarbeit geleistet. Konsequent engagiert haben beide dazu beigetragen, dass Family Group Conferencing als aussichtsreiche sozialpädagogische Innovation Einzug in die bundesdeutsche Jugendhilfepraxis hält.

Was verbirgt sich hinter Family Group Conference/Verwandtschaftsrat?

Wolfgang Budde und Frank Früchtel beschreiben den Verwandtschaftsrat als "ein radikales Verständnis von Betroffenenbeteiligung in der Hilfeplanung".

FGC/VR ...

Das Prinzip ist denkbar einfach: Vom ASD/Jugendamt wird eine Sorge zur Lebenssituation eines Kindes/Jugendlichen formuliert. Durch Tätigwerden einer Koordination werden in Vorbereitung auf eine Hilfekonferenz (besser: Familienkonferenz) so viel Menschen aus der relevanten Lebenswelt wie möglich (mindestens sieben Personen) aktiviert sich an der Lösungsentwicklung zu beteiligen. Die Familienkonferenz selbst verläuft dann in drei Phasen:

  1. Informationsphase,

  2. Exklusive Familienzeit,

  3. Entscheidungsphase.

In der exklusiven Familienzeit erarbeitet die Familie alleine Lösungsideen und stellt diese den Profis (ASD/Jugendamt) in der Entscheidungsphase vor.

II.

Unsere niederländischen Nachbarn erproben schon seit vielen Jahren FGC (in den Niederlanden: Eigen-Kracht-Konferenz). Dabei zeigen sich interessante Evaluationsergebnisse, beispielsweise folgende:

Qualitätseinschätzung der Pläne durch Profis

67 %

Besser als Profi-Pläne

33 %

Genauso gut wie Profi-Pläne

0 %

Schlechter als Profi-Pläne

N=753

(Quelle: Eigen Kracht Conferences. First experiences in The Netherlands, 2003, Fiet van Beek)

In nebenstehendem Schaubild (vgl. Budde/Früchtel 2003) ist ein typischer Ablaufplan einer Family Group Conference dargestellt. Es zeigt sich u.a., dass bereits in Vorbereitung auf eine Familienkonferenz Lösungen entwickelt werden. Entscheidend jedoch ist, dass die Akzeptanz und die Nachhaltigkeit der Lösungen dann sehr hoch sind, je mehr Personen aus der Lebenswelt an ihrer Entwicklung teilnehmen. Schließlich erfolgt ein Paradigmenwechsel von bisher üblichen "profi-codierten" Hilfeplänen hin zur Erstellung von adressaten-/familien-orientierten Selbstverpflichtungskonzepten (Familie erstellt Lösungsplan und Erfolgskriterien).

III.

Vom 12. bis zum 14.10.2006 fand das vierte europäische Network-Meeting zu Family Group Conferencing (FGC) in Kopenhagen, Dänemark, statt. Teilgenommen haben insgesamt 37 Teilnehmer/-innen aus 12 Staaten. Vertreten waren Kollegen/-innen aus England, Schottland, Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark, Russland, Slowakei, Frankreich, Holland, Neuseeland und Deutschland.

Das Network-Meeting bringt vor allem die nationalen Praktiker jährlich zusammen und fokussiert, im Unterschied zu einem Kongress, darauf, einen Austausch über gesammelte praktische Erfahrungen zu ermöglichen.

Deutschland ist im Bereich von FGC ähnlich wie Russland oder die Slowakei noch in der Anfangsphase dieser Entwicklung. Die skandinavischen Länder Norwegen, Finnland, Dänemark, Schweden oder die Länder England, Wales, Schottland, Belgien, Holland haben mehrjährige Erfahrungen in der Organisation von FGC und sind in der politischen und juristischen Auseinandersetzung bereits soweit vorangeschritten, dass FGC in die entsprechenden Gesetze der Jugendhilfe aufgenommen wurde oder wird.

Das heißt konkret, dass sich FGC in mehreren Staaten zum Subsidiaritätsprinzip entwickelt. Bevor ein Kind eine Familie verlassen muss, um in ein Heim zu kommen, muss eine Family Group Conference organisiert werden, um zu prüfen, welchen Plan die Familie selber entwickeln kann, um Fremdunterbringung zu vermeiden. Und diese Entwicklung ist äußerst beeindruckend.

Family Group Conferencing ist keine neue zusätzliche sozialpädagogische Methode. Nein, Family Group Conferencing ist die Veränderung einer Haltung und die daraus resultierende Organisation von Hilfeplanung.

Das Konzept der FGC wird in Deutschland mittlerweile in sechs Bundesländern in kleineren oder größeren Projekten erprobt: Baden-Württemberg (Stuttgart), Bayern (Rosenheim), Schleswig-Holstein (Nordfriesland), Nordrhein-Westfalen (Landschaftsverband Westfalen-Lippe), Hessen (Landschaftsverband Hessen) und in Berlin. Die Einführung und Evaluation von FGC befindet sich in den sechs Bundesländern in Projektphasen und wird in zwei Bundesländern von der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) e. V. begleitet. Im Kern wird FGC derzeit im Bereich der Jugendhilfe ausprobiert.

Nach dem europäischen Network-Meeting in Kopenhagen ist eines allerdings klar: Europaweit gibt es nicht mehr die Frage, ob FGC in Deutschland eingeführt wird, sondern nur noch wann.

Family Group Conferencing hat einen sehr tiefen ethischen Kern: Die Familie wird als Experte für die Lösung ihrer Probleme ernst genommen und unterliegt nicht einer vorschnellen administrativen Handlung.

Kritikern sei an dieser Stelle mitgeteilt: FGC wird europaweit mit allen Varianten familiärer Probleme praktiziert: Migrationshintergrund, Kindeswohlgefährung, Obdachlosigkeit, Jugenddelinquenz, u.a.

Wir erproben das Verfahren seit einem Jahr in einem bezirklichen Projekt in der Arbeit mit Berliner Multiproblemfamilien und können versichern: Es funktioniert auch hier.

Insofern existiert nicht die Frage, ob FGC für die Familien "passt", sondern, ob die Professionellen ihre Haltung ändern wollen, ob Sie den Familien Lösungen zutrauen.

Im Oktober 2007 ist das 1. Netzwerktreffen deutscher Praktiker in Münster geplant.

Im November 2007 richtet Deutschland das 5. europäische Netzwerktreffen aus.

Family Group Conference ist nicht nur ein radikal adressatenorientierter Ansatz, sondern auch ein radikal systemischer Ansatz, der angemessen ungewöhnlich die Lösung unmittelbar im System organisiert.


Literaturhinweis:

Budde, Wolfgang; Früchtel, Frank (2003): Ein radikales Verständnis von Betroffenenbeteiligung in der Hilfeplanung: Family Group Conferencing, in: Sozialmagazin 28, Heft 4.


Internethinweise:

www.eigen-kracht.nl/

www.frg.org.uk/index.asp

www.children1st.org.uk/about/services.html

www.hants.gov.uk/daybreakfgc/index.htm

info.stakes.fi/laheisneuvonpito/EN/index.htm

www.cyf.govt.nz/1254.htm

Der Autor:

Andreas Hampe-Grosser

  • Studium an der Evangelischen Fachhochschule Berlin,

  • Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge, Familientherapeut /
    systemischer Berater (DGSF) und Supervisor,

  • arbeitet als Sozialarbeiter im Allgemeinen Sozialpädagogischen
    Dienst eines Berliner Jugendamtes,

  • Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin sowie
    Trainer im Fort- und Weiterbildungsbereich,

  • Arbeitsschwerpunkte: Soziale Arbeit mit "Multiproblemfamilien",
    Sozialarbeit im "Zwangskontext", lösungsorientierte Beratung,
    Systemisches Case Management sowie familienorientierte Hilfen
    zur Erziehung.

eMail: ahagro@t-online.de

www.wantalunga.de


Veröffentlichungsdatum: Juni 2007


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