Cornelia Frey (2005):
Respekt vor der Kreativität des Menschen. Ilse Arlt: Werk und Wirkung.
Opladen: Barbara Budrich.

Eine Rezension von Andreas Hampe-Grosser

Als Mittvierziger gehöre ich zu den Menschen, die das Glück besitzen, noch lebende Großeltern zu haben. Mein Großvater ist mittlerweile 95 Jahre alt. Er hat 30 Jahre im öffentlichen Dienst gearbeitet. Seit 30 Jahren ist er Pensionär. Ich arbeite auch im öffentlichen Dienst. Wenn ich ihm manchmal von den strukturellen Querelen aus meiner Arbeit erzähle, sagt er: "Junge, das war früher auch schon so ..." Als ich das Buch Respekt vor der Kreativität des Menschen - Ilse Arlt: Werk und Wirkung gelesen hatte, blieben vor allem Erstaunen und Verstörung - und Gedanken an meinen Großvater. Bereits im Vorwort legt die Autorin Cornelia Frey die Fährte, wenn sie zitiert: "Manche Ideen gehen verloren, tauchen dann plötzlich wieder neu auf" (Ilse Arlt, 1958).

Cornelia Frey stellt uns das Werk und die Wirkung von Ilse Arlt vor, die von 1876 bis 1960 überwiegend in Wien gelebt hat und eine herausragende Fürsorgetheoretikerin und Gründerin der ersten Fürsorgeschule Österreichs war. Das Buch gliedert die Autorin in 5 Kapitel:

  1. Arlt im Kontext ihrer Zeit

  2. Ilse Arlts Fürsorgetheorie

  3. Ilse Arlts Profil im Vergleich mit ihren Zeitgenossen/-innen

  4. Systemtheoretische Konzepte in der Sozialen Arbeit

  5. Verbindungslinien zu Ilse Arlt - ein Abschlusskommentar

Aus dem Inhalt des Buches möchte ich drei Aspekte herausstellen:

Erstens:
Ilse Arlts Theorien zur Armut und Armutsforschung waren im deutschsprachigen Raum im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts relativ weit verbreitet. Die "Grundlagen der Fürsorge" erschien 1921, zählte zu den wichtigsten Lehrbüchern ihrer Zeit. [...] 1958 erschien ihr Spätwerk "Wege zu einer Fürsorgewissenschaft". Neben diesen beiden Hauptwerken sind zwischen 1909 und 1950 weitere 55 Publikationen von Ilse Arlt erschienen, auf 23 davon hat Cornelia Frey zurückgreifen können. Allein quantitativ lässt sich an der Menge der von Ilse Arlt veröffentlichten Werke erkennen, welche Bedeutung sie zu ihrer Zeit hatte.

Zweitens:
Im zweiten Kapitel erörtert Cornelia Frey die Erkenntnisse Ilse Arlts zum Zusammenhang von Armut und Bedürfnisbefriedigung (vgl. S. 74 ff). Dabei führt sie aus, dass Arlt in ihrem Buch "Grundlagen der Fürsorge" den Begriff des Gedeihens einführt, der von der Art und Zahl der Bedürfnisbefriedigungen abhängig sei. Sie fährt fort: "Ihre Untersuchungen unterscheidet Arlt in 13 Bedürfnisklassen [...] Die Bedürfnisklassen sind: 1. Ernährung, 2. Wohnung, 3. Körperpflege, 4. Kleidung, 5. Erholung, 6. Luft, 7. Erziehung, 8. Geistespflege, 9. Rechtspflege, 10. Familienleben, 11. ärztliche Hilfe und Krankenpflege, 12. Unfallverhütung, 13. Erziehung zur wirtschaftlichen Tüchtigkeit. Ilse Arlt nimmt eine differenzierte Aufteilung in Alters- und Bedürfnisklassen vor. Bei den Altersklassen werden Säuglingsalter, Krabbelalter, Kindergartenalter, Schulalter, Jugendliche, erwachsene Mädchen und Frauen bis zum Greisenalter und erwachsene Jungen und Männer bis zum Greisenalter und Greise unterschieden (vgl. S.76). Nun, wer ein wenig in der derzeitigen Fachdiskussion zum Thema Kinderschutz eingelesen ist, wird, ähnlich wie ich, feststellen, dass Bedürfniskategorien zur Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung von aktueller Bedeutung sind. Angefangen über die "Bedürfnispyramide" von Maslow, über die mehr als 1.000-seitigen Ausführungen des Deutschen Jugendinstitutes zum Thema Kinderschutz, bis hin zu den Bayrischen und Stuttgarter Kinderschutzbögen ist doch allen gemein, dass Bedürfnisse von "Fürsorgefällen" kategorisiert werden. In den entsprechenden aktuellen Fachdiskussionen hat man aber schnell den Eindruck, dass Arbeitsblätter, Hilfsmittel, Unterscheidungen und Kategorisierungen immer ganz neu erfunden werden. Umso mehr hat es mich als Leser des Buches verstört, von der Autorin im Bereich Armut/Fürsorge/Kinderschutz auf eine Quelle hingewiesen zu werden, die beinahe 100 Jahre zurück reicht.

Drittens:
Das Lehr- und Lernkonzept Ilse Arlts (vgl. S. 86 ff): "In ihrer 1912 in Wien gegründeten Schule, die sie die "Vereinigten Fachkurse für Volkspflege" nannte, versuchte Arlt ihre theoretischen Überlegungen zu Armut und Fürsorge in die Praxis der Lehre umzusetzen. [...] Zur Beschreibung der Schule und ihres Selbstverständnisses seien [...] einige Prinzipien genannt, welche die zukünftige Praxis der Schülerinnen kennzeichnen sollten: Dezentralisierung, Vereinheitlichung der Angebote, Gemeinwesenansatz, Krankenhaussozialarbeit, Männerarbeit, Ehrenamt." Spätestens an dieser Stelle des Buches musste ich beim Lesen innehalten. Wieso musste ich sofort an die aktuelle bundesweite Jugendhilfereform im Rahmen der Sozialraumorientierung denken? Spielen dabei nicht auch die o.g. Prinzipien eine entscheidende Rolle, sind das nicht die Paradigmen, die gerade (2007!) gewechselt werden? Das soll einer verstehen.

Liebe Cornelia Frey, wie ist das denn nun? Haben Sie mir als Leser die Einredung gegeben, dass manche Ideen einfach nur plötzlich wieder auftauchen, oder ist es wirklich so? Oder bilde ich mir das alles nur ein? Ihre Ausführungen über das Werk und die Wirkung Ilse Arlts haben mich beeindruckt. Tief beeindruckt. Erstaunt. Und verstört.


Der Autor:

Andreas Hampe-Grosser

  • Studium an der Evangelischen Fachhochschule Berlin,

  • Diplom-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge, Familientherapeut /
    systemischer Berater (DGSF) und Supervisor,

  • arbeitet als Sozialarbeiter im Allgemeinen Sozialpädagogischen
    Dienst eines Berliner Jugendamtes,

  • Lehrbeauftragter an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin sowie
    Trainer im Fort- und Weiterbildungsbereich,

  • Arbeitsschwerpunkte: Soziale Arbeit mit "Multiproblemfamilien",
    Sozialarbeit im "Zwangskontext", lösungsorientierte Beratung,
    Systemisches Case Management sowie familienorientierte Hilfen
    zur Erziehung.

eMail: ahagro@t-online.de

www.wantalunga.de


Veröffentlichungsdatum: Juni 2007


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