Therapie und Beratung

Die Gestaltung des "Dazwischen" in Supervision und Therapie

von Jesús Hernández-Aristu (Juni 2005)

Seminar auf dem EFTA KONGRESS (Berlin 28.9 - 3.10.2004)

Einführung

In meiner Praxis als Berater stehe ich oft vor Ereignissen, für die ich keine Erklärung habe. Oft geschieht dies bei Gruppenarbeit. Das möchte ich an Hand zweier Beispiele zeigen.

1. Beispiel

Ich bin bei mir zuhause und bereite mich vor auf eine Gruppensitzung, die am nächsten Tag 200 km entfernt stattfinden soll. Es handelt sich um ein Arbeitsteam, das Stadtteilarbeit leistet und am Jahresende über die verrichtete Arbeit Bilanz ziehen will, um daraus Konsequenzen für die nächste Zukunft zu ziehen bzw. neue Kraft für die folgende Arbeit zu schöpfen. Ich sollte dem Team bei diesen Zielsetzungen behilflich sein.

Ich mache mir einen Arbeitsplan: U. a. sehe ich vor, dass die Mitglieder des Arbeitsteams mit Hilfe von allen möglichen und unmöglichen Gegenständen - Farben und Ton, Stiften und Mahlkasten - jeweils eine Darstellung entwickeln mit dem Thema: "Wie ist für mich die Arbeit im letzten Jahr gewesen?" Aus dem Dargestellten sollte jedes einzelne Teammitglied etwas als Unterpfand herausstellen, das es für die Zukunft beibehalten will.

Wie geplant geschah es auch in der Gruppe, und nach intensiver Einzelnarbeit und Herstellung schöner Collagen, Skulpturen und desgleichen mehr, musste jedes Mitglied seine Darstellung vor der Gruppe vorstellen. Dabei gab es viel Stoff zum Austausch, zum Nachdenken usw.. Jeder Einzelne bekam auch von der Gruppe viel Unterstützung, Feedback, Fragen, Bitten etc.

Der allerletzte hatte bei seinem Bild ein großes Puzzleteil und sagte zu der Gruppe:

"Ich stelle mir unsere Gruppe vor als ein Puzzlebild. Jeder hat ein Stück, ein Teil." Dann fügte er zu seinem Bild mit dem Puzzleteil die Teile seiner KollegInnen hinzu.

Ich schaue auf meinen Arbeitsplan. Darunter steht: Am Ende der Runde werde ich als Möglichkeit folgenden Hinweis gebe: Ich stelle mir diese Gruppe so vor, wie ein Puzzle, und jedes Mitglied bringt sein Teil, sein Stück hinzu.

2. Beispiel

In der nordrhein-westfälischen Stadt Essen leitete ich vor geraumer Zeit eine Gruppe. Es ging um die Pädagogik Paulo Freires und ihre Anwendung in der Arbeit mit ausländischen Familien in Deutschland.

Nach dem ersten intensiven Arbeitstag sitze ich in meinem Hotelzimmer und grübele darüber, wie ich am nächsten Tag mit der Gruppe weiterarbeiten könnte. Nach einer Weile wusste ich, worauf es ankam. Ordentlich, wie ich eben bin, habe ich das auf mein Arbeitsblatt schriftlich eingetragen:

Ich werde den TeilnehmerInnen vorschlagen, anhand eines konkreten Falles aufzuzeigen, wie methodologisch nach Freires Methode gearbeitet werden könnte.

Am Tag darauf fing ich an mit der Frage, wie die TeilnehmerInnen den ersten Tag des Seminars erlebt hatten. Es meldeten sich mehrere und erzählten Verschiedenes über den Tag zuvor, und was sie bewegt hatte. Eine Frau meldet sich und sagt, als ob sie es aus meinem Blatt ablesen würde: "Können Sie uns anhand eines konkreten Beispieles zeigen, wie es methodologisch geht?" Die ganze Gruppe stimmte ihr augenscheinlich zu.

Es gibt sicherlich einige Erklärungen auf der Markt der Theorien: So z. B. die Feldtheorie von Kurt Lewin, nach der sich in Gruppen so etwas entwickelt wie ein Feld von Kräften und Interaktionen, an dem alle in der Gruppe beteiligt sind, so dass dadurch etwas Neues entsteht. Das kann eine mögliche Erklärung sein.

Im ersten Beispiel war ich 200 km vom Wirkungsfeld der Gruppe entfernt, und es war ein Tag, bevor ich die Gruppe das erste Mal sah. Ich hatte ein paar Monate zuvor für die Gruppe ein Seminar geleitet.

Beim zweiten Beispiel hatte ich viel Zeit und Können aufgewandt, um herauszufinden, worauf es in der Gruppe ankommen könnte. Ich weiß auch, dass die TeilnehmerInnen oft klüger und cleverer sind als der Referent. Verwunderlich war jedoch, dass die Teilnehmerin - im Grunde im Namen der Gruppe - nicht nur die gleiche Idee hatte, sondern sogar die gleichen Worte verwendete, die ich auf meinem Arbeitsblatt stehen hatte.

Aus der systemischer Theorie wissen wir vom Geflecht oder dem Gefüge von Interaktionen innerhalb einer Gruppe. Aber ob das eine endgültige Erklärung ist für das, was zwischen Menschen geschieht, wenn sie zusammen sind oder wenn sie miteinander auf irgendeiner Weise in Kontakt stehen, wage ich zu bezweifeln.

Das Reich des "Dazwischen"

Es ist in der Fachliteratur über Kommunikation der Zwei-ein-halb-Minuten lange Film der Zigarettenszene der Palo Alto Gruppe bekannt. Eine Gruppe von Forschern des Psychiatrischen Institutes hatte bei einem Treffen die ersten Minuten des Treffens gefilmt: Sie tauschen Zigaretten aus, zünden sie sich gegenseitig an, so wie es bei vielen Kollegen- und Freundesrunden der Fall ist. Beim Betrachten des Films fällt es ihnen auf, dass alle Bewegungen miteinander so koordiniert werden, dass es ihnen vorkommt wie ein Tanz. Sie sind so begeistert über ihre Beobachtungen, dass sie anfangen zu schreiben, was sie alles bei dieser kleinen Szene beobachteten. Aber nach über 100.000 Seiten, die sie darüber geschrieben hatten, stellten die Forscher fest, dass sie nicht in der Lage waren, das ganze gesammelte Material auf einen Artikel zu reduzieren. Sie gaben den Versuch auf.

Also ich denke, dass es unmöglich ist alles zu erfassen, was zwischen Menschen geschieht, wenn sie zusammen sind, bzw. wenn sie in Kontakt zu einander stehen.

Martin Buber, der große Philosoph der Dialogik, hat vom Dazwischen gesprochen und behauptet, dass zwischen Menschen, zwischen ich und du, eine dritte Instanz entsteht, die nicht meine und nicht deine ist. Eine Art feinstoffiger Zwischenraum, der biologischer, physischer, spiritueller Natur ist. Ein Zwischenraum, der nicht unbedingt an physischen und zeitlichen Dimensionen oder Grenzen haften bleibt. Eine, wenn Sie wollen, Seelenkommunikation, eine unmittelbare Seelenkoinzidenz, die sogar Zeit und Raum überwinden kann.

Die Gestaltung des Dazwischen

Um diesem Dazwischen-Raum Ausdruck zu verleihen, es zu objektivieren, so dass es beobachtbar wird, bediene ich mich einer Methodik, die die Gestaltung dieses Dazwischen ermöglicht. Sie besteht darin, auf eine bestimmte Art eine Verlangsamung des kommunikativen Geschehens zwischen zwei oder mehreren Menschen herzustellen, indem ich die TeilnehmerInnen zu zweit oder mehreren miteinander malen lasse. Die Verlangsamung macht den TeilnehmerInnen und mir selber als Berater vieles bewusst und einiges deutlicher, was unter uns Menschen, zwischen den TeilnehmerInnen (z.B. als SupervisandInnen oder KlientInnen) untereinander und zwischen TeilnehmerInnen und LeiterIn geschieht. Es wird so zu einem Lernprozess über sich selber und, was vielleicht noch wichtiger ist, über das Miteinander.

Wir dürfen bei all unseren Forschungsvorhaben nicht vergessen, dass Menschsein nur in Beziehung möglich ist, wie es nicht nur Buber betont, sondern auch der Symbolische Interaktionismus und die Systemik unterstreicht.

Wenn die TeilnehmerInnen zu zweit (oder mehreren) diese eigenen Bilder miteinander gestaltet haben, können sie anschließend die bei der Entstehung ihres jeweiligen Bildes gemachten Erfahrungen austauschen und beim Neubetrachten des Bildes noch nach und nach weitere Beobachtungen anstellen. Mit Hilfe der Gruppe und der LeiterIn kann man dieses Dazwischen "dazwischennehmen" (als Objekt betrachten) und dabei neue Lerneffekte hervorrufen.

Schlussfolgerung für die Beratung

Wir können die gesamte Klient-Berater-Situation als eine Dazwischen-Situation ansehen. Durch die Erstellung von Collagen oder Bildern dieser Art wird klarer, was zwischen Menschen geschieht. Im Unterschied zum Malen im alltäglichen Umgehen miteinander geschieht das in einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit. Anders ausgedrückt: Es ist Gleichzeitigkeit und Reziprozität.

Selbstverständlich kann der beste Berater, die beste Beraterin nicht alles beobachten, zumal er/sie zugleich Teil dessen ist, was geschieht. Darum empfehle ich immer wieder, Kontakt zu sich selber beim Beraten zu halten, häufiger die Position eines Beobachters einzunehmen und die Beratungssituation selbst in ihrem Zeit-Raum-Gefüge als ein objektiviertes Bild anzusehen oder in real den Ratsuchenden ein Bild herstellen zu lassen. Das objektivierte oder in Realität gemalte Bild gibt sowohl der BeraterIn als auch der KlientIn die Möglichkeit zu beobachten, was im Hier und Jetzt geschieht oder im Dort und Damals in dem Beziehungsgeflecht von Ich-Du-All Erlebte zu verstehen, mit dem Ziel, so angemessener die (Lebens-)aufgaben zu bewältigen.


Veröffentlichungsdatum: Juni 2005


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