Durch Sprache Wirklichkeit verändern. Reflexion kommunikativen Vorgehens in Beratung und Supervision

von Jésus Hernández-Aristu (Juli 2002)

1. Einführendes Resümee

Wer in Bereichen der Beratung, der Supervision und der Sozialen Arbeit tätig ist, weiß, dass das Hauptelement sowohl für Diagnose, als auch für Intervention in der jeweiligen Berufstätigkeit immer das Wort ist. Worte sind zugleich objektivierte Gedanken, Gefühle, Ausdruck, Darstellung und Herstellung subjektiver Wirklichkeit. Mit dem Wort greifen und begreifen wir die Wirklichkeit, machen wir sie uns zu Eigen, stellen wir sie uns zur Verfügung, konstruieren wir sie. Sprechen als sinnvolle Aneinanderreihung von Wörtern, ist die Eigenform des Menschen, sich über die Wirklichkeit auszutauschen und sie handelnd zu verändern.

Searle (1969) hat uns gezeigt, dass Sprechen in Übereinstimmung mit Regeln Akte zu vollziehen bedeutet (S.38 und ff.). In diesem Aufsatz versuche ich zu zeigen, dass Sprache (Laute, Gesten oder Gebärden) Chance und Hindernis zugleich ist, Freiheit und gleichzeitig Gefängnis für die Redenden bedeutet, Entdeckung und Verschleierung parallel sein kann, Verständnis und Verheimlichung zur gleichen Zeit herstellt. Doch Sprache bleibt nach wie vor die Eigenart des Menschen, sich an einander und an der Wirklichkeit gemeinsam zu beteiligen und sie und sich zu verändern. Für Beratung und Supervision heißt das: kommunikative Vorgehensweise kann Veränderungen beim Ratsuchenden bewirken.

2. Das Wort ist ambi- bzw. poli-valent

Zwei Frauen unterhalten sich über Männer. Es sagt die eine zu der anderen:

"Weißt Du, worin sich ein Mann und ein Hund gleichen?"

"Nein," sagt die zweite, "worin denn?"

Worauf die erste antwortet: "Beide, Mann und Hund, schauen einen so an, als ob sie, einen verstanden hätten."

Wir lachen über den Witz, und doch spricht er von unserer alltäglichen Erfahrung, die wir machen, wenn wir miteinander reden.

In unserem sprachlichen Alltag machen wir uns meistens keine großen Gedanke darüber, ob wir beim Sprechen, beim Austausch von Informationen, Bewertungen und Beobachtungen den anderen verstanden haben oder der andere uns verstanden hat. Wir gehen im Allgemeinen davon aus, dass, wenn wir uns unterhalten, wir uns auch verstehen. Wir setzen voraus, dass wir, wenn wir Worte, Gesten und Gebärden untereinander austauschen, diese für alle am Gespräch beteiligten Menschen die gleichen Bedeutungen haben. In der Tat, wenn einer sagt: "Ich bin heute morgen mit dem Auto gekommen", stellt der Zuhörer sich die Situation des Kollegen so vor, dass dieser im Autos sitzt und - von irgendwoher kommend - uns erreicht hat. Man würde sagen, die Sprechsituation ist stimmig, beide Kollegen haben sich gut verstanden. Der eine weiß, dass der andere mit dem Auto gekommen ist. Fahren, Auto etc, alle diese Worte, die gebraucht wurden, sind beiden bekannt und sie werden vom Sprecher und vom Zuhörer im gleichen Sinne gebraucht und verstanden.

Wenn, angenommen, der Zuhörer aber eine Zuhörerin ist, die sich als Ingenieurin seit Jahren mit Fragen der Mobilität in NRW beschäftigt und jeden Autofahrer als ein Problem wahrnimmt und ansieht, ohne dass ihr Gesprächspartner etwas dafür kann, wird sie seine Botschaft über die Fahrt mit dem Auto als einen schlimmen, "unerlaubten" Eingriff in die Qualität des Lebens anderer Menschen ansehen. Wenn diese Ingenieurin noch dazu einer ökologischen Bewegung angehört, die um jeden grünen Quadratmeter in der Natur kämpft, wird sie sich vielleicht die Situation so vorstellen, dass ihr Kollege mit seinem Auto und seiner Art der Fortbewegung verantwortlich im Sinne von mitschuldig ist an der Ausweitung der Autobahnen in Deutschland.

Man könnte sich sogar die Situation so vorstellen, dass der Kollege um die Einstellung seiner Kollegin weiß, und auf Grund dessen, anstatt zu sagen, "Ich bin heute morgen mit dem Auto nach hier gekommen", sich dafür entscheidet zu sagen, "Ich bin heute morgen rechtzeitig hier angekommen", worauf die Zuhörerin sich vorstellt, dass ihr Kollege mit dem Zug gekommen ist. In diesem Fall hat die Adressatin den Sprecher nur teilweise oder gar nicht verstanden, der Sprecher jedoch hat damit einen möglichen Konflikt vermieden.

Kommunikation zwischen Menschen ist vielfältig. Sie ist teilweise Entdeckung, teilweise Ausschluss an die Wirklichkeit eines anderen Menschen. Oft aber tun Sprecher und Zuhörer in ihren Gesprächen so, als hätten sie sich verstanden.

3.Menschen sind Akteure und Inter-Akteure in jeder Kommunikationssituation

Menschen in einer Sprechsituation gleichen Akteuren in einem Theaterstück auf der Bühne, in dem die Rolle und der Text teilweise festgelegt sind, an die und den sie sich halten müssen, und zugleich nur teilweise als Akteure, selbst etwas kreieren müssen. Dabei muss jeder Akteur den Text des anderen berücksichtigen, soll das Theaterstück gelingen.

Somit werden sie alle zu Interakteuren beim Spielen der jeweiligen Rolle und des gesamten Theaterstückes. Dieser Vergleich der Sprechsituation mit dem Spiel eines Theaterstückes stammt aus der Rollentheorie, so wie sie von Parsons bis Habermas vertreten wurde.

Nach dem Muster der Rollentheorie gelingt Kommunikation bei einer Sprechsituation erst dann, wenn die Worte in ihren Bedeutungen so festgelegt sind, dass sie keine oder kaum eine freie Interpretation für die Sprechakteure übriglassen.

Gesellschaft und somit Sprache gehen dem Individuum voraus. Das Individuum beschafft sich in seinem Sozialisationsprozess die Inhalte der Worte gleichsam aller anderen Akteure, sprich Mitglieder der Gesellschaft. Die Gesellschaft reproduziert sich dabei als ein System gleicher Sprache-Inhalte, die gerade durch Sprache vermittelt werden. Diese für alle gleichbedeutende Sprache macht es möglich, dass Menschen sich untereinander verstehen können. Die Sprache einer Gesellschaft wird zum Vehikel gesellschaftlicher Strukturen, Werte, Normen, Differenzierungen und Unterschiede.

Wenn das Individuum spricht, gibt es, ob es das will oder nicht, reproduziert es seine eigene Gesellschaft. Der Werdegang eines Menschen ist nichts anders als der Prozess der Vergesellschaftung und Formung seiner Persönlichkeit, seines Ichs durch die Gesellschaft. Dürkheim (1975), der frühe französische Soziologe geht noch weiter und behauptet, dass das Beste des Menschen die Gesellschaft in ihm sei. Wenn Unterschiede in der Gesellschaft zu verzeichnen sind, die in der Sprache ihren Ausdruck finden, so ist das auf die verschiedenen sozialen Herkünfte jedes einzelnen in der Gesellschaft zurückzuführen. Familie, Kaste, soziale Schicht sind Bezeichnungen für diese unterschiedlichen Herkünfte, für die Individuen einer Gesellschaft, doch "bei all den unterschiedlichen Göttern, die jede Schicht und jede Familie für sich in Anspruch nimmt, gibt es allgemeingültige Götter, die von allen anerkannt werden, und die den Kindern beizubringen sind," behauptet Dürkheim (S. 51).

Damit ist aber nur ein Teil dessen was in einer Kommunikation geschieht, erklärt worden, nämlich die Tatsache, dass, wenn zwei Menschen, die die gleiche Sprache, etwa Deutsch, miteinander sprechen, sich verstehen können, soweit es sich dabei um Menschen handelt, die die gleiche oder ähnliche Schichtzugehörigkeit aufweisen und bei unterschiedlichen Herkünften, sich nur dann verstehen, wenn sie über bestimmte allgemeine Themen, Objekte, Geschehnisse miteinander reden.

Doch bei dieser Fokussierung auf die Sprache geraten beim Individuum sein biologisch angelegtes Erbe und seine ihm spezifische Eigenart, auf äußere Reizen zu reagieren, total aus dem Blick. Seine Sprechakte werden dann nur angesehen als eine Widerspiegelung seiner eigenen Gesellschaft bzw. seiner eigenen sozialen Wirklichkeit, was wiederum der Evidenz des alltäglichen Lebens widerspricht.

Darum sind andere Autoren ausgehend von den Theorien Meads (1973) bei Aufrechterhaltung des Bildes der Bühnenszene, dazu übergegangen, die Kommunikationssituation des Menschen als einen Akt, als eine Handlung darzustellen, an der sowohl das Gesellschaftliche, als auch das Individuelle zum Vorschein treten.

Diese Leistung ist möglich dank der menschlichen Sprache. Jedes Wort ist sowohl Ausdruck gesellschaftlichen Inhalts, gesellschaftlicher Realität, als auch Ausdruck dessen, was ein Mensch sich in seinem Sozialisationsprozess spezifisch an Erfahrungen erworben und an Reaktionsformen gegenüber den äußeren gesellschaftlichen Reizen zu Eigen gemacht hat.

Um es anders auszudrücken: Wenn ein Mensch ein Wort ausspricht, um sich mit anderen zu verständigen, so beinhaltet dieses Wort gesellschaftliche als auch dem Individuum zu eigen gemachte Inhalte.

Somit werden Menschen, die miteinander kommunizieren, ob sie dies wollen oder nicht, zu Akteuren-Interakteuren auf der Bühne der Kommunikationssituation. Ihr gegenseitiges Verständnis bzw. Missverständnis hängt davon ab, wie jeder für sich und beide füreinander die Sprechsituation definiert haben bzw. definieren, und davon, über wie viele gemeinsame Inhalte sie beide in dem Gespräch verfügen können.

Habermas geht soweit, die Meinung zu vertreten, dass ein Kommunikationsakt als Kommunikationshandeln eher eine Ver-handlung zwischen Akteuren ist, die zwar in Beziehung zu einander stehen, zugleich aber verschiedene, differierende gesellschaftliche und individuelle Inhalte austauschen. Das heißt einerseits, dass beide Gesprächspartner sich miteinander (teilweise) identifizieren, jeder von ihnen teil nimmt an der festgelegten Bedeutung der Worte, die sie gebrauchen, jedem einzelnen von ihnen aber zugleich die Deutung und Bedeutung der gleichen Worte freigestellt ist. Also: Identifikation und Distanz, Identifikation und Abgrenzung, Bindung und Freiheit zugleich.

An diese Auffassung knüpft Habermas seine für die zwischenmenschliche Kommunikation entscheidenden vier Gestaltungsansprüche. Das bedeutet, wenn zwei sich miteinander unterhalten, so gehen beide davon aus, dass der andere die Wahrheit sagt, er aufrichtig ist, sich an allgemeingültige Normen hält, wahrhaftig ist und letztlich, dass er sich verständlich ausdrückt (vgl. Habermas 1976, 1981).

Damit ist ein ethisch bindendes und verbindendes Moment der Kommunikation angesprochen, mit dem ich mich hier nicht weiter beschäftigen will.

Wenn man sich vorstellen will, wie zwischenmenschliche Kommunikation vor sich geht, gewinnt man den Eindruck, wie es McLuhan (1968, S. 29) einmal formuliert hat, dass Sich-verständigen, Miteinander-kommunizieren "eine extrem komplexe Handlung darstellt". Wen soll es dann wundern, dass Bateson und Ruesche (1984) behaupten, das es niemals gelingen wird, dass zwei Menschen sich völlig verstehen können?

Wenn gesellschaftliche und personal-individuelle Inhalte im Dialog miteinander und ineinander verflochten sind, so ist damit das Prinzip der Gesellschaftsveränderung durch individuelle bzw. kollektive Sinnveränderung der Sprache mitprogrammiert.

Der Mensch, das Subjekt, der Einzelne kann die Bedeutung der Worte festlegen, nach seinem ihm persönlich gewordenen Inhalt richtet er den Diskurs, die Rede und kreiert auf diese Weise gesellschaftliche Realität. So sieht das auch der englische Soziologe Anthony Giddens (1995), wenn er das Buch vom Judith Wallenstein und Sandra Biakeslee (1989): "Gewinner und Verlierer" kommentiert und schlussfolgernd behauptet: "Wir könnten annehmen, dass mit der Ankunft der Modernität sich wichtige Veränderungen in dem unmittelbaren Sozialkontext der Individuen vollziehen und dass diese Veränderungen Ehe, Familie und andere Institutionen anrühren; aber die Menschen laden die Konsequenzen davon auf ihre Schultern und tragen sie, wie sie es immer getan haben, bei solchen Veränderungen in die sie verwickelt wurden. Aber könnte man nicht gerade das Gegenteil behaupten, dass nämlich die sozialen Umstände weder unabhängig vom Leben des einzelnen Menschen zu betrachten sind, noch sie extern sind zu den Personen? Durch den Kampf um, durch die Auseinandersetzung mit den eigenen intimen Problemen, tragen die Individuen bei zur Rekonstruktion des Universums der sozialen Aktivitäten, die sie umgeben" (S. 23). Anders ausgedrückt, in den notwendigen Beziehungen zwischen Individuen und Gesellschaft, erleben wir zurzeit eine Verschiebung vom Gesellschaftlichen zu Gunsten des Individuums. Sander (1998) geht noch ein Stück weiter in der Überlegung der Kommunikation in modernen Gesellschaften und glaubt, dass erst in modernen Gesellschaften, die sich durch Anonymität und Beziehungslosigkeit auszeichnen (- also durch nicht gesamtgültige Sozialhintergründe -), dass nur solche Gesellschaften anscheinend paradoxerweise "intime (d. h. enge, gewollte und emotional beladene) Sozialbeziehungen und persönliche Kommunikation zulassen" (S. 184).

Wir leben in einer Gesellschaft von Individuen, bei denen tendenziell die allgemeinen Götter (nach Dürkheim) an Bedeutung verloren haben, und das Individuum selbst an Gewicht gewinnt.

Günter Voss (1997), aus der Münchner soziologischen Schule, behauptet bei seiner Diskussion über das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft: "Schließlich verbirgt sich ein ganzes Feld von Problemen hinter der neuerdings wieder verstärkt explizit gestellten Standardfrage nach dem Verhältnis von 'Individuum' und 'Gesellschaft' bzw. (in aktueller Formulierung) nach der Gewichtung von 'Subjekten' gegenüber (sozial-) strukturellen Momenten in der Gesellschaftsanalyse" (S. 201).

In einer Gesellschaft von Individuen, deren Hauptsorge es ist, "ihre Rollen zu koordinieren, ihre Persönlichkeit zu integrieren und ihre Identität zu formen" (Hamburger 1996, S.48), müssen die Individuen selber, jeder für sich auswählen, entscheiden und handeln, ohne sich auf Tradition, allgemeingültige Normen und Formen stützen zu können, weil sie ihre Plausibilität und ihre Legitimität verloren haben (vgl. Beck-Gernsheim 1993, S. 179; 1997).

Dies hat für unser Thema der Kommunikation in Hinblick auf Supervision und Beratung zur Folge, dass bei jeder Kommunikationssituation die Gesprächspartner gezwungen sind, wenn sie sich verstehen wollen, ständig sich gegenseitig zu fragen: Was heißt dieses Wort, dieser Satz für dich? Was willst du mir mit diesem und jenem Wort sagen? Anderenfalls droht die Gefahr, in eine Art Autismus zu verfallen.

Um aus dieser mühsamen Zwickmühle herauszukommen, haben wir jedoch wieder andere Worte zur Verfügung, was jedoch wiederum dazu führen kann, sich und den anderen zu fragen, was dieses und jenes neue Wort denn nun bedeutet usw., usw., was nur dann noch einen Sinn hat, wenn irgendwann Worte mit gemeinsamen, gleichen oder ähnlich eingeredeten Bedeutungen gebraucht werden, also wenn Gemeinschaft, Klasse, Gruppe, Gesellschaft wieder sichtbar werden. Anderenfalls bleibt nur die Tatsache, so zu tun, als hätte man sich verstanden.

Dies soll verdeutlichen, dass Kommunikation in der zwischen-menschlichen Beziehung, unabhängig davon, ob es sich um funktionale Beziehungen (in der Arbeitsstelle) oder um persönlich-intime bzw. freundschaftliche Beziehungen (im Privatbereich) ein sehr komplexes soziales und individuelles Phänomen darstellt.

Doch gehen wir Schritt für Schritt voran!

4. Die mühsame Aufgabe, einander zu verstehen, und was man machen kann, damit Kommunikation gelingt

4.1 Vom kausalen zum gegenseitigen Einfluss-Kommunikationsmodell

Wenn wir eine Sprechsituation beschreiben wollen, so können wir uns sie so vorstellen:

A sagt etwas zu B. Da sie beide die gleiche Sprache sprechen, sollte man annehmen, dass beide das gleiche meinen, wenn sie die Worte gebrauchen.

"Ich bin mit dem Auto gekommnen", sagt A.

Dieser Satz wird zum Reiz für B, der dann darauf antwortet:

B1: "Hoffentlich bist Du in keinen Stau geraten". Worauf A1 dann irgend etwas zur Antwort gibt, etwa: "Nein, ich habe Glück gehabt".

So hätten wir eine Kette von Reizen und Reaktionen, zu der jede Reaktion zugleich ein Reiz ist für den, der zuvor gesprochen hat.

Diese Vorstellung ist in einer Konzeption von kausaler Kettenbildung von Reiz-Reaktionen stecken geblieben, die unbrauchbar ist, um Kommunikation in ihrer Komplexität zu beschreiben. Watzlawick (1981) erinnert uns daran, dass die bloße Präsenz zweier Menschen schon Kommunikation ist. Das heißt, bei der gegenseitigen Wahrnehmung zweier Menschen, gibt es keinen Anfang des Austauschens von Informationen, der für den Zuhörer der Anlass für weitere Informationen darstellt, sondern es findet eine Reziprozität in der Gleichzeitigkeit statt (S.93 und ff.). Es gibt also keinen einseitigen Anfang.

Darum möchten wir die Kommunikationssituation eher als einen dynamischen Kreis oder noch besser als eine Spirale darstellen. Wir meinen damit das gleiche, was schon Goffman (1989, S.27) sinngemäß gesagt hat: Die bloße Präsens zweier Menschen, ist gegenseitiger Einfluss. Also wenn jemand mit einem anderen Individuum spricht, dann spricht nicht er/sie mit ihm/ihr, sondern mit dem/der, den er/sie meint, vor sich zu haben, also mit seinem Bild von der KommunikationspartnerIn. Er/sie ist also schon in ihm/ihr, in seine/ihre Worte verwickelt, impliziert (vgl. Hernández 1995).

Wenn ich auf die Aussage eines Menschen reagiere, so reagiere ich nicht auf das, was er gesagt hat, sondern auf das, was ich verstanden habe.

Was man verstanden hat, ist sowohl von den Worten abhängig als auch von dem Bild das der Zuhörer sich vom Sprecher gemacht hat und darüber hinaus auch von dem Verständnis, das jener von den Worten, die der Sprecher gebraucht hat. Beim Verständnis des Gesagten ist zu berücksichtigen, dass diese gegenseitigen Bilder von der Qualität der Beziehungen zueinander abhängig sind (Watzlawick 1981). Letztlich beeinflusst auch der Kontext (die Umwelt), in dem die Gesprächspartner stehen, was und wie etwas gesagt wird, was gehört und wie es gehört wird. Diese Größe darf man nicht vergessen, will man den Anspruch auf Verstehen noch aufrechterhalten. Wenn man dazu noch annimmt, dass jeder auf der Folie seiner mitgebrachten gesellschaftlichen, klassen-, gruppen-, kulturspezifisch Deutungen und Bedeutungshintergründe der Sprache spricht und versteht, dann haben wir eine vage Ahnung mit welch komplexem Vorgang wir es bei zwischen-menschlichen Beziehungen und zwischen-menschlichen Kommunikationen zu tun haben.

4.2 Kommunikationen als bewusster-unbewusster Prozess

Bevor ich ein Gesamtbild der Kommunikationssituation darzustellen versuche, möchte ich darauf hinweisen, dass, wenn wir von Kommunikation sprechen, wir nicht vergessen dürfen, dass die Aneignung von Sprache und damit der Kommunikationskompetenz ein zu meist unbewusster Prozess im Laufe der Sozialisation (Hernández 1991) ist. Wir können mit Goffman (1987) sagen: "Viele entscheidende Momente liegen jenseits der Zeit und des Ortes in denen die Interaktion stattfindet, oder bleiben ihr verborgen" (S.14). Das heißt also, wenn zwei Menschen in gegenseitiger Präsenz sind, können sowohl für den Sprechenden als auch für den Zuhörer viele Elemente des gegenseitigen Einflusses unbewusst sein. Wir können uns eine Sprechsituation zweier Menschen aus der bloßen Perspektive bewusst-unbewusst so vorstellen:

Wenn A sagt: "Heute morgen bin ich mit dem Auto gekommen", so kann diese Botschaft bewusst das sagen, was der Satz in erster Linie inhaltlich zu sagen vermag. Es können aber in der Stimme z.B. auch Freude oder Ärger mitschwingen. Demnach finden sich also auch Freude oder Ärger über das Ankommen in dieser speziellen Botschaft. Das kann bewusst oder unbewusst mitgeteilt worden sein. Es ist möglich, dass der Zuhörer etwas mitbekommt, was der Sprecher nicht bewusst hat mitteilen wollen. Es schleicht sich in die Botschaft mit hinein, doch der Zuhörer hat es bewusst oder unbewusst mitbekommen.

Auf diese Weise entsteht eine Menge von Kommunikationsmöglichkeiten, die den ganzen Prozess beeinflussen:

Bewusstes, mitgeteilt von A und bewusst mitbekommen beim Zuhörer B, aber auch bewusst mitgeteilte Botschaften, die unbewusst B mitbekommen hat; unbewusst von A Gesandtes, das bewusst von B empfangen wurde. Weiter, unbewusst von A Gesandtes, das unbewusst von B. empfangen wurde. Darüber hinaus können auch sowohl beim Sprecher als auch beim Zuhörer unbewusste Inhalte bei sich selber zu bewussten und umgekehrt, bewusste zu unbewussten werden.

Kommunikation kann also als ein bewusster-unbewusster gegenseitiger Einflussprozess verstanden werden, aber auch als ein Prozess des inneren bewusst-unbewussten Dialogs.

4.3 Kommunikation als komplexer multidimensionaler Vorgang

Wenn wir alle Elemente der Kommunikationssituation berücksichtigen wollten, entstünde ein anderes, komplexeres Bild. In diesem Bild berücksichtigen wir in der Ich-Identität die beiden Dimensionen der Zeit, einmal die sozial-horizontale, die die Geschichte eines Menschen in seinem gesellschaftlichen Kontext darstellt, und ein andermal die individuell-vertikale, die stärker die individuelle Biographie des Einzelnen darstellt.

4.4 Kodierung-Entkodierungprozesse

Wenn A zu B zu sprechen beginnt, muss A erst einmal seine Gedanken, Beobachtungen, Erfahrungen, Erlebnisse, Erwartungen, Wahrnehmungen, Werte und Gefühle, also seine Subjektivität (die nach Chomsky in der "Tiefenstruktur" als Modell von individuell erfahrener Welt existiert, vgl. Bandler und Grinder 1981, S. 46 ff.) in Worte, Gesten, Gebärden umwandeln. Der Sprechende muss also einen Prozess der Objektivierung (nach Chomsky auf der "Oberflächenstruktur", vgl. Bandler und Grinder 1981) vollziehen. Dieser Prozess der Umwandlung subjektiver "Realität" in eine "objektivierte" Realität, wird auch Prozess der Kodierung genannt und bringt mit sich einen Verlust an subjektiven Informationen über die subjektiven Inhalte.

Worte und Geste werden zum Kodex, zu Symbolen, die von dem Zuhörer entziffert. d.h. entkodiert oder dekodiert werden müssen. Diese Worte, Gesten, Gebärde usw. müssen sodann von einem anderen Subjekt, dem Zuhörer verstanden werden. Die objektivierten Worte, Signale, der Kodex, was auch immer, werden subjektiv vom Zuhörer zunächst empfangen, dann teilweise oder ganz verstanden bzw. missverstanden. Dabei entstehen beim Zuhörer Bilder, Gefühle, Gedanken, Stimmungen, Konzepte, Erinnerungen usw. subjektiver Art. Da bei diesem Prozess jeder von dem anderen beeinflusst wird, kann das, was gesagt wird, nur in gegenseitiger Abhängigkeit verstanden werden.

Das was gesagt und was verstanden wird, sind auch noch dazu durch die äußeren Umstände (Umwelt) bedingt, so müssen Kontext und Umwelt ebenfalls berücksichtigt werden. Damit wird der Sprechakt und der daraus resultierende Wort-Antwort-Dialog zu einem sehr komplexen Prozess, bei dem Verstehen keine leichte Aufgabe ist. Wir können uns den Akt des Kommunizierens so vorstellen:

Wenn wir bei jedem Gespräch wüssten, was der andere gemeint bzw. verstanden hat, kämen wir aus dem Staunen nicht heraus. Wenn das so ist, wen soll es wundern, dass manchmal Schweigen mehr aussagt als tausend Worte? Doch dies soll keine Aufforderung sein, zu schweigen, vielmehr zum Nachdenken und die Schlussfolgerungen zu ziehen sowohl für das private Leben, als auch für die berufliche Tätigkeit in solchen Bereichen, in denen Sprache eine entscheidende Rolle spielt, wie in der Supervision, der Therapie oder der Beratung.

Darum, ohne weiter die Sprechsituation ergründen zu wollen, können wir schon abschließend zum Transfer dieser Kommunikationstheorien und Reflexionen auf Situationen der Supervision und Beratung übergehen.

5. Beratung und Supervision als kommunikative Situation

Betrachten wir die praktische Abfolge einer Supervision oder Beratungssitzung, so finden wir bei ihr den Ratsuchenden oder Supervisanden, der in Worten eine konkrete persönliche oder zwischenmenschliche Berufssituation darstellt, der mit seinen Worten seine Situation erzählt bzw. konstruiert. Wie er seine Situation sprachlich konstruiert, hängt von seiner persönlichen Sozialisation bzw. im Falle der Supervision auch von der beruflichen Sozialisation, seiner Vorstellung von seinem Beruf, von dem Verständnis bzw. Unverständnis seiner Gesprächspartner in der Arbeitsstelle, aber auch von der Umwelt, sprich Familie, Freundes- und Bekanntenkreis oder im Fall von Supervision von der Institution und den Kollegen und überhaupt von seinen sozialen, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen Umwelten ab. Häufig spiegeln sich diese Probleme bzw. die Kommunikationskonstellation des Alltagslebens oder der Berufssituation in der Kommunikation zwischen dem Berater/Supervisor und dem Ratsuchenden/Supervisanden in der Beratungs- bzw. in der Supervisionssituation wider. Was der Erzählende in Worten, Gesten und Gebären berichtet, ruft beim Zuhörer, in unserem konkreten Fall auch beim Berater/Supervisor ein Echo, Evokationen, Erinnerungen, Phantasien, Bilder, Stimmungen, Gedanken aber auch Gefühle wach, die im Prinzip und zunächst mit ihm nichts zu tun haben und aus der Beratungs/Supervisions-Szene ihm zugewachsen sind, die aber in seiner Tiefenstruktur auf Verwandtes in seinen Erfahrungen treffen mag.

Das Risiko ist sehr groß, dass der Berater bei seinen Interventionen dieses Echo nicht beachtet oder gar als nebensächlich unterdrückt. Es ist notwendig, dass er zunächst einige Zeit darauf verwendet, den Berichterstatter zu verstehen und zwar in möglichst vielen Teilen der Botschaften, die der Ratsuchende bei seinen Erzählungen sendet.

Diesbezüglich sind sehr wichtige Verständnistechniken anzuwenden. Oft passiert es, dass der Ratsuchende im Verständnis des Beraters sich selbst versteht. Empathie, Kalibrierungsfähigkeit, Beobachtungsfertigkeiten, Beherrschung der Sprache zur Umformulierung von Botschaftsinhalten, das so genannte Beherrschen von Oberflächenstrukturen (Nominalisieren, Verzerrungen, Generalisierungen, Tilgungen usw.) und das Tiefen sind vom Berater gefragt.

Der Berater muss intervenieren, mit dem Ziel, dass der Ratsuchende sich in die Lage versetzt:

Diese Interventionen geschehen wiederum durch Sprache, die beim Ratsuchenden neue Sicht- und Handlungsweise eröffnen sollen. Dies geschieht durch reflexive Techniken (Hernández 2000), das sind jene Interventionen, die darauf zielen Kommunikationssysteme zu irritieren (Kersting 1991), neue Systemregeln zu konstruieren, Sprache und somit Wirklichkeiten neu zu definieren, Sinn für neue Chancen zur Gestaltung der Lebens- oder Berufssituation zu entwickeln, durch Sprache neue individuelle und soziale Welten immer wieder neu zu konstruieren, die Welt aus der Vogelsperspektive (Kersting 1999, 2002) beobachtend neu zu sehen und neu zu formen, die persönlichen und sozialen Umwelten in ihrer Dynamik und Gestaltbarkeit als neue Chance zu betrachten.


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Der Autor:

Prof. Dr. Jésus Hernández-Aristu

  • Jahrgang 1943, Navarra/Spanien,

  • Studium der Philosophie, Theologie und Lehramt in Pamplona,
    Hauptstadt von Navarra (1960-1967),

  • Studium der Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Rheinland,
    Abteilung Aachen in Deutschland mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung,

  • Doktor in Erziehungswissenschaft an der Jesuitenunirvesität
    Deusto bei Bilbao,

  • Ausbildung in Therapie in Deutschland, Schweiz und Belgien,

  • Ausbildung in systemischer Supervision und Organisationsberatung
    in Deutschland, Supervisor SG,

  • 1988-90 Leiter der Hochschule für Soziale Arbeit in Pamplona,

  • seit 1990 Professor an der Universidad Publica de Navarra,

  • Autor bzw. Coautor von ca 15 Büchern und ca 50 Artikeln,

  • 1991-1995 zusammen mit Prof. Dr. Heinz Kersting leitung des
    TEMPUS-Projekts SWEEL der Europäischen Union zur Einführung
    der Sozialarbeit in Ungarn,

  • 1993 Gründung der Gesellschaft für Supervision (Mitxelena)
    in Spanien,

  • seit 1994 Durchführung der ersten Supervisionsausbildungen
    in Spanien,

  • seit 1999 Gründungspräsident der spanischen Supervisions-
    gesellschaft (ISPA)

  • Außerdem trinke ich gern, regelmäßig und gemäß den Regeln
    Rotwein. Ich liebe es, meine Freunde aus aller Welt in Navarra
    um mich zu versammeln."

jha00005@teleline.es


Veröffentlichungsdatum: 17. Juli 2002


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