Der Baja Bayer

Eine Geschichte, geschrieben rund um die Bilder von Jorge Hitchcock

von Petra Hewel-Herrmann (Januar 2002)

"Hallo", sagte der Spatz, "wollt ihr die Geschichte vom Bayern-Azteken hören? "Ach Gott", sagte der Mann, "ein Bayer - Lederhosen, Hofbräuhaus, Jodeln..., ich weiß nicht." "Doch, bitte", sagte die Frau, "immerhin scheint ja auch noch etwas Außerbayerisches dabei zu sein. Wie war das noch, Az, Az...?".

"teken", riefen drei Männer von hinten, "o, magisches Mexiko, das wird spannend". Einem wuchs schon ein riesiges Lauschohr, so begierig war er, die Geschichte zu hören. Und auf einmal sahen alle die gleißende Sonne über der Wüste aufgehen.

"Ein Wunder", sprach ein in der Nähe ausruhender Herr, "aber leider bin ich etwas schwerhörig und habe nicht ganz verstanden, worum es geht. Hast du es verstanden?" Er wandte sich an den neben ihm auf einem Zweig sitzenden roten Vogel. "Nein", zwitscherte dieser, "lauter, bitte lauter! Geschichten hören ist einfach wunderbar, lauter, lauter!"

"Das interessiert ja selbst uns", näselten die Snobs hochmütig. Wie war das doch noch mit André Breton und dem surrealistischen Mexiko? Frida Kahlo soll ja da ganz anderer Meinung gewesen sein und erst die Sache mit Trotzki!"

"Ist ja schon gut", sagte da schnell der Mann zum Spatzen, nur um dem Geschnatter der Snobs zu entgehen, "also fang schon an". Der Spatz drehte noch zwei Runden durch den Park, weil er nämlich beleidigt war, da der Mann die Geschichte nicht gleich hatte hören wollen. "Ach Spatz, nun komm schon und erzähl deine Geschichte. Ich lade euch auch alle zum Picknick ein, und die besten Bissen sollen dann für den Erzähler sein." Der Spatz flog herbei und begann zu erzählen:

Im hintersten Winkel Bayerns, weit weg von München, lebte ein Hornbläser. Er war natürlich Bayer, denn im hintersten Winkel Bayerns können nur die Bayern leben. Das war es auch, was den Hornbläser so beunruhigte. Er sah zwar mit seinen Lederhosen ganz wie ein Bayer aus; außerdem achtete er streng darauf, nur bayerische Musik zu spielen, wozu er um so dicker die Bayernbacken aufblies. Doch manchmal tief in seinem Herzen fühlte er sich fremd, und es wurde ihm angst und bange.

Eines Tages erschien ihm im Traum auch noch ein General, der ihn streng anblickte und fragte: "Na, bist du denn sicher, daß die Lederhose schon den Bayern macht? Oder bist du etwa ein ...? "Preuße", schrie der Bayer und erwachte schweißgebadet aus seinem Alptraum.

Er kannte zwar keinen Preußen, aber daß er keiner sein wollte, wußte er genau. Denn kein Bayer wollte ein Preuße sein. Doch ein bißchen neugierig war er schon geworden. Wie mochten denn die Preußen aussehen? So? Oder eher menschenähnlicher?

So wie die Deutschen? Da er eigentlich auch nicht wußte wie die Deutschen aussahen, wurde er immer verwirrter und trauriger und gleichzeitig auch immer bayerischer, damit ihm nur ja keiner etwas anmerkte. Er blies die Backen auf und pustete ins bayerische Horn.

In der folgenden Nacht erschien ihm eine tief verschleierte Frau. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte der Bayer ein solches Wesen erblickt, das ihn auch noch mit Sepp ansprach. "Sepp", sagte das Wesen, "ich komme von weit her aus dem Osten, von wo aus einst meine Vorfahren aufbrachen und bis vor die Tore Wiens gelangten. Aber fürchte dich nicht, bis München kamen sie damals nicht. Ich komme allein hierher, an diesen Ort weit hinter München, um dir zu sagen: warte auf die Fee. Sie wird dich leiten. Auch der General war ihr Bote, aber wie alle diese Soldaten war er zu plump, so daß er dich nur erschreckt hat. Und nun Sepp, warte, warte, warte..." Damit verschwand die Gestalt.

Der Bayern-Sepp dachte am nächsten Tag lange über den Traum nach. War es vielleicht gar kein Traum gewesen? Wie konnte sie den General kennen? Der Sepp blies mit dicken Backen weiter in sein Horn und wartete. Er wartete und wartete, fühlte sich fremd und immer fremder und blies verzweifelt ins Horn. Wo blieb die Fee? Warum träumte er nicht mehr? Manchmal schloß er am hellichten Tag die Augen, nur um die Fee herbeizurufen.

Aber nichts geschah, bis eines Tages zwei eigentümliche Wesen auftauchten: Touristen hießen sie und gehörten anscheinend einem über die ganze Welt verbreiteten Volksstamm an; denn sie erzählten, daß es überall auf der Welt Touristen gebe, auch in Acapulco. "Wo ist das?", fragte Sepp, der sein Herz klopfen fühlte. "In Mexiko natürlich", antworteten die Touristen spitz. Sie waren nämlich weit gereiste Touristen und außerdem entfernte Verwandte der Snobs. Der Bayern-Sepp war zu schüchtern, um zu fragen, ob sie denn vielleicht auch Feen seien und schlich nur immer neugierig um sie herum. Touristen macht so etwas nichts aus, weil sie selbst das merkwürdigste Verhalten für einheimische Bräuche halten und später zu Hause mit viel Aufhebens davon berichten. Leider reisten sie bald wieder ab. Es hatte sich nichts getan, keine Fee war erschienen, einfach nichts.

Traurig ging der Sepp heim, als er am Wegesrand eine Zeitung liegen sah, welche die Touristen achtlos fortgeworfen hatten. "Da ist die weite Welt 'drin", dachte Sepp und hob sie auf. Zu Hause schlug er sie auf und sah auf der zweiten Seite das Bild einer wunderschönen Frau.

Sie war ein sogenannter Popstar und hatte irgend etwas mit Musik zu tun. "Musik und die weite Welt, das ist es!", dachte der Sepp. "Wie hatte doch noch der Ort geheißen, von dem die Touristen gesprochen hatten?" Dem Sepp verschwamm das Bild vor den Augen.

"Acapulco", sagte die Fee. "Nun hast du es verstanden, Sepp. Geh jetzt und hab keine Angst mehr vor dem Fremden. Wir sind alle irgendwo fremd und alle irgendwo zu Hause auf dieser Welt." Damit verschwand sie. Wie aber nun nach Acapulco kommen? Der Sepp dachte Tag und Nacht darüber nach. Endlich faßte er sich ein Herz und ging zum Dorfschullehrer, der wie es hieß, ein bißchen eigenartig war, jedenfalls für einen Bayern; sogar ein Dichter sollte er sein.

Anscheinend hatte der Lehrer schon auf ihn gewartet, denn er sagte nur: "Komm herein, Sepp, dein Problem kann gelöst werden, heutzutage sind Feen manchmal sogar in digitalen Spinnweben anzutreffen, die sie als Netze um die ganze Welt spannen. Selbst Jorge Hitchcock ist von ihnen eingefangen worden."

Dabei deutete er auf einen kleinen Guckkasten, in dem ein wunderschönes Bild zu sehen war. "Virgen de los Pericos" hieß es. Der Lehrer konnte die Bilder in seinem Kasten kommen und gehen lassen. Laptop hieß der Kasten, aber das war dem Sepp egal.

Sein Herz klopfte und in seinem Kopf sauste es: "Virgen de los Pericos". Es klang wie Musik, wie süße Stimmen, die ihn riefen. "Es ist das Land der Kakteen", hörte er den Lehrer sagen, "es liegt weit weg über dem Ozean." "Ich werde ein Schiff nehmen", sagte Sepp schnell entschlossen, "wo bekomme ich eins her?" "In Genua, in Italien," antwortete der Lehrer, "aber vergiß nicht Sepp, auch im Märchen bekommt man nichts geschenkt, und einen Paß benötigst du auch." Sepp bedankte sich, verließ den freundlichen Lehrer und traf so schnell es ging alle nötigen Vorbereitungen. Als letztes packte er das Horn ein. Dann stellte er sich an den Straßenrand, um auf ein Vehikel zu warten, das ihn nach Genua bringen sollte. Sein Erspartes mußte nämlich für die lange, lange Reise reichen.

Ein dicker Caterpillar rollte heran. Sepp, die Arme über dem Kopf schwenkend schrie in das Motorengeräusch hinein: "Nach Genua, nach Genua." Der Fahrer hielt an: "Glück gehabt. Ich überführe Caterpillar der Firma "Chaimler Drysler" nach Genua, wo sie verschifft werden. Steig auf, für einen ist noch Platz." Sepp staunte nicht schlecht, als sie so in die weite Welt hinausrollten.

In Italien gefiel es ihm. Die Leute redeten viel, waren freundlich und an jeder Ecke gab es wunderbares Essen. O bella Italia!

Aber in ihm rief es: "Komm Sepp, komm ins Land der Kakteen, wo deine Prinzessin auf dich wartet." Von einer Prinzessin hatte ja selbst die Fee ihm nichts erzählt! Um so eiliger hatte er es nun, in dies gelobte Land zu gelangen. Der nette Caterpillarfahrer, der sich im Hafen auskannte, half ihm, ein geeignetes Schiff zu finden.

Nach vier Wochen landete Sepp im Land seiner Träume, ging von Bord und fragte: "Ist dies Acapulco?"

"Nein, José," sagte der General, "kennst du mich noch? Ich sehe jetzt ein wenig anders aus als damals in deinem Traum, in Bayern. Erinnerst du dich? Du bist im Land der Kakteen, jedoch an einer anderen Küste. Wir haben hier so viele Küsten! Hast Du es immer noch nicht begriffen: die Heimat ist überall. Du bist in Baja ..." "California Sur", hatte er sagen wollen.

Doch in diesem Moment sauste etwas an ihnen vorüber. Es war wohl nur ein Radfahrer gewesen, doch duftete es mit einem Male so lieblich, Himmelsmusik erklang... Sepp-José vergaß den General; er rannte einfach hinterher. Er lief durch die Wüste, stach sich an Kakteen und kam fast um vor Durst.

Dann saß sie da. Lieblich klang ihre Stimme: "José, ich habe solange auf dich gewartet." Er hatte seine Kaktusprinzessin gefunden!

Sie schlossen einander in die Arme und wurden auf der Stelle Mann und Frau. "Aber eines brauche ich noch", sagte der José-Sepp, "Musik" und packte sein Horn aus. Die Kaktusprinzessin war entzückt: "Mi amor, wie wundervoll, davon können wir sogar leben. Hier gibt es viele, viele Touristen, die nur darauf warten, daß jemand Musik macht." "Touristen" rief der José-Sepp, "die kenne ich, den Volksstamm gibt es auf der ganzen Welt." "Tatsächlich", staunte da die Kaktusprinzessin, denn sie war noch nicht so weit gereist wie ihr Mann, nur bis Guerrero Negro. Das machte aber nichts, weil sie nämlich nicht nur wunderschön, sondern auch sehr, sehr klug war.

Flink zog sie also ihrem Mann die Lederhose aus, ein Azteken- Gewand an und bog das Horn ein wenig gerade.

José-Sepp spielte fortan jeden Tag für seine Prinzessin die wunderbarsten Weisen. Und nie hat je ein Tourist erfahren, wenn er auf seiner Reise durch Baja den berühmten hornblasenden Azteken bestaunte, daß dieser eigentlich ein Bayer war.


Die Autorin:

Petra Hewel-Herrmann

Alle Bilder im Text präsentiert:
The Virtual Art Gallery
La Paz, Baja California Sur, México

http://www.artetotal.com

Photos: Jens Herrmann
Digitale Bearbeitung: Herrmann&Herrmann

© 2000 Herrmann&Herrmann


Veröffentlichungsdatum: 5. Januar 2002


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