Sozialarbeit: Zukunftsbezogen Handeln

von Franz Hochstrasser (Juni 2007)
(Überarbeitetes Referat, gehalten auf der Internationalen Konferenz "Die Soziale Arbeit im Lichte der europäischen Strafvollzugs-Standards: Theorie und Praxis" in Wologda, Russland, 23. - 24. April 2007[1])

Einführung

Die Europäische Menschenrechtskonvention von 1950 (EMRK; siehe Council of Europe) und die auf ihr fussenden Strafvollzugsstandards stellen grosse Errungenschaften dar. Das gilt auch schon für die vorausgegangene Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte durch die UNO von 1948. Diese Wertung steht auf dem Hintergrund der faschistischen Verbrechen und den Gräueln des zweiten Weltkrieges. Die Standards werden auf der heutigen Konferenz diskutiert. Mir habe ich zur Aufgabe gestellt, darin die Sozialarbeit hervorzuheben. Das ist kein Zufall, denn die Sozialarbeit beansprucht für sich, als eigentliche "Menschenrechtsprofession" aufzutreten und zu handeln (vgl. Staub-Bernasconi 1997); in Berlin wurde der Anspruch mit einem "Master in Social Work - Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession" explizit in die Bildungslandschaft eingebracht (vgl. Meinhold 2006).

Wenn ich meinen Blick auf den erreichten Stand der Sozialarbeit im russischen Strafvollzug richte, laufe ich Gefahr, euphorisch zu werden - eine Regung, die angesichts der vielen anstehenden Aufgaben und Entwicklungen nicht angezeigt ist. Ein bisschen zulassen möchte ich sie dennoch, wenn ich betrachte, was Sie - das ist FSIN[2], das sind die Strafanstalten und ihre Mitarbeitenden, die Ausbildungsinstitutionen und ihre Mitarbeitenden und selbstverständlich die aktiven Sozialarbeitenden im Praxisfeld - in den etwa 10 letzten Jahren erreicht haben. Ohne Einzelheiten zu berichten, ist zu konstatieren, dass Sie kontinuierlich, hartnäckig und engagiert daran arbeiteten, mittels des Aufbaus der Sozialarbeit im russischen Strafvollzug die Menschenrechte der Insassen und Insassinnen systematisch zu stärken. Auf diesem Weg sind die Theoretikerinnen wie die Praktiker der Sozialarbeit dabei, ein gegenwartsbezogenes Konzept ihrer Profession zu formen und Schritt um Schritt als Teil einer entstehenden Sozialarbeitwissenschaft auszuweisen.

Wandel

Auf diesem Hintergrund möchte ich einen zusätzlichen Akzent setzen: nämlich den Blick in die Zukunft. Angeregt dazu werde ich durch die Europäischen Menschenrechts-Standards. Der Europarat hat seit seiner Gründung 1949 unzählige Empfehlungen an seine Mitgliedstaaten gerichtet. Viele davon betreffen das Rechts- und Strafvollzugssystem[3]. Und es treten immer wieder neue dazu. Diese stetige Produktion von Empfehlungen zeugt von einem sie auslösenden, fortwährenden gesellschaftlichen Wandel. Was früher Geltung beanspruchen konnte, wird später obsolet. Die Verhältnisse ändern sich und erfordern neue Einschätzungen.

Gesellschaftlich verläuft solcher Wandel in einem Knäuel von sich akkumulierendem Wissen, von sich verbessernden Techniken, von Interessengegensätzen verschiedener Individuen und Gruppierungen, von Widersprüchen unterschiedlicher Entwicklungen, von sich stetig weiter differenzierenden gesellschaftlichen Subsystemen. Und dies alles geschieht heute im Rahmen einer globalisierten kapitalistischen Wirtschaftsweise.

Auch die einzelnen Menschen unterliegen dem Wandel. Sie denken und handeln heute anders als etwa vor zwanzig Jahren; die etwas Älteren unter Ihnen werden das bestätigen können, lebten Sie doch damals in den sowjetischen, real-sozialistisch gesellschaftlichen Verhältnissen, die sich deutlich von den heutigen kapitalistischen unterscheiden.

Der "Wandel", das will ich klarstellen, stellt kein Ordnungsprinzip dar; er führt nicht teleologisch zu einer neuen Gesellschaftsordnung (oder gar Weltordnung, wie US-Präsident Bush Senior nach der Wende von 1989 - 1991 anmassend und mittels des ersten Irak-Krieges forderte). Der gesellschaftliche Wandel bringt vielmehr neue Vielheits-Kombinationen hervor, auch diese wiederum von Ambivalenzen und Widersprüchen durchzogen.

Die Brücke vom Gesagten zur Sozialarbeit besteht in Folgendem: Nicht nur die einzelnen problembehafteten Menschen, sondern deren Wandel wie auch der Wandel der Gesellschaft sind ein zentrales Charakteristikum ihres Arbeitsgegenstandes. Umgekehrt gesagt: Eine Sozialarbeit, welche den Wandel nicht berücksichtigt würde, verfehlte ihren Gegenstand.

Zukunftskompetenz

Den Wandel können wir historisch analysieren, in der Gegenwart können wir ihn beobachten. Und wir können ein weiteres tun: nämlich schlussfolgern, dass er sich fortsetzen, dass er in die Zukunft hineinreichen wird.

Dass wir dies können, ist nicht selbstverständlich, sondern Ergebnis eines langen, stammesgeschichtlichen Wandels: Die Menschen sind Lebewesen, ausgestattet mit der Fähigkeit, nicht selber Erlebtes, also Geschichte zu denken und zugleich noch nicht Gelebtes, also Zukunft zu denken. Wir verfügen über Möglichkeiten, die Gegenwart zu extrapolieren, mithin Vermutungen über die Zukunft anzustellen. Die Möglichkeiten nutzen wir in der Absicht, unser Leben besser führen zu können. Doch die Fähigkeiten, solche Möglichkeiten zu nutzen, müssen geschult werden. Ich spreche diesbezüglich (und etwas verkürzend) von der "Zukunftskompetenz", die erreicht werden soll. Und ich plädiere dafür, diese Kompetenz ins Kompetenzprofil der Sozialarbeitenden aufzunehmen. Doch warum?

Weil der gesellschaftliche Wandel das "Soziale" nicht nur in Äusserlichkeiten, sondern in seinem Kern betrifft. Ökonomisierung der Lebenswelt im Schlepptau der Globalisierung ist nur ein Kennwort dafür. Neben den weltumspannenden Zusammenhängen unterliegt die Entwicklung des Sozialen auch spezifischen Einflüssen. Welchen Einflüssen? Mit welchen Gewinnern und Verlierern? Werden sich die sozialen Netze und Bindungen verstärken oder, wie viele befürchten, immer mehr auflösen (vgl. Helmbrecht 2005)? Solche Fragen sollten mit Blick in die soziale Zukunft diskutiert werden. Näher am Strafvollzug liegend kann man überlegen: In manchen Ländern, auch in Russland, steigen die Zahlen der Inhaftierten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer mag darin liegen, dass viele Menschen nicht mehr über die Ressourcen verfügen, sich innerhalb der kulturell entwickelten und gesetzlich fixierten Regeln des Zusammenlebens zu bewegen. Die Regeln wandeln sich weiterhin, es entstehen neue Normalitäten. Welche Einflüsse werden sie als Gewandelte nehmen auf künftige Gesetzesverletzungen, welche Formen werden diese annehmen? Sozialarbeitende, als Spezialisten für das Soziale, sollten sich an solchen Diskussionen sozialen Wandels in der vordersten Reihe beteiligen. Die Diskussionen können Klärungen für die Gesellschaft generell wie für die Sozialarbeit selber erbringen (vgl. dazu Mühlum 1995, 120, der die entsprechenden Gedanken vor mehr als zehn Jahren für die deutsche Diskussion zusammenfasste).

Wenn ich mich nun der Zukunftskompetenz etwas nähere, stelle ich fest: Sie trägt zwei Komponenten in sich. Zum einen ermöglicht sie den Sozialarbeitenden, Schlüsse aus der Vergangenheit und der Gegenwart für die Zukunft zu ziehen. Und zum andern erlaubt sie, Annahmen über die Zukunft in die Gegenwart zurück zu verlängern und daraus Strategien des Handelns zu entwickeln, die der erwarteten Zukunft angemessen sind. Die beiden Komponenten bedingen sich gegenseitig. Im Gebrauch, in der Anwendung der Kompetenz gleicht sie einem permanenten gegenläufigen Prozessieren der beiden Komponenten.[4]

Auch hier ist nochmals daran zu erinnern, dass die gedachte Zukunft, gedacht als Ergebnis eines angenommenen Wandels, nicht zur Einheitlichkeit tendiert. Wenn sie als Extrapolation der geschichtlichen und der gegenwärtigen Verhältnisse gedacht wird, nimmt sie die Widersprüche als Ergebnis realer gesellschaftlicher Bewegungen auf. Sie soll also unter Anwendung der Zukunftskompetenz keinesfalls einseitig auf lineare Ziele hin abgegrast werden, um diese dann lösungs- oder zielorientiert anzupeilen.

In Bezug auf die Einschätzung der Gruppe künftiger Inhaftierter (als Klienten der Sozialarbeit innerhalb der Anstalten) kann das bedeuten: Sozialarbeitende sehen und bedenken die sich wandelnden gesellschaftlichen Bedrängungen von Menschen; sie theoretisieren sie ein Stück weit. Theoretisieren meint, die Erfahrungen und Gedanken unter Zuhilfenahme von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu begründen und zu prüfen, ob sie verallgemeinerbar sind. Ist dies der Fall, können sie die Grundlage dafür bieten, Vermutungen anzustellen über bisher nicht gekannte Gründe für Kriminalität oder über veränderte sozialpsychologische Auswirkungen; damit wäre ein gewandelter Denkuntergrund geschaffen, um neue Strafvollzugsstrategien zu entwerfen.

Auch in Bezug auf die praktische Arbeit mit einzelnen Inhaftierten kommt die Zukunftskompetenz zur Anwendung. Was Lew Wygotski für die kindliche Entwicklung mit "Zone of Proximal Development" (die "Zone der nächsten Entwicklung") umschrieb, kann zur gedanklichen Anregung auch auf die Ebene von Erwachsenen übertragen werden. Die Sozialarbeiterin stellt bei einer Insassin ein bestimmtes soziales Entwicklungsniveau fest; es zeigt - nebst bestimmten Stärken auch - Schwächen, die an der Entstehung der begangenen Straftat mitbeteiligt waren. Die Sozialarbeiterin schliesst aus der subjektiven Geschichte und der gegenwärtigen Verfasstheit der Insassin, über welche Potenziale sie verfügt, um die bestehende problematische Situation zu analysieren, zu bewältigen und ihre sozialen Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Sie verfolgt und antizipiert dabei den "Prozess des permanenten Übergangs von 'vergangener Zukunft' in 'zukünftige Vergangenheit'" (Holzkamp1985, 340). Das ist die praktische Anwendung der Zukunftskompetenz: die möglichen nächsten Entwicklungsschritte antizipieren und hereinholen in die gegenwärtige Zusammenarbeit mit der Klientin. Dieser Zugang ermöglicht es der Klientin, neue Problemlösungen unter Assistenz der Sozialarbeiterin zu versuchen.

Zusammenhangsdenken

Ich habe bis hierher von Gegenwart und Zukunft, von Gesellschaft und Individuum, von Theorie und Praxis gesprochen. In der angewandten Sozialarbeitspraxis hängen diese analytisch herausdestillierten polaren Paare zusammen. Und ich habe faktisch postuliert, dass diese (und andere) Paare im Spektrum der Zukunftskompetenz repräsentiert sein sollen. Dazu bedürfen wir eines Denkvermögens, welches solch Zusammenhängendes zu fassen vermag.

Wenn ich spezialisiert oder fragmentierend denke, gehen mir manche Rechnungen gut auf. Ich benutze beispielsweise ein Automobil, um mich schneller fortbewegen zu können. Wenn ich denkend den grösseren Zusammenhang suche, verändert sich das Denkbild. Ich entdecke die Auswirkungen, welche mein Auto und all die Millionen Autos anderer Leute auf die Umwelt und auf das Klima erzeugen. Diese Auswirkungen schaden uns. Im Versuch, beides zusammen zu denken, entdecke ich einen Widerspruch, nämlich zwischen den privat motorisiert zu befriedigenden Fortbewegungsbedürfnissen und Fortbewegungshandlungen der Menschen einerseits und anderseits ihrem Bedürfnis nach Gesundheit. Gesund leben wollen und gesundheitsschädigend leben wollen schliesst sich aus. Mit dem Denken des (hier widersprüchlichen) Zusammenhangs sind wir der Wirklichkeit näher, sie wird dadurch für uns aber auch komplizierter (dieser Vorgang ist ein Grund dafür, dass viele reale Widersprüche im Denken ausgeblendet werden).

Die Sozialarbeit ist permanent mit solchen und anderen Widersprüchen konfrontiert. Wenn sie zu eng denkt, verfehlt sie die Wirklichkeit. Sie können nicht zu einfachen Unterschiedlichkeiten herabgestuft werden, zwischen denen dann  mediatorisch vermittelt werden kann (vgl. Heiner 2004, 27-37). Nur wenn sie die realen Zusammenhänge, damit auch die realen Widersprüche in ihrer realen Bewegung in ihr Handeln integriert, kann sie die Klientschaft förderlich unterstützen (vgl. Hochstrasser 1997).

Solch ein Denken und auch Handeln, das die Widersprüche einbezieht und sie nicht eliminiert, ist für die meisten Professionen ungewohnt. Der praktischen Sozialarbeit ist es geläufiger. Es steht jedoch an, das Handeln, soweit es Widersprüche nicht eliminiert, sondern ihnen sozusagen freundlich begegnet, in das Konzept einer zukunftsorientierten Sozialarbeitsprofession einzubeziehen. Das hiesse für diese, nicht die Eindeutigkeit zu suchen; Eindeutigkeit ist das Ziel der Spezialisierung. Vielmehr müsste die Sozialarbeit "den Einheitswunsch in Vielheitsakzeptanz" transformieren (Kleve 1999, 73). Konkreter: Die Sozialarbeit müsste die Vieldeutigkeit, die Widersprüchlichkeit, die Ambivalenzen - im Leben, in den Biografien von Klienten und Klientinnen, in den Ursachen ihrer Verbrechen, deretwegen sie in der Strafanstalt weilen -  in ihr Professionskonzept einbauen. In westlichen Theorieansätzen spricht man davon, dass damit die Sozialarbeit eine "postmoderne" Profession sei im Unterschied zu "modernen" Professionen, welche die Eindeutigkeit, die Klarheit, die Identität suchen und bearbeiten (vgl. Kleve 2003, 124 ff.).

Konkretisierungen

Bis hierher waren meine Ausführungen eher allgemein gelagert. Daher versuche ich nun, Ihnen einige Konkretisierungen vorzustellen. Dabei werde ich darauf verzichten, eine grosse Vision an die Wand zu malen. Ich werde Ihnen auch nichts grundsätzlich Neues berichten, jedoch Ihnen bereits Bekanntes in den Kontext der Zukunftsorientierung stellen.

Erstes Beispiel: Frauen im Strafvollzug. Untersuchungen in unsern Regionen zeigen, dass verurteilte Frauen oft ein geringes Selbstbewusstsein haben, über eine eher niedrige berufliche Qualifikation verfügen und stärker an der Strafe wie auch an der Trennung von der Familie leiden als Männer; zudem werden sie nach der Entlassung stärker ausgegrenzt als entlassene Männer. Zukunftskompetente Sozialarbeitende beziehen solche Kenntnisse vom ersten Tag der Haft in den Umgang mit den Frauen ein; dieser müsste sich vom Umgang mit Männern unterscheiden. Die Sozialarbeitenden stellen Vermutungen darüber an, wie sich eine bestimmte Frau nach der Entlassung wieder in die Gesellschaft einfinden könnte. Und aus solcher Zukunftsantizipation modulieren sie die Vorgehensweise der Arbeit mit jener Frau in der Gegenwart.

Ein zweites Beispiel: Gewisse Managementlehren erwecken den Eindruck, als ob das ganze betriebliche bzw. berufliche Leben sich nur noch aus Projekten zusammensetze. Das ist eine übertreibende Sicht (vgl. die zupackende, knappe Sicht darauf bei Klopotek 2004). Dennoch bleibt es wichtig, dass man, auch in der Sozialarbeit, Projekte erarbeitet und durchführt. Dabei ist ein Projekt zu verstehen als ein komplexes Vorhaben, das man unter Beizug von Mitarbeitenden aus verschiedenen Spezialitäten etwas Neues schafft, dies unter Begrenzung zeitlicher und finanzieller Ressourcen. Solche "Neuerschaffungen" braucht es auch in der praktischen Sozialarbeit, gar wenn sie im Aufbau steht wie zur Zeit in Ihrem Strafvollzugssystem. Darauf müssen die Sozialarbeitenden jedoch vorbereitet werden. Das geschieht in der Ausbildung. Sie vermittelt auf doppeltem Boden Zukunftskompetenz. Zum ersten lehrt sie die Studierenden sich etwas anzueignen, das sie erst später, in der Berufspraxis, voll anwenden können. Und zum zweiten lehrt sie die Studierenden, dass ein Projekt als "Entwurf", als "Plan" immer schon etwas Zukunftsträchtiges ist; die Projektmethode erweist sich unter diesem Aspekt als ein Regelwerk zur systematischen Anwendung der Zukunftskompetenz mit all ihren Implikationen. Ich finde, man sollte diesen Aspekt stärker betonen gegenüber den oft nur technokratischen Handlungsanweisungen.

Und zum Dritten: In Ihrem Strafvollzugssystem gibt es derzeit die Diskussion über die Weiterentwicklungen der "Inspektionen für Wiedereingliederung"[5]. Die Frage lautet: Sollen die Inspektoren künftig die Strafentlassenen weniger administrieren, und sollen sie stattdessen die Strafentlassenen vermehrt mittels realer Bewährungshilfe bei der Rückkehr in die Gesellschaft unterstützen? Das würde bedeuten, dass diese neue Aufgabe von Sozialarbeitenden zu erfüllen wäre. Daraus entstünde eine Reihe von zusätzlichen Fragen, die sich aus der Zukunft in die Gegenwart richten: Wie müsste Bewährungshilfe aussehen, dass sie den Entlassenen tatsächlich hilft in die Gesellschaft zurückzukehren; dabei sollte man sich vor Augen halten, dass noch immer viele zu Entlassende zu staatssozialistischen Zeiten in Haft genommen wurden und nun neu in eine kapitalistische Gesellschaft eintreten. Welche Befugnisse haben diese "veränderten" Inspektoren? Haben sie eine behördliche oder ausschliesslich eine beratende Position? Welche Fähigkeiten sind für die neuen Inspektorinnen besonders bedeutsam? Wo liegen die Akzente in ihrem Kompetenzprofil? Fragen über Fragen, die wir zukunftskompetent analysieren und mit verallgemeinerbarem Wissen aus Vergangenheit und Gegenwart einer vorläufigen Antwort zuführen sollen.

Als letztes: Wir bewegen uns hier in einem System, das durch die Pole Recht und Unrecht charakterisiert werden kann. Das Recht ist kodifiziert, also mittels langer gesellschaftlicher Diskurse in Gesetze gegossen - in Gesetze, nicht in Stahl gegossen. Gesetze sind veränderbar, und sie müssen entlang den gesellschaftlichen Entwicklungen an konkrete Gegebenheiten angepasst werden. Dazu ist besonders hohe Zukunftskompetenz gefordert. Ich gebe als Beispiel den Artikel 8.1 der EMRK: "Jede Person hat das Recht auf Achtung ihres Privat- und Familienlebens, ihrer Wohnung und ihrer Korrespondenz", heisst es dort. In Artikel 8.2 werden die Voraussetzungen genannt, welche Eingriffe in die Ausübung des genannten Rechts erlauben. Der Text wurde 1950 geschrieben. Inzwischen haben wir eine ungeheure technische Entwicklung erlebt: So kann man heute die Bevölkerung per Video überwachen; das russische Innenministerium hat vor, dies an allen zentralen Plätzen von Städten mit mehr als 50'000 Einwohnern zu tun; in vielen Städten Westeuropas sind öffentliche Videoanlagen schon seit langem installiert. Oder man kann per DNA-Analyse herausfinden, ob ein Mann der biologische Vater eines Kindes ist oder nicht; in Deutschland erging vor einigen Wochen ein Bundesgerichtsurteil, welches die Regierung beauftragte, einen Gesetzesentwurf vorzulegen, der diese Technik legiferiert. Ebenfalls in Deutschland wogt eine durch den Innenminister ausgelöste Debatte darüber, ob der Staat unbemerkt in private Computersysteme eindringen und Daten herausholen dürfe. Faktisch bewirken solche Techniken die Aufweichung der Achtung der Privatsphäre; behauptet wird, oft mit Bezug auf Terrorismen, dies geschehe im Dienste der Sicherheit. Um Gesetze im Sinne der EMRK, also zur Stärkung der Menschenrechte zu formulieren, müssen - um im Beispiel zu bleiben - terroristische Szenarien, technische Entwicklungen, Ansprüche von Sicherheitsapparaten, juristische Sonderinteressen, globale Produktionsmonopole und anderes mehr antizipiert und gegen Ansprüche der Menschenrechte abgewogen werden, um zu hilfreichen Gesetzestexten zu gelangen. Der Einsatz an Zukunftskompetenz ist hoch, er erfordert Geduld, er muss sich realen wie künftigen Zusammenhängen und Widersprüchen stellen. Und wenn auch viele Gesetze vordergründig oft technischer Natur erscheinen, enthalten sie, wie meine Beispiele zeigten, viel soziale Gewichtigkeit - und auch Sprengkraft. An ihrer Erarbeitung werden sinnvollerweise auch Sozialarbeitende beteiligt, die sich den Fragen künftigen Rechts zukunftskompetent stellen würden.

Schlusswort

Ich habe Ihnen einige Vorstellungen für den praktischen Umgang der Sozialarbeit mit der Zukunft vorgeschlagen. Von einer eigentlichen Zukunftskompetenz war die Rede, auch von dem dazu notwendigen Zusammenhangsdenken. Eingerahmt habe ich meine Ausführungen mit Hinweisen zur EMRK, welche die Grundlage bildet für die Europäischen Standards im Strafvollzug. Sie waren nicht Hauptthema, aber Anlass dazu, mich auseinanderzusetzen mit dem gesellschaftlichen Wandel, den sie mit beeinflussen, und dessen Ergebnis sie zugleich sind.

Dabei verfolgte ich ein doppeltes Ziel: Ich wollte einerseits das Wissen darum, dass die sozialarbeiterische Praxis - unabhängig davon, in welchem Land sie stattfindet - immer auch mit der Zukunftsdimension arbeitet, hervorheben und verstärken. Und zum andern war und bleibt es mir ein Herzensanliegen, den Schwung, mit dem Sie die Reform des Strafvollzugs und die Entwicklung der Sozialarbeit darin vorantreiben, aufzunehmen und auf die Zukunft auszuweiten. Das werde ich auch weiterhin im russisch-schweizerischen Kooperationsprojekt tun und freue mich auf die künftige Zusammenarbeit mit Ihnen.


Fußnoten

[1]Der Autor ist seit 1997 als Leiter und Mitarbeiter des Russisch-Schweizerischen Kooperationsprojektes "Prison Reform" tätig. Dieses befasst sich schwergewichtig mit dem Aufbau und der Erweiterung der Ausbildung von Sozialarbeitenden auf Hochschulebene innerhalb des Russischen Strafvollzugs. Einen Rückblick auf die bisherige Arbeit gibt Hochstrasser 2007.

[2]FSIN = Föderaler Dienst des Strafvollzugs Russlands (Federalnaya sluzhba ispolneniya nakazanii)

[3]Insbesondere:
Europäische Konvention zur Verhütung von Folter und unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung und Strafe (1983). http://www.cpt.coe.int/lang/deu/deu-convention-s.pdf
Recommendation No. R (87) 3 on the European Prison Rules. http://www.coe.int/t/e/legal_affairs/legal_co%2Doperation/prisons_and_alternatives/legal_instruments/Rec.R(87)3.asp#TopOfPage

[4]Dieses Prozessieren erinnert an den "transformativen Dreischritt" von Silvia Staub-Bernasconi in seiner Erweiterung durch Marianne Meinhold. Die Ausgangsfrage war, wie in einem Studiengang aus wissenschaftlichem Bezugswissen Handlungswissen werden könne. Staub-Bernasconi sieht einen Dreischritt: Zunächst wird nomologisches Wissen aktiviert, welches der Erklärung oder Vorhersage von Ereignissen dient. Daraus werden im zweiten Schritt "nomopragmatische Aussagen" destilliert, die den Boden abgeben für handlungstheoretische Hypothesen. Im dritten Schritt geht es darum, praktische, auf Veränderungen der Wirklichkeit gerichtete Handlungsregeln zu entwickeln. Marianne Meinholds Erweiterung besteht darin, dass sie die von Staub-Bernasconi geschilderte Prozessrichtung ergänzt sieht durch den Weg, der vom Handeln der Praktiker und Praktikerinnen ausgeht, um ebenfalls zu Handlungsregeln zu gelangen (vgl. Meinhold 2006, 114-115).

[5]Bei den Inspektionen handelt es sich um Institutionen, welche Strafentlassene administrativ eine Zeitlang begleiten. Diese müssen sich regelmässig bei den Inspektionen melden und Auskunft über ihren Alltag erteilen. Die Prozedur geschieht im Sinne der administrativen Kontrolle darüber, dass die betreffenden Personen, allgemein gesagt, ein geregeltes Leben führen.


Literatur:

Council of Europe (1950): Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten in der Fassung des Protokolls Nr. 11 (deutsche Übersetzung). http//conventions.coe.int/Treaty/ger/Treaties/Html/005.htm

Heiner, Maja (2004): Professionalität in der Sozialen Arbeit. Theoretische Konzepte, Modelle und empirische Perspektiven. Stuttgart: Kohlhammer

Helmbrecht, Michael (2005): Erosion des "Sozialkapitals"? Eine kritische Diskussion der Thesen Robert D. Putnams. Bielefeld: transcript Verlag

Hochstrasser, Franz (1997): Multiple Identitäten in der Sozialen Arbeit. In: Ders.; Hans Kaspar von Matt, Silvia Grossenbacher, Hansruedi Oetiker (Hg.): Die Fachhochschule für Soziale Arbeit. Bildungspolitische Antwort auf soziale Entwicklungen. Bern: Haupt Verlag, 155-182

Hochstrasser, Franz (2007): Das schweizerisch-russische Projekt Prison Reform 1997 - 2007. http://fhochstrasser.ch/DOWNLOADS.htm

Holzkamp, Klaus (1985): Grundlegung der Psychologie. Frankfurt M., New York: Campus Verlag

Kleve, Heiko (1999): Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. Kersting, Aachen

Kleve, Heiko (2003): Sozialarbeitswissenschaft, Systemtheorie und Postmoderne. Grundlegungen und Anwendungen eines Theorie- und Methodenprogramms. Freiburg: Lambertus

Klopotek, Felix (2004): Projekt. In: Bröckling, Ulrich; Susanne Krasmann; Thomas Lemke (Hg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt M.: Suhrkamp Verlag, 216-221

Meinhold, Marianne (2006): Auf dem Weg zum postgradualen Studiengang 'Master of Social Work - Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession'. In: Schmocker, Beat (Hg.): Liebe, Macht und Erkenntnis. Silvia Staub-Bernasconi und das Spannungsfeld der Sozialen Arbeit. Freiburg i. Br.: Lambertus Verlag, 110-118

Mühlum, Albert (1995): Soziale Arbeit weiter denken. Ein Diskussionsbericht. In: Wendt, Wolf Rainer: Soziale Arbeit im Wandel ihres Selbstverständnisses. Beruf und Identität. Freiburg: Lambertus, 115-133

Staub-Bernasconi Silvia (1997): Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession. In: Hochstrasser, Franz; Hans-Kaspar von Matt; Silvia Grossenbacher; Hansruedi Oetiker (Hg.): Die Fachhochschule für Soziale Arbeit. Bildungspolitische Antwort auf soziale Entwicklungen. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt Verlag, 313-340

Wygotski, Lew (1985, 1987): Ausgewählte Schriften, Band 1 und 2. Berlin: Verlag Volk und Wissen


Der Autor:

Dr. Franz Hochstrasser

  • Geboren 1945 im Kanton Luzern, Schweiz,

  • Dipl. Psychologe, Dr. phil.,

  • 11 Jahre tätig als Berater von Jugendlichen,

  • 13 Jahre Direktor der Fachhochschule für Soziale Arbeit beider Basel,

  • Inhaber einer GmbH für Beratung im Bildungs- und Sozialbereich,

  • Diverse Publikationen, insbesondere zu Sozialer Arbeit und Konsumismus.

info@fhochstrasser.ch

www.fhochstrasser.ch


Veröffentlichungsdatum: Juni 2007


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