Humor in der Therapie

oder:
Die Auflösung von Blockaden durch Lachen

von Eleonore Höfner (April 2003)

Jeder Mensch hat Wahrheiten, an denen er sich festhält, und Routinen, die ihm das Leben erleichtern. Zum Problem wird das erst, wenn er sich zu einseitig mit etwas identifiziert – mit einer Eigenschaft, mit einem Defizit, mit bestimmten Prämissen. Sein Denken ist eingefahren und blockiert. Blockaden bedeuten Stress – für den Klienten und für den Therapeuten. Was wir unter Stress am leichtesten verlieren, ist eine ausgewogene Perspektive. Wenn wir uns unter Druck oder bedroht fühlen, schalten wir das Großhirn aus und reagieren wie die Amphibien mit dem Zwischenhirn: die angeborenen Reaktionsmuster Kampf-, Flucht- oder Totstellreflex werden ausgelöst. Diese aktivieren uns zwar emotional, andererseits aber machen sie uns durch das teilweise Abschalten des Großhirns auch blind.

Viele Psychotherapie-Klienten sehen ihre Probleme zudem als Schicksalsschlag, der sie befällt und dem sie sich nicht entziehen können. Sie sind das Ergebnis externer Umstände, wie verquerer Gene oder einer unglücklichen Kindheit, einem autoritären Vater usw., also in der Vergangenheit liegender Vorfälle, die man nicht beeinflussen kann oder konnte und deren armes, unschuldiges Opfer man geworden ist. Die Opferrolle ist weit verbreitet und hat durchaus ihre Vorteile, denn sie ist bequem und risikolos. Diese Vorteile sind jedoch Trostpreise, denn das Gefühl des Ausgeliefertseins erzeugt depressive Verstimmungen oder andere unangenehme Symptome. Der undepressive, symptomfreie Hauptgewinn wäre ein selbstbestimmtes Leben. Mit Hilfe des ProSt vermiesen wir dem Klienten die Opferrolle und geben ihm die Zügel für sein Leben wieder in die Hand. Einer der Schlüsselbegriffe des ProSt ist daher die Selbstverantwortung.

Wir helfen den Klienten, das Absurde an ihrem Denken, Fühlen und Handeln zu entdecken, indem wir es humorvoll verzerrt in den Blickpunkt rücken und sie damit zum Lachen über ihre eigenen selbstschädigenden Torheiten bringen. Erst durch die Verzerrung werden die Teile sichtbar, die einer lebendigen Weiterentwicklung im Wege stehen. Durch den Humor und das Lachen über sich selbst bekommt der Klient die erforderliche Distanz zu seinen (mentalen) Sackgassen. Dadurch werden für ihn (und für seinen geplagten Therapeuten) Auswege aus einer scheinbar ausweglosen Situation sichtbar. Das Lachen über die eigenen Blockaden gibt Freiheit. Wer lacht hat keine Kampf- oder Flucht-Einstellung mehr. Wer lacht schaltet das Großhirn ein, erreicht einen inneren Abstand, rückt die Dimensionen zurecht, stellt eine ausgewogenere Perspektive her und kann wieder relativieren. Lachen schafft Entlastung und gibt dem Klienten die Kontrolle zurück – er ist wieder Akteur statt Opfer.

Beim Einsatz von provokativem Humor in der Therapie spielt die Persönlichkeit des Therapeuten eine wichtige Rolle. Der Klient kann nur lernen, mit dem Therapeuten über sich zu lachen, wenn dieser auch sich selbst absurd und komisch finden kann. Wenn das nicht gewährleistet ist, wird das Vorgehen des Therapeuten verletzend, selbstherrlich und besserwisserisch, kurzum völlig humorlos. Ätzendes und schadenfrohes Lachen über andere hat nichts mit provokativem Humor zu tun und hat auch keinen Gesundheitswert. Im konstruktiven, heilsamen Sinn dürfen wir uns nur dann über die blockierten Verhaltensweisen anderer lustig machen, wenn wir auch über unsere eigenen Torheiten lachen können. So gelacht, lachen wir gemeinsam mit dem Klienten über seine Torheiten, nicht über ihn selbst.

Die humorvollen Verzerrungen im Zusammenspiel mit einer spürbaren Selbstironie des Therapeuten haben einen weiteren nützlichen Nebeneffekt: Sie fordern den Klienten auf, auch zu den Aussagen des Therapeuten eine distanzierte Haltung einzunehmen. Er muss sich ständig fragen: "Soll ich das jetzt wörtlich nehmen oder muss ich es noch 'übersetzen'?" Die Einsicht, dass jede Sichtweise, auch die des Therapeuten, immer nur eine von unzählig vielen ist, fördert das Relativieren, die Unabhängigkeit vom Therapeuten und die Selbstverantwortung des Klienten. Diese Realtivierung des Therapeuten wird im ProSt zusätzlich angeheizt, da der provokative Therapeut nur idiotische Ratschläge gibt, wenn er um Rat gefragt wird. Und um Rat bittet der Klient anfangs sehr dringlich, denn deshalb ist er ja gekommen. "Sagen Sie mir, was ich tun soll!" ist die wohl am häufigsten ausgeprochene Bitte zu Beginn einer Beratung. Dieses Ansinnen erledigt sich aber beim Einsatz des ProSt sehr schnell, da der Klient die Aussichtlosigkeit einsieht, einen brauchbaren Ratschlag zu erhalten. Der Klient ist gezwungen, eigene und neue Schlussfolgerungen zu ziehen, denn seine alten Vorgehensweisen wurden als untauglich ausgelacht und die vom Therapeuten nun vorgeschlagenen sind absurd und ebenso unbrauchbar.

Psychotherapeuten wird oft eine Pathologisierung im Rundumschlag vorgeworfen, nach dem Motto: Alles ist neurotisch, wenn man nur lange genug nachbohrt. Es erscheint uns weitaus sinnvoller, davon auszugehen, dass die Psyche bei den meisten Klienten in weiten Bereichen ausgezeichnet funktioniert und nur irgendwo ein Steinchen im Getriebe den Motor zum Spucken bringt. Wir richten den Fokus also auf die funktionierenden Bereiche der Psyche, selbst wenn sie auf den ersten Blick nicht gleich sichtbar sind, und verhalten uns wie die Kollegin, die sich in ihrer Praxis einem abgerissenen, schmutzigen Mann mit einer gewaltigen Alkoholfahne gegenübersah, der linkisch grinsend einen einzigen Zahn im Mund entblößte. Daraufhin sagte sie freundlich: "Sie haben da einen bemerkenswert gesunden Zahn im Mund!"

Die Herausforderung oder die segensreichen Wirkungen des Widerstandes

Veränderung macht Angst, denn das Ergebnis neuen Denkens und Handelns ist ungewiss. Da Klienten Ungewissheiten sehr schlecht verkraften, sind sie in aller Regel nicht bereit, sich zu verändern, selbst wenn sie das Gegenteil ausdrücklich betonen. Jede Therapierichtung befasst sich deshalb ausführlich mit dem "Widerstand" des Klienten. Darunter wird meist verstanden, dass der Klient nicht das tut, was ihm der Therapeut wohlmeinend rät, sondern hartnäckig darauf besteht, der Therapeut hätte nicht genügend Durchblick oder es ginge eben nicht so einfach, wie der Therapeut sich das vorstellt.

Therapeuten leisten oft Schwerarbeit in dem Bemühen, dem Klienten zu versichern, er sei liebenswert, attraktiv und stark und seine Zukunft sähe gut aus, und sie registrieren verbittert, dass der Klient ihnen diese Beteuerungen nicht glaubt, sondern als routiniertes Therapeutengeschwätz abtut. Sagen wir dem Klienten aber, dass wir Neurotiker nicht ausstehen können und diesen Job nur machen, weil wir uns vor wirklicher Arbeit drücken, ist er überzeugt, dass wir das nicht wirklich meinen und ihn gut leiden können.

Der Widerstand gegen eine Behauptung wird kräftiger, wenn man etwas behauptet und den Anderen auf etwas festnageln will, worauf dieser absolut nicht festgenagelt werden möchte. Je absoluter und umfassender man das tut, um so stärker wird der Widerstand und der Klient investiert seine Energie eher in die eigene Selbstverteidigung als in die Sabotage von gut gemeinten Ratschlägen und Wertbeteuerungen des Therapeuten.

Im ProSt dringt der Therapeut in die verborgenen mentalen Angst-Nischen des Klienten ein und ruft dessen Widerstand hervor, indem er seine versteckten Ängste ans Licht zerrt und diese als nicht veränderbare Fakten betrachtet und enorm aufbläst und karikiert. Die globalisierten Behauptungen des Therapeuten enthalten jedoch ein Körnchen Wahrheit. Wenn der Therapeut zum Beispiel behauptet, für die erwünschte Veränderung sei der Klient einfach zu alt, zu jung, zu dick usw., protestiert dieser heftig, wenn er unter keinen Umständen zu alt oder jung oder dick usw. sein will, aber gleichzeitg fürchtet, das er genau das sein könnte: zu alt, zu jung, zu dick usw.. Je genauer der Therapeut die jeweils schlummernden Ängste des Klienten erkennt und definiert, um so schneller hat er ihn "am Haken". Der Widerstand des Klienten richtet sich dann nicht gegen den Therapeuten, sondern gegen seine eigenen Veränderungs-Blockaden, und sei es zu Beginn nur, um dem dämlichen Therapeuten zu beweisen, dass er im Unrecht ist.

Gleichzeitig verbündet sich der Therapeut mit der dunklen Seite der Persönlichkeit des Klienten und erlaubt und empfiehlt ihm sein derzeitiges selbstschädigendes Verhalten mit allen seinen Symptomen ausdrücklich! Er schlägt sich also auf die Seite des Anderen, und zwar mehr als diesem lieb ist. Die Situation in der Therapie ist die von zwei Menschen, die sich auf einem wackeligen kleinen Floß befinden, das nur dann mühsam im Gleichgewicht gehalten werden kann, wenn auf jeder Seite einer steht. Springt nun der Therapeut auf die Seite des Klienten, wird die Sache gefährlich schieflastig. Der Klient muss so schnell wie möglich in die andere Ecke springen, wenn er dem Absaufen entgehen will.

Bei all diesen Phänomenen ist es wichtig, die starke Wirkung nonverbaler Botschaften in Betracht zu ziehen, die weit mehr Gewicht haben als der verbale Inhalt einer Aussage. Verbal kitzeln wir den Widerstand des Klienten in die richtige, weniger selbstschädigende Richtung, indem wir ihn schlechter dastehen lassen, als er sich selbst sehen möchte. Dabei geben wir ihm nonverbal zu verstehen, dass wir ihm eine Veränderung im Denken und Handeln durchaus zutrauen. Unsere Doppelbotschaft stoppt seine ruinöse Selbstabwertung. Er sieht das Zwinkern in unserem Auge und spürt unsere positive Grundhaltung und unser Vertrauen in seine Fähigkeiten. Diese positive innere Einstellung des Therapeuten gibt den Ausschlag, ob der ProSt eine konstruktive oder eine destruktive Wirkung entfaltet.

Wenn wir davon überzeugt sind, dass der Klient die Kraft hat, sich zu verändern (aber nur dann!), sollten wir unsere Provokationen nicht zu sanft und vorsichtig gestalten, sonst besteht die Gefahr, dass der andere wörtlich glaubt, was wir sagen. Wenn wir richtig klotzen anstatt zu kleckern, kann er die Richtung erkennen, in die er in Gefahr ist abzudriften, aber er wird nicht mutlos annehmen, dass er schon am Endpunkt angekommen ist.

Der provokative Therapeut nimmt dabei eine möglichst wertfreie Haltung ein. Das zeigt sich einmal darin, dass er die Symptome des Klienten nicht verurteilt (auch nicht insgeheim, denn das merkt der Klient nonverbal sofort), sondern sich geradezu für sie begeistert und als wunderbaren Problemlösungsversuch ausdrücklich empfiehlt. Zum anderen hält er sich aus der neuen Lösungsstrategie des Klienten heraus.

Was auch immer der Klient entscheidet – der Therapeut bringt die Bescheidenheit auf, diese Entscheidung zu akzeptieren, auch wenn sie nicht seinen eigenen weisen Vorstellungen folgt. Es bleibt ihm prinzipiell gleichgültig, ob der Klient die Vor- und Nachteile seines schädigenden Verhaltens weiterhin genießen will, er zeigt zunächst nur auf, welche Vor- und Nachteile dieses Verhalten bietet. Dann entscheidet sich der Klient, in welche Richtung er weitergehen möchte und übernimmt damit die Verantwortung für sein Verhalten. Sollte er sich für einen Kurswechsel entscheiden, erhält er keine guten Ratschläge sondern der Therapeut stärkt seinen Entschluss, neue Verhaltensweisen auszuprobieren und zur Gewohnheit zu machen, indem er ihm heftig (und augenzwinkernd) abrät, irgendeine Änderung vorzunehmen.

Kurzum: Der ProSt ist lösungs-und zielorientiert, aber die Definition der Lösung und des Ziels bleiben dem Klienten überlassen.

Das Menschenbild im ProSt

Im ProSt wird der Mensch hinter dem Therapeuten wieder sichtbar. Klient und Therapeut stehen sich als gleichwertige Partner gegenüber, die gemeinsam einen Stück des Weges zurücklegen. Auf dieser Wegstrecke lernen beide dazu. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf vorhandenen Kraftquellen und künftigen Herausforderungen, nicht auf vergangenen Traumen.

Im ProSt liegt die Initiative beim Therapeuten. Anstatt zu schweigen und zu warten, bis der Klient irgendein Thema anschneidet, bewegen wir uns stets vorwärts. Das fordert den Klienten und wertet ihn dadurch auf. Und nicht zuletzt macht es Spaß, und zwar beiden!

Ein derartiges Vorgehen erfordert vom Therapeuten Aufmerksamkeit und wirkliches Interesse, kreatives Assoziieren auf allen Kanälen und spontanes Reagieren. Der ideale ProSt-Anwender verfügt natürlich über menschliche Wärme, Humor, Reife und Weisheit. Außerdem ist er ein Vorbild an Schlagfertigkeit und Schnelligkeit. Er besitzt Antennen wie eine Raumstation, Augen wie ein Adler und den Weitblick eines indischen Gurus. Tröstlicherweise haben ganz normale Menschen wie unsereiner herausgefunden, dass sich auch mit einer Zimmerantenne einiges anfangen lässt, wenn sie wirklich ausgefahren ist!

Die Komplexität des ProSt lässt sich in diesen wenigen Zeilen nur unvollständig darstellen. Aber sowohl die Erfahrungen des Gründers der Provokativen Therapie, Frank Farrelly, als auch unsere Erfahrungen in den letzten Jahrzehnten haben uns darin bestärkt, dass er schnelle und lang anhaltende Wirkungen erzielt. Die meisten Menschen haben ihre Opferrolle satt und sind mündiger, als wir annehmen – wenn wir es ihnen nur zutrauen. Und sie ziehen dem Heulen und Zähneklappern das Lachen bei weitem vor.

"Das wäre doch gelacht!"
Der Provokative Stil ® (ProSt) in der Psychotherapie

Abstract

Es gibt viele Menschen, die auch heute noch glauben, dass Humor in der Psychotherapie ebenso wenig verloren hat wie eine Ratte in einer Hotelküche. Psychotherapie ist nämlich eine ernste Sache. Humor in der Psychotherapie wird sogar häufig nicht nur für unpassend gehalten, sondern für pathologisch. In diesem Tal der Tränen gilt als angemessene Gefühlsäußerungen in der Psychotherapie Heulen, Schreien und Wutausbrüche.

Meistens soll den Patienten eindringlich und mit erhobenem Zeigefinger beigebracht werden, dass es Spaß macht zu leben. Das ist so ähnlich, als wenn man ein Kind heftig anbrüllt, es solle brav sein. Das Kind wird dann nicht brav, sondern heftig. Die Klienten lernen deshalb vor allem, dass Lebenskrisen etwas Tottrauriges sind und nur tiefernst gelöst werden können.

Dabei ist es von alters her bekannt, dass Lachen gesund ist. Kein Wunder, dass das Lachen – wie vieles, das im Volksglauben als nützlich gilt – nicht nur aus der Schul-Medizin ausgeklammert wurde, sondern auch in der Schul-Psychotherapie lange als Kunstfehler galt.

Der Provokative Stil (ProSt) ist eine Beeinflussungsmethode, die sich aus der Provokativen Therapie von Frank Farrelly entwickelt hat. Deren wesentliche Kennzeichen sind Humor und Herausforderung.

Der ProSt provoziert beim Klientin ein verändertes, gesünderes Denken und Verhalten. Durch den Humor, das Lachen über sich selbst, entwickelt er die notwendige geistige und emotionale Distanz zu seinem selbstschädigenden Verhalten, durch das gezielte Reizen seines Widerstandes in die "richtige Richtung" wird er in Bewegung gesetzt, dieses auch zu ändern.

Der ProSt ist eine Kommunikationsform, die sich nicht nur als Heilmittel im psychotherapeutischen Rahmen, sondern auch in vielen anderen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens und -arbeitens bewährt.


Die Autorin:

Dr. Eleonore Höfner

  • Geboren 1946,

  • Diplom-Psychologin,

  • arbeitet seit über zwanzig Jahren in freier Praxis
    als Psychotherapeutin in München,

  • Leiterin des Deutschen Instituts für Provokative
    Therapie (D.I.P., www.provokativ.com) und veran-
    staltet in diesem Rahmen Weiterbildungsseminare
    für Therapeuten und Ärzte,

  • arbeitet als Trainerin und Coach in der Industrie und
    ist Leiterin des Consultinginstitutes "k.l.i.c."
    (www.klicinstitut.de),

  • Autorin der Bücher "Das wäre doch gelacht! Humor
    und Provokation in der Therapie", "Die Kunst der
    Ehezerrüttung" und "Das bewegte Paar".


Veröffentlichungsdatum: April 2003


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