Das andere Lied der Sirenen

(für Heinz)

von Bernd Kersting-Bilk (September 2003)

Alle die Brände, treppab
in die Luftschutzkeller der
Träume geflüchtet;
das in Nerven geträufelte
Abschiednehmenmüssen /
Ausgestoßenseinsollen /
Landverschickung der
wie Tranchiermesser zuckenden
Striche der Bahngeleise;
sprecht von der Heimat der
Seele nicht, draus die Kinder
vertrieben; sprecht nie von
Früher außer in Flüchen ...



Bernd Kersting-Bilk


Veröffentlichungsdatum: 7. September 2003


... ab 1943, ich war damals fünf Jahre alt, mussten wir fast jede Nacht, so meine Erinnerung, vom dritten Stockwerk in den Luftschutzkeller unter unserem Hause laufen, wenn die Sirenen ertönten. Und die Sirenen tönten oft, da Aachen in der Einflugsschneise der alliierten Bomber lag. Ich erinnere mich noch lebhaft an die schlimmen Bombenangriffe auf Aachen 1943 und 1944, als in der Nachbarschaft viele Menschen verbrannten oder von den einstürzenden Häusern erschlagen wurden, mit denen wir befreundet oder bekannt waren. Damals begann ich zu "phantasieren", wie die Erwachsenen sagten: Immer wieder Albträume und schreiendes Schlafwandeln.

Dann im Mai 1944 "Kinderlandverschickung" ins Jülicher Land. Was wie Sommerfrische klingt, war für mich eine Quelle brennenden Heimwehs, besonders, als die Mutter vom Dorfbahnhof mit dem Zug nach Aachen zurückfuhr und mich allein in der Fremde ließ. Bei allen Besuchen dann die bange Frage, war das der letzte Abschied? Der Todesschrecken, wenn morgens in der Schule der Rektor ein Kind aus der Klasse herausrief, weil ein Verwandter den Bomben zum Opfer gefallen war. Der erschütternde Schrei vom Schulflur her und im eigenen Herzen das Aufatmen, dass der Todesengel noch einmal vorüber gegangen war.

Heute noch, wenn eine Fabriksirene erschallt, trifft mich oft hinterrücks das Erschrecken. Wenn Krieg aus zu brechen droht in Korea, während der Kubakrise, der Golfkrieg I und II, steigen aus der Tiefe die gefesselten Träume auf von brennenden Häusern, stürzende Balken, Verschüttetwerden, Leichen und vergeblichem Wegrennen.

Es gibt nur ein paar oberflächliche Bücher über die Kinderlandverschickung, sie sprechen von fünf Millionen Verschickten. Sechzig Jahre ist es nun her, ich habe bisher keinen Gleichaltrigen getroffen, mit dem ich die Erfahrungen teilen konnte, teilen wollte. Wir Kinder von damals meiden den erneuten Schmerz und sprechen selten darüber. Warum auch? Damals verloren wir die Sicherheit und das Vertrauen in die Andern, besonders Erwachsenen gegenüber, denen selbst das Todesgrauen in den Gesichtern geschrieben stand. Wissen die BeraterInnen, SeelsorgerInnen, TherapeutInnen von diesen Kindheitsleiden? Kommen sie vor in ihren Gesprächen? Oder habe nur ich das erlebt? Verdammt noch mal!

Mein jüngerer Bruder Bernd, der in Dichterworte unser Kindheitselend fasste, war drei Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging.

Heinz Kersting


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