Übungen zur Beobachtung zweiter Ordnung

von Heinz Kersting (September 2001)

1. Übung:
"Zeichne eine Unterscheidung und du erschaffst ein Universum!"

(frei nach George Spencer Brown)

Ziel:
Diese Übung dient dem Erlernen der Beobachtung zweiter Ordnung.

Situationen:
Sie ist besonders für Ausbildungszwecke geeignet.

Theoretischer Hintergrund:

Anzahl der Mitglieder:
Wenigstens vier, wenn es mehr als sieben Gruppenmitglieder sind, werden sie in Untergruppen zu je vier (oder mehr) je Untergruppe aufteilt.

Verlauf:

  1. In der Untergruppe übernimmt ein Mitglied die Rolle der ErzählerIn ein, drei (oder mehr) Mitglieder werden mit unterschiedlichen Beobachtungsaufgaben betraut.

  2. Die ErzählerIn erzählt eine Geschichte (ein Problem, einen Fall oder sonst irgendeine Begebenheit, je nach Zielsetzung der Ausbildung). Während dessen beobachten die BeobachterInnen zweiter Ordnung (aus der Vogelperspektive) die Unterscheidungen, die die ErzählerIn als BeobachterIn erster Ordnung in ihrem Bericht setzt, d.h. wie die ErzählerIn unterscheidet.

    Die BeobachterInnen zweiter Ordnung bemühen sich dabei nicht bereits schon Hypothesen zu bilden. Zunächst ist nur das Wie des Unterscheidens der ErzählerIn als Beobachterin erster Ordnung wichtig.

  3. Nach sieben Minuten stoppt eine der BeobachterIn zweiter Ordnung den Erzählfluss. Diese war vor dem Erzählen mit dieser Aufgabe beauftragt worden.

  4. Die BeobachterInnen zweiter Ordnung veröffentlichen ihre Beobachtungen.

  5. Danach überlegen die BeobachterInnen zweiter Ordnung gemeinsam,

    Die BeobachterIn erster Ordnung hört während dessen zu.

  6. Die BeobachterIn erster Ordnung tauscht sich mit den BeobachterInnen zweiter Ordnung über die erzählte Geschichte und deren mögliche Veränderung durch die Beobachtung zweiter Ordnung aus.

  7. Rückmeldung im Plenum, wenn mehr als in einer Gruppe gearbeitet wurde. Es empfiehlt sich nicht alle Geschichten im Plenum zu wiederholen.

Zeitdauer:
Für die Untergruppenarbeit wenigstens eine Stunde.

Hinweise:



2. Übung:
"Systeme denken nicht, Personen kommunizieren nicht."

(frei nach Niklas Luhmann)

Ziel:
Diese Übung dient dem Erlernen der Beobachtung zweiter Ordnung mit Hilfe der von Niklas Luhmann häufig genutzten Unterscheidung zwischen System und Umwelt.

Situationen:
Die Übung ist besonders geeignet, um z.B. in Ausbildungen zur Team- und Gruppensupervision, Teamentwicklung, Familienberatung und –therapie, zum systemischen Arbeiten mit Gruppen (Soziale Gruppenarbeit), zur Organisationsberatung und zum Management die Grenzen eines Systems zur Umwelt hin zu beobachten und die sonst übliche Beobachtung und Zurechnung auf Personen (als die Mitglieder eines Systems) durch eine systemische Betrachtungsweise zu ergänzen.

Theoretischer Hintergrund:
Zu den oben genannten Literaturangaben vor allem noch:

Anzahl der Mitglieder:
Wenigstens vier. Wenn es mehr Mitglieder sind, wird das Plenum in Untergruppen aufgeteilt.

Verlauf:

  1. Im Plenum erzählt ein Mitglied der Gruppe eine Geschichte (ein Problem, einen Fall oder sonst irgendeine Begebenheit, je nach Zielsetzung der Ausbildung). Während dessen beobachten die übrigen Mitglieder des Plenums als BeobachterInnen zweiter Ordnung (aus der Vogelperspektive) die Unterscheidungen, die die ErzählerIn als BeobachterIn erster Ordnung in ihrem Bericht setzt.
    Sie beobachten vor allem die Unterscheidungen der BeobachterIn erster Ordnung, die sie in ihrer Erzählung hinsichtlich Person und System verwendet.

  2. Nach ca. sieben bis acht Minuten wird der Redefluss der ErzählerIn gestoppt.

  3. Danach teilt sich das Plenum, wenn es groß genug ist, in mehrere Untergruppen.

  4. In der Untergruppe tauschen die Mitglieder zunächst ihre Beobachtungen zweiter Ordnung aus. Dann schreiben sie gemeinsam eine systemische Geschichte, in der keine Personen mehr vorkommen dürfen. Alle personalen Unterscheidungen, die die BeobachterIn erster Ordnung in ihrer Geschichte gemacht hat, d.h. auch alles, was üblicherweise den Personen zugerechnet wird, wie Meinungen, Gefühle, Individualitäten werden in der neu zu schreibenden Geschichte dem System zugerechnet. (Z.B. "Die psychischen Systeme, die Umwelt des sozialen Systems sind, versuchen das System zu ‚perturbieren’, stören, anzuregen. Diese Störungen verarbeitet das System als Kommunikationen, die im System folgende Anschlüsse, bzw. Nicht-Anschlüsse finden. Es wird im System das Gefühl Angst kommuniziert... Die personalen Systeme als Umwelt des sozialen Systems...."). Wichtig ist, dass in der systemischen Geschichte nach System und Umwelt deutlich unterschieden werden.

  5. Nach 70 Minuten kommen die Untergruppen zurück ins Plenum. Jede Untergruppe liest der Reihe nach ihre Geschichte vor. Im Plenum wird kontrolliert, ob in der Geschichte streng systemisch zugerechnet worden ist.

  6. Die ErzählerIn berichtet, ob sich beim Zuhören der systemischen Geschichte möglicherweise ihre Sicht von der erzählten Geschichte verändert hat.

  7. Daran schließen sich in der Regel weitere Diskurse im Plenum an, z.B. über Sinn und Nutzen einer systemischen Sichtweise, Praktikabilität einer solchen Beobachtungsweise (nach Ausbildungszusammenhang manchmal unterschiedlich gewichtet) bis hin zu ethischen Fragen an die Systemtheorie.

    Da das Plenum ebenfalls ein soziales System ist, für das die im Raum anwesenden Personen eine unabdingbare Umwelt sind, lässt sich nicht im vorhinein sagen, welche Wege die Kommunikation im sozialen System Plenum gehen und welche unterschiedlichen Anschlüsse sie finden wird aufgrund der "Befeuerung" durch die Umwelt (Personen).

    Es empfiehlt sich darum, für die Plenumkommunikation genügend Zeit einzuplanen.

Hinweise:


Autor

Dr. päd. Heinz J. Kersting

  • geb. 1937,

  • Studiengangsleiter des Masterstudiengangs

    Supervision der Evangelischen Fachhochschule

    Freiburg am Institut für Beratung und

    Supervision Aachen,

  • Prof. Emeritus der Hochschule Niederrhein,

  • Bacc. theol.,

  • Dipl.-Supervisor (FH),

  • Supervisor (DGSv, SG),

  • Lehrender Supervisor SG,

  • Balintgruppenleiter,

  • Groupworker AASWG,

  • Wissenschaftlicher Direktor des Instituts

    für Beratung und Supervision und des Louis-Lowy-Instituts

    in Aachen,

  • Gründungsvorsitzender der DGSv,

  • Ehrenmitglied der Spanischen Gesellschaft für

    Supervision (ISPA) und der Deutschen Gesellschaft

    für Supervision (DGSv),

  • Träger des International Group Work Award 2003

    der Association for the Advancement of Social

    Work with Groups (AASWG),

  • Forschungs- und Publikationsschwerpunkte:

    Systemische Supervision und Organisationsberatung,

    internationale Sozialarbeit.


Veröffentlichungsdatum: 15. September 2001


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