Britta Haye

Special (Januar 2002)


zum 60. Geburtstag


Konstruktivistisch-systemische Supervision und Beziehung

Ermunterung zu einem neuen Forschungsprogramm

von Heinz J. Kersting

"Ich glaube, ohne Liebe geht Supervision gar nicht."

Britta Haye

I.

Auf den Supervisionstagen in Freiburg im Jahr 2000 monierte ich in einem Vortrag, dass konstruktivistisch-systemische SupervisorInnen in ihren Beschäftigungen mit der Theorie der Supervision die affektive Seite der konstruktivistisch-systemischen Supervision in der Regel nicht in den Blick nehmen. Ich wurde von einigen TeilnehmerInnen scharf kritisiert mit dem Hinweis, dass vor allem die SupervisorInnen, die ihre Wurzeln in der Sozialen Arbeit haben, den Beziehungsaspekt der Supervision berücksichtigten und was, so bemerkten sie, hätte mehr mit Affekten zu tun als die Beziehung zwischen SupervisorIn und SupervisandInnen. Ja, sie würden im wesentlichen den Erfolg ihrer Supervisionen auf die gelungene Beziehung zwischen SupervisorIn und SupervisandInnen zurückführen.

Ich hätte mich in meiner Kritik klarer ausdrücken sollen1. Ich bestreite nicht, dass den handelnden SupervisorInnen - und das mag vor allem für die, die in der Sozialen Arbeit beruflich sozialisiert wurden - der Aufbau, das Durchtragen der Beziehung und das sich Wiederlösen aus der Beziehung ganz besonders wichtig ist. Ich selbst bin davon überzeugt, dass die Qualität der personalen Begegnung zwischen SupervisorIn und SupervisandInnen wesentliches zum Erfolg der Supervision beiträgt (vgl. Kersting 1997).

Ich selbst habe die mit dieser Festschrift geehrte Supervisorin Britta Haye als eine Meisterin sozialarbeiterischer "Beziehungsarbeit" (Haye 1999: 71) kennen und schätzen gelernt, die sich in Weiterbildungen zur Supervision den angehenden SupervisorInnen als nachahmenswertes Vorbild anbietet, um den Einsatz der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Emotionen in ihren Supervisionen zu erlernen. In ihren Reflexionen als Lehrsupervisorin oder als Beobachterin von Lifesupervisionen ist die persönliche Beziehung der SupervisorIn zu ihren SupervisandInnen ein von ihr stets beachtetes Thema.

Britta Haye knüpft in diesem Zusammenhang gerne an die Werke von Helm Stierlin (vgl. z.B. Stierlin 1971; 1975; Stierlin/Rücker-Embden/Wetzel/Wirsching 1977) an, da sie es für unabdingbar hält, "daß die VertreterInnen der genannten Berufsgruppen [als da sind: TherapeutInnen, PädagogInnen oder SozialarbeiterInnen, HJK] ihre Sensibilität für zwischenmenschliche Prozesse schulen. ... In der Praxis der Sozialen Arbeit sind die eigenen seelischen Vorgänge der HelferInnen letztlich die entscheidenden Arbeitsinstrumente zum Aufbau der helfenden Beziehungen zu den KlientInnen" (Haye 1999: 71). In einem Interview, das Heike Hercher und ich mit Britta Haye und Jürgen Linke zur systemischen Weiterbildung in Supervision am BIF in Berlin führten, sagte Britta Haye: " Natürlich ist unsere Arbeit [in der Supervision] nur möglich, wenn ein guter Rapport besteht, Ohne diesen funktioniert sie nicht. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, zu schauen, wie baue ich den Kontakt auf, wie halte ich ihn, und wenn er verloren gegangen ist, wie stelle ich ihn wieder her. Diese Arbeitsweise setzt allerdings genaue Beobachtung voraus. Wenn ich nicht einen bestimmten Kontext, eine bestimmte Sensibilität entwickele, dann wird mir keine vernünftige Supervision gelingen. Diese Sensibilität kann ich aber nur entwickeln, wenn ich aus meinen Beobachtungen bestimmte Schlüsse gezogen habe. (Haye/Linke 2002)"

Meine Kritik in Freiburg zielte auf die vorliegende Literatur zur konstruktivistisch-systemischen Supervision (und dabei schließe ich mich selbst nicht aus), die sich theoretisch allzu wenig mit der affektiven Seite der konstruktivistisch-systemischen Supervision beschäftigt. Darum soll mein Beitrag zum Fest einer Meisterin der Beziehungen keine Kritik sondernd die Ermunterung zu einem neuen Forschungsprogramm sein. Das Programm könnte mit Britta Hayes eigenen Worten umschrieben werden: Sensibilität entwickeln aus Reflexionen über die Beobachtung affektiver Beziehungen.

II.

Die Beschäftigung mit der Theorie systemischer Supervision steht meiner Meinung nach tatsächlich in der Gefahr, die Beobachtung der Affekte auszublenden. Das gilt besonders dort, wo sie sich allzu eng an Konzepte der systemischen Therapie oder an die allgemeine Systemtheorie von Niklas Luhmann (1987) angeschlossen hat.

Für Luhmann versteht es sich von selbst, dass er sich als Soziologe nicht bevorzugt mit Affekten beschäftigte. Das entspricht der alteuropäischen Arbeitsteilung zwischen Soziologie als Beobachtung der Gesellschaft und der Psychologie als Beobachtung psychischer Prozesse. Da das vordringliche Interesse des Soziologen Luhmann der Beobachtung von sozialen Systemen galt, wurden von ihm die Affekte und individuellen Motivationen der Mitglieder von sozialen Systemen unter den Bedingungen der Umwelt von sozialen Systemen abgehandelt. Wie weit Luhmanns Ansatz als brauchbares Paradigma auf supervisorische Prozesse übertragen werden kann, ist selbst unter den VertreterInnen der systemischen Supervision noch nicht ganz ausdiskutiert. Luhmann selbst macht in bezug auf die Praxis der "Systemtherapie" auf Probleme aufmerksam (vgl. Luhmann 1992: 127ff.). Den einleuchtendsten Versuch im Bereich der systemischen Therapie, einen Anschluss an die allgemeine Systemtheorie von Luhmann zu finden, haben Fritz B. Simon und Gunthard Weber 1993 vorgelegt2.

Sicher war zu Beginn der Entwicklung der systemischen Therapie diese Distanz zur Beobachtung der affektiven Kommunikation aus heuristischen Gründen durchaus brauchbar. Sie entwickelte sich jedoch auch innerhalb der systemischen Therapie zunehmend zu einer Einengung (vgl. Levold 1997; 1998).

Tatsächlich wurde in der Praxis der Supervision die allzu strenge Sicht der allgemeinen Systemtheorie bei der Entwicklung konstruktivistisch-systemischer Konzepte von SupervisorInnen, die ursprünglich aus der Sozialen Arbeit, der Gestaltarbeit oder der psychoanalytischen Gruppendynamik kamen, stets abgemildert (vgl. Fallner 1993; Richter 1997; Kersting 1997: 27ff.; Haye/Kleve 1998, Institut für Beratung und Supervision 2001).

III.

Seit einiger Zeit wird dieser ausgeblendete Teil auch in der systemischen Therapie wieder eingeblendet (vgl. Kriz 1994; Welter-Enderlin/Hildenbrand 1996; 1998). Allerdings geht diese Wiedereinblendung wie z.B. bei Rosmarie Welter-Enderlin und Bruno Hildenbrand (1996) manchmal einher mit einer neuerlichen Ausblendung des Kommunikationssystems Supervision, das als soziales System konstituiert wird. Mit dem Supervisionssystem sind als wichtigste Umwelten die SupervisorIn und SupervisandInnen operativ gekoppelt. Schon Luhmann machte darauf aufmerksam, dass "mit dem Begriff der operativen Kopplung und mit der Ausschließung des empirisch-konkreten Menschen aus dem autopoietischen Zusammenhang sozialer Systeme kein Verzicht auf praktisch-professionelle Arbeitsinteressen verbunden ist" (Luhmann 1992: 127).

Es scheint so zu sein, dass die strenge Unterscheidung zwischen System und Beziehung, die in der Geschichte der systemischen Therapie zu vielen Erfolgen führte, sich allmählich zu einem Entweder-Oder verhärtet hat.

Die Differenztheorie George Spencer-Browns (1969, vgl. Simon 1988) hatte uns eine brauchbare Möglichkeit angeboten, die konstruktivistisch-systemische Supervision theoretischim Sinne Heinz von Foersters (1973) als eine ins Arbeitssystem eingeführte Beobachtung zweiter Ordnung zu beschreiben (vgl. dazu auch Haye/Kleve 1997).

Doch auch praktisch konnten wir seitdem das Konzept der Unterscheidung als Handlungskonzept der Supervision nutzen (vgl. Kersting 2001), indem wir den SupervisandInnen halfen, ihre ausgeblendeten Unterscheidungen als Möglichkeiten wieder einzublenden.

Wenn wir das Konzept der Unterscheidung als Beobachtung zweiter Ordnung auf die konstruktivistisch-systemische Supervision selbst anwenden, zeigt es uns, dass die Unterscheidung von System und Umwelt nur eine von vielen möglichen Unterscheidungen für die Theorie der Supervision ist. Lange Zeit stand auf der "hellen Seite" der theoretischen Beschäftigung mit konstruktivistisch-systemischer Supervision nur die Unterscheidung von System und Umwelt.

Das Affektive der Supervision befand sich auf der "abgedunkelten Seite", und mit Abgedunkeltem beschäftigt sich die Theorie erst dann, wenn sie sich selbst als Beobachtende beobachtet (Beobachtung zweiter Ordnung).

Das aber ist ja gerade der Clou der Differenztheorie: Es gibt in ihr nur Unter-scheidungen, keine Aus-scheidungen. Das Affektive war nicht einfach weg, es war nur abgedunkelt. Deswegen konnten die PraktikerInnen auch zu recht dem kritisierenden Theoretiker selbstbewusst gegenüber treten und sagen, dass für sie die Affekte in der Supervision immer - auch wenn die Theoretikerlnnen sie vorübergehend nicht beobachteten - bedeutsam waren und im hellen Licht ihres Handelns gestanden hatten und weiterhin stehen.

Für sie, so sagten sie, gibt es kein Entweder-Oder, entweder System oder Beziehung, sondern konstruktivistisch viabel und praktisch brauchbar nur ein Sowohl-Als-Auch, sowohl System als auch Beziehung.

Das passt sehr gut zu der Forderung von Tom Levold (1998: 22), die Systemmodelle "erster Ordnung", in denen das Affektive noch stärker berücksichtigt worden sei, konstruktivistisch zu rahmen, und sie nicht einfach durch Systemmodelle "zweiter Ordnung" zu ersetzen.

Konstruktivistisch-systemische SupervisorInnen sollten darum sowohl das System, seine Regeln und die Kommunikationsmuster des Systems beobachten, wozu sie die Allgemeine Theorie der sozialen Systeme in den letzten Jahren so effektvoll geschult hatte, als auch, was viele SupervisorInnen mit Erfolg praktisch offensichtlich immer schon tun, im Sinne einer Kybernetik zweiter Ordnung beobachten,

Wenn wir unsere Beobachtungen der Affekte auf die sprachliche Ebene von Unterscheidungen heben, sollten wir uns allerdings bewusst sein, dass wir den unmittelbaren Bereich der Emotionen verlassen. Emotionen sind nicht ohne Kognitionen vorstellbar. Das Versprachlichen von Emotionen bedeutet aber eine andere logische Ebene als das, was wir gemeinhin mit Affekten bezeichnen. Zur Zeit aber mangelt es in der Theorie der konstruktivistisch-systemischen Supervision an eben genau dieser Versprachlichung der Emotionen. Es sieht fast so aus, als fehle die Erlaubnis, mit der Versprachlichung zu beginnen. Es wird sich in der systemischen Beratung (und selbstverständlich auch in der konstruktivistisch-systemischen Supervision) vieles ändern, wenn wir beginnen die "kultur-, gruppen- und auch persönlichkeitsspezifische 'Eigenwelt' zu beobachten", meint Luc Ciompi (1998: 92; vgl. auch 1997). So werden z.B. erst ganz zögerlich wissenschaftliche Beobachtungen über "männliche" und "weibliche" Eigenwelten, die in hohem Maße emotionsbesetzt sind, in der systemischen Supervisionsliteratur behandelt (vgl. aber Ebbecke-Nohlen 1993; Hosemann 1993; 1999, Welter-Enderlin 1996; 1999; Pietsch 1998). Ganz zu schweigen davon, dass in den Theorien der systemischen Supervision die konstruktivistische Beschäftigung mit der "soziale[n] Fortpflanzung der Zweigeschlechtlichkeit" (Hirschauer 1994, vgl. auch Hirschauer 1989; Hagemann-White 1994) bisher überhaupt noch nicht zur Kenntnis genommen wurde.

Die abgedunkelten Seiten von kognitionszentrierten Supervisionskonzepten, allzu verbalistisch geprägtem Vorgehen in manchen psychoanalytisch-orientierten Supervisionen bis hin zu ebenso einseitig kognitivistischen Spielarten systemischer Supervision könnten erhellt und die SupervisorInnen für die affektive Seite einer jeglichen Kommunikation stärker oder aufs Neue sensibilisiert werden.

IV.

Ich vermute, wenn sich die konstruktivistisch-systemischen SupervisorInnen wieder stärker theoretisch mit den affektiven Seiten und Beziehungsaspekten der Supervision beschäftigen, werden sie auch leichter einen Anschluss an die provokative Supervision finden, wie sie im Gefolge der Provokativen Therapie praktiziert wird. Hier und da wurde bereits der Versuch unternommen, die Provokative Therapie mit konstruktivistisch-systemischer Beratung und Supervision zu verknüpfen (vgl. Kersting/Lehmenkühler-Leuschner 1988; Kersting 1991; Brandau 1991), vermutlich aber war der allzu personenorientierte Ansatz dieser Therapieform bisher ein Hindernis, die provokative Supervision in das Repertoire konstruktivistisch-systemischer Supervision aufzunehmen.

Dass die Provokative Therapie theoretisch als ein konstruktivistisches Verfahren beschrieben werden kann, haben Jürgen Wippich und Ingrid Derra-Wippich einleuchtend aufgezeigt (Wippich/Wippich 1996: 123-215). Frank Farrelly, der Gründer der Provokativen Therapie hatte sich beim Entwicklen seines Konzepts mit verwandten Therapieschulen z.B. der Hypnotherapie Milton Ericksons und dem Neuro-linguistischen Programmieren beschäftigt, Maturanas Kognitionsbiologie und Luhmanns allgemeine Systemtheorie lernte er erst als die Beobachtung von Beobachtern seiner Arbeit im nachhinein kennen (vgl. Farrelly 1999: 264). Er nimmt die vielfältigen Übereinstimmungen zur Kenntnis, wundert sich aber als nordamerikanischer Sozialarbeiter nicht allzu sehr darüber, da in den USA die Systemtheorie (erster Ordnung, würden wir sagen) schon lange zum theoretischen Basisbestand des Social Work gehört.

Frank Farrelly war Schüler von Carl Rogers und arbeitete mit diesem zusammen in einem Forschungsprojekt. Für Carl Rogers stand die Beziehung und Begegnung im Mittelpunkt der Therapie. So sagte er: "Eine der nachhaltigen Erfahrungen war die Bestätigung und Bestärkung meiner Auffassung, wonach Therapie etwas mit der Beziehung zu tun hat und verhältnismäßig wenig mit Techniken und Theorie. Ich bin überzeugt, dass das wichtigste Element der Therapie die Echtheit ist, das reale Zugegensein, das der Therapeut in die Beziehung einbringt. Für den einen ist ein ungeduldiges Vorgehen, das keinen Unsinn duldet und die Karten gleich offen auf den Tisch haben will, am wirksamsten, weil er hierbei am offensten er selbst ist. Ein anderer wird mit einer sanfteren, offensichtlich wärmeren Zuwendung Erfolg haben, weil dies seinem Wesen entspricht. Unsere Erfahrungen haben meine eigene Anschauung zutiefst verstärkt und erweitert, wonach der erfolgreiche Therapeut derjenige Mensch ist, der es vermag, im betreffenden Augenblick offen er selbst zu sein, soweit es ihm nur in den tiefsten ihm zugänglichen Schichten möglich ist. Nichts anderes ist von gleicher Bedeutung" (Rogers 1998: 214).

Genauso wie bei Rogers steht bei Farrelly die empathische Beziehung zwischen TherapeutIn und KlientIn im Zentrum seines therapeutischen Konzepts. Hinsichtlich der Methoden scheint Frank Farrelly jedoch mit seinen provokativen Strategien die klientzentrierte Gesprächsführung Carl Rogers geradezu auf den Kopf gestellt zu haben (vgl.Farrelly/Brandsma 1974/1986; Dawes 1999; siehe unten die Faktoren der provokativen Therapie).

Farrelly hebt den Respekt und die Zuneigung zur KlientIn stark hervor. BeobachterInnen seiner Workshops sind allerdings oft schockiert über die Provokationen des Therapeuten Frank Farrelly. Es handelt sich bei ihm eher um eine Zuneigung, die "rau aber herzlich" ist. Doch erinnern wir uns, auch für Carl Rogers gehörte zur Einfühlung des Therapeuten die Kongruenz und die Echtheit, sollte denn die Beziehung wirklich empathisch sein. Die KlientInnen/SupervisandInnen berichten in der Regel, dass sie sich trotz aller Provokationen bei Frank Farrelly im höchsten Maße angenommen gefühlt haben.

Theoretisch könnten wir sagen, die provokative TherapeutIn/SupervisorIn respektiert die Autopoiese des personalen Systems der KlientIn/SupervisandIn. Mit ihren provokativen Interventionen irritiert und perturbiert sie das System, sie regt es an. Das System ist gezwungen auf seine Weise die Irritation auszugleichen. Dabei entstehen Veränderungen. Diese Veränderungen bringen häufig das Problem zum Verschwinden. Manchmal wird das System "verführt", sich ein anderes Problem zu suchen, das es leichter handhaben kann als das ausgetauschte. Zu weilen behält das System auch das bisherige Problem, belegt es aber mit einer neuen Deutung, die es erträglicher macht.

Unser niederländischer Kollege Jaap Hollander, der Frank Farrelly über viele Jahre hinweg bei der Arbeit beobachtet hat, stellte eine Liste von dreißig Faktoren zusammen, die diese besondere Form der "rauen aber herzlichen" Zuneigung zu konkretisieren versucht. Für eine zukünftige Erforschung von SupervisorInnen-Beziehungen können sie meiner Meinung nach hilfreich sein.

Die Faktoren umfassen folgende Bereiche:

Die Liste der provokativen Techniken kann eingeteilt werden in:

Unter der Überschrift "Interne Prozesse im Therapeuten" listet Jaap Hollander folgendes auf:

Hinsichtlich strategischer Verhaltensmuster enthält Hollanders Liste Aussagen wie z.B.:

Frank Farrelly behauptet von sich, dass er sich mit den negativen Seiten der KlientIn/SupervisandIn verbündet und diese Seite übertreibt. Er spielt, wie er es auszudrücken pflegt, den Advokaten des Teufels. Gleichzeitig gibt er der KlientIn/SupervisandIn die höchste Wertschätzung und schenkt ihr die größte Liebe, deren er in diesem Augenblick fähig ist. Ich vermute, dass dieses Paradox - zugleich die schärfste Provokation und die höchste Form der Liebe - die stärkste Irritation für jedes autopoietische System ist. Ich vermute, dass darin der große Erfolg dieser personenorientierten, konstruktivistisch-systemischen Provokativen Therapie und Supervision begründet ist.

V.

Bei aller Ermunterung zu einem neuen Forschungsprogramm in der konstruktivistisch-systemischen Supervision, das das Affektive der Begegnung und die Beziehung der SupervisorIn zu den SupervisandInnen in den Blick nehmen sollen, muss jedoch an die Besonderheit konstruktivistischer Forschung erinnert werden.

Denn auch das Beobachten von Gefühlen ist nur die eine Seite der Medaille und kein Königsweg zu irgendeiner Art von Gewissheit. Gewissheit ist in konstruktivistisch-systemischer Forschung nicht zu erhalten und das ist gut so. Vermeintliche Gewissheit suggeriert nämlich die Möglichkeit, die SupervisandInnen mit Hilfe angenommener "richtiger" Beobachtungen kontrollieren zu können. Das muss man besonders heute betonen, wo Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung immer mehr das Geschäft der SupervisorInnen tangiert und verunsichert.

Gewissheit steht im Gegensatz zur "Unwissenheit der SupervisorIn", die die konstruktivistisch-systemischen Beraterinnen als eine besonders wichtige Ressource für ihr Handeln entdeckt haben (vgl. Anderson/Goolishian 1992).

Diese Haltung des "Nichtwissens" ist durchdrungen von einem großen Respekt vor den Menschen. Sie geht in der konstruktivistisch-systemischen Supervision einher mit einer ebenso großen Respektlosigkeit gegenüber jeglicher Form von Gewissheit, auch der von Theorien, die sich anschicken, Gewissheiten zu versprechen.

Diese Haltung bewahrt konstruktivistisch-systemische SupervisorInnen vor der Versuchung des Entweder-Oder (vgl. Cecchin/Lane/Ray 1992, 1993; Kersting 1993, Ludewig 1998: 75; Kleve 1999; 2000).

Die Respektlosigkeit des Sowohl-Als-Auch und der entschiedene Respekt vor den Menschen kennzeichnet das Handeln der Sozialarbeiterin, Supervisorin, Therapeutin, Supervisionslehrerin und Professorin Britta Haye, das verbindet sie aufs herzlichste mit den Konstruktivisten Humberto Maturana und Francisco Varela (1987: 19f).


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1 Inzwischen halte ich diese Unterscheidung theoretisch/praktisch im Rahmen einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit in der Postmoderne für unbrauchbar: vgl. Kleve 1999; 2000

2 Nützlich ist für uns am Institut für Beratung und Supervision die Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen vor allem für die Organisationsentwicklung (vgl. Vogel/Bürger/Nebel/Kersting 1997) und für das Beraten von Arbeitssystemen. Letzteres wird im deutschen Sprachraum häufig "Teamsupervision" genannt (vgl. Kersting/Vogel/Nebel/Bürger 1995; Kersting 2000).
In dem uns benachbarten, niederländischen Kulturraum wird diese Beratungsform nicht unter Supervision, sondern unter dem Stichwort "Teamentwicklung" abgehandelt und eher mit Organisationsentwicklung als mit Supervision in Verbindung gebracht.


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