Der allegorische Aufklärer

Vor hundert Jahren wurde George Orwell geboren

von Heinz Kersting (September 2003)

Am 25. Juni 2003 wäre der Schriftsteller George Orwell hundert Jahre alt geworden. Er erlag am 21. Januar 1950 im Krankenhaus der Londoner Universität einem langwierigen Lungenleiden. Über ein halbes Jahrhundert ist Orwell tot, aber er scheint mir heute ebenso aktuell zu sein wie in den späten 40er Jahren. Er selbst begriff sich in erster Linie als Aufklärer. Sein um 1945 öfters geäußertes Bekenntnis "I belong to the Left" bezog sich auf den politischen Ort, wo er das Aufklärerische – trotz allem am ehesten aufgehoben meinte. Linkssein, das bedeutete für Orwell zunächst das Aussprechen unliebsamer Wahrheiten z.B. über britische Kolonialpraktiken. Orwell hielt sich selbst für einen liberalen Sozialisten, der daran glaubte, dass es möglich sein müsse, in einem staatlichen Gemeinwesen politische Freiheit und soziale Gleichberechtigung sowie die Gleichstellung aller vor dem Gesetz zu vereinbaren. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte er für die Sache der Republik und überlebte einen schweren Halsdurchschuss. Zwar konnte der behandelnde Arzt schon bald zur Beruhigung aller bestätigen, dass Orwell seinen Humor nicht verloren habe, der Schriftstelle selbst dagegen scheint diese Verwundung wie eine Persönlichkeitsverletzung empfunden zu haben, denn danach fielen seine Äußerungen zum prekären Stand der ideologischen Weltverhältnisse noch kritischer aus.

Sein Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg "Homage to Catalonia" [1] wurde zu einer großen Abrechnung mit dem Geist des Faschismus. Doch Orwells "Homage to Catalonia" spiegelt auch seine Unzufriedenheit mit der Linken. Hintergründe dazu lassen sich jetzt mit Hilfe der jüngsten Orwell-Biografien von G. Bowker und D. J. Taylor [2] erschließen. In Barcelona hatte Orwell eine von Stalins Schergen inszenierte Säuberungsaktion der trotzkistischen Spanischen Arbeiterpartei erlebt, mit der er damals selbst sympathisierte. Taylor hat eine KGB-Akte aufgespürt, die zeigt, dass Orwell von einem sowjetischen Spitzel in Spanien observiert wurde. Bowker kann belegen, dass diese Vorfälle Orwell unmittelbar dazu veranlassten, seine "Homage to Catalonia" zu schreiben.

"After Spain" – in Orwells Selbstzeugnissen spielt diese Wendung eine wesentliche Rolle. Nach Spanien stand fest, dass er aus seiner politisch motivierten Schriftstellerei eine Kunstform machen wollte. Das Ergebnis hieß "Aninmal Farm", eine groteske Konstruktion in Märchenform, die das Ziel verfolgte, den Stalinismus bloßzustellen und die Tragikomödie des Politischen und der Korruption des Denkens durch Macht zu illustrieren.

Zu einem Maschinensturm und einer antiideologische Mobilmachung der Intellektuellen ruft er bereits ein Jahr nach dem zweiten Weltkrieg in einer Artikelserie für die "Manchester Evening News" auf. Entmachtung des Staates, Fusion von humanem Sozialismus und christlicher Soziallehre sowie unbedingter Pazifismus schrieb Orwell auf sein Panier. Sein bekanntestes Buch ist "Ninteen Eighty-Four" (deutsch: "1984"), das zur Legende wurde. Es ist ein überdeutlicher Angriff auf Faschismus und Stalinismus, und somit auf jeden totalitären Ismus. Zu Recht kann man Orwell einen "allegorischen Aufklärer" (Rüdiger Görner) nennen.

Wenn auch das Jahr 1984 längst vorüber ist, so haben wir heute wahrlich keinen Grund, Orwell zu bagatellisieren oder zu historisieren. Denn nichts könnte zeitgemäßer sein als seine Warnung vor der Preisgabe der Freiheiten im Namen der Sicherheit. Ginge Orwell heute durch unsere Städte, er wäre vermutlich entsetzt ob des Ausmaßes der Überwachung durch eine kaum noch zu bezifferbare Menge von Sicherheitskameras. "Big Brother is watching you". Er hätte aber sicher auch genügend Humor besessen, um einen unbestreitbaren Höhepunkt heutiger Verdummungsunterhaltung im Fernsehen, der sich mit den ersten beiden Worten seines vielleicht bekanntesten Satzes schmückt, als Bestätigung seiner schlimmsten Befürchtungen über den künftigen Stand der Kultur mit einen gewissen Lächeln hinzunehmen.

Inzwischen hat man bekanntlich im Namen der Sicherheit und der Terrorbekämpfung die bedeutendste Errungenschaft des englischen Rechts, die Habeas-Corpus-Akte, quasi außer Kraft gesetzt. Übertroffen werden diese Maßnahmen nur noch durch den "spin", die mittlerweile berüchtigte Eigenwerbung einer Regierungsmaschine, die den angelsächsisch definierten Westen weiterhin als Hort reiner wahrer Freiheit lobt. Orwell sähe bestätigt, was er in "1984" beschrieben hatte, einen Zustand nämlich in dem der "spin" (von ihm im Roman "Newspeak" genannt) über die Wahrheit triumphiert. Was dieser Propagandasprache an Methode zugrunde liegt, nannte Orwell "doublethink", sein Wort für den Glauben and die Richtigkeit von zwei einander sich ausschließenden Aussagen, einer Art von "kognitiver Dissonanz". Was das konkret bedeutet? Etwa das Wortgebilde wie "humanitäre Kriegsführung".

Orwells Bedeutung liegt darin, dass er eine Sprachkritik vertrat, die von der These ausging, dass die Sprache nach Phasen des "Newspeak" durchaus in der Lage sei, sich zu regenerieren. Dabei unterschied er in seinem Essay "Politics and the English Language" zwischen wirklichen Worten und leeren Phrasen, Worthülsen und bizarren, am Rande des Absurden operierenden Matapherngemisch (sein Musterbeispiel für Letzteres lautet: "The Fascist octopus has sung ist swan song"). Seine Forderung "What is above all needed is to let the meaning chose the word, and not the other way about."

In Orwells Werk finden sich Stellen in Fülle, an denen Analyse in Prophetie umschlägt. So auch in seinem Essay von 1947 "Toward European Unity", in dem es heißt: "Britain can only get free of America by dropping the attempt to be an extra-European power. ... Therefore it is always the danger that the United States will break up any European coalition by drawing Britain out of it." [3] Orwells Vision von Europa nahm vorweg, was später Delors versuchte: Ein System von Integration zu schaffen, das sich dem Prinzip sozialer Demokratie verpflichte weiß. Aber Orwell ging noch weiter: Europa müsse sich mit einem gleichberechtigten Afrika und Mittlerem Osten zusammenschließen, um auf diese Weise den Kolonialismus zu überwinden, wobei Britannien jeglichen Gedanken an einen Sonderstatus in Europa aufzugeben habe; denn solange man an einem solchen festhalte, sei Westminster von Washington erpressbar. Freiheit und Solidarität, gleichberechtigte Partnerschaft Europas mit Amerika, das war es, was Orwell als "westliche Zivilisation" bezeichnete. Was könnte "aktueller" sein in einer Zeit, in der das transatlantische Selbstverständnis so gestört ist wie noch nie seit 1945.

Als Thomas Mann "mit Grauen" in Orwells Roman "1984" las, vermerkte er im Tagebuch: "Meine Nerven ertragen diese Phantasie-Realisierung des schon Seienden sehr schlecht." [4] Des schon Seienden. In der Tat, denn Orwells "Prophezeiungen" wollten nichts anderes sein als Extrapolationen von Beobachtungen zum Stand der politischen Dinge seiner Zeit. Keine Welt – so die unmissverständliche Botschaft des Romans, die Mann, nach diesem Tagebucheintrag zu urteilen, offenbar sehr genau aufgenommen hatte -, kein politisches System, gerade auch das der Vereinigten Staaten des Kommunistenjägers McCarthy nicht, sei vor den in "1984" geschilderten Zuständen gefeit.

Das Londoner University Hospital, in dem Orwell 1950 starb, liegt im bedrückenden Schatten des dinosaurierhaften Senatsgebäude der University of London, dem in der Londoner Metropole mit weitem Abstand hässlichsten, von stalinistisch-faschistischen Architekturprinzipien geprägten Gebäude. Jahre nach Orwells Tod drehte man folgerichtigerweise dort den Großteil des Filmes "1984".


Anmerkungen:

[1] Deutsch: Mein Katalonien. Bericht über den Spanischen Bürgerkrieg. (15. Auflage) Zürich 2003: Diogenes (detebe 20214).

[2] G. Bowker: George Orwell. London 2003: Little, Brown.

[3] D. J. Taylor: Orwell: The Life. London 2003: Chatto & Windus.

[4] vgl. deutsch: G. Orwell: Denken mit Orwell. Ein Wegweiser in die die Zukunft. Zürich 2003: Diogenes (detebe 70177).

[5] Th. Mann: Tagebücher 1949-1950. Frankfurt am Main 1991: S. Fischer, S. 163.


Autor

Dr. päd. Heinz J. Kersting

  • geb. 1937,

  • Studiengangsleiter des Masterstudiengangs

    Supervision der Evangelischen Fachhochschule

    Freiburg am Institut für Beratung und

    Supervision Aachen,

  • Prof. Emeritus der Hochschule Niederrhein,

  • Bacc. theol.,

  • Dipl.-Supervisor (FH),

  • Supervisor (DGSv, SG),

  • Lehrender Supervisor SG,

  • Balintgruppenleiter,

  • Groupworker AASWG,

  • Wissenschaftlicher Direktor des Instituts

    für Beratung und Supervision und des Louis-Lowy-Instituts

    in Aachen,

  • Gründungsvorsitzender der DGSv,

  • Ehrenmitglied der Spanischen Gesellschaft für

    Supervision (ISPA) und der Deutschen Gesellschaft

    für Supervision (DGSv),

  • Träger des International Group Work Award 2003

    der Association for the Advancement of Social

    Work with Groups (AASWG),

  • Forschungs- und Publikationsschwerpunkte:

    Systemische Supervision und Organisationsberatung,

    internationale Sozialarbeit.


Veröffentlichungsdatum: 7. September 2003


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