Chancen und Probleme von Masterstudiengängen an Hochschulen

von Heinz Kersting (Mai 2006)

Erstveröffentlicht in: Ferdinand Buer, Gertrud Siller (Hrsg): Die flexible Supervision. Herausforderungen - Konzepte - Perspekiven. Eine kritische Bestandsaufnahme. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2004: 203-216.

Der Beginn des Jahres 2004 brachte für die Geschichte der Supervision zwei wichtige Ereignisse, von denen das eine eher das Ende einer scheinbar "unendlichen Verbandsgeschichte" markiert, während das andere vermutlich bildungspolitisch für die kommenden Jahrzehnte von großer Bedeutung sein wird:

Erstens traten am 1. Januar 2004 die neuen Regelwerke der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) endgültig in Kraft. Diese umfassen die "Standards für die Ausbildung zur/m Supervisor/in und für die Übernahme der Tätigkeit als Lehrsupervisor/in", die "Aufnahmebedingungen in die DGSv für natürliche Personen und juristische Mitglieder", außerdem eine "Zertifizierungsordnung" für Ausbildungen (vgl. Deutsche Gesellschaft für Supervision 2003, 3f.).

Zweitens startete mit Beginn des Sommersemesters 2004 an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg, Hochschule für Soziale Arbeit, Diakonie und Religionspädagogik - University of Applied Sciences zum ersten Mal in Deutschland ein akkreditierter Masterstudiengang Supervision mit 120 Credit Points nach dem ECTS-Verfahren (vgl. Evangelische Fachhochschule Freiburg 2004). Akkreditiert wurde der Studiengang am 12. Februar 2004 von der Akkreditierungsagentur für Heilpädagogik, Gesundheit und Soziales (AHPGS) zunächst für die Dauer von 4,5 Jahren. In dem Verfahren wurde dem Studiengang bescheinigt, dass er SupervisorInnen wissenschaftlich ausbildet, die in der Lage sind, die Praxis der Supervision in der Arbeit mit Gruppen, Organisationen und Einzelnen zu verbinden mit Supervisionsforschung. Der Masterstudiengang Supervision eröffnet den AbsolventInnen mit dem Abschluss der SupervisorInnenausbildung die Möglichkeit, ein Promotionsstudium aufzunehmen. Das Gutachten der Akkreditierungsagentur bestätigte außerdem, dass der Studiengang für den höheren Dienst qualifiziert. Die SupervisorInnen-Ausbildung, die seit mehr als 20 Jahren an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg etabliert ist, wurde damit auf eine neue Grundlage gestellt. Das Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg hat inzwischen signalisiert, dass auf Grund des erfolgreichen Akkreditierungsverfahrens der staatlichen Genehmigung des Masterstudiengangs Supervision nichts mehr im Wege steht.1

Während das erste Ereignis einen 15 jährigen Prozess abschließt, eröffnet das zweite eine neue gesellschaftliche Entwicklung der wissenschaftlichen Ausbildung zur SupervisorIn. Die Mitgliederversammlung der DGSv im November 2003 in Heidelberg hatte das zweite Ereignis offensichtlich vorausschauend registriert, sah es aber als eine - so wortwörtlich -"Hochschulproblematik" an und beschloss lediglich der Vorlage der Zertifizierungsordnung hinzuzufügen: "Mit Hochschulen können Kooperationsverträge abgeschlossen werden. Die Ziffern B 1 bis B 9 dieser Zertifizierungsordnung werden hierbei analog angewandt" (Deutsche Gesellschaft für Supervision 2003, 4). Die Mitgliedschaft der DGSv hofft, vermutlich auf diese Weise ein Problem, das kaum ein Problem der Hochschulen ist, sondern höchstwahrscheinlich in Zukunft ihr eigenes werden könnte, gebannt zu haben.

1. Das Ende eines langen Prozesses in der Deutschen Gesellschaft für Supervision

Das erste Ereignis ist - wie gesagt - das Ende einer schier "unendlichen Geschichte".

Die Initiative zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) war Ende der 80er Jahre ausgegangen von VertreterInnen der so genannten Bundeszentralen Fortbildungsinstitute für Supervision, d. h. der Fortbildungsakademie des Deutschen Vereins für öffentlich und private Fürsorge in Frankfurt am Main, der Akademie für Jugendfragen in Münster, dem Burkhardhaus in Gelnhausen, einem Fortbildungsinstitut der EKD, der Diakonischen Akademie in Stuttgart, der Akademie Remscheid für musische Bildung, weiter dem Studienleiter des Diplomstudiengangs der Gesamthochschule/Universität Kassel und einiger VertreterInnen von privatwirtschaftlichen Instituten, z.B. dem Fortbildungsinstitut für Supervision in Münster, dem Institut für Humanistische Psychologie in Eschweiler und dem Institut für Beratung und Supervision in Aachen. Nach Verlegung der Akademie für Jugendfragen nach Altenberg bei Köln kamen noch VertreterInnen der neugegründeten Akademie Münster hinzu, an der sich die DozentInnen der Supervisionsausbildung der Akademie für Jugendfragen inzwischen gesammelt hatten. Aus dem Umkreis der Institute befanden sich unter den GründerInnen auch einige LehrsupervisorInnen der entsprechenden Ausbildungsstätten.

Hauptziel der Gründung war es, die vorhandenen Ausbildungsgänge zur Supervision zu standardisieren und selbsternannte SupervisorInnen ohne Ausbildung vom Markt zu vertreiben. Dazu sollte eine Gesellschaft gegründet werden, in der die AbsolventInnen von Mitgliedsinstituten, die nach den Standards der Gesellschaft ausbilden, persönliche Mitglieder werden konnten. Zur Gründung brachten die oben genannten Institute als Kapital die Vereinbarung über angeglichene Standards ein. Die Institute erklärten sich außerdem bereit, die Einhaltung der Standards durch die neuzugründende Gesellschaft überwachen zu lassen.

Die Gesellschaft wurde im Mai 1989 gegründet von Einzelpersonen, die zum größten Teil auch VertreterInnen von Ausbildungsinstitute waren. Diese Gesellschaft von zunächst nur natürlichen Mitgliedern nahm nach und nach die oben genannten Institute auf. Man kann also davon ausgehen, dass der Rechtskonstruktion nach die DGSv von Anfang an in der Mehrzahl eine Gesellschaft von natürlichen Mitgliedern war. Allerdings hatten die Ausbildungsinstitute ein großes Privileg, sie bestimmten indirekt, wer Mitglied in der Gesellschaft werden konnte. Selbstverständlich durfte die Gesellschaft die Standards der Ausbildungen überwachen und überprüfen, doch es war schwer für den Vorstand der DGSv, die Standards zu verändern, solange sich die VertreterInnen der Institute einig waren und es ihnen gelang, in den Mitgliederversammlungen, die allein das Recht zur Veränderung der Standards besaß, für ihre Ansichten die Mehrheit der Stimmen zu bekommen. So stellte sich auf die Dauer in der DGSv ein ambivalentes Machtgefüge her, das mehr als ein dutzend Jahre hielt. Auf der einen Seite agierte der Ausbildungsausschuss, in dem alle Institute geborene Mitglieder waren, in der Regel für den weitgehenden Erhalt der in den 1980er Jahren vereinbarten Standards, auf der anderen Seite stand der Vorstand, der aus den unterschiedlichsten Gründen die Standards ändern wollte, sei es weil er die Akkreditierung der LehrsupervisorInnen in eigener Regie zentral vornehmen, sei es, dass er eine zweiphasige Ausbildung einführen wollte. Über Jahre hin erhielt sich dieses Patt. Auch die Mitgliederversammlungen, in denen gewaltige Redeschlachten geführt wurden, hielten an dieser merkwürdigen ambivalenten Balance zwischen Instituten und Vorstand über Jahre hin fest.

Dabei wurde die DGSv nach Außen hin zu einem großen Erfolg. In wenigen Jahren war aus der Gründung der 46 Personen eine Gesellschaft von mehr als 3.400 natürlichen Mitliedern und über 30 Ausbildungsinstituten geworden. "DGSv" war bei den Kunden von Supervison ein anerkanntes Markenzeichen. Supervision wurde in der deutschen Gesellschaft über den sozialen Sektor hinaus bekannt und nachgefragt. Ein vielfältiges Schrifttum über Supervision entwickelte sich. Inzwischen gibt es vier Fachzeitschriften zur Supervison. Sie selbst wurde zum Gegenstand der Forschung. All das war und ist das große Verdienst der DGSv.

Im Nachhinein könnte man sagen, dass die Satzungsväter und -mütter es versäumt hatten, dieses Machtproblem in vereinsrechtlich geordnete Bahnen zu lenken. Zum Beispiel hätte man ein Zwei-Kammer-System (natürliche Mitglieder - juristische Mitglieder) installieren können, in dem keine Gruppe die andere zu dominieren vermochte. Doch keiner der GründerInnen ahnte voraus, dass es schon so bald in der Geschichte der DGSv zu diesem Antagonismus zwischen VertreterInnen des Vorstands und den VertreterInnen der Institute kommen würde.

Der Gegensatz zwischen den Kontrahenten bestand in ihren unterschiedlichen Interessen. Das Interesse der VertreterInnen der Institute war die Ausbildung (sei es, weil sie Mitglieder einer Institution waren, deren Bedeutung von erfolgreichen Ausbildungen abhing, sei es, weil sie privatwirtschaftlich als Unternehmer mit der Ausbildung Geld verdienen wollten). Das Interesse der Mitglieder des Vorstands entwickelte sich dagegen allmählich in eine bestimmte Richtung: Aus der DGSv, die 1989 als Fachverband für Supervision mit der zusätzlichen Kontrollaufgabe der Einhaltung von Ausbildungsstandards gegründet worden war, versuchten die Mitglieder des Vorstands einen Berufsverband zu machen. Die Professionalisierung der Supervison wurde proklamiert. Die VertreterInnen der Ausbildung interessierte diese Professionalisierung entweder nicht, denn ihre "Profession" war die Ausbildung von SupervisorInnen und weniger das Erteilen von Supervision, oder sie lehnten die Professionalisierung der Supervision sogar ab, da sie z.B. als PsychologInnen, PastoraltheologInnen, SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen, PädagogInnen ganz anderen Professionen angehörten und sich diesen gegenüber verpflichtet fühlten.

Im Jahr 2002 entschied sich die Mehrheit der natürlichen Mitglieder auf der Mitgliederversammlung und stimmte für eine Satzungsänderung des Vorstandes, die den Ausbildungsausschuss in seiner bisherigen Form und den Überprüfungsausschuss ganz auflöste und auf diese Weise die Institute ihrer bisherigen verbandsrechtlichen Einflussnahme auf die Gesellschaft beraubte. Inzwischen muss sich jedes zukünftige natürliche Mitglied persönlich bei der DGSv zertifizieren lassen. Hat das ausbildende Institut - sei es weiterhin juristisches Mitglied der DGSv oder nicht - die entsprechende Ausbildung vorher durch die DGSv zertifiziert, gestaltetet sich das Aufnahmeverfahren für das natürliche Mitglied zwar einfacher, grundsätzlich aber kann der Aufnahmeausschuss der DGSv jede Antragstellerin aus eigener Vollmacht heraus aufnehmen oder nicht.

Ein langer Prozess in der DGSv kam zu seinem Abschluss. Das Inkrafttreten der Regelwerke und der Zertifizierungsordnung am 1. Januar 2004 sind das schriftliche Dokument dafür. Die Gewichte verschoben sich jetzt eindeutig von einem Fachverband hin zu einem Berufsverband. Es verwundert daher nicht, dass nun ein Qulitätsentwicklungsverfahren von Supervision ins Zentrum des Interesses der Mitglieder gerückt werden soll (Lentze 2004, 22).

Allerdings scheint der Anspruch der DGSv inzwischen noch über den eines bloßen Berufsverbandes hinaus zu gehen. Ich beobachte in zunehmendem Maße - besonders in Äußerungen von Vorstandsmitgliedern der DGSv - eine Art Alleinvertretungsanspruch der DGSv für Supervision in Deutschland. Das würde mehr zu einer Berufskammer passen, in der nach dem Muster der Industrie- und Handelskammer sogar eine Pflichtmitgliedschaft aller deutschen SupervisorInnen angestrebt wird. Letzteres würde auch den nicht zu einem Berufsverband passenden Anspruch der DGSv verständlich machen, weiterhin die Standards für die Ausbildung von SupervisorInnen regeln zu wollen, sogar bis in den Hochschulbereich hinein, was in Deutschland in den Augen von autonomen Hochschulkörperschaften ein bisher unerhörtes Ansinnen darstellt. Hier könnten vielleicht von der DGSv neue Quellen für zukünftige Konflikte zum Sprudeln gebracht werden.

2. Supervisionsausbildungen an Hochschulen

Supervisionsstudiengänge an Hochschulen gibt es seit vielen Jahren. Vor Gründung der DGSv begann die Gesamthochschule/Universität Kassel mit einem postgradualen Studiengang mit dem Abschluss DiplomsupervisorIn. Bereits in den 1970er Jahren hatte die Katholische Fachhochschule NW unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h.c. Louis Lowy MSW von der School of Social Work der Boston University mehrmals zweijährige Zusatzausbildungen durchgeführt, die mit einem Diplom in Supervision abschlossen. Seit 20 Jahren bietet die Evangelische Fachhochschule Freiburg regelmäßig Ausbildungen an, in denen ein Zertifikat in Supervision erworben werden kann. Seit den 1990er Jahren führt die Evangelische Fachhochschule Hannover einen Aufbaustudiengang durch, der mit einem Diplom abschließt. Die Evangelische Fachhochschule Ludwigshafen, die Fachhochschule Frankfurt/M. das Institut des Rauen Hauses für Soziale Praxis und das Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung der Carl v. Ossietzky Universität Oldenburg bieten ebenfalls seit den 1990er Jahren Supervisionsausbildungen an, die mit einem Zertifikat abschließen. Seit Beginn dieses Jahrhunderts führt die Katholische Fachhochschule NW einen Masterstudiengang durch, der durch das Wissenschaftsministerium NRW 2001 vorläufig genehmigt wurde. Die vom Ministerium ausgesprochene Auflage, diesen Studiengang durch eine entsprechende Agentur akkreditieren zu lassen, wird zurzeit in Angriff genommen. Bis auf die Katholische Fachhochschule NW sind alle diese Institutionen auch Mitglieder der DGSv. Ihre Ausbildungen (auch die der Katholischen Fachhochschule NW) entsprechen den derzeit gültigen Standards der DGSv.

Innerhalb der deutschen Hochschullandschaft ist seit kurzem eine neue Situation durch die Möglichkeit entstanden, einen "großen" Master (d. h. mit 120 Credit Points ECTS) in Supervision anzubieten. 1990 hatten die europäischen BildungsministerInnen in der so genannten Bologna-Erklärung beschlossen, bis zum Jahre 2010 die Hochschulsysteme europaweit anzugleichen. In seltener Einmütigkeit haben die Kultur-, Schul- und Wissenschaftsminister in einer Kultusministerkonferenz im Jahr 2003 beschlossen, dass spätestens mit Beginn des Wintersemesters 2005/06 alle Studiengänge (ausgenommen denen für LehrerInnen, JuristInnen und MedinzinerInnen) nur noch als Bachelor- und Masterstudiengänge angeboten werden dürfen. Das heißt, alle Studiengänge sind in zwei Studienzyklen zu gliedern, in ein Bachelor- und in ein Masterniveau. Die Studieninhalte sind zu Modulen zusammenzufassen, wobei die StudentInnen diese Module an verschiedenen Hochschulen abrufen können, um ihre Mobilität zu steigern. Die Studienleistungen werden in Punkten gefasst, den so genannten Credits, häufig abgekürzt als ECTS = European Credit Transfer System (vgl. Klüsche 2003).

In Zukunft prüft nicht mehr das jeweilige Ministerium die Studiengänge. Alle Studiengänge müssen vor der endgültigen ministeriellen Genehmigung, die selbst wiederum nur auf Zeit hin ausgesprochen wird, durch ein Akkreditierungsverfahren, d.h. sie müssen von einer unabhängigen Kommission bestehend aus HochschullehrerInnen, PraktikerInnen und Studierenden begutachtet werden. Diese Prüfungen sollen auch für die vorläufig genehmigten Bachelor- und Masterstudiengänge bis zum Jahr 2010 abgeschlossen sein.

Diese politisch vorgegebenen und nicht aus dem deutschen Hochschulsystem selbst stammenden Reformvorschläge treffen nun aber auf eine verbreitete innerdeutsche Stimmung, die das hiesige Hochschulsystem als dringend reformbedürftig ansieht. Es vermengen sich also die europäischen Strukturvorgaben mit dem mehr oder minder ausgeprägten Veränderungswillen an den deutschen Hochschulen, wobei die Kultus- bzw. WissenschaftsministerInnen zur Zeit reformwilliger sind als die ProfessorInnen, vor allem diejenigen, die an Universitäten lehren. Das unterscheidet zum Beispiel die Tradition der amerikanischen Hochschulen, von denen diese neuen Studienformen übernommen wurden, eindeutig von der Tradition des deutschen Universitätswesens.

Für die Hochschulen des Fachhochschultyps sind diese inzwischen gesetzlich verankerten Reformen jedoch die große Chance, mit Hilfe der Einrichtung von Masterstudiengängen in Zukunft StudentInnen zu echten universitären Abschlüssen zu führen. Der einzige Unterschied zwischen Fachhochschulen und Universitäten ist dann in Zukunft nur noch das fehlende Promotionsrecht der Fachhochschulen. Allein schon aus diesem Grund machten viele Fachhochschulen bereitwilliger als die meisten Universitäten von der Möglichkeit Gebrauch, die Studiengangsreformen in die Tat umzusetzen. Eine Reihe dieser Fachhochschulen nannten sich inzwischen in Hochschulen um. Fast alle führen jetzt die englische Bezeichnung "University of Applied Sciences" im Untertitel. Es war ohnehin immer schon schwer genug, ausländischen KollegInnen klar zu machen, dass die deutschen Fachhochschulen zum Universitätssektor gehören und mehr sind als einfache Berufsschulen. So steht hoffentlich zu erwarten, dass dieser hochschulpolitische, deutsche Sonderweg der Unterscheidung in Fachhochschulen und Universitäten, der in der Welt - abgesehen von Österreich und der Schweiz - einmalig ist, auch in Deutschland bald der Vergangenheit angehören wird.

Die meisten Mitglieder der DGSv sind in ihrem Herkunftsberuf SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen. D. h., sie sind AbsolventInnen von Fachhochschulen. Im Unterschied zu den übrigen Fachhochschulstudiengängen gab es bisher für das Studium der Sozialen Arbeit keine echte universitäre Weiterführung. Das ändert sich nun. Für besonders interessierte und qualifizierte StudentInnen bietet sich in Zukunft nach dem Bachelorstudium und einigen Jahren der Berufstätigkeit an, in den zweiten Studienabschnitt einzutreten, die Masterebene. Ein Masterstudium dient entweder der wissenschaftlichen Vertiefung des Erststudiums, z.B. der Sozialarbeitswissenschaft, oder es wird ein das Erststudium ergänzender neuer Studieninhalt gewählt, z.B. ein Sozialmanagementstudium aufgenommen oder ein Spezialgebiet der Sozialen Arbeit vertieft wie Klinische Sozialarbeit, Schuldnerberatung, Familientherapie und -beratung, Sozialtherapie, Case Management, Schulsozialarbeit, Supervison, Mediation oder Altenhilfe. Oder man wechselt in ein ganz neues Fach, wie Pädagogik, Betriebswirtschaft oder Recht. Dieses Masterstudium, das in der Regel vier Semester umfassen wird, kann berufsbegleitend oder in Vollzeitform studiert werden. Der erfolgreiche Abschluss berechtigt grundsätzlich zur Promotion und eröffnet auch den MasterabsolventInnen der bisherigen Fachhochschulen den Zugang zum höheren Dienst oder zum Angestelltenverhältnis auf BAT 2 A-Niveau, was eine nicht unwichtige, neue berufsständische Perspektive bedeutet (vgl. Klüsche 2004). Gleichzeitig ist dieser Schritt im Rahmen der Akademisierung der Sozialen Arbeit mit einem deutlichen Zuwachs an Reputation und gesellschaftlicher Anerkennung verbunden (vgl. Kersting 2002, 103ff.).

Von den Akkredidierungsverfahren und den regelmäßig wiederkehrenden pflichtmäßigen Evaluationen der Studiengänge verspricht man sich auf die Dauer die Chance, einen Konsens herauszubilden, welche Standards für ein Bachelor- oder Masterstudium unverzichtbar sind. Damit könnte sich auch ein Bewusstsein herauskristallisieren, was das jeweilige Studium ausmacht. Vermutlich werden in Zukunft deutlicher die Fragen im Mittelpunkt stehen:

Fragen, mit denen sich in den USA alle Lehrenden an den Universitäten regelmäßig und ausgiebig beschäftigen.

Was heißt das nun für die Ausbildung in Supervision? Vermutlich werden die meisten hochschulischen Supervisionsausbildungen nach der Art der Evangelischen Fachhochschule in Freiburg eine Akkreditierung mit anschließender Genehmigung als Masterstudiengang anstreben. Da alle diese Studiengänge bisher nach den Standards der DGSv ausbilden, würden so die in vielen Jahren gesammelten didaktischen Erfahrungen in der Erwachsenenbildung universitär verankert werden. Das wäre für die universitäre Ausbildung ein großer Gewinn. Denn an nichts krankt das deutsche Universitäts- und Hochschulstudium im Vergleich z.B. zum angelsächsischen, skandinavischen und niederländischen als am Fehlen einer reflektierten, lernfördernden Didaktik. Da andererseits für das Masterstudium ein hohes Maß an wissenschaftlicher Forschungskompetenz gefordert wird, steht zu erwarten, dass die bisher noch recht bescheidene Landschaft der Supervisionsforschung zum Blühen gebracht wird. Allein die zu erwartenden vielen Masterthesen, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen müssen, werden dazu beitragen. Im Akkreditierungsverfahren in Freiburg wurde deutlich hervorgehoben, dass die SupervisorInnen wissenschaftlich ausgebildet und in die Lage versetzt werden sollen, die Praxis der Supervision in der Arbeit mit Gruppen, Organisationen und Einzelnen mit Supervisionsforschung zu verbinden.

Die Akkreditierungsagentur legte darüber hinaus gesteigerten Wert auf einen verhältnismäßig großen Lehrkörper. Sie verspricht sich davon eine besondere Qualität der Ausbildung. Darum machte sie zur Auflage, dass eine zweite Professur für Supervision neben der bereits bestehenden eingerichtet wird. Wenn das erfüllt worden ist, entspricht das Verhältnis von Lehrenden - zusammen mit den weiteren DozentInnen und LehrsupervisorInnen - zu StudentInnen tatsächlich dem, wie es an den Universitäten Harvard, Yale und Boston University üblich ist.

Am Beispiel des ersten akkreditierten Masterstudiengangs der Evangelischen Fachhochschule Freiburg und am Beispiel des voraussichtlich als nächsten akkreditierten Masterstudiengangs Supervision, der an der Katholischen Fachhochschule NW durchgeführt wird, lässt sich zeigen, dass es bei Studiengängen, die in der Tradition der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) stehen, eine glückliche Brücke zu den bisherigen Ausbildungstraditionen in der DGSv geben kann. In beiden vorgenannten Studiengängen ließen sich die Masterstudiengänge weitgehend mit den derzeitigen Standards der DGSv, was Voraussetzungen, Lehr- und Lernsupervisionen, Modularisierungen und Stundenkontingente betreffen, vereinbaren.

Ähnlich wie bei amerikanischen Universitäten kann die Evangelische Fachhochschule gemäß den in der Prüfungs- und Studienordnung verankerten "Allgemeinen Zulassungsvoraussetzungen", die den Richtlinien der DGSv für den Beginn einer Supervisionsausbildung entsprechen, selbst den Zugang zum Masterstudium regeln. Vergleichbares gilt für die vorläufige Masterstudienordnung der Katholischen Fachhochschule NW (vgl. Katholische Fachhochschule NW 2002, 4). Wie in der DGSv bisher üblich wird in einem persönlichen Bewerbergespräch Motivation und Qualifikation geprüft. Am Anfang des Studiums steht also ein Vertrag auf Gegenseitigkeit: Hochschule und StudentIn haben sich für einander entschieden. Das entspricht ebenfalls der Tradition amerikanischer Hochschulen und scheint dort eine wesentliche Voraussetzung für partnerschaftliches Miteinanderarbeiten und eine geringe Abbrecherquote zu sein (vgl. Wolff 2004, 38). Das alles ist für Ausbildungen in der Tradition der DGSv nichts Neues, würde aber, wenn es für alle Masterstudiengänge verpflichtend gemacht würde, im deutschen Hochschulwesen eine echte Innovation darstellen.

Einzig bei der von der Europäischen Union geforderten Durchlässigkeit der Module, d.h. die StudentIn kann jedes Modul in jedem beliebigen Studiengang an jeder Hochschule der Europäischen Union absolvieren, gibt es eine Differenz zwischen der Studien- und Prüfungsordnung der Evangelischen Fachhochschule Freiburg zu den Standards der DGSv. Ob aber diese Freizügigkeit des Studierens tatsächlich sehr oft von StudentInnen im Masterstudiengang Supervision in Anspruch genommen wird, bleibt erst noch abzuwarten.

Bei beiden Masterstudiengängen ist es ein Glückfall für die DGSv, dass die Studienleiter zu den Gründungsmitgliedern der DGSv gehören, also mit den Zielen der DGSv seit deren Bestehen vertraut und identifiziert sind. Prof. Dr. Klaus Schneider, Studienleiter in Freiburg, war Mitglied des ersten Vorstandes der DGSv und danach mehrere Jahre lang Mitglied der Überprüfungskommission der DGSv. So nimmt es nicht Wunder, dass in § 5 unter den "Allgemeinen Zulassungsvoraussetzungen" in der Studien- und Prüfungsordnung des Masterstudienganges Supervison der Evangelischen Fachhochschule Freiburg die Deutsche Gesellschaft für Supervision e.V. (DGSv) ausdrücklich erwähnt wird. Auf Veranlassung von Prof. Dr. Schneider wurde von der Akkreditierungsagentur AHPGS der Geschäftsführer der DGSv als Vertreter der Praxis in die Gutachterkommission berufen.

Prof. Dr. Lothar Krapohl war, bevor er Mitglied der Studienleitung des Masterstudienganges an der Katholischen Fachhochschule NW wurde, mehr als 12 Jahre lang Ausbildungsleiter der Supervisionsausbildung am Institut für Beratung und Supervision in Aachen und ist Mitherausgeber der Zeitschrift Supervision. Der Rektor der Katholischen Fachhochschule, Prof. Dr. Peter Berker, der den Studiengang initiierte, gehört ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern der DGSv. Als günstig empfinde ich es auch, dass von der Katholischen Fachhochschule NW eine andere Akkreditierungsagentur beauftragte wurde als die, die die Evangelische Fachhochschule Freiburg gewählt hatte. So werden die bewährten Traditionen der DGSv verbreitet. In der Regel sind nämlich die ersten Akkreditierungen prägend und stilbildend. Aus langer Hochschulerfahrung weiß ich, dass erfolgreich genehmigte Studien- und Prüfungsordnungen unter einander gerne abgeschrieben werden.

Die DGSv kann nur über diese Wege, die gepflastert sind mit dem guten Willen der entsprechenden HochschullehrerInnen, auf den Prozess der Akademisierung der Supervision - mehr indirekt - Einfluss nehmen. Ich vermute, dass es zu brauchbaren Kooperationen kommen wird. Ob es dazu "Kooperationsverträge" (s.o.) bedarf, bezweifele ich. Regelungen mit Hochschulen lassen sich nur dort treffen, wo man vorher die durch die neuen Hochschulgesetze seitens der Politik noch einmal ausdrücklich gewollte und gestärkte Autonomie der Hochschulen bedingungslos anerkennt. Zurzeit ist das Verhältnis zwischen der DGSv und den Hochschulen, die SupervisorInnen ausbilden, auf Grund der gemeinsamen Tradition und Verbandsgeschichte von gegenseitigem Wohlwollen getragen. Das kann sich aber leicht ändern, wenn Hochschulen, die nicht vertraut sind mit diesen Traditionen, beschließen sollten, Masterstudiengänge für Supervision einzurichten. Das gilt vor allem für die von der DGSv verlangten, meiner Meinung nach äußerst sinnvollen Anforderungen an langfristige Weiterbildungen, fünfjähriger Berufserfahrung und 30 Sitzungen Supervision in den letzten fünf Jahren nach dem Bachelorstudium vor Beginn des Masterstudiums.

Sicher werden wie bisher zunächst DozentInnen aus den Fachbereichen Sozialwesen und Pädagogik aktiv werden, einen Masterstudiengang in Supervision an ihrer Hochschule zu etablieren. Ich bin aber davon überzeugt, dass bald schon z.B. PsychologInnen, SoziologInnen, VertreterInnen von Pflegeberufen, AndragogInnen, TheologInnen, KommunikationswissenschaftlerInnen, GermanistInnen und WirtschaftswissenschaftlerInnen sich für die Errichtung von Masterstudiengängen Supervision interessieren werden. Ich bin gespannt, wann der erste Masterstudiengang in Coaching akkreditiert wird, und welchen Einfluss die DGSv darauf noch zu nehmen vermag.

In letzter Zeit bin ich manchmal gefragt worden, ob die allzu enge akademische Anbindung der Supervisionsstudiengänge an Fachbereiche Sozialwesen nicht ein Rückschritt sein könnte für die Professionalisierung der Supervision, der es - wenn auch nur mühsam - endlich gelungen sei, sich von der Sozialarbeit zu emanzipieren. Abgesehen von meiner Vermutung, dass sehr bald auch andere Disziplinen nach Masterstudiengängen in Supervison und/oder Coaching greifen werden, bin ich davon überzeugt, dass gerade die allgemeine Einführung von Bachelor- und Masterstudiengänge die strengen Grenzen von Fächern und Berufsidentitäten weitgehend auflösen werden (vgl. in weiterem Zusammenhang auch Lyotard 1986, 116). Wie in den USA kann auch in der Europäischen Union nach bestandenem Bachelorstudium jedes x-beliebige Masterstudium studiert werden. Die Fachbereichsgrenzen werden sich ohnehin für die Masterstudiengänge in den nächsten Jahren auflösen. Das im Frühjahr 2004 verabschiedete nordrhein-westfälische Hochschulgesetz sieht bereits jetzt schon vor, dass sich DozentInnen aus unterschiedlichen Studienrichtungen und Fachbereichen zu Gruppen zusammenschließen können, um neue Masterstudiengänge zu entwickeln.

3. Was wird mit den nichthochschulischen Ausbildungen in Supervision geschehen?

Die nichthochschulischen Ausbildungen stellen zurzeit noch die Mehrzahl der Supervisionsausbildungen in der DGSv dar. Werden sie verschwinden? Ich bin kein Prophet und als Direktor eines Instituts, das eine nichthochschulische Supervisionsausbildung durchführt, selbst ein Betroffener. Zunächst wird sich vermutlich kaum etwas ändern. Die Hochschulen sind in den nächsten Jahren mit der Einführung und Akkreditierung von Bachelorstudiengängen vollauf beschäftigt.

Sicherlich werden die meisten derzeit schon an Hochschulen bestehenden Studiengänge Supervision wie die der Evangelischen Fachhochschule Freiburg und der Katholischen Fachhochschule NW eine Akkreditierung als Masterstudiengänge anstreben. Vermutlich wird die Möglichkeit des Erwerbs eines Mastertitels (mit den gesellschaftlichen Folgen: voller akademischer Abschluss, Promotionsberechtigung, Zugang zum höheren Dienst) einen gewissen Marktvorteil für die ausbildende Hochschule gegenüber den nichthochschulischen Ausbildungen darstellen. Ob der Mastertitel aber auf dem Supervisionsmarkt für die AbsolventInnen Marktvorteile bringen wird, muss sich erst noch erweisen. Die bisherigen DiplomsupervisorInnen von der Universität Kassel oder den entsprechenden Fachhochschulen konnten einen solchen bisher nicht für sich verbuchen.

Bis sich weitere Masterstudiengänge Supervision über die bereits existierenden Hochschulausbildungen hinaus etabliert haben, wird vermutlich noch eine gewisse Zeit ins Land gegangen sein. Allerdings scheint mir das Jahr 2010 ein wichtiges Datum zu sein. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen alle deutschen Studiengänge akkreditiert sein. D. h. danach bekommen die Hochschulen wieder Freiräume, um neue Studiengänge zu entwerfen. Falls sich dann immer noch mit Supervisionsausbildungen Geld verdienen lässt, werden weitere Hochschulen das mit dem Angebot einer Masterausbildung in Supervision versuchen, da in Zukunft der Staat die Hochschulen nicht mehr so freigebig wie zurzeit noch alimentieren wird. Allerdings sind Akkredidierungsverfahren aufwendig und kostspielig, was möglicherweise Hochschulen abschrecken mag.

Was sich vielleicht noch nicht überall herumgesprochen hat, ist die Tatsache, dass die Europäische Union und im Gefolge davon der deutsche Akkreditierungsrat den nichthochschulischen Ausbildungen im Konzert der Reform der Studiengänge eine eigene Chance eingeräumt hat. Es besteht die Möglichkeit der Kooperation zwischen einer Hochschule und einem nichthochschulischen Ausbildungsinstitut zur Durchführung von Hochschulstudiengängen. Bisher habe ich allerdings noch von keinem erfolgreichen, deutschen Modell gehört. Die vom Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge versuchte Kooperation mit einer Fachhochschule in NRW ist trotz bereits ministeriell vorläufig genehmigtem Masterstudiengang Supervision bisher nicht zustande gekommen.

Das Institut für Beratung und Supervision (IBS) in Aachen hat im Jahr 2003 dem Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein, an der ich bis zum Jahr 2000 hauptamtlich als Professor gelehrt habe, ein Kooperationsangebot für einen gemeinsamen Masterstudiengang in Supervision unterbreitet. Vorläufig können meine ehemaligen KollegInnen sich darauf noch nicht einlassen. Dafür habe ich Verständnis, da sie zurzeit damit beschäftigt sind, erst einmal ein Curriculum für einen Bachelorstudiengang in Sozialer Arbeit zu erstellen. Danach steht die Akkreditierung der erfolgreichen und bereits vorläufig genehmigten Bachelor- und Masterstudiengängen in Kulturpädagogik an. Zur gleichen Zeit muss außerdem noch die Umwandlung des seit mehreren Jahren bestehenden Aufbaustudiengangs Sozialmanagement mit dem derzeitigen Abschluss eines Diploms als SozialwirtIn zu einem Masterstudiengang in Sozialmanagement gemeistert werden.

Ich habe jedoch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das IBS irgendwann einmal für eine Masterausbildung in Supervision KooperationspartnerInnen in einer europäischen Hochschule finden wird.2 Ich selbst bin seit über dreißig Jahren Hochschullehrer und von daher der Meinung, dass die Ausbildung zur SupervisorIn wissenschafts- und praxisorientiert an Hochschulen oder in Kooperation mit einer Hochschule in der Form eines Masterstudiengangs erfolgen sollte. Nur so, davon bin ich überzeugt, wird die Ausbildung zur SupervisorIn auf Dauer hin die meiste gesellschaftliche Reputation an sich ziehen und zur Weiterentwicklung der Wissenschaft und Forschung im Feld der Supervision beitragen können. Gesellschaftlich ließe sich auf diese Weise auch eine Profession Supervision leichter Begründen. Ich vermute, dass, selbst wenn es in zehn Jahren noch hier und da einige nichthochschulische Ausbildungen in Supervision geben wird, diese gesellschaftlich und bildungspolitisch nur noch eine marginale Bedeutung haben werden.

Meine bisherigen Lebenserfahrungen als Sozialarbeiter, Hochschullehrer und als Direktor eines privatwirtschaftlichen Weiterbildungsinstitut lehren mich jedoch, dass eine Kooperation zwischen einer nichthochschulischen Organisation und einer Hochschule nur dann von Erfolg gekrönt sein wird, wenn sich innerhalb des Systems Hochschule wenigstens ein Mitglied mit hohem Status findet, das sich mit der Kooperation identifiziert und sie zu seiner Sache macht. Die Traditionen der ursprünglich einmal humboldtschen Universität sind mit Beschlüssen der Europäischen Union in Bologna bzw. der deutschen Kultusministerkonferenz, mit Begutachtungen durch Akkreditierungsagenturen für Bachelor- und Masterstudiengängen und selbst mit neuen Hochschulgesetzen so schnell und ohne weiteres kaum zu verändern.

4. Eine mögliche Folgeerscheinung für die Deutsche Gesellschaft für Supervision

Möglicherweise wird sich in absehbarer Zeit für die Deutsche Gesellschaft für Supervision (DGSv) ein ganz anderes Problem ergeben, das allerdings mit den Veränderungen im Hochschulbereich einhergeht. Meine Hypothese ist, dass die Erfolgsgeschichte der DGSv vor allem darauf zurückzuführen ist, dass ihre Mitglieder zum größten Teil aus der Sozialen Arbeit kommen. Eine Tatsache, die mit Hilfe der Kreierung einer neuen Profession "SupervisorIn" weitgehend unsichtbar gemacht werden konnte. Viele KollegInnen, die im Grundberuf SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen waren, verschweigen (schamhaft?), wenn sie einmal SupervisorInnen DGSv geworden sind, ihre Herkunft aus der Sozialen Arbeit. Für SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen gab es nämlich bis zur Gründung der DGSv so gut wie keine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs bzw. Ausstiegs aus der Sozialen Arbeit, deren Reputation bisher in Deutschland nicht besonders hoch ist. Mit der Bezeichnung SupervisorIn DGSv konnte man/frau sich eine neue - gesellschaftlich angesehenere Profession zulegen. Selbst, wenn man nur nebenberuflich einige Supervisionsprozesse durchführen konnte oder gar keine Supervisionen erteilte, war der Zusatz DGSv - zumindest für das eigene Selbstwertgefühl - sein Geld wert.

In Zukunft stehen den SozialarbeiterInnen durch die unterschiedlichen Masterabschlüsse echte, gesellschaftlich legitimierte Aufstiegsmöglichkeiten zur Verfügung. Die DGSv sollte sich darum bemühen, die MasterabsolventInnen in Supervision als Mitglieder für den Berufsverband der SupervisorInnen zu gewinnen. Allerdings werden diese Mitglieder vermutlich genauer hinsehen, was ihnen die Mitgliedschaft in der DGSv bringen wird, denn allein das Kürzel DGSv hinter der Bezeichnung SupervisorIn wird einem Master in Supervision wohl kaum genügen.


Literaturverzeichnis

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Evangelische Fachhochschule Freiburg (2004): Studien- und Prüfungsordnung der Evangelischen Fachhochschule Freiburg - Hochschule für Soziale Arbeit, Diakonie und Religionspädagogik - staatlich anerkannte Fachhochschule der Evangelischen Landeskirche Baden für den Masterstudiengang Supervision. In: Homepage der Evangelischen Fachhochschule Freiburg, www.efh-freiburg.de.

Katholische Fachhochschule NW (2002): Masterprüfung für den Weiterbildungsstudiengang an der Katholischen Fachhochschule Nordreihn-Westfalen (KFH NW). Vom 02. Juli 2001. In der Fassung vom 8. Juli 2002. In: Homepage der Katholischen Fachhochschule NW, www.kfhnw.de/muenster/fortbildung.

Kersting, Heinz J. (2002): Heinz J. Kersting * 31.5.1937. In: Heitkamp, Hermann, Plewa, Alfred (Hg.): Soziale Arbeit in Selbstzeugnissen 2., Freiburg im Br., 81-146.

Klüsche, Wilhelm (Hg.) (2003): Modularisierung in Studiengängen der Sozialen Arbeit. In: Schriften des Fachbereichs Sozialwesen der Hochschule Niederrhein, Band 36, Mönchengladbach.

Klüsche, Wilhelm (2004): Quo vadis Soziale Arbeit? Von Bachelor, Master, Modularisierung, Credits und anderen revolutionären Ideen. In: Online-Journal für systemisches Denken und Handeln: "Das gepfefferte Ferkel" (Januar 2004), ibs-networld.de.

Lentze, Annette (2004): Modellverfahren "Qualitätsentwicklung von Supervision". In: DGSv aktuell 1, 22 und Beilage.

Lyotard, Jean-Francois (1986): Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Graz, Wien, 116.

Wolff, Christoph (2004): Freiheit für die Universität. In den Vereinigten Staaten hat es nie eine staatliche Hochschulreform gegeben, die Universitäten verdanken ihre Qualität allein dem Wettbewerb. In DIE ZEIT Nr. 17 (15. April 2004), 38.


Fußnoten

1 Inzwischen hat im Sommersemester 2005 der erste Masterstudiengang an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg begonnen (Nachtrag Mai 2005).

2 Inzwischen hat die Evangelische Fachhochschule Freiburg dem Institut für Beratung und Supervision eine solche Kooperation angeboten. Sie wurde im Oktober 2004 beschlossen und Ende November von der Badischen Landeskirche genehmigt. Der 1. Studiengang der Evangelischen Fachhochschule Freiburg in Kooperation mit dem Institut für Beratung und Supervision Aachen beginnt im Wintersemester 2005. Studiengangsleiter am Studienort Aachen ist Prof. Dr. Heinz J. Kersting. Die Systemische Gesellschaft, Deutscher Verband für systemische Forschung, Therapie, Supervision und Beratung (SG), in der das Institut für Beratung und Supervision Mitglied ist, hat in ihrer Mitgliederversammlung im April in Halle diese Kooperation zwischen IBS-Aachen und EFH-Freiburg begrüßt und sie zum Modell für ähnliche Kooperationen zwischen Hochschulen und Mitgliedsinstituten der SG erklärt. (Nachtrag Mai 2005)


Autor

Dr. päd. Heinz J. Kersting

  • geb. 1937,

  • Prof. Emeritus der Hochschule Niederrhein,

  • Bacc. theol.,

  • Dipl.-Supervisor (FH),

  • Supervisor (DGSv, SG),

  • Lehrender Supervisor SG,

  • Balintgruppenleiter,

  • Groupworker AASWG,

  • Wissenschaftlicher Direktor des Instituts
    für Beratung und Supervision und des Louis-Lowy-Instituts
    in Aachen,

  • Gründungsvorsitzender der DGSv,

  • Ehrenmitglied der Spanischen Gesellschaft für
    Supervision (ISPA) und der Deutschen Gesellschaft
    für Supervision (DGSv),

  • Träger des International Group Work Award 2003
    der Association for the Advancement of Social
    Work with Groups (AASWG),

  • Forschungs- und Publikationsschwerpunkte:
    Systemische Supervision und Organisationsberatung,
    internationale Sozialarbeit.


Veröffentlichungsdatum: Mai 2006


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