Intervention, Spiel und Zufall

Das JANUS-Spiel, eine Interventionstechnik der systemischen Organisationsberatung

von Heinz Kersting und Hans-Christoph Vogel (Februar 2002)


Bei dem JANUS-Spiel handelt es sich um eine Interventionstechnik für Berater, Trainer Dozenten und Weiterbildner in Organisationsentwicklungsprozessen. Es lässt sich vorzugsweise in Anfangs- und Analysephasen von Beratungsprozessen einsetzten. Entwickelt wurde es von der Beratergruppe "JANUS", systemische Organisationsberatung.

Es ermöglicht den an dem Spiel beteiligten, den Spielern und dem Berater ihre Einschätzung (Sichtweise) über die Organisation auf eine andere Art und Weise wahrzunehmen und diese den Mitspielenden mitzuteilen. Die Rolle des Beraters liegt formal in der Spieleinführung und in der Moderation. Er setzt bereits durch die Auswahl der Fragen eine Intervention. Die Betrachtung des Spielgeschehens, also das Wie, wie wird gespielt, welche Unterscheidungen treffen die Spieler, bietet die Möglichkeit der Informationsgewinnung über das zu beratende (Organisations-)-system.

Bei erster Betrachtung handelt es sich um eine Kombination aus einem Brett- und einem Würfelspiel. Es beinhaltet sowohl strategische Spielzüge als auch das Prinzip des Zufalls. Ziel ist es, während des Spielverlaufs möglichst viele Punkte zu erreichen. Der Spieler mit dem höchsten Punktestand bei Beendigung des Spiels hat gewonnen. Dieses Spiel beinhaltet neben diesen Komponenten weitere vielfältige Bedeutungsebenen.

Durch den Spielcharakter bietet es die Möglichkeit des neuen zusätzlichen Raumes, in den Entwicklungen geschehen können. Diese Offenheit lässt zu, dass die "Wirklichkeiten" der Beteiligten, mit denen nicht zu spaßen ist, auf eine andere als bislang vertraute Art gesehen werden.

Der Spieler bestimmt durch seine Spielzüge die Spielrichtung. Anhand einer Fahrkarte, die jeder Spieler zu Beginn des Spieles erhält, verfügt er über ein bestimmtes Repertoire an Spielzügen. Durch das Setzen der Spielfigur auf dem Spielbrett bestimmt der Spieler den Themenkontext, aus dem er eine Frage oder Aufgabe erhält. Insgesamt gibt es sechs Themenbereiche, z.b. Fragen zur Zusammenarbeit, zur Zukunft und zu den Innovationen, zur Kultur, Normen der Organisation. Die Fragen sind so konzipiert, dass sie unterschiedliche Arten des kommunikativen Ausdruckes ermöglichen. Dies geschieht z.b. in Form von analoger Intervention, etwa in dem Erzählen von (betriebs-) Geschichten, Einsatz der Technik des zweiten Futurs und des zirkulären Fragens.

Die Auswahl des Themenbereiches durch den Spielenden, bei der Reihenfolge der Themen, das "Umgehen" von speziellen Spielfeldern, die Art und Weise der Beantwortung der Fragen und die Reaktion der Mitspielenden bietet die Möglichkeit der Informationsgewinnung für jeden Beteiligten. Über die Brauchbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse entscheidet jeder für sich.

Das JANUS-Spiel wird in einem stabilen, gepolsterten Alu-Koffer, bestehend aus einem Spielbrett aus Holz, Spielfiguren, Steuerungs- und Aktionsfeldern, mehr als 150 Frage- und Aktionskarten und einer Spielanleitung geliefert. Für zwei bis 6 Personen(-gruppen), Gewicht ca. 4 kg. Das Spiel kostet 250,00 EUR plus Versandkosten. Die Bestellung des JANUS-Spiels oder den Erhalt einer ausführlichen Spielbeschreibung (6,50 EUR incl. Versandkosten) ist unter sob-janus@freenet.de möglich.


Das JANUS-Spiel verdankt seine Entstehung einem Spiel im Rahmen einer Ausbildung zum/r OrganisationsentwicklerIn bzw. -beraterIn. Aus dem Spiel wurde Ernst. Doch anders als so manches "Spiel" wahrt es seinen Spielcharakter, indem es offen bleibt für Spielzüge, Spielvarianten, und Assoziationen zu ernsten Hintergründen der Spieler.

Spiel und Ernst stehen für eine Differenz, einen Widerspruch, der soziale Systeme in Bewegung bringt. Der stetige Ernst dagegen, bedeutet das Ende der Entwicklung.

OrganisationsberaterInnen kennen die "Spiele der Erwachsenen", das Informale im formalen Geschehen. Sie wissen nur zu gut, dass es einen Teil der Wirklichkeit der Organisation ausmacht und doch auf seinen Platz verwiesen wird, wenn es aus dem Hintergrund verschmitzt lächelt oder vielsagend zu erkennen gibt, dass die Rechnung nicht ohne den Wirt gemacht wird.

Das vorliegende Spiel kennt als Spiel beides, die strenge Logik der systemtheoretischen Prämissen wie, das Spielerische des Würfelns und der Entscheidung über Spielzüge. Es spielt mit der Zeit (der Sicht aus der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft bzw. der verschiedenen Zeitintervalle), der Kausalität (der Vielfalt und vielfachen Verknüpftheit von Ursachen und Hintergründen), der Perspektivität (den Möglichkeiten anderer Perspektiven) ebenso wie mit dem Brückenschlag zur Wirklichkeit hinter dem Spiel, insbesondere dann, wenn die Spieler "im Ernst", also beruflich miteinander verbunden sind.

Mit anderen Worten: Das Spiel lässt die Wirklichkeit näher an die Spielenden heran, indem es den Ernst auf leichte Weise hereinholt, indem es den Ernst als einen selbst gemachten Ernst erscheinen lässt, der immer anders ausfallen kann als die eine Wirklichkeit, die die Beteiligten als die eine, wahre Wirklichkeit ansehen.

Das vorliegende Spiel macht Ernst mit der Perspektive der Janushaftigkeit sozialen Lebens, vor allem des Lebens in Organisationen - und dies auf leichte Art und Weise.

Wir empfehlen dieses Spiel vor allem Mitarbeitern in Organisationen, die über sich anderes erfahren wollen, als sie immer schon wussten. Wir empfehlen es Weiterbildnern, Dozenten, und Beratern, die den "Ernst" konstruktivistischen bzw. systemischen Denkens auf leichte, spielerische Weise vermitteln wollen.


Autoren:

Dr. päd. Heinz J. Kersting

  • geb. 1937,

  • Studiengangsleiter des Masterstudiengangs

    Supervision der Evangelischen Fachhochschule

    Freiburg am Institut für Beratung und

    Supervision Aachen,

  • Prof. Emeritus der Hochschule Niederrhein,

  • Bacc. theol.,

  • Dipl.-Supervisor (FH),

  • Supervisor (DGSv, SG),

  • Lehrender Supervisor SG,

  • Balintgruppenleiter,

  • Groupworker AASWG,

  • Wissenschaftlicher Direktor des Instituts

    für Beratung und Supervision und des Louis-Lowy-Instituts

    in Aachen,

  • Gründungsvorsitzender der DGSv,

  • Ehrenmitglied der Spanischen Gesellschaft für

    Supervision (ISPA) und der Deutschen Gesellschaft

    für Supervision (DGSv),

  • Träger des International Group Work Award 2003

    der Association for the Advancement of Social

    Work with Groups (AASWG),

  • Forschungs- und Publikationsschwerpunkte:

    Systemische Supervision und Organisationsberatung,

    internationale Sozialarbeit.

Prof. Dr. Hans-Christoph Vogel

  • Professor für Organisations- und Institutionslehre, Planungs- und Entscheidungslehre am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein

eMail: christoph.vogel@hs-niederrhein.de


Veröffentlichungsdatum: 18. Februar 2002


©   IBS - Institut für Beratung und Supervision - Aachen