Die 'Klientifizierung' des Privaten

Ein Beitrag zur Soziologie der Sozialen Arbeit

von Heiko Kleve (Mai 2002)

Einleitung: Soziale Arbeit als Wachstumsbranche

In meiner Tätigkeit als Sozialarbeiter höre ich von langjährig berufserfahrenen, in der systemischen Einzel-, Paar- und Familientherapie tätigen Arbeitskollegen nicht selten die Feststellungen, dass die Altersspanne ihrer Klienten immer größer wird, sich zugleich die Problemlagen differenzieren und pluralisieren und die Problemzeiten, nach denen professionelle Hilfen gesucht wird, immer kürzer werden. Obwohl diese Beobachtungen in einem ganz bestimmten Bereich psycho-sozialer Arbeit [1], in einigen wenigen eher therapeutisch und beraterisch orientierten Einrichtungen gemacht und nicht mittels wissenschaftlicher Methoden der empirischen Sozialforschung aufbereitet wurden [2], dienen sie als Basis für das erkenntnisleitende Interesse der folgenden Ausführungen.

Wenn es also stimmt, dass eine – jedenfalls in ihrer altersmäßigen Zusammensetzung – zunehmend heterogenere Gruppe von Menschen zur Klientel von öffentlich organisierter psycho-sozialer Hilfe wird und die Problemlagen, die ihrem Hilfeersuchen vorausgehen, immer unterschiedlicher werden, dann kann man sich fragen, welche Effekte diese Entwicklung auf Seiten der helfenden Einrichtungen mit sich bringen. Besonders bei der Vermutung, von der hier ausgegangen werden soll, dass die erwähnten Beobachtungen auf den gesamten öffentlichen Bereich psycho-sozialer Hilfe übertragbar sind, ist es interessant zu betrachten, welche Veränderungen im Hilfesektor konstatiert werden können. In diesem Sektor lassen sich nämlich (besonders seit den letzten dreißig Jahren) in dreierlei Hinsicht quantitative und qualitative Expansionsprozesse feststellen: erstens hinsichtlich der Anzahl der Beschäftigten; zweitens hinsichtlich der Angebots- und Interventionsformen sowie drittens hinsichtlich der Trägerstrukturen (vgl. Merten/Olk 1996, S. 592 ff.).

Die Beschäftigtenanzahl im Bereich der Sozialberufe erhöhte sich von 1925 bis 1990 von 30.000 auf 500.000. Während 1950 67.000 Menschen in der psycho-sozialen Arbeit tätig waren, sind es 1970 bereits 155.000. Auffällig ist, dass der Hauptanteil des Zuwachses (etwa zwei Drittel aller heutigen Stellen) in die Zeit nach 1970 fällt (vgl. ebd., S. 593). Thomas Rauschenbach (1994, S. 97) bringt diese Entwicklung auf den Punkt, wenn er schreibt, dass "immer mehr Menschen (Erwerbstätige) [...] von Berufs wegen für immer mehr Menschen (Nutzer und Adressaten) an der öffentlich inszenierten Organisation des Sozialen beteiligt [sind]".

Die Expansion der Angebots- und Interventionsformen wird speziell bei der Betrachtung der unterschiedlichen Ausbildungsformen und Qualifikationen sichtbar, die sich im Bereich psycho-sozialer Arbeit herausdifferenziert haben (vgl. Merten/Olk 1996, S. 595 ff.). Während von Alice Salomon 1908 in Berlin einer der ersten sozialen Frauenschulen zur Ausbildung von Sozialfürsorgerinnen gegründet wurde und im Verlaufe der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts weitere Fachschulen für Soziale Arbeit entstanden, ist die Ausbildung zum sozialen Beruf nach dem Zweiten Weltkrieg akademisch, d.h. fachhochschulisch und universitär institutionalisiert worden. Darüber hinaus etablierten sich bis heute viele weitere Möglichkeiten, professionelle und differenzierte helfende (Zusatz-)Qualifikationen zu erwerben. So scheint es, wie Thomas Olk und Roland Merten (ebd., S. 596) meinen, "die implizite Vorstellung" zu geben, "daß je spezielle Problemgruppen beziehungsweise Problemarten einer besonderen Profession des Helfens bedürfen".

Auch aufgrund des Subsidiaritätsprinzips, das die Nachrangigkeit von staatlich-institutionalisierten gegenüber privat realisierbaren und von freien Trägern durchführbaren Hilfen regeln sowie eine größtmögliche Nähe des Angebots zu der betreffenden Klientel gewährleisten soll, hat sich ein "Nebeneinander unterschiedlichster Träger mit unterschiedlichen Interessen, Arbeits- und Angebotsstrukturen" (ebd., S. 597) heraus gebildet. Im Bereich der Jugendhilfe bieten somit neben dem Jugendamt, das auf der rechtlichen Grundlage des KJHG die Hilfen koordiniert und in der Regel finanziert, vor allem die freien Wohlfahrts- und die Jugendverbände die unterschiedlichsten Hilfen an. Darüber hinaus haben sich im Zusammenhang mit der Bürokratiekritik der 1960er Jahre vorwiegend im Bereich der Jugendhilfe oder der Psychiatrie alternative Projekte und Vereine gegründet, die etwa in Form von Kinderläden oder sogenannten niedrigschwelligen gemeindepsychiatrischen Einrichtungen basisdemokratische oder bürgernähere Strukturen als die traditionellen Träger etablieren konnten.

Während diese dreifache Expansion der öffentlichen psycho-sozialen Hilfe insbesondere seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts nicht mehr übersehen werden kann, lässt sich der Beginn der Herausbildung professioneller sozialer Hilfe um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert markieren, die zugleich als jener Zeitpunkt erscheint, an welchem sich die Moderne durchsetzte (vgl. Merten/Olk 1996, S. 583; Kleve 1999; 2000) [3]. Mit Hans Thiersch (1992) ließe sich daher auch davon sprechen, dass wir mit der Jahrhundertwende in das "soziapädagogische Jahrhundert" eingetreten sind (vgl. auch Rauschenbach 1999). Sozialarbeit/Sozialpädagogik und therapeutische Hilfe sind sozusagen von einem abweichenden Verhalten, das abweichendes Verhalten bearbeitet, zu einem normalen sozialen Phänomen geworden (vgl. Merten/Olk 1996, S. 600). Mit anderen Worten, Soziale Arbeit wandelt sich vom Krisenangebot für Gefährdete in Notlagen zu einem Standardangebot in Normalbiographien, das von reaktiven zu präventiven Hilfeformen übergeht (vgl. ausführlich dazu Rauschenbach 1992; 1994).

Aber: Warum ist das so? Welche gesellschaftlichen Kontexte bedingen diese Entwicklung? Diesen Fragen möchte ich in der vorliegenden Arbeit anhand der folgenden These nachgehen: Die gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse führen einerseits zum Erodieren der privaten Kompetenzen, psycho-soziale Probleme zu lösen und andererseits – gewissermaßen als Kompensation dazu – zur Zunahme professioneller Hilfeeinrichtungen im öffentlichen Raum. So kommt es zu einer Verlagerung psycho-sozialer Problemlösungen vom privaten in den öffentlich-professionellen Bereich, was mit bestimmten Organisations-, Kommunikations- und Interaktionsmustern der Hilfe einhergeht und damit wiederum auf die private Sphäre zurückwirkt.

Um meine These zu begründen, sollen die weiteren Ausführungen durch drei Fragen fokussiert werden: Erstens: Wie kann das quantitative und qualitative Wachstum und die zunehmende Inanspruchnahme von öffentlich-professionalisierten psycho-sozialen Hilfeeinrichtungen durch die privaten lebensweltlichen [4] Bereiche soziologisch erklärt werden? Zweitens: Welche Veränderungen im Umgang mit psycho-sozialen Problemen gehen mit der öffentlich-professionellen Bearbeitung derartiger Probleme sowohl im privaten Raum als auch im öffentlichen Bereich psycho-sozialer Hilfe einher? Und drittens: Wie kann die Organisations-, Kommunikations- und Interaktionsform psycho-sozialer Hilfe in der modernen Gesellschaft hinsichtlich ihrer Folgen für Privatheit und Öffentlichkeit charakterisiert werden?

Ausgehend von diesen Fragen wird zunächst im ersten Kapiel – vor allem mit Bezug auf Arbeiten von Ulrich Beck – versucht, jene Veränderungen auf der privaten, der individuell-subjektiven Seite in den Blick zu bekommen, um davon ausgehend zu sehen, ob der zunehmende Bedarf an psycho-sozialer Hilfe durch soziologische Begriffe wie 'Individualisierung' und 'Risikogesellschaft' erklärt werden kann (I.). Im zweiten Kapitel wird dann – insbesondere mit Bezug auf Arbeiten von Niklas Luhmann und ähnlich orientierten Autoren – der Prozess der Expansion Sozialer Arbeit von der systemischen, der sozial-strukturellen Seite aus betrachtet (II.). Schließlich führe ich im dritten und letzten Kapitel die subjektorientierte und die systemorientierte Perspektive der Soziologie zusammen, um zu klären, mit welchen Risiken und Gefahren die 'Klientifizierung' des Privaten durch die Soziale Arbeit einhergehen könnte (III.).

I. Individualisierung in der 'Risikogesellschaft'

Ulrich Beck (1986) hat in seinem Buch Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne diagnostiziert, dass die Industriegesellschaft in ein neues Stadium ihrer Entwicklung eingetreten ist. Erst jetzt werde das eigentlich Moderne der modernen Gesellschaft, die in ihren bisherigen Konturen eher einer halbmodernen Gesellschaft gleiche, sichtbar. Der Begriff des 'Risikos' wird ökologisch und sozial, d.h. gesellschaftlich, organisatorisch und interaktionell zu einer zentralen Kategorie: Jede Entscheidung, jede neue Entwicklung birgt das Risiko in sich, vielfältige unvorhersehbare und nicht-intendierte Folgen bzw. Gefährdungen für Leib und (soziales) Leben hervorzurufen. Somit bedeutet "Risikogesellschaft [...] die Ausdehnung von Unsicherheit in alle Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung und der Lebensführung" (Beck 1992, S. 193).

Die neue Stufe der industriegesellschaftlichen Evolution, die mit der Risikogesellschaft eine andere Moderne entstehen lässt, kann als Produkt eines Prozesses 'reflexiver Modernisierung' beschrieben werden (vgl. ausführlich dazu Beck/Giddens/Lash 1996), was im folgenden Abschnitt plausibilisiert werden soll.

I.1 Reflexive Modernisierung

Während einfache Modernisierung Rationalisierung der Tradition bedeutet, meint reflexive Modernisierung Rationalisierung der Rationalisierung (vgl. Beck 1992, S. 185). Das Produkt der Rationalisierung, die Industriegesellschaft, rationalisiert, d.h. zersetzt oder entzaubert ihre eigenen Notwendigkeiten, Funktionsprinzipien, Voraussetzungen und Grundbegriffe: "soziale Klassen und Schichten [vgl. dazu auch Beck 1983; 1986, S. 121 ff.], die Kleinfamilie mit den in sie eingelassenen 'Normalbiographien' von Männern und Frauen, die Normierungen der Berufsarbeit usw." (Beck 1986, S. 251).

Die genannten industriegesellschaftlichen Grundkategorien geraten nun in Konflikt mit dem sich vollziehenden Modernisierungsprozess selbst und werden durch diesen transformiert – was gewissermaßen paradox ist, weil dieser Modernisierungsprozess auf die Kontinuierung der genannten sozialen Grundkategorien aufbaut(e). "Reflexive Modernisierung heißt also: eine zunächst unreflektierte, gleichsam mechanisch-eigendynamische Grundlagenveränderung der entfalteten Industriegesellschaft, die sich im Zuge normaler Modernisierung ungeplant und schleichend vollzieht und die bei konstanter, möglicherweise intakter politischer und wirtschaftlicher Ordnung auf dreierlei zielt: eine Radikalisierung der Moderne, welche die Prämissen und Konturen der Industriegesellschaft auflöst und Wege in andere Modernen – oder Gegenmodernen – eröffnet" (Beck 1996, S. 29).

Die Modernisierungslogiken, die seit den letzten Jahrzehnten immer mehr zu greifen beginnen und die gleichsam die reflexive Modernisierung vorantreiben, lassen sich als gesteigerte Ansprüche an Flexibilität und Mobilität, als die Entstehung individualisierter Konsumentenrollen sowie als eine in alle Bereiche eingreifende Marktorientierung umschreiben (vgl. Rauschenbach 1992, S. 29). Die Menschen werden dadurch einerseits aus den "scheinbar naturgegebenen Lebensformen und Selbstverständlichkeiten der Industriegesellschaft freigesetzt" (ebd.), womit andererseits die "Angst- und Unsicherheitsbewältigung" (ebd., S. 251 f.) in den sozialen Milieus, Familien, Ehen, Männer- und Frauenrollen zunehmend versagen. Diese Bewältigung wird nun dem enttraditionalisierten und vereinzelten Individuum abverlangt, das sich diesbezüglich allerdings selbst zu überfordern scheint; denn es sieht sich – so könnte zumindest aus der zeitlichen Korrelation des Individualisierungsschubs und der immensen Expansion des psycho-sozialen Sektors in den letzten 30 Jahren geschlossen werden [5] - genötigt, "zahllose Instanzen sozialer und psychischer Interventionen" (Weymann 1989, zit. nach Beck/Beck-Gernsheim 1994, S. 18 f.) zu suchen, zu finden und zu produzieren.

Individualisierung heißt in dieser Betrachtung also nicht zugleich gelungene soziale oder menschliche Emanzipation, sondern sie geht mit einer "Institutionalisierung und Standardisierung von Lebenslagen" (Beck 1986, S. 119) einher. Somit werden die Individuen, wie Beck (ebd.) ausführt, "arbeitsmarktabhängig und damit bildungsabhängig, konsumabhängig, abhängig von sozialrechtlichen Regelungen und Versorgungen, von Verkehrsplanungen, Konsumangeboten, [und für unser Thema besonders relevant, von; H.K.] Möglichkeiten und Moden in der medizinischen, psychologischen und pädagogischen Beratung". In diesem Sinne kann von 'institutionsabhängigen Individuallagen' gesprochen werden (vgl. ebd.), die von sozialen Hilfeleistungen im gesteigerten Maße abhängig werden (vgl. auch Beck 1992, S. 192). Diesbezüglich ließe sich öffentlich und professionell institutionalisierte psycho-soziale Hilfe als ein Produkt des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses verstehen, der allerdings bereits vor seinem Reflexivwerden die Entstehung öffentlich-institutionalisierter Hilfe herausforderte.

I.2 Psycho-soziale Arbeit als Produkt gesellschaftlicher Modernisierung

In der historischen Betrachtung zeigt sich, wie ich bereits einleitend erwähnt habe, dass sich die Soziale Arbeit, die öffentlich-institutionalisierte psycho-soziale Hilfe mit dem Übergang der gesellschaftlichen Entwicklung zur Epoche der Moderne entwickelt hat; zumindest wenn man mit Merten und Olk (1996, S. 583) davon ausgeht, dass die Duchsetzung der Moderne in der Zeit der letzten Jahrhundertwende erfolgte.

Während am Ende des letzten Jahrhunderts soziale Hilfe noch lokal und verbandlich organisiert war und sich primär um jene Armen, Kranken und Alten kümmerte, welche nicht auf private Unterstützungszusammenhänge zurückgreifen konnten, änderte sich mit dem sich etablierenden sozialen Sicherungssystemen (Arbeitslosen-, Kranken- und Rentenversicherung) das Aufgabenspektrum der sozialen Hilfe (vgl. Thiersch 1992, S. 12). Nun war nicht, wie man annehmen könnte, der Grundstein für das allmähliche Überflüssigwerden der Sozialen Arbeit gelegt, sondern ganz im Gegenteil: öffentlich organisierte soziale Hilfe expandierte; sie professionalisierte und institutionalisierte sich zusehends. Denn sie widmete sich nicht mehr ausschließlich materiellen, sondern vor allem auch psycho-sozialen, also psychischen und sozialen bzw. sozialisatorischen Notlagen.

Neben den nach dem Zweiten Weltkrieg wohlfahrtsstaatlich ausgebauten und mithin rechtlich fixierten Systemen der finanziellen Absicherung bei Krankheit, Alter, Armut und Arbeitslosigkeit entstand die Soziale Arbeit im heutigen Sinne als System der "Auffang- und Zweitsicherungen" (Bommes/Scherr 1996, S. 114; vgl. auch Bommes/Scherr 2000). Damit ist Soziale Arbeit zuständig für alle nicht generalisierbaren und damit auch nicht versicherbaren Gründe, auf Hilfe angewiesen zu sein – z.B. im Falle der psycho-sozialen Probleme, die mit Beratungs-, Erziehungs- oder Betreuungsaufgaben gelöst werden sollen.

Diese Entgrenzung der sozialen Hilfe auf vielfältige Lebensbereiche wird in der 'Risikogesellschaft', im Prozess der reflexiven Modernisierung weiter vorangetrieben. Von der Geburt bis zum Tode erscheint der Lebenslauf institutionsabhängig und mehr oder weniger von psycho-sozialen Hilfen durchzogen zu sein. Psycho-soziale Arbeit reagiert auf die beschriebenen Effekte der reflexiven Modernisierung (z.B. Herauslösung aus traditionellen Versorgungszusammenhängen) mit dem Angebot der öffentlich-professionalisierten Kompensation vormals privat erbrachter Hilfeleistungen. In diesem Sinne nimmt sie sich der Risiken an, die auf der Seite des privaten Lebens als psychische oder soziale Unsicherheiten entstehen (vgl. Rauschenbach 1992, S. 46 ff.; 1994, S. 94 ff.). Was dem privaten Leben nicht mehr gelingt, übernimmt professionell die Soziale Arbeit: das Knüpfen von solidarischen Netzen als soziale Notwendigkeit des Lebens, insbesondere in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft (vgl. Kersting 1996). Diesbezüglich lässt sich vor allem in der Phase der reflexiven Modernisierung der Gesellschaft ein Prozess ausmachen, der als Übergang von der 'informellen' zur 'inszenierten' Solidarität beschrieben werden kann (vgl. Rauschenbach 1992, S. 45 ff; 1994, S. 94 ff.).

I.3 Schlussfolgerungen

Ausgehend von der subjektorientierten soziologischen Betrachtungsweise, die die zunehmende Individualisierung von Lebenslagen veranschaulicht, erscheint die – vor allem in den letzten 30 Jahren zu konstatierende – Expansion des öffentlichen Sektors psycho-sozialer Hilfe als Resultat des Zerfalls traditioneller Lebenszusammenhänge – insbesondere durch den Prozess der reflexiven Modernisierung. Das Verebben von privaten Formen des Helfens ist also, wie Thomas Rauschenbach (1992, S. 46) ausführt, "kein vorrangiges Problem einer verkommenen Moral der Menschen [...], sondern ein Produkt des relativen Bedeutungsverlustes der naturwüchsig-informellen Formen des Helfes, also der primären, lebensweltlichen sozialen Bedarfsausgleichsysteme".

Das Erodieren von privaten Kompetenzen, psycho-soziale Probleme familiär, nachbarschaftlich, freundschaftlich, kurz: lebensweltlich zu lösen, scheint eng mit den sich verändernden Sozialstrukturen zusammenzuhängen. Diesbezüglich kann allerdings nicht zwangsläufig davon gesprochen werden, dass die enttraditionalisierten Individuen weniger psycho-sozial kompetent sind als in traditionellen Strukturen integrierte Individuen. Mit einiger Sicherheit kann lediglich gesagt werden, dass sich Individuen, die nur noch temporär oder gar nicht mehr in traditionelle Sozialstrukturen eingebunden sind, weit komplexere Aufgaben ihres 'Lebensmanagements' stellen als traditionell integrierten – zu denken wäre diesbezüglich an die fast permanente Notwendigkeit, immer wieder erneut Entscheidungen treffen zu müssen und für diese Verantwortung zu übernehmen [6], obwohl die Folgen und Neben-Folgen jener Entscheidungen nur bedingt individuell zurechenbar sind.

Die nur bedingt individuell zurechenbaren Folgen von Entscheidungshandeln bringen bereits die systemischen, die sozial-strukturellen Prozesse in den Blick, die ebenfalls betrachtet werden sollten, wenn man die Wechselwirkung zwischen privater und öffentlicher Sphäre im Hinblick auf soziale Hilfe verstehen will. Daher soll im nächsten Kapitel die funktionale Differenzierungsform der modernen Gesellschaft betrachtet werden, um die Expansion psycho-sozialer Arbeit im Kontext ihrer systemischen Eigenlogik zu verstehen.

II. Funktionale Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft

Im Sinne der soziologischen Systemtheorie wird die moderne Gesellschaft als primär funktional differenziertes Sozialsystem beschrieben (vgl. etwa Luhmann 1986; 1997 oder Willke 1989; 1993). Mit anderen Worten, die moderne Gesellschaft hat weder eine Spitze noch ein Zentrum, sondern ist in autonome und heterarchisch geordnete Teilbereiche (z.B. Wirtschaft, Politik, Recht, Erziehung, Religion etc.) gegliedert, die jeweils exklusiv gesamtgesellschaftliche Funktionen erfüllen. Die personelle Teilnahme an den Funktionsystemen wird mit der Unterscheidung von Inklusion und Exklusion beschrieben (vgl. Luhmann 1995; 1997 Bd. 2, S. 618 ff.; Kleve 1997). Diese Unterscheidung charakterisiert die unter den Bedingungen der Moderne veränderten sozialen Einbindungsmöglichkeiten von Menschen in die Gesellschaft und verweist damit auf die Unterscheidung von Integration/Desintegration, die sie gewissermaßen ersetzt (vgl. ausführlich dazu Nassehi 1997). Dies soll im Folgenden zunächst knapp ausgeführt werden.

II.1 Inklusion/Exklusion versus Integration/Desintegration

Während in vormodernen, segmentär bzw. stratifikatorisch gegliederten Gesellschaften Menschen bzw. Individuen in fest gefügte, in der Regel unverrückbare soziale Strukturen, d.h. in Stämme, Wohngemeinschaften, Verwandtschaften oder Familienverbände (im Falle segmentärer Differenzierung) bzw. in Klassen oder Schichten (im Falle stratifikatorischer Differenzierung) integriert waren, sind sie in der funktional differenzierten Gesellschaft diesbezüglich potentiell desintegriert. Mit anderen Worten, der Grad der Gesellschaftlichkeit von Individuen ist in der modernen Gesellschaft nicht primär gebunden an die Integration in Familien bzw. Klassen und Schichten. Vielmehr hat sich – was auch die Individualisierungsthese im Zusammenhang mit dem Prozess der reflexiven Modernisierung beschreibt – die Einbindung in traditionelle lebensweltliche Zusammenhänge (wie Familie, Ehe etc.) oder in soziale Gruppen (wie Klassen und Schichten) gelockert.

Die Teilnahme an gesellschaftlicher Kommunikation wird im Falle funktionaler Differenzierung nicht mehr primär über Integration des Menschen in die Gesellschaft, sprich: in ausdifferenzierte soziale Strukturen geregelt, sondern über Inklusion in gesellschaftliche Teilsysteme. Menschen werden dabei nicht etwa als (ganze) Individuen relevant; denn die eine emergente soziale Realität bildenden funktionalen Teilsysteme können die Individuen, die 'Unteilbaren' nur teilweise, nur ausschnitthaft, d.h. lediglich als soziales Konstrukt Person (vgl. Luhmann 1995, S. 241) an ihrer Kommunikation teilnehmen lassen. Diese Kommunikation regelt sich über symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien – etwa über Geld, Macht, Recht, Glaube oder Zensuren (Bildungsabschlüsse) –, die Individuen ins Spiel bringen müssen, um für die Funktionssysteme nach deren Kriterien ausschnitthaft, sozusagen als kommunikatives Ereignis 'Person' relevant zu sein. Personen sind in dieser Hinsicht also nicht etwa Menschen, sondern Collagen von funktionssystemischen – finanziell-wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen, religiösen oder pädagogischen – Erwartungen, deren Nichterfüllung das Risiko erhöht, die Inklusion in wichtige Funktionssysteme zu gefährden. [7]

Die beschriebene personelle Inklusionstypik bringt auf den Punkt, dass sich 'der Mensch' oder 'das Individuum' nicht nur theoriebautechnisch (vgl. Luhmann 1984), sondern auch empirisch beschreibbar außerhalb der sozialen (Funktions-)Systeme befindet. Damit ist Exklusion die andere, aber bei jeder Inklusion immer mitproduzierte Seite moderner Gesellschaftlichkeit von Individuen. Menschen sind also zugleich beides: als Personen inkludiert und als Individuen exkludiert. In den Worten von Armin Nassehi (1997, S. 14): "Individualiät ist Exklusion".

Was hier vor allem aus der Sicht der Systemtheorie Niklas Luhmanns, also von der sozial-systemischen, der strukturellen Seite aus beschrieben wurde (vgl. Luhmann 1995; Luhmann 1997 Bd. 2, S. 618 ff.), hat – wie Jürgen Habermas (1988, S. 442) feststellt – Ulrich Beck "aus der Sicht der betroffenen Individuen dargestellt", die "von den verdinglichten Subsystemen ausgeschlossen, aber gleichzeitig als Arbeitskräfte und Verbraucher, als Beitragszahler und Versicherte, als Wähler, Schulpflichtige usw. funktionssepzifisch eingegliedert [werden]. Damit lässt sich eine "Entkoppelung von System und Lebenswelt" (Habermas 1981, S. 229 ff.) konstatieren. Denn auf der einen, der systemischen Seite, differenzieren und verselbständigen sich gesellschaftliche Subsysteme (vgl. auch Mayntz u.a. 1988), während auf der anderen Seite die Individuen und ihre Lebenswelten auf sich selbst zurückgeworfen werden [8] und lediglich nach von ihnen nicht determinierbaren Bedingungen an der Gesellschaft, die nur noch differenziell funktionssystemisch und niemals ganzheitlich (z.B. als politische Einheit) erscheint, teilnehmen können.

In dieser Funktionslogik gesellschaftlicher Differenzierung lässt sich auch die psycho-soziale Hilfe entdecken; auch sie kann sich nicht dem Druck nach funktionaler Ausdifferenzierung entziehen, ja noch mehr: ihre einleitend beschriebene Expansion stützt sich auf die Möglichkeit funktionssystemischer Differenzierung und damit der Entgrenzung ihres Umwelt- bzw. Gesellschaftsbezugs.

II.2 Psycho-soziale Hilfe als Funktionssystem

Seit geraumer Zeit wird im soziologischen Diskurs über die funktionale Differenzierungsform der modernen Gesellschaft die These getestet, ob sich Organisationen der öffentlich-professionalisierten psycho-sozialen Hilfe, der Sozialarbeit und Sozialpädagogik einem gesamtgesellschaftlichen Funktionssystem der sozialen Hilfe zuordnen (lassen) (vgl. Baecker 1994; Fuchs/Schneider 1995; Bommes/Scherr 1996; Merten 1997; Kleve 1999; Weber/Hillebrandt 1999). Luhmann (1997 Bd. 2, S. 634) selbst ist der Meinung, dass wir im Falle von Sozialarbeit "ein Funktionssystem im Entstehen beobachten [können]". Dieses sich ausdifferenzierende gesellschaftliche Teilsystem nimmt sich jener individuellen Effekte moderner gesellschaftlicher Differenzierung an, die aus der Inklusions-/Exklusions-Logik entstehen und definiert sie wenn möglich als soziale Probleme. Eines dieser Effekte ist die Freisetzung der Individuen aus traditionalisierten und normierten sozialen Integrationsformen. Wenn sich zu dieser (potentiellen) sozialen Desintergration zusätzlich, aufgrund einer wie auch immer individuell oder gesellschaftlich verursachten Notlage, Exklusionsgefahren gesellen, die die physische und psychische Reproduktion von Menschen gefährden, dann wird Soziale Arbeit aktiv. Besonders lang andauernde Exklusionen aus dem Arbeitsmarkt, die den Zugriff auf das Medium Geld einschränken oder Exklusionen aus dem Erziehungs- und Bildungssystem können viele weitere Exklusionen nach sich ziehen und gewissermaßen Exklusionsdriften auslösen (vgl. Fuchs/Schneider 1995, S. 209; Luhmann 1995, S. 259 f.; 1997, S. 630 f.).

Aber: Wie ich im Zusammenhang mit der Beschreibung des Inklusions-/Exklusions-Phänomens deutlich gemacht habe, sind Menschen aufgrund ihrer lediglich ausschnitthaften, personellen Inklusion an funktionssystemischer Kommunikation als Individuen immer zugleich auch exkludiert. Mit anderen Worten, moderne Individualität fällt mit Exklusion zusammen. Und wenn man daran anschließend, etwa mit Dirk Baecker (1994) oder mit Peter Fuchs und Dietrich Schneider (1995), Exklusion als Voraussetzung für das Aktivwerden von Sozialarbeit versteht, dann kann grundsätzlich jede/r zum Klienten dieser Profession werden; denn wie gesagt: personelle Inklusion bedeutet zugleich individuelle Exklusion. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Baecker (ebd., S. 95) meint, die traditionelle Orientierung der Sozialarbeit, die sich an der – auf Emile Durkheim und Talcott Parsons zurückgehenden (vgl. ebd., S. 93) – Differenz von Konformität (Norm) und Devianz (Abweichung) festmachen lässt, wird durch eine Orientierung an der Differenz von Hilfe und Nicht-Hilfe zusehends ersetzt. Soziale Arbeit läßt sich dann nicht mehr, wie dies etwa noch Thomas Olk (1986) getan hat, als "Normalisierungsarbeit" (vgl. Hollstein-Brinkmann 1993, S. 190) verstehen, sondern lediglich als Hilfe jenseits von Norm und Devianz (vgl. ausführlich dazu Kleve 1999, insb. S. 237ff.).

Während die sozialarbeiterische Leitunterscheidung von Norm und Devianz auf die Einheit der Gesellschaft zielt, unterstellt sie etwas, was in der reflexiv gewordenen Moderne mit ihrer gesellschaftlichen und lebensweltlichen Differenzierung innerhalb der juristischen Rahmenregeln kaum noch aufzufinden ist: eine universelle Vorstellung von dem, was als normal und und von dem, was als deviant gilt. Wie im Blick auf das erste Kapitel dieser Arbeit noch einmal festgestellt werden soll, lösen sich mit den Effekten der reflexiven Modernisierung traditionelle Lebensmuster auf, und vielfältige neue Formen des sozialen (Zusammen-)Lebens, die bezüglich sozial-integrativer Leistungen weniger sicher sind als die alten, treten an deren Stelle. Denn die Nebeneffekte von Flexibilität und Mobilität sind Verluste an Kontinuität und Stabilität in Interaktionsbeziehungen sowie möglicherweise Anonymität und Isolation. Die Individuen erleben diesbezüglich eine "Kette psycho-sozialer Modernisierungsfolgen" (Rauschenbach 1994, S. 91), die sich etwa als permanente Krisen kennzeichnen lassen – zumindest wenn man unter Krise eine Situation versteht, die mit Entscheidungsdruck einhergeht; wobei das Treffen der Entscheidungen nur bedingt auf die bisher in der primären und sekundären Sozialisation gemachten Erfahrungen fußen kann, weil nicht mehr auf tradierte Normen, die Selbstverständlichkeiten von Ausnahmen und Abweichungen scheiden, referiert werden kann. Im Kontext der Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse lässt sich also das Phänomen beobachten, das sich "Normalität [...] vervielfältigt – und zwar solange bis sie sich als Orientierungsmaßstab, an den man sich ebenso anlehnen wie dezidiert davon absetzen kann, von selbst auflöst" (ebd.).

Ein ähnlicher Normen zersetzender Prozess kann aus dem systemischen Blickwinkel festgestellt werden. Wie Luhmann (1986) am Beispiel der gesellschaftlichen Kommunikation über ökologische Gefährdungen beispielhaft dargestellt hat, lässt sich keine gesamtgesellschaftliche Systemrationalität mehr erkennen, da jedes gesellschaftliche Teilsystem nur entsprechend seiner eigenen ganz spezifischen Möglichkeiten auf Veränderungen in seiner Umwelt reagieren kann (vgl. ebd., S. 247). Dabei werden die Funktionssysteme hinsichtlich der Steuerung ihrer Aufgaben von der gesellschaftlichen Umwelt zusehends autonom, denn sie können nicht von funktionsfremden Zumutungen determiniert werden, so dass "keine übergeordnete Vernunft" (ebd., S. 222) die Funktionssysteme als Steuerungsinstanz regulieren könnte. Die funktionale Differenzierung führt letztlich dazu, dass "jedes Teilsystem [...] auf jeweils spezifische Weise" (ebd., S. 204) das Gesamtsystem Gesellschaft reflektiert.

Wenn man im Falle von psycho-sozialer Hilfe ebenfalls von einem Funktionssystem spricht, dann kann dieses System seine Funktion nicht mit einem Code handhaben, der auf die Einheit der Gesellschaft zielt. Vielmehr benötigt es eine Leitdifferenz, mit der es seine Independenz von funktionsfremden Zumutungen stabilisiert. Diesen Code sieht Baecker, wie gesagt, mit der Differenz von Helfen und Nicht-Helfen gegeben. Überall dort, wo Soziale Arbeit helfen kann, kontinuiert sie ihren Fortbestand, ihre Systemerhaltung, ihre Autopoiesis [9]; so kann auch davon ausgegangen werden, dass sie überall dort, wo dies möglich ist, 'Hilfsbedürftigkeit' attestiert. Und dafür gibt es in einer sozial und systemisch potentiell desintegrierten, einer auf dem personellen Teilnahmemodus Inklusion/Exklusion basierenden Gesellschaft kaum noch Grenzen.

Auf der Ebene der Organisationen sozialer Hilfe kann jetzt gewissermaßen selbst bestimmt werden, welche Programme eingesetzt werden, d.h. wem geholfen werden soll. Vorausgesetzt es lassen sich staatliche und zunehmend auch privat-wirtschaftliche Finanzierungs-, Subventions- und Spendebereitschaften anzapfen, können "sich einzelne Organisationen das Ziel setzen, dadurch zu helfen, daß sie die Zahlungsfähigkeit, die Liebesfähigkeit, die Machtansprüche, die Glaubensstärke, das Selbstvertrauen fördern. Oder sie können versuchen, dadurch zu helfen, daß sie den Umgang mit Schulden, mit einem übersteigerten Verlangen nach Liebe, mit Ohnmacht, mit Glaubenslosigkeit, mit Überforderung einüben" (Baecker 1994, S. 106).

Psycho-soziale Hilfe entgrenzt sich also; sie schließt damit potentiell niemanden mehr aus ihrer helfenden Kommunikation aus [10]; und wenn dies zunehmend beobachtet werden kann, dann spricht nichts dagegen, Soziale Arbeit als Funktionssystem der Gesellschaft zu beschreiben, das die Teilnahme an seiner Kommunikation ebenfall mit Inklusion und Exklusion regelt. Denn es ist eine Spezifität funktionaler Differenzierung, dass potentiell jede/r unabhängig von seiner/ihrer sozialen (Des-)Integration an den inkludierenden Kommunikationen von Wirtschaft, Politik, Erziehung, Religion, Recht usw. teilnehmen kann, d.h. jede/r hat prinzipiell die Möglichkeit, über ein Geldeinkommen zu verfügen, sich aktiv und passiv an politischen Wahlen zu beteiligen, Schulen zu besuchen, einem Glauben beizutreten, rechtsfähig zu sein usw. (vgl. Luhmann 1997, Bd 2., S. 625). "Und wenn jemand seine Chancen, an Inklusion teilzunehmen, nicht nutzt, wird ihm das individuell zugerechnet" (ebd.). Somit ist psycho-soziale Hilfe, so sehr das auch besonders aus marxistischer Perspektive in den siebziger Jahren kritisiert wurde (vgl. Lüssi 1992, S. 128f.), nicht in der Lage "sich eine Änderung der Strukturen zu überlegen, die konkrete Formen der Hilfsbedürftigkeit erzeugen" (Luhmann 1973, S. 144).

II.3 Schlußfolgerungen

Die Expansion des öffentlichen Sektors psycho-sozialer Hilfe ist nicht ausschließlich durch die Beschreibung der lebensweltlichen bzw. individuellen Effekte des reflexiven Modernisierungsprozesses erklärbar, sondern nur durch die Charakterisierung der sozial-strukturellen Verfassheit der modernen Gesellschaft als funktional differenziert. Besonders die Eigendynamik der Sozialen Arbeit, die ihren Gesellschaftsbezug durch die Einführung eines eigenen Codes entgrenzt, wird deutlich sichtbar, wenn sie als Funktionssystem der Gesellschaft betrachtet wird. Das Phänomen, dass nunmehr jede/r zum Klienten Sozialer Arbeit werden kann, ist also nicht nur eine Folge der gestiegenen Anforderungen an die enttraditionalisierten Individuen, sondern es findet seine systemische Entsprechung erst in einem sozial-helfenden Funktionssystem, das jenseits von Norm und Devianz sozusagen alles, was sich anbietet, als 'Hilfsbedürftigkeit' problematisieren kann.

Die doppelte Beschreibung der Expansion psycho-sozialer Hilfe von der subjektiven und von der systemischen Seite her ermöglicht die Beantwortung der ersten beiden eingangs gestellten Fragen nach der soziologischen Erklärung des quantitativen und qualitativen Wachstums von psycho-sozialen Hilfeeinrichtungen und nach den Veränderungen, die mit dieser Expansion im Umgang mit psycho-sozialen Problemen einhergehen: Das Wachstum des quantitativen und qualitativen Angebots psycho-sozialer Hilfeeinrichtungen folgt einerseits aus den individuellen Effekten des reflexiven Modernisierungsprozesses, d.h. aus der Individualisierung der Lebenslagen in der 'Risikogesellschaft' und andererseits aus der Entgrenzung des Gesellschaftsbezugs der Sozialen Arbeit, d.h. durch ihre zunehmende funktionssystemische Ausdifferenzierung. Mit psycho-sozialen Problemen kann und wird daher immer seltener im privaten Bereich erfolgreich umgegangen, sondern es werden professionelle Bearbeitungsstrategien im öffentlichen Bereich genutzt, die auf diese Probleme individuell-fallförmig (vgl. Fuchs/Schneider 1995, S. 215) reagieren. Wie die Interaktionsform von psycho-sozialer Hilfe in einem derartigen Kontext hinsichtlich ihrer Folgen für Privatheit und Öffentlichkeit bzw. für Klientel und Profession charakterisiert werden kann, soll im letzten Kapitel thematisiert werden.

III. Zwischen Lebenswelt und Hilfesystem: Risiken und Gefahren für Klientel und Profession

Mit Rudolf Stichweh (1996) lässt sich davon ausgehen, dass mit der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung von bestimmten Funktionssystemen diesen Systemen zugehörige Professionen entstehen. So lassen sich beispielsweise die drei klassischen Professionen: Theologen, Ärzte und Richter den Funktionssystemen Religion, Gesundheitssystem und Recht zuordnen. In allen diesen Professionen geht es um die Gewinnung, Verwaltung und Anwendung eines speziellen Expertenwissens durch die professionellen Berufsrollenträger, das der Lösung bestimmter, in der Umwelt der jeweiligen Funktionssysteme beobachtbarer individueller Probleme dient. Diejenigen, die sich diese Probleme zuschreiben bzw. denen diese zugeschrieben werden, werden komplementär zu den Professionellen Klienten genannt. Zwischen Professionellen und Klienten lässt sich ein Wissensgefälle konstatieren; denn nur die Professionellen wissen um die Interaktionsverfahren und Techniken, die der Problemlösung dienen; ansonsten würde der Klient nicht zum Klienten und könnte sich unabhängig von den öffentlichen Organisationen der Professionellen mit Hilfe seines eigenen Wissens selber helfen.

Wenn wir nun, und dies liegt angesichts der Ausführungen im letzten Kapitel sehr nahe, auch psycho-soziale Helfer, also insbesondere Sozialarbeiter/Sozialpädagogen oder sonstige im Sozialwesen Arbeitende, die ein einschlägiges Studium absolviert haben, das für Hilfeleistungen qualifiziert, als Professionelle verstehen (siehe dazu auch Schütze 1996; Merten/Olk 1996), dann können wir nach den Effekten dieser Professionalisierung fragen. Was ist das Charakteristische der professionellen Interaktion zwischen Helfer und Klient?

III.1 Veröffentlichung des Privaten

In der psycho-sozialen Hilfe werden private Probleme in einem öffentlichen Raum bearbeitet. Traditionell in der Lebenswelt angesiedelte Aufgaben wie Erziehung, Gespräche über die unterschiedlichsten Lebensprobleme oder Unterstützung von alten und kranken Menschen bzw. stellvertretendes Handeln bezüglich der zuletzt genannten Personen (Betreuung) werden der Bearbeitung eines sich ausdifferenzierenden gesellschaftlichen Funktionssystems überantwortet. Im Kontext dieses Funktionssystems wird anders geholfen als in der privaten Lebenswelt. Die Helfer agieren auf der Grundlage rechtlich fixierter Verträge (z.B. nach dem KJHG oder dem BSGH) und vereinbaren mit den Klienten Kontrakte, in denen die Problembeschreibungen, die Ziele und die zur Herbeiführung dieser Ziele als notwendig angesehenen Handlungs- und Interaktionsstrategien im einzelnen aufgelistet werden.

Das den Klienten möglicherweise diffus wirkende eigene psycho-soziale Leiden wird, wie Thomas Olk und Hans-Uwe Otto feststellen, "verwaltungsförmig segmentiert und nach Maßgabe formaler Kriterien 'kleingearbeitet'" (zit. nach Merten/Olk 1996, S. 579). Nur auf diese Weise können die Programme der Organisationen die wenig strukturierten vielfältigen Problembeschreibungen der Klienten zu Kategorien bündeln, die dann mit bestimmten Interventionsstrategien behandelt werden. Welche Hilfe und welche damit einhergehende Methode erforderlich ist, obliegt dann nicht so sehr der Problembeschreibung der Klienten, sondern der Problemstrukturierung durch die Professionellen. So kann beispielsweise ein Familienkonflikt in Abhängigkeit davon, welche Hilfeeinrichtung die Betroffenen aufsuchen, völlig verschiedenartig gedeutet werden. Die Art und Weise dieser Deutung steht im ummittelbaren Zusammenhang mit bestimmten vorkonstruierten Problemkategorien durch die Professionellen und deren Organisationsprogramme. Als 'Ursache' für ein Familienproblem kann z.B. die Paarebene der Eltern, ihr Erziehungsverhalten gegenüber den Kindern, die ungelöste 'symbiotische' Beziehung eines Partners mit seiner Mutter oder seinem Vater, das innerfamiliäre Kommunikationsverhalten o.ä. angesehen werden. Eine ähnliche Pluralität der Deutungen lässt sich ebenfalls bei anderen psycho-sozialen Problemlagen wie Vereinsamung, Depressivität, Suizidgefährdung oder 'Sinnkrisen' konstatieren. Es sind, dies sei noch einmal festgestellt, zumeist die Helfer, die entsprechend ihrer jeweiligen Orientierung und der programmatischen Ausrichtung der Organisation, in der sie arbeiten, festlegen, welcher Hilfefokus gewählt wird.

Wenn von einem Wissensgefälle zwischen Professionellen und Klienten ausgegangen wird und dieses Gefälle in der Interaktion zwischen den Komplementärrollen Konsens ist, dann wird die Kompetenz der Professionellen zwangsläufig von den Klienten vorausgesetzt. Denn über mehr oder weniger wissenschaftliche Methoden der psycho-sozialen Hilfe wie psychoanalytische, gesprächspsychotherapeutische, kommunikationstheoretisch-familientherapeutische, gruppendynamische etc. Verfahren verfügen nicht die Klienten, sondern die Helfer. Und diese Verfahren werden von der Profession als notwendig angesehen, um immer unterschiedlichere Problemlagen, die keineswegs mehr nach Norm- und Devianzkriterien geordnet werden können, zu bearbeiten.

Entscheidend an dieser interaktionellen Bearbeitung im öffentlichen Raum ist ihre Organisationsstruktur, die die helfende Interaktion und Kommunikation kontextuell tangiert. Diese Struktur gründet sich auf jene zentralen Kriterien, die (insbesondere nach Max Weber) der gesamten Modernisierung des Abendlandes zugrunde liegen: der Rationalität, Wissenschaftlichkeit und Bürokratie (vgl. Merten/Olk 1996, S. 584 ff.). Im Sinne der Rationalität geht es um einen an der Zweck-Mittel-Relation ausgerichteten Einsatz der Hilfe. Da psycho-soziale Arbeit eine Hilfestellung "bei der Bewältigung der mit der modernen Lebensführung verbundenen Risiken und Schwierigkeiten" (ebd., S. 584) geben will, geht es gewissermaßen um eine "Rationalisierung der Lebensführung (Weber 1920)" (ebd.). Die Orientierung an Wissenschaftlichkeit geht gleichsam mit der Verberuflichung psycho-sozialer Arbeit einher, die sich im Zuge ihrer Differenzierung und Entgrenzung als vollakademische Profession etablieren konnte. Während schließlich der Begriff der Bürokratie auf die organisatorische Eingebundenheit, die fallspezifische und problemkategoriale sowie rechtlich fixierte Bearbeitung der psycho-sozialen Probleme verweist.

Die Veröffentlichung der Privatheit bezüglich psycho-sozialer Problemlagen führt also im Vergleich mit traditionellen Formen sozialer Hilfe zu völlig anderen Bearbeitungsformen: Während die traditionelle lebensweltliche Rationalität des Helfens als unmittelbare Hilfe von Mensch zu Mensch, die auf 'naivem Alltagswissen' beruht, charakterisiert werden kann, ist die moderne, funktionssystemisch und organisatorisch im öffentlichen Raum angesiedelte Rationalität des Helfens professionell, sozusagen verberuflichte 'bezahlte Nächstenliebe' und beruht auf einer Expertenkultur (vgl. Gängler/Rauschenbach 1986 , S. 151; siehe dazu auch Schmidtbauer 1992b). Welche Effekte mit dieser modernen öffentlichen Hilfe einhergehen können, möchte ich im nächsten Abschnitt betrachten.

III.2 Hilfe zur Selbsthilfe versus Hilfe zur Systemerhaltung

Zunächst kann man sich die Frage stellen, ob psycho-soziale Problemlagen nicht Hilfen verlangen, deren "Funktionsmodi, Rationalitätskriterien und Organisationsformen, [...] der bürokratisch strukturierten Verwaltung fremd sind" (Reidegeld, zit. nach Habermas 1981, S. 533). Wenn dies der Fall sein sollte, dann ließe sich mit Habermas (1981, S. 522) womöglich davon sprechen, dass professionalisierte Hilfe gewissermaßen gar nicht helfen kann, sondern vielmehr zu einer "Kolonialisierung der Lebenswelt" führe – im Sinne einer von außen aufoktroyierten und entsprachlichten Verrechtlichung und Ökonomisierung lebensweltlicher, d.h. verständigungsorientierter sprachlicher Interaktionsformen (vgl. dazu ausführlich Habermas 1981, S. 522 ff. oder auch Müller/Otto 1986; Hollstein-Brinkmann 1993, S. 162 ff.). Allerdings subordiniert Habermas die Organisationen der professionellen psycho-sozialen Hilfe dem Sozialstaat, also dem politischen Funktionssystem der Gesellschaft, welches "ein Netz von Klientenverhältnissen über die privaten Lebensbereiche ausbreitet" (Habermas 1981, S. 534).

Wenn es aber zutrifft, dass sich psycho-soziale Hilfe als eigenständiges gesellschaftliches Funktionssystem ausdifferenziert, dann kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass professionalisierte Hilfe in erster Linie mit den Steuerungsmedien der Politik bzw. des Sozialstaates also mit Macht und Geld normierte Lebensweisen durchzusetzen versucht. Demgegenüber lässt sich formulieren: Soziale Arbeit hilft nicht (mehr), um abzusichern, dass die Funktionssysteme Wirtschaft und Politik aus der Lebenswelt das herausziehen können, "was sie für ihre Reproduktion brauchen: Arbeitsleistungen und Gehorsamsbereitschaften" (ebd., S. 526), sondern aufgrund ihrer Eigendynamik, welche der Selbsterhaltung des Systems sozialer Hilfe, kurz gesagt: ihrer Autopoiesis dient. [11]

Aus diesem Grund identifiziert und markiert der Einsatz von Hilfe zwar 'Hilfsbedürftigkeit', aber keineswegs Normabweichung. Denn so wie es der Sozialen Arbeit überlassen bleibt, für die unterschiedlichsten, in einer Risikogesellschaft vermehrt auftretenden Lebensrisiken 'Hilfsbedürftigkeiten' zu ‚entdecken', [12] so ist es den Individuen freigestellt, sich diesen Kategorien der 'Hilfsbedürftigkeit' zuzuordnen oder eben nicht. Es geht im Falle von funktionssystemisch ausdifferenzierter Hilfe also nicht um die Durchsetzung von Normen, sondern das paradoxe Ziel der Hilfe ist die Nicht-(Mehr-)Hilfe.

Davon ausgehend verliert auch ein klassisches auf Erving Goffman (1963) zurückgehendes Verdachtsmoment gegen die Soziale Arbeit an Schlagkraft, nämlich dass psycho-soziale Hilfe, indem sie aus Interesse an einer Norm hilft, Devianz identifiziert, die erst jenes Stigma manifestiert, das die Betroffenen sozusagen brandmarkt und lebenslänglich zumindest potentiell hilfsbedürftig macht (vgl. dazu auch Baecker 1994, S. 108, Fn. 30).

Während der Kolonialisierungs- und der Stigmatisierungsverdacht funktions-systemisch prozessierender psycho-sozialer Hilfe weitgehend entkräftet werden können, treffen zwei andere Verdachtsmomente die Soziale Arbeit stärker als je zuvor: 1. der Motivverdacht und 2. der Effizienzverdacht.

1. Mit dem Motivverdacht geht die Skepsis einher, ob die Hilfe wirklich denjenigen hilft, denen sie 'Hilfsbedürftigkeit' attestiert, oder ob sie nicht eher der Selbsterhaltung des Hilfesystems und dessen Organisationen dienlich ist. Wie man laut Baecker (1997, S. 44) aus der Organisationssoziologie weiß, "[ist] jede Organisation daran interessiert, ihre Entscheidungen so zu treffen, dass die Entscheidung nicht ihre letzte ist. Sie darf das Problem nicht nur lösen, das sie zu entscheiden hat, sie muss es auch reproduzieren, damit sie es auch in Zukunft entscheiden kann. Es geht nicht nur darum, ein Problem möglichst effizient aus der Welt zu schaffen, sondern gleichzeitig muss auch Sorge dafür getragen werden, daß der Nachschub gesichert ist".

Wem nützt die Hilfe also mehr, dem, dem geholfen wird, oder denen, die helfen und weiterhin helfen wollen? Sicherlich kann diese Frage nur bei Betrachtung konkreter Einzelfälle mehr oder weniger sicher beantwortet werden; sie bringt aber sozial-strukturelle Aspekte auf den Punkt, die den besten Absichten von psycho-sozialen Helfern entgegenlaufen mögen, denen diese sich aber bei organisatorischer Einbindung und finanzieller Abhängigkeit von ihrer helfenden Berufsarbeit niemals entziehen können. Vor allem wenn man von einem Funktionssystem psycho-sozialer Hilfe ausgeht, dessen Organisationen zunehmend entstaatlicht werden, die sozusagen auf dem 'freien Markt' um finanzielle Ressourcen konkurrieren müssen, gerät der Effizienzverdacht noch deutlicher ins Blickfeld. Denn die Finanzierung psycho-sozialer Organisationen wird inzwischen verstärkten Maße über Tagessätze bzw. Fachleistungsstunden realisiert. Diese am ökonomischen Kalkül orientierten Finanzierungsformen ermöglichen die Kostenrechnung für den Hilfebedarf pro Klient und Tag bzw. Stunde. Dementsprechend wird von pauschalen Jahreszuwendungen umgestellt auf konkret leistungs- und klientenzahlabhängige Finanzierungen. Das kann dann in Zeiten von sinkender Nachfrage nach Hilfe vermutlich schon einmal dazu führen, dass Klienten, denen eigentlich bereits erfolgreich geholfen wurde, weiterhin ohne fallspezifische Notwendigkeit geholfen wird. Der Fokus jeder Sozialarbeit, die Hilfe zur Selbsthilfe, wird dabei offensichtlich nicht im Auge behalten. Vielmehr steht die Selbsterhaltung des Hilfesystems, die ohne laufende finanzielle Einnahmen gefährdet wäre, im Mittelpunkt der 'Hilfe'. Dieser Aspekt leitet bereits über zum nächsten Verdachtsmoment.

2. Der Effizienzverdacht berührt die Frage, ob die Hilfe nicht "in dem Moment, in dem sie gewährt wird, uneffizient [wird], weil sie die Potentiale der Selbsthilfe eher verstellt als fördert" (ebd., S. 45). Diese Frage ließe sich ebenfalls mit einiger Sicherheit lediglich einzelfallbezogen beantworten, aber auch sie bringt verallgemeinerbare, diesmal eher psychologisch-interaktionistische Aspekte ins Spiel. Gerade eine funktionssystemisch prozessierende Hilfe, die ihren Gesellschaftsbezug entgrenzt hat und die es mittlerweile jeder und jedem ermöglicht, Klient Sozialer Arbeit zu werden, könnte diesbezüglich im besonderen Maße verdächtigt werden, die negativ bewerteten individuellen Effekte (z.B. Zerrüttung von 'informellen' sozialen Netzwerken, Vereinzelung, Entfremdung von Nachbarschaften etc.) der reflexiven Modernisierung eher zu fördern als zu minimieren. Wenn überall und für alle Lebensprobleme professionelle Helfer bereit stehen, die ein Expertenwissen verwalten und anwenden können, das psycho-soziale Probleme rationeller zu lösen vermag als Alltagswissen, warum sollte man dann mit Verwandten, Freunden oder Nachbarn seine Probleme besprechen und nicht gleich zum Familientherapeuten oder Sozialpädagogen gehen? Vermutlich ist dies eine Frage, die sich nicht wenige Menschen stellen und die sie womöglich zunehmend häufiger mit der Alternative Freunde oder Professionelle konfrontiert und für die letzteren optieren lässt. Gerade wenn man bereits erfolgreich die Hilfe von Professionellen in Anspruch genommen hat, wird zukünftig die Wahl wahrscheinlich schneller wieder in Richtung Professionelle ausfallen. So kann man sich fragen, was erfolgreiche Hilfe langfristig eigentlich auszeichnet: bei erneuten psycho-sozialen Problemen als ehemaliger Klient zu wissen, was zu tun ist (Hilfe zur Selbsthilfe) oder aber wiederum denjenigen Helfer aufzusuchen, der bereits erfolgreich geholfen hat.

Schließlich soll in diesem Zusammenhang auch das sogenannte Helfersyndrom nicht unerwähnt bleiben, das Wolfgang Schmidbauer (1992a) professionellen Helfern unterstellt. Denn Helfer hätten es selbst mit psychoanalytisch diagnostizierbaren Defiziten zu tun, die ihnen sozusagen das nicht selbstlose 'Aufopfern' für andere erst ermöglichen. Aufgrund traumatischer Kindheitserfahrungen seien Helfer von besonderen Persönlichkeitsmerkmalen gekennzeichnet: vor allem von einer großen narzisstischen Bedürftigkeit bei gleichzeitiger Unfähigkeit, erfüllbare Wünsche zu äußern, einem strengen Gewissen, hohen Idealen und der Neigung, eigene Gefühle und besonders die eigene Hilfsbedürftigkeit hinter einer Fassade von 'Allmacht' zu verbergen. Das Helfersyndrom könne, vorausgesetzt es bleibt unerkannt, dazu führen, dass der Helfer seine eigene Selbstwertproblematik mit Hilfe der Abhängigkeit des Klienten kompensiere und damit ein Unabhängigwerden des Klienten von der Hilfe verunmögliche.

III.3 Schlussfolgerungen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass psycho-soziale Hilfe sowohl aufgrund ihrer sozial-strukturellen Organisation als auch aufgrund ihrer interaktionellen Helfer/Klient-Beziehung mit vielen Risiken behaftet ist, die die Gefahr in sich bergen, Selbsthilfepotentiale der Klienten nicht zu stärken, sondern eher zu schwächen. Gerade weil professionelle Helfer an der Nahtstelle zwischen privater Lebenswelt und öffentlichem Hilfesystem operieren, sind sie mit besonders schwer durchschaubaren Verflechtungen von Interaktions- und Organisationsstrukturen konfrontiert, die zu nicht intendierten Effekten ihres Helfens führen können. Diese Effekte sollten, will man sie auch mit Veränderungsintentionen passend beschreiben und verstehen, sowohl systemisch, sozial-strukturell als auch psychologisch bzw. interaktionistisch betrachtet werden. Dafür nutzen die Helfer zunehmend die professionelle Beobachtungs- und Beratungsmethode Supervision (siehe etwa Kersting 1992), in der sie die mit den Klienten vereinbarten Ziele mit den Effekten ihres helfenden Handelns und Interagierens vergleichen können, um womöglich neue Sichtweisen (Theorien der Praxis) und Strategien zu entwickeln. Des weiteren reagieren auf die beschriebenen Nebeneffelte des Helfens – mehr oder weniger erfolgreich – auch die Tendenzen der Ökonomisierung Sozialer Arbeit, die sich methodisch z.B. im Case Management nieder schlagen (vgl. Kleve 2001).

Schließlich lässt sich mit Blick auf die These dieser Arbeit formulieren, dass mittels soziologischer Gesellschaftsbeschreibungen, die einerseits die subjektive Seite gesellschaftlicher Wirklichkeit beleuchten und andererseits die sozial-strukturelle Eigenlogik moderner gesellschaftlicher Differenzierung heraus arbeiten, die Expansion des öffentlich-professionalisierten Sektors psycho-sozialer Hilfe erklärbar ist. So sollte deutlich geworden sein, dass die an der Nahtstelle zwischen Privatheit und Öffentlichkeit bzw. zwischen Individuum und Gesellschaft bzw. zwischen Lebenswelt und System operierende psycho-soziale Arbeit jene Effekte zu kompensieren sucht, die zwar privat beobachtet und zugerechnet werden, die aber zugleich auf systemische, überindividuelle gesellschaftliche Modernisierungsprozesse verweisen. Indem diese Kompensationsleistungen als individuelle oder lebensweltlich orientierte Hilfen ansetzen, stützen sie – in ambivalenter Weise (vgl. Kleve 1999) – zugleich die gesellschaftliche Modernisierungsdynamik, der sie ihre eigene Notwendigkeit verdanken: Während die Menschen in verstärktem Maße die sich ausdifferenzierenden unterschiedlichsten Formen professioneller psycho-sozialer Arbeit in Anspruch nehmen, "die Hilfe in nie zuvor erreichter Weise [in] eine zuverlässig erwartbare Leistung" (Luhmann 1973, S. 141) transformiert haben, werden sie zugleich freier von traditionalen Bindungen, von denen immer weniger Hilfe erwartet werden kann. Bei der Beschäftigung mit psycho-sozialer Hilfe springt also eine Paradoxie, vielleicht die Paradoxie der Moderne ins Auge, mit der ich diese Arbeit schließen möchte: Die Menschen werden unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft zugleich freier und abhängiger – freier von privaten Traditionen und Integrationen, abhängiger von öffentlichen Institutionen, Organisationen und Systemen.


Anmerkungen:

[1] Der Begriff psycho-soziale Arbeit bzw. Hilfe wird in dieser Arbeit abwechselnd mit den Begriffen Soziale Arbeit, Sozialarbeit und Sozialpädagogik sowie soziale Hilfe verwendet. Alle diese Berufsfeldbezeichnungen beziehen sich – trotz möglicherweise unterschiedlicher erzieherischer, therapeutischer, beraterischer oder betreuerischer Gewichtung der jeweiligen Tätigkeiten – auf einen ähnlichen sozialen Sachverhalt: auf die von Professionellen (Sozialarbeitern, Sozialpädagogen, Diplom-Pädagogen, psychologischen Beratern und Therapeuten) angebotenen und durchgeführten Hilfen. Unter 'Hilfe' oder 'Helfen' soll in Anlehnung an Niklas Luhmann (1973, S. 134) ganz allgemein "ein Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse eines anderen Menschen verstanden werden".

[2] Sicherlich wäre es ein interessantes Feld quantitativer und qualitativer Sozialforschung, sowohl zu untersuchen, wie die Professionellen zu ihren Feststellungen (ge)kommen (sind) als auch zu prüfen, wie sich ihre Klientel fallspezifisch zusammensetzt, d.h. welche verschiedenen Problemkategorien nach Sach-, Zeit- und Sozialdimensionen differenziert werden könnten.
Mit Olk und Merten (1996, S. 583) kann die Moderne – in Anlehnung an Niklas Luhmann – als jene Epoche betrachtet werden, in der die stratifikatorische Differenzierung durch eine funktionale Differenzierung der Gesellschaft ersetzt wurde. Ich komme im Kapitel II darauf zurück.

[3] Unter der Kategorie 'privater lebensweltlicher Bereich' bzw. unter 'Lebenswelt' soll in diesem Zusammenhang "die alltägliche Wirklichkeitserfahrung eines verläßlichen, soziale Sicherheit und Erwartbarkeit bietenden primären Handlungszusammenhangs (Familie, Nachbarschaft, Gemeinwesen, bestimmte Gruppen, soziokulturelle Milieus usw.) bezeichnet" (Fachlexikon der sozialen Arbeit 1993, S. 614 f.) werden. Der Lebensweltbegriff, der auf Edmund Husserl und Alfred Schütz zurückgeht, wurde insbesondere von Jürgen Habermas (1981, S. 171 ff./489 ff.) in der Theorie des kommunikativen Handelns in eine gesellschaftskritische Argumentation aufgenommen, worauf ich im Kapitel III zurückkommen werde. Aus systemtheoretischer Perspektive (vgl. Fuchs 1992, z.B. S. 122) markiert der Begriff ‚Lebenswelt' einen sozialen Bereich, in dem es erstens um Vertrautes in Abgrenzung zu Unvertrautem geht, zweitens gilt Lebenswelt als der Bereich der Gesellschaft, der von freundschaftlichen, verwandtschaftlichen, familiären und intimen Sozialbeziehungen strukturiert wird und drittens bezeichnet ‚lebensweltlich' eine Kommunikationsform, die in erster Linie nicht systemisch formalisiert bzw. funktionalisiert ist, sondern in der primär via Moral, via gegenseitiger Achtung und Mißachtung interagiert wird.

[4] Beispielsweise hat sich seit Beginn der 1970er Jahre, also etwa zeitgleich mit dem rasanten Anwachsen der Beschäftigtenzahl im psycho-sozialen Bereich, die Anzahl der Einpersonenhaushalte von Menschen im Alter von 25 bis 45 Jahren mehr als verdoppelt (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1995, S. VII).

[5] Wie Rauschenbach (1994, S. 90) ausführt, werden diese Entscheidungen im Wissen um Kontingenz getroffen, also im Wissen, dass es sich um Selektionen aus einem Komplex auch anderer Möglichkeiten handelt; wobei jede wählbare Möglichkeit hochriskant und hinsichtlich ihrer Wirkungen nicht vorhersehbar sein kann: "So ist etwa die Entscheidung, mit einem bestimmten Partner zusammenzuleben, in ihren Wirkungen ebenso ungewiß wie die Folgen der Entscheidung, ein attraktives Stellenangebot abzulehnen, sich durch den Kauf einer Eigentumswohnung hoch zu verschulden oder trotz besseren Wissens dauerhaft und intensiv die Tabakindustrie zu unterstützen" (ebd.).

[6] Peter Fuchs und Dietrich Schneider (1995, S. 209) sprechen in diesem Zusammenhang vom "Hauptmann-von-Köpenick-Syndrom funktionaler Differenzierung". Denn ähnlich wie die Titelfigur des Dramas "Der Hauptmann von Köpenick" von Zuckmayer in einen Teufelskreis gerät, weil sie sich polizeilich nur anmelden kann, wenn sie Arbeit hat und diese nur bekommen kann, wenn sie polizeilich angemeldet ist, geraten von bestimmten Exklusionen betroffene Individuen ebenfalls in derartig ausweglos erscheinende Lagen. "Generalbeispiel ist hier, daß mangelnde Zahlungsmöglichkeiten Chancen aktiver Inklusion in fast allen anderen Inklusionsdomänen mindern" (ebd., S. 209 f.).

[7] Luhmann (1987, S. 132) spricht diesbezüglich – ähnlich wie Beck (siehe Abschnitt I) – davon, dass die "Notwendigkeit der Selbstbestimmung [...] dem Einzelnen als Korrelat einer gesellschaftlichen Entwicklung zu[fällt]". In diesem Sinne muss jedes Individuum versuchen, mit "der Reflexionslast der Selbstbestimmung" (ebd., S. 133) zurechtzukommen.

[8] Mit dem aus der biologischen Kognitionstheorie kommenden Begriff der Autopoiesis (vgl. etwa Maturana/Varela 1984), bezeichnet Luhmann (1984) die permanente Selbsterschaffung und Selbstorganisation von biologischen Systemen in Form von Leben, psychischen Systemen in Form von Bewusstsein und sozialen Systemen in Form von Kommunikation.

[9] Dass heißt natürlich auch, dass sie nicht mehr, etwa bei bestimmten sozialen 'Normverletzungen', automatisch – repressiv – inkludiert. Inkludiert werden nur jene Individuen, die bereit sind, die funktionssystemischen Erwartungen, die mit dem Klientsein einhergehen, zu erfüllen. Mit anderen Worten, das in der theoretischen Reflexion der Sozialarbeit immer wieder gern konstatierte Paradox von der Gleichzeitigkeit von Hilfe und Kontrolle, von Freiwilligkeit und Zwang asymmetrisiert sich zusehends in Richtung freiwillig angenommer Hilfe. Beispielhaft kann dies etwa an den rechtlichen Rahmen gesehen werden, die die Jugendhilfe regeln. Im Gegensatz zum alten Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) wird im relativ neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) nicht der kontrollierende und normierende Aspekt des Helfens betont, sondern der unterstützende, diensleistende, auf Freiwilligkeit und aktive Mitarbeit der Eltern, Kinder und Jugendlichen gründende.

[10] Mit dieser Behauptung soll keineswegs bestritten werden, dass Politik, Wirtschaft und andere gesellschaftlichen Teilsysteme ihre Funktionen unabhängig von den Leistungen der Sozialen Arbeit realisieren, ganz im Gegenteil: "Die Wirtschaft rechnet mit Arbeitslosenunterstützung und Streßberatung; die Politik vertraut auf die Aufrechterhaltung des sozialen Friedens; das Recht stellt sich auf Möglichkeiten ein, dort nicht strafen zu können, wo geholfen werden muß [...usw; H.K.]" (Baecker 1994, S. 108). Nur: Diese Leistungen für die Wirtschaft, die Politik oder das Recht sind quasi Nebeneffekte einer funktionssystemisch prozessierten Hilfe, die nur auf ihre eigene autopoietische Anschlussfähigkeit referieren kann.

[11] Bei diesen 'Entdeckungen' von Hilfsbedürftigkeit 'parasitiert' – im Sinne von Michel Serres (1980) – die Sozialarbeit an anderen gesellschaftlichen Kommunikationen, die etwa durch die sozialen Bewegungen (vgl. etwa Nowak 1988) oder durch die Massenmedien (vgl. etwa Hansen 1996) initiiert werden und soziale Sachverhalte wie etwa Jugendkriminalität, zunehmender Rechtsradikalismus, soziale Vereinsamung in den Großstädten oder gesundheitliche Risiken (z.B. Aids) öffentlich problematisieren.

[12] Vgl. für den Fall der Jugendhilfe etwa Wendlandt-Kantert 1993 und Klatzki 1993. Die Finanzierungsstrategien verändern zumindest im Bereich der Jugendhilfe auch die Angebotsstrukturen. Da die Kosten der Hilfen nun jeweils einzeln berechnet werden können, ist es möglich, viele unterschiedliche Hilfen sozusagen 'aus einer Hand' anzubieten. Konkret heißt das: Verschiedene Hilfen, die vormals in der Regel von Organisationen mit unterschiedlichen Finanzierungsformen angeboten wurden, nämlich Hilfe zur Erziehung, § 27 KJHG; Erziehungsberatung, § 28 KJHG; Soziale Gruppenarbeit, § 29 KJHG; Sozialpädagogische Familienhilfe, § 31 KJHG; Erziehung in einer Tagesgruppe, § 32 KJHG; Vollzeitpflege, § 33 KJHG; Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform, § 34 KJHG und Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung, § 35 KJHG, können nunmehr von einer Organisation durchgeführt werden, die sich auf "flexibel organisierte Erziehungshilfen" (Klatetzki 1993) spezialisiert hat.


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Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: 20. Mai 2002


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