Die postmoderne Theorie Sozialer Arbeit

Ein möglicher Blick auf die real- und theorie-historische Entwicklung der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik

von Heiko Kleve (September 2002)

"Ambivalenz ist das mindeste, womit man bei den
gegenwärtigen Weltverhältnissen rechnen muß.
"
Wolfgang Welsch (1990, S. 192)

Einleitung

Die Geschichte der Sozialen Arbeit kann sehr unterschiedlich erzählt werden (siehe zu einschlägigen Publikationen Landwehr/Baron 1983; Müller 1988; 1997; Kunstreich 1997; 1998; Wendt 1995; Herring/Münchmeier 2000). In Abhängigkeit davon, von welchen erkenntnisleitenden Fragestellungen die BetrachterInnen ausgehen, geraten unterschiedliche Ereignisse in den Blick und können diese jeweils anders eingeschätzt, beschrieben, erklärt und bewertet werden. Ich gehe im Folgenden von der Frage aus, welche geschichtlichen, genauer: real-historischen Bedingungen dazu geführt haben, dass die Soziale Arbeit zu der Profession geworden ist, die wir heute beobachten können.

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich erstens die reale, empirisch beschreibbare Situation der Sozialen Arbeit zum einen an einem Beispiel meiner eigenen Praxis und zum anderen theoretisch reflektiert darstellen. Zweitens sollen die real-historischen und (m.E. noch aktuellen) gesellschaftlichen Probleme aufgespürt werden, auf die die Soziale Arbeit mit ihrer Entstehung als ein gesellschaftlicher Lösungsversuch reagierte. Drittens werden in diesem Zusammenhang die theoretischen Bemühungen hinsichtlich einer Wissenschaft Sozialer Arbeit in den Blick genommen. Dabei soll deutlich werden, dass die Theorie-Geschichte unmittelbar mit der Real-Geschichte Sozialer Arbeit verwoben ist. Denn das, was sich in der gesellschaftlichen Situation Sozialer Arbeit und auch in der sozialarbeiterischen Praxis zeigt, kommt auch in der Theorie Sozialer Arbeit zum Ausdruck: Probleme mit der klaren Identifizierung, mit der Eindeutigkeit, mit der Abgrenzung des "Gegenstandes". Genauso wie die Praxis genügt auch die Theorie Sozialer Arbeit keinen modernen Postulaten nach klarer Identität, nach Eindeutigkeit, nach klaren Grenzen. Vielmehr ist sowohl sozialarbeiterische Praxis als auch sozialarbeiterische Theorie aufgeladen mit Identität sprengender Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit, kurz: mit Ambivalenz.

Mit Zygmunt Bauman (1991, S. 13f.) können wir sagen, dass Ambivalenz die Möglichkeit bezeichnet, "einen Gegenstand oder ein Ereignis mehr als nur einer Kategorie zuzuordnen [...] Die Situation wird ambivalent, wenn die sprachlichen Werkzeuge der Strukturierung sich als inadäquat erweisen; entweder gehört die Situation zu keiner der sprachlich unterschiedenen Klassen oder sie fällt in verschiedene Klassen zugleich [...], was immer der Fall ist, das Ergebnis ist das Gefühl der Unentschiedenheit, Unentscheidbarkeit und infolgedessen des Verlustes an Kontrolle."

Soziale Arbeit, als Praxis und als Theorie, erscheint in dieser Weise ambivalent. Die sozialarbeiterische Ambivalenz verunmöglicht es, dass Soziale Arbeit sich wie andere Professionen und Disziplinen eindeutig praktisch und theoretisch identifiziert, sie bleibt diesbezüglich eine Profession und Disziplin der Vielfalt, der Pluralität, der Heterogenität, der Komplexität, kurz: eine postmoderne Profession und Disziplin (vgl. zu einer ähnlichen Diagnose Bardmann 1996). Denn Postmoderne heißt: "Mit Ambivalenz leben" (Bauman 1991, S. 281), meint aber auch "eine entschlossene Emanzipation von dem charakteristisch modernen Drang, die Ambivalenz zu überwinden" (ebd., S. 127), bedeutet also die Akzeptanz von unüberwindbarer Vielfalt, Pluralität, Heterogenität und Komplexität (vgl. grundlegend dazu Lyotard 1979). Während es das Kennzeichen der Moderne ist zu versuchen, permanent darum zu ringen, Ambivalenz zu beseitigen, sie in Eindeutigkeit zu verwandeln, bezeichnet Postmoderne einen "Gemüts- oder [...] Geisteszustand" (Lyotard 1988, S. 294), dem es darum geht, Ambivalenz zu akzeptieren und kreativ zu nutzen (vgl. auch Welsch 1992).

Weil ich also erstens davon ausgehe und auch genauer zeigen werde, dass Soziale Arbeit eine ambivalente Profession und Disziplin ist und zweitens für eine Akzeptanz und einen kreativen Umgang mit dieser Ambivalenz plädiere, bezeichne ich meinen theoretischen Blick auf die Soziale Arbeit als postmodern, lässt sich mein Theorieverständnis Sozialer Arbeit als postmodern charakterisieren (vgl. ausführlich Kleve 1999; 2000).

Wie eingangs bereits erwähnt, will ich in drei Schritten die Ambivalenz und damit die Postmodernität der Sozialen Arbeit darstellen, und zwar – in einem ersten Schritt – ausgehend von der ambivalenten Realität der Sozialen Arbeit, die ich zunächst beispielhaft und dann auch theoretisch abstrakter beschreiben möchte (1.) Diese ambivalente Realität wird im zweiten Schritt in einen real-historischen Kontext gestellt. Damit soll deutlich, soll erklärt werden, dass die Soziale Arbeit an dem Punkt der Entwicklung der modernen Gesellschaft entstanden ist, an dem die problematische Seite des Fortschritts, an dem der Januskopf der Moderne eine eigene Profession, nämlich die Soziale Arbeit nötig machte (2.). Im dritten Schritt wird schließlich die Theorie- und Wissenschaftsentwicklung Sozialer Arbeit betrachtet, um zu zeigen, dass die Probleme bei der Bildung der Sozialarbeitswissenschaft ebenfalls aus dem Ursprung der Sozialen Arbeit aus der Ambivalenz der Moderne hervorgehen und dass die Soziale Arbeit eine ambivalenzreflexive, postmoderne und transdisziplinäre Wissenschaft benötigt (3.).

1. Ambivalente Realität Sozialer Arbeit

Wenn wir uns beispielsweise das Handlungsfeld anschauen, in dem ich u.a. arbeite, nämlich die als aufsuchende Soziale Arbeit durchgeführte Wiedereingliederungshilfe (in Berlin Einzelfallhilfe genannt) für ‚psychisch kranke’ Menschen, dann kann die Ambivalenz Sozialer Arbeit sehr schnell deutlich werden.

Ich arbeite in diesem Bereich mit KlientInnen unterschiedlichen Alters, die häufig schon jahrelang Sozialhilfe beziehen, bei denen Ärzte und Psychologen verschiedene körperliche und psychische Krankheiten diagnostiziert haben. Alle meine KlientInnen haben bereits kürzere oder längere Krankenhaus- bzw. Psychiatrieaufenthalte hinter sich. Sie sind zudem verschuldet und haben wenig soziale Kontakte. Bei meinen KlientInnen handelt es sich um Personen, die mittlerweile von sich selbst glauben, dass ihnen nicht mehr geholfen werden kann, geschweige denn, dass sie sich selbst nachhaltig helfen können. Denn sie haben die unterschiedlichsten Professionen (insbesondere die Medizin und die Psychologie) erfolglos durchlaufen, ohne dass sich ihr Zustand wesentlich gebessert hat. Wenn ich dann als Sozialarbeiter vom Sozial- und vom Gesundheitsamt beauftragt werde, als Einzelfallhelfer tätig zu werden, dann konnten in der Regel andere Professionen nicht mehr helfen bzw. können noch nicht (wieder) helfen. Daher scheint es so zu sein, dass ich als Sozialarbeiter tätig werde, wenn die Probleme der Menschen so komplex, vielfältig und diffus werden, dass der spezialisierte Blick der klassischen Professionen nicht mehr oder noch nicht ausreicht. Die Situation ist dann zumeist so, dass sich so viele Probleme (Krankheiten, insbesondere Süchte, Ängste, Schulden, Isolation etc.) kumuliert haben, dass ich als Sozialarbeiter in Zusammenarbeit mit den KlientInnen erst einmal einen Überblick herstelle, Prioritäten setzte, neue Kontakte knüpfe etc. Dabei habe ich in der Regel dreierlei im Auge zu behalten: erstens: psychische Schwierigkeiten und Belastungen, zweitens: soziale Probleme und drittens: gesundheitliche Themen. Ich kann bezüglich der drei Ebenen Psychisches, Soziales und Biologisches (Gesundheitliches) keine Ebene vernachlässigen, alle Ebenen sind in meiner Arbeit relevant(siehe die folgende Übersicht 1).

Übersicht 1

 

Biologisches

Psychisches

Soziales

Fokus

gesundheitliche Fragen, körperliche / physische Bedürfnisse

psychische / emotionale Fragen, psychische / emotionale Bedürfnisse

soziale Fragen, soziale Bedürfnisse

Beispiele

Ausstattung mit (gesunder) Nahrung, Kleidung, Wohnraum etc.; (angemessener) Umgang mit dem eigenen Körper, mit Krankheiten etc.

kognitive und emotionale Bewältigung / Verarbeitung von Ereignissen (Ängste, Süchte etc.)

soziale Beziehungen in der Familie oder durch Freunde (Integration); Zugang zu sozial-ökonomischen Ressourcen (Inklusion)

Methodische Orientierung I

Gleichzeitigkeit der Beachtung der unterschiedlichen (bio-psycho-sozialen) Ebenen
im sozialarbeiterischen Handeln

Methodische Orientierung II

Gleichzeitigkeit der Beachtung der unterschiedlichen (bio-psycho-sozialen) Ebenen
im sozialarbeiterischen Blick

(z.B. im Sinne von Case Management: Koordination unterschiedlicher Hilfen)

Wenn ich überdies etwa in Anlehnung an Kurt Ludewig (1993, S. 123) versuchen würde, für die sozialarbeiterische Tätigkeit, die ich in diesem sozialpsychiatrischen Bereich ausübe, einen eindeutigen Oberbegriff zu finden, wird es schwierig. Kurt Ludewig unterscheidet helfende Tätigkeiten in vierfacher Weise, und zwar in Anleitung, Beratung, Begleitung und Therapie mit jeweils unterschiedlichen Aufträgen/Funktionen. Demnach geht es in der Anleitung darum, KlientInnen dabei zu helfen, dass diese ihre Möglichkeiten (etwa der Problemlösung) erweitern können; während der Beratung soll dabei geholfen werden, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen; die Begleitung unterstützt dabei, dass eine nicht veränderliche Lage (z.B. bezüglich einer Behinderung) ertragen werden kann; und schließlich hat die Therapie das Ziel, Gesundung zu erreichen, mithin Leiden zu beenden.

In meiner Tätigkeit als sozialpsychiatrischer Einzelfallhelfer, leite ich nun zwar an, aber nicht nur, berate ich, aber nicht nur, begleite ich auch, aber nicht nur, ja ich therapiere manchmal sogar, aber wiederum nicht nur. Ich kann in diesem Bereich keine Entweder/Oder-Haltung einnehmen, sondern von mir wird ein Sowohl-Als-Auch im Hinblick auf Beratung, Betreuung, Begleitung und Therapie gefordert. Ich kann das, was ich tue, nicht nur in eine Kategorie einordnen; vielmehr treffen alle Kategorien zu, wenn ich meine Tätigkeit beschreibe. Konkret heißt das dann etwa, dass ich Menschen mit den beschriebenen Problemen anleite, z.B. um einen Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente zu stellen, dass ich sie berate, z.B. bezüglich ihrer Möglichkeiten, ihre Schulden zu tilgen, dass ich sie begleite, z.B. um die Ängste beim Einkaufen, auf dem Sozialamt oder in Arztpraxen zu ertragen oder dass ich mit ihnen therapeutisch arbeite, z.B. um – etwa im Sinne der Kurzzeittherapie (z.B. nach Insoo Kim Berg 1992) – das Alkoholproblem anzugehen (siehe auch Übersicht 2).

Übersicht 2

 

Anleitung

Beratung

Begleitung

Therapie

Auftrag/Funktion

 

"Hilf uns, unsere Möglichkeiten zu erweitern!"

"Hilf uns, unsere Möglichkeiten zu nutzen!"

"Hilf uns, unsere Lage zu ertragen!"

"Hilf uns, unser Leiden zu beenden!"

Beispiele

Hilfe bei Antragstellungen; Vermittlung von Informationen bezüglich bestimmter Rechtsansprüche etc.


 
 

 

Hilfe bei der Tilgung von Schulden; Erkennung und Nutzung eigener psychischer und/oder sozialer Ressourcen des Verhaltens oder der Lebenswelt etc.

Hilfe beim Aushalten von Ängsten oder beim Umgehen mit nicht veränderlichen Lebensumständen (z.B. körperliche oder psychische Krankheiten und/oder Behinder-ungen) etc.

Hilfe bei der Therapie von Süchten/Abhängig-keiten etc.

Methodische Orientierung I

Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Hilfearten


im sozialarbeiterischen Handeln

Methodische Orientierung II

 

Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Hilfearten im


im sozialarbeiterischen Blick

(z.B. im Sinne von Case Management: Koordination unterschiedlicher Hilfen) 

Mit dem psychischen, sozialen und biologischen Bezug Sozialer Arbeit, mit der bio-psycho-sozialen Perspektive und den Begriffen Anleiten, Beraten, Begleiten und Therapieren ist das Handlungsspektrum der Sozialen Arbeit aber noch keineswegs endgültig beschrieben. Denn darüber hinaus wird in der Sozialarbeit betreut, kontrolliert, normalisiert, integriert, inkludiert, erzogen, gebildet, verwaltet usw. usf. (siehe zu einer empirisch gewonnen Liste von 35 Begriffen Klüsche 1994, S. 93). Dieser Befund der Ambi- besser: Polyvalenz kann auch ausgehend von einer empirischen Studie zum Selbstverständnis von SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen, die Wilhelm Klüsche (1994, S. 92) durchführte, bestätigt werden. Demnach ist das, was diese Professionellen leisten, "tatsächlich schwer zu operationalisieren, da die Fülle an beruflichen Tätigkeiten, die zu übernehmen sind, in eine Vielzahl von Einzelaktivitäten zerfallen". Das, was wir als SozialarbeiterInnen tun, scheint so ambivalent zu sein, dass uns eindeutige Klassifizierungen und homogene theoretische Konzepte zu fehlen scheinen, um unsere Praxis zu beschreiben, zu erklären und zu bewerten.

Bereits Alice Salomon (1928, S. 139f.) konstatierte diese Schwierigkeit und sah sie darin begründet, dass Soziale Arbeit sich auf die "Einheit des Menschen" bezieht: "So notwendig es aber auch ist, die verschiedenen Erscheinungsformen der Not und ihre Ursachen deutlich zu erfassen, so vergewaltigt doch alle begriffliche Formulierung und Einteilung das Leben in seiner Einheit und Mannigfaltigkeit. Der Mensch, dem alle Wohlfahrtspflege gilt, ist ein unteilbares Wesen (Individuum d.h. Unteilbares). Man kann seine wirtschaftlichen, geistig sittlichen und gesundheitlichen Bedürfnisse nicht voneinander lösen und als gesonderte Angelegenheiten betrachten. Der Notstand, in dem ein Mensch sich befindet, die soziale Schwierigkeit, die ihn trifft, hängen meist mit den verschiedenen Seiten seines Wesens zusammen. Die Ursachen der Not sind oft ebenso unlösbar miteinander verknüpft, wie die menschlichen Bedürfnisse es sind. Man kann die Wirtschaft eines Menschen nicht völlig von seiner Gesundheit und Bildung ablösen. Man kann seine Erziehung und Bildung nicht ohne Rücksicht auf berufliche und wirtschaftliche Zwecke gestalten. Man kann seine Gesundheit nicht fördern, wenn es ihm an Einsicht und Willen, an geistigen und sittlichen Kräften fehlt und wenn die Wirtschaftslage eine gesunde Lebensweise zunichte macht. Darum ist der Mensch in seiner Einheit Gegenstand der Wohlfahrtspflege, nicht seine wirtschaftliche Lage oder seine Gesundheit oder seine Sittlichkeit."

Dass Soziale Arbeit nach Alice Salomon "die Einheit des Menschen" betrachtet und an dieser Einheit auch praktisch ansetzt, will ich mit dem Konzept des doppelten Generalismus Sozialer Arbeit noch einmal differenzierter veranschaulichen. Im Sinne dieses Konzepts kann die Soziale Arbeit als spezialisiert generalistisch (1.1) und als universell generalistisch betrachtet werden (1.2) (siehe dazu auch Übersicht 3 auf S. 10).

1.1 Spezialisierter Generalismus

Der spezialisierte Generalismus bezieht sich auf die Ambivalenz, die Vielfalt und Komplexität des (interaktiven und organisatorisch eingebundenen) sozialarbeiterischen Handlungsbezugs, auf die Heterogenität des sozialarbeiterischen Fallbezugs. Wie Klüsche (1994, S. 77) feststellt, sind die Tätigkeiten, die in der Sozialen Arbeit in den unterschiedlichen Handlungsfeldern (siehe 1.2) jeweils erbracht werden, "komplex und unscharf". Diese Komplexität und Unschärfe resultiert zum einen daraus, dass Soziale Arbeit auf unterschiedlichen sozialen Ebenen ansetzt, auf der Ebene des Individuums oder der Familie (Einzel- und Familienarbeit), auf der Ebene der Gruppe (soziale Gruppenarbeit) und auch auf einer sozialstrukturellen Ebene, z.B. eines Gemeinwesens (Gemeinwesenarbeit). Diesbezüglich ist Sozialarbeit sowohl individual- als auch sozialsystem-orientiert (vgl. Kleve 1999, S. 120ff./124ff.); mit anderen Worten, sie hat sowohl psychisch-individuelle als auch soziale Systeme im Blick und ist daher eine psycho-soziale Praxis. Auf diesen doppelten Fokus von Individual- und Sozialsystemorientierung, von Verhaltens- und Verhältnisänderung verweist ebenfalls bereits Alice Salomon (1928, S. 133), wenn sie schreibt, dass "Wohlfahrtspflege [...] mit der wechselseitigen Anpassung von Menschen und Lebensumständen zu tun [hat]. Sie hat entweder Individuen zu fördern oder zu beeinflussen, damit sie sich in ihrer Umwelt bewahren, oder sie hat Lebensumstände, die Umwelt der Menschen so zu gestalten, daß sie dadurch geeigneter für die Verfolgung ihrer Lebenszwecke werden". Genaugenommen ist hier jedoch nicht ein Entweder/Oder gefragt; vielmehr wird eine Haltung des Sowohl-Als-Auch bezüglich Individual- und Sozialsystemorientierung eingenommen.

Aber nicht nur die psychischen und sozialen, sondern auch die biologischen Systeme sind beispielsweise bezüglich der körperlichen Gesundheit potentielle Themen der Sozialen Arbeit, wie wir eingangs gesehen haben. Soziale Arbeit hat also biologische, psychische und soziale Bedürfnisse im Blick und thematisiert die Probleme, die entstehen, wenn Menschen aus jenen gesellschaftlichen Systemen ausgeschlossen (exkuldiert) sind, welche ihnen in dieser Hinsicht die notwendige Bedürfnisbefriedigung sichern. Soziale Arbeit versucht durch ihre Hilfe die Chancen einer Wieder-Teilnahme (Re-Inklusion) in die sozialen Systeme der biologischen, psychischen und sozialen Bedürfnisbefriedigung (z.B. Wirtschaft, Erziehung/Bildung, Politik) zu erhöhen. Dabei kann sie sowohl am Verhalten der Menschen selbst als auch an den sozialen Verhältnissen ansetzen.

1.2 Universeller Generalismus

Der universelle Generalismus bezieht sich auf die Heterogenität des sozialarbeiterischen Gesellschaftsbezugs, auf die Vielfalt der Aufgaben des gesellschaftlichen Funktions- und Berufssystems Soziale Arbeit. Wie Wilhelm Klüsche (1994, S. 76) feststellt, ergibt sich ein "Erschwernis für die Ausbildung eindeutiger Konturen [...] aus der Vielfalt der Arbeitsfelder [in der Sozialen Arbeit; H.K.]. In der Regel sind berufliche Identitäten dadurch geprägt, daß umschriebene Arbeitsbereiche speziellen Berufsgruppen eindeutig zugeordnet werden können. Sozialarbeiter/Sozialpädagogen arbeiten aber in sehr unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern und Institutionen". Wenn wir den Gesellschaftsbezug der Sozialen Arbeit betrachten, dann sehen wir, dass sich Soziale Arbeit potentiell auf alle Bevölkerungsgruppen – gewissermaßen von der Geburt bis zum Tod – bezieht. So hilft Soziale Arbeit – als Prävention, Intervention (Kuration) und Postvention (Rehabilitation) – jungen, erwachsenen und alten Menschen, armen, süchtigen, behinderten, obdachlosen, kranken oder schuldenbelasteten Menschen und thematisiert deren Schwierigkeiten. Die Soziale Arbeit ist mittlerweile gesellschaftsweit tätig. Ein Markenzeichen ist ihr gesellschaftsweiter Bezug, der nicht ausschließlich auf die ‚armen‘ Bereiche der Gesellschaft verweist, sondern sich durch alle Bevölkerungsgruppen und -lagen, durch alle Lebenswelten hindurchzieht. So wird bereits im Jahrbuch der Sozialarbeit von 1978 diagnostiziert, dass die "‘Klientel‘ sozialer Arbeit [...] nicht mehr nur der randständige Jugendliche, der Kranke, der Kriminelle [ist], sondern [...] tendenziell alle Teile der Bevölkerung. Durch den Ausbau öffentlicher Vorschulerziehung, durch die Ausweitung von Jungendbildungsmaßnahmen, durch den Ausbau von Familien-, Eltern- und Erziehungsberatung wird jeder tendenziell zu Klientel der Sozialarbeit" (zit. n. Schumann 1979, S. 69).

Übersicht 3

Doppelter Generalismus Sozialer Arbeit

Soziale Arbeit als gesellschaftliches Berufs- und Funktionssystem

Soziale Arbeit als organisatorisches und interaktionelles Handlungssystem

Universeller Generalismus: Heterogenität des sozialarbeiterischen Gesellschaftsbezugs

Spezialisierter Generalismus: Heterogenität des sozialarbeiterischen Fallbezugs

(Zeitdimension)

Prävention

Intervention

Postvention


 
(Sozialdimension)

Einzelfallarbeit


(case-work, case-management)

Gruppenarbeit

Gemeinwesenarbeit

(Sozial- und Sachdimension)

Sozialhilfe

Kinder- und Jugendhilfe

Familienhilfe

Behindertenhilfe

Obdachlosenhilfe

Suchthilfe

Krankenhilfe

Schuldnerhilfe

Rechtshilfe

Altenhilfe

etc.

(Sachdimension)

Biologisches


insb. Bedürfnisse,


Körperfunktionen und -entwicklungen, Gefühle, Ökologisches etc.

Psychisches


insb. Bedürfnisse,


Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle, Einstellungen, kognitive Entwicklungen etc.

Soziales


insb. Bedürfnisse,


Familiäres, Erzieherisches, Bildendes, Ökonomisches, Politisches, Rechtliches, Religiöses (Spirituelles), Künstlerisches, Wissenschaftliches etc.

2. Ambivalenz der Moderne als real-historischer Ursprung Sozialer Arbeit

Ich komme jetzt zur Frage, auf welche gesellschaftliche Situation, auf welches gesellschaftliche Problem die Soziale Arbeit eine Antwort ist. Um diese Frage zu beantworten, sollen einige ausgewählte Aspekte der Geschichte der professionellen Sozialen Arbeit betrachtet werden.

Bei den GeschichtsschreiberInnen der Sozialen Arbeit scheint darin Einigkeit zu bestehen, dass die professionelle Soziale Arbeit, also sozialarbeiterische Berufstätigkeit in der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden ist. In dieser Zeit wurden etwa die ersten Schulen gegründet, in denen Sozialarbeiterinnen (zunächst fast ausschließlich Frauen) ausgebildet wurden. Beispielsweise entstand auf Initiative von Alice Salomon 1908 in Berlin eine soziale Frauenschule.

Der Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert wird als der Zeitpunkt angesehen, an dem sich die soziale Hilfe von einer primär moralisch oder religiös inspirierten "Mildtätigkeit" (Luhmann 1973) deutlich zu wandeln begann in die professionelle Soziale Arbeit, die wir heute kennen. Zugleich gilt diese Jahrhundertwende als Zeit, in der sich die moderne Gesellschaft als eine funktional differenzierte Gesellschaft (vgl. Luhmann 1997) vollendete. Die professionelle Soziale Arbeit entstand also zu einer Zeit, in der sich das Projekt der Moderne vollends in Europa und Nordamerika etablierte.

Die Moderne lässt sich als eine historische Periode kennzeichnen, "die in Westeuropa mit einer Reihe von grundlegenden sozio-kulturellen und intellektuellen Transformationen des 17. Jahrhunderts begann und ihre Reife erreichte: (1) als ein kulturelles Projekt – mit dem Entstehen der Aufklärung; (2) als eine sozial vollendete Lebensform – mit dem Entstehen der industriellen [...] Gesellschaft" (Bauman 1991, S. 348, Anm. 1). Ein Markenzeichen der Moderne ist das permanente Ringen um Ordnung, Eindeutigkeit, Rationalisierung, Kontrolle, Klassifizierung und Bestimmung, also um Ambivalenzfreiheit. Ein Ergebnis dieses Ringens ist die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in voneinander getrennte funktionale Systeme, die jeweils eigenständige Aufgaben für die gesamte Gesellschaft bearbeiten und jeweils eigenständige Codes und Medien zur Kommunikation heraus gebildet haben (siehe dazu die folgende Übersicht 4).

Übersicht 4

Funktionssystem

Code

(Kommunikations-)Medium

Wirtschaft 

Zahlen/Nichtzahlen

Geld bzw. Eigentum

Recht 

recht/unrecht

Recht (=Gesetze, Entscheidungen)

Wissenschaft

wahr/unwahr

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Medizin

gesund/krank

Diagnose/Behandlung

Politik

Macht/Ohnmacht 

Macht (öffentliche Ämter)

Religion 

Immanenz/Transzendenz

Glaube

Erziehung/Bildung 

gute/schlechte Zensuren

"Das Kind" bzw. Bildung

Ein damit einhergehendes Ergebnis ist die Differenzierung in Professionen, die Spezialisierung bestimmter Berufsgruppen für bestimmte, klar ein- und abgrenzbare gesellschaftliche Probleme (vgl. Stichweh 1992; 1996). So zerteilen die klassischen Professionen – z.B. Medizin, Psychologie und Jurisprudenz – das, was Alice Salomon die "Einheit des Menschen" genannt hat, in unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche: Die Medizin bezieht sich auf die mit der Biologie zusammen hängenden Themen, mithin auf das Körperliche des Menschen, die Psychologie auf das Psychische und die Jurisprudenz auf die Regeln und die Regelung des Sozialen, des zwischenmenschlichen Zusammenlebens (siehe Übersicht 5).

Übersicht 5

 

Medizin

Psychologie

Recht

Bezugspunkt

Biologisches 

Psychisches

Soziales

Funktion

körperliche Gesundheit 

psychische Gesundheit

Regelung des Sozialen

Was die moderne Gesellschaft ausmacht, ist also die Differenzierung und Spezialisierung der Aufgabenbereiche und die formal organisierte sowie bürokratisierte Strukturierung dieser Bereiche.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde nun auch versucht, soziale Hilfe, also Armen- und Jugendfürsorge, Hilfe für kranke und behinderte Menschen, für Menschen, die ihre biologischen, psychischen und sozialen Grundbedürfnisse nur angesichts der Hilfe anderer Menschen befriedigen können, zu modernisieren. So wurden bis hinein in die 1920er Jahre in den Städten Deutschlands die unterschiedlichsten sozialen Verwaltungen etabliert: das Wohnungsamt, Gesundheitsamt, Jugendamt, Wohlfahrtsamt und Arbeitsamt (vgl. Salomon 1928, S. 141). Zusätzlich zu diesen Einrichtungen forderte beispielsweise Alice Salomon den Ausbau der Sozialen Arbeit auf den Gebieten der sozialen Erziehungsarbeit für Erwachsene, der Volksbildungsarbeit und der Familienfürsorge (ebd., S. 143f.).

Das Spezielle der Sozialen Arbeit auf allen ihren unterschiedlichen Gebieten ist nun jedoch ein Prinzip, das der Differenzierungs- und Spezialisierungsordnung der Moderne entgegen läuft: nämlich den Menschen als Einheit bzw. – wie ich im letzten Abschnitt ausgeführt habe – aus einer doppelt generalistischen, einer gesellschaftsweiten und bio-psycho-sozialen Perspektive zu betrachten. Die moderne Differenzierungs- und Spezialisierungsordnung überantwortet biologische, psychische und soziale Probleme des Menschen jeweils unterschiedlichen Professionen. Dieser Ordnung widerstrebt die Soziale Arbeit, jedes ihrer Arbeitsgebiete muss "von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet werden [...]" (ebd., S. 144). Denn in allen diesen Arbeitsbereichen zeigt sich "die Unteilbarkeit des Menschen, der Zusammenhang seiner Bedürfnisse" (ebd.). Wenn wir Spezialisierung und Generalismus als entgegen gesetzte Pole betrachten, dann lässt sich die Entstehung der Sozialen Arbeit als paradoxer Prozess bewerten: Ihre Spezialisierung ist ihre Ent-Spezialisierung, ihr Generalismus.

Diese spezialisierte Entspezialisierung, dieser Generalismus der Sozialen Arbeit soll als ein Lösungsversuch des Problems der Ambivalenz der Moderne bewertet werden. Diese Ambivalenz drückt sich darin aus, dass die moderne Gesellschaft mit ihren Prinzipien der Differenzierung und Spezialisierung zwar angetreten ist, um Lösungen auf gesellschaftliche Probleme zu erzielen, sie produziert mit diesen Prinzipien jedoch zugleich Probleme. Auf diese Probleme reagiert nun die Soziale Arbeit, und zwar zum einen bezüglich der Ambivalenzen, die mit der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft entstehen (2.1) und zum anderen bezüglich der Probleme, die mit der professionellen Spezialisierung einher gehen (2.2)


 
 

2.1 Soziale Arbeit als Reaktion auf die Ambivalenzen funktionaler Differenzierung

Modernisierung der Gesellschaft heißt zunächst Auslagerung von gesellschaftlichen Aufgaben aus der Lebenswelt der Menschen hinein in formal organisierte gesellschaftliche Systeme, heißt Differenzierung und Zergliederung der Gesellschaft in unterschiedliche Teilsysteme (vgl. dazu sowohl Habermas 1981 als auch Luhmann 1997). Gewirtschaftet wird also nicht mehr im eigenen Haus, nicht mehr durch Familienarbeit, sondern in kapitalistischen Betrieben, erzogen und gebildet werden die Kinder nicht mehr (nur) durch die Eltern, sondern in Kindergärten und Schulen.

Zur Zeit der Entstehung der Sozialen Arbeit war es insbesondere die Dynamik des gesellschaftlichen Teilsystems Wirtschaft, das Probleme produzierte, die selbst nicht mehr durch dieses System oder durch andere gesellschaftliche Systeme (z.B. durch die Kirchen) lösbar waren. Deshalb wollen wir beispielhaft vor allem dieses System betrachten, um die Ambivalenzen in den Blick zu bringen, die zur Entstehung der professionellen Sozialen Arbeit führten.

Die Wirtschaft differenzierte sich im Rahmen der Industrialisierung, der Kapitalisierung der Gesellschaft als ein System heraus, das nach eigenen, von den Lebenswelten der Menschen entfremdeten Gesetzen gesteuert wird. Nicht die menschlichen Bedürfnisse leiten dieses System an, sondern die Gesetze der Kapitalmaximierung, wie wir dezidiert bei Karl Marx (1890) nachlesen können. Dieses System produziert Probleme und lagert diese Probleme in die gesellschaftliche Umwelt aus. Genau auf diese Probleme, die wir uns genauer anschauen wollen, reagierte mit ihrem Entstehen die Soziale Arbeit.

Im 19. Jahrhundert wuchsen im Zuge der Industrialisierung die Städte, immer mehr Menschen wanderten aus den ländlichen Gegenden in die rasant anwachsenden Städte der Arbeit nach. Wie Christoph Sachsse und Florian Tennstedt am Beispiel der Entstehung des "Elberfelder Systems" der Armenfürsorge beschreiben, wuchs die Stadt Elberfeld in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer großen Industriestadt heran. Weil Elberfeld "1800 nur etwa 12.000, 1852 schon 50.364 und 1885 106.492 Einwohner zählte, gehörte [sie] zu den am raschesten emporwachsenden Fabrikstädten Deutschlands" (zit. nach Kunstreich 1997, S. 75). Die Wirtschaft schaffte also Arbeitsplätze und suchte mithin Arbeitskräfte, zog sie auch dort hin, wo die Fabriken waren, produzierte aber zugleich Arbeitslosigkeit und damit Einkommensarmut. Arbeitslosigkeit und damit Geldmangel, -not, und -armut sind die sozialen Probleme, die die Industrialisierung, die Kapitalisierung der Gesellschaft im gleichen Maße produziert(e) wie Reichtum, wie Kapital. Und diese Probleme wurden von der Wirtschaft selbst nicht bearbeitet, sie wurden vielmehr aus ihrem Blick exkludiert. Die Menschen fühlten sich daher mit ihren Problemen der Armut auf sich selbst zurück geworfen.

Auch die religiös inspirierte kirchliche Armenfürsorge brach – wie etwa exemplarisch am Beispiel von Elberfeld gesagt werden kann – mit dem Anwachsen dieser Probleme zusammen. Die Summe des Hilfebedarfs "und die Zahl der Unterstützung suchenden Personen" (ebd.) wuchsen "in so erheblicher Weise [...], daß die kirchliche Armenpflege in eine bürgerliche Armenpflege umgestaltet werden mußte" (ebd.). Mit der Etablierung der bürgerlichen Armenpflege, beispielsweise mit der Etablierung des "Elberfelder Systems" (1853) begann die Modernisierung des Armenwesens, die Rationalisierung sozialer Hilfe, kurz: die Entstehung moderner Sozialer Arbeit, die dann beispielsweise im Straßburger System (in Form von bezahlten Berufsarmenpflegern) bereits deutlich wurde (vgl. Kunstreich 1997, S. 77).

Timm Kunstreich (1997, S. 70) bezeichnet dieses entstehende erste System Sozialer Arbeit als ein re-aktives Modell, in dem Prinzipien der Rationalisierung und Individualisierung, der Professionalisierung und der Kolonialisierung durchgesetzt wurden. Rationalisierung und Individualisierung meinen die Verwandlung sozialer Ereignisse in individuelle Defizite; Professionalisierung bezeichnet die Vermittlung dieser Verwandlung, dieser Transformation in sozialen Verwaltungsinstitutionen; und Kolonialisierung kennzeichnet die Ausdifferenzierung "sozialer Zensuren", mithin dass Hilfe also zugleich eine Devianzkontrolle, eine kontrollierende Durchsetzung sozialer Normen bedeutet.

Aber auch ein zweites System der Sozialen Arbeit bildete sich heraus, und zwar ebenfalls in der Zeit des späten 19. Jahrhunderts, beispielsweise in den USA, maßgeblich entwickelt von Jane Addams (1860-1935) in Chicago (vgl. dazu auch Staub-Bernasconi 1995, S. 43ff.) Hier reagierte man auf die anwachsende Armut, insbesondere der EinwanderInnen mit einem – wie Kunstreich (1997, S. 111) formuliert: pro-aktiven Modell Sozialer Arbeit. Dieses Modell ist gekennzeichnet durch Prinzipien wie Aktivierung, Solidarisierung und Selbstregulierung. Aktivierung kennzeichnet das Bestreben, ein soziales Ereignis zu einem existenziell wichtigen Thema zu erklären. Dieses Thema regt Solidarisierung an, führt dazu, dass etwas "gemeinsames Drittes" entsteht, das sowohl die armen Menschen selbst als auch die HelferInnen zu gemeinsamen Taten aktiviert. Schließlich erwächst daraus eine Selbstregulierung, die Menschen anregt, selbst mächtig zu werden (Empowerment), sich gegenseitig zu unterstützen und für soziale Verbesserungen zu kämpfen.

Abstrahiert von diesen beiden unterschiedlichen Reaktionsweisen Sozialer Arbeit auf die mit der Industralisierung anwachsende Armut, lässt sich fest halten, dass die Entstehung der professionellen Sozialen Arbeit offenbar aus zwei Prozessen resultiert:

Erstens entsteht professionelle Soziale Arbeit aus den Prozessen der Modernisierung der Wirtschaft, der Industrialisierung. Diese Prozesse führten zu einer Mobilisierung und Flexibilisierung der Menschen, z.B. in Form von Landflucht, die die Industriestädte explosionsartig anwachsen ließ oder zur Auswanderung nach Übersee, meist in die USA (vgl. Kunstreich 1997, S. 72). In diesem Zusammenhang, so können wir ganz allgemein formulieren, entstand die professionelle, also säkularisierte und in Berufsarbeit geleistete Soziale Arbeit. Soziale Arbeit kann als Versuch bewertet werden, die durch gesellschaftliche, insbesondere wirtschaftliche Modernisierung auseinander fallenden primären familiär-lebensweltlichen Bezüge durch materielle und ideelle Hilfeleistungen zu kompensieren. So diagnostiziert auch Alice Salomon (1928, S. 137): "Die Menschen sind von der Scholle losgelöst. Sie müssen der Arbeit dorthin nachwandern, wo sie Gelegenheit zum Unterhalt finden. Die Familie ist aufgerissen. Wie Flugsand, wie Blätter, die im Winde verweht werden, treibt die Arbeit sie von Ort zu Ort". Dies führe nicht nur zu psycho-sozialen Entwurzlungserscheinungen, die "geistig-sittliche Not" (ebd.) mit sich brächten, auch "wirtschaftliche Not" (ebd.), Armut wird produziert. Denn: "Der wirtschaftliche Anhalt, den früher Familie und Arbeitsverhältnis dem Einzelnen in Zeiten persönlicher Schwierigkeiten boten, besteht oft nicht mehr" (ebd.). Hier seien nun "allgemeine Maßnahmen der Wohlfahrtspflege" (ebd.) notwendig, um die Lücke zu schließen, wie man sagen könnte, zwischen individuellen Hilfe-Notwendigkeiten und familiär-lebensweltlichen Hilfe-Möglichkeiten.

Wir können aber auch sehen, dass nicht nur wirtschaftliche Notlagen Soziale Arbeit nötig machen, sondern dass sämtliche Funktionssysteme Probleme produzieren, die sie selbst nicht mehr bearbeiten können, die sie in ihre Umwelt auslagern und die von der Sozialen Arbeit aufgegriffen werden. Dabei wird deutlich, dass diese Probleme so unlösbar miteinander verknüpft sind, wie die menschlichen Bedürfnisse selbst und daher die bereits mehrmals erwähnte Perspektive von Alice Salomon erfordern, nämlich an der "Einheit des Menschen" anzusetzen. Peter Fuchs und Dietrich Schneider (1995) meinen genau diese unlösbare Verknüpfung der von der Sozialen Arbeit zu bearbeitenden Probleme, wenn sie bezüglich des Funktionssystems Soziale Arbeit vom "Hauptmann-von-Köpenick-Syndrom" funktionaler Differenzierung sprechen. Denn bekanntlich kann die Figur von Carl Zuckmayer, der Hauptmann von Köpenick, sich polizeilich nicht anmelden, weil sie keine Arbeit hat, und Arbeit kann sie nur bekommen, wenn sie polizeilich gemeldet ist. Mit anderen Worten, der Ausschluss (die Exklusion, z.B. aus der Wirtschaft in Form von Arbeitslosigkeit) aus einem System führt zu weiteren Ausschlüssen, so dass die davon betroffenen Personen mehr oder minder stark aus weiteren Teilen der Gesellschaft ausgeschlossen werden: "Generalbeispiel ist hier, daß mangelnde Zahlungsmöglichkeiten Chancen aktiver Inklusion in fast allen Inklusionsdomänen [in fast allen Funktionssystemen; H.K.] mindern" (ebd., S. 209f.). Luhmann (1997, S. 630f.) formuliert diesen Effekt noch deutlicher, wenn er schreibt: "Denn die faktische Ausschließung aus einem Funktionssystem – keine Arbeit, kein Geldeinkommen, kein Ausweis, keine stabilen Intimbeziehungen, kein Zugang zu Verträgen und zu gerichtlichem Rechtsschutz, keine Möglichkeit, politische Wahlkampagnen von Karnevalveranstaltungen zu unterscheiden, Analphabetentum und medizinische wie auch ernährungsmäßige Unterversorgung – beschränkt das, was in anderen Systemen erreichbar ist und definiert mehr oder weniger große Teile der Bevölkerung, die häufig auch wohnmäßig separiert und damit unsichtbar gemacht werden". Auf die Möglichkeit solcher Exklusionslagen reagiert Soziale Arbeit; sie hat genau deshalb den Menschen in allen seinen Bezügen und Dimensionen im Blick. Soziale Arbeit versucht – gewissermaßen als Interdependenzunterbrecherin – zu verhindern, dass Menschen, die aus Funktionssystemen ausgeschlossen sind, zugleich vom Ausschluss aus anderen Systemen bedroht werden.

Zweitens resultiert die Entstehung der professionellen Sozialen Arbeit aus den Prozessen der Erodierung religiöser und moralischer Beweggründe und Möglichkeiten, effektiv und effizient soziale Hilfe zu leisten. In der Mitte und zum Ende des 19. Jahrhunderts zeigte sich, dass die Folgeprobleme der Modernisierung, insbesondere der Industrialisierung nicht mehr erfolgreich bearbeitbar waren, durch klassische, vormoderne moralisch oder religiös geleitete Hilfetätigkeiten innerhalb von Familien oder durch wenig institutionalisierte Ressourcenumverteilungen zwischen verschiedenen Schichten der Gesellschaft. Zum einen befreite der Säkularisierungsprozess die Menschen zunehmend von den religiös-moralischen Motivationen, Hilfe zu leisten, und zum anderen wurden – wie bereits erwähnt – die Familien durch Industrialisierung und Urbanisierung mit neuen Anforderungen (z.B. nach sozialer Flexibilität und örtlicher Mobilität) konfrontiert, die schließlich dazu führten, dass Familien nur noch äußerst beschränkt fähig waren, ihren hilfebedürftigen Mitgliedern soziale, emotionale und materielle Hilfe zu gewähren.

Diese beiden Tendenzen zusammenfassend, können wir formulieren: Die Soziale Arbeit ist ein Ergebnis der Ambivalenz, dass die gesellschaftliche Modernisierung nicht nur den gesellschaftlichen und individuellen Wohlstand oder die psycho-soziale Stabilität steigert, sondern dass sie auch gegensätzliche Tendenzen wie Massenarmut und psycho-soziale Probleme produziert.


 
 

2.2 Soziale Arbeit als Reaktion auf die Ambivalenzen professioneller Spezialisierung

Meine These lautet: Soziale Arbeit wird dann tätig, wenn andere Professionen nicht mehr oder noch nicht tätig werden können, wenn die Spezialisierung, die Zergliederung menschlicher Probleme in jeweils biologische, psychische oder soziale Dimensionen zu kurz greift, wenn kein (moderner) Entweder/oder-, sondern ein (postmoderner) Sowohl-Als-Auch-Blick gefordert ist. Soziale Arbeit tritt also offenbar dann auf den Plan, wie Wilhelm Klüsche (1994, S. 81) schreibt, "wenn das Repertoire der Experten anderer Fachrichtungen zur Problemlösung nicht ausreicht oder die Schwierigkeiten der Klienten zu komplex, nicht eindeutig faßbar oder zu langwierig sind. Man greift auf Sozialarbeiter/Sozialpädagogen zurück, um eine widersprüchliche, überfordernde, eben konflikthafte Situation anzugehen" (Klüsche 1994, S. 81).

Die spezialisierten Professionen sind äußerst rational in der Bearbeitung jeweiliger Spezialprobleme, sie sind aber offenbar nicht in der Lage, kumulierte Probleme, Probleme, die aus der Wechselwirkung biologischer, psychischer und sozialer Bedingungen resultieren, adäquat zu bearbeiten. Mit anderen Worten, spezialisierte Professionen produzieren ein Zuordnungsproblem; sie exkludieren, wenn die Zuordnung zu ihren speziellen Perspektiven nicht mehr möglich ist bzw. inkludieren erst gar nicht, wenn diese Zuordnung noch nicht möglich ist. Genau dies ist ein Ansatzpunkt von Sozialer Arbeit; sie thematisiert und bearbeitet Probleme, die die Einnahme einer generalistischen Doppelperspektive, einer Perspektive der Ambivalenz erfordern. Dies soll am Beispiel einer sozialarbeiterischen Methode, deutlich gemacht werden, und zwar anhand der Mediation (vgl. ausführlich dazu Kleve 2002).

Mediation wird dann notwendig, wenn soziale Konflikte, z.B. in Ehen/Partnerschaften/Familien, während der Trennung oder Scheidung, in Nachbarschaften, in Teams, in der Schule etc., weder psychologisch noch juristisch gelöst werden können. Gerichte verweisen beispielsweise streitende Ehepartner, die sich nicht über die Umgangsregeln bezüglich des gemeinsamen Kindes einigen können, an MediatorInnen. Denn derartige Konflikte verlangen die Einnahme einer Perspektive, die unterschiedliche professionelle Sprachen, Logiken und Denkweisen kombiniert; um eine derartige Kombination zu leisten, greift der spezialisierte juristische Blick, aber auch der spezialisierte psychologische Blick zu kurz, vielmehr sind hier besonders Diplom-SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen gefragt. Denn in der Mediation sind eindeutig sachbezogene (z.B. rechtliche, sozio-ökonomische) Dimensionen von Konflikten mit den psycho-sozialen, den emotionellen sowie den psycho- und beziehungsdynamischen Dimensionen von Konflikten zu koppeln. Was sozialarbeiterische Beratung schlechthin auszeichnet, nämlich der doppelte Fokus auf die sozio-ökonomischen, auf die sachlich sozial-strukturellen und auf die psycho-sozialen Facetten des Lebens, kennzeichnet auch die Mediation (siehe Übersicht 6).


 

Übersicht 6


 
Dimensionen der Sozialarbeiterischen Beratung und Mediation

sozio-ökonomische Dimension

psycho-soziale Dimension

sach- bzw. informationsorientiert

beziehungs- und/oder emotionsorientiert 

Erweiterung kognitiver Kompetenzen (Wissen)

Erweiterung sozialer, emotionaler Kompetenzen

professionelle Kompetenzen/Grundlagen u.a.:

Rechtskompetenz; Verwaltungs-/Management-/ Organisations-Kompetenz; sozialpolitische Kompetenz; Gemeinwesenkompetenz 

professionelle Kompetenzen/Grundlagen 
u.a.:

Gesprächsführungskompetenz; Adressatenkompetenz;


Kontextkompetenz; Konfliktfähigkeit; Selbsterfahrung/Selbstreflexion


 
 

Neben dieser generalistischen Perspektive ist Mediation eine lebensweltorientierte Methode und entspricht damit einer sozialarbeiterischen Grundorientierung (vgl. Thiersch 1992). Lebensweltorientiert ist Mediation deshalb, weil sie eine Alternative zum gerichtlich institutionalisierten, soziologisch gesprochen: zum funktionssystemisch aus den Lebenswelten ausgegliederten Verfahren der juristischen Streitregelung darstellt. Die Mediation ist gewissermaßen der Versuch, das, was im Zuge der Modernisierung der Gesellschaft aus den (privaten) Lebenswelten ausgelagert wurde (siehe ausführlich dazu Habermas 1981), nämlich die Regelung bestimmter Konflikte, durch funktionssystemische Gerichtsverfahren, wieder näher an die Lebenswelten heran zu holen. Während in Gerichtsverfahren sozusagen instrumentelle Kommunikationspraktiken (z.B. rechtlich begründete Entscheidungen der Richter) zum Tragen kommen, wird in der Mediation verständigungs- bzw. aushandlungsorientiert, kurz: dialogisch kommuniziert. Mit anderen Worten: In Gerichtsverfahren strukturiert das funktionssystemische Medium Recht das Verfahren, während in der Mediation ein zwar durch Soziale Arbeit vermitteltes, moderiertes, aber dennoch lebensweltliches Medium das Verfahren strukturiert: das Medium der alltäglichen, moralisch und normativ aufgeladenen Sprache.

Im Gegensatz zur gerichtlichen Konfliktregelung wird in der Mediation zur Streitbeilegung keine Entscheidung von einem Außenstehenden, sprich: von einem Richter, getroffen, sondern die Konfliktregelung wird von einem Mediator (bestenfalls) so strukturiert, dass die Streitparteien selbst in die Lage versetzt werden, eine einvernehmliche Vereinbarung zur Konfliktlösung zu erarbeiten. Während das Gerichtsverfahren gewissermaßen lebensweltdistanzierte Strukturen und dementsprechendes Expertenwissen voraussetzt, nämlich die richterliche Kenntnis von Gesetzen zur Urteilsverkündung, geht die Mediation von den Selbstorganisationspotentialen der Streitenden aus, die allerdings in einem – zwar dem funktionssystemischen Kontext der Sozialen Arbeit angehörenden, aber dennoch: lebensweltnahen Moderationsverfahren konstruktiv begleitet werden.

Zusammenfassend gesagt: Soziale Arbeit ist ein Ergebnis der Ambivalenz, dass die klassischen Professionen mit ihrer Spezialisierung zwar bestimmte, und zwar klar und eindeutig biologisch, psychisch oder sozial beschreibbare Probleme effektiv und effizient bearbeiten können, aber überall dort, wo die Einnahme einer mehrdeutigen, einer Ambivalenzperspektive nötig ist, in der Regel versagen. Genau hier ist Soziale Arbeit "als generalistisches Expertentum" (Klüsche 1994, S. 86) gefragt.


 
 

3. Ambivalenz der Wissenschaft und Theorie Sozialer Arbeit

Was für eine Wissenschaft braucht nun eine professionelle Soziale Arbeit, die auf die Ambivalenz der Moderne reagiert und sich daher selbst als ambivalente, mehrdeutige Profession zu erkennen gibt? Diese Frage will ich schließlich aus einer postmodernen Perspektive beantworten. Meine These ist, dass die Wissenschaft und Theorie der Sozialen Arbeit ausgehend von der sozialarbeiterischen Praxis ebenfalls nur ambivalent und mehrdeutig, nämlich transdisziplinär und zwischen Theorie und Praxis stehend konstituiert sein kann.

In der Betrachtung der Theorie-Geschichte Sozialer Arbeit zeigt sich, dass die wissenschaftlichen und theoretischen Versuche Sozialer Arbeit bereits seit ihren Anfängen den modernen Postulaten nach Differenzierung und Spezialisierung zuwiderliefen. Dies wird etwa von Silvia Staub-Bernasconi (1995, S. 49ff.) am Beispiel der Sozialarbeiterin und -wissenschaftlerin Jane Addams beschrieben. Moderne Wissenschaft fordert die klare Trennung zwischen Theorie und Praxis; diese Trennung ist in der Sozialen Arbeit nicht möglich. Und so hat in Jane Addams’ praktischer Arbeit und in ihren Schriften das "Schisma zwischen Denken und Handeln, Theorie und Praxis, zwischen Philosophie, Ethik und Politik" (ebd., S. 50) nicht stattgefunden. In einer modernen wissenschaftlichen Orientierung, die Eindeutigkeit, Ausblendung der Ambivalenz anstrebt, war es jedoch nicht möglich, eine solche Orientierung universitär zu etablieren: "Das, was hier eng zusammengehörte, nämlich Individuum und Gesellschaft, Gefühl, soziale Empathie und Rationalität, Wissenschaft, Wertbezug und Praxis auf allen sozialen Ebenen einer Gesellschaft – kurz: Liebe, Macht und Erkenntnis – musste auseinandergerissen, isoliert, domestiziert und mithin unschädlich gemacht werden" (ebd., S. 36). Wie dies konkret in Chicago mit der Arbeit von Jane Addams geschah, verdeutlicht Staub-Bernasconi (ebd., S. 36ff.) in vier Schritten:

Erstens zeigt sie, dass an der Universität in Chicago patriarchalische Machtstrukturen dazu führten, eine nach Geschlechtern differenzierte sozialwissenschaftliche Ausbildung zu etablieren, es kam zu einer "geschlechterhierarchischen Arbeitsteilung" (ebd.), kurz: die Männer sollten wissenschaftliche Theorie und die Frauen die praktische Arbeit machen. Zweitens wurde Jane Addams’ systemisch orientierte Sozialökologie vom biologistisch orientierten Konzept der Humanökologie der Chicago-Soziologie verdrängt; denn jenes Konzept lag quer zu den Interessen der Machthaber, es erlaubte keine Legitimierung der kapitalistischen und hierarchischen Differenzierung der Gesellschaft, während dieses Konzept genau diese Ordnung zu legitimieren versuchte. Drittens widersetzte sich Jane Addams Wissenschaftsverständnis der eindeutigen Trennung von reiner und angewandter Theorie und Wissenschaft. Ihre theoretischen Bemühungen dienten genauso einer Praxis, die wir weiter oben mit Timm Kunstreich als pro-aktive Soziale Arbeit bezeichnet haben. Viertens waren in Jane Addams’ Ansatz Werte und Theorien miteinander verknüpft, wurde in diesem Konzept nicht differenziert zwischen wertfreier Theorie, Werten und wertbezogener Praxis; vielmehr hatte auch das Theoretisieren Werte der sozialen Praxis im Blick, nämlich – mit Kunstreich (1997, S. 111) gesprochen: Aktivierung, Solidarisierung und Selbstregulation.

Wollte eine Theorie, eine wissenschaftliche Orientierung akademisch anerkannt werden, dann musste sie allerdings die beschriebenen Ebenen – etwa Theorie und Praxis, reine Theorie und angewandte Theorie sowie Werte und Theorien – trennen, voneinander separieren. "Durch alle diese Separierungen entwickelten sich allmählich zwei Bereiche: Zwei Typen von Wissen, zwei Typen von Theorien, zwei Typen von Werthorizonten, zwei Typen von Praxis, zwei institutionelle Netzwerke und zwei Sets von Kolleginnen und Kollegen. Soziale Arbeit wurde zur weiblichen, Soziologie zur männlichen Profession" (Staub-Bernasconi 1995, S. 39).

Wenn wir uns nun aber von den modernen Postulaten nach Ambivalenzfreiheit, nach klarer Differenzierung und Trennung der Sphären verabschieden, dann ergeben sich völlig neuartige Perspektiven, dann kann das, was die Soziale Arbeit als Wissenschaft auszeichnet, völlig neu bewertet werden. Und genau eine solche Orientierung erlaubt der Postmodernismus, so Heinz Günter-Vester (1993, S. 31f.): "Anders als der Modernismus mit seiner Differenzierungsideologie, deren Auswüchse Schubladendenken, Berührungsängste und Vernichtung des Fremd- und Andersartigen sind, sieht der Postmodernismus in der Überschreitung und Überlappung von Differenzen etwas Positives, Begrüßenswertes. Der Modernismus hat einen Horror vor dem Eklektizismus, der Postmodernismus erhebt die Durchmischung von Unterschiedlichem zum kreativen Prinzip".

Dieses postmoderne Prinzip der Durchmischung und Grenzüberschreitung ist typisch für die Soziale Arbeit. Dies will ich im Folgenden am Beispiel der Theorie/Praxis-Differenz noch deutlicher zeigen; wobei zunächst die (moderne) Grenze zwischen Theorie und Praxis (3.1) und sodann die (postmoderne) Auflösung sowohl dieser Barriere als auch der Grenze zwischen den einzelnen Disziplinen in der Sozialarbeitswissenschaft deutlich gemacht werden soll (3.2).


 
 

3.1 Theorie/Praxis-Differenz

Die Praxis/Theorie-Unterscheidung wird durch die sozialstrukturelle funktionale Differenzierung gesellschaftlich verfestigt. Aus soziologischer Perspektive kann man nämlich sehen, dass (wissenschaftliche) Theorie und (professionelle) Praxis zwei operational verschiedenartig sich ausdifferenzierenden Sozialsystemen zugerechnet werden können (vgl. Stichweh 1992): die Theorie dem gesellschaftlichen Funktionssystem Wissenschaft und die Praxis den davon differenzierten anderen Funktionssystemen, etwa der Wirtschaft, der Politik, dem Recht, der Erziehung, der Religion oder eben der Sozialen Arbeit. In dieser sozialstrukturellen Differenzierung von Theorie und Praxis wird die Praxis üblicherweise als professionelle Praxis, als Profession bewertet, die das von der Wissenschaft durch Forschung und Theoriebildung bereitgestellte Wissen (lediglich) anwendet. Es wird also zwischen Wissenschafts- und Anwendungssystem unterschieden (vgl. Luhmann 1977).

In der soziologischen Betrachtung wird weiterhin deutlich, dass sich die jeweiligen wissenschaftlichen von den jeweiligen professionell-praktischen innersystemischen Orientierungsstrukturen und den darauf bezogenen Handlungs- und Kommunikationsprozessen grundsätzlich unterscheiden. "Man kann sagen: Wissenschaftssystem und Anwendungssystem haben je eigene Relationen zwischen Struktur und Prozeß ausdifferenziert" (ebd., S. 323). Diese differenten Ausdifferenzierungsbewegungen von wissenschaftlichen und professionell-praktischen Handlungs- und Kommunikationsprozessen werden beispielsweise zu fassen versucht, indem man Wissenschaft als eine Kommunikationsform begreift, die sich durch das Medium der ‘Wahrheit’ strukturiert, während die professionelle Praxis ihre Kommunikationen an dem Prinzip der ‘Wirksamkeit’ ausrichtet (vgl. Merten 1997, S. 113).

Diese je eigenen kommunikativen Bezüge machen eine einfache Interaktion zwischen Wissenschaft und Praxis unwahrscheinlich; es ist also zu kurz gegriffen, sich vorzustellen, die Praxis wende die Theorien an, die die Wissenschaft bereitstellt. Beide, Wissenschaft und Praxis, haben je eigene, je spezifische und differente Selektionskriterien, die das Handeln und Kommunizieren leiten, so dass wissenschaftliche Theorien in der Praxis (wenn überhaupt, dann nur) in einer von der Wissenschaft nicht determinierbaren Weise verwendet werden. Systemtheoretisch formuliert, Wissenschaft und Praxis gehören zwei miteinander zwar strukturell gekoppelten, aber operational differenten Systemen an, die ihre Umwelten nach jeweils anderen (eigenen) Kriterien beobachten und dementsprechend die jeweiligen Umweltkomplexitäten anders (eigenständig) reduzieren.

Am anschaulichsten wird die Differenz zwischen Wissenschafts- und Anwendungssystem freilich vor allem, wenn man die unterschiedlichen organisatorischen Mitgliedschaften, Rollen und Personen betrachtet, denen wissenschaftliche bzw. professionell-praktische Kommunikationen als Handlungen zugerechnet werden; die einen, die Wissenschaftler/innen, arbeiten an den Hochschulen, die anderen, die professionellen Praktiker/innen, in den verschiedensten Organisationen etwa der Sozialen Arbeit.

Speziell in der Sozialen Arbeit haben wir es allerdings mit einer ganz besonderen organisatorischen Form innerhalb der wissenschaftssystemischen Ausdifferenzierung zu tun, nämlich mit den Fachhochschulen. Fachhochschulen sind aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihres besonderen Auftrags, nämlich in erster Linie wissenschaftlich gebildete Praktiker/innen und in zweiter Linie praktisch versierte Wissenschaftler/innen auszubilden, wissenschafts- und forschungspolitisch explizit abgegrenzt von Universitäten oder anderen Hochschulen. Obwohl Fachhochschulen wissenschaftliche Einrichtungen sind, lassen sie sich m.E. dennoch nicht klar dem binären Schema Wissenschafts-/ Anwendungssystem unterordnen. Denn sie nehmen gewissermaßen eine ambivalente Zwischenstellung ein, eine Stellung zwischen Wissenschafts- und Anwendungssystem. Insbesondere die Sozialarbeit, die als Diplomstudiengang, anders als alle anderen Studiengänge in der BRD, lediglich an den Fachhochschulen vertreten ist, lässt sich als ein im höchsten Maße ambivalentes Konstrukt betrachten (siehe Übersicht 7).


 

Übersicht 7


 
Theorie

Praxis

Disziplin

Profession

Wissenschaftssystem

Anwendungssystem

"Wahrheit" als Medium

"Wirksamkeit"/"Angemessenheit" als Medium

Fachhochschulen als ambivalente Orte zwischen Theorie und Praxis


 
 

Diese ambivalente Zwischenstellung der Sozialen Arbeit in den Feldern von Theorie und Praxis, die es ausgesprochen schwer macht, zwischen sozialarbeiterischer Disziplin und Profession klar zu unterscheiden, die mithin die jeweils orientierenden Selektionskriterien (s.o.) von Wissenschaft und Praxis geradezu ununterscheidbar werden lässt, bietet einen fruchtbaren Boden, um erfolgreiche Theorie-Praxen und Praxis-Theorien in der Sozialen Arbeit zu konstruieren.


 
 

3.2 Theorie/Praxis- und Disziplin-Überschreitung

Soziale Arbeit entzieht sich allen klaren Differenzierungen zwischen Wissenschaft und Praxis; und dies in zweifacher Hinsicht: zum einen ist es ihr bisher – zumindest in Deutschland – nicht vergönnt gewesen, in den Reigen der klassischen modernen, an der Universität vertretenen wissenschaftlichen Disziplinen aufgenommen zu werden, zum anderen sprengt sie jegliche wissenschaftliche Disziplingrenzen, da sie nicht erst aus modischen Erwägungen in den letzten Jahren, sondern seit ihrer Ausdifferenzierung als Ausbildungsdisziplin Inter-, Multi- und Transdiziplinarität benötigt und postuliert (vgl. Kopperschmidt 1996). In diesem Sinne passt Soziale Arbeit nicht hinein in die klassischen, modernen Schemata; vielmehr könnte man davon sprechen, dass Soziale Arbeit eine postmoderne Disziplin und Profession ist.

Soziale Arbeit ist nicht fassbar mit den hergebrachten, auf Identität und Ordnung ausgerichteten Konzepten von Disziplin und Profession. Die Heterogenität und Pluralität, die Ambivalenz des gesellschaftlichen Einsatzes Sozialer Arbeit, die – wie wir gesehen haben – für die Bearbeitung der Ambivalenzen der funktionalen Differenzierung und der professionellen Spezialisierung zuständig ist, sprengt und überschreitet jede human- und sozialwissenschaftliche professionelle und disziplinäre Grenze. Nicht nur professionell, sondern auch wissenschaftlich bezieht sich Soziale Arbeit daher auf die biologischen und psychischen und sozialen Ebenen des Menschlichen und muss daher aus den unterschiedlichen Human- und Sozialwissenschaften Wissen integrieren (siehe die folgende Übersicht 8 auf S. 25).

Die Sozialarbeitswissenschaft muss jedoch bei der wissenschaftstheoretischen Begründung ihrer ambivalenten Stellung zwischen Theorie und Praxis und zwischen den Disziplinen nicht bei Null anfangen, sondern könnte sich insbesondere an zwei Diskurse anschließen: an den Diskurs der Transdiziplinarität postmoderner Wissenschaften (3.2.1) und an die Systemtheorie (3.2.2).


 
 

3.2.1 Transdisziplinarität als postmodernes Wissenschaftspostulat

Hier sollen insbesondere die Ansätze zu transdisziplinären Konzepten von Richard Münch (1995) und Wolfgang Welsch (1996) angeführt werden. Beide Konzepte lassen sich besonders deutlich auf die Konstitution der wissenschaftlichen Sozialen Arbeit übertragen. Mit Münch (1995, insb. S. 145ff.) lässt sich das Sozialarbeitsstudium besonders wegen seiner zweifachen Mittlerrolle – erstens – zwischen Theorie und Praxis und – zweitens – zwischen den unterschiedlichen Disziplinen als ein transdisziplinärer Studiengang beschreiben. Denn derartige Studiengänge "widersprechen den ehrwürdigen Prinzipien der Wissenschaften und der Praxis, weil sie zwischen ihnen liegen. Sie scheinen der zwangsläufigen Ausdifferenzierung von immer neuen Teildisziplinen und der beruflichen Spezialisierung entgegenzulaufen" (ebd., S. 146). Dies sei allerdings nur die vordergründige Beobachtung, denn hintergründig "handelt es sich um Studiengänge, die einerseits eine Marktlücke schließen und so das Spektrum der Berufe um den neuen Beruf des Moderators erweitern und andererseits dem Wissen einzelner wissenschaftlicher Disziplinen das langsam zu erarbeitende Wissen über Möglichkeiten ihrer Verknüpfung hinzufügen" (ebd.; Hervorhebung von mir; H.K.). Damit wird im Prinzip das zuvor spezifizierte Aufgabenfeld der Sozialarbeitswissenschaft umschrieben, die es sich zur Aufgabe machen könnte, ein neues, ein besonderes Spezialwissen zu konstruieren, "dessen Spezifikum in der Verknüpfung von anderem Spezialwissen besteht" (ebd.).

Übersicht 8


 
Dimensionen der Theorie Sozialer Arbeit

Biologisches 

Psychisches

Soziales

Körperliche Bedürfnisse

...und alle damit zusammen hängenden Fragen der körperlichen (gesundheitlichen) Entwicklung 

Psychische Bedürfnisse

...und alle damit zusammen hängenden Fragen der psychischen und emotionalen Entwicklung 

Soziale Bedürfnisse

...und alle damit zusammen hängenden Fragen der sozialen Entwicklung und Einbindung (Inklusion, Integration) 

Medizin

Biologie

Ökologie

etc.


 
 

 

Psychologie

Pädagogik (Erziehungswissenschaft)

Psychiatrie

etc.

 

Sozialwissenschaften/Soziologie

Jurisprudenz

Politologie

Ökonomie

(Betriebs- und Volkswirtschaftslehre)

etc. 

Philosophie / Ethik / Theologie / Wissenschaftstheorie


der Sozialen Arbeit/Hilfe

Transdisziplinarität der Sozialarbeitswissenschaft


... Verknüpfung des Spezialwissens aus den Bezugswissenschaften


 
 

Obwohl sich Münch freilich nicht eigens auf eine Sozialarbeitswissenschaft bezieht, wenn er von neuen transdisziplinären Studiengängen spricht, die die Studiengänge der Zukunft sein könnten, dann fällt dennoch ins Auge, dass seine grundsätzlichen Ausführungen präzis die Situation des sozialarbeiterischen Studiums an Fachhochschulen umschreiben; dazu zwei Beispiele – erstens: Auf der einen Seite ist ein wesentlicher Aspekt dieser Studiengänge eine besondere Qualität der Studierenden, die nämlich bereits häufig über ausgewiesene Praxiserfahrungen verfügen oder neben dem Studium in der Praxis tätig sind (vgl. ebd., S. 142ff.). Auf der anderen Seite sind die "Praxisanteile der neuen transdisziplinären Studiengänge [...] von elementarer Bedeutung für deren Erfolg, weil nur auf diesem Wege das Berufsfeld erschlossen und das dafür erforderliche praktische Wissen mitsamt der praktischen Vermittlung zwischen dem Wissen verschiedener Disziplinen an die Studierenden vermittelt werden kann" (ebd., S. 147). Zweitens: Die transdisziplinären Studiengänge bestehen aus "Anteilen von Lehrveranstaltungen zu bestimmten Problemstellungen, zu denen mehrere Disziplinen einen Beitrag leisten, Seminare mit Dozenten aus mehreren Fachdisziplinen, die in der Lehre exemplarisch so zusammenarbeiten, wie es in der Praxis selbst erforderlich ist" (ebd.). Die Koordination dieser interdisziplinären Forschung und Lehre (z.B. im Projektstudium) hätte im Falle der Sozialarbeit die Sozialarbeitswissenschaft zu leisten, die dafür sorgt, dass das interdisziplinär erarbeitete sozialarbeiterische Wissen transdisziplinär reflektiert, verbunden und systematisiert wird.

Dass eine derartige Mittlerrolle zwischen verschiedenen Disziplinen durch die Sozialarbeitswissenschaft überhaupt gelingen kann und nicht an der Inkommensurabilität (Unvergleichbarkeit) disziplinären Wissens scheitert, lässt sich mit Welsch (1996, insb., S. 946ff.) verdeutlichen. Denn aus der postmodernen Perspektive, die sowohl die Differenz als auch die Einheit, sowohl die Independenz (Unabhängigkeit) als auch die Interdependenz (Abhängigkeit) etwa von disziplinären wissenschaftlichen Rationalitäten plausibilisiert, wird erkennbar, dass "Disziplinen [...] nicht durch einen ‘Kern’ konstituiert [sind], sondern um netzartige Knoten [...]" (ebd., S. 947). Besonders die Aufgabe einer Sozialarbeitswissenschaft läge nun darin, die "Stränge" (ebd.) und die "Verbindungslinien" (ebd.) der relevanten Disziplinen auszuarbeiten und zu verfolgen. Wenn dies gelänge dann wird man Sozialarbeitswissenschaft selbst nicht anders als transdisziplinär beschreiben können (vgl. dazu auch Kopperschmidt 1996).

Welsch betont überdies, dass ein Übergang zur Transdisziplinarität weitreichende wissenschaftspolitische Folgen hätte: "Forschungsinstitutionen und Universitäten hätten das Feld des Wissens nicht mehr nach territorialen Herrschaftsbereichen, Dominien, Disziplinen, Fächern zu gliedern, sondern hätten Transdisziplinarität zum Strukturprinzip zu erheben. Die faktisch transdisziplinäre Verfassung der disziplinären Gehalte wäre von Anfang zur Geltung zu bringen" (Welsch 1996, S. 947).

Diese transdisziplinäre Verfassung lässt sich bezüglich der Sozialen Arbeit bereits latent beobachten, sie muss sich nur noch sozial-kommunikativ manifestieren – und zwar durch die institutionelle Verankerung der Sozialarbeitswissenschaft als die Koordinationswissenschaft der interdisziplinären Zugänge auf soziale Probleme, die die Interdisziplinarität erst zum transdisziplinären Verbindungswissen transformiert.


 
 

3.2.2 Systemtheorie als transdisziplinäres Basiskonzept

Schon früh hat sich die Soziale Arbeit an systemtheoretischen Konzepten orientiert (siehe zu den Entwicklungslinien Hollstein-Brinkmann 1993). Wie keine andere wissenschaftstheoretische Orientierung erlaubt die Systemtheorie offenbar etwas, was die Soziale Arbeit als Wissenschaft benötigt, nämlich einen Blick, der die Disziplingrenzen sprengt und – mit Alice Salomon gesprochen – die "Einheit des Menschen" in den Fokus zu rücken. In der Sozialen Arbeit finden unterschiedliche systemtheoretische Orientierungen ihre Anwendung (siehe Merten 2000; Staub-Bernasconi 1995); ich beziehe mich hier auf die Theorie selbstreferentieller Systeme von Niklas Luhmann (1984; 1997).

Wie andere Systemtheorien auch, erlaubt diese Theorie das, was die Sozialarbeitswissenschaft benötigt, nämlich heterogene, aber zusammen hängende Ebenen des Menschlichen, eben Organismus (biologisches System), Psyche (psychisches System) und soziales System (Interaktion, Organisation, Funktionssystem, Gesellschaft), mit homogenen Begriffen zu beschreiben und bietet der Sozialarbeit damit ein Instrumentarium an, das Verschiedenartiges transdisziplinär vergleichbar und verbindbar darzustellen und zu systematisieren vermag. Da ich bereits mehrfach an anderen Stellen versucht habe zu zeigen, wie die Systemtheorie diesbezüglich einsetzbar ist (siehe etwa Kleve 1999; 2000, insb. S. 179ff.), soll hier der Begriffsapparat systemtheoretisch-konstruktivistischen Denkens nicht noch einmal eigens expliziert werden. Dennoch soll knapp die wissenschaftstheoretische Methode der Systemtheorie vorgestellt werden, die es erlaubt, grundsätzlich Verschiedenartiges nach einheitlichen, nämlich nach funktionalen Kriterien zu betrachten: die funktionale Analyse.

Die Methode der funktionalen Analyse erlaubt es, verschiedenartige Systeme unter dem Fokus der Funktionalität zu beobachten. Funktionalität heißt in diesem Zusammenhang, dass ein System oder spezifische Systemzustände von Organismen, Psychen und Sozialsystemen strukturelle Lösungen von funktionalen systemischen Anforderungen bzw. Problemen sind. Die Funktionalanalyse geht davon aus, dass die strukturellen Lösungen von funktionalen Systemproblemen selbst zum Problem werden können und dass es daher den Einsatz von alternativen, von funktional äquivalenten strukturellen Lösungen bedarf. Diesbezüglich wird Vorhandenes als kontingent, als auch anders möglich betrachtet und Verschiedenes als vergleichbar. Die Frage bei einer funktionalen Systemanalyse bezieht sich darauf zu ermitteln, erstens: auf welche ‘Fragen’ reale Zustände eine ‘Antwort’, auf welche Probleme sie eine Lösung sind und zweitens: welche alternativen ‘Antworten’ diese ‘Fragen’ ebenfalls beantworten, bzw. welche funktional äquivalenten Lösungen bezüglich der funktionalen Probleme ebenfalls möglich sind.

Obwohl die Funktionalanalyse eher professionell, mithin bei der praktischen Lösung von sozialen Problemen hilfreich sein kann, eröffnet sie insbesondere auch einer Wissenschaft den Blick auf das Gemeinsame des Verschiedenen, "die sich nicht auf die akademischen Richtungskämpfe beschränken [kann]" (Mühlum/Bartholomeyczik/Göpel 1997, S. 241): nämlich der Sozialarbeitswissenschaft. Wenn diese Wissenschaft nun eine eigenständige Leistung vollbringen will, dann müsste ihre "eigentliche Bedeutung", so ist Albert Mühlum (ebd.) schließlich zuzustimmen, statt "in der weiteren Differenzierung (als Einzelwissenschaft) [...] in ihrer Integrationsleistung liegen, ob als ‘Integrationswissenschaft’, ‘transdisziplinäre Wissenschaft’ oder ‘Querschnittswissenschaft’ [...]". Ich optiere für Soziale Arbeit als transdisziplinäre Wissenschaft, als Wissenschaft zwischen Theorie und Praxis und zwischen den (Bezugs-) Disziplinen.


 
 

Literatur:

Bardmann, Theodor M. (1996): Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft. Sozialarbeit im Lichte der Kybernetik des Heinz von Foerster, in: ders.; Hansen, S.: Die Kybernetik der Sozialarbeit. Ein Theorieangebot. Aachen: Kersting: S. 15-33

Bauman, Zygmunt (1991): Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Frankfurt/M.: Fischer (1995)

Berg, Insoo Kim (1991): Familien-Zusammenhalt(en). Ein kurz-therapeutisches und lösungs-orientiertes Arbeitsbuch. Dortmund: modernes lernen (1992)

Fuchs, Peter; Schneider Dietrich (1995): Das Hauptmann-von-Köpenick-Syndrom. Überlegungen zur Zukunft funktionaler Differenzierung, in: Soziale Systeme, Heft 2/95: S. 203-224

Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung und Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankfurt/M.: Suhrkamp

Hering, Sabine; Münchmeier, Richard (2000): Geschichte der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Juventa: Weinheim/München

Hollstein-Brinkmann, Heino (1993): Soziale Arbeit und Systemtheorien. Freiburg/Br.: Lambertus

Kleve, Heiko (1999): Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft. Aachen: Kersting

Kleve, Heiko (2000): Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften. Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit. Freiburg/Br.: Lambertus

Kleve, Heiko (2002): Mediation. Eine systemische Methode Sozialer Arbeit, erscheint in: Pfeifer-Schaupp, Hans-Ulrich (Hrsg.): Systemische Methoden in der Sozialen Arbeit. Freiburg/Br.: Lambertus

Klüsche, Wilhelm (1994): Befähigung zur Konfliktbewältigung – ein identitätsstiftendes Merkmal für SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen, in: ders. (Hrsg.): Professionelle Identitäten in der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik. Anstöße, Herausforderungen und Rahmenbedingungen im Prozeß der Entwicklung eines beruflichen Selbstverständnisses. Aachen: FHN: S. 75-109

Kopperschmidt, Josef (1996): Inter-, Multi-, Transdisziplinarität oder: Wie professionalisiert man für eine Profession ohne Eigenschaften?, in: Braun, M. (Hrsg.): Der "Modellstudiengang Mönchengladbach" des Fachbereichs Sozialwesen der Fachhochschule Niederrhein. Realisierungen, Rezeptionen, Reflexionen. Mönchengladbach: FHN: S. 387-400

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Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: 22. September 2002


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