Hans-Christoph Vogel

Special (September 2002)


zum 60. Geburtstag


Der Horoskop-Effekt systemischer Skulptur- und Aufstellungsarbeit

von Heiko Kleve

Wer hat nicht schon einmal aus skeptischer, aber interessierter und offener Neugierde in einer Zeitung das aktuelle Horoskop für sein Sternzeichen gelesen und musste dann mit Erstaunen feststellen, dass es ja tatsächlich auf seine derzeitige Situation zutrifft. Im Folgenden vertrete ich die These, dass systemische Skulpturen und Aufstellungen genauso wirken wie Horoskope: wenn ich sie mit interessierter Offenheit und Neugierde auf mich wirken lasse, werden sie mir mit Sicherheit etwas Sinnvolles über mein Leben, meine derzeitige Problemsituation und auch über mögliche Auswege aus den derzeitigen Schwierigkeiten sagen können.

Ich will damit eine Antwort auf eine Frage zu geben versuchen, die sich viele verblüffte Teilnehmerinnen und Teilnehmer von familientherapeutischen Veranstaltungen stellen, wenn sie merken, dass die mit in der Regel fremden Personen aufgestellten Familienskulpturen etwas Sinnvolles und Passendes über sie aussagen: Wie kann das denn sein? Das kann sein, so meine Antwort, weil hier der Horoskop-Effekt wirkt.

Wir benötigen für diese Erfahrungen mit Skulpturen und Aufstellungen nicht die Erklärung der großen Familienseele, die uns Bert Hellinger gibt, mit der alle verstorbenen und lebenden Familienmitglieder in Verbindung stehen würden und die auch Einfluss habe auf Aufstellungen und Skulpturen mit fremden Personen, die vom Klienten zur Aufstellung seiner Familie ausgesucht werden. Des Rätsels Lösung muss nicht spirituell sein, sondern könnte genauso gut etwas zu tun haben mit drei Voraussetzungen, die ich etwas ausführlicher erläutern will: (1) mit der Konstruktion und Unabschließbarkeit von Sinn und von Sinnverstehen, (2) mit der Beziehung des Klienten zum Therapeuten und schließlich (3) mit der Bereitschaft des Klienten, die Aussagen der teilnehmenden Personen im Rahmen seiner Familiensituation zu deuten.


(1) Die Konstruktion und Unabschließbarkeit von Sinn und Sinnverstehen:

Die klassische Lehre vom Verstehen, die Hermeneutik, geht davon aus, dass Verstehen wie das Übergeben von Botschaften abläuft, die abschließend, also ein für alle mal richtig gedeutet werden können.[1] Wenn wir uns den Begriff Hermeneutik anschauen, denn können wir bemerken, dass diese beiden Bedeutungen, die Botschaftsübergabe und die Abschließbarkeit der Botschaft im Begriff selbst enthalten sind. Zum einen können wir das Wort Hermeneutik auf Hermes, auf den Götterboten aus der griechischen Mythologie zurück führen; und zum anderen lässt sich Hermeneutik auch mit etwas in Verbindung bringen, das hermetisch, also abgeschlossen ist.

Diese Auffassung von Hermeneutik als ein Sinnverstehen, das abschließbare Botschaften ernten will, löst sich spätestens mit der postmodernen Hermeneutik(kritik) Jacques Derridas auf. Mit Derrida können wir sagen, dass Hermeneutik der Form der différance entspricht.[2] Demnach ist Sinnverstehen ein permanentes Neuarrangieren von Unterschieden, und zwar in sozialer, zeitlicher und sachlicher Hinsicht. Verstehen ist in einem steten Fluss. Und wir wissen aus den asiatischen Weisheitslehren, dass wir in den selben Fluss niemals zweimal steigen können. Sinnverstehen ist davon abhängig, wer versteht (Sozialdimension), wann verstanden wird (Zeitdimension) und was in welchem Kontext verstanden wird (Sachdimension). Das Selbe (z.B. ein Buch, ein Wort etc.) kann daher – in Abhängigkeit von den verstehenden Personen, der Zeit und dem Verstehenskontext – immer wieder anders verstanden werden, so dass es genau genommen niemals das Selbe bleibt, sondern höchstens noch das Gleiche bleiben kann.

Endgültiges Verstehen muss auf eine niemals erreichbare Zukunft hin aufgeschoben werden, bleibt also unmöglich. Wie ein Horizont, der sich verschiebt, wenn wir ihn erreichen wollen, verschiebt sich das Verstehen in Richtung neuer Möglichkeiten, wenn wir es abschließen wollen. Verstehen ist möglich, aber immer nur unter der Prämisse der Kontingenz, d.h. dass es in Relation zu den Personen, die verstehen wollen, zu den Zeiten, in denen verstanden wird und zu den Verstehenskontexten und -motiven immer auch anders möglich wäre.

Wenn wir dies konstatieren, annehmen und voraussetzen können, dann hängt Verstehen mehr mit denjenigen zusammen, die verstehen wollen, als mit dem Sachverhalt, der verstanden werden soll. Mit einer etwas technischeren Formulierung könnten wir auch sagen: Verstehen wird vom Empfänger und nicht vom Sender und schon gar nicht vom Referenten (vom "Objekt" des Verstehens) bestimmt. Verstehen ist ein Akt der Selbstreferenz.

Wenn wir dies wissen, dann wird schon verständlicher, warum Horoskope "Wahrheiten" über uns sagen können: Denn wir sind selbst die Konstrukteure dieser "Wahrheiten". Wir benutzen das Horoskop als ein Medium, in das wir unsere Bedeutungen hinein schreiben. Als ein solches Medium, in das die Klienten ihre Bedeutungen hinein schreiben, hinein interpretieren, hinein tragen, hinein imaginieren sehe ich auch systemische Skulpturen und Familienaufstellungen.


(2) Therapeut-Klient-Beziehung:

Damit der Klient für ihn sinnvolle Bedeutungen mit Hilfe des Mediums Skulptur oder Aufstellung konstruieren kann, muss zweifellos eine Grundvoraussetzung jeder therapeutischen und sozialarbeiterischen Beziehung erfüllt sein: die Beziehung zwischen Therapeut und Klient muss erstens von Sympathie, Offenheit und Akzeptanz sowie zweitens von Komplementarität gekennzeichnet sein.

In diesem Zusammenhang kommt zweierlei zum Tragen, was wir bei Paul Watzlawick (1969) nachlesen können: zum einen, was mit der Unterscheidung von kommunikativen Beziehungs- und Inhaltsaspekten markiert und zum anderen, was als komplementäre Kommunikation bezeichnet werden kann.[3] Wir können demnach davon ausgehen, dass die Art und Weise, die Qualität der Beziehung der Kommunikationsteilnehmer zueinander bestimmt, ob und wie die Inhalte der Kommunikationen angenommen, ja gedeutet, interpretiert, kurz: verstanden werden können. Wenn die Beziehung von Sympathie, Offenheit und Akzeptanz kennzeichnet ist, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Annahme der Kommunikationsangebote, es kommt zu wechselseitigen Bestätigungen der jeweiligen Kommunikationsinhalte, was wiederum zurück wirkt auf die Gestaltung der Beziehung; der sympathische, offene, akzeptierende Charakter der Beziehung kann bestätigt, bestärkt, weiter ausgebaut werden. Und ein Zweites kommt, wie erwähnt, hinzu: wenn neben den zuerst genannten Bedingungen die Beziehung von Klient und Therapeut von Komplementarität, also von der Annahme des Rollenunterschieds Laie (Klient) und Experte (Therapeut) gekennzeichnet ist, dann sind alle Türen geöffnet, damit der Klient das, was der Therapeut und die anderen "Mitspieler" der Skulptur oder Aufstellung sagen, so verstehen kann, dass es etwas aussagt über sein Familienleben, seine Probleme und über eventuelle Auswege aus diesen.


(3) Deutung der Therapeuten- und Beteiligten-Aussagen im Kontext der Familien- und Problemsituation:

Schließlich ist es vielleicht fast überflüssig zu betonen, dass das erfolgreiche Verstehen der Ergebnisse der Skulptur- und Aufstellungsarbeit durch den Klienten von der Bereitschaft desselben abhängt, die Aussagen des Therapeuten und der anderen beteiligten Personen innerhalb des Rahmens, des Kontextes seiner eigenen Familien- bzw. Problemsituation zu deuten. Wenn der Klient von vornherein oder im Laufe der therapeutischen Arbeit erwartet, dass ihm durch die Skulptur oder Aufstellung etwas Relevantes über sein Familienleben gesagt werden kann, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass er auch etwas hören, verstehen wird, das von ihm genau so gesehen werden kann. Auf der anderen Seite heißt das dann aber auch, dass Personen, die dieser Methode äußerst skeptisch gegenüberstehen, sie etwa nicht ernst nehmen können, sie innerlich vielleicht völlig ablehnen, aller Wahrscheinlichkeit nach kein oder kaum Verstehen aufbringen können, um die Aussagen der Teilnehmer so zu deuten, dass sie passend sind, um die Familien- oder Problemsituation konstruktiv anzugehen.

Wenn es aber erst einmal erreicht wurde, dass der Klient seinen eigenen Familien- oder Problemkontext in der Skulptur wieder erkennt, besser: dort hinein versteht, hinein interpretiert, dann ist das Medium Skulptur eine wunderbare und äußerst hilfreiche Möglichkeit, um Familien- oder Problemsituationen zu modellieren. Die besondere Brauchbarkeit der Skulpturarbeit kommt vor allem dadurch zum Tragen, dass etwas durch gefühlsbegabte Menschen, die lachen, weinen und wüten können, simuliert werden kann, was sonst gemeinhin lediglich sprachlich konstruiert wird: ein konkretes Familienleben mit seinen Problemen und Ressourcen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer wichtigen Voraussetzung für erfolgreiche Therapien und Beratungen, dass nämlich gefühlsbesetzte und gefühlsinduzierende Erfahrensräume entstehen, innerhalb derer Klienten an ihrem Erleben, genauer: an ihrem Fühlen, Denken und Verstehen "arbeiten" können.

Heiko Kleve


Anmerkungen:

[1] Vgl. Jochen Hörisch (1998): Die Wut des Verstehens. Zur Kritik der Hermeneutik. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

[2] Vgl. Jacques Derrida (1988): Die différance, in: Engelmann, P. (Hrsg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart: Reclam: S. 76-113.

[3] Paul Watzlawick u.a. (1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Huber.


Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: 22. September 2002


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