Thesen zur Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit und Postmodernisierung der Gesellschaft

von Heiko Kleve (Februar 2003)

Ausgangsthese:
Aktuelle Theorie- und Methodenansätze Sozialer Arbeit, die mit dem Sammelbegriff 'lebensweltorientiert' bezeichnet werden können, sind Ausdruck für gesellschaftliche Wandlungsprozesse der Postmodernisierung.

Diese These soll in zwei Schritten belegt werden: Im ersten Schritt sollen vier zentrale sozialpädagogische Theoriepositionen, die von einer Lebensweltorientierung ausgehen, benannt und knapp umschrieben werden. Im zweiten Schritt werden fünf gesellschaftliche Postmodernisierungs-Prozesse benannt und beschrieben sowie gezeigt, wie diese mit den zuvor dargestellten sozialpädagogischen Theoriepositionen verflochten sind.

I. Lebensweltorientierung

Mit 'Lebensweltorientierung' ist ein allgemeines Strukturmerkmal sozialpädagogischer Theorien und nicht lediglich die sozialpädagogische Theorie von Hans Thiersch gemeint, die gemeinhin mit dem Titel 'lebensweltorientiert' versehen wird. Allerdings hat Thiersch mit seinem Konzept der Lebensweltorientierung bereits Ende der siebziger Jahre einen Trend in der sozialpädagogischen Theoriebildung vorweggenommen, der besonders in den 1990er Jahren in Theorien Sozialer Arbeit strukturbildend wurde.

Lebensweltorientierung bedeutet demnach in der Sozialpädagogik: das Einlassen auf die eigensinnigen Erfahrungen der AdressatInnen Sozialer Arbeit; Lebensweltorientierung wirkt damit normalisierenden, disziplinierenden, stigmatisierenden und pathologisierenden Tendenzen der gesellschaftlichen Funktion Sozialer Arbeit entgegen. [1]

Der Trend zur Lebensweltorientierung geht mit einer Enttraditionalisierung der theoretischen Grundprämissen Sozialer Arbeit einher. Zentral dabei ist, dass man sich von der traditionellen Leitunterscheidung Sozialer Arbeit, nämlich von der Unterscheidung Norm und Abweichung, verabschiedet und sich allmählich einer neuen Leitunterscheidung zuwendet: nämlich der Unterscheidung von Hilfe und Nicht-Hilfe. [2] Mit anderen Worten, das doppelte Mandat der Sozialarbeit, das durch die Doppelorientierung von Hilfe und Kontrolle zum Ausdruck kommt, verlagert sich zusehends in Richtung Hilfe; die Hilfeorientierung gewinnt gegenüber der Kontrollorientierung an Gewicht. Auch in den rechtlichen Grundlagen der Sozialen Arbeit wird dies bereits sichtbar. So ist das achte Buch der Sozialgesetzgebung, das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), weniger kontroll- denn hilfeorientiert. Es versteht sich klar als ein lebensweltbezogenes Dienstleistungsangebot für Kinder, Jugendliche und deren Eltern. Und auch die im folgenden noch näher zu bestimmenden Aspekte der lebensweltorientierten Sozialpädagogik haben Eingang gefunden in das 1991 in Kraft getretene KJHG.

In dem Maße, wie sich die Soziale Arbeit angesichts einer Lebensweltorientierung allmählich von ihrer normenkontrollierenden Funktion verabschiedet, werden in theoretischen Abhandlungen neue Themen zentral: nämlich u.a. die Themen: Kommunikation, Anerkennung von Differenz und Dissens, Grenzen des sozialpädagogischen Handelns und Reflexion.

Kommunikation: Dass Kommunikation im Sinne von Diskurs, Aushandlung, Vermittlung, Dialog eine zentrale Kategorie sozialpädagogischer Theoriebildung geworden ist, wird exemplarisch sichtbar am Beispiel der Theorie des stellvertretenden Deutens. So begründen etwa Vertreter dieser Theorie, beispielsweise Bernd Dewe, eine 'diskursive' Professionalität Sozialer Arbeit, in der es darum geht, gemeinsam und partnerschaftlich mit den AdressatInnen, Deutungen für deren problematische Lebenssituationen zu entwickeln. [3] Diesbezüglich kommt es in der sozialpädagogischen Profession darauf an, jenseits von kontrollierenden Zwangsinterventionen die Autonomie der AdressatInnen nicht durch Bevormundung zu verletzen. [4] Vielmehr wird sozialarbeiterische Hilfe als Dialog, als Aushandlungsprozess verstanden.

Anerkennung von Differenz und Dissens: Die Anerkennung von Differenz und Dissens ist insbesondere eine Leitidee in systemischen Konzepten. Hier wird von der Konstrukthaftigkeit subjektiver und sozialer Wirklichkeiten ausgegangen und deren jeweilige Verschiedenartigkeit herausgestellt. Dabei wird die Lebensweltorientierung deutlich durch die Anerkennung der Vielfältigkeit, der Pluralität der Wirklichkeitskonstruktionen, der Einstellungen und Werte der AdressatInnen Sozialer Arbeit. So muss im Hilfeprozess zuallerst kommunikativ ausgehandelt werden, worin überhaupt das Problem besteht bzw. wer was als Problem wie und wann sieht.

Grenzen des sozialpädagogischen Handelns: Während etwa Bernd Dewe oder auch Roland Merten [5] die Unterschiedlichkeit von Theorie und Praxis betonen und damit die Grenzen des theorieorientierten Handelns hervorheben, betont die systemische Position die von außen nicht direkt beeinflussbare Struktur von biologischen, psychischen und sozialen Systemen. Diesbezüglich erscheint Soziale Arbeit als ein soziales Handeln, das niemals direkt und unmittelbar Menschen oder soziale Systeme verändern kann. Soziale Arbeit kann allerdings Bedingungen, Möglichkeiten und Kontexte schaffen, um sich selbstorganisierende Problemlösungsprozesse, wenn man so will: 'Selbstheilungskräfte' auf Seiten ihrer AdressatInnen anzuregen.

Reflexion: Reflexionavanciert in der gesamten erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Theoriedebatte der letzten Jahre zu einem zentralen Aspekt - und dies in zweierlei Hinsicht: Einerseits wird die Sozialpädagogik, ja die gesamte Erziehungswissenschaft im zunehmenden Maße selbst reflexiv; sie fängt an, sich verstärkt mit sich selbst zu beschäftigen, theoretische Entwicklungen zu reflektieren und zu systematisieren. In diesem Zusammenhang spricht der Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen bereits von 'reflexiver Erziehungswissenschaft'. [6] Andererseits betonen aktuelle sozialpädagogische Theorien besonders eindringlich die Notwendigkeit professioneller Selbstreflexionsmethoden wie Supervision und Selbstevaluation. Insbesondere durch das Einlassen auf die Ganzheitlichkeit der Lebenswelten sind Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen zu permanenten Selbstreflexionen angehalten. Somit ist Sozialarbeit sogar, wie Fritz Schütze formuliert, "eines der 'Saatbeete' für das Wachsen der neuen Selbstreflexionsinstitution[en]" geworden. [7]

II. Lebensweltorientierung als Folge gesellschaftlicher Postmodernisierung

Unter Postmodernisierung kann – in Anlehnung an den Soziologen Hans-Günter Vester – die "Entfaltung, Entwicklung und Durchsetzung der Merkmale verstanden werden, die man als postmodern ansieht" [8], die mithin über die Moderne hinausführen, diese erschüttern, auflösen, infrage stellen, unterhöhlen etc. Im Folgenden werden diesbezüglich fünf Merkmale aufgeführt, die auf die theoretischen und methodischen Positionen einer lebensweltorientierten Sozialpädagogik bezogen werden können:

Erstens: Die Postmodernisierung der Gesellschaft wird deutlich durch die soziale Auflösung der Unterscheidung von Norm und Abweichung. Daher muss sich auch die Sozialpädagogik von ihrer klassischen Leitdifferenz, Norm und Abweichung, verabschieden. Denn in der heutigen Gesellschaft vervielfältigt sich Normalität, und zwar so lange, bis sie sich als Orientierungsmaßstab von selbst auflöst. [9] Dieses Auflösen von Normalitätsstandards lässt sich auf zwei soziale Prozesse zurückführen: zum einen auf die funktionale Differenzierung der Gesellschaft, die vor allem von Niklas Luhmann umfangreich analysiert wurde, und zum anderen auf die Individualisierung, was wohl bisher am intensivsten von Ulrich Beck beschrieben wurde. Durch diese Prozesse, also durch Differenzierung und Individualisierung, kommt es zu einer Vervielfältigung von Weltsichten, die nicht mehr unter den Hut einer einheitlichen Norm gebracht werden können. Interessant ist, dass sowohl funktionale Differenzierung als auch Individualisierung zutiefst moderne Erscheinungen sind. Die Moderne ist ja das Zeitalter, in dem Arbeitsteilung, also funktionale Differenzierung und Individualisierung ihre Blüte erreichen. Mittlerweile scheinen aber gerade diese Merkmale der modernen Gesellschaft eine Stufe erreicht zu haben, die die Moderne erschüttern, die ungeplante und schleichende Nebenfolgen produzieren. Dies führt schließlich dazu, dass eine andere gesellschaftliche Gestalt in Reichweite erscheint: die Postmoderne oder wie Beck sagt, die Risikogesellschaft bzw. 'reflexive' oder 'zweite' Moderne.

Zweitens: In der Postmoderne werden fast alle sozialen Prozesse ihrer Selbstverständlichkeit beraubt, fast nichts versteht sich mehr von selbst, fast alles wird kommunikativ hinterfragbar, muss begründet und ausgehandelt werden. Damit ist das zweite Merkmal angesprochen, das verdeutlicht, warum Kommunikation zu einem Leitmotiv der sozialpädagogischen Theoriediskurse wird. Mit der Steigerung der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft "verliert die Gesellschaft ihr Gesicht", wie der Soziologe Bernhard Giesen formuliert; sie hat demnach "nichts Unverrückbares und Unbestreitbares mehr" [10]; sie wird polyzentrisch, fragmentarisch.[11] Weder die Politik noch die Wirtschaft, weder die Religion noch die Pädagogik, weder die Wissenschaft noch die Familie und auch nicht das Rechtssystem können als Zentrum der heutigen Gesellschaft ausgemacht werden, von dem aus verbindliche Normen begründet und gesellschaftlich implementiert werden können. Vielmehr muss situativ und jeweils speziell verhandelt, ausgehandelt, vermittelt, diskutiert, debattiert, dialogisiert, kurz: kommuniziert werden, was hier und jetzt an Normen und Verbindlichkeiten gelten soll.

Drittens: Dieses Kommunizieren setzt, wenn es keine Bevormundung sein will, die Akzeptanz von Differenz und Dissens voraus. Die Notwendigkeit dieser Akzeptanz verweist auf die 'radikale Pluralität' in der postmodernen Gesellschaft. Spätestens in der Postmoderne wird Pluralität, also soziale Vielheit, Unübersichtlichkeit in welcher Hinsicht auch immer als Grundverfassung der Gesellschaft real. Daher wird die Suche nach pluralen Denk- und Handlungsmustern vordringlich, nach Denk- und Handlungsmustern eben, die von Pluralität ausgehen und diese anerkennen. [12] Die Entwicklung dieser Pluralität lässt sich soziologisch beziehen auf die bereits angesprochenen Prozesse der funktionalen Differenzierung und Individualisierung. Die Anerkennung von Differenz und Dissens, von radikaler Pluralität ist schließlich, wie der Philosoph Wolfgang Welsch betont, untrennbar von wirklicher Demokratie [13], von Demokratie also, in der das kommunikative Aushandeln, das Diskursive zentrales gesellschaftliches Medium wird.

Viertens: Dass Kommunikation jedoch nicht technologisch steuerbar ist und Menschen und soziale Systeme nicht direkt beeinflussen kann, verweist auf das Gewahrwerden der Grenzen des menschlichen Handelns in der Postmoderne. Die Moderne war und ist noch von dem Glauben, von dem Mythos getragen, dass der Mensch die Welt nach seinen Wünschen und Vorstellungen planvoll und zielgerichtet verändern und umgestalten kann. Die Postmoderne offenbart nun angesichts der Erfahrungen des Scheiterns vieler dieser Veränderungs- und Umgestaltungsversuche die Grenzen des menschlichen Denkens und Handelns. Die postmoderne Welt erscheint als ganzheitlicher Zusammenhang, der der menschlichen Veränderungsgewalt mit schleichenden und ungeplanten Nebenfolgen trotzt. Erst wenn man erkennt, was man machen kann und was nicht, welches 'Schlechte' man sich einhandeln kann, auch wenn man das 'Gute' will, kann man einigermaßen realistisch die Möglichkeiten des Machbaren und dessen vielfältige Grenzen abschätzen.

Fünftens: Und dieses Abschätzen der Möglichkeiten des Machbaren verweist schließlich auf die Reflexion. In der Soziologie wurde erst kürzlich von Rodrigo Jokisch diagnostiziert, dass die funktionale Differenzierung der Gesellschaft sich zunehmend in eine reflexive Differenzierung wandelt. [14] Unbestritten erscheinen inzwischen Effektivität und Effizienz der funktionalen Differenzierung, aber zum Problem wird immer mehr die Blindheit funktionaler Systeme gegenüber den Folgen, die sie in ihrer sozialen, biologischen und psychischen Umwelt auslösen. Damit wird Reflexion zum zentralen Kriterium der Differenzierung, ja zum ökologischen Überlebenskriterium von Systemen überhaupt. Das Reflektieren, das Beobachten des eigenen Beobachtens und Handelns wird in allen gesellschaftlichen Bereichen zentral. Politisch, rechtlich oder durch die Massemedien werden alle gesellschaftlichen Akteure angehalten, Risiken und Gefahren ihres Tuns für Mensch und Umwelt vorzubeugen und abzuschätzen. Und hier ist die Soziale Arbeit natürlich auch keine Ausnahme, sondern vielmehr eine Vorreiterin. Wie bereits erwähnt, Soziale Arbeit kann sich zu eigen halten, dass sie eine der ersten gesellschaftlichen Praxen ist, in der regelmäßig reflektiert und selbstbeobachtet wurde.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Hans Thiersch, Strukturierte Offenheit. Zur Methodenfrage einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit, in. T. Rauschenbach, H. Gängler (Hrsg.): Der sozialpädagogische Blick. Lebenweltorientierte Methoden in der Sozialen Arbeit. Weinheim/München. Juventa, 1993, S. 13.

[2] Dirk Baecker, Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, in: Zeitschrift für Soziologie, 2/1994, S. 93-110.

[3] Vgl. Bernd Dewe u.a., Professionelles soziales Handeln. Soziale Arbeit im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis. Weinheheim/München: Juventa, 1995, S. 50.

[4] Vgl. Ebd., S. 55.

[5] Siehe Bernd Dewe, a.a.O.; Roland Merten, Autonomie der Sozialen Arbeit. Zur Funktionsbestimmung als Disziplin und Profession. Weinheim/München: Juventa.

[6] Dieter Lenzen, Reflexive Erziehungswissenschaft am Ausgang des postmodernen Jahrzehnts, o.O., o.J.

[7] Ebd., S. 166.

[8] Hans-Günter Vester, Soziologie der Postmoderne. München: Quintessenz, 1993, S. 24.

[9] Thomas Rauschenbach, Inszenierte Solidarität. Soziale Arbeit in der Risikogesellschaft, in: U. Beck; E. Beck-Gernsheim (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1994, S. 91.

[10] Bernhard Giesen, Die Entdinglichung des Sozialen. Eine evolutionstheoretische Perspektive auf die Postmoderne. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1991, S. 243.

[11] Vgl. Helmut Willke, Ironie des Staates. Grundlinien einer Staatstheorie polyzentrischer Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1992.

[12] Wolfgang Welsch, Unsere postmoderne Moderne. Berlin: Akademie, 1993, S. 5.

[13] Vgl. ebd.

[14] Rodrigo Jokisch, Logik der Distinktion. Zur Protologik einer Theorie der Gesellschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag.


Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: 1. Februar 2003


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