Soziale Arbeit mit Familien und soziologische Systemtheorie

von Heiko Kleve (Juli 2004)

Ausgangspunkte

Seit Anfang der 1990er Jahre erfreut sich die soziologische Systemtheorie, wie sie im Gefolge der Arbeiten Niklas Luhmanns breite Beachtung fand, auch in der Sozialen Arbeit einer großen Anerkennung. Neben Analysen, die die Funktion der Sozialen Arbeit in der modernen Gesellschaft systemtheoretisch zu bestimmen versuchen (siehe dazu als Ausgangspunkt Baecker 1994a und die Beiträge in Merten 2000), sind insbesondere Arbeiten entstanden, die die Grenzen sozialarbeiterischer Interventionsmöglichkeiten beschreiben und davon ausgehend Chancen ausloten, um professionelle Irritationspotentiale zu erkennen und zu nutzen (siehe grundlegend dazu Bardmann u.a. 1991). Die systemtheoretischen Beobachtungen präsentieren der Sozialen Arbeit mithin zweierlei: Zum einen abstrakte differenzierungstheoretische Beschreibungen, die entweder für oder gegen die These sprechen, Soziale Arbeit sei ein Funktionssystem der Gesellschaft und zum anderen interventionstheoretische Erklärungen, die deutlich machen, warum autopoietische Systeme nicht zielgerichtet verändert, sondern nur irritiert bzw. perturbiert werden können.

Beide Ansätze haben die Theorie und Praxis Sozialer Arbeit voran gebracht: Die differenzierungstheoretischen Beschreibungen (unabhängig davon, ob sie Soziale Arbeit als Funktionssystem markieren oder nicht) konnten die Bedeutung Sozialer Arbeit für die funktional differenzierte Gesellschaft in den Blick bringen und zeigen, dass das Inklusionsgebot der Moderne darauf angewiesen ist, dass es funktionssystemische oder organisatorische Kommunikationen gibt, die Exklusionen und entsprechende Gefährdungen thematisieren und die sozialen Adressen von Menschen auch dann noch kommunikativ markierbar halten, wenn sich unterschiedliche Exklusionen eingestellt und verfestigt haben. Die interventionstheoretischen Beschreibungen unterfütterten die alte sozialarbeiterische Formel der "Hilfe zur Selbsthilfe" mit wissenschaftlichen Begründungen. Denn nichts anderes legt das Konzept der autopoietischen Systeme nahe: dass in diese Systeme eben nicht direkt eingegriffen werden kann, dass sie aber von außen angeregt werden können, sich selbst zu verändern.

Wenig wurde die soziologische Systemtheorie bisher jedoch genutzt, um konkrete Zielgruppen und Adressaten Sozialer Arbeit zu beschreiben und zu überlegen, wie eine Soziale Arbeit gestaltet sein muss, die sich auf spezifische Klientengruppen bezieht. Man könnte voreilig vermuten, dass die systemtheoretische Abstinenz hinsichtlich derartiger zielgruppenorientierter Beschreibungen damit zusammen hängt, dass mithilfe der Systemtheorie derartige Beschreibungen und Überlegungen nicht möglich sind, weil die Theorie dafür einfach zu abstrakt ist und Luhmann und diejenigen, die seine Theorie weiter entwickeln, dafür keine Analyseinstrumente liefern. Ich vertrete im Folgenden eine gegenteilige Auffassung und werde versuchen, systemtheoretische Beschreibungen, Erklärungen und Handlungsoptionen zu offerieren, die die Soziale Arbeit mit Familien zu orientieren vermögen, die also den Bezug der Sozialen Arbeit zum System Familie nicht nur in den Blick bringen, sondern auch praxisrelevant leiten können. Meine These ist, dass die soziologische Systemtheorie der Bielefelder Schule für die Soziale Arbeit mit Familien eine äußerst brauchbare und bedeutungsvolle Theorie sein kann.

Diese These soll in drei Schritten diskutiert und belegt werden: Im ersten Schritt werde ich zunächst die allgemeine Bedeutung von Theorien für die Praxis Sozialer Arbeit skizzieren, um davon ausgehend in einem zweiten Schritt die soziologische Systemtheorie und ihre Kapazitäten für die Soziale Arbeit mit Familien näher zu bestimmen. In einem dritten Schritt werde ich schließlich zwei konkrete Projekte - und zwar das Systemische Case Management als ambulante Form der Sozialen Arbeit mit Familien und die Familienaktivierung nach dem Triangel-Konzept als stationäre Form der sozialen Familienarbeit - ausgehend und auf der Grundlage systemtheoretischen Denkens reflektieren.

I. Die Bedeutung von Theorien für die Praxis Sozialer Arbeit

Dem Sozialpsychologen Kurt Lewin wird die Bemerkung zugeschrieben, dass nichts praktischer ist als eine gute Theorie. Und der Aufklärer Immanuel Kant bemerkte sinngemäß, dass Praxis ohne Theorie blind ist und Theorie ohne Praxis leer. [1] Dirk Baecker (1994b: 13) meint - bereits bezogen auf die Systemtheorie -, dass gerade die "hochgetriebenen Abstraktionen der Theorie [...] als erstaunlich praxisnah erscheinen".

Nach diesen Sätzen sind Theorie und Praxis aufeinander bezogen, miteinander verbunden; genau dies erwarten wir in der Regel auch vom Theorie-/Praxis-Verhältnis. Leider sieht die Realität häufig anders aus: Die Praktiker ignorieren die Theoretiker, die Theoretiker ignorieren die Praktiker. Erst kürzlich hat Johannes Herwig-Lempp (2003) dieses schwierige Verhältnis zwischen Theorie und Praxis zum Thema eines Beitrages gemacht, in dem er trefflich beschreibt, welche Vorurteile jeweils gepflegt werden, wenn es um Theorie und Praxis geht. Demnach winken Praktiker sehr schnell ab, wenn sie mit dem Stichwort Theorie konfrontiert werden: "in ihrer Ausbildung - lassen sie wissen -, ja da war das meiste theoretisch. Aber das hatte nichts, aber auch gar nichts mit ihrer jetzigen Praxis zu tun. Es war, so gesehen, unbrauchbar und überflüssig" (ebd.: 12 f.) und erscheint ihnen für ihre aktuelle Praxis wenig nützlich. Auf solche oder ähnliche Meinungen von Praktikern wird von den Theoretikern nicht selten mit dem Urteil der Theoriefeindlichkeit der Praxis reagiert; und schon sind die Fronten abgesteckt, das gegenseitige Abwerten ist eingetreten.

Mit diesen Urteilen der Praxis über die Theorie und der Theorie über die Praxis, die vielen sicherlich bekannt, ja schon altbacken vorkommen und die das vorher jeweils von Lewin, Kant und Baecker als konstruktiv bewertete Theorie/Praxis-Verhältnis negieren, wird uns die Entfernung von Theorie und Praxis in den Blick gebracht. Diese Entfernung lässt sich vor allem dadurch markieren, dass Praxis und Theorie an unterschiedlichen Orten, ja in separierten (selbstreferentiellen) Systemen betrieben werden - zumindest wird dies gemeinhin angenommen. Theorie findet demnach an den Hochschulen statt und Praxis in den sozialarbeiterischen Organisationen, in den unterschiedlichen Arbeitsfeldern.

Aus differenzierungstheoretischer Perspektive erscheint diese Unterscheidung zunächst ganz plausibel. Denn es haben sich unterschiedliche Sozialsysteme herausdifferenziert: zum einen ein Wissenschaftssystem, in dem Theorien konstruiert, erprobt, überprüft, bestätigt oder verworfen werden und dass nach wissenschaftlicher Wahrheit sucht, und zum anderen vielfältige Anwendungssysteme, in denen zumeist unter zeitlichen Druck Probleme zu lösen sind und dafür wirksame Methoden gesucht werden (vgl. Luhmann 1977). Nach dieser Differenzierung lässt sich schließlich die Theorie auf die wissenschaftliche Disziplin und die Praxis auf die Profession beziehen.

So empirisch nachvollziehbar und brauchbar diese Unterscheidungen auch sind, sie verführen dazu, etwas auszublenden: nämlich dass das Verhältnis von Theorie und Praxis komplizierter ist, dass etwa Theorie selbst als Praxis verstanden werden kann oder dass - was wir im Folgenden genauer betrachten werden - die Praxis immer auch durch Theorien strukturiert wird (vgl. Kersting 1996). Wenn wir jedoch allein auf die örtliche oder systemische Differenz schauen und Theorien ausschließlich dem Wissenschaftssystem und Praxis lediglich dem Anwendungssystem zuordnen, übersehen wir, dass jede Praxis theoriebasiert ist. Die Unterscheidung Theorie/Praxis kommt nämlich auf ihren beiden Seiten wieder vor, tritt in die abgegrenzten Bereiche wieder ein, vollführt - differenztheoretisch gesprochen: einen re-entry der Form (Theorie/Praxis) in die Form (Theorie/Praxis) (vgl. Kleve 2000: 163 ff.).

Auch wenn Praktiker die wissenschaftlichen Theorien, die ihnen in ihrer Ausbildung angeboten wurden, nicht annehmen und deren Alltagsferne kritisieren, beziehen sie sich auf Theorien, auf Anschauungen (im Sinne Kants), wenn sie ihr Handeln planen, durchführen oder reflektieren. Sie könnten in ihrer Praxis nichts beobachten und nichts erklären, hätten sie nicht bestimmte theoretische Anschauungen zur Verfügung, die ihre Beobachtungen leiten, bestimmte Unterscheidungen nahe legen und andere ausschließen. Zwischen Praxis und Theorie besteht demnach ein zirkuläres Verhältnis: Die theoretischen Anschauungen gehen von einer Praxis aus, und die Praxis erscheint im Lichte dieser Anschauungen.

Der Mensch steht vor einem Problem, das er - aus welchen Gründen auch immer - zu lösen hat, oder vor einer Frage, die er beantworten will, und dafür benutzt er Theorien, und zwar einerseits, um das Problem zunächst in den Blick zu bringen und zu verstehen und andererseits, um Lösungswege einzuschlagen. Ich gehe mit Kurt Eberhard (1987) deshalb davon aus, dass Theorien Voraussetzung sind, um mindestens drei Fragen zu beantworten:

  1. Die phänomenale Frage: Was ist los? Das Ziel der Beantwortung dieser Frage ist eine Beschreibung, eine Deskription des beobachteten Problems, der Fragestellung in der Praxis. Mit dem klassischen methodischen Dreischritt kann dies auch als Anamnese bezeichnet werden.

  2. Die kausale Frage: Warum ist das so? [2] Das Ziel der Beantwortung dieser Frage ist eine Erklärung, eine Explikation des beobachteten Problems, also der Versuch, die Entstehungsgründe für das Problem zu finden. Mit dem klassischen methodischen Dreischritt kann dies auch als Diagnose bezeichnet werden.

  3. Die aktionale Frage: Was ist zu tun? Das Ziel der Beantwortung dieser Frage ist eine Handlung, um das Problem der Praxis zu lösen. Mit dem klassischen methodischen Dreischritt kann dies auch als Intervention bezeichnet werden.

Jeder Praktiker stellt sich - explizit oder implizit - diese Fragen. Und freilich haben auch die Klienten Sozialer Arbeit bevor sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, sich diese Fragen gestellt. Oft liegt der Schlüssel für eine erfolgreiche Sozialarbeit gerade darin, dass mit den Klienten diese Fragen hinsichtlich ihrer Probleme besprochen werden, dass sehr genau darüber beraten wird, wie der Klient seine Probleme beschreibt, erklärt und was er bisher getan hat, um sie zu lösen (vgl. grundsätzlich dazu Watzlawick 1974).

Wenn das Verhältnis von Theorie und Praxis konstruktiv gestaltet werden soll, dann müssen - so meine These - die Theoretiker zunächst einmal akzeptieren, dass auch die Praktiker Theorien haben, dass sie mit Alltagstheorien arbeiten, die phänomenale, kausale und aktionale Fragen wie Antworten bezüglich der praktischen Problemstellungen enthalten. In Akzeptanz dieser Theorien und von diesen ausgehend können dann wissenschaftliche Theorien angeboten werden, mit denen Praktiker ihr theoretisches Repertoire erweitern können. Dabei ist es jedoch wichtig, dass die Brauchbarkeit dieser Theorien, etwa angesichts ihrer Beschreibungs- und Erklärungskraft deutlich erkannt und nachvollziehbar wird.

Die Brauchbarkeit und Bedeutung von wissenschaftlichen Theorien für die Praxis sollte sich vor allem in zweierlei Hinsicht zeigen: Erstens sollten wissenschaftliche Theorien Begriffe und Erklärungsmuster anbieten, die der praktischen Komplexität angemessen sind. Denn dann ist es möglich, dass Theorien die Erzeugung von unterschiedlichen Handlungsoptionen erlauben, und der Praktiker (gemeinsam mit dem Klienten) wählen kann, welcher Weg eingeschlagen werden soll. Zweitens müssen Theorien das Potential haben, das Handeln und vor allem dessen Folgen erklärbar und begründbar zu machen. Zwar können komplexe, nicht-triviale Praxisverläufe nicht prognostiziert werden, aber gerade deshalb sollten die Handlungen so transparent wie möglich begründet und hinsichtlich ihrer Wirkungen reflektiert und theoretisch untersucht werden. Denn die theoretische Abstraktion von konkreten Praxisverläufen erlaubt es bestenfalls, für die Zukunft zu lernen und erfolgreiche Prozesse in anderen Fällen zu wiederholen.

II. Die Bedeutung der Systemtheorie für die Soziale Arbeit mit Familien.

Meine im Folgenden zu konkretisierende These ist, dass die soziologische Systemtheorie genau das leistet, was ich für wissenschaftliche Theorien postuliert habe: sie bietet der Praxis, in diesem Fall: der Sozialen Arbeit mit Familien, einen Beschreibungs- und Erklärungsapparat, der der praktischen Komplexität gerecht wird und das Handeln transparent zu beschreiben und zu begründen vermag. Die soziologische Systemtheorie selbst ist eine äußerst komplexe Theorie, so dass ich hier nur einige Fragmente und Ausschnitte skizzieren kann. Dennoch soll die Bedeutung dieser Theorie für die Soziale Arbeit mit Familien anschaulich werden. Daher werde ich anhand der drei erläuterten Fragestellungen (phänomenale, kausale und aktionale) Perspektiven der soziologischen Systemtheorie für die Sozialarbeit mit Familien entwickeln.

1. Die phänomenale Perspektive

Auf der Beschreibungsebene sind zunächst die Begriffe wichtig, die die Systemtheorie zur Beobachtung der empirischen Welt offeriert, z.B. der systemtheoretische Zentralbegriff "Autopoiesis".

Autopoiesis meint die Selbstorganisation und Selbstreproduktion biologischer, psychischer und sozialer Systeme. Ich beschränke mich hier auf die für die Soziologie und die Soziale Arbeit mit Familien besonders relevante soziale Autopoiesis. Demnach realisieren sich soziale Systeme durch Kommunikation, die durch wechselseitige Beobachtungsverhältnisse entstehen und sich von einer Umwelt nicht dazu gehöriger Kommunikationen/Beobachtungen abgrenzen. Auch Menschen als Einheiten biologischer und psychischer Systeme gehören zur Umwelt der sozialen Systeme; kein Gedanke kann direkt kommuniziert werden, kein körperliches Molekül wird zum Bestandteil der Kommunikation. Die Existenz biologischer und psychischer Systeme ist zwar Voraussetzung für das Entstehen sozialer Systeme (und umgekehrt). Aber wie die sozialen Systeme auf ihre Umwelt zugreifen, wie sie diese beobachten, was sie für relevant halten und thematisieren, bestimmen ihre Kommunikationen und nicht die beteiligten Psychen (vgl. Luhmann 1984). Insofern kann die Familie - erstens - als ein autopoietisches Sozialsystem betrachtet werden, das mit den biologischen und psychischen Systemen ihrer Mitglieder strukturell gekoppelt ist (vgl. Luhmann 1990).

Die Familie wird zweitens, wie u.a. die Systeme Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst, Religion, Erziehung/Bildung, als ein Funktionssystem beschrieben. Wie für die anderen Funktionssysteme auch, lässt sich für die familiäre Kommunikation eine Funktion angeben, und zwar die Komplettbetreuung der gesamten Person, die personelle Totalinklusion (vgl. auch Fuchs 1999). Während die anderen Funktionssysteme lediglich sehr begrenzte Ausschnitte des Persönlichen eines Individuums in ihre Kommunikationen einbeziehen (inkludieren), inkludiert die Familie die komplette Person. Sowohl das innerfamiliäre Verhalten als auch die außerfamiliären Aktivitäten der Familienmitglieder sind für die familiäre Kommunikation relevant, können potentiell in der Familie jederzeit mit ausgesprochen wenigen Stoppregeln und Limitationen thematisiert werden. Für die familiäre Kommunikation sind alle Persönlichkeitsanteile der Familienmitglieder von Bedeutung.

Dies ist ein wesentlicher Unterschied familiärer Kommunikation zu den Kommunikationen anderer, mithin der "großen" Funktionssysteme, in denen Personen immer nur hinsichtlich ganz bestimmter Persönlichkeitsanteile und Rollenausschnitte inkludiert werden. Damit stellt die Familie für die moderne Gesellschaft ein besonderes System dar: Sie ist das einzige Sozialsystem, das Personen sozusagen ganzheitlich inkludiert, ist damit für die moderne Gesellschaft ein eher untypisches Sozialsystem (vgl. Luhmann 1990: 211). Aufgrund der familiären Totalinklusion von Personen hat die Familie für die individuelle Sozialisation eine ganz besondere Bedeutung. Genau diese Bedeutung ist beispielsweise Gegenstand psychoanalytischer, bindungstheoretischer und familiendynamischer bzw. familientherapeutischer Betrachtungen und sollte in der Sozialen Arbeit zentrale Beachtung finden. [3]

Drittens kann die Familie aus systemtheoretischer Sicht hinsichtlich ihres Verhältnisses zu den anderen Funktionssystemen und zu Organisationen der modernen Gesellschaft beschrieben werden. Dadurch wird zweierlei deutlich, zum einen, dass Familien auf die Inklusion ihrer Mitglieder in weitere Funktionssysteme und Organisationen der modernen Gesellschaft angewiesen sind. Denn keine Familie kann sich in der modernen Gesellschaft autark reproduzieren. Die physische und psychische Reproduktion der Individuen ist in der modernen Gesellschaft abhängig von den Möglichkeiten, an den Kommunikationskreisläufen der anderen Funktionssysteme und Organisationen zu partizipieren. Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung, Geld, Kultur etc. wird von Funktionssystemen vermittelt. Zum anderen setzt die Teilnahme an den Funktionssystemen voraus, dass deren Inklusionsregeln akzeptiert werden. Diese Regeln können jedoch die familiäre Integration gefährden, z.B. wenn das Wirtschaftssystem Flexibilität und Mobilität erwartet und die Familie zeitliche, moralische und emotionale Kontinuität und Beständigkeit. Wie Richard Sennett (1998) und auch Ulrich Beck (1997) beschreiben, erwarten die Funktionssysteme der modernen Gesellschaft (insbesondere die Wirtschaft und die Politik) den flexiblen Menschen, der losgelöst von zu festen familiären und moralischen Bindungen, quasi sozial ortlos durch die Gesellschaft wandert. Besonders die Soziale Arbeit sollte sensibel dafür sein, ihre Inklusionsangebote so zu gestalten, dass die familiäre Kommunikation konstruktiv irritiert und gestärkt und nicht gefährdet oder gar zerstört wird. Ich komme auf diesen Aspekt zurück.

2. Die kausale Perspektive

Durch ihre vielfältigen begrifflichen Werkzeuge erlaubt die Systemtheorie das Konstruieren von Hypothesen, um familiäre Entwicklungen und Probleme in der modernen Gesellschaft zu erklären und zu verstehen; dies kann verdeutlicht werden hinsichtlich der drei bereits dargestellten Beschreibungskonzepte: Autopoiesis, Familie als Funktionssystem der Gesellschaft und Verhältnis der Familien zu anderen Funktionssystemen und Organisationen.

Autopoiesis: Das Konzept der Autopoiesis macht erklärbar, warum Familien in jeweils eigenständiger Weise auf interne Entwicklungsanforderungen und Umwelteinflüsse reagieren. Denn jede Familie entwickelt spezifische autopoietische Muster. Diese Muster spielen sich sozusagen hinter dem Rücken der Familienmitglieder - kommunikativ selbstorganisiert, also sozial - ein. Daher haben auch die einzelnen Familienmitglieder nur begrenzten Einfluss auf die Lösung von Entwicklungsproblemen. Die soziale Realität der Familie ist demnach eine Ordnung mit emergenter Qualität. Für die Soziale Arbeit heißt dies, dass ihre kommunikativen Angebote so aussehen müssen, dass sie von der jeweiligen Familie, von der spezifischen familiären Kommunikation angenommen werden und weiterverarbeitet werden können. Darüber hinaus resultiert für die Soziale Arbeit daraus die Aufforderung, die soziale Autopoiesis der Familie konstruktiv zu stärken, denn nur die Familie selbst ist letztlich in der Lage, ihre Kommunikation zu dynamisieren, wieder in den Fluss zu bringen. Dazu ist keine Umwelteinwirkung imstande, sondern ausschließlich die interne autopoietische Selbstregulation. Mit diesem Postulat wird auch, wie erwähnt, der alte sozialarbeiterische Leitspruch "Hilfe zur Selbsthilfe" wissenschaftlich unterfüttert. Aus der Sicht der soziologischen Systemtheorie ist für die Soziale Arbeit nichts anderes möglich, als Anstöße zu geben, die die Selbsthilfe anregen; und dazu bedarf es einer hohen professionellen Kompetenz.

Familie als Funktionssystem: Die familiäre Funktion, die Person als Ganzes zu inkludieren, komplett zu betreuen, gewissermaßen ganzheitlich zu integrieren, macht die Familie zu einem äußerst empfindlichen Ort, an dem relativ schnell Probleme und Konflikte entstehen und eskalieren können. "Gerade der Umstand, dass man nirgendwo sonst in der Gesellschaft für alles, was einem kümmert, soziale Relevanz finden kann, steigert die Erwartungen und Ansprüche an die Familie" (Luhmann 1990: 208). Wo so hohe Erwartungen und Ansprüche sich einstellen, ist die Chance groß, dass diese Erwartungen und Ansprüche nicht erfüllt, ja enttäuscht werden und dass daraus Konflikte entstehen.

In keinem anderem System der Gesellschaft ist die emotionale Bindung, als besonders enge Koppelung von biologischen, psychischen und sozialen Systemen, so stark wie in der Familie. Diese Bindung ist - wie wir etwa aus der Psychoanalyse, der Bindungstheorie oder Familienpsychologie wissen - die Voraussetzung für die bio-psycho-soziale Entwicklung der Kinder, ja für die bio-psycho-soziale Reproduktion aller Familienmitglieder. Des Weiteren schreibt sich diese Bindung per Sozialisation in die biologischen und psychischen Strukturen der Individuen ein, so dass Personen ein Leben lang - ob sie wollen oder nicht - auf ihre Familien bezogen bleiben. Wie an unsichtbaren Fäden hängen Familienmitglieder, ob sie räumlich getrennt sind oder nicht, aneinander, so dass sich Veränderungen im familiären Bindungsgefüge mit hoher Wahrscheinlichkeit auf alle Familienmitglieder auswirken. Nichts anderes ist eine Grundthese der Familientherapie und -beratung sowie Argument dafür, die gesamte Familie (real oder virtuell) in den therapeutischen oder beraterischen Prozess mit einzubeziehen. Demnach lassen sich auch die meisten Entwicklungen und Probleme von Personen verstehen und erklären durch einen Bezug auf die jeweilige familiäre Entwicklung bzw. deren individuelle Bewertung. Nichts anderes praktizieren etwa psychoanalytisch und familiensystemisch orientierte Sozialarbeitskonzepte: Probleme der Klienten werden durch die Analyse von aktuellen Übertragungsbeziehungen oder durch Genogramme und Skulpturen in einen familiären Kontext eingeordnet.

Verhältnis der Familie zu anderen Funktionssystemen und Organisationen: Hinsichtlich dieses Verhältnisses habe ich bereits beschrieben, dass familiäre Kommunikation mit ihrer personellen Kompletteinbindung in einen Widerspruch geraten kann zu den Funktionssystemen mit ihren Flexibilität und Mobilität fordernden Inklusionen. Die Integrations- und Bindungsanforderungen von Familien können in einen Konflikt geraten mit der Notwendigkeit, sich den Erwartungen der Funktionssysteme anzupassen, die eher lose oder gar desintegrierte Individuen erwarten (vgl. Nassehi 1997). Besonders überintegrierte Familien können zum Problem werden für ihre Mitglieder, z.B. für die Kinder, die mit dem Eintreten der Pubertät beginnen, sich vermehrt außerfamiliär zu orientieren.

Aber auch die sozialarbeiterische Kommunikation kann durch ihre Inklusionsangebote zu Problemen führen. Denn sozialarbeiterische Hilfe geht mit der Ambivalenz einher, dass ihre Kommunikationen nicht nur helfen, sondern die Hilfsbedürftigkeit der Klienten zementieren können (vgl. Wolff 1990; Kleve 1999: 270 ff.). Daher kann die Kopplung von Familien mit dem Funktionssystem der Sozialen Arbeit dazu tendieren, dass Klienten nicht selbstständiger und emanzipierter werden, wie dies von sozialarbeiterischen Organisationen zumeist intendiert wird, sondern im Gegenteil: dass Klienten zunehmende Unselbstständigkeit und Inaktivität zeigen und schließlich ohne professionelle Hilfe ihre Existenz nicht mehr sichern können. Die soziologische Systemtheorie erklärt die Tendenz, wie aus Hilfe in negativer Hinsicht Nicht-Hilfe entstehen kann, [4] durch drei Effekte, die sozialarbeiterische Organisationen permanent im Blick haben sollten - (vgl. - in Anlehnung an Baecker 1994 - Kleve 2003: 136 f.):
a) durch das Selbsterhaltungsmotiv der sozialarbeiterischen Organisationen: dass die Hilfe nicht oder nicht nur den Klienten hilft, sondern in erster Linie der sozialarbeiterischen Organisation dient hinsichtlich deren Selbsterhaltung;
b) durch den Stigmatisierungseffekt: dass professionelle Hilfe mit der Zuschreibung von Defiziten und Diagnosen einhergeht, was dazu führen kann, dass diese Problem- und Defizitmarkierung Probleme erst verfestigt und zementiert und damit erfolgreiche Hilfe schwieriger macht als vor der Markierung; und
c) durch die Ineffizienzvermutung: dass Hilfe unwirtschaftlich und nicht zielwirksam sein kann, weil sie Potentiale der Selbsthilfe eher verdeckt als hervorholt und aktiviert.

3. Die aktionale Perspektive

Auch in aktionaler Hinsicht werde ich von der Autopoiesis, von der Familie als Funktionssystem und vom Verhältnis der Familien zu anderen Funktionssystemen und Organisationen ausgehen, um Handlungsoptionen für die Soziale Arbeit mit Familien in den Blick zu bringen.

Autopoiesis: Hinsichtlich der familiären Autopoiesis sollte es der Sozialen Arbeit mit Familien in erster Linie darum gehen, die Autopoiesis, also die familiäre Selbstorganisation ernst zu nehmen, zu achten und zu stärken. Wenn dies tatsächlich geschieht, dann legt die Soziale Arbeit ihren Glauben ab, dass es ihr möglich ist, familiäre Probleme zu lösen und kommt zu der Überzeugung, dass sie die Familie unterstützen kann, eigene Lösungs- und Entwicklungsmöglichkeiten zu finden und zu realisieren. Sozialarbeiter, die in diesem Sinne arbeiten, anerkennen, dass sie nur eine Chance haben: durch die konstruktive Veränderung ihrer eigenen Haltungen, Handlungen und Kommunikationsangebote Familien indirekt zu helfen. Durch die Selbstveränderung der Sozialen Arbeit wird mithin eine Selbstveränderung der Familie angeregt. Die Lösung wird also als eine in der Familie sich manifestierende Kommunikation betrachtet, die zwar von außen initiiert, aber niemals direkt und determinierend aus der Umwelt in die Familie hineingetragen werden kann.

Zweifellos kann bei Kindeswohlgefährdung und nach der intensiven Prüfung von familienerhaltenden Alternativen auch die Notwendigkeit bestehen, die Familie von außen durch Herausnahme von Kindern zu verändern. Sozialarbeiter, die dies tun, wissen ausgehend von den systemtheoretischen Beschreibungen und Erklärungen dann jedoch, welche Verantwortung sie damit übernehmen und dass sie in die familiäre Autopoiesis eingreifen und damit noch lange keine Lösung für die familiären Probleme entstanden ist. Die Arbeit an der Lösung muss vielmehr nach einer Kindesherausnahme erst intensiv beginnen, etwa durch Elternarbeit, -aktivierung, Verarbeitungsangebote etc.

Familie als Funktionssystem der modernen Gesellschaft: Wenn wir mit der Systemtheorie die Familie als Funktionssystem betrachten, das die Komplettbetreuung von Personen, von Familienmitgliedern übernimmt, dann sollte die Soziale Arbeit hinsichtlich einer vermeintlichen stellvertretenden Übernahme dieser Funktion (z.B. in stationären Einrichtungen wie Heimen, Wohngruppen etc.) äußerst bescheiden sein. Auch wenn die Soziale Arbeit einen "ganzheitlichen" Bezug auf ihre Klienten bzw. auf Familien präferiert, um die unterschiedlichen psycho-soziale Probleme in ihrer wechselseitigen Bedingtheit zu betrachten und zu behandeln, so ist es aussichtslos und kaum erfolgreich, diesbezüglich mit Familien zu konkurrieren. Die Soziale Arbeit wird die besondere integrative Einbindung in Familien durch ihre Inklusionen niemals ersetzen können. Was sie jedoch kann, ist, diese Einbindungen mit ihren familiendynamischen Strukturen und Prozessen (Mustern) ernst zu nehmen und genau an diesem Punkt ihre Unterstützung und Hilfe anzusetzen. Eine Strategie wäre dann etwa die Beobachtung individuell sich zeigender Probleme im Kontext der familiären Entwicklung und der Versuch, Handlungsstrategien zu überlegen, die die Einnahme einer Familienperspektive erlauben, die also nichts unternehmen, was sich gegen die familiäre Autopoiesis und Funktion richten könnte.

Verhältnis der Familie zu anderen Funktionssystemen und Organisationen: Das Verhältnis von Familien zu Funktionssystemen und Organisationen ist gerade bezogen auf das Funktionssystem Soziale Arbeit und auf sozialarbeiterische Organisationen äußerst relevant. Denn die Soziale Arbeit müsste versuchen, dieses Verhältnis so zu gestalten, dass es der Funktionserfüllung und der Autopoiesis der Familie entgegenkommt. Soziale Arbeit ist demnach angehalten, solche Inklusionen anzubieten, die die Familie und deren Mitglieder stärkt bei der Gestaltung ihrer Beziehungen und beim konstruktiven Ausbau ihrer Bindungen. Solche Inklusionen könnten sich leiten lassen von den folgenden Postulaten:
a) der Einnahme einer professionellen (allparteilichen) Haltung, die - im Sinne Carl Rogers (1977) - die beziehungsgestaltenden Variablen Empathie, Akzeptanz und Authentizität zu realisieren vermag sowie der Familie die Kompetenz zubilligt, "das Beste" für ihre Mitglieder erreichen zu wollen;
b) statt ausschließlich Defizite und Probleme zu fokussieren, persönliche und soziale Ressourcen, positiv bewertete Verhaltensoptionen und förderliche soziale Bindungen zu markieren und einzubeziehen; sowie
c) jederzeit das dialogische Prinzip des gemeinsamen Aushandelns zielgerichteter, konkreter und transparenter Handlungspläne zu beachten.

III. Zwei Beispiele für eine systemtheoretisch reflektierte Soziale Arbeit mit Familien

Im Folgenden sollen zwei Praxisbeispiele benannt und ansatzweise skizziert werden, die die von mir dargestellten systemtheoretischen Beschreibungen, Erklärungen und Handlungsvorschläge zu realisieren vermögen, und zwar erstens: das ambulante Konzept eines Systemischen Case Managements mit Familien (Kleve u.a. 2003) und zweitens: das stationäre systemisch-interaktionistische Konzept der Elternaktivierung, das unter dem Namen Triangel bekannt und insbesondere mit dem Namen Michael Biene verbunden ist (vgl. etwa Biene 2003). Zunächst werde ich diese Konzepte knapp beschreiben und sodann Orientierungen und Charakteristika benennen, die beide Konzepte verbinden und die deutlich machen können, dass diese Ansätze systemtheoretische Postulate erfüllen.

1. Das Konzept des Systemischen Case Managements mit Familien

Ausgangspunkt des Systemischen Case Managements mit Familien ist die Zielstellung effektiv (d.h. zielwirksam) und effizient (d.h. wirtschaftlich bzw. kostengünstig) zu helfen. Hinsichtlich der Effizienz wird intendiert, den Einsatz des professionellen Personals davon abhängig zu machen, ob personelle und soziale Ressourcen in der Lebenswelt der Klienten (also z.B. in den Familien und deren Umfeld) aktiviert werden können. Demnach soll die Soziale Arbeit - was im übrigen dem Subsidiaritätsprinzip entspricht - nicht dort professionelle Unterstützungen anbieten und realisieren, wo die Klienten sich selber helfen können bzw. wo Familienmitglieder, Freunde, Bekannte oder Nachbarn ebenfalls adäquate Unterstützungen leisten könnten und wollen. Des Weiteren wird der Faktor Zeit sehr sensibel beachtet und - im Sinne lösungs- und kurzzeitorientierter Ansätze - davon ausgegangen, dass Hilfen so lange wie nötig und so kurz wie möglich sein sollten, damit es nicht zu den negativen, nicht intendierten Effekten kommt, etwa dem Abhängigwerden der Klienten von der Hilfe.

Case Management kann etwa als Arbeitsansatz in der sozialpädagogischen Familienhilfe genutzt werden und versteht sich als ein ressourcenorientiertes Vorgehen, das Klienten dabei unterstützt, in ihren Lebenswelten nach Lösungen für ihre Probleme zu suchen. Es intendiert, dass die Klienten in ihren Fähigkeiten und Stärken so geschätzt und anerkannt werden, dass sie ihr Leben so schnell wie möglich wieder in Eigenregie gestalten können. Eine wesentliche Orientierung dieses Ansatzes ist es, Klienten dabei zu begleiten, dass sie sich lebensweltliche und gegebenenfalls auch professionelle Netzwerke knüpfen. Case Management versteht sich diesbezüglich als Koordination von Beziehungen zwischen Klienten und informellen wie professionellen Unterstützern.

Im Zentrum eines Case Managementprozesses steht ein Phasenmodell, das die Grundlage für die Arbeit bietet. Das Systemische Case Management geht von den folgenden, zirkulär miteinander vernetzten Schritten aus:
1. Kontextualisierung des Falls (Genogramm, Soziogramm etc.),
2. Problembeschreibungen und Ressourcenanalyse,
3. Hypothesenbildung bezüglich der Problemursachen und -bedingungen,
4. Zielvereinbarung(en),
5. Handlungsplanung(en) und -durchführung,
6. Evaluation und Dokumentation der Ergebnisse hinsichtlich von Effektivität und Effizienz.

2. Das Konzept Triangel

Triangel ist ein stationärer bzw. teilstationärer Familien- bzw. Elternaktivierungsansatz, dessen Grundidee es ist, ganze Familien teilstationär oder stationär aufzunehmen und mit diesen arbeiten. Dabei geht Triangel zunächst von der klassischen familiendynamischen Erkenntnis und Erfahrung aus, dass Verhaltensaufälligkeiten in Familien, etwa von Kindern oder Jugendlichen, nicht adäquat verstanden und behandelt werden können ohne die Beachtung und den Einbezug des familiären Kontextes. Nach dieser Erkenntnis und Erfahrung stoßen klassische stationäre Einrichtungen für Kinder und Jugendliche häufig an ihre Grenzen: Sie sind nur wenig in der Lage, von der familiären Dynamik und Herkunft der Symptome der Kinder oder Jugendlichen auszugehen und Lösungen anzuregen, die die familiäre Bedingtheit von kindlichen oder jugendlichen Verhaltensauffälligkeiten berücksichtigt.

Im Gegensatz dazu bezieht sich Triangel nicht in erster Linie auf die kindlichen oder jugendlichen Symptomatiken, die Anlass für die Hilfe waren, sondern von vornherein auf die familiäre Interaktionsdynamik. Diese Dynamik wird angesichts der Verhaltensweisen der Familienmitglieder betrachtet, die Familienmitglieder werden sensibilisiert für die Wirkungen ihrer Handlungen und angeregt, sich diese (z.B. in Rollenspielen) anzuschauen; sodann werden sie eingeladen, alternative Handlungsoptionen zu überlegen und auszuprobieren. Ein zentraler Fokus der Arbeit von Triangel ist also - erstens: die Familiendynamik, die stationäre interaktionsorientierte Arbeit mit ganzen Familien.

Zweitens basiert Triangel auf der Idee, dass die Helfer ihre professionellen Haltungen und Handlungen so verändern müssen, damit mit den Familien, insbesondere mit den Eltern eine konstruktive Arbeit möglich ist. Sozialarbeiter verstehen sich in Triangel-Teams nicht als Experten für die Problemlösungen der Klienten, sondern als Coach für die Eltern. Denn eine zentrale Erkenntnis der Triangel-Teams war und ist, dass sich konstruktive Beziehungen zu den Familien nur entwickeln, wenn die Helfer es aufgeben, an einer vermeintlich professionellen Haltung zu hängen, die vorgibt zu wissen, was das richtige und passende für die Familien, insbesondere für die Kinder ist. Aus meiner Sicht realisieren die Triangel-Teams eine Haltung, die bereits Carl Rogers (1977) postuliert hat, nämlich die Klienten zu akzeptieren, wertzuschätzen und an die positiven und konstruktiven Kräfte in ihnen zu glauben, diese geradezu herauszufordern.

3. Die gemeinsamen Orientierungen und Charakteristika des Systemischen Case Managements und des Triangel-Konzeptes

Sowohl die Triangel-Arbeit als auch das Systemische Case Management lassen sich aus einer abstrakten systemtheoretischen Perspektive reflektieren; diese Reflexion ermöglicht es, dass zentrale Prozesselemente der Arbeit destilliert werden können. Diese Elemente sollen wieder auf die Autopoiesis, die Funktion der Familie in der modernen Gesellschaft und schließlich auf das Verhältnis von Familien zu den Funktionssystemen und Organisationen bezogen werden.

Autopoiesis: Beide Konzepte nehmen die familiäre Autopoiesis ernst, achten diese und unternehmen nichts, was die familiäre Selbstorganisation gefährdet - im Gegenteil: Sie versuchen, die Dynamik familiärer Kommunikation in den Fluss zu bringen, der Familie neue Beobachtungen (z.B. das Erkennen von Ressourcen) zu ermöglichen oder verborgene Kräfte zu entdecken. Des Weiteren sind sowohl Case Management als auch Triangel sensibel für die organisatorische Autopoiesis Sozialer Arbeit, die dazu führen kann, dass Soziale Arbeit nicht zu Hilfe führt, sondern Unselbstständigkeit oder Inaktivität der Klienten herausfordert. Die zentralen Prozesselemente dieser Konzepte beziehen sich gerade darauf, derartige Effektive zu minimieren und Eltern, ja Familien zu ermöglichen, aktiv zu sein bzw. zu werden.

Die Funktion der Familie in der modernen Gesellschaft: Die Funktion der Familie in der modernen Gesellschaft besteht - so hatten wir gesehen - in der Komplettbetreuung der Personen, in der personellen Totalinklusion. Genau dies sehen und akzeptieren beide Konzepte, indem sie eben nicht versuchen, durch professionelle Hilfe zu ersetzen, was genaugenommen nur die Familien können. Professionelle Helfer werden für Klienten niemals an die bedeutende Stelle von Familienmitgliedern treten; sie können mit diesen nicht konkurrieren; falls sie dies versuchen, werden sie verlieren. Aufgrund der äußerst starken familiären Bindungen ist es daher nur folgerichtig, dass die Soziale Arbeit diese Bindungen akzeptiert, mehr noch: dass sie diese ins Zentrum ihres Interesses rückt, diese zur Adresse von Veränderungsanregungen macht. Besonderes die Triangel-Arbeit macht deutlich, dass die Akzeptanz und Achtung der besonderen Funktion der Familie in der modernen Gesellschaft völlig neue Hilfesettings notwendig macht: etwa die Aufnahme ganzer Familien in stationären Einrichtungen.

Verhältnis von Familien zu den Funktionssystemen und Organisationen: Familien wird mit dem Systemischen Case Management und dem Triangel-Konzept ermöglicht, in einer ganz bestimmten Art und Weise zu inkludieren, also in sozialen Systemen relevant zu werden. Die Familienmitglieder werden inkludiert als Personen mit Ressourcen, Fähigkeiten, Stärken und der Kraft, die eigenen Belange selbstverantwortlich - unterstützt und begleitet von Professionellen - zu lösen. Wie Personen in sozialen Systemen inkludieren, bedingt das Verhalten, das die Personen dann zeigen (können). Wenn wir Menschen Möglichkeiten offerieren, Fähigkeiten und konstruktive Verhaltensweisen zu zeigen, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass Fähigkeiten und konstruktive Verhaltensweisen tatsächlich gezeigt oder sogar erweitert werden. Es geht also darum, die probleminduzierte Inklusion, die sozialarbeiterische Einrichtungen zunächst inszenieren müssen, damit eine Hilfe anlaufen kann, so schnell wie möglich in ressourceninduzierte Inklusionen zu transformieren. Des Weiteren wird in beiden Konzepten angestrebt, dass sich die Klienten so schnell wie möglich konstruktive Netzwerke schaffen, die es erlauben, dass das, was während der professionellen Hilfe angeregt wurde, nachhaltig implementiert werden kann. In der Triangel-Arbeit unterstützen sich die Eltern gegenseitig, coachen sich und geben sich Feedbacks. Des Weiteren unterstützen Eltern, die bereits erfolgreich ihre Probleme lösen konnten, die Arbeit des Projektes, werden zu ständigen Beratern der Professionellen und der Familien.

Abschließende Bemerkung

Neben den einleitend erwähnten differenzierungs- und interventionstheoretischen Beschreibungs- und Erklärungspotentialen besitzt die Systemtheorie Luhmannscher Bauart reichhaltige Möglichkeiten, die konkrete Soziale Arbeit mit unterschiedlichen Zielgruppen praxisrelevant in den Blick zu bringen. Dies wurde am Beispiel der Sozialen Arbeit mit Familien in diesem Beitrag exemplarisch vorgeführt. Die Chancen einer systemtheoretisch unterfütterten und reflektierten sozialarbeiterischen Praxis sind damit bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Die Theorie selbstreferentieller Sozialsysteme bietet eine Vielfalt von Theoriewerkzeugen, die äußerst flexibel und variabel zur Praxisbeschreibung und -erklärung sowie zur Handlungsorientierung, -begründung und -reflexion einsetzbar sind. Gerade in Zeiten, in denen die Soziale Arbeit und ihre politische, rechtliche, aber auch wissenschaftliche Legitimation insbesondere aus ökonomischen Gründen wieder einmal auf dem Prüfstand steht, brauchen wir wissenschaftliche Theorien, die der Praxis keine Trivialitäten suggerieren, sondern deren Komplexität gerecht werden. Die soziologische Systemtheorie kann eine solche Theorie sein.


Anmerkungen:

[1] Genau heißt es in Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft (1787: 101): "Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind".

[2] Wer sich an diesem Punkt erstaunt die Frage stellt, wie denn in einem systemtheoretischen Text eine kausale Perspektive eingenommen werden kann, obwohl die Systemtheorie doch Kausalität infrage stellt, dem sei gesagt, dass die Systemtheorie zwar Kausalität als eine Eigenschaft der Beobachtungsgegenstände, der Phänomene zurück weist, aber nicht als Beobachtungsraster, nicht als eine Unterscheidung, die Beobachter einsetzen, um die Welt zu beobachten. Kausalität ist in diesem Sinne also keine Charakteristik, die der Welt selbst zugerechnet werden kann, sondern die erst auftritt, wenn die Welt beobachtet wird. Diese Erkenntnis ist freilich nicht neu, sondern geht bereits auf Kant zurück. Wenn im Folgenden also von Kausalität oder kausaler Frage die Rede ist, dann ist dieses Verständnis von Kausalität gemeint, ein Verständnis also, dass Kausalität als eine Konstruktion von Beobachtern, die hier Ursachen und dort Wirkungen unterscheiden, erkennt. Demnach führt die kausale Frage bestenfalls zu Explikationen (Erklärungen), die die Genese eines beobachteten Phänomens theoretisch nachzuvollziehen erlauben. Wir befinden uns also auf einer Beobachtungsebene 2. Ordnung, in der Beobachtungen mit anderen Beobachtungen so korreliert werden, dass daraus eine Erklärung entsteht. Mit Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela (1987, S. 34) können wir auch sagen, dass die Beantwortung der kausalen Frage zur "Aufstellung eines Systems von Konzepten [führt], das fähig ist, das zu erklärende Phänomen in einer für die Beobachter annehmbaren Weise zu erzeugen (explikative Hypothese)". Ob Beobachter die Erklärung annehmen oder nicht, hängt immer auch damit zusammen, ob die Erklärung brauchbar ist, um erfolgreiche aktionale Perspektiven, also Handlungsoptionen und -schritte zu erzeugen. Die Annahme der Erklärung ist weniger oder überhaupt nicht davon abhängig, ob sie im Sinne der Übereinstimmung mit der "wirklichen" Entstehungsgeschichte der Phänomene "wahr" ist. Diese Frage der Wahrheit ist ohnehin - zumindest aus systemtheoretisch-konstruktivistischer Sicht - unbeantwortbar (siehe ausführlicher dazu Kleve 1996/2003).

[3] Aufgrund der ganzheitlichen Inklusion von Personen in Familien sollte für die familiäre Einbindung m.E. ein anderer Begriff verwendet werden als Inklusion. Denn Inklusion meint in der Regel, wie beschrieben, das soziale Relevantwerden von Personen in sozialen Systemen unter nur ganz bestimmten, funktionalen Hinsichten. Um die besonders "starke" soziale Einbindung von Personen in Familien zum Ausdruck zu bringen, erscheint der klassische soziologische, auch normativ-moralische Bezüge in den Blick bringende Begriff der Integration passender; siehe weiterführend dazu bereits Kleve (2000: 45) und vor allem demnächst Kleve (2004).

[4] Siehe sehr aufschlussreich dazu und gleichermaßen aus systemtheoretischer, psychoanalytischer und marxistischer Sicht Ackermann (2004).


Literatur

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Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2004


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