Dialektik der Aufklärung als Erklärung für die Möglichkeit des Faschismus/Nationalsozialismus

Phänomenale, kausale und aktionale Perspektiven

von Heiko Kleve (Juni 2005)

1. Phänomenale Frage: Was wird in der Dialektik der Aufklärung (wie) beschrieben?

Die Dialektik der Aufklärung (Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, erste Auflage 1944, New York; vorliegende Fassung: Frankfurt/M.: Fischer 1969) versucht zu erklären, wie es angesichts der Modernisierung der Gesellschaft, die seit dem 17./18. Jahrhundert unter dem Titel 'Aufklärung' firmiert, zu solchen Phänomenen wie Faschismus oder Stalinismus kommen kann - zumal die Aufklärung, die Modernisierung der Gesellschaft Gegenteiliges intendiert, und zwar: die Befreiung der Menschen aus ihrer Unmündigkeit (im Sinne I. Kants [1724-1804]), die Verwirklichung geistiger und humanistischer Ideale durch den gesellschaftlichen Fortschritt (im Sinne G. W. F Hegels [1770-1831]), die Emanzipation der Menschen aus der gesellschaftlichen Unterdrückung (im Sinne K. Marx' [1818-1883]).

Allen Aufklärern war gemeinsam, dass sie daran glaubten, dass die Geschichte ein Ziel vorantreibt, das den Idealen der Aufklärung entspricht, also die Menschen in einen Zustand der Befreiung, Erkenntnis und des Glücks versetzt. Auch die wissenschaftlich-technischen Errungenschaften schienen mit der Industrialisierung, mit der wissenschaftlich-technischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts so weit zu sein, dass eine Welt greifbar wurde, die den Idealen der Aufklärung entsprach, eine Welt ohne Hunger, Krieg und Unterdrückung. Aber die Welt wandelte sich in eine andere Richtung.

Angesichts des Faschismus und des 2. Weltkrieges schrieben Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung (S. 7):

"Seit je hat Aufklärung im umfassenden Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils." (Horkheimer/Adorno, S. 7).

Dieses "triumphale Unheil" spürten Adorno (1903-1970) und Horkheimer (1885-1973) am eigenen Leibe. Sie gründeten 1924 das Institut für Sozialforschung in Frankfurt/M., das es sich zur Aufgabe gemacht hatte, eine kritische Theorie der Gesellschaft zu entwickeln. Horkheimer und Adorno, selbst Antifaschisten und jüdischer Abstammung, verlegten das Institut nach der Machtergreifung der Nazis 1933 zuerst nach Genf und dann nach New York. Dort entwickelten sie die kritische Theorie der Gesellschaft weiter, vor allem mit der Dialektik der Aufklärung.

Die Leitfrage der Dialektik der Aufklärung ist die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit des "triumphalen Unheils" auf einer "vollends aufgeklärten Erde":

"Was wir uns vorgesetzt hatten, war tatsächlich nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt" (S. 1).

Diese Barbarei sahen die Aufklärer (noch) nicht: Kant und Hegel glaubten an die Geschichte als Verwirklichung der Vernunft im Sinne eines "Vernünftigwerdens der Welt" (Behrens 2003, S. 73). Sie sahen nicht, was im 20. Jahrhundert sichtbar wurde: "was sich als Vernunft zu realisieren schien, entpuppte sich als Umschlag von Rationalität in Irrationalität" (ebd.). Die Vernunft wurde dafür eingesetzt, den Massenmord (in Auschwitz und anderswo) und den Krieg zu planen und zu verwalten - und zwar nach Kriterien der Aufklärung, nach Effektivität und Effizienz. Der Aufklärer Marx glaubte an die Befreiung der Arbeiter durch die Entwicklung der Produktionsverhältnisse, die - zu einer Lokomotive der Geschichte geworden - die Menschen durch Revolutionen aus den kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen befreien wird. Es zeigte sich jedoch Gegenteiliges: "Adorno und Horkheimer [...] stellen heraus, dass die ökonomischen Verhältnisse weit über den eigentlichen Produktionsbereich hinaus die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen bestimmen: Ausbeutung ist zur allgemeinen Unterdrückung der Menschen durch den Menschen geworden" (ebd.).

Die gesamte Gesellschaft hat sich kapitalisiert, wie Horkheimer und Adorno Mitte der 1940er Jahre sahen, alle Verhältnisse der Menschen zueinander stehen unter dem ökonomischen Gesetz der Effektivität und Effizienz, der Nützlichkeit und Verwertbarkeit, die Welt ist zu einer vollkommen ökonomisierten (im Kapitalismus) und vollkommen verwalteten (besonders im Faschismus und Stalinismus) Welt geworden.

Damit steht die Vernunft der Aufklärung in ihrer Dynamik selbst infrage:

"Die Absurdität des Zustandes, in dem die Gewalt des Systems über die Menschen mit jedem Schritt wächst, der sie aus der Gewalt der Natur herausführt, denunziert die Vernunft der vernünftigen Gesellschaft als obsolet" (Horkheimer/Adorno, S. 38).

Das augenscheinlichste Zeichen dieses "absurden Zustandes" der Vernunft, der zu einer "neuen Art der Barbarei" führt, war zwar zunächst der Faschismus, aber Horkheimer/Adorno untersuchten eine grundsätzlichere Frage: wie nämlich die menschliche Vernunft, die rationale und moralisch "gute" Intention menschlicher Theorie und Praxis in ihr Gegenteil umschlagen kann, in die Unvernunft und in das "Böse". Der Dialektik der Aufklärung geht es also um die Reflexion der Ambivalenz der Moderne, um die Darlegung der Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Tendenzen, um die Gleichzeitigkeit von Fortschritt und Rückschritt, von Aufbau und Zerstörung. Denn Dialektik der Aufklärung "fordert Aufklärung über die Schattenseiten des gesamten geschichtlichen Fortschritts; sie will nichts Geringeres als die Suche nach der Ursache für die geistigen, kulturellen, sozialen, politischen und ökonomischen Perversionen der Menschheitsgeschichte schlechthin provozieren" (Auszug aus dem Klappentext der Reclam-Ausgabe der Dialektik der Aufklärung, Leipzig 1989).

2. Kausale Frage: Welche Ursachen werden in der Dialektik der Aufklärung für die beschriebene Ambivalenz der Moderne aufgeführt?

Für Horkheimer und Adorno erklärt sich der unter 1. beschriebene Zustand aus der Entwicklung der Geschichte selbst, aus ihrer eigenen inneren Logik. Die Vernunft und die Aufklärung treten nicht aus ihren eigenen Logiken heraus, wenn sie in ihr Gegenteil, in Barbarei, in Faschismus oder Stalinismus oder in eine vollends kapitalisierte Gesellschaft umschlagen, sondern sie folgen vielmehr ihren eigenen (ambivalenten) Logiken.

Mit dieser These schließen Horkheimer und Adorno an die Philosophie Friedrich Nietzsches (1844-1890) an, der wohl der erste 'Aufklärer über die Aufklärung' war: "Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus" (Nietzsche 1883, S. 100). Nietzsche machte aus der Fortschrittsdialektik von Hegel und Marx, deren Kritiker er war, eine Ambivalenzdialektik, eine Dialektik der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen.

Horkheimer und Adorno inszenieren beispielsweise die Ambivalenzen der Aufklärung, wenn sie vorführen, dass Befreiung mit Unterdrückung einhergeht: Die Menschen befreien sich von der Natur, aber nun werden sie von dem System, das sie selbst geschaffen haben, mehr und mehr verwaltet.

Hier zeigt sich genaugenommen etwas, was uns auch in den Matrix-Filmen vorgeführt wird: Maschinen, die die Menschen einst bauten, um sich von dem Joch der harten Arbeit zu befreien, verwalten, verwerten und züchten nun diejenigen, die ihre Erbauer waren - und zwar so perfekt, dass es die meisten Menschen gar nicht merken. Denn der "Verblendungszusammenhang" (Horkheimer/Adorno) in Matrix, die computerinszenierte Scheinwelt, verhindert den Blick in die wirkliche Wirklichkeit, in die Welt hinter der Fiktion.

Marx erkannte dieses Phänomen bereits und nannte es Entfremdung; das, was die Menschen durch ihre Arbeit schufen, vergegenständlicht sich und tritt ihnen als etwas Fremdes gegenüber - als etwas Fremdes, so können wir mit Horkheimer und Adorno weiter führen, das nun Macht über sie gewinnt.

Zunächst hat die Aufklärung jedoch versucht, den Mythos zu besiegen, die Scheinwelten des (Aber-) Glaubens umzustürzen, die "Verblendungszusammenhänge" zu lüften und die Menschen zur Macht der Erkenntnis zu verhelfen. Aber:

"Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann" (Horkheimer/Adorno, S. 12).

Damit wird die Aufklärung selbst zum Verschleierer der Verhältnisse, zum Mythos. Die Vernunft verschleiert beispielsweise, dass sie nicht eindeutig, sondern ambivalent ist, dass sie dazu führt, dass die Menschen die Macht, die sie im Laufe der Geschichte über sich, die Natur und die Gesellschaft gewinnen, zugleich verlieren, abgeben an das, was sie schaffen: an die Systeme und Maschinen. "Daher wäre es eine vergebliche Hoffnung, wenn man meinte, von der Positivbilanz äußerer Naturbeherrschung die Negativbilanz innerer Naturunterdrückung abkoppeln zu können. Es liegt vielmehr im Zuschnitt dieser Vernunft begründet, dass sie Zwang von den Menschen nur so nehmen kann, daß sie ihnen zugleich anderen Zwang auferlegt" (Welsch 1996, S. 81).

Die Herrschaft über die Natur führt dazu, dass die Menschen ihre Natur entäußern, und damit eine entstellte 'Natur' schaffen, der sie sich nun selbst unterwerfen müssen. Die von den Menschen gemachte Welt wird nun zu einer entmenschlichten, nicht nach human(itär)en Gesetzen bestimmte Anpassungswelt:

"Die ökonomisch bestimmte Richtung der Gesamtgesellschaft, die seit je in der geistigen und körperlichen Verfassung der Menschen sich durchsetzte, lässt Organe des Einzelnen verkümmern, die im Sinne der autonomen Einrichtung seiner Existenz wirkten. Seitdem Denken ein bloßer Sektor der Arbeitsteilung wurde, haben die Pläne der zuständigen Experten und Führer die ihr eigenes Glück planenden Individuen überflüssig gemacht. Die Irrationalität der widerstandslosen und emsigen Anpassung an die Realität wird für den Einzelnen vernünftiger als die Vernunft. Wenn vordem der Bürger den Zwang als Gewissenspflicht sich selbst und den Arbeitern introjiziert hatten, so wurde inzwischen der ganze Mensch zum Subjekt-Objekt der Repression. Im Fortschritt der Industriegesellschaft, die doch das von ihr selbst gezeitigte Gesetz der Verelendung hinweggezaubert haben soll, wird nun der Begriff zuschanden, durch den das Ganze sich rechtfertigte: der Mensch als Person, als Träger der Vernunft. Die Dialektik der Aufklärung schlägt objektiv in Wahnsinn um" (Horkheimer/Adorno, S. 183).

3. Aktionale Frage: Was ist zu tun? Kann der Dialektik der Aufklärung entflohen werden? Wie ist es in der Sozialen Arbeit?

Zunächst kann die aktionale Frage - erstens - so beantwortet werden, dass genau das gesehen werden sollte, was als Dialektik der Aufklärung beschrieben wird: es sollte sich aufgeklärt werden über die Ambivalenz der Aufklärung - und dies ist zweifellos selbst: Aufklärung, und zwar über Aufklärung.

"Die ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung selbst vermöchte die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen" (Horkheimer/Adorno, S. 231).

Und dies könnte beispielsweise für die Sozialarbeit bedeuten, dass sie sich aufklärt über ihre Funktion innerhalb der Dialektik der Aufklärung. Diese Funktion hat Michel Foucault (1975, S. 392f.) deutlich gemacht. Demnach gehört die Sozialarbeit ebenfalls zum Vollstrecker der verwaltenden und normierenden Vernunft, und zwar als Teil eines Normalisierungsapparates, der über Norm und Abweichung richtet:

"Die Normalisierungsrichter sind überall anzutreffen. Wir leben in der Gesellschaft des Richter-Professors, des Richter-Arztes, des Richter-Pädagogen, des Richter-Sozialarbeiters; sie alle arbeiten für das Reich des Normativen; ihm unterwirft jeder an dem Platz, an dem er steht, den Körper, die Gesten, die Verhaltensweisen, die Fähigkeiten, die Leistungen".

Zweitens ist die These, dass die Dialektik der Aufklärung nur durch Aufklärung selbst aufklärbar ist und vielleicht durchbrochen werden kann, eine Aporie, eine Ausweglosigkeit. Aufklärung über Aufklärung kann nur eines sein - wie gesagt: Aufklärung, vernünftige Kritik an der Vernunft, logische Argumentation gegen die Logik der Moderne. Die Aufklärung über die Aufklärung wendet damit das auf sich selbst an, was sie kritisiert: nämlich die (ambivalente) Aufklärung. Es gibt offenbar kein Entrinnen aus dem System der Aufklärung. Die Aufklärung kann nur immanente Kritik üben: Selbstkritik. Dies wird uns auch in Matrix vorgeführt: Neo kommt nicht hinaus aus der Matrix, vielmehr merkt er, dass auch die Negation der Matrix zur Matrix gehört, dass das System seinen eigenen Widerspruch enthält, die Verneinung ist selbst Teil der Bejahung des Systems. Aus diesem Paradox gibt es kein Entrinnen.

Drittens empfehlen Horkheimer/Adorno (siehe dazu Welsch 1996, S. 83ff.) der Vereinheitlichungstendenz, dem totalitären Prinzip der Aufklärung entgegenzuwirken:

"Aufklärung ist totalitär wie nur irgendein System. Nicht was ihre romantischen Feinde ihr seit je vorgeworfen haben, analytische Methode, Rückgang auf Elemente, Zersetzung durch Reflexion ist ihre Unwahrheit, sondern daß für sie der Prozeß von vornherein entschieden ist. Wenn im mathematischen Verfahren das Unbekannte zum Unbekannten einer Gleichung wird, ist es damit zum Altbekannten gestempelt, ehe noch ein Wert eingesetzt ist. Natur ist, vor und nach der Quantentheorie, das mathematisch zu Erfassende; selbst was nicht eingeht, Unauflöslichkeit und Irrationalität, wird von mathematischen Theoremen umstellt" (Horkheimer/Adorno, zit. n. Welsch 1996, S. 83).

Demnach sollte das Ziel darin bestehen, das Unbekannte, das Andere, das Fremde der (eigenen)Vernunft nicht einzuverleiben und es zum Gleichen, zum Selben zu machen, sondern es in seiner Verschiedenheit auszuhalten.

Adorno hat ein solches Denken später (1967) Negative Dialektik genannt. Eine negative Dialektik verweigert sich dem identifizierenden Denken, der Totalität der Begriffe und interessiert für das mit dem begrifflichen Denken nicht klar Fassbare, für das Paradoxe und Ambivalente.

"Utopie wäre über der Identität und über den Widerspruch, ein Miteinander des Verschiedenen" (Adorno 1967, S. 153).

Was könnte dies für die Soziale Arbeit heißen?


Literatur:

Adorno, Theodor W. (1967): Negative Dialektik. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Behrens, Roger (2003): Adorno-ABC. Leipzig: Reclam.

Foucault, Michel (1975): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. (1944): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt/M.: Fischer (1969).

Nietzsche, Friedrich (1883): Also sprach Zarathustra. Kritische Studienausgabe hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Band 4. München: dtv (1999).

Welsch, Wolfang (1996): Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.


Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: Juni 2005


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