Kontextsensibilität

Rede anlässlich der feierlichen Verabschiedung von Britta Haye aus dem aktiven Dienst als Hochschullehrerin der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin

von Heiko Kleve (Mai 2006)

Liebe Britta,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

dich, liebe Britta, mit einer Rede anlässlich deines Ausscheidens aus dem aktiven Dienst als Hochschullehrerin zu würdigen, ist für mich eine zweischneidige Aufgabe. Einerseits freue ich mich sehr, dass ich einige ausgewählte, mir besonders ins Auge fallende Stationen und Verdienste deines Lebens als Sozialarbeiterin und Professorin in diesem Rahmen in Erinnerung rufen darf. Glücklich bin ich auch darüber, dass ich hiermit die Gelegenheit habe, deine Persönlichkeit wertschätzen zu dürfen. Andererseits stimmt es mich traurig, dich mit diesen Zeilen aus deinem aktiven Dienst als Professorin zu verabschieden. Denn ich bin mir sicher, dass mit dir eine Sozialarbeitsprofessorin in den Ruhestand geht, die zur Gruppe der engagiertesten Kolleginnen und Kollegen in der Geschichte der Alice-Salomon-Fachhochschule gehört. Aber dazu werde ich später noch mehr sagen.

Bevor ich zu deiner Bedeutung, liebe Britta, für die Alice-Salomon-Fachhochschule komme, erlaube mir einen kleinen Umweg: Ich möchte den Kolleginnen und Kollegen zunächst einige deiner beruflichen und wissenschaftlichen Stationen beschreiben und sodann ein paar persönliche Bemerkungen darüber machen, was ich von dir als meiner wichtigsten akademischen Lehrerin lernte.

Aber zunächst, meine Damen und Herren, zum beruflichen und wissenschaftlichen Werdegang von Britta Haye: Britta hat das sozialpädagogische Ausbildungsfeld in allen seinen drei Stufen kennen gelernt: Zunächst absolvierte sie zu Beginn der 60er Jahre das Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnen-Seminar, also eine klassische Erzieherinnen-Ausbildung in Celle. Mitte der 60er Jahre studierte sie dann an der Höheren Fachschule für Sozialarbeit des Landes Niedersachsen in Braunschweig, erwarb die staatliche Anerkennung und wurde schließlich als Sozialarbeiterin graduiert. Nach diesem Studium war sie als Sozialarbeiterin in der Familienfürsorge in Hannover tätig. 1970 wechselte sie nach Berlin, und zwar in die Familienfürsorge des Bezirkes Charlottenburg. In diesem Arbeitsbereich war sie nicht nur mit der klassischen Jugendamtssozialarbeit betraut, vielmehr arbeitete sie immer auch an der Weiterentwicklung der sozialpädagogischen Praxis mit - zum Beispiel beteiligte sie sich maßgeblich an der Einführung des damals neuen Konzeptes der Sozialpädagogischen Familienhilfe; diesbezüglich fungierte sie unter anderem als Mitautorin am Entwurf für die Ausführungsvorschriften.

Die nächste Station ihrer sozialarbeiterischen Tätigkeit führte Britta zu Beginn der 80er Jahre in das Kindertagesstättenberater-Team des Bezirksamtes Kreuzberg; knapp zwei Jahre danach wechselte sie in die Erziehungs- und Familienberatungsstelle desselben Bezirkes und wurde dort stellvertretende Amtsleiterin.

Neben diesen beruflichen Tätigkeiten engagiert Britta sich seit Beginn der 80er Jahre bei dem bedeutendsten Berliner Institut für die Weiterbildung in Familientherapie, dem Berliner Institut für Familientherapie, dem BIF. Dort prägte sie mit ihrer Haltung und ihrem methodischen Können insbesondere die Weiterbildung in Supervision.

Berufsbegleitend absolvierte sie schließlich die dritte Stufe der sozialpädagogischen Ausbildung: Sie studierte von Ende der 70er bis Anfang der 80er Jahre Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin.

Ihre sozialarbeiterische und sozialpädagogische Qualifizierung perfektionierte Britta insbesondere durch ihre zahlreichen Fortbildungen, aber vor allem durch die drei Zusatzqualifikationen als Supervisorin, als Master-Practitioner im Neuro-Linguistischen Programmieren sowie als systemische Familientherapeutin.

Nun, meine Damen und Herren, ist es endlich gefallen, das Wort, mit dem sicherlich viele von Ihnen Britta verbinden: das Wort "systemisch". Ja, Britta, du verstehst dich als Systemikerin, als systemisch denkende und handelnde Sozialarbeiterin und Hochschullehrerin.

Vom ersten Tag deiner Berufung an - zunächst als teilzeit- und als befristet, dann als regulär beschäftigte Hochschullehrerin für Sozialarbeit an der ASFH - hast du die systemische Perspektive offensiv und massiv vertreten. Damit gehörst du seit Ende der 80er Jahre zu den innovativen Kräften in der Sozialen Arbeit, die die überkommenen Traditionen mit neueren, zeitgemäßen Ansätzen konfrontierten - zur Freude von vielen Praktikern und Studierenden, die den systemischen Ansatz als große Bereicherung ihres professionellen Rüstzeugs erlebten und nach wie vor erleben.

Ich lernte dich, liebe Britta, in den 90er Jahren kennen, zu einer Zeit, in der ich meine Diplomarbeit zu schreiben begann. Nach anfänglichem Zögern konnte ich dich gewinnen, meine Diplomarbeit zu betreuen, was mich sehr beglückte, warst du doch die einzige Professorin an der ASFH, bei der Begriffe in den Seminarbeschreibungen auftauchten, die mir seit damals im Kopf herumschwirren: zum Beispiel Kybernetik 2. Ordnung, Autopoiesis, Komplexität oder Kontingenz.

Mit dem Abschluss meines ASFH-Studiums begannen wir dann auf unterschiedlichen Ebenen zusammenzuarbeiten, da wir merkten, dass wir sozialarbeits-theoretisch und -methodisch sehr ähnliche Interessen verfolgten, uns sehr gut verstanden und uns in der Lehre ausgezeichnet ergänzen konnten. So starteten wir im Wintersemester 1999/2000 gemeinsam mit einem ersten Projektseminar.

Diese Zeit der gemeinsamen Lehre war für mich ausgesprochen bereichernd, besonders in schwierigen Lehrkontexten profitiere ich immer wieder von dem, was ich bei dir, Britta, lernte. Du bist für mich eine hoch versierte Didaktikerin, von der ich mir Unschätzbares abgucken konnte. Darüber möchte ich Ihnen, meine Damen und Herren, jetzt ein wenig berichten:

Auf einen Satz gebracht: Britta lehrte mich die kontextuelle Sensibilität. Und Kontextsensibilität ist, wie ich finde, die systemische Haltung schlechthin, diese lässt sich am besten bei erfahrenen Systemikern beobachten, die Modell werden können, um die eigene Haltung zu schulen, um Kontextsensibilität professionell zu habitualisieren, also zur alltäglichen Gewohnheit werden zu lassen. Ich hatte und habe hoffentlich noch lange das große Glück, Britta als Modell, als Vorbild erleben zu dürfen.

Denn von dir, liebe Britta, habe ich gelernt, dass Seminare ganz besondere Kontexte sind, in denen man als Lehrender sehr sensibel agieren muss, will man sowohl bezüglich der Seminarteilnehmer als auch hinsichtlich der eigenen Person erfolgreich sein. Besonders drei - in der Theorie einfach klingende, aber in der Praxis häufig schwer zu realisierende - Aspekte entdeckte ich in deiner Didaktik, die mir Vorbild wurden:

Der erste Aspekt, ja das erste Axiom ist die Beachtung des Herkunftskontextes der Seminarteilnehmer. Ganz wie in der praktischen Sozialarbeit wird in der erfolgreichen Lehre dort angefangen, wo die Teilnehmer stehen. Es geht darum, sie dort abzuholen, wo sie sich befinden. Dies ist jedoch nicht nur in kognitiver Hinsicht gemeint, wenngleich das Aufsuchen des kognitiven Ortes der Studierenden ausgesprochen wichtig ist. Darüber hinaus gilt es, den emotionalen Ort der Studierenden zu finden. Denn erst dann, wenn das jeweils relevante Wissen einen Bogen spannt zwischen dem kognitiven und dem emotionalen Ort, ja erst dann erreicht es eine Nachhaltigkeit, führt es zur konstruktiven Transformation des studentischen Denkens und Handelns. Liebe Britta, herzlichen Dank, dass ich erleben durfte, wie du es verstehst in der Lehre zugleich den Kopf und den Bauch anzusprechen.

Der zweite Aspekt bezieht sich auf ein kommunikationstheoretisches Axiom von Paul Watzlawick, dass nämlich in der Interaktion zwischen Inhalts- und Beziehungsaspekten unterschieden werden sollte und dass die Beziehung den Inhalt bestimmt. Ich konnte in der Zusammenarbeit mit Britta erfahren, wie die strikte Beachtung dieses Axioms die Lehre konstruktiv beeinflusst. Wenn ich stur auf die Inhalte schaute, die es zu vermitteln galt, wenn ich den Studierenden mit einer Flut von Overheadfolien Wissen eintrichtern wollte, dann bremste mich Britta und wies mich darauf hin, dass es zunächst einmal darum gehen muss, wohlwollende und förderliche Seminarbeziehungen - sowohl zwischen den Dozenten und den Studierenden als auch unter den Studierenden - herzustellen. Liebe Britta, herzlichen Dank, dass ich daran teilhaben durfte, wie du dein didaktisches Geschick und deine vielfältigen kreativen Ideen eingesetzt hast, um förderliche Lehr- und Lernbeziehungen zu initiieren.

Der dritte Aspekt verbindet sich wiederum mit einer Haltung, die in der Praxis der Sozialen Arbeit mehr denn je gefragt ist und die genauso in der Lehre erfolgversprechend ist, nämlich eine positive Grundhaltung den Teilnehmern gegenüber. Mit positiver Grundhaltung ist in diesem Sinne etwas gemeint, was in der Beratung als Lösungs- und Ressourcenorientierung bezeichnet wird, nämlich auf die Stärken, auf die Potentiale sowohl der Teilnehmer als auch der inhaltlichen Möglichkeiten der Seminarstruktur zu bauen. Meine Damen und Herren, Sie kennen sicherlich die Untersuchungen über die Macht selbsterfüllender Prophezeiungen und über den Einfluss, den die Erwartungen haben hinsichtlich dessen, was wir innerhalb von sozialen Beziehungen mit anderen Menschen erreichen. Ich konnte in der Zusammenarbeit mit Britta erfahren, welche Macht positive, auf Lösungen und Ressourcen fokussierende Erwartungen selbst in manch problematischen Lehrkontexten in sich bergen. Für diese Erfahrung, liebe Britta, herzlichen Dank.

Bei Britta habe ich also gelernt, dass die drei genannten Aspekte zentrale Leitgedanken darstellen bei der Kontextsensibilität in der Lehre. Darüber hinaus ist Kontextsensibilität in der Ausbildung der Sozialen Arbeit ausgesprochen bedeutsam, weil sie zugleich auch für die Seminarteilnehmer als Modell dienen kann, kontextsensibel in der Praxis zu werden. Mir zumindest war das Modelllernen bei dir, liebe Britta, eine der wichtigsten Möglichkeiten, um meine eigene kontextuelle Sensibilität nachhaltig zu schulen.

Aber welche Verdienste hat Britta nun schließlich im Kontext der Alice-Salomon-Fachhochschule aufzuweisen? Zu diesem Aspekt will ich schließlich kommen und betonen, dass auch hier wieder die Sensibilität für Kontexte zum Vorschein kommt.

Meine Damen und Herren, liebe Britta, bevor ich diesen Aspekt weiter ausführe, möchte ich zunächst feststellen, dass die Bedeutung, die du, Britta, für diese Fachhochschule bekommen hast, zum einen aus deiner Persönlichkeit resultiert, die sich an der ASFH zu einer leidenschaftlichen Kämpfernatur für die arbeitsfeldspezifischen und hochschulischen Belange der professionellen Sozialen Arbeit sozialisierte. Meines Erachtens gab und gibt es wenige Kollegen und Kolleginnen, die so überzeugt und vehement für die Sache der institutionellen und personellen Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit an der Hochschule gekämpft haben und kämpfen, wie du dies oft getan hast. Zum anderen hast du mit deinem fachpolitischen Eintreten hinsichtlich der Gestaltung des Kernbereiches Sozialarbeit/Sozialpädagogik und dem Aufbau des Feldes der Ausbildungssupervision an der ASFH in einem zeitlichen Kontext gewirkt, in dem sich ein tiefgreifender Wandel in der wissenschaftlichen Landschaft der Sozialen Arbeit vollzogen hat, der freilich noch lange nicht abgeschlossen ist.

Daher möchte ich dich der ausgesprochen wichtigen Zwischengeneration von Sozialarbeitswissenschaftlern zuordnen, die die "alten", eher bescheidenen, zum Teil marginalisierten Verhältnisse der Sozialarbeitslehre noch kennen und bewusst erlebten, die seit einigen Jahren allerdings als Wegbereiter agieren, um eine "neue", selbstbewusste und sich ihren Stärken und Möglichkeiten gewisse Sozialarbeitslehre zu etablieren. Die Gestalter dieser Zwischengeneration ecken freilich an, machen sich nicht überall beliebt, treten sie doch ein um einen Status Quo zu verletzen, um dafür zu sorgen, dass sich Neues Bahn bricht und erprobt werden kann.

Dein großes persönliches Verdienst ist es, liebe Britta, dass du es geschafft hast, deine persönlichen Überzeugungen hinsichtlich der Sozialen Arbeit so zu vertreten, dass dies kontextuell innerhalb der ASFH immer wieder anschlussfähig war. Du hast dich geschickt zwischen den unterschiedlichen Kontexten der Hochschule (etwa zwischen Lehre, Verwaltung, Studentenschaft) bewegt, authentisch deine Sichtweisen und Überzeugungen artikuliert, und bist dabei immer sensibel für zwischenmenschliche Stimmungen und Belange geblieben. Daher gehörst du, da bin ich mir sicher, zu den äußerst angesehenen und einflussreichen Kolleginnen und Kollegen der Hochschule.

Wer zu solchen Bewegungen zwischen Personen und Kontexten in der Lage ist, der sollte bezüglich seines kognitiven Modells und seiner professionellen Haltung untersucht werden. Sie wissen es, meine Damen und Herren, es ist kein Geheimnis, und ich habe es bereits erwähnt, dass Britta beide Bereiche, sowohl ihr Denkmodell als auch ihren Handlungsstil, als systemisch charakterisiert. Allerdings lässt sich "systemisch" kaum als ein absoluter Begriff definieren, sondern lediglich komparativ, vergleichend können unterschiedliche Steigerungsformen des "Systemischen" unterschieden werden.

Wie der Münchner Systemiker und Philosophieprofessor Matthias Varga von Kibéd erst kürzlich formuliert hat, ist eine "Erklärung (Theorie, Methodologie, Vorgehensweise [... etc.]) A [...] systemischer als eine Erklärung (Theorie ...) B per definitionem genau dann, wenn A in höherem Maße als B erlaubt, von der Zuschreibung von Eigenschaften an Systemelementen abzusehen (zugunsten der Betrachtung von Relationen, Strukturen, Kontexten, Dynamiken und Choreografien)". [1]

Britta, du schaffst genau dies in hohem Maße: Du betrachtest Personen und Situationen - freilich auch dich selbst - in den relevanten kontextuellen Einbettungen. Ein solches Denken und Handeln kann zwar situativ anstrengend, unverständlich und für einige bestimmt auch wuterzeugend sein, es offenbart aber zumeist eine große Nachhaltigkeit. Und daher hast du die Alice-Salomon-Fachhochschule äußerst stark geprägt - vielleicht stärker als es vielen Kolleginnen und Kollegen, vielleicht auch stärker als dir selbst derzeit bewusst ist.

Dafür - und für sehr Vieles mehr, was ich hier aus Zeitgründen nur kurz oder gar nicht ansprechen konnte - möchte ich mich bei dir, liebe Britta - bestimmt auch Namen des Rektorats und der hier versammelten Kolleginnen und Kollegen - herzlich bedanken!


[1] Ders. (2005): Metakommentar, in: G. Weber/G. Schmidt/F. B. Simon: Aufstellungsarbeit revisted ... nach Hellinger?, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, S. 229.


Autor

Dr. Heiko Kleve

  • Geboren 1969 (in Warin), Dr. phil.
  • Studium der Sozialen Arbeit (Dipl.-Sozialarbeiter/Sozialpädagoge) und der Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie und Philosophie)
  • Promotion in Soziologie (1998)
  • Weiterbildung zum Konflikt-Mediator
  • derzeit Gastprofessor für Sozialwissenschaften an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Lehrbeauftragter an der Katholischen Fachhochschule Berlin und an der Fachhochschule Lausitz
  • freiberuflich tätig in der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe
  • zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialarbeitswissenschaft und zur systemisch-konstruktivistischen Sozialarbeit

eMail: kleve@asfh-berlin.de

HomePage: http://www.asfh-berlin.de/hsl/kleve


Veröffentlichungsdatum: Mai 2006


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