Quo vadis Soziale Arbeit?

Von Bachelor, Master, Modularisierung, Credits und anderen revolutionären Ideen

von Wilhelm Klüsche (Januar 2004)

Vortragsmanuskript zur Akademietagung "Erinnerungen für die Zukunft der Sozialen Arbeit" der Diözese Rottenburg-Stuttgart / Weingarten am 22.11.2003

Das berechtigte Anliegen der Tagung, durch rückschauende Perspektive Erkenntnisse über die Zukunft der Sozialen Arbeit zu gewinnen, greift das nach wie vor ungelöste Identitätsproblem der Sozialen Arbeit auf, nämlich, was leistet sie und welche Rolle wird den Menschen zugeschrieben, die sie professionell vertreten? Da kein Konsens über die Antworten auf diese Frage besteht, darf man sich unter Sozialer Arbeit sehr unterschiedliche Dinge vorstellen: etwa unmittelbare Hilfe für den Einzelnen, gesellschaftskritische Appelle, politischer Widerstand oder Kontrolle von unerwünschten Verhaltensweisen.

Entsprechend schillernd ist das Berufsbild der Sozialarbeiter / Sozialpädagogen, die zum einen als "Gut-Menschen", therapeutische Helfer oder Alternative mit Verweigerung von Maßnahmen zur Erzwingung gesellschaftlich erwarteter Anpassungen betrachtet werden – ein aktuelles Beispiel bilden die politischen Diskussionen über den Umgang mit den "Kölner Klaukindern", innerhalb derer die Kommunalpolitiker sich angeblich wegen der "Sozialpädagogenfraktion im Jugendamt" nicht trauen, wirksame Maßnahmen einzusetzen -. In Abhebung zum Bild des tolerierenden Beistandes wird andererseits in bestimmten gesellschaftlichen Schichten nach wie vor mit der "Tante vom Jugendamt" gedroht, wenn Kinder sich nicht erwartungsgemäß verhalten, also der Berufsstand als Vertreter der Staatsmacht bemüht wird.

Die mir gestellte Aufgabe sehe ich darin, zu überlegen, ob die sich verändernden Strukturen und Rahmenbedingungen im Hochschulbereich eine Auswirkung auf das Berufsbild der Sozialen Arbeit haben werden und das Identitätsbewusstsein der sie vertretenden Personen beeinflussen können. Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich aber zunächst dem Tagungsthema folgend, einen kurzen Rückblick auf den Ausbildungsgeist der letzten drei Jahrzehnte werfen, die ich aktiv seit 1972 im Hochschulbereich miterlebt habe. Vor dieser Zeit war ich 6 Jahre im hessischen Strafvollzug als Psychologe tätig, wo ich intensiv mit Sozialarbeitern und Sozialpädagogen in verschiedenen Anstalten eng zusammengearbeitet habe.

Eine grundlegende Herausforderung für Lehre und Forschung der Sozialen Arbeit ist in der Tatsache begründet, dass die Berufswirklichkeit selten auf Grund von im Studium entwickelten Theorien und Modellen gestaltet wird, sondern dass die zu erbringenden sozialen Dienstleistungen vorrangig die sich laufend verändernden gesellschaftlichen Bedingungen zu beachten haben. Damit sind die Praktiker in ihrem Verständnis von Sozialer Arbeit und in ihrer Definitionsmacht in der Regel den Theoretikern und Lehrenden meist um Jahre voraus sind. Hierzu ein Beispiel:

Die Änderungen in der finanziellen Absicherung von sozialen Einrichtungen - grob charakterisiert durch den Wechsel von einer Pauschalfinanzierung zu Leistungsverträgen - erforderte von den Verantwortlichen vor Ort als bisher nicht gekanntes Qualifikationsmerkmal Sozialmanagementkenntnisse, da nur mit Erstellung von Kosten-Leistungs-Rechnungen und Dokumentation der Effektivität und Effizienz der erbrachten Dienstleistung der Bestand der Einrichtung und die Auftragslage gesichert werden konnten.

Dieser Paradigmenwechsel im Selbstverständnis der Leitungsebene Sozialer Einrichtungen wurde in den Hochschulen zunächst negiert bzw. massiv bekämpft und als Ausbildungsinhalt abgelehnt. Akzeptiert werden muss nämlich, dass auch Soziale Arbeit in ihrem Leistungsprofil überprüft werden darf und keinen Anspruch auf dauerhafte gesellschaftliche Finanzierung hat. Heute hat jeder Fachbereich, der mithalten will, ein Angebot zum Sozialmanagement, und es gibt nur noch wenige Hochschullehrer, die die Berufsrealität nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Ein anderes Beispiel ist die Renaissance der Schulsozialarbeit, die im Zuge der Einführung von Ganztagsschulen zu einem zentralen Studieninhalt werden wird.

Im Unterschied zur Berufspraxis, die sich auf Realitäten einzustellen hat , ist das Denken in den Hochschulen meist von ganz anderen Einflüssen geprägt. In einer Abschiedsvorlesung am Ende des SS 2003 sah z.B. der Kollege Grohall von der Fachhochschule Münster, der nur wenig älter ist als ich, 11 verschiedene Inseln, auf denen die Lehre der Sozialen Arbeit in den letzten 50 Jahren gelebt hat. Er überschrieb seine Reflexionen "Von der Fürsorge zum Sozialmanagement, soziologische und andere Erfahrungen mit der Sozialen Arbeit in Lehre und Forschung" (Grohall, Karl, Münster 2003). Ich möchte in Anlehnung an ihn hier nur einige größere Festländer betreten:

Die Nachkriegszeit war geprägt von der Rückkehr zur Gemeinschaft mit der Betonung von Erziehung, pädagogischer Jugendarbeit und unterstützender Familienfürsorge.

Die 60er Jahre bestimmte die aus dem nüchternen amerikanischen Denken übernommene Methodenfrage zum "Wie des Tuns", so dass Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit ins Zentrum des Interesses rückten, womit auch der Wechsel von der Fürsorge zur Sozialarbeit eingeleitet wurde.

Diese den Berufsstand durchaus profilierende fachliche Kompetenz wurde abgelöst vom Wunsch nach Akademisierung der Sozialarbeit, und da Sozialpädagogik nun mal schöner klingt als Sozialarbeit, schwamm man im Schlepptau der noch unschärfer zu fassenden wissenschaftlichen Pädagogik mit ihren ausufernden Grenzen. Viele meinen übrigens, dass mit dieser Orientierung hin zur Pädagogik die Chance vertan wurde, schon damals für die Soziale Arbeit eine eigene wissenschaftliche Theorie zu entwickeln.

Eine weitere die Hochschulen prägende Phase war zweifelsohne die revolutionäre Grundhaltung der späten 60er und der 70er Jahre, die ich selbst im Ausbildungsmilieu erlebt habe und daher auch wertend kommentiere. Mit Gründung der Fachhochschulen (1971) ging die solide methodische Ausbildung, die man gerade vorher an den Fachschulen eingeführt hatte, abrupt zu Ende. Es begann die Zeit, ich sag es einmal sehr krass, der "Orientierungslosigkeit" von Lehrenden und Studierenden, was Soziale Arbeit überhaupt sei.

Ob sinnvoll oder nicht, Veränderungen und Freiräume waren Inhalt und Ziel des Studiums, und man sehnte sich nach herrschaftsfreien Zuständen in den Fachbereichen. Je unorganisierter die Lehre daherkam, umso eher befriedigte sie das Bild des sich-selbst-definierenden Helfers. Folglich war es sehr schwer, von allen akzeptierte Inhalte zu formulieren, verbindlich als Studienstoff vorzustellen und möglicherweise mit einer Prüfung abzuschließen. Beliebigkeit bestimmten Studier- und Lehrverhalten und das Einzige, was alle zusammenhielt, war die emotional diffuse Kritik an der Gesellschaft. Nicht hinterfragt wurden sozialistische Gedanken, und entsprechend galt die DDR vielen als Paradies und Vorbild.

Damals unterrichtete ich noch Verkehrspädagogik für den Vorschulbereich, und die Studierenden akzeptierten nur Literatur zur Vorschulerziehung aus der DDR, die in ihren autoritären Strukturen natürlich nicht auf das westdeutsche System passte. Aus dieser ideologisch gesellschaftskritischen Haltung mit dem Bewusstsein, auf der richtigen Seite zu stehen, aber keine Verantwortung übernehmen zu müssen, entwickelte sich auch die Vorstellung, dass Sozialarbeit ein leichtes Studium sei, wie viele Studien belegen. Sie hören aus meinen Worten, dass ich abgesehen von der Chance zur Persönlichkeitsentwicklung, zum Geldverdienen und zum ungebundenen Leben diese Phase in der Ausbildung zur Sozialen Arbeit nicht als langfristig richtungsweisend zur Prägung eines tragenden beruflichen Identitätsbewusstseins einschätze.

Nun kann man nicht ewig Revolution machen, zumal die Gesellschaftsmehrheiten auf Dauer nicht aus normativen Erwartungen ausbrechende Räume tolerieren. Zwangsläufig musste eine Erfolgsüberprüfung auf die Hochschulen zukommen, was derzeit im vollen Gange ist. Die Abkehr von den revolutionären Idealen brachte aber zunächst eine Wende zum Lebensalltag und zum Lebensgefühl des einzelnen mit sich. Wenn man in den 80er Jahren theoretisch fundiert ausbilden wollte, so orientierte man sich an den therapeutischen Schulen, z.B. waren alle Arten von Therapien wie Gestalttherapie, Sozialtherapie, Meditationsseminare etc. in hoher Blüte. Folglich waren in dieser Periode psychologische Themen gefragt – was mir sehr entgegenkam - , während die die Soziale Arbeit letztlich steuernden und tragenden Rechtsgrundlagen mehr als verpönt waren. Der Preis dieser Einseitigkeit des Berufsverständnisses war, dass die Studierenden nach einigen Berufsjahren offen zugaben, unzureichend in Methoden, in Rechtsfragen und in den Sozialstrukturen der Bundesrepublik ausgebildet worden zu sein.

Die 90er Jahre sind dann zweifelsohne vom Management bestimmt. Die Klienten werden zu Kunden. Das jeweilige Dienstleistungsangebot muss vermarktet und organisiert werden. Ressourcenmanagement, sei es auf den Klienten bezogen oder auf die Institution, gehört jetzt zum Leitbild. Es ist aber auch ein Bild eines professionellen Helfers zu entwickeln, der als Experte und wirkliche Fachkraft auftreten kann, und der sich vom Ehrenamtlichen unterscheidet.

Nun zum Blick in die Zukunft:

Mit den seit einigen Jahren eingeleiteten Hochschulreformen muss die Ausbildungsseite der Sozialen Arbeit wieder auf von außen gesetzte Veränderungen reagieren. Sie hat diesmal aber die Möglichkeit, innerhalb der sich verändernden Strukturen ein eigenes Profil, eine begründete Identität und eine eigene wissenschaftliche Disziplin zu entwickeln. Für alle, die in diesen Reformüberlegungen nicht so zu Hause sind, zunächst einige Bemerkungen zu den neuen Rahmenbedingungen.

Auslöser der Hochschulreform ist der europäische Einigungsprozess, der von dem politischen Willen getragen wird, in allen europäischen Ländern ein vergleichbares Bildungssystem zu schaffen und den Absolventen über die jeweiligen Landesgrenzen hinaus in ganz Europa gleiche Berufschancen und Berufskarrieren zu eröffnen. Um dies zu erreichen, haben die europäischen Bildungsminister in der so genannten Bologna-Erklärung aus dem Jahre 1990 beschlossen,bis zum Jahre 2010 die Hochschulsysteme europaweit anzupassen. Die hierzu nötigen Vorgaben sind: Alle Studiengänge sind in zwei Studienzyklen zu gliedern, in ein Bachelor- und in ein Masterniveau. Die Studieninhalte sind zu Modulen zusammenzufassen, wobei die Studierenden diese Module an verschiedenen Hochschulen abrufen können, um ihre Mobilität zu steigern. Die Studienleistungen werden in Punkten gefasst, den so genannten Credits, häufig abgekürzt als ECTS = European credit transfer system.

Diese politisch vorgegebenen und nicht aus dem deutschen Hochschulsystem stammenden Reformvorschläge treffen nun aber auf eine verbreitete innerdeutsche Stimmung, die das hiesige Hochschulsystem als dringend reformbedürftig ansieht. Es vermengen sich also die europäischen Strukturvorgaben mit dem mehr oder minder ausgeprägten Veränderungswillen an den deutschen Hochschulen, wobei die Kultusminister reformwilliger sind als die Professoren.

Welche Auswirkungen haben nun diese inzwischen auch im Detail bereits gut zu erkennenden Rahmenbedingungen der zukünftigen Studiengänge für die Soziale Arbeit? Mit Sicherheit wird das zunächst nur innerhalb der Hochschulen eingeführte zweistufige Qualifikationsniveau auch zu einer Hierarchisierung innerhalb des Berufsstandes führen. So wird es eine große Zahl von Absolventen mit einem ersten berufsqualifizierenden Studienabschluss geben, dem sogenannten Bachelor, der dazu berechtigt, nach einem etwa 6 semestrigen Studium selbstständig Berufsaufgaben zu übernehmen. Für die Berufspraxis bedeutet dies, dass vielseitig einsetzbare Nachwuchskräfte eingestellt werden können, da diese auf einem generalistischen Niveau in die allgemeinen Fragen der Sozialen Arbeit eingeführt worden sind. Diese Absolventen werden wie bisher in allen Feldern der Sozialen Arbeit - von der Schwangerschaftskonfliktberatung bis zur Hospizarbeit - ihren ersten Arbeitsplatz finden.

Für besonders interessierte und qualifizierte Studierende bietet sich dann nach einigen Jahren der Berufstätigkeit an, in den zweiten Studienabschnitt einzutreten, die Masterebene. Ein Masterstudium dient entweder der wissenschaftlichen Vertiefung des Erststudiums, z.B. der Sozialarbeitswissenschaft, oder es wird ein das Erststudium ergänzender neuer Studieninhalt gewählt, z.B. ein Sozialmanagementstudium aufgenommen oder ein Spezialgebiet der Sozialen Arbeit vertieft wie Klinische Sozialarbeit, Schuldnerberatung, Schulsozialarbeit oder Altenhilfe. Oder man wechselt in ein ganz neues Fach, wie Pädagogik, Betriebswirtschaft oder Recht. Dieses Masterstudium, das in der Regel 4 Semester umfassen wird, kann berufsbegleitend oder in Vollzeitform studiert werden. Der erfolgreiche Abschluss berechtigt grundsätzlich zur Promotion und eröffnet auch dem Masterabsolventen der Fachhochschulen den Zugang zum höheren Dienst oder zum Angestelltenverhältnis auf BAT 2 A-Niveau, eine nicht unwichtige berufsständische Perspektive.

Die Einführung eines Masterstudiums in der Sozialen Arbeit eröffnet für meine Begriffe dem Berufsstand große Chancen, obgleich die Vorstellung eines zweigestuften Studiums nicht unumstritten ist. Zum einen kann in den Fachbereichen des Sozialwesens an den Fachhochschulen über die Masterebene ein eigenes wissenschaftliches Profil entwickelt werden, die so genannte Fachwissenschaft Soziale Arbeit. Unter ihrem Dach können selbst verantwortete und selbst initiierte Forschungen betrieben werden. Ferner lassen sich die Führungskräfte innerhalb der Sozialen Arbeit aus der eigenen Profession heraus heranbilden.

Die vielfach noch praktizierte Regelung, Spitzenpositionen in den Einrichtungen der Sozialen Arbeit mit Universitätsabsolventen zu besetzen, etwa mit Pädagogen, Psychologen oder Juristen geht damit zu Ende, da Masterabsolventen unabhängig vom Hochschultyp, seien es Universitäten, seien es Fachhochschulen gleichwertig sind. Der Berufsstand kann selbst die Gestaltung und Vertretung seines Bereiches übernehmen.

Für diese professionelle Weiterentwicklung ist noch zu beachten, dass die Masterstudiengänge in forschungsorientierte oder anwendungsorientierte Studiengänge einzuteilen sind. Für die akademisch orientierten Studierenden bzw. die wissenschaftlich ausgerichteten Fachbereiche bietet sich an, forschungsorientierte Master zu entwickeln und damit vorwiegend für den akademischen Raum auszubilden, während die eher auf die Gestaltung der Berufspraxis ausgerichteten Fachbereiche die anwendungsorientierten Masterstudiengänge entwickeln werden. Das Berufsprofil wird also ausgehend von einer generalistischen Erstausbildung über eine spezialisierende Zweitausbildung ein markanteres Gesicht bekommen, wobei die Hochschulen selbst vorschreiben können, ob zwischen erstem und zweitem Studienteil eine ausgiebige Praxisphase zu liegen hat.

Die eigentlich nur für Studierende und Lehrende interessante Modularisierung der Studieninhalte als Reformvorgabe wird allerdings ebenfalls das Berufsbild schärfen. Die Hochschulen haben nämlich festzulegen, welche definierten Kompetenzen in den einzelnen Modulen mittels welcher Lehrinhalte erworben werden sollen. Dieses Modularisierungskonzept zwingt die Fachbereiche, ihre Lehrinhalte klar zu definieren, unter eine Zielvorgabe zu stellen, die Inhalte zu umschreiben, die zu verarbeitende wissenschaftliche Literatur zu benennen und die Prüfungsform zu regeln. Der Lehr- und Lernstoff ist also unter der Prämisse von Kompetenzbereichen zu gliedern. Mittels solcher Moduldefinitionen wird das Profil der Sozialen Arbeit in Abgrenzung zu verwandten Studiengängen wie der Pädagogik oder der Pflege oder der Gesundheitsberufe sehr viel klarer.

So hat Fachbereichstag Soziale Arbeit – der Zusammenschluss aller Fachbereiche des Sozialwesens der Bundesrepublik – 20 Module formuliert, die als Basismodule für die Studiengänge der Sozialen Arbeit in die Curricula aufgenommen werden sollten (vgl. Klüsche, W. Hrsg.: Modularisierung in Studiengängen der Sozialen Arbeit. Mönchengladbach 2003).

Da alle Studiengänge zukünftig zu akkreditieren sind, d.h. von einer unabhängigen Kommission bestehend aus Universitätslehrern, Fachhochschullehrern, Praktikern und Studierenden begutachtet werden, wird sich auf die Dauer ein Konsens herausbilden, welche Standards für ein Studium der Sozialen Arbeit unverzichtbar sind. Damit kristallisiert sich auch ein Bewusstsein heraus, was ein Studium der Sozialen Arbeit ausmacht. Die Identitätsfrage: "Was studieren wir eigentlich und was werden wir machen?" wird leichter zu beantworten sein.

Da alle Module grundsätzlich mit Prüfungen abzuschließen sind, kommt ein bisher nicht überall eingefordertes Anspruchsniveau in das Studium hinein, und das Studium verliert das Image eines leichten Studiums. Die von den Studierenden erbrachten Leistungen sind außerdem grundsätzlich zu benoten. Dass derzeit an vielen Fachhochschulen die Studienleistung überhaupt nicht benotet wird, ist ein Kneifen der Lehrenden vor ihren Studenten. Falls die europäischen Vorgaben greifen, müssen die Noten sogar gewichtet werden, in dem sie unabhängig von der Notenziffer Kategorien zuzuordnen sind, von "Hervorragend" bis "Knapp ausreichend", wobei alle 5 Kategorien mit einem bestimmten Prozentsatz vertreten sein müssen. Diese Kategorien sind im Zeugnis anzugeben. Die Studierenden der Fachbereiche des Sozialwesens wird daher nicht mehr nur eine soziale Grundhaltung auszeichnen, sondern auch ein Stolz über ein neues Leistungsbewusstsein.

Das ebenfalls einzuführende ETCS-System, d.h. die Zuordnung von Punkten zu den Studienleistungen, steuert aus der Sicht der Studierenden den Studienaufwand, wobei für einen Bachelorabschluß mindestens 180 Punkte erforderlich sind, für einen anschließenden Masterstudiengang 120, also insgesamt 300 Punkte für ein Studium beider Zyklen. Die 180 oder 300 Punkte sind auf die einzelnen Module zu verteilen, und es ist festzulegen, wie viele Punkte in jedem Modul bei erfolgreichem Abschluss erworben werden können. Mit dem Punktsystem ist auch verbunden, dass ein Punkt nur vergeben werden darf, wenn mindestens 25 bis 30 Stunden studentische Arbeitszeit dafür aufgebracht wurden. Bei maximal 30 zu erwerbenden Punkten pro Semester sind also 900 Arbeitsstunden von den Studierenden im Semester für das Studium aufzuwenden. Dieser Arbeitsaufwand kann sich auf den Besuch von Lehrveranstaltungen, auf eigene Forschungen, auf Literaturstudien, auf Praktika oder auf Prüfungen beziehen. Die Berechnungen gehen insgesamt davon aus, dass die Studierenden der Zukunft mindestens 46 Wochen im Jahr eine 40-Stunden-Woche haben werden, was in anderen europäischen Ländern längst Realität ist. Dieses System bewirkt gravierende Änderungen im deutschen Hochschulalltag mit erheblichen Folgen für das Studierverhalten. Die Lehrenden oder die Fachbereiche müssen bestimmen, welchen Zeitaufwand sie für das erfolgreiche Studium eines Moduls ansetzen. Dieses ETCS-System wird auch den Profilgedanken in das Studium der Sozialen Arbeit hineintragen, denn auf den Zeugnissen ist zu bescheinigen, in welchem Umfang sich der Studierende mit welchem Lehrstoff auseinandergesetzt hat. Die Arbeitgeber haben dann die Chance, entsprechend des vorgelegten Zeugnisprofils den geeigneten Kandidaten für ihr Arbeitsfeld auszuwählen, z.B. mit einem Schwerpunkt im methodischen Bereich, im rechtlichen Bereich, im psychologischen Bereich usw.

Alle diese hochschulinternen Richtlinien und Reformansätze, die natürlich für alle Studienfächer gelten, verhelfen aber besonders dem Studium der Sozialen Arbeit, eine inhaltlich begründete Struktur zu entwickeln, wodurch das Berufsbild und die beruflichen Kompetenzen sich eindeutiger umschreiben lassen. Die Studierenden der Zukunft werden die Hochschulen mit einem Kompetenzgefühl verlassen, da sie z.B. von sich behaupten können, "Ich habe Gesprächsführung gelernt", "Ich kann Gruppen leiten", "Ich kann Betreuungsmaßnahmen dokumentieren", bzw. ich verfüge über gut beschreibbare Befähigungen. So ausgebildete Sozialarbeiter und Sozialpädagogen werden mit einem größeren Selbstbewusstsein und mit innerer Sicherheit ihren Beruf angehen können, wobei der Praxisschock abgemildert wird. Insofern sehe ich den Reformen optimistisch entgegen.


Anmerkung:
Der erwähnte Vortrag von Karl-Heinz Grohall wird im Februar 2004 in dem Sammelband: St. Ernst (Hg.): Klaviatur der sozialen Wirklichkeit. Wachsmann, Münster gedruckt erscheinen.


Der Autor

Prof. Dr. Wilhelm Klüsche

  • Professor für angewandte Psychologie, Klinische Psychologie und Gruppendynamik am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein;

  • Dekan des Fachbereiches Sozialwesen der Hochschule Niederrhein;

  • Vorsitzender des Fachbereichstages Soziale Arbeit.

eMail: wilhelm.kluesche@hs-niederrhein.de


Veröffentlichungsdatum: 01. Januar 2004


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