Hans-Christoph Vogel

Special (September 2002)


zum 60. Geburtstag


Über das Paradox der goldenen Ketten

von Josef Kopperschmidt für Christoph zum Sechzigsten

Lieber Christoph,

vielleicht erinnert Dich das Foto auf dieser Seite an unseren letzten "Betriebsausflug" nach Holland, nach Nijmegen, genauer: zur "Hogeschool van Arnheim en Nijmegen" anlässlich des feierlichen Unterschriftsrituals, mit dem der Vertrag zwischen unserem FB und der Hogeschool Rechtskraft bekam. Vielleicht erinnert Dich das Foto auch an die didaktische Kostprobe eines dortigen Kollegen über "Die 23 Qualifikationen eines(r) Sozialpädagogen (in)" und die "Lernstildiagnose" ... Genau diese Situation bzw. genau uns beiden in dieser Situation hat Theo (natürlich ohne jeden Hintergedanken) mit seinem Foto festgehalten und der Anschlussfähigkeit der jeweiligen Beobachter ausgeliefert. Über meine will ich hier ein wenig - Dir zu Ehren - plaudern.

Wenn ich uns beide da so sitzen sehe, fällt mir natürlich zunächst eine erstaunliche Symmetrie in der Körpersprache auf. Kann altersbedingt sein; doch ihre message - meine ich - kann diese unsere Körpersprache mit ihren fast zum Selbstschutz miteinander verschränkten Gliedmaßen hermeneutisch kaum verbergen: Hier markiert ein System seine Abgrenzung zur Umwelt und dieses System ist wohl auch etwas froh darüber, dass Bewußtseine nicht reden können, ob man das nun als spezifische Eigenschaft des psychischen Systems verrechnen oder als Kulturleistung des europäischen Selbstmodellierungsprojekts bewundern will. Solche Situationen kennen wir beruflich ja auch - meist von der anderen Seite her, nämlich als Lehrende in Vorlesungen oder Seminaren. Da beobachten wir ja auch gelegentlich, dass wir nichts rüberbingen, dass der Funke nicht überspringt, zumindest nicht der Funke, den wir überspringen lassen wollten. Was der u.a. von uns beiden gleichermassen geschätzte Meisterdenker zu dieser banalen Alltagserfahrung von Lehrenden gesagt hätte, wissen wir: Bei Kommunikation kommt überhaupt nichts rüber, da wird überhaupt nichts transportiert, da wird überhaupt nichts mitgeteilt usw. usw. Recht hat er ja! "Kommunikation ist in hohem Maße unwahrscheinlich". Jajaja...! Aber ganz so uneitel sind wir doch auch wieder nicht, dass wir uns damit bescheiden möchten, unseren Studierenden nur Material zu liefern, um deren strukturdeterminierte Operationen autopoietisch anzuregen. Wir glauben im tiefsten ja doch, dass wir ihnen etwas mitzuteilen hätten, was ihre strukturdeterminierten Operationen elaborieren könnte; dass also das "Stille Post"-Spiel mit seiner gar nicht so lustigen Erfahrung über kommunikationsinterne Selektionsrigiditäten nicht die einzige Abbildung unserer kommunikativen Praxis sein dürfte.

Und es gab sie ja auch, die rüberkamen - wider alle Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation. Es gab sie ja, die das Unwahrscheinliche wahrscheinlich zu machen verstanden. Nicht nur die Hitlers meine ich (Abb.1); es gab auch die Dutschkes (Abb.2), die Marcuses (Abb.3) und wie sie alle hießen in den heißen Jahren.


Abb. 1


Abb.2


Abb.3

Und auch heute gibt es sie ja noch, selbst wenn die großen Redner funktional passé sein sollen (Thomas Meyer). Wir haben längst andere Redeformen entwickelt, in denen die Schröders, die Schmidts (Harald), die Jauchs und wie sie alle heißen testen können, ob ihre Selbstinszenierungen mediengerecht sind. Und dürften wir überhaupt "kommunikative Kompetenz" als Lernziel in Studienordnungen versprechen, wenn solche Leistung tatsächlich in "hohem Maße unwahrscheinlich" wäre? Glauben wir das wirklich?

Unser verehrter Meisterdenker räumt ja selbst ein, dass es die alltägliche Erfahrung gibt oder zu geben scheint, die sich als Paradox der Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen nennen läßt. Und er verrät uns auch, wie er sich die Entparadoxierung dieses Paradoxes vorstellen könnte: Durch "symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien", z.B. durch Liebe, Macht, Wahrheit, Recht, Geld usw. Was diese Medien leisten, ist klar: Sie erhöhen die Erfolgsbedingungen von Kommunkation durch deren funktionale Spezifizierung. Wäre das nicht auch eine probate Lösung für die Steigerung der Erfolgsbedingungen didaktischer Kommunikation? Und wie hieße deren funktionale Spezifizierung und wie ließe sie sich in einem kompatiblen Binärcode abbilden?

Anders als Parsons vermutet Luhmann, dass sich für das "System der Erziehung", dem er sein letztes (postmortales) Buch gewidmet hat (2002), bisher kein "symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium" habe plausibel ausdifferenzieren lassen. Den tentativen Erklärunggrund sieht er in dem hohen Grad an Interaktivität unter Anwesenden, der für dieses System typisch und spezifisch sei und seine Erfolgsbedingung bestimme, wobei diese Erfolgsbedingung meint: auf Lern- bzw. Veränderungsprozesse intentional (das unterscheidet Erziehung von Sozialisation) Einfluss nehmen zu können. Überzeugt mich nicht ganz. Interaktionsintensiv sind auch andere Systeme (z.B. Wissenschaft), ohne dass das ihre Systembildung gestört hätte. Und wenn sogar Liebe einen Code auszubilden erlaubt, der über das Unwahrscheinliche erfolgreich zu kommunizieren lehrt, warum sollte das beim Erziehen nicht gelingen? "Vermittelbar/nicht vermittelbar" jedenfalls, obwohl Luhmann das erwägt, kann es nicht, weil dieser Code völlig funktionsunspezifisch ist und allenfalls als mögliche Beschreibungsvariante für "anschlussfähig/nicht anschlussfähig" durchgehen kann.

Ich glaube, es ist etwas anderes, was am "System der Erziehung" eine auf Systemfunktionen fokussierte Perspektive irritiert. Ich nenne es mal den hohen Grad an Kontingenz (nicht nur "doppelte", sondern plurale "Kontingenz"!), die den Prozess der Selektivität im Bereich didaktischer Kommunikation intransparent macht und direkter Steuerung prinzipiell entzieht. Schüler wie Studierende sind Experten in der Technik (und müssen es sein bzw. werden, um in Erziehungs-/Lerninstitutionen jahrelang zu überleben), didaktische Kommunikationsprozesse für eigene Interessen und Ziele (gelegentlich subversiv, Theo würde sagen "parasitär") umzufunktionalisieren, weshalb in entsprechenden Instutionen wie Schule und Hochschule zwar in der Regel auch nicht nichts gelernt wird, wohl aber vieles, was nicht oder kaum Lernziele der jeweiligen Institution ist, im Nachhinein sich aber gelegentlich durchaus als nützliche Überlebensstrategien herausstellen kann. Man frage z.B. Absolventen unseres FBs, was sie denn während ihres Studiums glauben gelernt zu haben oder was ihnen an den eigenen Lehrveranstaltungen in Erinnerung geblieben ist. Wer dann noch an kommunikative Transportmodelle glaubt oder sie wider besseres Wissen an die Tafel malt, der muss schon über bewunderns(oder bedauerns)werte Selbstimmunisierungskräfte verfügen. Dass es Wirkung ohne Mitwirkung des betreffenden Systems, auf das eingewirkt werden soll, nicht gibt, widerspricht diesem Befund nicht, sondern belehrt nur darüber, dass der Einwirkende seine Wirkung nicht direkt steuern kann, um eine bstimmte Mitwirkung zu erzielen. Ich befürchte, PISA II läßt sich nicht so einfach verhindern, es sei denn, man könnte die Polyfunktionalität des instituionellen Erziehungs/Lernsystems monofunktional stutzen. Doch wie langweilig wären dann Schule und Seminar! "Die Feuerzangenbowle" wäre nie gedreht worden und die neue "Zeit"-Serie ("Schulmeister. Autoren der ZEIT preisen ihre Lehrer") über den geheimen Einfluss von (z.T. skurrilen) Lehrern wäre nie begonnen und auch die alten Geschichten über pfeifenrauchverqualmte Seminare in den ehemaligen 06er-Baracken hätten nie ihren (bis heute virulenten) nostalgischen Charme entwickeln können ...

Und noch etwas glaube ich Luhmann nicht ganz: Hat das Erziehungs/Lernsystem - ungeachtet seiner e.g. Polyfunktionalität - nicht doch auch so etwas wie ein "symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium" ausgebildet, das zumindest für die offiziell-institutionelle Kommunikation die Bedingungen ihres Gelingens selektiv erhöht? Wie wäre sonst Kritik am Schulsystem überhaupt möglich? Sind allgemein/basale und berufliche Qualifikationen nicht immer noch ein relativ unstrittiges Funktionsziel des Erziehungssystems? Und war nicht zumindest lange Zeit "Bildung" ein noch attraktiveres "Kommunikationsmedium", das einen entsprechenden Code bereithielt, der Inhalte auf ihren jeweiligen Bildungswert hin zu bestimmen erlaubte? Der Erfolg der Bücher von Manfred Fuhrmann, Dietrich Schwanitz, Marcel Reich-Ranicki u.a. zum Bildungsbegriff und - damit verwandt - zu Fragen eines notwendigen Bildungskanons zeigt ja zumindest, dass auch heute die einschlägige Debatte über Qualitätsprofile nicht ganz so voraussetzungs- und orientierungslos verläuft, wie es vordergründig den Anschein hat.

Und noch ein Einwand: Dass es allgemeine, d.h. funktionsunspezifizierte Erfolgsbedingungen für Kommunikation nicht geben kann, gehört zur reinen Lehre aus Bielefeld. Zumindest soll es das nach Luhmann zum letzten Mal in der griechischen Klassik gegeben haben. Seitdem gilt sein "nie wieder!" Ich bin mir da nicht so sicher, und die Rhetorik ist es auch nicht. Die Rhetorik ist zwar ein Produkt dieser griechischen Klassik, doch sie ist mit ihr eben nicht untergegangen, sondern hat über gut 2 1/2 Jahrtausende überlebt - in der Theorie, in der Lehre und bes. in der Praxis - freilich unter sehr verschiedenen (modernisierten) Namen. Und diese Rhetorik geht zwar wie Luhmann davon aus, dass Systeme nicht von außen beeinflussbar sind, sondern nur über ihre systemeigenen Strukturen (wenn diese Strukturen natürlich auch in einem subjekt- und handlungsbezogenen alteuropäischen Paradigma entwickelt wurden); und ebenso wie Luhmann differenziert auch die Rhetorik zwischen Funktionsbereichen möglicher Kommunikation wie Recht (Gericht), Politik (Markt) und soziale Selbsterfahrung (Fest). Anders aber als Luhmann glaubt die Rhetorik, dass es neben den funktionsspezischen Kommunikationsimperativen Universalia gibt, die für das Gelingen kommunikativer Prozesse unerläßlich sind. Im Lausbergschen "Handbuch der Rhetorik" sind in 1.400 §§ (!!) allein die Universalia kommunikativer Erfolgsbedingungen aus der Sicht der klassischen/antiken Rhetorik penibel aufgelistet. Moderne Theorien haben keine Probleme, diese Universalia wie z.B. Ordnungsmuster, ästhetische Muster, Aufmerksamkeitsmuster, Argumentationsmuster usw. zu reformulieren und disziplinspezifisch zu erklären bzw. zu komplettieren.

Diese Muster lassen sich verstehen als empirisch bewährte Methoden, die strukturellen Koppelungschancen zwischen sozialen und psychischen Systemen zu erhöhen. Diese Erhöhung verspricht eine Steigerung kommunikativer Anschlusschancen und damit eine Steigerung gelingender Kommunikationschancen, was identisch wäre mit einer Minderung dysfunktionaler Selektivität, die Kommunikation implizit immer schon wie ein Schatten begleitet. Je höher die Anschluschancen, desto mehr dürfte sich die Selektionsdynamik präventiv beeinflussen lassen. Kommunikative Kompetenz ließe sich so gesehen als theoretische Kenntnis wie praktische Beherrschung der Bedingungen allgemeiner wie funktionspezifischer Anschlußkompetenz bestimmen.

Es gibt für diese kommunikative Anschlußkompetenz ein berühmtes personales Beispiel aus der europäischen Tradition, nämlich Sokrates. Dieser Urtyp eines erfolgreichen Lehrers (was ihn bekanntlich nicht vor einem demokratisch legitimierten Todesurteil bewahrte) hatte eine Lehrmethode entwickelt, die er im "Menon"-Dialog beispielhaft erläutert und als "Hebammenkunst" bezeichnet, d.h. als eine Kunst, die Lehren nicht in irgendeinem Transport- oder Trichtermodell glaubt angemessen abbilden zu können, sondern als Fähigkeit begreift, die systemeigenen Operationen eines Systems produktiv zu aktivieren. Gelingt dieses Aktivieren systemeigener Operationen, dann zeigt sich das an Déjàvue-Erlebnissen (z.B. beim Begreifen mathematischer Prinzipien im "Menon" durch einen nicht vorgebildeten Sklaven), die Sokrates als gelungene Wiedererinnerung an ein längst bekanntes, aber latentes und darum erst durch geschickte "Hebammenkunst" wieder entbindbares Wissen deutet. Wissen/Erkennen/Lernen wäre so gesehen also prinzipiell nicht übertragbar, sondern ausschließlich das Produkt didaktisch gelungener Aktivierung systeminterner Operationen. Die sogenannte "Anamnesis"-Theorie ist für uns natürlich nicht mehr einfach nachvollziehbar, weil sie an das Theorem der Präexistenz der Seele notwendig gekoppelt ist; doch die Vorstellung, dass erfolgreiches Lernen sich erfolgreicher Entbindungskunst durch didaktisch erfahrene Heb-ammen bzw. Heb-mannen verdankt, hat fraglos ihren Charme, weil sie gleichsam eine frühe Umschreibung dessen darstellt, was systemtheorisch später "operativ geschlossenes System" heißen wird.

Eine andere Metapher für das kommunikationskonstituierende Anschlußprinzip gefällt mir freilich noch besser, weil sie ohne metyphysische Prämissen auskommt und weil sie die Sokratische Sorge um sich selbst (eigene Selle) wohltuend sozial entgrenzt. Die hier gemeinte Metapher ist auch aus der europäischen Tradition vertraut und unter dem Namen der bereits o.g. "goldenen Kette" motivgeschichtlich zu finden. Über diese suggestive Metapher (sowohl in ihrer narrativen wie ikonographischen Gestalt) will ich abschließend noch etwas berichten, weil sie ebenfalls für uns Lehrende von Interesse ist.

Lukian von Samosata (2. nachchr. Jahrhundert) erzählt in seiner Prolalia "Herakles" über ein Gemälde, das er in Gallien gesehen haben will und das ihn offensichtlich sehr irritiert hatte. Dieses Gemälde stellte den alten (!) Herakles dar. Zwar trägt er noch Keule und seine sonstigen Waffen, an denen er immer wieder erkennbar wird und mit denen er ja auch einiges Gute auf dieser Erde vollbracht hat - z.B. hat er den menschenfreundlichen Prometheus vom Felsen befreit. Doch diese Waffen spielen für ihn offensichtlich überhaupt keine Rolle mehr. Das Bild zeigt erkennbar einen ganz anderen Herakles.

Anders ist er, weil er andere Waffen benutzt, die ihm offensichtlich wirksamer erscheinen als seine alten Waffen, mit denen er Menschen gewaltsam seinen Willen aufgezwungen hatte. Mit seinen neuen Waffen scheint er sie dazu nötigen zu können, dass sie willentlich tun, was er von ihnen erwartet. Gemeint ist mit diesen Wunderwaffen eine Kunst, die zu fesseln vermag, ohne dass die Gefesselten ihre Fesselung spüren oder sich ihr widersetzen möchten. Das sind andere Fesseln als die, mit denen die Liliputaner den "Riesen" Gulliver bezwangen, was ja nur gelang, weil der Einzelne, selbst wenn er ein Riese ist, gegen die vielen, selbst wenn es Zwerge sind, nicht ankommt. Die von Herakles neu entdeckten Waffen sind andere Fesseln: Mit ihnen kann einer ganz allein viele, sehr viele sogar fesseln, in seinen Bann ziehen, so dass sie gleichsam an seinem Mund hängen ... Gemeint ist damit natürlich die Kunst der "fesselnden" Rede. "Goldene Fesseln" bzw. "Ketten" nennt die Motivgeschichte beziehungsreich diese Art von Fessel, die man so wenig spürt wie einen goldenen Käfig, in dem man eingeperrt ist. Diese "goldene Ketten" sind es, die Lukian so irritieren: "Als Fessel aber dienten ihm (Herakles) dünne Ketten aus Gold ... Und obwohl die Menschn an so dünnen Ketten geführt wurden, wollten sie nicht entlaufen, obwohl sie es leicht hätten gekonnt, und sie leisteten gar keinen Widerstand ... sondern folgten strahlend und freudig und voll Lob auf ihren Führer ..." Ein damaliger "Museumsführer" hat den irritierten Lukian aufgeklärt: "Wir (Gallier) glauben, dass auch Herakles ... durch die Macht der Rede die meisten Taten vollbracht hat und nicht durch die Stärke seines Körpers". Auf einer der u. abgebildeten Darstellungen (Abb. 4) hat dieser Glaube der Gallier seine sprachliche Gestalt gefunden: "eloquentia fortitudine praestantior".


Abb. 4


Abb. 5


Abb. 6


Abb. 7

"praestantior" ist die Rhetorik, weil sie das Prinzip der struktuellen Koppelung bzw. des Anschließens als Erfolgsbedingung kommunikativen und bes. persuasiven Gelingens erkannt hat. Entsprechend lehrte Rhetorik die methodische Praxis im Gebrauch der "goldenen Kette" und bot so jahrhundertelang eine andere Entparadoxierung für das Paradox der Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen an. Daran kann, wer will, theoriegeschichtlich anschließen, wenn er nach systemtheoretischen Denkmustern avant la lettre sucht.

Dass, wer redend überzeugen will, vielen gehorchen muss (Adam Müller), ist jedenfalls eine dialektische Formel, die das kommunikative Anschlußprinzip im subjekt- und handlungsbezogenen Paradigma auf einem dem systemtheoretischen Paradigma vergleichbaren Reflexionsniveau zu bestimmen vermochte. Ich glaube sogar, dass die rhetorische Entparadoxierungsvariante einige Vortweile gegenüber Luhmanns Versuche bietet: Sie hält mit ihm zwar das Anschlußprinzip für das konstitutive Prinzip von Kommunikation über- haupt. Zugleich aber konkretisiert sie dieses Prinzip nach differenzierteren Anschlußdimensionen (materiale, dispositive, memorative, ästhetische etc.), die für das Gelingen der Kommunikation ebenso wichtig sind wie die von Luhmann favorisierten systemfunktionalen. Hier - glaube ich - wird ohnehin der Preis einer Kommunikationstheorie bemerkbar, die sich (erfolglos!) von den "Residuen" einer Subjekt- und Handlungsorientierung zu befreien versucht. So plausibel und soziologisch erkenntnisfördernd es ist, heuristisch einmal statt Subjekten nur der Kommunikation die Fähigkeit zur Kommunikation zu attestieren; sobald aber nicht nur Gedächtnis zur Eigenschaft des Kommunkationssystems wird, sondern Information, Mitteilung, Verstehen und Ja/Nein-Entscheidung zu ausschliesslich kommunikationsinternen bzw. -abhängigen Prozessen werden, dann wird es zunehmend schwerer, die Subjekte vergessen zu machen, die für die Konturierung des entsubjektivierten Kommunikationssystems Modell gestanden sind. Und auch der Begriff "gelingende Kommunikation" wird zunehmend diffus, wenn Verstehen wie Mißverstehen, Bejahen wie Ablehnen des Verstandenen kommunikative Anschlußqualitäten besitzen; das mag zwar konsequent sein, wenn Kommunikation ausser ihrer Autopoiese sonst keine "Zwecke" verfolgt, doch wozu wird die Unterscheidung Gelingen/Mißlingen dann noch gebraucht bzw. woran festgemacht? Ist sie nicht genau so überflüssig bzw. immer noch alteuropäischen Paradigmen verpflichtet ähnlich der Unterscheidung Konsens/Dissens? Wenn auch für Kommunikation gilt, dass sie eigentlich nur nicht nicht kommunizieren kann, klingt das nicht verdächtig ähnlich wie ein kommunikationsphänomenologischer Kalauer aus Palo Alto? Ich habe ohnehin den Verdacht, dass Luhmann die Entsubjektivierung von Kommunikation sich durch die klammheimliche Subjektivierung (um nicht zu sagen Substantialisierung) von Kommunkation erschummelt hat; auch das kommunikationsinterne Konstrukt "Person", selbst wenn es nur Adressabilität signalisieren soll, kommt uns in seinem "Verhalten" ja unglaublich vertraut vor aus handlungstheoretischen Kommunikationstheorien, selbst wenn deren Vordenker aus Frankfurt regelmäßig in den Orkus verbannt wird. Vielleicht sind "Subjekte" (im traditionellen Sinne) auch im systemischen Paradigma nicht mit "Kohlenstoff" und "Temperatur" auf eine Stufe zu stellen, was ihre theoreistrategische Ausblendungslizenz betrifft. Genug der Fachsimpelei!

Lieber Christoph,
60 Jahre sind zwar noch kein Alter, heute wenigstens nicht - für Herakles seinerzeit schon (doch der hatte ja als Sohn eines Gottes mehrere Lebensoptionen). Was ich Dir wünsche, ist: ein wenig herkuleische Altersklugheit, was persuasive Waffenkunde angeht. Besonders wenn die körperlichen Kräfte nachlassen, ist es gut zu wissen, dass selbst ein Herakles mit zunehmender Reife zur einer Einsicht gekommen ist, die hoffentlich nicht nur kompensatorisch oder rationalisierend verrechenbar ist: eloquentia fortitudine praestantior. Und im Seminar überlebt man mit diesen "arma facundiae" oder "weapons of influence" in der Regel auch weit besser als mit traditionellen "Waffen".

Und wenn Du dennoch Bedenken haben solltest, weil "Waffen" eben Waffen und "goldene Ketten" eben Ketten bleiben, dann bedenk: "Golden" muss ja nicht nur heissen, dass die Gefesselten ihre Ketten nicht bemerken, so dass wir sie umso besser manipulieren können; "golden" können auch Ketten heissen, mit denen wir, statt Freie einzuengen, Ängstliche und Zögerliche zu neuen Erfahrungen drängen und hinziehen können, - immer vorausgesetzt, wir haben ähnlich wohlwollende Absichten wie unser reif gewordener Herakles. Und zu dieser netten Sorte von wohlwollenden Helden gehörst Du ja fraglos - so souffliert es mir jedenfalls meine langjährige kollegiale Erfahrung mit Dir!

Josef Kopperschmidt


Veröffentlichungsdatum: 22. September 2002


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