"Instruktive Macht" vs. "destruktive Macht"

Ein neuer Lösungsweg im Streit um die Machtmetapher

von Björn Kraus (September 2003)

1. Einleitung

In den letzten zwei Jahrzehnten lässt sich eine zunehmende Orientierung der Sozialen Arbeit an systemtheoretischen und systemtherapeutischen Modellen beobachten. Schon allein insoweit diese Modelle seit Ende der 80-er Jahre vermehrt auf radikalkonstruktivistische Überlegungen zurückgreifen, hat sich auch der sozialarbeitswissenschaftliche Diskurs selbigen radikalkonstruktivistischen Überlegungen zugewendet. (Vgl. Kraus 2002: S.7-24) Dennoch wird dem radikalkonstruktivistischen Paradigma der operationalen Geschlossenheit menschlicher Kognition - gerade auch in diesem Diskurs - deutliche Skepsis, ja teilweise ausdrückliche Ablehnung entgegengebracht. Zu den immer wieder kehrenden Vorwürfen gehört vor allem, dass eine radikalkonstruktivistische Theorienbildung die Bedeutung des Sozialen und der Umwelt für den Menschen nicht angemessen erklären könne und etwa Fragen der Macht und Kontrolle ausblende, ja ausblenden müsse. Solche Vorwürfe zu entkräften war das erklärte Ziel meiner Arbeit "Konstruktivismus – Kommunikation – Soziale Arbeit. Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses".[1] Einen Teil dieser Arbeit werde ich im Folgenden zumindest in seinen Grundzügen umreißen, nämlich meine Überlegungen zur Entwicklung einer radikalkonstruktivistischen Machttheorie.[2] Dabei werde ich – soviel sei hier vorweggenommen – zum einen erörtern, wie das Phänomen "Macht" aus einer systemisch-radikalkonstruktivistischen Perspektive erklärt werden kann, und dabei zum anderen gerade den im radikalkonstruktivistischen "Machtdiskurs" üblichen "Entweder-oder-Positionen" (entweder gibt es Macht oder eben nicht) meine Variante einer "Sowohl-als-auch-Position" entgegenstellen.

Hierzu werde ich von der gerade im systemtherapeutischen Diskurs seit den 80-er Jahren zunehmend kontrovers diskutierten Frage ausgehen, welche Qualität dem Phänomen "Macht" zukommt.[3] Innerhalb dieses Diskurses lehnen die einen "Macht" als "gefährlichen Mythos" ab, während die anderen davor warnen, zwischenmenschliche Phänomene ohne die Berücksichtigung von "Machtverhältnissen" beschreiben zu wollen. Im Folgenden möchte ich als eine neue Perspektive in dieser Auseinandersetzung die Differenzierung in "instruktive Macht" vs. "destruktive Macht" anbieten. Es soll gezeigt werden, dass mittels dieser Unterscheidung das Phänomen Macht sowohl in seiner ontologischen, als auch in seiner sozial-konstruktiven Qualität differenzierter und m.E. für den Bereich zwischenmenschlicher Phänomene adäquater beschrieben werden kann.

2. Mythos Macht

Insoweit der systemtherapeutische Diskurs seit Beginn der 80-er Jahre vermehrt Bezug auf radikalkonstruktivische Überlegungen nimmt, wird auch zunehmend die Möglichkeit der instruktiven Einflussnahme auf andere Menschen – seien diese nun Kunden (Klienten) oder Kollegen – in Frage gestellt.[4] Menschen gelten bezüglich ihrer Kognition als informationell geschlossene Systeme, die ihre Wahrnehmungen und "Wirklichkeiten" als subjektive Konstrukte bilden. Folgt man dieser Annahme, ist schlüssig, dass die menschliche Kognition durch die Umwelt lediglich verstört (perturbiert), keineswegs aber bestimmt (determiniert) werden kann.

Was aber bedeuten diesen Überlegungen mit Blick auf das Phänomen der "Macht"? Kann es so etwas wie "Macht" überhaupt geben? Darf bei der Beschreibung zwischenmenschlicher Phänomene auf "Macht" als Erklärungsmodell zurückgegriffen werden?

Bei einer ersten Betrachtung scheint es, als würde Macht, wenn sie im allgemeinen Verständnis instruktive Interaktionen ermöglichen soll, nun mal ebenso wenig möglich sein wie die durch etwaige Macht zu ermöglichenden instruktiven Interaktionen. Macht würde dann lediglich aus der Sicht dessen existieren, der sie auf Grund der Erfüllung von Orientierungserwartungen einem anderen zuschreibt.

Diese Position vertritt auch Bateson, der Macht als "Mythos" bezeichnet, der zur Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen nicht nur unangemessen, sondern sogar gefährlich sei.

"Der Mythos der Macht ist natürlich ein sehr mächtiger Mythos, und wahrscheinlich glauben die meisten Menschen in dieser Welt mehr oder weniger daran. Es ist ein Mythos, der sich, wenn jeder daran glaubt, in diesem Maße selbst bestätigt. Dennoch handelt es sich aber um erkenntnistheoretischen Schwachsinn und führt unausweichlich zu verschiedenen Arten von Katastrophen." (Bateson 1996: S. 625)

Doch auch wenn diese Position vor dem Hintergrund der Annahme menschliche Kognition vollziehe sich selbstreferentiell und somit operational geschlossen schlüssig sein mag, scheint sie zumindest zum Alltagsdenken im Widerspruch zu stehen. So mutet es im Alltagserleben an, als gäbe es eine Vielzahl von Beispielen, die für die tatsächliche Existenz von Macht zu sprechen scheinen: Oder wie möchte man die Phänomene alltäglicher Gewalt ohne Macht erklären? Wie die "schrecklichen Exzesse von Pädagogik - von Eltern, von LehrerInnen, in denen Kinder und Heranwachsende geschlagen, geprügelt und verletzt, aber auch gedemütigt, erniedrigt und innerlich gebrochen werden?"(Thiersch 1995, S. 74) Was ist mit Erpressung, Raub, Vergewaltigung oder Mord? Wäre es nicht im übertragenen Sinne ein Schlag in das Gesicht der Opfer, wenn man behauptete, es gäbe keine Macht?

Einer Lösung dieses Dilemmas soll im Folgenden nachgespürt werden, wozu ich mich zunächst mit dem Begriff der Macht auseinandersetze und diesem im Sinne einer Arbeitshypothese eine Definition zu Grunde legen möchte. Hierfür soll zunächst Webers Definition von Macht erörtert werden. Im Anschluss daran wird die Relevanz "struktureller Koppelung" für autopoietische Systeme diskutiert, bevor ich dann sowohl eine Unterscheidung zwischen "Macht im materiellen Bereich" und "Macht im kognitiven Bereich" einführe, als auch den Begriff der Macht selbst differenziere.

Ein wichtiges Anliegen ist mir dabei zu verdeutlichen, dass Macht, wenn sie mit der Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen gleichgesetzt wird, keine ontologische Qualität haben kann, gleichfalls aber auch zu zeigen, dass Macht nicht nur als Möglichkeit zur instruktiven Interaktion, sondern auch als Möglichkeit zur "destruktiven Interaktion" verstanden werden kann, nämlich als Chance zur Reduktion von Möglichkeiten (und in diesem Sinne kommt Macht durchaus eine ontologische Qualität zu). Dennoch will ich auch die Möglichkeit zu "instruktiver Macht" kritisch diskutieren, also zu Macht als Chance zu instruktiven Interaktionen, welcher zwar keine ontologische Qualität zukommt, die aber als Konstrukt in sozialen Beziehungen auf jeden Fall relevant sein kann.

3. Zur Definition des Machtbegriffs

Betrachten wir zunächst die wohl bekannteste Definition von Macht, welche Weber schon in den 60-er Jahren vorgenommen hat. Weber definiert:

"Macht (sei die) Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht." (Weber 1964 zitiert nach Portele 1989: S. 196).

Als "Herrschaft" bezeichnet Weber diese Macht, wenn sie institutionalisiert, also zu einer gesellschaftlich anerkannten Größe geworden ist.

Offensichtlich zielt Weber mit seiner Definition nicht auf Machthandlungen, sondern auf die Möglichkeit zu solchen Handlungen. Weber spricht schon von Macht, wenn die "Chance" zur Durchsetzung des eigenen Willens besteht und nicht erst dann, wenn der eigene Wille tatsächlich durchgesetzt wird. Es geht also um die Möglichkeit von Handlungen und nicht um das tatsächliche Vollziehen selbiger. Ferner wird hier deutlich, dass Macht nicht als ontologische Größe, quasi als real existierende Eigenschaft einer Person gedacht wird, da sie nur innerhalb sozialer Beziehungen möglich sein kann. Ähnlich betont auch Levold, "... daß Macht nicht als bloße Eigenschaft oder Vermögen eines Individuums oder einer Gruppe verstanden wird, sondern als Systemfunktion: als Ausdruck von Beziehung." (Levold 1986: S. 247).

Insofern ist ein Mächtiger auch nur als Gegenpol eines Ohnmächtigen denkbar. Macht ist ein soziales Phänomen und kein ontologisches, weshalb weder determiniert ist, wer die Rolle des Mächtigen und wer die des Ohnmächtigen einnimmt, noch dass eine bestehende Rollenverteilung allumfassend oder unveränderbar ist. In diesem Sinne stellt Foucault fest:

"Die Macht ist niemals voll und ganz auf einer Seite. So wenig es einerseits die gibt, die die Macht ‘haben’, gibt es andererseits die, die überhaupt keine haben" (Foucault 1976, S. 115).

So kann es Bereiche geben, in denen der als ohnmächtig Definierte seinen Willen gegen den Mächtigen durchsetzen kann, ebenso wie es möglich ist, dass sich die Rollenverteilung, wie und warum auch immer, verändert.

In Webers Machtdefinition wirft das Wort "auch" in seiner Formulierung "auch gegen Widerstreben" das Problem auf, dass Weber auch noch dann von Macht zu sprechen scheint, wenn der als ohnmächtig Definierte den Wünschen des somit Mächtigen ohne Widerstreben entspricht. Das führt aber zu der Frage, wie man dann noch von Macht sprechen kann, ohne dem freiwillig Handelnden seine Autonomie abzusprechen. Es müsste also begründet werden, wann eine freiwillige Entscheidung nur auf Grund bestimmter Machtverhältnisse getroffen wurde, so dass davon auszugehen wäre, dass diese freiwillige Entscheidung unter anderen Umständen anders getroffen worden wäre. Portele nutzt in diesem Zusammenhang den Begriff der Manipulation.

"Wenn man jemand dazu bringt, etwas "freiwillig" zu tun, was der Mächtige oder Herrschende möchte, will ich das Manipulation nennen. Ich meine, daß Manipulation eine der vorherrschenden Machtarten ist. Das Erwecken und Pflegen von Legitimitätsglauben ist für mich schon Manipulation." (Portele 1989: S. 199)

Im pädagogischen Bereich manifestiert sich dies in der Zielsetzung des Pädagogen, dass der Edukand nicht nur den Wünschen und Vorstellungen des Pädagogen entsprechend handeln soll, sondern vielmehr auch entsprechend denken soll. So soll das erwünschte Handeln des Edukanden das Resultat des vom Pädagogen erwünschten Denkens sein. Letztlich soll nicht die Handlung, sondern der Wille des Edukanden beeinflusst werden, was zu solch paradoxen Anforderungen führt wie: "Du sollst das wollen". Es stellt sich aber die Frage, ob und wenn ja wie eine solche "Manipulation" überhaupt möglich sein soll. Wäre diese möglich, so müsste man erneut überlegen, ob es nicht doch eine Chance zu instruktiven Interaktionen gibt, zumindest insoweit, als wenn schon keine direkten instruktiven Interaktionen, so doch indirekte instruktive Interaktionen begründbar werden, eben z.B. durch Einflussnahme auf die Lebenslage des "Ohnmächtigen". Letztlich bleibt aber die Schwierigkeit bestehen, dass Möglichkeiten aufgeführt werden müssten, die Lebenswelt des Einzelnen determinativ zu beeinflussen, nämlich dahingehend, dass dem "Ohnmächtigen" der Wille des "Mächtigen" instruiert wird, so dass dieser zu seinem eigenen Willen wird. Alle in diese Richtung gehenden Argumentationen scheinen zeigen zu wollen, wie eine Person den Willen einer anderen Person determinieren kann. Wenn aber – wie nun mal radikalkonstruktivistisch angenommen - Kognition als operational geschlossen gilt, kann aber gerade dies nicht möglich sein, sondern es ist - mit den harten Worten Batesons - "erkenntnistheoretischer Schwachsinn" (Bateson1996: S. 625)

Dennoch ist es m.E. ebenso wenig befriedigend oder angemessen, gesellschaftliche Phänomene mit der Möglichkeit von Macht wie eben ohne selbige Möglichkeit zu erklären. Die Möglichkeit von Macht würde Ohnmacht legitimieren und die Verantwortung für Handlungen auf die Mächtigen übertragen, historisch beispielhaft gemäß der Haltung: "Ich habe Juden nur getötet, weil es mir die Mächtigen befohlen haben und ich somit keine andere Wahl hatte" - eine Aussage, die weder der Eigenverantwortung des Einzelnen Rechnung trägt, noch der Fragestellung, wie Mächtige denn mächtig werden, also wie es dazu kommen kann, dass Personen wie Hitler ein solches Maß an offensichtlichem Einfluss nehmen konnten. Allerdings wäre die Alternative, gesellschaftliche Phänomene ohne die Möglichkeit von Macht zu erklären, nicht weniger problematisch, da so jeder für sich und seine Situation unabdingbar eigenverantwortlich wäre. So wären Arbeitslose ebenso für ihre Situation eigenverantwortlich wie Obdachlose. Ebenso wäre das Kind eigenverantwortlich, das an den seelischen Grausamkeiten der Eltern zerbricht. Offensichtlich ist es weder angemessen noch möglich, gesellschaftliche Phänomene entweder mit oder ohne Macht zu erklären.

Im Folgenden soll nun versucht werden die hier verworfene "Entweder-oder-Logik" durch eine "Sowohl-als-auch-Logik" zu ersetzen sein. Hierzu bedarf es m.E. eines Modells, welches sowohl dem Unterschied zwischen "Lebenslage" und "Lebenswelt"[5] Rechnung tragen muss, als auch der notwendigen Koppelung dieser beiden Bereichen. Es ist erforderlich, zwischen der kognitiven Geschlossenheit eines Systems und seiner energetischen Offenheit zu unterscheiden, ohne dabei außer Acht zu lassen, dass diese beiden Bereiche, obwohl Sie unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, unaufgebbar miteinander verbunden, ja aufeinander angewiesen sind. So ist der kognitive Bereich trotz seiner operationalen Geschlossenheit nicht ohne den Körper und dessen energetischer Offenheit denkbar. Es ist deshalb zu hinterfragen, ob und wenn ja welchen Einfluss die Veränderung der Lebenslage auf Grund der strukturellen Koppelung auf die Lebenswelt eines Menschen haben kann.

4. Strukturelle Koppelung

Wie Eingangs erwähnt orientiert sich der systemtherapeutische Diskurs zunehmend an einen radikalkonstruktivistischen Menschenbild. Diesem Menschenbild entsprechend gilt das Gehirn bezüglich seiner informationellen Organisation als ein geschlossenes System. Diese Überlegung bringt Roth im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit Ergebnissen der "kognitiven Neurobiologie"(Vgl. Roth 1997) folgendermaßen auf den Punkt:

"Das Gehirn kann zwar über seine Sinnesorgane durch die Umwelt erregt werden, diese Erregungen enthalten jedoch keine bedeutungshaften und verläßlichen Informationen über die Umwelt. Vielmehr muß das Gehirn über den Vergleich und die Kombination von sensorischen Elementarereignissen Bedeutung erzeugen und diese Bedeutung anhand interner Kriterien und des Vorwissens überprüfen. Dies sind die Bausteine der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist ein Konstrukt des Gehirns."(A.a.O.: S. 21)

Unter diesen Voraussetzungen sind "instruktive Interaktionen" im ontologischen Sinne nicht möglich, da jeglicher Umstand der Lebenslage, jegliche versuchte Einflussnahme lediglich die Qualität einer Perturbation haben kann und wie oder ob überhaupt ein System auf eine solche Perturbation reagiert, ausschließlich von der inneren Struktur des jeweiligen Systems bestimmt wird. Dennoch können lebende Systeme nicht unabhängig von ihrer Umwelt existieren und es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass lebende Systeme trotz operationaler Geschlossenheit unumgänglich energetisch offen sind.

"Lebende Systeme bedürfen trotz operationaler Schließung einer Umwelt, um existieren zu können. Die Umwelt muß die physikalischen Elemente bereitstellen, die das lebende, autopoietische System zur Produktion seiner Bestandteile benötigt. Bezüglich des Energie- und Materieaustauschs sind lebende Systeme also offen." (Böse, Schiepek 2000: S. 175.)

Innerhalb des Alltagsdenkens bedarf diese Überlegung keiner weiteren Erläuterung, denn die energetische Offenheit lebender Systeme gilt als selbstverständlich, da u.a. sowohl Nahrungsaufnahme als auch die Abgabe der Stoffe, die vom Körper nicht assimiliert werden können, einen offenen Austausch zwischen Organismus und Umwelt voraussetzen. Im Gegenteil, gerade Phänomene energetischer Offenheit werden herangezogen, um das radikalkonstruktivistische Paradigma der kognitiven Geschlossenheit ad absurdum zu führen, beispielsweise wenn angeführt wird, dass, wenn alle Wahrnehmung subjektiv konstruiert und somit die Wirklichkeit ein subjektives Konstrukt wäre, man sich ja ein Loch in die Wand konstruieren könne, um durch dieses hindurchzugehen. Aus dem Umstand, dass dies eben nicht möglich ist, wird dann großzügig gefolgert, dass die Wirklichkeit eben doch ein Abbild der Realität sein müsse.

Hier wird deutlich, wie problematisch das unreflektierte Vermischen von Phänomenen der kognitiven und der körperlichen Ebene ist. Es ist eben weder sinnvoll, von der körperlichen Ebene auf die kognitive Ebene zu schließen, noch umgekehrt. Beide Ebenen unterliegen unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten. So ist die kognitive Ebene operational geschlossen, während die körperliche Ebene energetisch offen ist. Dennoch sind diese beiden Ebenen zwingend miteinander verbunden, weshalb die kognitive Ebene trotz aller operationaler Geschlossenheit nicht unabhängig von der materiellen Ebene ist. Aber trotz der Abhängigkeit wird sie keinesfalls von dieser strukturell determiniert. Auf Grund der strukturellen Koppelung eines jeden lebenden Systems an seine Umwelt kann es durch diese beeinflusst werden - nur eben nicht determinativ.

Obschon man also ausschließen kann, dass durch Machtprozesse Subjekte strukturell determiniert werden, ist nichts desto weniger zu diskutieren, welche anderen Möglichkeiten der Machtausübung die strukturelle Koppelung impliziert. Es ist m.E. - wie gesagt - nicht angemessen, trotz der Zuschreibung von kognitiver Autonomie den Menschen als unbegrenzt eigenverantwortlich zu betrachten, da auf Grund der strukturellen Koppelung die Lebenslage (Systemumwelt) nicht unbedeutend für das Konstruieren seiner Lebenswelt ist. So ist der Mensch zwar für die Wahl zwischen den zur Verfügung stehenden Alternativen verantwortlich, aber eben nur für die Alternativen, die ihm auch tatsächlich zur Verfügung stehen. Andererseits ist es ebenso wenig angemessen, die Verantwortung gänzlich auf die Lebenslage zu verlegen, da die Verantwortung für die Wahl zwischen den Alternativen notwendig beim Individuum verbleibt. Und letztlich gibt es immer eine Wahl, wie nachfolgend gezeigt werden soll.

5. Zur Möglichkeit von Macht

Weber definiert im Kontext der zitierten Stelle Herrschaft als "Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden" (Weber 1964: S. 38 zitiert nach Portele1989: S. 196) Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass Befehle nicht durchgesetzt oder erzwungen werden sollen, sondern dass "Gehorsam" zu "finden" sein soll. Es gilt, etwas Vorhandenes zu nutzen. Herrschaft ist folglich nur möglich, wenn der Beherrschte sie zulässt, sie ist nur möglich, wenn ein "Minimum an Gehorchenwollen, also Interesse am Gehorchen"(Weber 1964: S. 157 zitiert nach Portele1989: S. 198) vorhanden ist. Somit hängt die Möglichkeit der Herrschaft von der Entscheidung der Beherrschten und nicht von der der Herrschenden ab. Diese Überlegung überträgt Portele auch auf das Phänomen der Macht, wenn er formuliert:

"Ohne die Bereitschaft zur Unterwerfung, zur Knechtschaft, kann Macht nicht ausgeübt werden."(Portele 1989: S. 204.)

Wenn aber Macht nur auf Grund von Unterwerfung möglich sein soll, so folgert daraus ein Paradox, welches Macht unmöglich erscheinen lässt, nämlich insofern, als Unterwerfung auf Grund der operationalen Geschlossenheit kognitiver Systeme nur als ein autonomer Akt gedacht werden kann und das Individuum somit autonom auf seine Autonomie verzichtet.

"Unterwerfung ist, aus eigenem Willen den eigenen Willen aufgeben. (...) Unterwerfung ist ein autonomer Akt. Auf diese autonome Entscheidung den eigenen Willen aufzugeben, ist der Machtausübende angewiesen. Ohne diese Aufgabe des eigenen Willens kann er keine Macht ausüben." (A.a.O.: S. 206)

Allerdings wäre zu erörtern, ob es Gründe für die autonome Aufgabe der Autonomie geben kann, die nicht vom Aufgebenden zu verantworten sind. Es ist zu klären, ob es Portele so gelingen kann, das Phänomen Macht umfassend zu beleuchten oder ob es nicht Aspekte gibt, welche einer solchen Betrachtungsweise verschlossen bleiben müssen.

Vor der Diskussion dieser Überlegung möchte ich vorwegnehmend die Möglichkeiten von Macht skizzieren, die es m.E. geben kann. Wesentlich ist hierbei die schon angesprochene Differenzierung in zwei Bereiche, nämlich in den kognitiven Bereich (operational geschlossen) und den materiellen Bereich (energetisch offen) und eine weder von Portele oder von Bateson vorgenommene Differenzierung von Macht in a) die Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen und b) die Chance zur Reduktion von Möglichkeiten.

5.1. Macht im materiellen Bereich

Im materiellen Bereich basiert Macht auf der Chance zur Reduktion von Möglichkeiten. Da Organismen an ihre Systemumwelt strukturell gekoppelt sind, kann auf diese Organismen Einfluss genommen (d.h. Macht ausgeübt) werden. Im materiellen Bereich beruht diese Chance auf dem Verfügen über materielle Größen, die es erlauben, die Möglichkeiten eines Organismus zu reduzieren (im Extremfall bis zu einem einzigen Freiheitsgrad). Diese Reduktion von Möglichkeiten kann sowohl direkt gegeben sein, z.B. durch das Ausüben von Gewalt gegenüber dem Organismus, als auch indirekt, z.B. durch das Vorenthalten oder Wegnehmen materieller Güter, die der Organismus benötigt (etwa Lebensmittel etc.). Diese Rezeption von Webers Machtdefinition unterscheidet sich von der o. a. insofern, als hier keine "Bereitschaft zur Unterwerfung" notwendig ist, damit Macht ausgeübt werden kann. (Schließlich bedarf es keiner Unterwerfung des Erschossenen, um ihn zu erschießen.) Dennoch handelt es sich bei dieser Form der Macht zwar um die Chance zur Reduktion von Möglichkeiten, aber eben "nur" zur Reduktion. Keinesfalls beinhaltet sie die Möglichkeit zur Determination, denn wie sehr auch die Möglichkeiten reduziert werden und wie "hart" uns diese "Wirklichkeit" auch erscheinen mag, so haben die Einflüsse letztlich nur die Qualität einer Perturbation. Jeder Mensch entscheidet auf Grund seiner operationalen Geschlossenheit autonom, wie er auf solche Perturbationen reagiert.

Um dies an einem drastischen Beispiel zu verdeutlichen: Person A ist bewaffnet und verlangt von Person B, die unbewaffnet ist, dass sie sich vor Person A verbeugt. Die Verfügungsgewalt von Person A über materielle Größen (die Waffe und somit auch über die Unversehrtheit des Körpers von Person B) geben ihr die Chance, die Möglichkeiten von Person B drastisch zu reduzieren. Offensichtlich hat Person B nur noch eine einzige Handlungsmöglichkeit, nämlich sich vor Person A zu verbeugen, um zu überleben. Insofern verfügt Person A durchaus über Macht. Aber obwohl A die Möglichkeiten von Person B auf Grund struktureller Koppelung maximal reduzieren kann, hat dies letztlich für Person B nur die Qualität einer Perturbation und die Entscheidung wie B auf diese Perturbation reagiert, verbleibt unabdingbar bei Person B. Person A kann Person B trotz aller materieller Macht nicht unmittelbar instruieren. Person B hat immer noch die Möglichkeit, sich nicht zu verbeugen, wenn auch zum Preis des Erschossenwerdens. In Anlehnung an Sartre ist das Nein zur Tötung die letzte Freiheit des Menschen.

Es wird ferner an diesem Beispiel deutlich, dass Macht im materiellen Bereich offensichtlich ermöglicht, jemanden an Handlungen, die er durchführen möchte, zu hindern. Keinesfalls ist es aber möglich, jemanden dahingehend zu instruieren, dass er Handlungen ausführt, die er partout nicht ausführen möchte. Für Letzteres ist wieder die schon erwähnte "Bereitschaft zur Unterwerfung" notwendig. Dennoch handelt es sich bei der Chance zur Reduktion von Möglichkeiten um Macht im ontologischen Sinne, da hier der Wille[6] des Mächtigen "auch gegen Widerstreben" des Ohnmächtigen durchgesetzt werden kann.

5.2. Exkurs: "Instruktive Macht" vs. "destruktive Macht"

Es ist m.E. nicht nur notwendig, zwischen kognitivem und materiellem Bereich zu unterscheiden, sondern - wie schon angekündigt - auch den Begriff der Macht selbst zu differenzieren, weshalb ich zur Präzisierung meiner diesbezüglichen Überlegungen die Begriffe "instruktive Macht" und "destruktive Macht" eingeführt habe (Kraus 2000: S. 136ff.). In diesem Sinne stelle ich dem Begriff der instruktiven Interaktion jenen der destruktiven Interaktion gegenüber und unterscheide dementsprechend das Phänomen Macht in instruktive Macht vs. destruktive Macht. Die Nützlichkeit dieser Differenzierung zum adäquaten Erfassen des Phänomens Macht soll im weiteren Verlauf zumindest angedeutet werden.[7]

Zur Verdeutlichung: Mit der Kategorie der instruktiven Interaktion sollen Interaktionen bezeichnet werden, die das Verhalten oder Denken des Gegenübers determinieren. Im Unterschied dazu soll die Kategorie der destruktiven Interaktion ein Interagieren bezeichnen, das die Möglichkeiten des Gegenübers reduziert. Basierend auf dieser Unterscheidung soll instruktive Macht die Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen bezeichnen, während destruktive Macht aus der Chance zur Reduktion von Möglichkeiten, also aus der Chance zu destruktiven Interaktionen resultiert.

Auf den Punkt gebracht sollen diese Begriffe, die m.E. zu einem adäquaten Erfassen des Phänomens Macht hilfreich, wenn nicht sogar notwendig sind, wie folgt bestimmt werden:

Im Sinne dieser Unterscheidung gilt für den materiellen Bereich, dass destruktiver Macht ontologische Qualität zukommen kann, da destruktive Interaktionen (sofern zu solchen die Chance durch die Verfügungsgewalt über entsprechende materielle Güter besteht) "auch gegen Widerstreben" möglich sind. Die hier definierte destruktive Macht bedarf keiner Unterwerfung. Allerdings ermöglicht sie trotz allem keine instruktiven Interaktionen. Instruktive Macht ist nur als soziales Konstrukt denkbar, weshalb dieser keine ontologische Qualität zukommen kann.

Zu denken geben sollte dabei, wie fragwürdig in diesem Licht pädagogische Konzepte erscheinen müssen, die auf der materiellen Verfügungsgewalt des Sozialpädagogen beruhen. Insbesondere wenn man bedenkt, dass aus materieller Verfügungsgewalt tatsächlich nur destruktive Macht resultieren kann, mittels derer a) nur Handlungen verhindert werden können, was noch überhaupt nichts über die kognitive Bewertung des Edukanden aussagt und b) sogar diese Handlungen nur verhindert werden können, solange sich der Edukand im "Machtbereich" des Pädagogen befindet.

5.3. Macht im kognitiven Bereich

Unter der Bedingung operationaler Geschlossenheit kognitiver Systeme scheint Macht unmöglich - zumindest wenn diese a) nicht in destruktive und instruktive Macht differenziert wird und b) - wie dies offensichtlich meistens getan wird - Macht mit instruktiver Macht gleichgesetzt wird. Unter diesen Voraussetzungen (also wenn Macht als Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen verstanden wird, also als Möglichkeit zur determinativen Beeinflussung kognitiver Systeme) ist der Konsequenz zuzustimmen, dass in diesem Sinne Macht auf Grund der operationalen Geschlossenheit kognitiver Systeme keine ontologische Qualität zukommen kann. Insofern scheint dann auch Porteles Überlegung stimmig, wenn er formuliert:

"Ohne die Bereitschaft zur Unterwerfung, zur Knechtschaft, kann Macht nicht ausgeübt werden." (Portele 1989, S. 204.)

Jedoch ist m.E. diese Perspektive zur Beschreibung menschlicher Beziehungen nicht ausreichend. Denn auch wenn kognitive Systeme operational geschlossen sind, so sind sie dennoch nicht unabhängig von ihrer Umwelt, da sie Perturbationen benötigen, um diese verarbeiten zu können. Zum Konstruieren der "Wirklichkeit" bedarf es der "Realität". So ist zwar das Individuum für die Bewertung der Perturbationen verantwortlich, nicht aber für die zur Verfügung stehenden Perturbationen. Die Konstruktion der "Wirklichkeit" geschieht zwar nach den Regeln des kognitiven Systems, aber dieses System benötigt eine Systemumwelt, die Reize zur weiteren Verarbeitung zur Verfügung stellt. Insofern wäre z. B. das Vorenthalten von Informationen ("das Dummhalten des Volkes") eine weitere Möglichkeit von Macht, die wieder auf der Reduktion von Möglichkeiten basiert. Dass aus dem Vorenthalten von Informationen destruktive Macht erwachsen kann, lässt sich am Beispiel der Sprache zeigen.

Es hat, wie es Bourdie in seiner Auseinandersetzung mit den "verborgenen Mechanismen der Macht" feststellt, "... auf dem sprachlichen Markt immer Monopole gegeben, ob es sich nun um sakrale oder einer Kaste vorbehaltene Sprachen oder Geheimsprachen wie u.a. die Wissenschaftssprache handelt." (Bourdieu 1997: S. 81.) Solche Monopole können als "Machtmittel" verstanden werden, da aus dem Vorenthalten von Wissen destruktive Macht resultieren kann, beispielsweise indem durch das Vorenthalten der zur Teilnahme an bestimmten Diskursen notwendigen Sprache die Teilnahme an eben diesen Diskursen verhindert werden kann.[8]

Hieraus resultiert u.a. ein "Machtgefälle" zwischen verhandelnden Parteien - vor dessen Missbrauch Thiersch im Rahmen von Erziehung warnt - denn "Aushandeln setzt Aushandlungsfähigkeit voraus." (Thiersch 1995: S. 85.) Natürlich ermöglicht auch diese Form der Macht keine instruktiven Interaktionen. Dem Mächtigen mag es möglich sein, den "Ohnmächtigen" an bestimmten Überlegungen oder Handlungen zu hindern, indem er ihm das hierzu notwendige Wissen vorenthält, aber auch so kann er keinesfalls bestimmte Handlungen oder gar Denkweisen determinieren. Dennoch kann er die Chance zur Reduktion von Möglichkeiten haben und somit auch auf kognitiver Ebene die Chance zu destruktiver Macht. Es lassen sich also auch innerhalb des kognitiven Bereiches Möglichkeiten destruktiver Macht konstruieren, denen ontologische Qualität zugesprochen werden kann. Insofern stimme ich Portele nicht zu, wenn er ausführt:

"Unterwerfung ist ein autonomer Akt. Auf diese autonome Entscheidung, den eigenen Willen aufzugeben, ist der Machtausübende angewiesen. Ohne diese Aufgabe des eigenen Willens kann er keine Macht ausüben." ( Portele1989: S. 206.)

Diese Formulierungen machen deutlich, dass Portele, wenn er das Phänomen Macht beschreibt, dieses offensichtlich mit dem gleichsetzt, was ich als instruktive Macht bezeichne. Denn nur wenn man Macht mit instruktiver Macht gleichsetzt, ist Porteles Folgerung schlüssig. Schließlich ist instruktive Macht nur als soziales Phänomen denkbar, weshalb sie eben auch auf die "autonome Entscheidung, den eigenen Willen aufzugeben", angewiesen ist. Was Portele dabei aber außer Acht lässt, sind etwaige Chancen zur Reduktion von Möglichkeiten, also destruktive Macht. Denn diese Form der Macht kann "ohne die Bereitschaft zur Unterwerfung, zur Knechtschaft (...) ausgeübt werden". Sie bedarf der Verfügungsgewalt über materielle oder immaterielle Größen und nicht der Unterwerfung des Ohnmächtigen (schließlich ist die Verfügungsgewalt über einen Revolver hinreichende Begründung destruktiver Macht, da der so Ohnmächtige seiner Erschießung nicht zustimmen muss, um erschossen werden zu können).

Offen bleibt die Frage, ob nicht doch die Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen und somit zu instruktiver Macht konstruierbar ist. Im ontologischen Sinne sicher nicht. Sofern man Macht mit der Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen gleichsetzt, kann diese - wie gezeigt - keine ontologische Qualität haben. Allerdings, so scheint es zumindest, ist instruktive Macht als soziales Phänomen innerhalb konsensueller Bereiche beschreibbar. Von "Macht" wäre dann zu sprechen, wenn der "Ohnmächtige" entgegen seinen eigenen Wünschen den Wünschen des Mächtigen folgt, da er diesem die hierzu notwendige Macht zuschreibt. Somit kann der Mächtige "innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchsetzen". Wesentlich ist, dass dieser Macht zwar keinerlei ontologische, sondern lediglich soziale Qualität zukommt, sie als solche aber innerhalb sozialer Beziehungen relevant sein kann.

Dabei ist es nicht nur unerheblich, "worauf diese Chance beruht", also über welche materiellen oder immateriellen Chancen der Mächtige zur Reduktion von Möglichkeiten verfügt, sondern es ist auch irrelevant, ob er überhaupt über solche Möglichkeiten verfügt. Instruktive Macht im sozialen Bereich ist nur eine Zuschreibung und hat somit lediglich Konstruktqualität, sie ist Teil der subjektiv konstruierten "Wirklichkeit" / Lebenswelt. Und obwohl diese Konstruktion vom Individuum unter den ausgeführten Bedingungen zu verantworten ist, wäre es unangemessen, dem Konstrukt instruktive Macht die Relevanz abzusprechen. So scheinen unter der Bedingung, dass der Instruierte dem Instruierenden die hierzu notwendige Macht zuspricht, instruktive Interaktionen möglich. Natürlich sind solche instruktiven Interaktionen insofern keine, als die Entscheidung darüber, ob es zu einer solchen kommen kann, letztlich beim Instruierten liegt - weswegen instruktiver Macht eben keine ontologische Qualität zukommen kann und sie vom "Zuschreibenden" zu verantworten ist. Nur gilt es, sich der Möglichkeit von Macht als sozialem Konstrukt in zwischenmenschlichen Beziehungen im allgemeinen und in Beziehungen von Sozialarbeitern zu ihren Klienten, von Pädagogen zu ihren Edukanden oder etwa von Therapeuten zu ihren Kunden im besonderen bewusst zu sein. So hat eben derjenige, vor allem im professionellen Bereich, der Macht zugesprochen bekommt, mit den hieraus resultierenden Möglichkeiten verantwortungsvoll umzugehen – was nicht nur bedeutet, den damit verbundenen Gefahren Rechnung zu tragen, sondern auch hieraus resultierende Chancen zu nutzen.

6. Zusammenfassende Reflexion

Wenn man konstruktivistisch berücksichtigt, dass der Mensch ein informationell geschlossenes System ist, das Informationen nur im Zuge seiner Selbstorganisation konstruieren kann, scheint es nicht nur verständlich, sondern geradezu zwingend, dass Bateson folgert, Macht sei lediglich ein sehr gefährlicher Mythos, aber eben nur ein Mythos, bei dem "es sich (...) um erkenntnistheoretischen Schwachsinn (handelt)", welcher "unausweichlich zu verschiedenen Arten von Katastrophen (führt)." (Bateson1996: S. 625.) Dieser Argumentation folgt auch Portele, wenn er postuliert, dass "ohne die Bereitschaft zur Unterwerfung, zur Knechtschaft, (...) Macht nicht ausgeübt werden (kann)," (Portele1989: S. 204.) und er weiter ausführt, dass diese Unterwerfung auf Grund der operationalen Geschlossenheit kognitiver System nur als autonomer Akt gedacht werden kann. "Auf diese autonome Entscheidung, den eigenen Willen aufzugeben, ist der Machtausübende angewiesen. Ohne diese Aufgabe des eigenen Willens kann er keine Macht ausüben." (A.a.O.: S. 206.)

Diese Aussagen verweisen Macht in den Bereich der Mythen und es scheint, als wäre Ohnmacht ausschließlich von den Ohnmächtigen zu verantworten. M.E. ist jedoch weder eine Position akzeptabel, die Macht eine ausschließlich ontologische Qualität zuschreibt und somit sämtliche Verantwortung den Mächtigen zuordnet, noch eine Position, die Macht nur als soziales Konstrukt betrachtet, welches die Ohnmächtigen zu verantworten haben. Weder die eine noch die andere Position ermöglicht eine adäquate Beschreibung zwischenmenschlicher Phänomene. Die erste Position negiert die Eigenverantwortung des Individuums, während die zweite Position die Verantwortung der Mächtigen negiert. So könnte innerhalb der ersten Position ein Wehrmachtssoldat sein Handeln dadurch entschuldigen, dass ihm die Mächtigen befohlen haben, so zu handeln und er als Ohnmächtiger keine andere Möglichkeit hatte, als diesen Befehlen zu gehorchen, während innerhalb der zweiten Position ein Kind, das an den seelischen Grausamkeiten der Eltern zerbricht, dafür selbst verantwortlich wäre, denn schließlich haben sämtliche Handlungen der Eltern nur die Qualität einer Perturbation und für die Bewertung dieser Perturbationen ist auf Grund seiner operationalen Geschlossenheit alleine das Kind verantwortlich. M.E. ist es notwendig, die diesbezüglich offenbar gängige "Entweder-oder-Logik" zu Gunsten einer "Sowohl-als-auch-Logik" zu überwinden. So kann eben nicht schlüssig behauptet werden, dass Macht schlechthin existiert, vielmehr ist Macht sowohl als ontologisches, als auch als soziales Phänomen erklärbar. Um dies abschließend auf den Punkt zu bringen, soll nochmals Webers Definition von Macht genutzt werden.

"Macht (ist die) Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht."

Wenn man nun die "Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen", mit der Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen gleichsetzt, so kann Macht folgerichtig keine ontologische Qualität zukommen. Denn schließlich ist es auf Grund der operationalen Geschlossenheit kognitiver Systeme unmöglich, das Verhalten oder gar das Denken eines Menschen zu determinieren.

Nun liegt offensichtlich sowohl Batesons als auch Porteles Überlegungen diese Gleichsetzung von Macht und instruktiver Macht zu Grunde. Allerdings ist diese Gleichsetzung nicht ausreichend, da Webers Definition keineswegs zwingend nur mit der Möglichkeit zu instruktiven Interaktionen zu interpretieren ist, sondern eben auch die Möglichkeit zu "destruktiven Interaktionen" umfasst. Schließlich kann es sich bei dem "eigenen Willen", der "gegen Widerstreben durchzusetzen" ist, auch um das Verhindern bestimmter Handlungen handeln. Und die "Chance" hierzu kann eben aus der Chance zur Reduktion von Möglichkeiten resultieren. Wenn also Person A gewillt ist, eine bestimmte Handlung von Person B zu unterbinden und Person A über die hierzu notwendigen Mittel verfügt, so kommt dieser Form von Macht durchaus ontologische Qualität zu. Schließlich bedarf es nicht der Unterwerfung von Person B, wenn diese von Person A beispielsweise gefesselt wurde, damit sie nicht wegläuft. Obwohl aus dieser Form der Macht keine Möglichkeit zur instruktiven Interaktion resultiert, ist sie dennoch eine gesellschaftlich relevante Form der Macht, die im Vorenthalten sowohl materieller, als auch immaterieller Größen deutlich wird. So handelt es sich beim Vorenthalten von monetären Mitteln ebenso wie beim Vorenthalten von Bildung um gesellschaftlich relevante Phänomene, die keinesfalls außer Acht gelassen werden dürfen.

An einem Extrembeispiel verdeutlicht: Ein Kind, dass in einem Keller eingesperrt und dort misshandelt wird, ist auf Grund seiner kognitiven Autonomie für die Bewertung der Perturbationen verantwortlich, aber auf Grund seiner strukturellen Koppelung an seine Umwelt ist es eben nicht unabhängig von diesen Perturbationen und diese Perturbationen sind schon allein insoweit, als sie die Möglichkeiten des Kindes reduzieren, eine Form von Macht, der ontologische Qualität zukommt und deren Einrichtung als solche von den Machtausübenden zu verantworten ist. Mit anderen Worten, das Kind ist für die Bewertung der Perturbationen verantwortlich, aber nicht für die Perturbationen als Faktum selbst. Die Perturbationen sind von denjenigen zu verantworten, die sie verursachen.

Um das Phänomen Macht adäquat beschreiben zu können, ist es m.E. deshalb notwendig zu unterscheiden, ob mit Macht a) die Chance zur Reduktion von Möglichkeiten oder b) die Chance zu instruktiven Interaktionen bezeichnet werden soll. Insofern unterscheide ich

Dabei resultiert aus der ontologischen Qualität destruktiver Macht die Verantwortung derer, welche über sie verfügen, während die soziale Qualität (Konstruktqualität) instruktiver Macht, die nur durch Unterwerfung möglich ist, die Verantwortung grundsätzlich bei den sich Unterwerfenden verortet.

Ergänzend sei nochmals betont, dass auch, wenn im ontologischen Sinne instruktive Interaktionen nicht denkbar sind, diese innerhalb sozialer Beziehung eben durch Zuschreibung (also durch Unterwerfung) doch möglich sein können. Dies ist zwar grundsätzlich vom Unterwerfenden zu verantworten; aber in professionellen Verhältnissen (z.B. Sozialarbeiter-Klient, Pädagoge-Edukand, Therapeut-Kunde) hat sich der Profi dessen bewusst zu sein und mit den daraus resultierenden Möglichkeiten verantwortungsvoll umzugehen.

Letztlich hat etwa der Sozialpädagoge der aus den bisherigen Ausführungen resultierenden Ambivalenz Rechnung zu tragen und seine Möglichkeiten adäquat einzuschätzen. Einerseits muss er sich dessen bewusst sein, dass er nicht über die Macht zur instruktiven Interaktion verfügt, wenn ihm diese nicht vom Edukanden zugeschrieben wird, weshalb er auch nicht für die Persönlichkeitsentwicklung des Edukanden direkt verantwortlich ist. Schließlich kann er diese nicht determinieren. Andererseits muss er sich sowohl der Verantwortung bewusst sein, die aus seinen Chancen zum Reduzieren oder Schaffen von Möglichkeiten resultiert[9], als auch der Verantwortung, die aus seinen Möglichkeiten zu instruktiver Macht resultiert, wenn ihm diese vom Edukanden zugeschrieben wird.


Anmerkungen

[1] Kraus 2002. www.carl-auer.de/set_weiss.php?isbn=3-89670-312-9.

[2] Die nachfolgenden Ausführungen geben in gekürzter Form die grundlegenden Erörterungen in meiner Dissertationsschrift zum Thema "Macht" wieder – ausführlich siehe Kraus 2002: S. 173ff.

[3] Zur kontroversen Diskussion des Phänomens der Macht im therapeutischen Bereich vor dem Hintergrund konstruktivistischer und systemischer Überlegungen vgl. etwa die Beiträge in Heft 4 der Zeitschrift für systemische Therapie "zur Frage der "Macht"-Metapher" 1986, ebenso die diesbezügliche Übersicht von Böse, Schiepek 2000, S. 107-111.

[4] Vgl. diesbezüglich etwa Dells Ausführungen zum "Mythos instruktiver Interaktion" Dell 1990: S. 99-106. Zu Dells teils problematischer "Ontologisierung" siehe Kriz: 1987.

[5] In meinem Verständnis verhalten sich "Lebenswelt" zu "Lebenslage", wie sich im radikal-konstruktivistischen Diskurs "Wirklichkeit" zu "Realität" verhalten. Während mit den Begriffen "Realität" bzw. "Lebenslage" die physikalische Welt bzw. die "tatsächlichen" Lebensbedingungen benannt werden, beschreiben die Begriffe "Wirklichkeit" bzw. "Lebens-welt", die subjektiv konstruierte Erlebenswelt eines Menschen (vgl. Kraus 2002: S. 33ff. und S.146ff.).

[6] ... sofern es der Wille des Mächtigen ist, bestimmte Handlungen zu verhindern.

[7] (Vgl. zur Anwendung dieser Differenzierung auf Steiners "Machtspiele" Kraus 2002: S. 187ff., zur Anwendung auf Überlegungen der Hilfe und Kontrolle im Kontext der Sozialen Arbeit a.a.O: S. 200ff.)

[8] Zur wechselseitigen Bedingtheit von Wissen und Macht vgl. Foucault, M. 1976, S. 114 ff.

[9] ... z.B. durch seine Möglichkeiten, die Lebenslage des Edukanden zu gestalten (Vorenthalten oder zur Verfügungstellen sowohl materieller als auch immaterieller Inhalte).


Literaturverzeichnis

Bateson, G. (1996): Ökologie des Geistes: antropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt am Main: Suhrkamp (6. Auflage).

Bourdieu, P. (1997): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg: VSA.

Böse R., Schiepek G. (2000): Systemische Theorie und Therapie: ein Handwörterbuch. Heidelberg: Asanger (3. Auflage).

Dell, P. F. (1990): Klinische Erkenntnis. Zu den Grundlagen systemischer Therapie. Dortmund: Verlag modernes lernen (2. Auflage).

Foucault, M. (1976): Mikrophysik der Macht. Über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin: Merve.

Kraus, B. (2000): "Lebensweltliche Orientierung" statt "instruktive Interaktion". Eine Einführung in den Radikalen Konstruktivismus in seiner Bedeutung für die Soziale Arbeit und Pädagogik. Reihe Forschen & Lernen Bd. 8. Berlin: VWB.

Kraus, B. (2002): Konstruktivismus – Kommunikation – Soziale Arbeit. Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses. Heidelberg: Verlag für Systemische Forschung im Carl-Auer-Systeme Verlag.

Kriz, J. (1987): Zur Pragmatik klinischer Epistemologie. Bemerkungen zu Paul Dells "Klinischer Erkenntnis". Zeitschrift für systemische Therapie 1/1987, S. 51-56.

Levold, T. (1986): Die Therapie der Macht und die Macht der Therapie. Über die Wirklichkeit des Sozialen. Zeitschrift für systemische Therapie 4/86, S. 243-252.

Portele, G. (1989): Autonomie, Macht, Liebe. Konsequenzen der Selbstreferentialität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Roth, G. (1997): Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Thiersch, H. (1995): Lebenswelt und Moral. Beiträge zur moralischen Orientierung Sozialer Arbeit. Weinheim, München: Juventa.

Zeitschrift für Systemische Therapie 4/1986: Zur Frage der "Macht"-Metapher. Dortmund: Verlag modernes lernen.


Autor

Dr. phil. Björn Kraus

  • Diplom-Sozialpädagoge (FH)
  • Systemischer Therapeut und Berater (SG)
  • Erfahrung in offener Jugendarbeit, stationärer Jugendhilfe und in Forschungsprojekten der Sozialen Arbeit
  • Promotion an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Dr. phil.)
  • Gegenwärtig Leiter des Kinder- und Jugendbüros des Stadtjugendamts Kaiserslautern
  • Leiter eines dreisemestrigen "Fortbildungskurs zur Theorie und Methodik systemischer Therapie und Beratung für die Praxis Sozialer Arbeit" am Fortbildungsinstitut (IWBF) der Evang. Fachhochschule Ludwigshafen
  • Freiberuflich tätig als systemischer Berater und Supervisor in eigener Praxis

Buchveröffentlichungen:

"Lebensweltliche Orientierung" statt "instruktive Interaktion". Eine Einführung in den Radikalen Konstruktivismus in seiner Bedeutung für die Soziale Arbeit und Pädagogik. Berlin 2000 (Reihe Forschung & Lernen), Verlag für Wissenschaft und Bildung.

Konstruktivismus - Kommunikation - Soziale Arbeit. Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses. Heidelberg 2002: Verlag für Systemische Forschung im Carl-Auer-Systeme Verlag.

eMail: bjoernkraus@t-online.de

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Veröffentlichungsdatum: 7. September 2003


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