Lebenswelt und Lebensweltorientierung

Eine begriffliche Revision als Angebot an eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft

von Björn Kraus (Dezember 2004)

Einleitung

Der Begriff der Lebenswelt ist im Diskurs der Sozialen Arbeit inzwischen ebenso geläufig wie die Forderung nach der Orientierung an eben dieser Lebenswelt. Der geradezu inflationäre Gebrauch des Begriffes geht jedoch mit einer nicht eben geringen begrifflichen "Unschärfe", um nicht zu sagen Beliebigkeit einher. Angesichts dessen, erscheint mir schon alleine aus Gründen der innerdisziplinären Verständigung eine Präzisierung des Begriffs der Lebenswelt geboten. Dies soll nachfolgend zumindest in groben Zügen geleistet werden. Hierbei sollen zwar auch die phänomenologischen Wurzeln des Lebensweltbegriffes in den Blick genommen werden, vor allem aber soll eine systemisch-konstruktivistische Begriffsbestimmung vorgenommen werden.

Hierzu wird, ausgehend von der Relevanz des Lebensweltkonzeptes für den sozialarbeiterischen Bereich, zunächst die phänomenologische Herkunft des Lebensweltbegriffes zumindest skizziert. Daran anknüpfend wird eine systemisch-konstruktivistische Reformulierung des Lebensweltbegriffes vorgeschlagen, die einer der "postmodernen"[1] Verfasstheit gegenwärtiger Gesellschaftsstrukturen gerecht werdenden, systemisch-konstruktivistisch orientierten Sozialarbeitswissenschaft entspricht.

Eins noch vorweg: Es dürfte sich von selbst verstehen, dass eine umfassende Erörterung des Lebensweltbegriffes in Husserls Phänomenologie und Schütz` Sozialphänomenologie im Rahmen der nachfolgenden Überlegungen weder geleistet werden kann, noch der Zielsetzung dieser Arbeit besonders dienlich wäre. Die Philosophen im Allgemeinen und unter ihnen die Phänomenologen im Besonderen möchten mir also den "punktuellen Sprint" durch Husserls und Schütz‘ Überlegungen nachsehen. Dieser soll nur in dem Maße vollzogen werden, wie er für mein Anliegen notwendig ist, nämlich die subjektivisitische Perspektive des Lebensweltbegriffes herauszuarbeiten, um daran anknüpfend eine systemisch-konstruktivistische Reformulierung leisten zu können.

Ausgangssituation – Die Orientierung der Sozialen Arbeit an Lebenswelt und Alltag

Als ein Ergebnis der gesellschaftlichen "Großwetterlage" der späten 60er Jahre richtet ab den 70er Jahren[2] die Sozialpädagogik ihren Blick vermehrt auf den Alltag ihres Klientels. (Prominet etwa Thiersch 1978) Diese Alltagsorientierung nimmt in den 80er Jahren[3] derart zu, dass 1986 Wendt "... eine Hinwendung der Sozialwissenschaften zum Alltag"(Wendt 1986, S. 9.ff.) ausmacht und Thiersch zur gleichen Zeit eine regelrechte "Alltagswende" der Sozialpädagogik konstatiert.(Thiersch 1986) Insoweit diese "Alltagswende" vor allem auch auf kritisch-phänomenologische Reflektionen zum Alltag und zur "Lebenswelt" zurückgreift, gewinnt zunehmend der Begriff der "Lebenswelt" an Bedeutung (Thiersch 1986, 1992). Spätestens seit dem Achten Jugendbericht der Bundesregierung (BMfJFG 1990) gilt die so genannte "Lebensweltorientierung" als ein zentrales Paradigma der Jugendhilfe und ab Anfang der 1990er Jahre begann ein regelrechter Boom lebensweltorientierter Überlegungen. Zwar wäre zu diskutieren, ob 1992 tatsächlich schon ein entsprechender "Paradigmenwechsel in der Sozialpädagogik"(Vahsen 1992) stattgefunden hatte, aber unbestreitbar hatte zu diesem Zeitpunkt zumindest ein Perspektivenwechsel stattgefunden und die neue Perspektive galt nunmehr der "Lebenswelt" des Klientels (etwa Thiersch 1992, Rauschenbach et.al. (Hrsg.) 1993).

Betrachtet man heute Publikationen jüngeren Datums und nimmt an aktuellen Diskussionen teil, so scheint der Begriff der Lebenswelt sowohl in der Theorie als auch in der Praxis der Sozialarbeit angekommen zu sein. Lassen wir an dieser Stelle einmal die Frage außer Acht, ob mit dem Gebrauch des Begriffes auch tatsächlich eine theoretische und praktische Umorientierung einhergegangen ist, (Krafeld 1998) so lässt sich festhalten: Der Begriff ist in stetigem Gebrauch und scheint allgegenwärtig, ja geradezu selbstverständlich zu sein. Zu selbstverständlich vielleicht – scheint es doch, als sei die folgende polemische Aussage zum Gebrauch des Lebensweltbegriffes im Bereich der Sozialen Arbeit von Fuchs und Halfar leider nicht ganz unbegründet:

"So wurde der Begriff "Lebenswelt" ohne gründlichen Kontakt mit seinem phänomenologischen und sprachanalytischen Kontexten aufgegriffen. Nun liegt er geschunden und abgemagert vor, nur noch tauglich zu suggerieren, man hätte mehr gesagt, wenn man statt vom "Leben" eines Jugendlichen von seiner "Lebenswelt" spricht." (Fuchs, Halfar 2000, S. 56)

Was aber wird hier kritisiert? Was ist denn das "Eigentliche" des "Lebensweltbegriffes", dessen Ignorierung hier vorgeworfen wird?

Die phänomenologischen Wurzeln des Lebensweltbegriffs – Husserl und Schütz

Werfen wir diesbezüglich einmal einen Blick auf die phänomenologischen Wurzeln des Lebensweltbegriffes. Diese Wurzeln liegen bei Husserl, welcher schon 1917 mit dem Begriff der Lebenswelt die Welt der reinen Erfahrung bezeichnet[4]. Dieser "Lebenswelt" kommt für Husserl eine besondere Bedeutung zu, gerade vor dem Hintergrund einer von ihm Mitte der 30er Jahre kritisierten Wissenschaftsentwicklung, die sich s.E. zu dieser Zeit immer mehr vom "Alltagsleben" der Menschen entfernt. (Husserl 1962, 1. Aufl. 1936) Im Besonderen kritisiert er die "Überziehung" des methodischen Objektivitätsideals. Diese Überziehung zeigt sich für ihn darin, dass die europäische Wissenschaft in ihrem Bemühen um Objektivität, ihre wissenschaftlich konstruierten Erkenntnisse von den erkennenden (konstruierenden) Wissenschaftlern (Menschen) loslöst und diesen beziehungslos als tatsächlich objektive Erkenntnis entgegenstellt. Konstruktivistisch formuliert (ohne jetzt Husserl als Konstruktivisten verorten zu wollen) könnte man sagen, er kritisiert die Tendenz der damaligen Wissenschaft, die Bedeutung des Beobachters für das Ergebnis der Beobachtung nicht angemessen zu beachten. Dabei ist für Husserl entscheidend, dass jegliche Wahrnehmung vor dem Hintergrund eines persönlichen Erfahrungshorizontes gemacht wird, und somit das Ergebnis einer Wahrnehmung immer abhängig von der Sozialisation, Kulturation und Personalisation des Wahrnehmenden ist. Diese mit aktuellen konstruktivistischen Überlegungen so gut vereinbare Betonung der subjektiven Perspektive jeglicher Wahrnehmung sucht Husserl nun zu überwinden. Hierzu soll der jeweilige Gegenstand des Interesses zunächst möglichst vorurteilsfrei und offen betrachtet werden, um ihn dann möglichst neutral zu beschreiben. Um den Beobachtungsgegenstand frei von Vorannahmen und Interpretationen beschreiben zu können, soll bei der Betrachtung und Beschreibung auf jegliche Hypothese über dessen Entstehungsgeschichte und Verwendungszweck verzichtet werden. Auf diesem Wege hofft er, das "reine Phänomen" unabhängig von individuellen Vorannahmen und Interpretationen beschreiben zu können. Insofern lässt sich festhalten, dass Husserl zwar die Subjektivität menschlicher Wahrnehmung betont, er aber annimmt, man könne diese zu einer "transzendentalen Intersubjektivität", zu einem "transzendentalen Wir" erweitern.

Mit anderen Worten: Husserl geht davon aus, mit seiner Methode der "phänomenologischen Reduktion"[5] die durch Sozialisation, Kulturation und Personalisation bedingten subjektiven Anteile einer Wahrnehmung reduzieren zu können, um letztlich den intersubjektiv gültigen Wesensgehalt der Phänomene zu erfassen[6]. Der Überlegung, man könne von den grundsätzlich subjektiv geprägten Wahrnehmungen der Menschen zu einer "transzendentalen Intersubjektivität" gelangen, stimmt zunächst auch Schütz zu, der Husserls Phänomenologie der Lebenswelt aufgreifend seine "Soziologie des Alltags"[7] entwickelt. Allerdings verändert Schütz im weiteren Verlauf seine diesbezügliche Position und stellt schließlich Husserls Weg, menschliche Subjektivität zu einem "transzendentalen Wir" zu erweitern, in seiner 1957 erschienen Erörterung "Das Problem der transzendentalen Intersubjektivität bei Husserls" (Schütz 1957) in Frage. Dennoch forscht auch Schütz nach der Möglichkeit intersubjektiver Verständigung – nur geht er hierzu eben einen anderen Weg. Ausgangspunkt ist für ihn die Annahme, dass der Mensch seine Welt im Handeln erfährt und derart über die "Wirkwelt" zu seiner "Lebenswelt" gelangt. Dabei kommt für Schütz der "sozialen Welt" als Rahmenbedingung dieses Handelns eine besondere Bedeutung zu. Die "Lebenswelt" ergibt sich s.E. aus der natürlichen[8] Auseinandersetzung des Menschen mit seiner sozialen Welt. Auch für Schütz ist damit die "Lebenswelt" eines Menschen das Resultat dessen zunächst subjektiver Wahrnehmung seiner Umwelt. Schließlich erfährt der Mensch seine soziale Umwelt im Handeln vor dem Hintergrund seiner bisherigen Erfahrungen. Deswegen ist das Ergebnis dieser Erfahrung durch die bisherige Sozialisation, Kulturation und Personalisation des Erfahrenden geprägt. Da sich der Prozess des "Welt Erfahrens" sowohl unter unterschiedlichen sozialen und materiellen Lebensumständen als auch vor dem Hintergrund unterschiedlicher individueller psychischer und physischer Bedingungen vollzieht, ist anzunehmen, dass sich die Lebenswelten von Menschen unterscheiden. Insofern Schütz als Soziologe den Menschen aber vor allem als ein soziales Wesen im Blick hat, interessiert ihn insbesondere, wie vor dem Hintergrund subjektiver und somit potentiell unterschiedlicher Lebenswelten, ein gesellschaftliches Miteinander erklärt werden kann. Diesbezüglich entwickelt Schütz neben seinen Überlegungen zu den Relevanzsystemen[9] sein Modell der "Typik", welches sich an der Weberschen Konzeption der "Idealtypen" orientiert. (Grathoff 1989, S. 51) Zentral für dieses Modell ist die Annahme, dass der Mensch zwar vor dem Hintergrund seiner individuellen Persönlichkeit seine subjektive Lebenswelt konstruiert, dabei aber auf schon bestehende und sprachlich vermittelte "Typen" zurückgreift. Mit der notwendigen Verkürzung formuliert erklärt Schütz somit intersubjektive Verständigung dadurch, dass Menschen bei der subjektiven Auseinandersetzung mit ihren jeweiligen Rahmenbedingungen auf die gleichen und somit intersubjektiv gültigen "Typen" zurückgreifen. Schütz ist somit zum Erklären menschlichen Miteinanders gar nicht auf Husserls Weg der phänomenologischen Reduktion angewiesen, für ihn ist die "... Lebenswelt von Anfang an nicht meine Privatwelt, sondern intersubjektiv; die Grundstrukturen ihrer Wirklichkeit ist uns gemeinsam" (Schütz, Luckmann 1991, S. 25)

Versuchen wir an dieser Stelle bilanzierend, das für unseren Bereich der Sozialarbeit Wesentliche des phänomenologischen Lebensweltbegriffes auf den Punkt zu bringen, so fällt dies nicht eben leicht. Und es steht zu befürchten, dass diesbezüglich auch eine – an dieser Stelle gar nicht leistbare – tiefergehende Auseinandersetzung mit Husserls Phänomenologie und Schütz‘ Sozialphänomenologie nicht ohne weiteres zu einer unstrittigen Begriffsdefinition führen würde. Gilt doch der Lebensweltbegriff weder bei Husserl noch bei Schütz als unbedingt eindeutig bestimmt[10].

Ein entscheidender Aspekt lässt sich jedoch recht sicher sowohl für Husserls Lebensweltbegriff, als auch für den von Schütz späterer benutzten Begriff der Alltagswelt festhalten: nämlich die Relevanz der subjektiven Perspektive. Natürlich wäre es eine unangemessene Überziehung, Husserl oder Schütz als Konstruktivisten verorten zu wollen. Zum einen haben sie die Wahrnehmungsleistungen des Menschen überhaupt nicht thematisiert. War doch etwa für Schütz die Lebenswelt das, was "... der wache und normale Erwachsene in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet."(Schütz, Luckmann 1991, S. 25) Zum anderen haben ja sowohl Husserls als auch Schütz nach (wenn auch unterschiedlichen)[11] Erklärungen intersubjektiver Verständigung gesucht. Nun ist die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten zwischenmenschlicher Kommunikation ja auch aus einer konstruktivistischen Perspektive heraus notwendig und möglich[12], nur können die von Husserl und Schütz eingeschlagenen Lösungswege aus konstruktivistischer Perspektive nicht ohne weiteres übernommen werden. Denn gerade weil die Wahrnehmungsleistung des Menschen nicht thematisiert wird, müsste aus einer konstruktivistischen Perspektive zunächst gefragt werden, ob denn tatsächlich mittels Husserls Phänomenologischer Reduktion alle sozialisations-, kulturations- und personalisationsbedingten Wahrnehmungsbeeinflussungen derart reduziert werden können, dass schließlich nur noch das "reine Phänomen" in seiner transzendentalen Gültigkeit erfasst werden kann. Ebenso wäre Schütz` Annahme zu hinterfragen, dass alle Menschen bei der Konstruktion ihrer Lebenswelt auf die gleichen "Idealtypen" zurückgreifen. Doch bei allen Unterschieden lässt sich eines festhalten: Der phänomenologische Lebensweltbegriff betont immer auch die Subjektivität der Perspektive. Egal auf welchen Wegen diese Subjektivität zu überwinden versucht wird, so wird doch die Relevanz dieser Subjektivität betont. Denn auch wenn bei Schütz der Mensch seine Lebenswelt "...in der Einstellung des gesunden Menschenverstandes als schlicht gegeben vorfindet", so folgt daraus ja nicht, dass zwei Menschen ohne weiteres die gleiche Lebenswelt vorfinden. Im Gegenteil – da die Lebenswelt ja vor dem Hintergrund bisheriger Erfahrungen und individueller körperlicher wie geistiger Ausstattung erfahren wird, ist es wahrscheinlich, dass aktuell gleiche Rahmenbedingungen unterschiedlich wahrgenommen werden. Mit anderen Worten: Da es unwahrscheinlich (wenn nicht unmöglich) ist, dass sich zwei Menschen hinsichtlich ihrer physischen und psychischen Ausstattung genau gleichen, ist anzunehmen, dass sich die Lebenswelten zweier Menschen auch dann unterscheiden, wenn diese unter den gleichen Umweltbedingungen gebildet werden. Die phänomenologische Orientierung an der Lebenswelt bedeutet also nicht nur die Hinwendung zum Alltag der Menschen und die Beachtung unterschiedlicher Alltagsbedingungen, sondern immer auch die Berücksichtung möglicher Unterschiede in der Wahrnehmung der gleichen Alltagsbedingungen. Diesen auch von Schütz übernommen Aspekt des Lebensweltbegriffs bringt etwa Hitzler wie folgt auf den Punkt:

"'Lebenswelt' im Sinne Edmund Husserls (vgl. 1954, dazu auch Welz 1996) ist bekanntlich ein egologisches Gebilde. In ihren konkreten Ausformungen ist sie in milliardenfacher Vielfalt den jeweiligen Subjekten zugeordnet als deren je einzig wirkliche Welt."(Hitzler 1999, S. 232)

Mit Blick auf die Relevanz "...des phänomenologischen Lebenswelt-Konzeptes für das Betreiben von Soziologie ..." folgert er: "Unser Erleben, und eben nicht ein 'objektiver' Sachverhalt, ist maßgeblich für unsere Situationsdefinition. Anders ausgedrückt: In unserer Alltagswelt gibt es keine 'brute facts', sondern >nur< Bedeutungen."(A.a.O)

Die Subjektivität der Lebenswelt ergibt sich also im doppelten Sinne: Einmal dadurch, dass sich die Lebensbedingungen der Menschen unterscheiden. Zugleich aber auch dadurch, dass sich die Menschen selbst unterscheiden (in ihrer physischen und psychischen Ausstattung). Es unterscheidet sich also zum einen das, was Wahrgenommen wird, zum anderen aber auch, wie etwas wahrgenommen wird.

Zur Verdeutlichung scheint es mir hilfreich, den Begriff der Lebenslage aufzugreifen. Dieser bei Marx entlehnte Begriff wurde zu Zeiten der Weimarer Republik maßgeblich von Neurath (etwa Neurath 1931) und in der Nachkriegszeit vor allem von Weisser (etwa Weisser 1956) in die Sozialwissenschaftliche Diskussion eingeführt. Weisser definierte die Lebenslage eines Menschen als "...den Spielraum, den einem Menschen die äußeren Umstände nachhaltig für die Befriedigung der Interessen bieten, die den Sinn seines Lebens bestimmen". (Weisser 1956: S. 986)

Damit ist dieser Begriff dem der Lebenswelt gar nicht so unähnlich – auch der Lebenslagebegriff betont den Doppelbezug zwischen den jeweils individuellen Lebensbedingungen eines Menschen und dessen subjektiver Perspektive auf diese Lebensbedingungen. Allerdings liegt anders als beim Lebensweltbegriff beim Lebenslagebegriff der Fokus vorrangig auf den "äußeren Umständen", den Rahmenbedingungen, die ein Mensch vorfindet. Hierzu gehören sowohl materielle, als auch immaterielle Gegebenheiten wie etwa das vorhandene Arbeitsverhältnis, die entsprechende Entlohnung, die Verfügungsgewalt über materielle Ressourcen, der Wohnraum, aber auch das direkte familiäre und soziale Umfeld, kurz: die qualitative und quantitative Ausstattung mit Lebensgütern, Lebenschancen und Lebensbedingungen. Dass es hier Unterschiede gibt, ist evident und natürlich unterscheidet sich nicht nur die Lebenslage eines Menschen in einem Villenviertel Hamburgs, von der eines Menschen in einem sozialen Brennpunkt, sondern auch die Lebenslagen innerhalb eines "Milieus" können differenzieren.

Kommen wir zurück zur eingangs formulierten Kritik von Fuchs und Halfar, "... der Begriff "Lebenswelt" (...)" sei "... ohne gründlichen Kontakt mit seinem phänomenologischen und sprachanalytischen Kontexten aufgegriffen" worden und liege nun "... geschunden und abgemagert vor, nur noch tauglich zu suggerieren, man hätte mehr gesagt, wenn man statt vom "Leben" eines Jugendlichen von seiner "Lebenswelt" spricht." Treffend ist diese Kritik insoweit, als teilweise in der sozialarbeiterischen Literatur und im fachlichen Diskurs tatsächlich die hier skizzierte Subjektperspektive des Lebensweltbegriffes übersehen wird und mit dem Begriff der Lebenswelt nur noch die objektiven Lebensbedingungen eines Menschen benannt werden. Besonders problematisch ist dabei nicht nur die – vorsichtig formuliert - begriffshistorische Nachlässigkeit, sondern die damit einhergehende naiv positivistische Annahme, man könne die Lebenswelt des Klientel tatsächlich "objektiv" erkennen und dann den fachlichen Notwendigkeiten (Wünschen) entsprechend gestalten. Allerdings wäre es unangemessen diesen Vorwurf zu verallgemeinern. Denn zum einen wurde von verschiedenen Autoren immer wieder vor allem der Bezug zu den phänomenologischen Wurzeln des Begriffes hergestellt und zum anderen ist gerade die damit einhergehende Subjektperspektive immer wieder im Blick theoretischer Ausführungen. So zeigt sich dieses Verständnis des Lebensweltbegriffes doch auch in Rauschenbachs, Ortmanns und Karstens Einführung zu dem Sammelband "Der sozialpädagogische Blick", mit dem bezeichnenden Untertitel "Lebensweltorientierte Methoden in der Sozialen Arbeit". (Rauschenbach et. al. 1993, S. 9) Auch bei Thierschs prominenter Adaption des Lebensweltbegriffes wird immer wieder auf den subjektiven Charakter der Lebenswelt verwiesen:

"Lebensweltorientierung als Ausgangspunkt Sozialer Arbeit, verweist auf die Notwendigkeit einer konsequenten Orientierung an den Adressat/innen mit ihren spezifischen Selbstdeutungen und Handlungsmustern in den gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen und den sich daraus ergebenden Schwierigkeiten und Optionen. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit agiert im Horizont der radikalen Frage nach dem Sinn und der Effizienz sozialer Hilfen aus der Perspektive ihrer Adressat/innen."(Thiersch, Grundwald 2002, S. 129)

Eine systemisch-konstruktivistische Begriffsbestimmung – mit Blick auf die Soziale Arbeit

Bislang kann festgehalten werden: Der Gebrauch des Lebensweltbegriffes im Diskurs der Sozialarbeit greift ursprünglich durchaus auf dessen phänomenologische Herkunft zurück. Insoweit dies der Fall ist, wird mit dem Begriff der Lebenswelt vorrangig deren subjektiver Charakter betont, zugleich aber auch auf die "objektiven" Rahmenbedingungen dieser Subjektperspektive verwiesen. Umgekehrt werden mit dem teilweise ebenfalls genutzten Lebenslagebegriff zwar vor allem die Rahmenbedingungen eines Menschen benannt, ohne jedoch die Subjektivität der Wahrnehmung dieser Rahmenbedingungen außer Acht zu lassen. Schon alleine in Folge dieser Doppelperspektive (des gleichzeitigen Verweises auf die "objektiven" Rahmenbedingung eines Menschen als auch auf deren "subjektiven" Wahrnehmung) kommt es teilweise zu einer gewissen begrifflichen Unschärfe. Insbesondere wenn innerhalb einer Argumentation nur einer der beiden Aspekte betont wird, besteht zumindest die Gefahr des Missverstehens. Dass sich diese Problem durch die – leider teils recht oberflächliche – Rezeption insbesondere von Sekundärliteratur verschärft, ist evident. Jedenfalls lässt sich im Ergebnis teilweise ein Sprachgebrauch beobachten, welcher geradezu willkürlich die Begriffe der Lebenswelt und der Lebenslage austauscht. Dies führt im Extremfall dazu, dass mit dem Begriff der Lebenswelt nur noch die materiellen Rahmenbedingungen eines Klienten benannt werden. Spätestens ein solcher Begriffsgebrauch ist schlicht unakzeptabel. Und dies nicht nur, da er die phänomenologischen Wurzeln des Begriffes ignoriert, sondern vor allem, da eine derartige begriffliche Beliebigkeit weder der innerdisziplinären Verständigung noch der theoretischen Weiterentwicklung und praktischen Umsetzung der damit verbundenen Ansätze dienlich ist.

Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen begrifflichen Unbestimmtheit halte ich eine klärende Begriffsbestimmung schon aus rein praktischen Gründen der Kommunikation für so angemessen wie notwendig. Hierbei möchte ich jedoch nicht den Begriff in seiner phänomenologischen Bedeutung rekonstruieren, sondern mir vielmehr eine systemisch-konstruktivistische Begriffskonstruktion bzw. Begriffskonkretisierungen erlauben. Nämlich indem ich die Begriffe Lebenswelt und Lebenslage einander gegenüber stelle und deren Bedeutung auf jeweils entgegengesetzte Schwerpunkte hin konzentriere. Derart soll mit Lebenswelt die je subjektiv wahrgenommene Welt eines Menschen bezeichnet werden, hingegen mit Lebenslage dessen "tatsächlichen" Lebensbedingungen. In diesem Sinne lässt sich formulieren, dass der Mensch seine Lebenswelt unter den jeweiligen Bedingungen seiner Lebenslage konstruiert. Konkret gehören zur Lebenslage eines Menschen also dessen materiellen und immateriellen Lebensbedingungen. Hierzu gehören etwa die Arbeitssituation, die Verfügungsgewalt über materielle Ressourcen, der Wohnraum, das soziale Umfeld (Freunde, Feinde, Bekannte, Verwandte, ...), aber auch die eigenen körperliche Verfasstheit (dick-dünn, groß-klein, weiblich-männlich, gesund-krank, ...). Die Lebenswelt hingegen ist das Ergebnis der subjektiven Wahrnehmung der zur Verfügung stehenden Lebenslage. So gehört beispielsweise der Körper eines Menschen ebenso wie der genutzte Wohnraum zu seiner Lebenslage, die subjektive Wahrnehmung dieses Körpers und Wohnraums jedoch zur Lebenswelt. Zur Verdeutlichung scheint mir die im konstruktivistischen Sprachgebrauch immer wieder empfohlene Unterscheidung zwischen "Wirklichkeit" und "Realität" hilfreich. (Vgl. Roth 1985, S. 228-244, 1997, S. 316, Stadler u. Kruse 1986, S. 75-98, Glasersfeld von 1997, S. 47) Als Realität gilt die physikalische Welt, hingegen die subjektive Erlebenswelt als Wirklichkeit. In diesem Verständnis ist die Wirklichkeit das Ergebnis der subjektiv wahrgenommenen Realität. Wesentlich ist, dass dem Menschen ausschließlich seine subjektiv konstruierte Wirklichkeit zugänglich ist, nicht aber die tatsächlich seiende Realität. Die Realität ist dem Menschen nicht direkt, sondern immer nur vermittelt über seine Wahrnehmungsmöglichkeiten zugänglich. Ob nun das Ergebnis dieser Wahrnehmungsprozesse den realen Anlass einer Wahrnehmung tatsächlich abbildet, kann nicht überprüft werden. "Denn hierzu müsste man eine Vorstellung mit der ihr zu Grunde liegenden Realität vergleichen können, was aber praktisch nicht möglich ist, da immer nur Vorstellung mit Vorstellung verglichen werden können."(Kraus 2002, S. 33, Hierzu Glasersfeld von 1996, S. 157ff.) Grundlegend in diesem Zusammenhang ist die konstruktivistische Annahme, Kognition vollziehe sich selbsreferentiell, weshalb dem Menschen nie die Realität, sondern immer nur die eigenen relativ veränderten Bewusstseinszustände zugänglich sind. (Zur Selbstreferentialität menschlicher Kognition: Kraus 2002, S. 48-67) Diese Überlegung bringt etwa Roth folgendermaßen auf den Punkt:

"Das Gehirn kann zwar über seine Sinnesorgane durch die Umwelt erregt werden, diese Erregungen enthalten jedoch keine bedeutungshaften und verläßlichen Informationen über die Umwelt. Vielmehr muß das Gehirn über den Vergleich und die Kombination von sensorischen Elementarereignissen Bedeutung erzeugen und diese Bedeutung anhand interner Kriterien und des Vorwissens überprüfen. Dies sind die Bausteine der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist ein Konstrukt des Gehirns." (Roth 1997, S. 21)[13]

Allerdings ist die Konstruktion der Wirklichkeit keine beliebige Leistung menschlicher Kognition, da diese Konstruktion, nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie der Realität nicht widerspricht. Schließlich muss sich das subjektive Konstrukt Wirklichkeit unter den Bedingungen der Realität bewähren. (Vgl. hierzu von Glasersfelds Überlegungen zur notwendigen "Viabilität" subjektiver Wirklichkeitskonstrukte (etwa: 1996, S. 96-131), pointiert: Kraus 2000, S. 48-51) Daraus folgt natürlich nicht, dass eine funktionierende (viable) Wirklichkeitskonstruktion der Realität entspricht, da die Realität zwar Grenzen der Konstruktionsmöglichkeit setzt, damit aber nicht nur eine einzige Konstruktionsvariante determiniert. Wenden wir diese begriffliche Differenz zwischen Wirklichkeit und Realität auf die Unterscheidung zwischen Lebenswelt und Lebenslage an, so gilt die Lebenswelt als die Wirklichkeit eines Menschen, hingegen die Lebenslage als seine ihn umgebende Realität. Die Lebenswelt eines Menschen korreliert also mit dessen Lebenslage in derselben Weise, wie die Wirklichkeit mit der Realität – das eine ist das unhintergehbar subjektive Konstrukt, das unter den Bedingungen des anderen gebildet wird.

In dem hier vorgeschlagenen systemisch-konstruktivistischen Verständnis können die Begriffe Lebenswelt und Lebenslage also folgendermaßen bestimmt werden:

Durchdenkt man diese Voraussetzungen, muss die Forderung nach der Orientierung an der Lebenswelt des Klientel zunächst recht paradox anmuten, wird damit doch gefordert, man solle sich an der unhintergehbar subjektiven und deshalb nicht direkt zugänglichen Wirklichkeitskonstruktion eines Menschen orientieren. Doch gerade diese Forderung scheint mir für eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeit gewinnbringend. Sehr wohl macht es Sinn, die Lebenslage des Klientels in den Blick zu nehmen. Schließlich konstruieren Menschen ihre Lebenswelt nicht im luftleeren Raum, sondern immer unter den Bedingungen ihrer Lebenslagen. Und gerade auf diese Lebenslage kann ich als Sozialarbeiter gestaltenden Einfluss nehmen (etwa im Sinne der klassischen Netzwerkarbeit mit Blick auf soziale Beziehungen oder schlicht durch das Bereitstellen materieller Ressourcen). Die hier entworfene Lebensweltorientierung fordert also keineswegs das soziale Eingebundensein eines Menschen zu ignorieren. Entscheidend ist aber, dass alle Kenntnis über die Lebenslage eines Menschen keine gesicherten Informationen über dessen Lebenswelt ermöglicht. Selbst wenn ich die Lebenslage eines Menschen detailliert kennen würde,[14] so hätte ich doch keine gesicherten Erkenntnisse über dessen Lebenswelt. Wie soll ich wissen können, wie ein anderer Mensch seinen Körper, seine sozialen Verflechtungen, seinen Wohnraum, kurz seine Lebensbedingungen wahrnimmt? Die Lebenswelt eines Menschen ist in letzter Konsequenz so unhintergehbar wie unerreichbar subjektiv. Deswegen reicht es nicht aus darauf zu achten, unter welchen Rahmenbedingungen ein Mensch lebt, sondern von besonderem Interesse muss die Frage sein, wie ein Mensch diese Rahmenbedingungen wahrnimmt. Um beispielsweise systemisch zu arbeiten, reicht es nicht hin, den Klienten innerhalb seiner sozialen Verflechtungen zu sehen, vielmehr muss man sich von dem Anspruch verabschieden, man könne als außenstehende Fachkraft tatsächlich erkennen, welches Beziehungsgefüge für den Klienten gut oder schlecht sei. Ansonsten läge die Annahme nahe, man könne, gleich einem naiven "Netzwerkmechaniker", diese sozialen Beziehungen eines Menschen bedarfsgerecht "reparieren", "korrigieren" oder "ergänzen". Damit würde aber, einen Begriff von von Foerster aufgreifend, nicht nur der Mensch selbst als eine "Triviale Maschine"(von Foerster 1996, S. 206-208) betrachtet und behandelt, sondern auch dessen gesamtes systemisches Eingebundensein. Eine solche Perspektive würde nicht nur alle konstruktivistischen Annahmen darüber, wie Menschen ihre Lebenswelt/Wirklichkeit konstruieren, ignorieren, sondern gleichfalls ein Systemverständnis bemühen, welches einer seit Anfang der 70er überwundenen "Kybernetik erster Ordnung"(vgl. Kraus 2002, S. 46-48) entspricht.

Kurz und Gut: Es ist systemisch-konstruktivistisch betrachtet angebracht und sinnvoll, den Lebensbedingungen (Lebenslagen) eines Menschen Beachtung zu schenken, sind diese doch die Rahmenbedingungen dessen Lebenswelt. Doch abgesehen davon, dass selbst die Lebenslage eines Menschen nicht objektiv erfasst werden kann, ermöglichen selbst die differenziertesten Kenntnisse der Lebenslage eines Menschen keine gesicherten Informationen über dessen Lebenswelt. Die Lebenswelt eines Menschen ist dessen individuelle Wirklichkeitskonstruktion, dessen subjektive Sicht seiner Lebenslage. Lebensweltliche Orientierung meint demnach vor allem die Orientierung an eben dieser Subjektivität. Die geforderte Lebensweltorientierung bedeutet also gerade nicht, dass man die Lebenswelt eines anderen Menschen tatsächlich erfassen kann, sondern vielmehr, dass man der grundsätzlichen Subjektivität der Lebenswelt Rechnung trägt.


Anmerkungen:

[1] Zum Verhältnis von "Postmoderne" und Sozialer Arbeit vgl. Kleve 2000, 2003.

[2] Etwa unter Rückgriff auf Schütz 1974, Schütz; Luckmann 1991 Vol. 1-2 (1. Auflage 1975 u. 1984).

[3] Etwa Lenzen 1980; Zur schon damals inflationären Verwendung des Lebensweltbegriffes innerhalb der Humanwissenschaften vgl. Bergmann 1981, Buchholz 1984.

[4] Vgl. Iribarne 1994; die Diskussion, "...dass der Begriff der alltäglichen Lebenswelt, wie ihn die Sozialwissenschaften verwenden, nicht direkt auf Husserl selbst zurück geht, sondern auf die existentiale Analytik seines abtrünnigen Musterschülers Heidegger" (Sommer 1980, S. 42), sei an dieser Stelle ausgeklammert, da innerhalb der Sozialarbeit vorrangig auf Schützes Lebenwelt- und Alltagsweltbegriff zurückgegriffen wird.

[5] Die Methode der "phänomenologischen Reduktion" gliedert sich in zwei Stufen - in der ersten Stufe der "eidetischen Reduktion" soll die Wesensstruktur eines Phänomens bestimmt werden, um in der zweiten Stufe der "transzendentalen Reduktion" dem objektiven Bewusstseinsinhalt des Phänomens nachzuspüren.

[6] Allerdings wäre es mehr als unangemessen, Husserl diesbezüglich einen naiven Positivismus zu unterstellen – schließlich erhebt er nicht den Anspruch, dass der "intersubjektive Wesensgehalt" der Phänomene die physikalische Realität abbilde.

[7] Schütz greift zunächst den Begriff der "Lebenswelt" auf, wechselt dann aber zum Begriff der "Alltagswelt". Ohne das Verhältnis dieser Begriffe an dieser Stelle aufarbeiten zu können, sei darauf verwiesen, dass gerade Thiersch als ein prominenter Vertreter einer Lebensweltorientierten Sozialarbeit die Begriffe Lebenswelt und Alltagswelt ausdrücklich synonym gebraucht (Thiersch, Grundwald 2002, S. 128).

[8] Die natürlichen Einstellungen des Menschen werden im phänomenologischen Diskurs auch als "mundane" Einstellungen bezeichnet. Diesen Begriff benutzt schon Husserl, um zwischen den "mundanen" (natürlichen) und den "transzendentalen" Einstellungen eines Menschen zu unterscheiden, wobei letztere die Reflexion der Leistungen des eigenen Bewusstseins bezeichnet (vgl. Husserl, 1962, S. 259).

[9] Schütz 1982 – Thematische Relevanz, Auslegungsrelevanz und Motivationsrelevanz.

[10] Vgl. von Felten 2000, S. 75, zur Uneindeutigkeit des Lebensweltbegriffes bei Husserl: Bergmann 1981, S. 50ff. oder Welter 1986, S.77, zur Uneindeutigkeit des Lebensweltbegriffes bei Schütz: A.a.O, S. 170.

[11] Ob sich jedoch die Positionen von Husserls und Schütz tatsächlich derart unterscheiden, wie dies noch 1957 mit dem erscheinen der Schützschen Kritik an Husserls Idee transzendentaler Intersubjektivität erscheint, muss wohl spätestens seit Husserls 1973 veröffentlichten Nachlassmanuskript zur Intersubjektivität überdacht werden (vgl. Iribarne 1994, S. 18ff).

[12] Zu systemisch-konstruktivistischen Überlegungen zur Kommunikation vgl. Kraus 2002 insb. S. 86-145.

[13] Auch wenn mit dem Versuch konstruktivistische Positionen neurobiologisch zu begründen die Gefahr eines biologischen Reduktionismus sowie die Gefahr "naturalistischer" Fehlschlüsse verbunden ist, so lässt sich doch festhalten, dass einige "Ergebnisse" neurobiologischer Forschung mit dem radikalkonstruktivistischen Postulat der operationalen Geschlossenheit menschlicher Kognition vereinbar sind.

[14] ..., was schon alleine unwahrscheinlich ist, da mir ja die Lebenslage eines anderen Menschen nicht direkt, sondern auch nur durch den Filter meiner eigenen Wahrnehmungsbedingungen zugänglich ist.


Literaturliste:

Bergmann 1981: Lebenswelt, Lebenswelt des Alltags oder Alltagswelt? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (1/33), S. 50-72.

Buchholz 1984: Lebensweltanalyse. Sozialpsychologische Beiträge zur Untersuchung von krisenhaften Prozessen in der Familie, München. Profil.

BMfJFG 1990 (Hrsg.): Achter Jugendbericht. Bericht über Bestrebungen und Leistungen der Jugendhilfe. Bonn.

Felten von 2000: "... aber das ist noch lange nicht Gewalt". Empirische Studie zur Wahrnehmung von Gewalt bei Jugendlichen. Oplanden: Leske + Budrich.

Foerster von 1996: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt/M.: Suhrkamp (3. Auflage).

Fuchs; Halfar 2000: Soziale Arbeit als System. Zur verzögerten Ankunft des Systembegriffs in der Sozialen Arbeit. Blätter der Wohlfahrtspfelge 3+4/2000, S. 56-58.

Grathoff 1989: Milieu und Lebenswelt. Einführung in die phänomenologische Soziologie und die sozialphänomenologische Forschung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Glasersfeld von 1996: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Glasersfeld von 1997: Wege des Wissens: konstruktivistische Erkundungen durch unser Denken. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.

Kleve 2000: Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften. Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit. Freiburg/Br.: Lambertus.

Kleve 2003: Postmodernes Wissen für die Soziale Arbeit. Soziale Arbeit im Lichte der Postmoderne Jean-Francois Lyotards. In: Das gepfefferte Ferkel. Onlinejournal für systemisches Denken und Handeln. Aachen Januar 2003.

Krafeld 1998: Lebensweltorientierte Jugendarbeit und Akzeptanz. Grundzüge und Methoden des Konzeptes der "Akzeptierenden Jugendarbeit". In: Kiesel; Scherr; Thole 1998 (Hrsg.): Standortbestimmung Jugendarbeit. Theoretische Orientierung und empirische Befunde. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag, S. 65-78.

Kraus 2000: "Lebensweltliche Orientierung" statt "instruktive Interaktion". Eine Einführung in den Radikalen Konstruktivismus in seiner Bedeutung für die Soziale Arbeit und Pädagogik. Reihe Forschung & Lernen. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung.

Kraus 2002: Konstruktivismus – Kommunikation – Soziale Arbeit. Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses. Heidelberg: Verlag für Systemische Forschung im Carl-Auer-Systeme Verlag.

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Veröffentlichungsdatum: 12. Dezember 2004


Der Autor:

Dr. phil. Björn Kraus

  • Diplom-Sozialpädagoge (FH),

  • Systemischer Therapeut und Berater (SG),

  • Erfahrung in offener Jugendarbeit, stationärer Jugendhilfe und in Forschungsprojekten der Sozialen Arbeit,

  • Promotion an der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Dr. phil.),

  • gegenwärtig Leiter des Kinder- und Jugendbüros des Stadtjugendamts Kaiserslautern,

  • Leiter eines dreisemestrigen "Fortbildungskurs zur Theorie und Methodik systemischer Therapie und Beratung für die Praxis Sozialer Arbeit" am Fortbildungsinstitut (IWBF) der Evang. Fachhochschule Ludwigshafen,

  • Freiberuflich tätig als systemischer Berater und Supervisor in eigener Praxis,

Buchveröffentlichungen:

"Lebensweltliche Orientierung" statt "instruktive Interaktion". Eine Einführung in den Radikalen Konstruktivismus in seiner Bedeutung für die Soziale Arbeit und Pädagogik. Berlin 2000 (Reihe Forschung & Lernen), Verlag für Wissenschaft und Bildung.

Konstruktivismus - Kommunikation - Soziale Arbeit. Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses. Heidelberg 2002: Verlag für Systemische Forschung im Carl-Auer-Systeme Verlag.

eMail: bjoernkraus@t-online.de


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