"Stadtteilorientierte Sozialarbeit als konstruktivistische Praxis"*

von Oliver Krings (Juli 2002)


* Es handelt sich bei diesem Beitrag um eine Zusammenfassung der Diplomarbeit: "Stadtteilorientierte Sozialarbeit im Kontext konstruktivistischer Erkenntnistheorie. – Eine Herausforderung zukünftiger Sozialer Arbeit.", die 2002 an der Katholischen Fachhochschule NW, Abteilung Aachen vorgelegt worden ist.


Dieser Aufsatz befasst sich mit der praktischen Anwendungsmöglichkeit des Konstruktivismus im Rahmen der Gemeinwesenarbeit (GWA) und insbesondere der stadtteil- und lebensweltorientierten Sozialarbeit.

Im ersten Teil wird die Weiterentwicklung der GWA hin zur Stadtteilorientierung kurz skizziert und die Prinzipien stadtteilorientierter Sozialarbeit erläutert. Im Anschluss daran ist es Ziel die Erkenntnistheorie Konstruktivismus und die stadtteil- und lebensweltorientierte Sozialarbeit zu verknüpfen, sowie den Stadtteil als komplexes Wirklichkeitssystem zu definieren.

Der zweite Teil zeigt verschiedene Voraussetzungen auf, die professionelle Akteure benötigen um in dem Wirklichkeitssystem Stadtteil perturbierend tätig werden zu können. Ebenso wird eine mögliche Auswahl konstruktivistischer Perturbationen dargestellt.

Abschließend beschäftigt sich der dritte Teil dieses Aufsatzes mit den Grenzerfahrungen professioneller Akteure durch den Konstruktivismus und den ethischen Schlussfolgerungen die sich aus dieser Theorie ergeben.

Die Begriffe "professioneller Akteur" und "indirekter Kunde" werden an dieser Stelle definiert, um ein einheitliches Verständnis zu erreichen.

Vorbemerkungen

1. Anstelle der Berufsbezeichnungen Diplom Sozialpädagoge/Diplom Sozialarbeiter verwende ich den Begriff "professioneller Akteur", um zu verdeutlichen, dass diese zwar Experten bzw. Profis ihres Faches, ihrer Profession sind, jedoch nicht Experten des Alltages, insbesondere nicht bezogen auf den Alltag und das Lebensumfeld anderer Menschen. Darüber hinaus drückt diese Bezeichnung aus, dass Diplom Sozialpädagogen und Diplom Sozialarbeiter in ihrem Handeln aktiv agieren sowie Akteure und Konstrukteure ihrer handlungsleitenden Wirklichkeiten sind, ohne einen Wahrheitsanspruch zu besitzen.

2. Den geläufigen Begriff des Klienten als Bezeichnung der unterstützung-, begleitung- und hilfesuchender Personen, also der Zielgruppe Sozialer Arbeit möchte ich aus einer konstruktivistischen Sichtweise heraus in dieser Arbeit nicht verwenden, da er mir unpassend erscheint. Der Begriff Klient stammt von dem lateinischen Wort cliens ab und bedeutet der Hörige, der Schutzbefohlene (vgl. Brockhaus 1990: 83). Solch eine Bedeutung trägt jedoch nicht dazu bei, jeden Menschen als autonom und selbstverantwortlich wertzuschätzen (vgl. Kleve 1996: 148). In Anlehnung an Kleve (ebd.) erscheint es mir brauchbarer, statt dessen den Begriff des Kunden zu verwenden. Kunde, von dem althochdeutschen Wort kundo: der Kundige, der Eingeweihte abstammend, meint einen potentiellen Käufer von Waren oder Dienstleistungen (vgl. Brockhaus 1990: 596). In dieser Bezeichnung werden die Aspekte der Autonomie und der Eigenverantwortlichkeit einer Person berücksichtigt, da ein Kunde selbst bestimmt, was er wie intensiv in Anspruch nimmt und wie er das in Anspruch genommene verarbeitet (vgl. Kleve 1996: 148). Ergänzend zu Kleve möchte ich den Begriff des Kunden durch den Zusatz – indirekt – ergänzen. Die Bezeichnung "indirekter Kunde" ist in meinen Augen treffender, da ein Kunde für den Erhalt der Ware bzw. für eine Dienstleistung im Gegenzug eine Geldleistung (oder Sachleistung) erbringt. Die Bezeichnung indirekter Kunde verdeutlicht den Sachverhalt, dass der Kunde autonom und eigenverantwortlich über die in Anspruchnahme einer Dienstleistung entscheidet, jedoch im Gegenzug diese nicht direkt in Form z. B. einer Geldleistung begleicht (ausgenommen sind jedoch die professionellen Akteure, die freiberuflich tätig sind und z. B. vom Kunden in Form von vorher vereinbarten Honoraren für ihre Dienstleistung bezahlt werden). Wenn also in diesem Aufsatz von Kunden die Rede ist, so ist von dem postulierten Verständnis des indirekten Kunden auszugehen.

Beide Begrifflichkeiten, "professioneller Akteur" und "indirekter Kunde", tragen m. E. zur Konstruktion einer adäquaten Sozialarbeit bei.

1. Teil

1. Entwicklung der GWA hin zur Stadtteilorientierung

Die Absicht der GWA als dritte Methode der Sozialarbeit bestand ursprünglich darin, die traditionelle Soziale Arbeit zu ergänzen, qualitativ und quantitativ zu verbessern und zu einer Professionalisierung Sozialer Arbeit beizutragen. (vgl. Hinte; Karas 1989: 12) So kennzeichnen einerseits die Ausrichtung auf ein soziales Netzwerk, die Betrachtung von Schwierigkeiten der Kunden aus einem gesellschaftlichen Blickwinkel heraus und die Anwendung und Verknüpfung vielfältiger Methoden, nicht nur aus der Sozialarbeit und andererseits Aspekte wie Koordination, Kooperation und Vernetzung, sowie die Aktivierung der Eigeninitiative und Stärkung der Ressourcen und das Wahrnehmen der Kunden als Experten ihres Lebensumfeldes diese Methode. (vgl. Oelschlägel 1983: 174f.; Galuske 1999: 91-93) Kritisch anzumerken ist jedoch das Methodenverständnis, nach welchem "... der Gemeinwesenarbeiter nur die richtigen Techniken zur richtigen Zeit einsetzen muss, um die im Konzept erwünschten Ziele zu erreichen" (Hinte; Karas 1989: 29). Anders ausgedrückt bestand die Absicht darin, Menschen und ganze Gemeinwesen den Vorstellungen der GWA anzupassen. Nichts desto trotz stellen die einzelnen Elemente und Prinzipien der GWA wichtige Aspekte heutiger Sozialer Arbeit dar. Das "Arbeitsprinzip GWA" dessen Fokus darin besteht, grundlegende Perspektiven, Orientierungen, Haltungen und Sichtweisen professionellen Handelns im Kontext der Herausforderungen Sozialer Arbeit anzubieten sei hier als Stichwort genannt. (vgl. Oelschlägel 1983: 179; Galuske 1999: 100)

Jedoch vor dem Hintergrund, dass es nicht die Intention der Sozialarbeit sein kann, dass professionelle Akteure und Institutionen in das Verhalten von Menschen nach ihren Vorstellungen und Maßstäben eingreifen und es verändern, geht es statt dessen, "... um kontaktreiche Hilfestellung in Notlagen, um lebensweltbezogene Organisation von Kundeninteressen und respektvolle Stärkung von Selbsthilfekräften" (Hinte 1985: 31).

Der Ansatz stadtteilorientierter und lebensweltorientierter Sozialarbeit, als Weiterentwicklung des "Arbeitsprinzips GWA", ermöglicht eine weitäsgehend unvoreingenommene Betrachtung der Lebenswirklichkeiten und vermeidet einen Anspruch der Verhaltensänderung an die Menschen, also Anpassung der Menschen, seitens der professionellen Akteure. Somit werden im Hinblick auf die im "Stadtteil" lebenden Menschen und existierenden Netzwerke keine Zieldefinitionen vorgenommen. Ziel ist es, inhaltlich sinnvolle, handhabbare und nachvollziehbare Ideen und Herausforderungen zu entwickeln, aufzuzeigen und darüber hinaus in die Institutionen Sozialer Arbeit zu transportieren. Der benannte Rahmen Stadtteil beschreibt hierbei nur die Lebenswelt, in welcher die Sozialarbeit angesiedelt ist.

Aufbauend auf die langjährigen Erfahrungen der GWA bietet dieser Ansatz also Perspektiven für Neuorientierungen in den Arbeits- und Handlungsfeldern der Sozialarbeit an (vgl. Hinte; Karas 1989: 33; Hinte 1985: 33).

2. Prinzipien stadtteilorientierter Sozialarbeit

Die einzelnen Prinzipien stadtteil- und lebensweltorientierter Sozialarbeit in Anlehnung an Hinte; Karas (1989: 34-35) schreiben keine konkrete Arbeitsweise oder bestimmte Methoden vor. Sie bilden lediglich den Rahmen stadtteilorientierter Sozialarbeit. Dies bedeutet die Möglichkeit ganzheitlicher Betrachtung Sozialer Arbeit, sowie im Sinne und zu Gunsten der Menschen, als Maxime Sozialer Arbeit, Effizienz und Effektivität zu verwirklichen. Die professionellen Akteure müssen somit Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.

Orientierung an den Bedürfnissen und Interessen der in der Straße/dem Stadtteil wohnenden und teilhabenden Bevölkerung bedeutet, dass seitens der vor Ort tätigen professionellen Akteure keine Inhalte und Aufgaben in der Arbeit vorbestimmt und vordefiniert werden. Diese Sichtweise erfordert eine Bedürfnisermittlung darüber, was die Bewohner interessiert, wo sie bereit sind sich in Form eigener Ressourcen und Fähigkeiten einzubringen oder in welchem Bereich sie externe Hilfsquellen benötigen. Daraus ergibt sich, dass einzelne Maßnahmen und Projekte sich immer an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen orientieren. Sie setzen also bei den subjektiven Befindlichkeiten der Bürger im Stadtteil an und werden auch gemeinsam mit diesen in ihrem Lebensumfeld entwickelt und durchgeführt. Diese Herangehensweise stellt an die professionellen Akteure den Anspruch aufzugeben, zu wissen, was für die Menschen gut oder schlecht, richtig oder falsch ist. Anstelle methodisch sauberer Erziehungsversuche gilt es, die Bewohner als Experten ihres Lebens und Lebensumfeldes wahrzunehmen, anzunehmen, zu respektieren, zu behandeln und wertzuschätzen. Anders ausgedrückt handelt es sich um einen nicht-intentionalen Kontakt der professionellen Akteure zu den Menschen. Darin wird die Bereitschaft ausgedrückt, zunächst nur zuhören zu können, ohne dabei zu wissen, was für die Menschen richtig ist und ohne bereits das Ziel für die Zukunft festgelegt zu haben.

Das Erschließen, Einfordern und Nutzen der vor Ort vorhandenen Ressourcen, Kompetenzen und Fähigkeiten als Prinzip stadtteilorientierter Sozialarbeit zielt darauf ab, in der Verwirklichung einzelner Maßnahmen und Projekte die vorhandenen (evtl. brachliegenden) Ressourcen, Kompetenzen und Fähigkeiten zu erschließen und einzufordern, um sie in möglichst großem Maße für die Arbeit und dem Bedarf entsprechend nutzbar zu machen. Hierbei kann es sich um berufliche, soziale, politische und wirtschaftliche Kompetenzen und Fähigkeiten der einzelnen Menschen und um Ressourcen des Stadtteils, wie z.B. Grünflächen, Räumlichkeiten etc. handeln. Diese können im Interesse der Bewohner mit kommunalen und privaten Dienstleistungen vernetzt und ergänzt werden.

Ziel der stadtteilorientierten Sozialarbeit ist die Stärkung der Eigeninitiative und der Selbsthilfekräfte, sowie die Übernahme von Verantwortung für den eigenen Lebensraum zu fördern, zu unterstützen und in den Vordergrund zu stellen. Einzelne Menschen und Gruppen, sowie Maßnahmen und Projekte werden angeregt und begleitet, jedoch nicht geleitet oder im Sinne von Vor- und Zieldefinitionen bestimmt. Sollten allerdings Eigeninitiative und Selbsthilfekräfte versiegen oder strukturelle und konzeptionelle Grenzen erreicht werden, besteht die Aufgabe der professionellen Akteure darin, die Arbeit aufzufangen und neue Anregungen und Anreize zu bewirken.

Wie der Begriff stadtteilorientierte Sozialarbeit bereits aussagt, wird durch die zielgruppenübergreifende Arbeit der gesamte Stadtteil bzw. die gesamte Straße in den Blick genommen. Die Aufmerksamkeit richtet sich vornehmlich auf das ganze System und das Zusammenwirken, die Zusammenhänge und Anknüpfungspunkte der einzelnen unterschiedlichen Teilbereiche, um gemeinsame Projekte zu verwirklichen und Aufgaben und Herausforderungen zu bewältigen. Aktivitäten einzelner Zielgruppen werden immer im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten und Aktivitäten im gesamten Stadtteil gesehen.

Die Organisation von Netzwerkarbeit in Form von Kooperationen und Koordination verschiedener (im Lebensumfeld tätiger) Träger sozialer Dienste und anderer Organisationen, Institutionen, Ämter und Firmen etc. stellt ein zentrales Element der Prinzipien stadtteilorientierter Sozialarbeit dar. Im Interesse der einzelnen Menschen und Gruppen ist es Aufgabe und Ziel der professionellen Akteure, solche Netzwerkarbeit zu installieren. Diese bürgergetragenen sozialen Netzwerke bieten die Möglichkeit, die Tätigkeiten verschiedener Dienstleister im gleichen Stadtteil untereinander abzusprechen und somit effektiver und effizienter zu gestalten. Die Entwicklung und Durchführung einzelner Ideen und Projekte sind leichter umzusetzen und Veränderungen in Bezug auf politische Entscheidungen im Sinne der Bürger können wirkungsvoller angestrebt werden. Ängste der professionellen Akteure, die eigene Macht und Kompetenz zu verlieren, können die Verwirklichung dieser Netzwerkarbeit beeinträchtigen und diese notwendige Form der Professionalisierung Sozialer Arbeit hemmen.

3. Stadtteilorientierte Sozialarbeit im Kontext des systemischen Konstruktivismus. – Verknüpfung und Definitionsversuch

Anknüpfend an die theoretischen Aspekte des Konstruktivismus (Autopoiese, Komplexität, Kontingenz, Selbstreferenz und operationale Geschlossenheit ...) lässt sich m. E. das Arbeitsfeld Stadtteil der professionellen Akteure im Rahmen stadtteilorientierter und lebensweltorientierter Sozialarbeit als komplexes Wirklichkeitssystem, dass durch die einzelnen autopoietischen, selbstreferentiellen und operativ geschlossenen Organisationsformen in Form der strukturellen Kopplung ein Netzwerk ausbildet, charakterisieren bzw. konstruktivistisch ausgedrückt konstruieren.

Dieses Verständnis, den Wirkungsplatz der stadtteilorientierten Sozialarbeit als Wirklichkeitssystem wahrzunehmen bzw. zu konstruieren vorausgesetzt, bedeutet das es sich um einen Systemkomplex handelt. Ein Systemkomplex bestehend aus zahlreichen und vielfältigen Elementen, Netzwerken und insbesondere autopoietischen, selbstreferentiellen und operativ geschlossenen Organisationsstrukturen. Beispielsweise die Bewohner, Jugendgruppen, andere Institutionen und auch der professionelle Akteur. Diese Elemente und Merkmale gilt es als zirkulär vernetzt und verknüpft zu betrachten.

Somit lässt sich ein Stadtteil als komplexes Wirklichkeitssystem definieren da Systeme aus der Verknüpfung (Netzwerk) verschiedener Elemente bestehen und dadurch eine beobachterabhängige Grenze zur Umwelt ausbilden. Nach Noack (1999: 25) findet in dem System Stadtteil eine mehrdimensionale Vernetzung unterschiedlicher Systemebenen statt. Hierbei handelt es sich um Mikro-, Meso- und Makronetze (Wendt 1990: 93-96) die ein Verbundsystem, nämlich den Stadtteil aufbauen.

Das System Stadtteil entsteht demnach durch die Vernetzung der einzelnen autopoietischen Systeme der unterschiedlichen Systemebenen. Daraus folgt, dass die komplexe Netzwerkstruktur eines Stadtteils autopoietisch ist und durch die Eigenschaft der Selbstreferentialität in der Lage ist eine eigene Identität auszubilden und sich darüber hinaus an Sinn orientiert. M. a. W. handelt es sich um "... ein lebendiges Netzwerk und System ... (das) sich unvorhersehbar und unplanbar verändert, sich selbst gestaltet und wächst" (Noack 1999: 52). Somit lässt sich das System Stadtteil als nicht-Trivial, als eine Black box charakterisieren, die nicht steuerbar oder gar manipulierbar wäre. Das Bedeutet, dass ein Stadtteil in meinen Augen als komplexes Wirklichkeitssystem, das auf der Grundlage des Konstruktivismus durch Beobachtersysteme konstruiert wird, definiert werden kann.

Folglich ist es professionellen Akteuren im Rahmen des Ansatzes (und generell) stadtteilorientierter Sozialarbeit nur möglich in Form von Perturbationen, Irritationen und Anreizen zu handeln.

2. Teil

Nun stellt sich also die Frage, was muss ein professioneller Akteur leisten, wie muss er agieren, um das komplexe Wirklichkeitssystem Stadtteil zu perturbieren? Gerade die Konstruktion eines Nicht-Trivialen Systems impliziert, dass das System durch seine Umwelt nicht beeinflussbar, sondern höchstens irritierbar ist und mögliche Anreize selbstreferentiell verarbeitet werden.

1. Voraussetzungen

Nach Kersting (1991: 108-114) gilt es für professionelle Akteure, sechs Voraussetzungen zu genügen.

  1. Der professionelle Akteur muss kommunizieren, wobei ein soziales System entsteht, dass sich an Sinn orientiert. Ebenso ist der professionelle Akteur davon abhängig inwiefern seine Kommunikationsleistung zu Anschlussprozessen bei der Black Box, dem perturbierten System führt. Demnach "... hängt der Effekt einer Intervention (nicht) von der Intention, der Absicht, der Zielsetzung des Beeinflussers ab, sondern von den Strukturen, Ordnungsvorgaben, den Regeln, zusammengefasst: von der Selbststeuerung des Systems, das Adressat der Intervention ist" (ebd.: 110).

  2. Professionelle Akteure sind gehalten, sich zu ihren Perturbationen herausfordern zu lassen. Gemeint ist eine Aufforderung und auch Zulassung der Irritation des Professionellen, da ohne Anerkennung und Akzeptanz die Anreize nicht zu Anschlussreaktionen führen würden. Daraus ergibt sich, dass die Rollenverteilung geklärt sein muss, bevor Perturbationen wirken können. Perturbierte und Perturbierende bedingen sich gegenseitig. Ziel und Sinn dieses Perturbationssystems ist es, sich von unbrauchbaren Selbstdeutungen zu distanzieren und neue Sichtweisen und Wirklichkeitskonstruktionen zu ermöglichen. (vgl. ebd.: 113)

  3. Weiterhin sind die professionellen Akteure auf die Hoffnung angewiesen, dass ihre Perturbationen brauchbar sind. Brauchbar für das System, an das die Irritation gerichtet ist. Die Entscheidung bzw. Unterscheidung über die Brauchbarkeit oder Nicht-Brauchbarkeit wird durch das irritierte System selbstreferentiell getroffen. (vgl. ebd.: 111f.)

  4. Professionelle Akteure müssen dazu in der Lage sein, die Eigenleistung des Systems zuzulassen und einzufordern. Ist das nicht der Fall, wäre es nicht möglich Sinn und Ziel des Perturbationssystems aufrechtzuerhalten. (vgl. ebd.: 112)

  5. Professionelle Akteure sollten von ihren eigenen Irritationen und Wirklichkeitskonstruktionen überzeugt sein, da sie sich am gemeinsamen Sinn des Perturbationssystems orientieren und Bestätigung für das eigene Handeln benötigen. Dies bedeutet in der Folge für das eigene Handeln verantwortlich zu sein. (vgl. ebd.: 112f.)

  6. Abschließend ist zu sagen, dass seine Handlungen die Beziehung des professionellen Akteurs zu seinen Kunden auf eine bestimmte Art und Weise kennzeichnen. Nach Kersting (1991: 114) lieben professionelle Akteure ihre Kunden, da sonst Empathie und Kooperation zu und mit ihnen nicht möglich wäre. Statt dessen würde es sich dann bei einer Perturbation um einen Gewaltakt, ein Machtspiel, eine Manipulation oder gar eine Vergewaltigung handeln. In meinen Augen, handelt es sich hierbei nicht um Liebe, sondern um eine besondere Form der Zuneigung seitens der Professionellen zu den Kunden. Diese Zuneigung existiert m. E. jedoch auch umgekehrt (s. zweitens). Diese bestimmte Zuneigungsform ergibt sich schon durch die Tatsache, dass der Perturbateur das Brauchbarste für seine Kunden anstrebt, jedoch nicht wissen kann, was objektiv das Brauchbarste für sie ist.

2. Konstruktivistische Perturbationen - eine Auswahl

Im Anschluss an diese Voraussetzungen werde ich nun einige Methoden darstellen, die in meinen Augen eminent konstruktivistisch sind und ein brauchbares perturbieren von Wirklichkeitskonstruktionen im Realitätsalltag der Kunden ermöglichen.

3. Teil

1. Grenzerfahrungen professioneller Akteure durch den Konstruktivismus

Eine Grenzerfahrung oder brauchbarer formuliert eine Falle konstruktivistischer Perturbationen ist sicherlich das Phänomen der Selbsterfüllenden Prophezeiung. "Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ist eine Annahme oder Voraussage, die rein aus der Tatsache heraus, dass sie gemacht wurde, das angenommene, erwartete oder vorhergesagte Ereignis zur Wirklichkeit werden lässt und so ihre eigene Richtigkeit bestätigt" (Watzlawick 2001: 91). Es muss dabei in der Gegenwart an etwas geglaubt werden, dass erst in der Zukunft eintritt – oder auch nicht!

Ein professioneller Akteur erschafft (konstruiert) eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, indem er vom Kundensystem eine bestimmte Verhaltensweise erwartet, das sich letztlich auch den Erwartungen gemäß verhält. Aus diesem Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung heraus ergibt sich, dass Wirklichkeitskonstruktionen der professionellen Akteure z. B. in Form von Vorurteilen/Vordefinitionen über die Kunden/den Stadtteil (die Leute sind ja eh alle dumm) die Auswirkungen ihrer Perturbationen unbrauchbar beeinträchtigen können (vgl. Kersting 1992: 49), indem professionelle Akteure den Kunden ihre Verhaltensweisen und Lösungen anbieten und sie auf diese verpflichten.

Insgesamt betrachtet liegt die Grenze des Konstruktivismus darin, dass er auch und gerade die eigenen Grenzerfahrungen der professionellen Akteure herbeiführt. Grenzen im Hinblick auf eigene Möglichkeiten und Handlungen nämlich, dass sie mit ihren Handlungen lediglich irritieren und perturbieren können. Aufgrund dieser Tatsache wird durch die Kunden bzw. durch das perturbierte System dem professionellen Akteur gegenüber eine Wirkungsgrenze aufgebaut. Professionelle Akteure unterliegen genau wie jeder andere Mensch auch den Phänomenen der Komplexität, Kontingenz, den Aspekten der Autopoiesis, Selbstreferenz und operationalen Geschlossenheit und erfahren dadurch die Pluralität der Sichtweisen, sowie genauso wenig wie jeder andere im Besitz eines Wahrheitsanspruches sein zu können. Es besteht also kein Anspruch auf den Besitz allgemeingültiger und bindender Normen und Werte. Letztendlich geht es darum, dass der Konstruktivismus in diesem Sinne eine Perturbation darstellt, die zu der Unterscheidung bzw. Erkenntnis im professionellen Akteurssystem führt, dass die eigenen Unterscheidungen, Wirklichkeitskonstruktionen und Sichtweisen oder Komplexitätsreduktionen genauso wahr/unwahr und richtig/falsch sind wie die der Kunden. M. a. W. wird die Relativität der professionellen Akteure und ihres Handelns in folgender Frage deutlich: Warum, wieso, weshalb sie genau diese Wirklichkeitskonstruktion oder Perturbation ausgewählt haben und nicht eine andere Mögliche?!

Ein Punkt sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass irgendwann auch die Konstruktion von brauchbaren Wirklichkeiten endet. Hier gilt es dann sich die Frage zu stellen, wie gehe ich mit dieser Grenze und mit den oben beschriebenen um. Diesbezüglich brauchbare Möglichkeiten sind sicherlich die verschiedenen Reflexionsmöglichkeiten auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden kann. (s. hierzu Kleve 1997)

h4> 2. Ethische Schlussfolgerungen

Aus der Tatsache heraus, dass es keine erkennbare Objektivität über unsere Erkenntnis gibt sondern es sich bei den vermeintlichen Wirklichkeiten um subjektive Konstruktionen einzelner Beobachtersysteme handelt die nicht besser oder schlechter, richtiger oder falscher sind als die anderer (vgl. Watzlawick 1995: 11) und Konstruktionen lediglich im Rahmen eines bestimmten Kontextes mehr oder weniger brauchbar sein können folgt eine "Ethik der Verantwortung" (Kleve 1996: 68).

Hiermit gemeint ist eine Verantwortlichkeit für die eigenen Wirklichkeitskonstruktionen und entstehenden sozialen Systeme (zwischenmenschliche Beziehungen), wobei die eigene Ethik allerdings nicht als die einzig wahre angesehen werden kann, dadurch aber jeder Konstrukteur aufgefordert ist für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen. Dieses Konstrukt ermöglicht es den professionellen Akteuren eine Haltung der Toleranz einnehmen zu können. Mit anderen Worten geht es darum, den Kunden mit (und) ihren Wirklichkeitskonstruktionen Achtung, Wertschätzung und Anerkennung entgegenzubringen, die genauso wahr oder unwahr sind wie die der professionellen Akteure. Es heißt Abstand zu nehmen von einer Sichtweise, in der professionelle Akteure ihre Aufgabe in der Belehrung, Entwertung und Kontrolle der Kunden sehen. (vgl. Watzlawick 1995: 11, 74; Neumann-Wirsig 1992: 20f., 14, 38) In Anlehnung an Portele (1989: 10-11) legt der Konstruktivismus, indem Perturbationen nur eine Ver-Störung darstellen und nicht mehr also ein ethisches Verständnis, nahe, sich gegenseitig als autonom und verantwortlich anzusehen und wertzuschätzen. Die ethische Verantwortung - könnte man formulieren liegt - in der Autonomie unserer Entscheidungen und Unterscheidungen zwischen unterschiedlichen Spielräumen. Dies meint eine proskriptive Sichtweise. Eine prognostizierende Sichtweise mit zahlreichen Möglichkeiten anstatt einer praeskriptiven also festschreibenden und vorschreibenden Sichtweise.

Zusammenfassen lässt sich diese Ethik der Verantwortung in der Handlungsmaxime von H. v. Foerster, die ich ergänzen möchte:

Handle und perturbiere stets so, dass du erstens deine eigenen Handlungsmöglichkeiten und Sichtweisen erweiterst und zweitens deinem Gegenüber ermöglichst, seine Wirklichkeitskonstruktionen und Möglichkeiten selbstbestimmt zu entwickeln, zu erweitern und zu verändern, "ohne vorher wissen zu können, wie die gewählten Möglichkeiten konkret aussehen werden" (Kleve 1997: 224). Bedenke hierbei stets, dass du selbst die Verantwortung für deine eigenen Entscheidungen und Unterscheidungen trägst.

Hiermit ausgedrückt werden soll die Aufforderung, "die Pluralität und Differenz von Lebenswelten sowie sozialen Wirklichkeitskonstruktionen im praktischen Handeln ernster zu nehmen bzw. für legitim zu halten" (Kleve 1997: 218). Es geht also darum, eine menschlichere und wertschätzendere Soziale Arbeit zu konstruieren und vor allem zu praktizieren.


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Autor

Oliver Krings

  • Diplom-Sozialpädagoge/-arbeiter (FH) wurde 1979 in Aachen geboren. Nach dem Studium der Sozialen Arbeit an der Katholischen Fachhochschule NW, Abteilung Aachen von 09/1998 – 02/2002 ist er seit März 2002 im Rahmen des staatlichen Berufsanerkennungsjahres in der Jugendarbeit beim Bistum Aachen tätig.


Veröffentlichungsdatum: 15. Juli 2002


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