Interkulturelle Prozesse in der Sozialen Arbeit

Zur Mehrdeutigkeit komplexer sozialer, politischer und professioneller Prozesse

von Sabine Krönchen (Januar 2004)

Die aktuellen fachdisziplinären Prozesse zur Entwicklung einer interkulturellen Sozialen Arbeit (hier Soziale Arbeit verstanden als Oberbegriff für sozialpädagogische und sozialarbeiterische Konzepte und Programme, Theorie und Praxis) stellen sich äußerst komplex, widerstreitend und mehrdeutig dar. Mit dem Ziel, diese deutlich zu machen, werden im folgenden zunächst die geschichtlichen Wurzeln und bundesdeutschen Spezifika der Sozialen Arbeit, ihrer Organisationsstruktur und ihres sich im historischen Prozess verändernden Selbstverständnisses aufgezeigt, um vor diesem Hintergrund die Mehrdeutigkeiten der aktuellen Lösungsversuche und Aushandlungsprozessen einschließlich impliziter Fallen wahrnehmen zu können und so die Chancen konstruktiver Mitgestaltung zu erhöhen.

Zur Geschichte des gesellschaftlichen Entwicklungsprozesses professioneller Sozialer Arbeit

Die Profession der Sozialen Arbeit - und damit ihre theoretischen Grundlagen, ihr Selbstverständnis und ihre Methoden – sind aus einer Vielzahl von Einflussfaktoren und gesellschaftlichen Ver- und Bearbeitungsprozessen entstanden. Hierzu gehören sowohl die (kirchliche karitative) Armenfürsorge, die Arbeiterbewegungen im Zeitalter der Industrialisierung, Einflüsse der US-amerikanischen black settlement Bewegung und die Frauenbewegung im 19. Jahrhundert als auch die staatlichen Befriedungs- und Regulierungsmaßnahmen. Das sich in diesem Prozess entwickelnde wohlfahrtsstaatliche Verständnis hat sich durch die verschiedenen Herrschaftssysteme hindurch jeweils im Rechtssystem und der sozialen Organisationsstruktur niedergeschlagen und wirkt bis in die heutigen Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit hinein. In Deutschland werden - der bismarckschen Sozialgesetzgebung folgend - in der Verfassung der Weimarer Republik der Wohlfahrtsgedanke und das Subsidiaritätsprinzip in allgemeiner Form aufgenommen und setzen sich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in der Leitvorstellung von sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe im demokratischen Sozialstaat fort. (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (DV) 2002)

Soziale Arbeit befand und befindet sich also stets in einem dynamischen (konflikthaften) Aushandlungsprozess zwischen gesellschaftlichen Akteuren/-innen (bzw. handelnden und einfordernden Gruppen) einerseits und gesellschaftlichen Systemen andererseits, die die gesamtgesellschaftliche Produktion und Reproduktion – und damit die Aufrechterhaltung des gesamten (national- )staatlichen Gebildes und seiner Teilbereiche zu regeln haben bzw. zu regeln suchen. (Siehe zu höchst diversen Formen Sozialer Bewegungen, ihrer Interessens- und Ideologienbildung sowie zu Dynamiken ihrer Konstitutions- und Durchsetzungsbedingungen in der reflexiven Moderne Susanne Karstedt 1999 und Axel Groenemeyer 1999)

Sowohl in der Industriegesellschaft als auch in der heutigen modernen/postmodernen) Gesellschaft bestimmt wesentlich die kapitalistische Ökonomie (die Marktbedingungen und der Arbeitskräftebedarf) die gesellschaftliche Akzeptanz und die Durchsetzbarkeit sozialer Forderungen und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen auf politischer, sozialpolitischer und rechtlicher Ebene. Der Bedarf an Human Resources entscheidet in erheblichen Maß darüber, ob das historische Moment 'günstig' ist, um erweiterte soziale und ethische Kriterien und Standards leitend und konsequenzenreich (für die Lebenswirklichkeit der Gesellschaftsmitglieder und gesellschaftlicher Gruppen) verankern zu können. (Vgl. beispielhaft Elisabeth Beck-Gernsheim und Ulrich Beck zur Veränderung der Geschlechterbeziehungen in der ersten und der zweiten Moderne, 1990)

Spezifika der bundesdeutschen Organisationsstruktur Sozialer Arbeit

Gerade der Bruch durch die nationalsozialistische Herrschaft förderte das Überleben der im 19. Jahrhundert entstandenen Wohlfahrtsverbände und ihre Weiterentwicklung zu starken freien Trägern Sozialer Arbeit im modernen Sozialstaat. Im Rahmen des demokratischen gesellschaftlichen Aufbaus nach dem zweiten Weltkrieg musste und konnte auf vorhandene Organisationen und ihre Handlungsfähigkeiten zurückgegriffen werden, welche die Konzepte und Methoden (überwiegend) US-amerikanischer Entwicklungen zur demokratischen Erziehung und zur Sozialen Arbeit (als Dreierkanon von Einzelfallhilfe, sozialer Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit) aufzugreifen und umzusetzen im Stande waren.

Daraus folgend ist im Sozialrecht (vor allem in den Sozialgesetzbüchern (SGB)) verankert, dass sowohl freie Träger als auch öffentliche Träger (im wesentlichen die Kommunen) Soziale Arbeit konzipieren und praktisch leisten. Ferner verfügen die fünf größten, landes- sowie bundesweit organisierten, Wohlfahrtsverbände – Deutscher Caritasverband, Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD), die Arbeiterwohlfahrt, das Deutsche Rote Kreuz und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland) über einen sozialpolitischen Auftrag und sind in die staatliche Sozialplanung (beispielsweise in die kommunalen Sozial- und Jugendausschüsse, in Länder- und Bundeskommissionen sowie in Städtetage) integriert.

Freie Träger fungieren in der bundesrepublikanischen sozialen und sozialpolitischen Kultur stärker als vergleichsweise in den europäischen Nachbarstaaten als Übersetzer und Vermittler hinsichtlich sozialer Bedürfnislagen und struktureller Benachteiligungen und stellen eine gesellschaftliche Kraft dar, die die Gedanken und Standards von sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde mit formen – ebenso wie die Ausbildungsinhalte und Qualitätsstandards der Profession der Sozialen Arbeit. Das Prinzip der eigenen Interessenvertretung sowie der (bürgerliche) Anspruch humanistischer Verpflichtung und advokatorischer Arbeit für benachteiligte Gruppen bilden auch heute noch einen Aspekt der Verbandskulturen.

Aufbauend auf der Zweigliedrigkeit des bundesdeutschen Sozialwesen, sind die Aufgaben und Zuständigkeiten in

unterteilt. Letztere Arbeitsbereiche wurden und werden von freien Trägern übernommen, wobei zwar die oben genannten fünf großen Wohlfahrtsverbände überwiegen, jedoch eine heute ernorm wachsende Anzahl und Vielfalt von anderen freien Trägern Soziale Dienste konzipieren und mit staatlichen Finanzbeiträgen umsetzen.

Zur Entwicklung des Selbstverständnisses und der Methoden Sozialer Arbeit: von der Gesellschaftskritik der 68er Bewegung in der BRD zur ökologischen und ressourcenorientierten, systemischen und postmodernen Perspektive

Soziale Arbeit entwickelt und verändert im Prozess gesellschaftlicher Entwicklungen – verstanden als Zusammen- und Widerspiel von menschlichem ziel- und sinnbestimmten Handeln, von äußeren Herausforderungen und von innerstaatlichen Strukturbildungs- und Systemprozessen - ihr Selbstverständnis. Während in der Nachkriegszeit das Konzept der helfenden Beziehung dominierte, welches am Individuum und seinen Persönlichkeitsmerkmalen ausgerichtet war und in Anwendung medizinischen, juristischen und therapeutischen Wissens den Klienten/-innen fachkompetente Unterstützung zuteil werden ließ, rücken mit der Gesellschaftskritik der 68er Studentenbewegung bürgerliche Ideologie und benachteiligende Strukturen, vor allem die sogenannten Randgruppen[1], ihre benachteiligten Lebenslagen, ihre Deprivation von Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe an materiellen und immateriellen Gütern (Bildung und Macht) und ihre Stigmatisierung ins Zentrum der Aufmerksamkeit (vgl. etwa Wolf Rainer Wendt 1995, 57ff). Vornehmlich verstanden sich die Akteure (beispielsweise Soziologie-, Politologie-, Lehramtsstudenten) als Schrittmacher gesellschaftlicher Emanzipationsprozesse. Durch vielfältige autonome Projekte mit den verschiedenen sozialen Randgruppen schafften sie alternative Wirklichkeit und durch ihren folgenden Gang durch die Institutionen begaben sie sich aktiv in Auseinandersetzungs- und Aushandlungsprozesse sowohl mit der bestehenden Gesellschaftsideologie als auch mit der gesellschaftlichen Praxis in den sozialen Institutionen.

Nicht zufällig entstehen ab Mitte der 70er Jahre die Fachhochschulen für Sozialwesen, welche Sozialpädagogen/-innen und Sozialarbeiter/-innen ausbilden und aktiv und eigenbestimmt, die Theorie, das Selbstverständnis und die Methodenentwicklung dieser Profession vorantreiben – stets verbunden mit Forderungen an die Sozialpolitik[2]. Wesentlich verdankt die hiesige Soziale Arbeit der Gründergeneration der Ausbildungsstätten und ihrer Verbundenheit mit der bundesdeutschen 68er Bewegung den dialektischen Blick, der nachhaltig das Individuum und die gesellschaftliche Verfasstheit des Menschen im Auge behält. So ist das Lebensweltkonzept (Hans Thiersch) in den 80er Jahren richtungweisend für die Soziale Arbeit und wird durch den erweiterten und umfassenderen sozialökologische (Beratungs-)ansatz (siehe etwa Franz-Christian Schubert 1999) und eine systemisch-konstruktivistische Handlungsorientierung (siehe etwa Heiko Kleve 1999, Ders. und Britta Haye 2003) abgelöst.

Der sozialökologische Ansatz trägt den gesellschaftlichen Strukturveränderungen, der Enttraditionalisierung, dem risikobehafteten Zwang zur Individualisierung und der damit verbundenen Pluralisierung von Lebenslagen und Lebensformoptionen (Ulrich Beck 1986, Ulrich Beck/Elisabeth Beck-Gernsheim 1994) Rechnung. Der/die Einzelne ist in der jeweiligen wirtschaftlich-ökonomischen Umwelt (politisch-wirtschaftliches System und individuelle Situation), in ihrer/seiner je mentalen Umwelt (von eigenen Erfahrungen, Handlungs- und Sinnauffassungen) und der je physikalisch-natürlich-gebauten Umwelt (der Gegebenheiten und Auswirkungen von beispielsweise Wohnung, Arbeitsplatz, Informations- und Meinungsmedien, soziale Anbindungen/Netzwerke) wahrzunehmen (vgl. F.-Chr. Schubert 1999, 142 – 144). Die entsprechende Arbeitsweise ist charakterisiert durch das Erkennen von Belastungen, Behinderungen und Bedrohungen und entsprechend durch Stärkung vorhandener sowie durch Bereitstellung und Zugänglichmachen weiterer (erweiterter) Ressourcen – wobei die gesellschaftlich-strukturelle und je individuelle Ressourcennutzung und –erweiterung sowie gleichsam ein Empowerment der Adressaten/-innen und Adressatengruppe angestrebt und daher die Überflüssigkeit der Unterstützungsleistung impliziert wird.

Mit diesen Grundlegungen formuliert der sozial-ökologische Ansatz nicht nur die Möglichkeit, sondern auch den professionellen Anspruch, gleichermaßen die Individualität von Migranten/-innen sowie die Spezifika von Ressourcenbehinderungen/-bedrohungen, welche Einzelne und Migrantengruppen treffen und gleichzeitig die besonderen Ressourcen, welche aus Erfahrungen und geleisteten Bewältigungsprozessen resultieren, wahrzunehmen, aufzugreifen und konstruktiv selbstbemächtigend nutzbar zu machen – wenn auch unausgesprochen und ohne eine Unterscheidung nach ethnischer (Herkunfts-)kultur zugrundezulegen.

Die sich mehr und mehr durchsetzende systemisch-konstruktivistische theoretische Grundlegung der Sozialen Arbeit trägt der hochgradigen Differenzierung modernen Gesellschaften und der daraus folgenden, für den Menschen nicht mehr voll zu erfassenden, Komplexität Rechnung, welche sich durch zirkuläre und rekursive Wechselwirkungen und Regelungsprozesse innerhalb eines Systems und der Ankoppelung von Systemen aneinander, ihrer Kommunikation[3], konstituiert und in diesen Vollzügen beständig Mehrdeutigkeiten und parallel doppelte/multiple Gültigkeiten (Ambivalenzen/Polyvalenzen) produziert - und produzieren muss. Denn nur so kann auf rapide und sich schnell verändernde Umweltanforderungen angemessen reagiert Werden.

Für die Professionellen in der Sozialen Arbeit bietet das systemisch-konstruktivistische Konzept folgenden Orientierungs- und Handlungsrahmen: Ebenso wie gesellschaftliche Strukturbildungen, Diskurse und Aushandlungsprozesse sich weder linear noch eindeutig gestalten können, so sind sozialarbeiterische Konzepte und Handlungsvollzüge prinzipiell mehrdeutig und in ihrem Resultat offen. (Beispielsweise bedeutet es, eine erwerbslose Person in das System erster Arbeitsmarkt zu vermitteln nicht nur einen geglückten Inklusionsprozess in ein wesentliches Ressourcensystem, sondern beinhaltet ebenso einen Exklusionsprozess - aus der Gruppe der Erwerbslosen. Möglicherweise bedeutet dies, das Herausfallen aus einer Interessens- und Solidargemeinschaft, welche als aktive, streitende und einfordernde gesellschaftliche Kraft nachhaltiger auf die wichtige Ressource Arbeit hätte einwirken können – während der aktuell geschlossene Arbeitsvertrag gekündigt oder der Betrieb geschlossen wird.)

Soziale Arbeit ist im deterministischen Sinn eben nicht planbar. Sie kann weder das Handeln in Institutionen und Einrichtungen in eine Richtung steuern, noch kann sie die Handlungen ihrer Adressaten/-innen instruieren. Institutionelle Hilfevollzüge bewegen sich im Rahmen und in den Grenzen ihres jeweiligen Systems. Der/die Adressat/-in oder die Adressatengruppe sozialarbeiterischer Interventionen (Dazwischengehens) entscheidet im (Selbst-)bezug auf seine/ihre Beschaffenheit (Interessens-, Befindlichkeits-, Wahrnehmungs-, Deutungs-, Wert- und Sinngebäude), was er/sie annimmt, in Erwägung zieht und schließlich entscheidet und tut. Diese Einsicht befreit die viel und stets von mehreren Seiten kritisierte Soziale Arbeit (beispielsweise als kapitalistischer Handlanger oder aber als unzulässig auf das defizitäre Individuum konzentrierte Sozialklempnertum) von prinzipiell uneinlösbaren Zumutungen sowie von den zugeschriebenen und den eigenen Machtphantasien und Machtanmaßungen. An diese Stelle tritt vielmehr die Anforderung zur Beob(acht)ung und zum (Be)denken der gesellschaftlichen und alltäglich lebensweltlichen mehrdeutigen Angebote und Prozesse, zum Perspektivenwechsel und zum Verschieben der blinden Flecken, die die stets vorhandenen abgedunkelten, verdrängten Bedeutungsseiten verdecken. Beispielhaft sei die bekannte Falle der Sozialen Arbeit genannt, wenn die Professionellen in ihrem Handeln ausschließlich auf Helfen und Hilfe-Gewähren ausgerichtet sind. Abgedunkelt, im Bereich des blinden Flecks, liegt die Möglichkeit, dass gerade die Unterlassung einer Intervention oder Vermittlung einer Ressource von außen eine Er-Starkung und Ressourcenerweiterung für die betreffende Person bedeutet. Die Anforderung, die allpräsenten Mehrdeutigkeiten und verschiedenen Seiten einer Medaille zu beleuchten, besteht nicht nur für die Handlungsentscheidungen der Professionellen, sondern gehen als methodische Verfahrenselemente in die systemisch orientierte Arbeit mit Adressaten/-innen ein: In der perspektiven-wechselnden, prozess-beobachtenden, zwischen verschiedenen Seiten oszillierenden Kommunikation werden Lösungen und Ressourcen ko-konstruiert. Anstelle des sozialtechnologischen Instruktions- und Machtanspruchs der Professionellen tritt auf seiner/ihrer Seite die methodische Verantwortlichkeit für die Kommunikationsgestaltung und die persönliche Verantwortlichkeit für die eigenen kommunizierten Inhalte, für die Wahl der Unterscheidungen und Entscheidungen.

Auch der systemisch-konstruktivistische Ansatz bezieht alle gesellschaftlichen Prozesse und Kräfte, alle Gesellschaftsmitglieder und damit Migranten und Migrantinnen ein – ohne der Unterscheidung nach verschiedenen ethnisch verstandenen Kulturen, nach Minderheiten- und Mehrheitskulturen den Stellenwert einer Grundlagenkategorie zuzuweisen. Vielmehr fragt systemische Soziale Arbeit systematisch, was bei Unterscheidungen im blinden Fleck liegt, was aus einer Unterscheidung folgt, sowie was durch sie ermöglicht und was erschwert wird.

Zum Dilemma der Adressaten-Professionellen-Beziehung zwischen Macht, Ermächtigung und Selbstbemächtigung

Soziale Arbeit operiert im Zentrum gesellschaftlicher Machtverteilung und der ständigen Auseinandersetzungsprozesse um Zugangs- und Einfußmöglichkeiten. Hilfe zur Selbsthilfe, emanzipatorische Sozialen Arbeit und Empowerment sowie das Umdenken von Hilfeleistungen für Klienten zur Gewährung von Dienstleistungen für Kunden (im Sinne von kundig), markieren das Anliegen, die bestehenden Einfluss- und Machtdifferenzen und daraus resultierende Differenzen von Lebensautonomie und Gestaltungsmöglichkeiten überwindend zu bearbeiten. Gerade aber aus diesen Machtdifferenzen ergibt sich die Notwendigkeit und die Legitimation professionellen Sozialen Handelns. Dieser Ambivalenz kann die Soziale Arbeit nicht entrinnen. Die Wissens-, Macht- und Positionsungleichheit reproduziert sich in der Adressaten-Professionellen-Beziehung, welche die - mittels Kommunikation - zentrale Schaltstelle der (Wieder)bemächtigung, der Emanzipations- und Erstarkungsprozesse darstellt. Durch die Bedarfslage der Adressaten/-innen einerseits und den Auftrag sowie den professionellen Kompetenzvorsprung der Sozialen Arbeiter/-innen anderseits ergibt sich notwendig eine komplementäre Beziehung. Greift man den vollen Bedeutungsgehalt von 'Kompetenz' auf, so erwarten die Adressaten/-innen von kompetenten Professionellen Können und legitimieren ihr einflussnehmendes Handeln – an Dritte und/oder an sie, die Adressaten/-innen selbst, gerichtet. Der neuralgische Punkt liegt weniger in der nicht anfänglichen komplementären Beziehung, als vielmehr darin, dass sich die kommunikative Unterstützungs- und Lösungsdynamik nicht zu einem eskalierenden Teufelskreis verfestigt, in der der Schwache immer schwächer und ohnmächtiger und der Starke immer stärker und mächtiger wird und anstatt der (Wieder)bemächtigung der Lebensgestaltungsautonomie andauernde Abhängigkeit entsteht.

Nicht zuletzt aufgrund dieses Fallstrickes ist die Methode der Supervision als Reflexion beruflichen Handelns aus der Sozialen Arbeit entstanden und inzwischen als Qualitätssicherungstool sowohl für die Praxis Einzelner und Teams als auch für die Reflexion und erforderliche Weiterentwicklung institutioneller Hilfeprozesse und ihrer Strukturdynamik anerkannt. Professionalität wird nicht unwesentlich an der Fähigkeit festgemacht, eine solche Distanz zum Hilfeprozess einnehmen zu können, die die Unterscheidung und Trennung von geleisteter brauchbarer Dienstleistung für den/die Adressat/-in und dem bestätigenden Eigengewinn des/der Professionellen etabliert. Im Rahmen systemisch-konstruktivistischer Orientierung und Handlungsweise, ist die Reflexion der Hilfeprozessdynamik (besser: Ressourcen- und Lösungskonstruktionsdynamik) und die Beleuchtung der (eigenen) blinden Flecke als methodisches Element in die alltägliche Beratungspraxis integriert (siehe hierzu Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Norbert Herriger).

Im aktuellen Kontext Sozialer Arbeit - in dem Einzelne und Gruppen entlang der Unterscheidung zugewandert versus einheimisch sowie nach der Unterscheidung kultureller Herkunft nebst angenommener entsprechender Prägung - wahrgenommen werden, erlangt die Ambivalenz komplementärer Beziehungsdynamik eine potenzierte Brisanz.

Zum Dilemma der Diskurse zur Multi- und Interkultur und zur Mehrdeutigkeit der Forderung nach interkultureller Kompetenzentwicklung in der Sozialen Arbeit

Die zuvor geschilderten Konzepte Sozialer Arbeit, welche sowohl der sich immer mehr differenzierenden Gesellschaft, der damit verbundenen Pluralisierung von Lebenswelten und biographischen Entwürfen Rechnung tragen wollen und daher grundlegend die Autonomie einzelner Adressaten/-innen und Adressatengruppen anerkennen sowie deren jeweilige einzigartigen Bedeutungs-, Ziel- und Sinnkonstruktionen zur Leitschnur der Gestaltung des Stärkungs- und Lösungsprozesse machen, erfordern in den meisten Fällen transkulturelles Handeln – im Sinne des Heraustretens aus eigenen Wahrnehmungs-, Deutungs-, Überzeugungs- und Sinnkonstruktionen und des Überschreitens des eigenen begrenzten Denk- und Möglichkeitshorizonts. Die Vorstellung, dass beispielsweise Professionelle, die mit Jugendlichen arbeiten, die heutigen Bedingungen, Stressfaktoren und Risiken des Jung-Seins sowie Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Hoffnungen erforschen müssen, erscheint als banale Selbstverständlichkeit. Ebenso selbstverständlich ist die Einsicht, dass es sich dabei nicht mehr um die Jugendphase oder den Jugendlichen handelt, sondern dass es erforderlich ist, sich mit verschiedensten Jugendlichen aus divergierenden Lebenswelten und Jugendkulturen vertraut zu machen. Außerdem wird weitgehend die Ansicht geteilt, Erforschungen und Erarbeitungen dieser Art nicht nur in Form des Literaturstudiums durchzuführen, sondern erforschende und klärende Gespräche mit den Betreffenden selbst zu führen.

Um eine solche Soziale Arbeit nicht als kulturüberschreitend zu begreifen, die Zusammenarbeit aber mit Menschen, die selbst oder deren Eltern (oder Großeltern) jüngst oder vor Generationen in die Bundesrepublik eingereist sind, als multikulturell/interkulturell zu beschreiben, bedarf einer vorausgehenden Einschätzungen und Entscheidungen, welche lautet:

Die Problematik dieser Kategorisierung besteht nun nicht in den in der Tat oft recht unterschiedlichen Lebenserfahrungen, die mehr oder weniger Veränderungserfahrungen und zu bewältigende belastende bis bedrohliche Situationen beinhalten mögen. Diese bräuchten weder vernachlässigt, ignoriert noch verdrängt zu werden, sondern könnten durch allgemeines Sich-kundig-machen und vor allem durch das erforschende und klärende Gespräch von Menschen zu Menschen in den eigenen Wissens- und Vorstellungsbereich integriert werden.

Ein Dilemma ergibt sich vielmehr aus der inhärenten Funktionsweise von Kategorisierungsprozessen selbst: Um von einander unterscheidbare Gruppen bilden zu können, bedarf es der jeweiligen Zuschreibung von Eigenschaften und der Stereotypenbildung, wobei für uns Menschen als Bedeutungs- und Sinnwesen Wertigkeiten und Wertungen unweigerlich folgen und die Grundlage für die Herausbildung eines Wir-Gefühls, für die folgende eigene Höherbewertung und schließlich für ethnozentrisches Denken und Empfinden bilden. Wenngleich Gruppenzugehörigkeiten und die Herausbildung einer sozialen Identität in der menschlichen Beschaffenheit verankert sind, so liegt dennoch gerade in der ethnisch kulturellen, fixierenden Unterscheidung ein besonderer – geschichtsträchtiger - Zündstoff. Im Prozess menschlicher Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung und der Bildung stabiler, Sicherheit gewährender Strukturen bedurfte es der Schaffung von Fremdem, um das Eigene zu definieren und abzugrenzen, sowie Rechte zu regeln. Der ironischen-sarkastischen Metapher Zygmunt Baumans folgend, müssten die Fremden – wenn es sie nicht gäbe - erfunden werden; und sie werden erfunden, täglich und in großer Zahl (vgl. Zygmunt Baumann 1995, 238). Im Zeitalter der sich auflösenden (nationalstaatlichen und alltagsweltlichen) Strukturen, zu Zeiten der schwindenden Sicherheiten und des Verlustes des Glaubens an Planbarkeiten wird der Fremde wichtiger denn je – als Rückversicherung des Eigenen und Positiven und als Projektionsfigur für das Bedrohliche und Schlechte. Mit dieser Analyse sucht Zygmunt Bauman die beobachtbaren Ethnisierungs- und Grenzziehungsphänomene zu fassen, welche in den westlichen (post)modernen Staatensystemen zu verzeichnen sind und dazu genutzt werden, die für die Allgemeinheit knapper werden materiellen und immateriellen Güter zu verteilen und Machtverhältnisse zu legitimieren.

Dieser gesamtgesellschaftlichen Dynamik kann sich die Soziale Arbeit nicht entziehen (hierzu etwa Doron Kiesel 1999). Wenngleich die geforderte und zu entwickelnde (ethnisch verstandene) interkulturelle Kompetenz konstruktive Elemente zur Handhabung von Differenz – bei gleichzeitiger Erhaltung von Autonomie und Akzeptanz von Eigen-Sinn – entwickeln kann und zweifellos entwickelt, so vermag sie dennoch nicht die Zuschreibungen, Fixierungen, Ethnozentrismen und Abwertungen außen vor zu halten. Denn diese Muster bringen die handelnden Individuen - als Kinder ihrer Zeit - in Form (vermeintlichen) Wissens, als ihre Wahrnehmungen und ihr Empfinden sowie als Selbstverständlichkeiten und blinde Flecken und teilweise als legitim empfundene eigene Ansprüche in die Adressaten-Professionellen-Beziehung ein.

Zusätzlich zu dieser Innenwirkung der Unterscheidung fremdkulturell versus eigenkulturell haben die innerdisziplinären interkulturellen Diskurse ihre Wirkung nach außen: Sie bestätigen diese beinahe auf allen gesellschaftlichen Ebenen zur Leitdifferenz gewordene Unterscheidung und tragen zu ihrer Festigung und Legitimation bei.

Zur Entwicklung interkultureller Konzepte und ihre Umsetzung

Angesichts des oben Gesagten wird die Kontroverse innerhalb der Profession sowohl hinsichtlich der erforderlichen Inhalte einer interkulturellen Kompetenz als auch bezüglich ihrer grundlegenden Brauchbarkeit transparent. Für die Soziale Arbeit markiert Wolfgang Hinz-Rommels Veröffentlichung zur Interkulturellen Kompetenz als ein neues Anforderungsprofil (Wolfgang Hinz-Rommel 1994) den Ausgangspunkt des bis heute anhaltenden Diskurses. Dieser erste Anforderungskatalog bezog sich wesentlich auf Grundlagenwissen (über Kultur, Religion, multikulturelle Gesellschaften, Ausländergesetze, Migration und Vorurteile) sowie auf Sprachkenntnisse und Auslandserfahrung. Daneben wurden lediglich die für Professionellen in der sozialen Arbeit allgemein formulierten Ansprüche an persönliche und fachliche Kompetenz benannt und entsprechend eines individuumsbezogenen Selbstverständnisses mit Empathie, Toleranz, Offenheit, Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Selbstreflexion gefüllt. Inzwischen sind von den Vertretern/-innen, die den Terminus der Interkulturalität für brauchbar – im Sinne von operationalisierbar und in der Praxis umsetzbar – halten, sowohl die Aspekte der Zuschreibungsdynamik und des Ehnozentrismus, die Problematik der Defizitwahrnehmung von Migranten/-innen durch Vertreter/-innen der Mehrheit als auch ausdrücklich die hieraus resultierende Dominanzkultur herausgestellt worden. Folgerichtig werden an den Hochschulen interkulturelle Module implementiert (beispielsweise Hildegard Simon-Hohm 2002) und von den freien Trägern interkulturelle Weiterbildungen konzipiert.

Die Realisation einer praktischen interkulturellen Sozialen Arbeit, die die Mechanismen der kontraproduktiven Minderwahrnehmung und –wertung innnerhalb der Adressaten-Professionellen-Beziehung wahrnimmt und damit die erste Vorraussetzung für eine veränderte, stärkende und bemächtigende Beziehungsgestaltung darstellt, wird grundlegend von den aktuellen Verfahrensweisen und Arbeitstechniken (sozio-ökologischer und systemisch-konstruktivistischer Couleur) unterstützt. Aufgrund des geschichtlich verwurzelten und tief in die gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse eingeschriebenen kulturellen Eliteverständnisses und des daraus abgeleiteten Führungsanspruchs der westlichen modernen Staatenwelt, werden sich diese ethnozentrischen und Fremdes abwertenden Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsdynamiken nicht ohne Anstöße und Forderungen verändern.

Den aus dem anglo-amerikanischen Raum bekannten und von den Minderheitenvertretern/-innen auch in der Bundesrepublik vertretenen Diskriminierungsansätzen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Initiiert von Migrantengruppen (sowie von engagierten Mehrheitsvertretern/-innen) werden diese – das Dominanzverhältnis und die Hierarchie direkt thematisierenden – Ansätze eingebracht und mehr und mehr wahr- und aufgenommen. Allerdings ist auch diese Entwicklung als ein vielschichtiger und höchst ambivalenter gesellschaftlicher Prozess zu verstehen.

Der Kreis schließt sich:
Soziale Arbeit im Spannungsfeld gesellschaftlicher Verteilungsdynamiken

Vor dem Hintergrund

werden die Institutionen Sozialer Arbeit wieder verstärkt zum Feld sozialer Bewegungen und zum Austragungsort von Forderungen um Teilhabe, Teilnahme und Einflussmöglichkeiten. Entsprechend werden Konzepte und methodisch praktische Umsetzungen von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen einer kritischen Prüfung unterzogen, was sie angesichts der jeweils eigenen Bedarfs- und Interessenkonstellation tatsächlich leisten. Für die Mehrheitsvertreter/-innen mag in diesem Zusammenhang die Weiterentwicklung interkultureller Arbeit unter Einbeziehung antidiskriminierender Aspekte eine Verbesserung professioneller Methoden und ihres professionellen Handelns bedeuten und eine Bestätigung ihrer sozialethischen Prinzipien liefern. Für die Minderheitenvertreter/-innen aber ist die Überwindung der hierarchie-reproduzierenden Mechanismen ein Tatbestand von Würde, Identität, Selbstachtung und Existenz.

In der Forderung der interkulturellen Öffnung Sozialer Dienste drückt sich der berechtigte Anspruch der Migranten/-innen nach faktischer Gleich-berechtigung aus und darauf, als autonome Subjekte und Interessensvertreter/-innen sowohl auf die jeweiligen individuellen Lebensbedingungen und Zukunftsoptionen Einfluss zu nehmen als auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen nachhaltig mitzubestimmen. Im Rahmen der Partizipation sind Minderheitenvertreter/-innen und Mehrheitsvertreter/-innen auf vielerlei Ebenen auf Kooperation verwiesen, wobei diese stets erarbeitet und gestaltet werden müssen. Im Kontrast zur komplementären Adressaten-Professionellen-Beziehung erfordert das Engagement in eigener Sache sowie die Ausübung professioneller Sozialer Arbeit einen geteilten Kommunikations- und Gestaltungsraum mit Kollegen/-innen, der auf Gleichberechtigung beruht und von ethnozentrischen, abwertenden Zuschreibungen frei ist. Gleichzeitig sind auch stets komplementäre Beziehungen - aufgrund unterschiedlicher Aufgaben, unterschiedlicher Kompetenzprofile sowie unterschiedlicher Positionierungen in Organisationssystemen - miteinander zu gestalten. Als Gemeinschaftswesen befinden sich Menschen stets – in allen Lebensbereichen – in Verteilungsprozessen, wobei die anerkannte Sozialethik gleichberechtigte Ausgangspositionen in diesen beständigen Aushandlungsprozessen anstrebt.

Während davon ausgegangen werden kann, dass die sozialethische Maxime geteilt wird, können sich die Wahrnehmungsweisen und die Interpretationsmaßstäbe, woran sich gleichberechtigte Ausgangspositionen festmachen und wann sie als gegeben wahrgenommen werden, unterscheiden. Durch die subjektive und selbstreferentielle Gebundenheit des Menschen liegt es äußerst nahe, dass sich die Wahrnehmungsweisen und Bewertungskriterien notgedrungen unterscheiden werden. Hierdurch offenbart sich der Anspruch, gleichberechtigte Ausgangspositionen in Aushandlungsprozessen a priori erzielen zu wollen, zur Paradoxie:

Die Einigung über die Gleichberechtigung (und Symmetrie) bleibt und wird immer wieder selbst Gegenstand der Aushandlungen. Etwas pathetisch formuliert hieße dies: Der Mensch ist zur ständigen Bewegung und Veränderung – eben zur nie endenden Aushandlung verdammt.

Hinsichtlich einer Vision der Weiterentwicklung menschlicher Gesellschaften stellen sich so neue Fragen: Wie werden diese widerstreitenden Aushandlungen gestaltet? Welche Optionen gibt es, so dass der Gewinn für alle Beteiligten lohnt und die Würde eines/einer jeden erhalten bleibt?

Was bedeuten diese Überlegungen für die aktuelle Herausforderung, die Minderheiten-Mehrheitsbeziehung zu gestalten?

Auf der Grundlage der vollen Akzeptanz der Notwendigkeit zur Selbstreflexivität der Mehrheitsvertreter/-innen mit dem Ziel, die eigenen Ethnozentrismen und die eigenen Strategien der Dominanzausübung in den Blick zu bekommen und selbst-verantwortlich abzubauen, stellt sich jetzt oder später die Frage, wann eine solche Symmetrie erreicht ist, dass stets notwendige Aushandlungen aufgenommen werden? Wie aufgezeigt, ist diese Frage prinzipiell unbeantwortbar. Eine Handlungsoption besteht für Minderheiten und Mehrheit (wie auch für nach anderen Kriterien unterschiedene Gruppen) darin, ihre Wahrnehmungen und Kriterien zu kommunizieren und kommunizierend zu bearbeiten. (Diese Möglichkeit erschließt sich in allen Kontexten – im Team sowie in der gesamten Organisation.)

Sicherlich nicht zufällig, hat die Methode der Konfliktmediation in der Wirtschaft, in der Politik, bei Rechtstreitigkeiten und im Alltag Hochkonjunktur. Im Bereich der Sozialen Arbeit nimmt sie bereits einen zentralen methodischen Stellenwert ein. In hoher Überschneidung mit der systemisch-konstruktivistischen Perspektive bilden

die konstituierenden Grundlagen.

Die Vorraussetzungen für die Konfliktparteien sind

Die Fähigkeit des Menschen, zu sich selbst in Distanz zu gehen und aus der Vogelperspektive (Beobachtung zweiter Ordnung) die eigenen Handlungen, Kommunikationsmuster und Beziehungsgestaltungen in action zu betrachten, kann hilfreich sein, den Habitus eines Mediators/einer Mediatorin anzunehmen – auch als Prozessbeteiligte/-r. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, zu Win-Win-Lösungen – das heißt zu einer Lösung, bei der alle Beteiligten gewinnen und niemand verliert - zu gelangen.

Zum Abschluß

Der Philosoph und Kybernetiker Heinz von Foerster argumentierte, dass Ethik nicht aussprechbar sei. Aus dem eigenen Leitprinzip "Ich soll" wird die moralische Form "Du sollst". Durch das Aussprechen richte ich meine implizite Ethik nach außen, richte sie auf Andere, werde zur Moralistin und mache anderen Vorschriften oder gebe zumindest Rat-Schläge (Heinz Kersting 1994, 171).

Heinz von Foerster löste dieses Dilemma für sich, in dem er dachte: "Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst."


Anmerkungen

[1] Als Randgruppen wurden vornehmlich deviante Jugendliche, arbeits- und wohnungslose Menschen sowie geistig behinderte und psychisch kranke Menschen wahrgenommen.

[2] Im Unterschied zu anderen europäischen Nationalstaaten entwickeln Fachhochschulen (heute: Hochschulen für angewandte Wissenschaften) ihre Studiengänge und Curricula in Eigenbestimmung – wenngleich es einer Abstimmung mit dem jeweiligen Landesministerium bedarf. Als Folge der Erfahrungen des totalitären Regimes des Dritten Reiches ist die Freiheit der Lehre und der Wissenschaft gesetzlich verbrieft und in die Hoheit der verschiedenen Länder gelegt und damit dezentralisiert. Hochschulabsolventen des Studiengangs Soziale Arbeit erhalten ihre Staatliche Anerkennung nach einem Jahr der praktischen und reflektierten Berufstätigkeit bei freien und bei öffentlichen Trägern. Die staatliche Anerkennung wird durch die Prüfung der Hochschulen verliehen.

[3] Im Bezug auf die Arbeiten der Neurobiologen Umberto Maturana und Francesco Varela (Der Baum der Erkenntnis 1991) sowie des Anthropologen Gregory Batson (Ökologie des Geistes 1972) und des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick (siehe grundlegend: Menschliche Kommunikation 1969) und vor allem in Bezug auf die Systemtheorie Niklas Luhmanns (siehe grundlegend: Soziale Systeme 1984) sind Funktionssysteme Politik, Wirtschaft, Recht und Soziale Arbeit, sowie Mediensysteme, Organisationssysteme und schließlich der Mensch mit seinen unendlichen physiologischen, kognitiven und emotionalen Systemen gemeint.


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Autorin

Prof. Dr. Sabine Krönchen

  • Professorin für Methoden der Sozialen Arbeit am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein
  • Diplompädagogin, Weiterbildung in Supervision, Institutionsberatung Systemic Management
  • Mitglied in der DGSv, Lehrende Supervisorin (SG)
  • Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Ressoucenorientierte Verfahren, Empowerment, Gender und Interkulturalität

eMail: sabine.kroenchen@hs-niederrhein.de


Veröffentlichungsdatum: 1. Januar 2004


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