Hans-Christoph Vogel

Special (September 2002)


zum 60. Geburtstag


"Es ist angerichtet"

oder:
Eine konstruktivistische Alltagswende in der Organisation

von Hermann-Josef Kronen (September 2002)

Mein Arbeitsfeld ist der "Volksverein Mönchengladbach" gemeinnützige Gesellschaft gegen Arbeitslosigkeit in Mönchengladbach, eine Einrichtung zur "Bildung, Beschäftigung und Beratung" von Langzeitarbeitslosen. Durch meine Ausbildung zum Supervisor und systemischen Organisationsentwickler habe ich Christoph Vogel längere Zeit als Weg- und Lernbegleiter erleben und erfahren können – ich bin also gelernter Konstruktivist. Daher komme ich gerne der Einladung nach, anläßlich seines Geburtstages - als Geburtstagsgruß -ein paar Zeilen für das "FestNetz" zu schreiben.

Mein Alltag in der Organisation läßt weniger eine "wissenschaftliche" Auseinandersetzung zu. Vielmehr gibt es auch viele "kleine Dinge" in Organisationen und in "meiner" Organisation, die unter konstruktivistischer Perspektive neue, andere Wirklichkeiten ins "rechte Licht" rücken können. Hier präsentiere ich nun eine solche "kleine Geschichte":

Im "Volksverein Mönchengladbach" gab es in der Vergangenheit die Idee - in historischer Erinnerung an den "alten Volksverein" (Volksverein für das kath. Deutschland 1890-1933, ein kirchlicher Arbeiterbildungsverein) – einen Kochkurs für Arbeitslose anzubieten. Ein zentraler Punkt der dahinterstehenden Idee bestand in der Beobachtung das (Langzeit-) Arbeitslose sich sehr ungesund – häufig mit fast-food etc. – ernähren. Der Slogan für dieses Angebot war schnell gefunden: "Preiswert und gesund ernähren".

Gesagt, getan!? Dem war aber dann nicht so. Vielmehr musste die Kollegin, die dieses Angebot begleiten sollte, ständig ackern, um wenigstens die Mindestteilnehmerzahl von fünf Personen zu erzielen, die für die Durchführung des Angebotes festgesetzt war. Es war kein erfreuliches "Geschäft" dieses Angebot durchzuführen und aufrecht zu erhalten. Irgendwann, ja irgendwann fiel Geist oder Erleuchtung vom Himmel – irgendwann gab es plötzlich und unerwartet einen neuen Blick auf dieses Angebot. Wir boten keinen "Kochkurs" mehr an – wir wollten auch nicht mehr zu gesünderer Ernährung "missionieren"!

Ja, und mit einem Mal kommen viele Menschen zusammen, um miteinander zu essen oder sollte ich besser sagen "Mahl zu halten"? Jetzt braucht die Kollegin nicht mehr zu ackern, damit ihr Angebot stattfinden kann. Das Angebot läuft quasi von alleine. In der Regel kommen jetzt zehn bis zwölf Personen. Einige kochen, andere decken den Tisch. Nicht selten ist der Tisch richtig festlich gedeckt. Die Gerichte werden untereinander abgesprochen. Nach dem Essen sitzen meist alle noch lange gemütlich beisammen, erzählen miteinander – Geschichten vom Leben.

Auf jeden Fall haben wir 'was gelernt: Perspektivenwechsel, Brillenwechsel, einen neuen oder anderen Standpunkt einnehmen, tut gut. Andere Unterscheidungen haben sich als brauchbar(er) erwiesen. Manchmal kann man also auch mit der Intervention, etwas zu lassen, Schönes "anrichten".

Hermann-Josef Kronen


Veröffentlichungsdatum: 22. September 2002


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